Rainer Mausfeld: „Die physische Machtausübung folgt einer recht einfachen Logik: „Tue der Starke, was er könne, und erleide der Schwache, was er müsse.“ Das ist ein berühmtes Zitat aus dem Melierdialog aus dem Werk „Der Peloponnesische Krieg“ des griechischen Historikers Thukydides, in dem Thukydides die Geschichte der Auseinandersetzungen zwischen Athen und Sparta beschreibt. Athen stand damals auf der Höhe seiner Macht und auch auf der Höhe seiner kulturellen Entwicklung. Innenpolitisch hatte Athen eine Form der partizipatorischen Demokratie erfunden und verwirklicht. Außenpolitisch betrieb es eine aggressive Hegemonialpolitik gegenüber den umgebenden Stadtstaaten und zwang sie in eine Organisationsform, die für Athen eine ähnliche Rolle spielte wie die NATO für die USA. Athen duldete - vergleichbar mit der Truman-Doktrin der USA - keine neutralen Staaten in seiner Umgebung und stellte die umgebenden Stadtstaaten vor die Wahl: Unterwerfung oder Vernichtung. Melos, eine kleine Insel in der Agäis, die seit 700 Jahren neutral war, bestand jedoch darauf, auch im Konflikt zwischen Athen und Sparta neutral zu bleiben. Die Melier konnten gute Gründe anführen, dass ihre Neutralität für Athen nicht von Nachteil sein würde. Sie hofften, diese Gründe auch den Athenern einsichtig machen zu können. Athen erklärte jede Form von Argumenten jedoch für belanglos und antwortete, dass Recht nur zwischen gleich starken Parteien gelten könne; ansonsten tue der Starke, was er könne, und erleide der Schwache, was er müsse. Danach belagerte Athen den Hauptort der Insel so lange, bis der Stadt die Vorräte ausgingen und sie sich unterwerfen mußte; anschließend wurden alle männlichen Einwohner getötet und Frauen und Kinder versklavt. Der Melierdialog legt beispielhaft die Grundmuster von Realpolitik offen: dass nämlich für Hegemonialmächte nur das Recht des Stärkeren gelten könne und somit moralische und rechtliche Fragen irrelevant sind.“
Im Video ab der 16. Minute:
Warum Krieg? | Rainer Mausfeld
https://www.youtube.com/watch?v=iVXOZ7PI52c
Mit dem Überfall der USA auf Venezuela und der Entführung dessen Präsidenten machen die USA klar, dass für sie nur das Recht des Stärkeren gilt.
Das war schon immer so, wurde aber immer gerechtfertigt mit hehren Worten. Mensch müsste Donald Trump beinahe dankbar dafür sein, dass er das Faust-Recht öffentlich zugibt.
Regime-Wechsel in Venezuela seit vielen Jahren in die Wege geleitet
https://www.youtube.com/watch?v=FW9shXhUdwY
Michael Lüders ab der 13. Minute: „Schauen wir uns einmal die innenpolitische Situation an in diesem südamerikanischen Land. Wie sind dort eigentlich die politischen Verhältnisse? Wir wissen darüber relativ wenig. Es heißt nur Maduro, Diktatur und so weiter, aber was genau geschieht in diesem Land? Wie ist die Struktur dort einzuordnen?
Unter Hugo Chavez, der sich als bolivarischer Revolutionär verstand, hat die damalige Regierung in Venezuela eine, man könnte sagen, sozialdemokratische oder auch sozialistische Politik betrieben. Man hat den enormen Ressourcen-Reichtum genutzt, um vor allem die sehr armen Menschen in die Mittelschicht aufsteigen zu lassen. Es waren also durchaus zahlreiche soziale Errungenschaften zu verzeichnen in Venezuela.
Gleichzeitig aber ist etwas geschehen, was wir unter ganz anderen Vorzeichen und in ganz anderen Zusammenhängen auch in anderen Ländern auf der Welt beobachten können, z.B. in Ägypten oder in Pakistan. Was passiert eigentlich, wenn die tonangebende Machtelite, nämlich das Militär, große wichtige zentrale Aufgaben übernimmt in einer staatskapitalistisch verfassten Wirtschaft?
Wenn also Militärs in zivil auf einmal anfangen, eine wichtige Rolle in der Industrie und in der Wirtschaftspolitik eines Landes zu spielen. Das können wir in Venezuela beobachten, das gibt es genauso auch in Ägypten und in Pakistan. Es entsteht dann sozusagen eine neue Machtelite, eine Herrscherkaste, könnte man sagen, aus Leuten, die eng mit der Macht und mit dem Militär verwoben sind und großen Einfluss haben, wie erwähnt, auf eine überwiegend staatskapitalistisch ausgerichtete Wirtschaft.
Und diese Elite neigt dann auch zu politischer Autorität, Autoritarismus. Es ist nicht unbedingt das Ziel, eine westliche Demokratie einzuführen, sondern man hat den Schwerpunkt gelegt insbesondere auf soziale Gerechtigkeit unter der Ägide von Hugo Chavez.
Dann, 2013, kam der jetzige Machthaber Maduro an die Macht und das war natürlich aus US-amerikanischer Sicht nicht akzeptabel, diese Entwicklung, die Venezuela genommen hat.
Immer dann, wenn im lateinamerikanischen Hinterhof der USA eine Regierung angetreten ist, die soziale Gerechtigkeit versprach, dann haben die Amerikaner gerne interveniert, sei es in Form einer direkten Militärintervention, sei es durch einen Putsch oder sei es durch wirtschaftlich strangulierende Maßnahmen, um genau solche Maßnahmen zu verhindern …
Das alles hat eine klare Handschrift der Amerikaner, der US-Amerikaner, dass sie das nicht dulden, wenn in ihrem Hinterhof eine als sozialistisch empfundene Politik betrieben wird. Aus US-amerikanischer Sicht wurde also das System Hugo Chavez bereits als sehr bedrohlich empfunden, und man hat versucht, dieses Regime nach Möglichkeit einzudämmen.
Im Jahr 2002 hat die Regierung, damals unter George W. Bush, versucht, einen Putschversuch in Venezuela durchzuführen. Dieser Putschversuch ist gescheitert.
Die Sanktionsmaßnahmen, die 2005/2006 beschlossen wurden, sind inhaltlich identisch mit den Vorwürfen, die heute gegen die Regierung von Maduro erhoben werden. Es heißt, dass Venezuela den Terror unterstütze. gemeint waren damals die FARC-Rebellen im Nachbarland Kolumbien, die damals als soziale Kämpfer für die Gerechtigkeit, als revolutionäre Kraft gegen die Zentralregierung in Kolumbien gekämpft hatten, terroristisch organisiert waren.
Dann gab es aber einen Friedensvertrag mit der Regierung in Kolumbien; das ist ein anderes Thema, aber jedenfalls wurde der Regierung in Venezuela damals unter Hugo Chavez vorgeworfen, diese FARC-Rebellen in Kolumbien zu unterstützen, also Terrorunterstützung zu betreiben und am Drogenhandel aus Kolumbien in Richtung USA involviert zu sein.
Das war der Vorwand, um die ersten massiven Sanktionen einzuführen gegen Venezuela. Und ins Visier genommen wurde dabei allen voran die venezolanische Erdölindustrie, die natürlich das Rückgrat ist der venezolanischen Volkswirtschaft.
Entgegen der offiziellen US-Behauptung, die Sanktionen würden die Korruption in Venezuela bekämpfen (die es gibt in großem Umfang), hatten sie stattdessen tödliche Folgen für die Bevölkerung im Lande selbst. Und die Zahlen, die man hier in diesem Zusammenhang nennen kann, die sprechen in der Tat für sich.
Die Sanktionen sind immer wieder verschärft und verlängert worden und haben einen neuen Input erhalten. Beginnend 2017/2018, als man das politische System von Maduro nun endgültig in den Orkus der Geschichte verlagern wollte.
Und die Folgen waren dramatisch. Wenn man sich die Sanktionspolitik der USA in der Art und Weise, wie sie die dortige Wirtschaft stranguliert haben und welche Folgen das hatte für die Bevölkerung, wenn man das vergleicht mit den US-Sanktionen, ihren dramatischen Folgen, wie es sie gegeben hat mit Blick auf die Sanktion gegen den Irak nach 1990, als damals Saddam Hussein Kuwait überfallen hatte oder die Sanktionen gegen Syrien nach 2011, die sich formal gegen Baschar al-Assad richteten, de facto aber die syrische Wirtschaft komplett stranguliert haben, was zu einer kompletten Verarmung der Bevölkerung geführt hat mit dem Ergebnis einer großen Flüchtlingsbewegung, die nicht allein durch den Krieg, durch die Gewalt ausgelöst wurde, sondern auch die durch die absolute soziale Verelendung.
Den meisten Menschen bei uns ist das nicht bewusst, weil das weder in der Politik noch in den Medien ein Thema ist, dass diese Strangulierungspolitik der USA ganze Länder in den Abgrund stürzt mit wirklich katastrophalen Folgen für die Zivilbevölkerung.
Mit Blick auf Venezuela bedeutete das, dass immer mehr Gelder eingefroren wurden, die Venezuela im Ausland deponiert hatte, ganz ähnlich den russischen Vermögenswerten, die gegenwärtig in Belgien sich befinden, dort eingefroren wurden und wo es ja nun die Diskussion gab, kann man das nun verwenden für die Ukraine, ja oder nein? Bislang konnte man sich nicht durchringen, dieses Geld für die Ukraine zu verwenden, für die Militarisierung der Ukraine, weil schlicht und ergreifend diese Form von Diebstahl in einer kapitalistischen Ordnung nicht akzeptabel ist. Der Eigentumsvorbehalt wiegt sehr schwer. Wenn man einmal anfängt, hier die Tore zu öffnen, wo will man da wieder enden?
Also 2022 waren 5,5 Milliarden US-Dollar an venezolanischem Auslandsgeldvermögen eingefroren. Besonders dreist trieb es die Bank of England. In London sind 32 Tonnen venezolanischen Goldes eingelagert (im Wert von 2018) im Wert von einer Milliarde US-Dollar. Heute ist dieser Wert deutlich höher und dieses Gold der Venezolaner hat die Bank of England im Jahr 2018, sagen wir eingefroren.
Nie ein Thema in der hiesigen Politik, selbstverständlich nicht. Und sie weigert sich, die Bank of England, also sprich: die britische Regierung, dieses Geld der Regierung Maduro wieder zur Verfügung zu stellen mit der Begründung, diese Regierung sei ja nicht demokratisch legitimiert. Deswegen habe sie auch kein Anrecht auf dieses Gold. Das ist natürlich eine dummdreiste Lüge, ein Bruch aller Völkerrechtsnormen, aber mit einem Land wie Venezuela kann man das ja eben auch machen, weil es eben nicht dieselben Machtmöglichkeiten hat wie Russland oder wie China.
Also, das ist schon eine beträchtliche Summe. 5,5 Milliarden US-Dollar an Auslandsvermögen der Venezolaner eingefroren im Jahr 2022 und in der Zwischenzeit ist es noch mehr Geld geworden.
Und die Grundversorgung, das muss man ganz klar und deutlich sagen, die Volkswirtschaft in Venezuela ist in Folge dieser Strangulierung, also des Umstandes, dass Venezuela legal kaum noch Erdöl exportieren konnte aufgrund der Sekundarsanktionen, zusammengebrochen.
Das Ergebnis dieser Politik war, dass der Staatshaushalt zusammengebrochen ist und infolge dessen eben auch vieles geschehen ist. Die Gesundheitsvorsorge ist in weiten Landesteilen in Venezuela in den 2010er Jahren schlicht und ergreifend zusammengebrochen. Infolge des Devisenmangels sind die Lebensmittelimporte, auf die Venezuela angewiesen ist, von 11,2 Milliarden Dollar im Jahr 2013 auf 2,46 Milliarden 2018 reduziert worden. Das heißt, roundabout 75% beträgt der Einbruch der Lebensmittel-Importe nach Venezuela im Zeitraum zwischen 2013 und 2018.
Und das Ergebnis ist, dass in den 2010er Jahren schätzungsweise 100.000 Menschen übersterblich aus dem Leben geschieden sind. Übersterblichkeit, das ist die Bezeichnung, die man verwendet, um eine Zahl benennen zu können, die über die normale Sterblichkeit hinausgeht. Und diese Übersterblichkeit von 100.000 Menschen, das sind die Menschen, die in der Regel infolge fehlender medizinischer Versorgung ums Leben gekommen sind, weil sie sich die Medikamente nicht mehr leisten konnten, um sich entsprechend heilen lassen zu können oder weil es diese Medikamente schlichtweg nicht mehr gab, weil sie nicht mehr importiert werden konnten.
Infolge der katastrophalen Wirtschaftslage sind in den 2010er Jahren etwa 8 Millionen Venezolaner aus Venezuela emigriert oder geflüchtet, je nach Perspektive. Venezuela hat 28,8 Millionen Menschen, 8 Millionen sind geflohen, geflüchtet.
In der hiesigen Wahrnehmung sind sie geflohen vor dem Terror des Maduro-Regimes, vor den Zwangsmaßnahmen und so weiter. Es wird selten benannt, dass der wirtschaftliche Zusammenbruch der venezolanischen Volkswirtschaft der entscheidende Grund dafür ist, dass diese Leute geflüchtet sind. Hinzu kommen natürlich Fehler der venezolanischen Regierung, auch z.B. bei der Verteilung von Lebensmitteln, die stattfindet, bis heute stattfindet. Da werden natürlich lieber Anhänger in solchen Gebieten versorgt, die die Regierungspartei von Maduro, die sozialistische Partei gewählt haben und nicht so sehr Oppositionsgebiete. Das kommt also strafverschärfend noch hinzu.
Aber die Crux, der Kern, das ist wichtig, dieses zu begreifen: Der Grund für den Zusammenbruch der venezolanischen Volkswirtschaft, das ist die Sanktionspolitik der Vereinigten Staaten gegenüber Venezuela, eine Sanktionspolitik, die seit 2017/18 verstärkt auch von der Europäischen Union mitgetragen wird. Das ist ganz wesentlich, sich dieses vor Augen zu führen und natürlich, alles hängt mit allem zusammen.
Viele von diesen 8 Millionen Flüchtlingen haben den Weg, den langen Weg angetreten in Richtung USA. Und dieser Flüchtlingstrack nicht allein aus Venezuela, sondern auch aus anderen lateinamerikanischen, vor allem zentralamerikanischen Ländern, die als Ergebnis einer Verelendungspolitik der USA, Profit für die eigenen Konzerne und gleichzeitig Verelendung breiter Bevölkerungsteile, ja, dann gibt es natürlich einen Menschentrack und der hat zu einem Ansturm auf die US-Grenzen geführt.
Das Ergebnis ist, dass die Ultrarechten, dass die Regierung Donald Trump natürlich noch zusätzlich Zulauf bekommen hat. Also erst zerstört man die Lebensgrundlagen der Menschen in Lateinamerika, dann flüchten sie in der Hoffnung auf ein besseres Leben, gehen in Richtung USA und dort werden sie dann als Bedrohung erlebt.
Das ist das, was passiert, wenn man einen Gangsterkapitalismus zur Staatsraison erklärt, wie das letztendlich in den USA, sorry to say für unsere transatlantischen Freunde, wie man das in den USA beobachten kann, denn das, was hier in Venezuela gerade stattgefunden hat, die Bombardierung Venezuelas, die Zerstörung von Booten vor der Küste Venezuelas, der Verteidigungsring rund um Caracas ist im Zuge der Geiselname von Maduro weitestgehend zerstört worden.
Das alles ist wirklich Mafia Style-Politik. Das hat nichts zu tun mit „Wir wollen jetzt Venezuela die Demokratie bescheren“. Das interessiert die Amerikaner doch nicht.
Wann haben sich die US-Amerikaner jemals eingesetzt für die Demokratie in Lateinamerika? Also, wer das behauptet, weiß nicht, wovon er redet. Die Amerikaner, die US-Amerikaner waren immer gut darin, rechtsextreme Diktatoren an die Macht zu bringen und jede Form des Strebens nach sozialer Gerechtigkeit, egal in welchem Land in Südamerika, sukzessive zu unterminieren, auch unter Einsatz und Bezahlung von Todesschwadronen, insbesondere in Zentralamerika. Also diese Geschichte ist eine sehr, sehr blutige.
Wer wirklich glaubt, es ginge den Amerikanern um Demokratie in Venezuela, der muss extrem naiv sein. Es geht einmal mehr um Ressourcen, es geht um Geopolitik, es geht um Machtpolitik in seiner brutalsten Form entkleidet aller weihevollen Begrifflichkeiten rund um die „regelbasierte Ordnung“.
Aber weiter mit der sozialen Verelendung in Venezuela. Also 8 Millionen Menschen sind geflohen von 28,8 Millionen Menschen. Übersterblichkeit in den 2010er Jahren bei 100.000 Menschen im vorigen Jahrzehnt und 5,1 Millionen Venezolaner von denen, die noch im Land sind, also rund ein Viertel, leiden endemisch unter Hunger. Ja, das sind also wirklich Dimensionen, die den meisten wahrscheinlich gar nicht so vor Augen stehen und die hiesigen Medien und die Politik stellen das natürlich auch nicht in den Vordergrund.
Und als Folge der Sanktion sind natürlich die Schwächsten im Land, also die sozial Schwächsten, am meisten getroffen worden. Sanktionen sind aus westlicher Sicht, aus US-amerikanischer Sicht, die Waffe, die am besten greift, um die Volkswirtschaft eines Landes zu zerstören. Ist noch viel wichtiger als einen Flugzeugträger zu entsenden, wie den Gerald Ford-Flugzeugträger, den größten der Welt, der seit Monaten vor der Küste Venezuelas cruiste, doch nicht um Drogenhandel zu bekämpfen, sondern um diesen Putsch gegen die Regierung Maduro de facto durchführen zu können oder den Putsch gegen Maduro selber, besser gesagt, denn die Regierung ist ja nach wie vor im Amt, dazu gleich mehr.
Es ist übrigens so, dass alleine im letzten Jahr 2025 als Folge der Sanktion der Wert der Landeswährung Bolivar in Venezuela um sage und schreibe 85% eingebrochen ist. Denn im letzten Jahr konnten aufgrund der Kanonenboot-Politik der Amerikaner nur noch wenige Exporte getätigt werden. Venezuela unterhält einen engen Handel mit Erdöl in Richtung China, aber der wurde unterbrochen dadurch, dass die Amerikaner Öltanker entführt haben und eben Schnellbote versenkt haben. Dadurch war es viel zu riskant für Versicherungen, Schiffe zu versichern in Richtung Venezuela.
Also das letzte halbe Jahr, die zweite Jahreshälfte 2025, war für die Volkswirtschaft in Venezuela wirklich ein reales Desaster.
Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass es schon seit langer Zeit Regimechange-Pläne gab in den USA. Beginnend schon unter George W. Bush 2002, wie erwähnt der Versuch, einen Militärputsch dort durchzuführen. Es gab verstärkte Bemühungen und Überlegungen, einen Putsch durchzuführen in Venezuela in der ersten Amtszeit von Donald Trump. John Bolton, damals der nationale Sicherheitsberater in der ersten Amtszeit von Trump, zitiert Trump in seinem 2020 erschienenen Buch The Room where it happened mit den Worten: "Eine Invasion Venezuelas wäre cool, denn das Land“, Zitat, „gehört den USA“ und insbesondere natürlich die Erdöl-Ressourcen.
Sie kennen die Propaganda von Donald Trump … Es ist ja auch im Prinzip egal, wer nominell der Präsident ist der USA, denn deren Politik ist immer dieselbe. Es geht immer darum, die Vorherrschaft der USA zu sichern und Donald Trump beklagt sich ja bitter, dass die Verstaatlichung der Erdölindustrie in Venezuela durch Hugo Chavez Diebstahl gewesen sei am amerikanischen Volk.
Also das ist wirklich ein Scherz, wenn eine de facto Kolonialmacht, wenn eine imperiale Macht sich darüber beklagt, dass diejenigen, die zuvor ausgebeutet worden sind, sich wehren. Ob jetzt eine Verstaatlichung dieser Erdölindustrie in Venezuela eine gute Entscheidung war oder nicht, sei jetzt mal dahingestellt. Aber wie man so Ross und Reiter völlig vertauschen kann in der Rollenwahrnehmung, das ist schon bemerkenswert. Sondern ein Hinweis auf die Fähigkeit westlicher Machtpolitik, Heuchelei in immer neuen Farben neu durchzubuchstabieren. Das ist schon phänomenal und bemerkenswert.
Also schon in der ersten Amtszeit der Regierung Donald Trump gab es Überlegungen, einen Militärputsch herbeizuführen in Venezuela. Und an anderer Stelle wird Trump mit den Worten zitiert: "Venezuela ist das Land“, so Donald Trump, „gegen das wir Krieg führen sollten. Sie haben das ganze Öl und sie sind unser Hinterhof."
So einfach kann das sein. Die Welt, wie sie Donald Trump wahrnimmt und wie sie sich ihm darstellt …
Schauen wir uns die Gefechtslage in Venezuela einmal an. Da gibt es also eine Regierung, ein Regime, das soll um jeden Preis beseitigt werden, von der Macht beseitigt werden aus der Perspektive des US-amerikanischen Hegemons. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten vom Putsch bis hin eben zur wirtschaftlichen Strangulierung eines Landes.
Aber darüber hinaus wollte man die Dinge beschleunigen, indem 2018 der Vorwurf erhoben wurde, dass bei den Präsidentschaftswahlen, die Maduro erneut bestätigten als Präsidenten - er ist seit 2013 an der Macht -, diese Wahlen seien massiv gefälscht und manipuliert worden.
Ich maße mir kein Urteil an, ob das geschehen ist oder nicht. Unwahrscheinlich ist es nicht, aber genaues kann man von dieser Stelle aus wahrhaftig nicht sagen. Auf jeden Fall gab es eine kanadische Delegation von Wahlbeobachtern, die diese Wahlen beobachtet hat und sie stellt in ihrem Bericht über die Wahlen in Venezuela im April 2018 fest, dass die Wahlen in Venezuela „transparent, sicher, demokratisch und ordnungsgemäß“ verlaufen wären.
Wie gesagt, ich bin vorsichtig mit Urteilen und natürlich sind Manipulationen nicht auszuschließen. Natürlich nicht. Aber was ist die Gefechtslage? Wir haben da ein Regime, das soll gestürzt werden um jeden Preis. Wenn ein Land wie die USA entschlossen ist, eine politische Veränderung in einem anderen Land herbeizuführen, dann haben die USA unendlich viele Möglichkeiten, dies zu tun.
Kleiner Schwenk in Richtung Ukraine, 2014 Maidan-Aufstand. Im Vorfall dieses Maidan-Aufstandes haben die US-Amerikaner 5 Milliarden US-Dollar investiert, um die innenpolitischen Verhältnisse in der Ukraine so zu gestalten, dass am Ende das geschehen konnte, was die US-Amerikaner und auch die Europäische Union erreichen wollten, nämlich den de facto Putsch gegen den damaligen demokratisch gewählten ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch, der allerdings porussisch war. Und damit kann man natürlich nichts anfangen. Es kam dann bekanntlich zu den vielen Todesfällen auf dem Maidan. Es gab eine neue Regierung, die pro-westlich war …
Ich will darauf hinaus, dass wenn ein Land wie die USA entschlossen ist, eine bestimmte Regierung, ein bestimmtes Regime zu beseitigen, dann fehlt es dort nicht an Mitteln und Möglichkeiten, dieses zu erreichen. Und so muss man sich vorstellen, dass auch hier bei diesen Wahlen 2018, die gewissermaßen Schlüsselwahlen waren mit Blick auf eine Eskalation der Krise in Venezuela, dass hier ebenfalls manipuliert worden ist.
Da gab es auf einmal den Helden Juan Guaido, der wie aus dem Nichts auftauchte als Vertreter der Opposition. Was heißt Opposition in einem Land wie Venezuela? Im Prinzip ist es häufig so, dass dann die sogenannten Oppositionellen Leute sind, die Geld bekommen aus dem Ausland mit dem Ziel, dasjenige politische System, das man beseitigen will, auch tatsächlich beseitigen zu können. Juan Guaido hatte aber überhaupt keinen Rückhalt in der Bevölkerung. Das war, wenn man so will, ein venezolanischer Christian Lindner, also jemand mit einer 3-4% Partei im Hintergrund und einer neoliberalen Wirtschaftsordnung im Gepäck und gleichzeitig war er natürlich ein Vertreter des venezolanischen Großbürgertums und er wurde nun als der eigentliche Sieger gehyped und gehandelt seitens der USA und seitens der Europäischen Union
Und man hat den Wahlsieg nicht anerkannt von Maduro und stattdessen diesen Juan Guaido als Helden versucht zu inszenieren. Aber dieser Mann ist zwischenzeitlich längst in der Versenkung verschwunden. Niemand kennt ihn mehr. Er hat seine Schuldigkeit getan. Er war im Grunde genommen nur eine Fußnote der Geschichte bei dem Versuch, die politischen Verhältnisse in Venezuela entsprechend zu verändern.
Also, es ist nicht so einfach hier zu sagen, da sind die Bösen, da sind die Guten. Solche Sichtweisen sind sowieso zu schlicht. Und auf den Guaido komme ich gleich auch noch mal zu sprechen, weil diese Geschichte mit den Wahlen 2018 ist eine ganz prägende und wichtige.
Es ist klar, dass die Regierung Maduro verstanden hat, dass sie den USA auf Dauer nichts entgegensetzen kann. Und aufgrund der Zwangsmaßnahmen, die die Amerikaner dann 2025 durchgezogen haben vor der Küste Venezuelas mit der Versenkung von Booten und Schiffen, die angeblich Drogen transportierten, 100 Menschen sind dabei gestorben.
Alles völkerrechtswidrig, aber who cares? Völkerrecht ist was für Warmduscher. Heute herrschen andere Gesetze. Also, die Regierung Maduro hatte erkannt, dass die Lage ernst ist und es ist interessant daran zu erinnern, so berichtete Reuters jedenfalls, dass am 21. November 2025 Maduro in einem Telefonat mit Trump gesagt hat, im Grunde hat er seine Kapitulationsurkunde unterschrieben. Er hat gesagt, ich bin bereit ins Ausland zu gehen. Ich bin bereit, dass diese Regierung abgelöst wird unter der Bedingung, dass es eine Amnestie gibt und dass alle Sanktionen gegen Venezuela aufgehoben werden. Wenn das geschieht, bin ich sofort bereit, das Land zu verlassen. Dann wird es Neuwahlen geben und die Amerikaner können dann ihre wirtschaftlichen Aktivitäten nach Belieben durchführen. Also, er hat sozusagen der amerikanischen Erdölindustrie das Angebot gemacht in diesem Telefonat mit Donald Trump, dass sie die maßgeblichen Explorationsverträge bekommen …
Aber wichtig ist, es hat im November ein Telefonat gegeben zwischen Trump und Maduro, das 15 Minuten nur andauerte und Trump hat sich auf nichts eingelassen. Trump wollte um jeden Preis den Regimewechsel. Und warum wollte er um jeden Preis den Regimewechsel? Weil es darum ging, ein Exempel zu statuieren, denn es kann ja nicht sein, dass Venezuela die Unverschämtheit besitzt, wie eingangs ausgeführt, sich aus dem Dollarsystem zu verabschieden. Hier muss ein Exempel statuiert werden.
Man hatte offenbar die Meinung in Washington, weg mit diesem Mann und wir setzen uns jemanden an seine Stelle, der genau das tut, was wir ihm auch entsprechend empfehlen. Interessant ist, dass am 2. Januar, also am Tag vor der US-Invasion in Venezuela und der Geiselname, muss man wohl sagen, des Kidnappings von Maduro, er Maduro am 2. Januar in einem Interview oder in einer Ansprache an seine Bevölkerung, besser gesagt, klipp und klar gesagt hat, dass er bereit sei, sich über alles mit der US-amerikanischen Regierung auszutauschen und dass er darüber hinaus bereit sei, wie gesagt, die Erdölexplorations-Geschäfte mit US-amerikanischen Unternehmen weiter auszudehnen und er war sowas von kooperativ, dass es fast schon einer Kapitulation gleichkam. Aber wie gesagt, das alles nützte ihm relativ wenig. Er ist trotzdem gestürzt worden und das Ergebnis haben wir jetzt.“
Wahlen in Venezuela und mediale Berichterstattung
„Am 25. September und 8. Oktober 2025 fanden in Basel zwei Veranstaltungen zu Venezuela statt. Die internationale Wahlbeobachterin Natalie Benelli aus der Schweiz hielt einen Vortrag mit interessanten Details zu Venezuela, den auf Globalbridge zu übernehmen wir die Erlaubnis erhalten haben, wofür wir sehr dankbar sind.
Die Mainstreammedien in der Schweiz, Europa und Nordamerika berichten mehrheitlich negativ über Venezuela und seine Regierung. Präsident Maduro wird als autoritär beschrieben, obwohl in kaum einem anderen Land der Welt so viele Wahlen stattfinden wie in Venezuela und die Bevölkerung aktiv in die Entscheidungsprozesse involviert ist.
Ich werde über eine Realität Venezuelas berichten, die von den Mainstreammedien ignoriert oder verzerrt dargestellt wird. Mein Bericht basiert auf den Erfahrungen aus erster Hand, die ich in meinen bisher vier Reisen nach Venezuela seit 2019 sammeln konnte. Zweimal war ich als internationale Wahlbeobachterin dort: im Juli 2024 für die Präsidentschaftswahlen und im Mai 2025 für Regionalwahlen.
1. Eine kurze Geschichte
Venezuela verfügt über die größten bekannten Erdölreserven der Welt, zudem über große Gas-, Gold- und Süßwasservorkommen.
Bis 1998 wurde das Land abwechselnd von zwei bürgerlichen Parteien – der 1941 gegründeten sozialdemokratische Acción Democratica und der 1946 gegründeten christlich-sozialen COPEI – regiert. Sie sorgten dafür, dass die Einnahmen aus der Erdölindustrie und den anderen wertvollen Rohstoffen an eine kleine lokale Oligarchie und ausländische Erdölfirmen wie die US-Multis Exxon (heute ExxonMobil) und Conoco Philipps gingen, während der Großteil der Bevölkerung in Armut lebte.
Der römisch-katholische Priester Charles Hardy (A Cowboy in Caracas) beschreibt das Barrio, in dem er 1985 lebte, wie folgt:
„Das Barrio bestand aus verschiedenen Arten von Behausungen. Es gab Baracken aus Presspappe und Blech. Die einzige Wand, die eine Wohnung von der anderen trennte, war eine Pappwand. (…) [Es gab] kein fließendes Wasser, keine Toiletten und keine geschlossene Kanalisation. Vor meiner Tür führte ein Strom schwarzen Wassers die Abwässer aus den Wohnungen meiner Nachbarn in den kleinen schwarzen Fluss hinter meinem Haus.“
1998 wählte Venezuela mit Hugo Chávez von der Bewegung Fünfte Republik (Movimiento V República) einen Präsidenten, der die Mehrheit der Bevölkerung vertrat. Vor der Wahl war Chávez durch das Land getourt, um mit den Menschen über die Ziele seiner Bewegung zu sprechen. Sein Wahlkampf basierte auf dem Versprechen, mit einer Verfassungsreform eine «neue» Republik – die Fünfte Republik – zu schaffen, die alle Venezolaner und Venezolanerinnen unabhängig von ihrem wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Hintergrund einschließen würde.
Nach seinem Amtsantritt im Januar 1999 lancierte Chávez ein Referendum über die Wahl einer verfassunggebenden Versammlung. Das Referendum wurde angenommen und die verfassungsgebende Versammlung gewählt. Sie arbeitete eine neue Verfassung für die Bolivarische Republik Venezuela aus, die bis heute eine der fortschrittlichsten Verfassungen überhaupt ist.
Beispiele: Art. 82 garantiert allen Bürgern und Bürgerinnen das Recht auf ein würdiges, sicheres und sauberes Heim.
Art. 58 garantiert das Recht auf angemessene, wahrheitsgetreue und unparteiische Information ohne Zensur.
Die Verfassung garantiert auch das Recht auf Bildung (Art. 102 & 103) und Gesundheitsversorgung. (Art. 83). Sie beinhaltet zudem Elemente einer neuen Regierungsstruktur basierend auf einer partizipativen Demokratie. (Davon weiter unten.)
Seit der Regierungsübernahme verwendet die bolivarische Regierung die Einnahmen aus dem Erdölverkauf für zahlreiche Sozialprogramme im Bereich der Lebensmittelversorgung, Bildung, Wohnen und Gesundheit zugunsten der einkommensschwachen Bevölkerung:
Plan Bolivar 2000 (lanciert Februar 1999): Soldaten im Dienst der Bevölkerung:
Verteilung von Lebensmitteln in Tür-zu-Tür-Kampagnen, Instandsetzung von Infrastruktur, Straßen, Gebäuden in den Slums.
2003: Mission Barrio Adentro für eine kostenlose Gesundheitsversorgung in Zusammenarbeit mit kubanischen Ärzten in den armutsbetroffenen Quartieren, wo die Ärzte der Oberschicht nicht arbeiten wollten. Vor Chávez war die Gesundheitsversorgung in Venezuela prekär. Öffentliche Spitäler verfielen, private Ärzte und Spitäler waren für die Reichen. Kubanische und venezolanische Ärzte und Ärztinnen richteten in Arbeitervierteln Praxen ein, manchmal bei Leuten zuhause, um die Bevölkerung rundum zu versorgen. Sie arbeiten mit den Gemeinderäten (consejos comunales) zusammen, die die Bedürfnisse der Menschen kennen.
2. Wirtschafts- und Medienkrieg gegen Venezuela
Seit der Wahl von Hugo Chávez zum Präsidenten im Jahr 1998 ist Venezuela ständigen Angriffen und Putschversuchen durch die USA und ihre Verbündeten in Amerika, Europa und der venezolanischen Opposition ausgesetzt. Diese können nicht akzeptieren, dass sie die Kontrolle über die venezolanische Erdölindustrie verloren haben und die Einkünfte aus dem Erdöl zugunsten der Menschen in Venezuela und im Globalen Süden eingesetzt werden.
2015 erklärte der damalige US-Präsident Barack Obama Venezuela zu einer Bedrohung für die nationale Sicherheit der USA und verhängte mit dieser Erklärung einseitige Zwangsmaßnahmen – so genannten Sanktionen – gegen Venezuela. Bis zum heutigen Tag wurden von der US-Regierung und ihren Verbündeten in Europa über 1000 einseitige Zwangsmaßnahmen gegen Venezuela verhängt. Mehr als 100 Maßnahmen richten sich gegen das staatliche Erdöl- und Gasunternehmen PDVSA, Venezuelas wichtigste Einnahmequelle. PDVSA-Konten bei internationalen Banken wurden blockiert, Raffinerien im Ausland konfisziert und Ölfrachter daran gehindert, um die Welt zu fahren. Venezolanische Vermögenswerte in der Höhe von 22 Milliarden USD in 29 ausländischen Banken wie der Bank of England, beim Internationalen Währungsfonds IWF und bei der Interamerikanischen Entwicklungsbank sind gesperrt.
Die Auswirkungen auf die Wirtschaft Venezuelas sind verheerend: Keinen Zugang zu internationalen Märkten und Finanzsystemen zu haben bedeutet, keine Lebensmittel, Medikamente und Ersatzteile einkaufen zu können, die die Bevölkerung braucht, um leben zu können. Kein Material und keine Maschinen kaufen zu können, die es zum Aufbau der Industrie braucht. Es bedeutet auch, die Infrastruktur des Landes nicht instand halten zu können, was z. B. zu Stromausfällen führt – mit weitreichenden Folgen auf das ganze Leben.
Die Zwangsmaßnahmen, die Sanktionen zielen darauf ab, die Wirtschaft des Landes zu strangulieren und die Bevölkerung ins Elend zu stürzen, um sie gegen die Regierung aufzubringen.
Als Folge der illegalen einseitigen Zwangsmaßnahmen gingen die Einnahmen aus der Erdölproduktion zwischen 2014 und 2020 um 99 % zurück. Der Ökonom und Oppositionsanhänger Francisco Rodriguez verglich die Auswirkungen auf Venezuelas Wirtschaft mit der Sprengung von Ölfeldern durch feindliche Armeen. In einem Artikel der Financial Times vom 7. Juli 2019 erklärte der ehemalige US-Diplomat Thomas Shannon, die Auswirkungen des Wirtschaftskriegs gegen Venezuela seien mit der Bombardierung von Dresden und Tokio im Zweiten Weltkrieg vergleichbar.
Laut Jeffrey Sachs von der Columbia University und Mark Weisbrot vom Centre for Economic and Political Researchin Washington entzogen die einseitigen Zwangsmaßnahmen Venezuela Milliarden von Dollar für den Kauf von Lebensmitteln, Medikamenten und anderen lebensnotwendigen Gütern. Allein zwischen 2017 und 2018 stieg die Sterblichkeit in Venezuela um 31 %, was 40.000 zusätzlichen Todesfällen entspricht.
Dazu kommt eine massive Medienpropaganda, die Maduro als Diktator bezeichnet, der das Volk aushungert und Oppositionelle foltert. Vor den Präsidentschaftswahlen am 28. Juli 2024 sprachen Zeitungen prophetisch von einem unwahrscheinlichen Wahlsieg für Maduro. Am 26. Juli, zwei Tage vor dem Wahltag, titelte die Los Angeles Times: «Maduro liegt in Umfragen weit zurück. Wird er seine Niederlage bei den Wahlen am Sonntag akzeptieren?» Die deutsche Zeitung Zeit Online titelte am Wahltag: «Ist die Wahl in Venezuela bereits entschieden?» Und weiter: «Venezuela wird seit mehr als zehn Jahren von Präsident Nicolás Maduro regiert. Die Opposition könnte ihn nun zum ersten Mal besiegen. Wird das Regime einen Machtwechsel zulassen?» Das Schweizer Fernsehen SRF und andere Medien behaupteten, Venezuela lasse keine Wahlbeobachter ins Land.
Ich war sowohl bei den Präsidentschaftswahlen im Juli 2024 als auch bei den Regionalwahlen im Mai 2025 als Wahlbeobachterin in Venezuela vor Ort.
3. Wahlen in Venezuela: So wird in Venezuela gewählt
1999 konnten 43 % der Personen im Stimmrechtsalter nicht wählen. Sie gehörten zu den wirtschaftlich, sozial und politisch entrechteten Menschen, die nicht lesen und schreiben konnten und keinen Personalausweis besassen.
Mit der «Mission Robinson I» lancierte die Bolivarische Regierung unter Chávez 2003 eine landesweite Alphabetisierungskampagne und ermutigte alle Menschen einschließlich der indigenen Bevölkerung, einen Personalausweis zu beantragen. In der Folge verdreifachte sich die Anzahl der Stimm- und Wahlberechtigten von 7 Millionen (im Jahr 1998) auf heute 21 Millionen.
In den letzten 25 Jahren – seit die Bolivarische Bewegung in Venezuela die Regierung stellt – hat Venezuela über 30 Wahlen durchgeführt. Am 25. Mai 2025 fanden die Wahlen der 24 Gouverneure der Bundesstaaten und der 285 Abgeordneten der Nationalversammlung statt. Als Wahlbeobachterin erhielt ich eine Einführung in Venezuelas Wahlsystem und ich besuchte verschiedene Wahllokale in Caracas, der Hauptstadt Venezuelas.
Schlüsselelemente des Wahlsystems in Venezuela
– die Wahl ist zu 100 % automatisiert
– Insgesamt werden 16 Schritte des Wahlvorgangs in Anwesenheit der an der Wahl beteiligten Parteien einer Prüfung unterzogen. Alle an der Prüfung beteiligten Parteien unterzeichnen die Prüfungsprotokolle für jeden Schritt und bestätigen damit, dass alles ordnungsgemäß eingerichtet ist und regelgerecht funktioniert: Software, Maschinen, etc. Die Wahlsoftware ist passwortgeschützt; jede an der Wahl beteiligte Partei trägt einen Teil des Passworts zur Verschlüsselung der Software bei – niemand kennt das ganze Passwort, niemand kann alleine die Software verändern.
– an den Wahlen im Mai 2025 waren 54 politische Parteien beteiligt – die Mehrheit von der Opposition.
Wahlberechtigte und Wahlhelfer
– Wahlberechtigt sind Personen ab 18 Jahren, die in das Wählerverzeichnis eingetragen sind.
– Das Wählerverzeichnis ist über die Website des CNE öffentlich zugänglich. Jeder kann dort überprüfen, ob er/sie registriert ist.
– Die Stimmabgabe erfolgt persönlich. Wähler und Wählerinnen müssen ihren Personalausweis mitbringen.
– Die meisten Wahllokale sind in öffentlichen Schulen eingerichtet. Um bestimmten Bevölkerungskategorien die Stimmabgabe zu erleichtern, werden in Altersheimen, Gefängnissen usw. Wahllokale eingerichtet.
– Die Wahlhelferinnen und -helfer werden nach dem Zufallsprinzip aus der Liste der registrierten Wähler im Alter von 18 bis 65 Jahren ausgelost. Für jedes Wahllokal werden 30 Personen ausgelost, darunter ein Vorsitzender, ein Sekretär, zwei Hauptmitglieder und Ersatzmitglieder.
Um akkreditiert zu werden, müssen die Mitglieder der Wahllokale ein Video ansehen und drei einfache Fragen zum Wahlvorgang richtig beantworten. Wahlkandidaten können nicht Mitglied eines Wahllokals werden.
Die Mitglieder des Wahllokals unterzeichnen die Protokolle über die Eröffnung und Schließung der Wahllokale.
– Alle politischen Parteien schlagen Zeugen vor, die am Wahltag in den Wahllokalen anwesend sein werden. Ihre Aufgabe ist es, den Wahlvorgang zu beobachten und sicherzustellen, dass alles regelkonform abläuft.
Es ist vorgekommen, dass Wähler den Zettel vernichtet haben, anstatt ihn in die Wahlurne zu werfen, um das Wahlergebnis zu fälschen. Dies war zum Beispiel bei den Wahlen 2013 der Fall, als Maduro mit einem knappen Vorsprung von 234.935 Stimmen gewann. Die Opposition forderte, dass 100 % der Wahlmaschinen überprüft und die automatisierten Stimmen mit den in den Wahlurnen abgegebenen Papierstimmen verglichen werden. 99,98 % der automatischen Stimmen wurden durch die Papierstimmen bestätigt. Nur 0,2 % der Papierstimmen fehlten, weil die Stimmzettel vernichtet worden waren.
Die Vernichtung des Stimmzettels bzw. der Nicht-Einwurf in die Wahlurne ist eine Straftat.
4. Venezuelas Antwort auf den Wirtschaftskrieg: partizipative Demokratie und kollektive Selbstverwaltung
Venezuela antwortet auf den Wirtschaftskrieg mit der Stärkung der lokalen Selbstverwaltungsstrukturen (consejos comunales und Comunas) und der kollektiven Produktion sowie den Einbezug privater Unternehmer in die landwirtschaftliche und industrielle Umstellung. Heute gibt es 49’000 consejos comunales in Venezuela und rund 4’500 Comunas für die selbstverwaltete Produktion von Landwirtschaft, Industrie und/oder Dienstleistung.
13.956.000 Hektar Land wurden an Bauernfamilien übergeben, und 427.000 Familien wurden in die Produktion eingebunden. Durch die Beteiligung privater Unternehmen an der Transformation von Landwirtschaft und Industrie produziert Venezuela nun 97% seiner Lebensmittel selbst. Eine 100-prozentige Eigenversorgung wurde bei Kaffee, Kochbananen, Weißkäse, Vollmilch, Karotten, Paprika, Kürbis, Süßkürbis, Ananas, Milch-Yamswurzeln, Guaven, Orangen, Melonen, Kartoffeln, Zwiebeln, frischem Fisch, Tomaten, Rindfleisch, Hühner- und Schweinefleisch erreicht.
Venezuela investiert 70% seiner Einnahmen in Sozialprogramme. Im Jahr 2024 erhielten 8 Millionen Familien regelmäßig subventionierte Lebensmittel durch das CLAP-Programm. Seit 2011 wurden mehr als 5,1 Millionen Häuser gebaut und an einkommensschwache Familien verteilt.
Zwei Beispiele kollektiver Selbstverwaltung:
Urbanismo Jorge Rodriguez Padre:
Wohnraum ist in Venezuela keine Ware, sondern ein Recht. Die Verfassung der Bolivarischen Republik Venezuela garantiert würdigen Wohnraum für alle (Artikel 82). Das war nicht der Fall, bevor die Bolivarische Bewegung an die Macht kam.
2011 kam es in Caracas nach heftigen Regenfällen zu Bergstürzen, viele Familien verloren ihre Unterkunft. Die Regierung lancierte darauf das nationale Wohnbauprogramm Gran Mision Vivienda Venezuela GMVV, um den Leuten, die ihre Unterkunft verloren haben, eine Wohnung zu geben.
Die Überbauung Jorge Rodriguez Padre ist Teil der Gran Mision Vivienda Venezuela, mit der Methode der Autoconstrucción.
96 Familien bauen ihre eigenen Wohnungen in zwei Überbauungen. Das erste Gebäude mit 48 Wohnungen für rund 150 Personen auf 6 Stockwerken ist fertiggestellt. Jedes Stockwerk hat acht Wohnungen. Die Eckwohnungen sind 2-Zimmerwohnungen mit 66m2, die mittleren Wohnungen sind 3-Zimmerwohnungen mit 76m2. (Hier zeigte die Referentin mehrere Fotos. Red.)
Ich hatte die Gelegenheit, mich einen Nachmittag lang mit den Ayary und einigen ihrer Mitstreiter zu unterhalten. Hier ein paar Auszüge aus dem Gespräch:
Mit dem Projekt wurden mit vielen Paradigmen gebrochen. Yrcedia: «Wir alle hatten verschiedene Berufe. Wir wussten nichts von Konstruktion/Bau. Wir mussten alles lernen.»
85 % der Autoconstructoras sind Frauen, 15 % sind Männer. Ayary: «Wir sind ein Frauenkollektiv, das mit der traditionellen Frauenrolle gebrochen hat. Wir sind Hausfrauen, die ihre eigenen Wohnungen gebaut haben. Wir haben bewiesen, dass Frauen fähig sind, das zu machen, entgegen dem gängigen Frauenbild.»
«Wir haben es geschafft, zu lernen und voranzukommen.»
José: «Wir bauten die Häuser der Reichen, aber konnten für uns selber keine Häuser bauen.» Von Ayarys Küche aus sieht man die Barrios an den Hängen um Caracas. José: «Von dort kommen wir.»
«In der kapitalistischen Gesellschaft wird der Beitrag der Leute mit kleinem Einkommen nicht gewürdigt.» «Wir haben bewiesen, dass das organisierte und geeinte Volk das schaffen kann.» «Wir haben der Welt und der Gesellschaft bewiesen, dass wir das erreichen können.» «Wir haben das Dank Chavez.»
Ayary: «70 % des Wohnungsbaus ist in den Händen der Volksmacht. Es braucht eine partizipative und politische Arbeit. Wir wissen, was wir brauchen. Niemand weiß das besser als wir. Chavez sagte: Organisiert euch, damit ihr das verfolgen könnt, was ihr bekommen wollt. Der Eigenbau von Wohnraum basiert auf Freiwilligenarbeit. Wir arbeiten alle zusammen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Denn meine Wand ist deine Wand, deine Zimmerdecke ist mein Boden. Aber mehr noch geht es um das Aufbauen einer Gemeinschaft. Mit Individualismus erreichen wir nichts.»
Ayary: «Alles basiert auf einem partizipativen Prozess: wie wollen wir leben? In meinem Kollektiv präsentierten wir unsere Ideen zuerst den Architekten und Ingenieuren, die sie zu etwas Umsetzbaren machten. Damit gingen wir zum Ministerium für Wohnen, das uns 95% des Materials zur Verfügung stellt. «Wir mussten verstehen, dass man nicht jede Wohnung einzeln irgendwie konzipieren kann, sondern alle Bäder/Nasszellen an einem bestimmten Ort sein müssen, das Gleiche mit der Küche, etc.» «Es gab viele Kämpfe mit den Architekten und Ingenieuren, aber wir haben 80 % unserer Ideen durchgebracht.»
Ayary geht von einem Marktwert der Wohnung von rund 45’000 USD aus. Die Bewohner des Urbanismo bezahlen keine Miete, weil sie ihre Wohnungen selber gebaut haben. «Wir haben dem Staat und dem Präsidenten gezeigt, dass das organisierte Volk das kann.» Der Präsident hat das anerkannt und die Familien von einer Abgabe befreit und ihnen Eigentumstitel vergeben. (titulos de propiedad)
b. Urbanismo Carlos Raul Villanueva (Mai 2025)
Stadtentwicklung (Urbanismo) Carlos Raul Villanueva in Fort Tiuna, Caracas.
Hier leben 998 Familien, viele davon sind Angehörige der Streitkräfte und ihre Familien, andere sind Beamte, die für das Verteidigungsministerium oder andere staatliche Einrichtungen arbeiten. Die Gebäude und die Infrastruktur wurden von Militärs und Beamten errichtet. Jede Familie hat eine Wohnung zugewiesen bekommen. Die Wohnungen wurden im Rahmen der Großen Wohnungsbaumission (Gran Misión Vivienda Venezuela, GMVV) gebaut. Die Familien zahlen Miete entsprechend ihrem Einkommen, der Anzahl der Familienmitglieder usw. Die durchschnittliche Miete beträgt 250 Bolivar pro Monat, etwa 2 USD.
Wir besuchten das neu erbaute Gesundheitszentrum Carlos Raul Villanueva, das kostenlose medizinische Grundversorgung anbietet, einschließlich Pädiatrie, Gynäkologie, Allgemeinmedizin, Physiotherapie und Zahnmedizin.
Der Bau des Gesundheitszentrums wurde in einer Abstimmung durch die hier lebenden Familien beschlossen. Die venezolanische Regierung hat den „Sonderfonds für eine menschliche Stadt” (Fondo especial „Ciudad Humana”) eingerichtet, um Projekte zu finanzieren, die von der organisierten Bevölkerung vor Ort ausgewählt werden. Im Jahr 2025 sind vier Wahlen geplant, um lokale Projekte auf Comuna-Ebene auszuwählen. Dies ist Teil des Plans der Regierung, die Comunas und die organisierte Bevölkerung zu stärken.
Aufruf, aktiv zu werden
Es ist gut möglich, dass die meisten oder viele von euch Zuhörer und Zuhörerinnen ein anderes Bild von Venezuela hatten, bevor sie an diesen Vortrag kamen. Die Mainstream-Medien berichten nicht über die Realität des Landes. Sie berichten nicht über die tödlichen Auswirkungen des Wirtschafts- und Medienkriegs gegen Venezuela und sie berichten nicht über die positiven Programme und Maßnahmen, mit denen die venezolanische Regierung und die Bevölkerung darauf antworten. Die Berichterstattung der Mainstreammedien über Venezuela im Interesse der US-Regierung und ihrer Verbündeten im Globalen Norden und der wohlhabenden Elite Venezuelas gefährdet nicht nur das Leben der Venezolanerinnen und Venezolaner, sie gefährdet den Frieden in Lateinamerika und das Leben von Millionen von Menschen dort. Dies zeigt die jüngste militärische Bedrohung Venezuelas durch die USA unter dem Vorwand des Kampfes gegen den Drogenhandel – dies, obwohl es in Venezuela gemäss des Globalen Drogenberichts der UNODC von 2025 keine organisierte Kriminalität und keinen Drogenhandel gibt.“
https://globalbridge.ch/partizipative-demokratie-und-kollektive-selbstverwaltung-in-venezuela/
Ausweg China
Michael Hollister im November 2025: „Venezuela, China und die Verteidigung des Petrodollars – Ein Libyen 2.0? Der Konflikt zwischen den USA und Venezuela hat wenig mit Drogenbekämpfung zu tun – und alles mit Öl, China und dem bedrohten Petrodollar. Während Washington militärisch aufrüstet, verkauft Caracas sein Öl zunehmend in Yuan und Tether. Die Frage drängt sich auf: Steht ein „Libyen 2.0“ bevor – ein Angriff zur Verteidigung der globalen Dollarordnung?
Die Zuspitzung der Lage zwischen den USA und Venezuela in den vergangenen Wochen wird offiziell mit dem Kampf gegen Drogen und die dortigen Drogenkartelle begründet. Ein massives militärisches US-Aufgebot mit Kriegsschiffen, Kampfjets und vielen tausend Marines sollen im südlichen Karibik-Raum den Schmuggel von Drogen und die Aktivitäten der Drogenbande „Tren de Aragua“ unterbinden.
Ein altes Sprichwort sagt:
„Es gibt immer zwei Gründe. Den, den man benannt bekommt und den wahren.“
Ein genauerer Blick hinter die Fassade zeigt, dass sich hinter der offiziellen Erklärung der Drogenbekämpfung ein Konflikt von weit größerer Tragweite verbirgt. Es geht um den „Petro-Dollar“ und um Chinas wachsenden Energiehunger. Es drängt sich die Frage auf, ob mit Venezuela möglicherweise ein zweites Libyen geschaffen werden soll.
Der benannte, offizielle Grund: Kampf gegen Drogen
Am 2. September 2025 versenkte ein US-Luftschlag ein venezolanisches Schnellboot, angeblich betrieben von der Bande ‚Tren de Aragua‘. Elf Menschen kamen dabei ums Leben. Für Washington war dies ein Schlag gegen den Drogenhandel, für Caracas hingegen ein Angriff auf die eigene Souveränität. Präsident Trump drohte sogar, venezolanische Jets abzuschießen, sollten sie sich US-Kriegsschiffen nähern und verlegte zusätzlich 10 F-35 Kampfjets in die Region.
Der nicht benannte, wahre Hintergrund: Öl, Tether und Yuan
Venezuela sitzt auf den größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt. Der weltweite Ölhandel wird in US-Dollar abgewickelt – dem „Petro-Dollar“ – ein Grundpfeiler des US-Finanzsystems. Die Maduro-Regierung steht seit Jahren unter US-Sanktionen und in diesem Rahmen vom US-Finanzsystem abgeschnitten – und somit auch vom US-Dollar. Caracas reagierte darauf mit der zunehmenden Abwicklung seiner Ölgeschäfte in Digitalwährungen wie Tether (USDT) oder verkauft sein Öl in Nationalwährungen, vornehmlich in Chinesischem Yuan. Mehr als die Hälfte aller Öl-Exporte erfolgt inzwischen in Tether.
Die Öl-Exporte Venezuelas haben sich im laufenden Jahr 2025 fast verdoppelt. Im Februar lagen die Lieferungen nach China bei rund 500.000 Barrel pro Tag (bpd). Im Juni bei 850.000 bpd, im Juli bei 920.000 bpd und im August bei knapp einer Million bpd. Damit deckt Venezuela inzwischen 4-7% des chinesischen Ölbedarfs.
Chinas Rolle und Verwundbarkeit
Venezuela exportiert etwa 85-90% seiner gesamten Erdölfördermenge an China. Damit ist Peking der Hauptabnehmer von Venezuelas Öl und wichtigster Kunde. Dies ist, wie von Chinas Politik gewohnt, lange geplant und umgesetzt. Die Volksrepublik hat massiv in die Ölförderung des Karibikstaates investiert, u.a. in neue Förderplattformen im Lake Maracaibo. Damit soll die Maduro-Regierung in die Lage versetzt werden, seine Öl-Förderung von 12.000 bpd auf 60.000 bpd zu steigern – um 500%! Mittelfristig wäre es Caracas damit möglich, 1,5 bis 2 Millionen Barrel pro Tag zu fördern und damit den Energiehunger der Volksrepublik zu bedienen. All dies wird in Yuan und Tether fakturiert – somit außerhalb des US-Petro-Dollar-Systems.
Für die Beijing-Regierung ist das weit mehr als nur eine „nett gemeinte Hilfe unter Freunden“. In der Phase wachsender Industrieproduktion wächst Chinas Bedarf an Energieträgern, nach Öl und Gas, aus sicheren und günstigen Energiequellen. Die größten Lieferanten hierfür sind Russland, Brasilien und Saudi-Arabien. Jedoch muss ein Staat seine Bezugsquellen aus Sicherheitspolitischen Gründen diversifizieren und die Kapazitäten benannter Global Player sind begrenzt.
Der Verlust Venezolanischen Öls würde China daher spürbar treffen, da eine kurzfristige Substitution kaum möglich sein wird. Mit ihrer militärischen Intervention vor der Küste Venezuelas haben die USA somit ihren Sanktionen gegen Caracas Nachdruck verliehen, setzen aber nicht nur Maduro massiv unter Druck sondern haben ein probates Mittel gefunden, China direkt und hart bis ins Mark zu treffen.
Chinesische Investitionen in Venezuela
Besonders deutlich wird das Engagement der Volksrepublik in Zahlen: Das chinesische Unternehmen China Concord Resources investierte eine Milliarde US-Dollar in eine schwimmende Ölplattform im Lake Maracaibo. Die Förderung soll von 12.000 auf 60.000 Barrel täglich steigen. Grundlage ist ein 20-Jahres-Vertrag mit der staatlichen PDVSA.
Dieses Einzelprojekt ist eingebettet in eine viel größere finanzielle Beziehung: Seit 2005 hat das Südamerikanische Land insgesamt Kredite und Investitionen aus Peking in Höhe von fast 60 Milliarden US-Dollar erhalten, überwiegend für Energie- und Infrastrukturprojekte. Eine andere Schätzung setzt die Gesamtsumme der chinesischen Investitionen sogar bei über 67 Milliarden US-Dollar an. Zusätzlich besteht ein gemeinsamer bilateraler Investitionsfonds mit einem Volumen von etwa 12 Milliarden US-Dollar.
Diese enormen Beträge verdeutlichen: Die Interessen Chinas im Ölstaat am Orinoco gehen weit über den reinen Import des schwarzen Goldes hinaus. Es geht um massive Investitionen in Energie, Infrastruktur und langfristige wirtschaftliche Verflechtungen. China investiert hier in eine nachhaltige und schlagkräftige Partnerschaft. Jede US-Militärintervention oder Blockade stellt nicht nur eine Bedrohung für die Ölexporte nach China dar – sondern auch für die direkten Kapitalanlagen in Milliardenhöhe und Langfristpläne Chinas. Trump hebelt mit seiner Aktion gleich doppelt: Druck auf Maduro und ein eiskalter Schlag gegen China.
Parallelen zu Libyen
Die Situation erinnert stark an Libyen 2011. Muammar al-Gaddafi plante den US-Dollar im Ölhandel zu verdrängen. Dafür sollte eine neue panafrikanische Währung aus der Wiege gehoben werden – Gold gedeckt. Kurz darauf wurde Libyen militärisch zerschlagen, Gaddafi gestürzt und getötet. Heute geht es offiziell um Drogen, tatsächlich aber um die Frage, ob der Dollar als Leitwährung im Energiesektor unangetastet bleibt. Trumps Credo ist „Make America great again“ und dafür ist ein starker US-Dollar unumgänglich. Er kann und wird keinen Angriff auf die Machtstellung des Dollar zulassen. Die Bolivarische Republik Venezuela ist mit seinen riesigen Öl-Reserven ein Testfall. Wenn das Land offiziell und erfolgreich Öl außerhalb des Dollar-Systems verkaufen würde, könnte das andere Staaten ermutigen, es ihm gleichzutun – mit gravierenden Folgen für die US-Dominanz, insbesondere nach dem aktuell erfolgten, rapiden Anstieg der Exportmengen nach China – dem wirtschaftlichen und politischen Erzrivalen der USA.
Die Parallele ist frappierend: Auch damals begann es mit vorgeschobenen humanitären Gründen. Auch damals ging es letztlich um die Dollardominanz. Und auch damals wurde ein rohstoffreicher Staat ins Chaos gestürzt, der es gewagt hatte, das US-Finanzsystem zu umgehen.
Die innenpolitische Dimension
Neben der geopolitischen Dimension spielt auch die innenpolitische Agenda von Donald Trump eine Rolle. „Make America Great Again“ bedeutet in seiner Lesart auch, US-Macht durchzusetzen, den Dollar zu verteidigen und gegen unliebsame Regime Stärke zu zeigen. Ein konfrontativer Kurs gegen Maduro passt perfekt in dieses Profil und verschafft ihm innenpolitisch Rückhalt an den entscheidenden Stellen. Der Verweis auf den ‚Krieg gegen Drogen‘ bietet dabei einen populären, scheinbar unstrittigen Vorwand, der vom Amerikanischen Volk begrüßt wird und Trump Rückhalt gibt.
Fazit
Die US-Militärpräsenz vor der Küste Venezuelas ist nur vordergründig ein Anti-Drogen-Einsatz. Alleine die Größe und Schlagkraft des aufgefahrenen Militärkontingents spricht eine klare und deutliche Sprache. Hinter den Schlagzeilen steht ein geopolitisches Ringen um die Zukunft des Petrodollars und um die Eindämmung Chinas – und damit um den Machterhalt der USA und seiner Dominanz. Maduro hat es gewagt, Öl außerhalb des Dollar-Systems und an US-Sanktionen vorbei, zu verkaufen – und China hat die Gelegenheit genutzt, seine Energieversorgung zu diversifizieren. Für Washington sind beide Entwicklungen inakzeptabel. Das Szenario eines ‚Libyen 2.0‘ ist damit keineswegs ausgeschlossen. Die Frage ist nicht ob, sondern wann und wie hart die USA zuschlagen werden. Ein zweites Libyen rückt näher.“
Die Schlinge zieht sich zu
Michael Hollister im Dezember 2025: „Venezuela-Intervention Teil 1
Die operative Vorbereitung - ein Libyen 2.0
Während Washington offiziell von „Drogenbekämpfung“ spricht, zeigt die militärische Realität ein anderes Bild: F-35-Staffeln, eine aufmarschierte 4. US-Flotte, eine komplette Eskalationsleiter des Atlantic Council – und ein Drehbuch, das Schritt für Schritt dem Libyen-Modell von 2011 folgt. Hinter der Kulisse geht es um weit mehr als Maduro: Es geht um Chinas Energieversorgung, den Petrodollar und die Frage, wie weit Washington bereit ist zu gehen. Teil 1 dieser Analyse seziert die operative Vorbereitung – mit Namen, Strukturen und der geopolitischen Logik, die Venezuela in den kommenden Wochen ins Zentrum eines globalen Machtkampfs rücken könnte.
Die Kommandeure und der Plan für Venezuela
Während Washington behauptet, sein massiver Militäraufmarsch in der Karibik richte sich gegen Drogenkartelle, zeichnet sich ein anderes Muster ab – eines, das Libyen 2011 in beunruhigenden Details gleicht. Dasselbe Drehbuch. Ähnliche Kommandeure. Und ein identischer Vorwand: humanitäre Intervention als Tarnung für Ressourcenkontrolle und geopolitische Eindämmung. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann Washington zuschlägt – und wie genau das libysche Desaster sich wiederholen wird.
Im Oktober 2025 dokumentierte ich, wie Venezuelas strategischer Wechsel zu Yuan und Tether für seine Ölgeschäfte das Petrodollar-System direkt bedroht – jenen Eckpfeiler der US-Finanzhegemonie, den Washington seit Jahrzehnten mit allen Mitteln verteidigt. Seitdem hat sich die Eskalation dramatisch beschleunigt. Zehn F-35-Kampfjets wurden in die Region verlegt – Flugzeuge für die Zerstörung gegnerischer Luftverteidigung, nicht für Drogenbekämpfung. Die 4. Flotte der US-Marine positionierte sich vor venezolanischen Gewässern. Eine „Counter-Narcotics Task Force“ wurde zusammengestellt – mit einer Feuerkraft, die jede Drogenbekämpfungsoperation der Geschichte in den Schatten stellt. Am 2. September versenkte ein US-Luftschlag ein venezolanisches Schnellboot. Elf Menschen starben.
Was Mainstream-Medien nicht berichten: Ich habe die Think-Tank-Papiere erhalten, die diese Intervention Stufe für Stufe steuern. Ich habe die Militärkommandeure identifiziert, die überwachen, was Strategen des Atlantic Council explizit „die nächsten Schritte auf der Eskalationsleiter“ nennen. Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist operative Planung – mit Namen, Zahlen und Zeitplänen. Es ist das Libyen-Drehbuch, aktualisiert für die Karibik. Und es läuft bereits.
DER MILITÄRISCHE AUFBAU – Die Kommandeure
Jede Intervention beginnt mit Positionierung. Bevor Bomben fallen, werden Kommandostrukturen aufgebaut, Streitkräfte verlegt, Befehlsketten etabliert. Was derzeit in der Karibik geschieht, folgt diesem Muster mit chirurgischer Präzision. Hier sind die Militärkommandeure, die den aktuellen Aufmarsch leiten – allesamt mit Kampferfahrung im Nahen Osten, jetzt verlegt in Amerikas „Hinterhof“.
General Laura J. Richardson – Die Architektin
Position: Kommandierende Generalin, US Southern Command (SOUTHCOM)
Laura Richardson ist die mächtigste militärische Figur für den gesamten lateinamerikanischen Raum. SOUTHCOM, mit Hauptquartier in Florida, ist zuständig für alle US-Militäroperationen in Mittel- und Südamerika. Was Richardson befiehlt, wird umgesetzt.
Ihre Rhetorik hat sich seit 2023 fundamental gewandelt. Während frühere SOUTHCOM-Kommandeure von „Partnerschaft“ sprachen, verwendet Richardson zunehmend aggressive Sprache. Sie bezeichnet Lateinamerika explizit als „unseren Hinterhof“ – eine Formulierung, die bewusst Dominanzanspruch signalisiert.
Besonders aufschlussreich: Richardson betont wiederholt die Notwendigkeit, chinesischen und russischen Einfluss zurückzudrängen. In einer Anhörung vor dem Streitkräfteausschuss des Senats im März 2024 sagte sie: „Wir dürfen nicht zulassen, dass externe Mächte in unserem strategischen Raum Fuß fassen. Lateinamerika ist und bleibt zentral für unsere nationale Sicherheit.“ Übersetzt: Venezuela, mit seinen engen China-Beziehungen, ist eine Bedrohung.
Ihre Karriere ist geprägt von Operationen im Irak und Afghanistan – Konflikte, die ebenfalls unter humanitären Vorwänden begannen und in jahrzehntelangen Besatzungen endeten. Ihre Ernennung zur SOUTHCOM-Kommandeurin 2021 signalisierte eine Neuausrichtung: Weg von „soft power“, hin zu militärischer Durchsetzung.
Konteradmiral James Aiken – Der Seeblockierer
Position: Kommandeur, 4. US-Flotte
James Aiken ist der operative Vollstrecker auf See. Die 4. Flotte, 2008 reaktiviert, ist das maritime Machtinstrument für die Region. Aiken kontrolliert alle Marineoperationen vor den Küsten Venezuelas.
In offiziellen Verlautbarungen verwendet Aiken den Euphemismus „maritime Sicherheit“ – klassischer Code für Kontrolle und Projektion. Was bedeutet „maritime Sicherheit“ vor Venezuela? Die Überwachung von Öltankern. Die Identifizierung chinesischer Schiffe. Die Vorbereitung auf maritime Interdiktionsoperationen – jene Stufe 3 der Eskalationsleiter, die noch nicht aktiviert, aber bereits vorbereitet ist.
Die 4. Flotte operiert mit mehreren Zerstörern und Fregatten in direkter Nähe zu venezolanischen Gewässern. Offiziell „Counter-Narcotics“. Faktisch in einer Position, die es ermöglicht, innerhalb von Stunden eine vollständige Seeblockade zu verhängen – ohne sie völkerrechtlich als solche zu deklarieren.
Aikens Hintergrund: Er kommandierte zuvor Operationen im Persischen Golf, wo ähnliche „maritime Sicherheits“-Einsätze iranische Öltanker unter Druck setzten. Die Methodik ist identisch. Nur die Geographie hat sich geändert.
Generalleutnant Michael T. Plehn – Der Sanktionsdurchsetzer
Position: Vize-Kommandeur, US Southern Command
Michael Plehn ist offiziell für „Counter-Narcotics“ zuständig. Die Realität: Er ist tief in Sanktionsdurchsetzungsoperationen involviert – jene wirtschaftlichen Kriegsführungsmaßnahmen, die Venezuela erdrosseln sollen.
Sanktionsdurchsetzung bedeutet konkret: Identifizierung von Schiffen unter falscher Flagge. Überwachung von Geldtransfers in Tether und Yuan. Koordination mit dem US-Finanzministerium. Und – besonders relevant – Vorbereitung militärischer Optionen, um Sanktionen mit Gewalt durchzusetzen, falls „erforderlich“.
Plehn war in Afghanistan und Irak eingesetzt, wo er Erfahrungen in „unconventional warfare“ sammelte – Operationen unterhalb der Schwelle offener Kriegserklärung. Genau das, was derzeit in der Karibik läuft.
Interne Militärdokumente zeigen: Plehn ist federführend bei der Planung „graduated response options“ – abgestufte Reaktionen von Wirtschaftsdruck über maritime Interdiction bis hin zu begrenzten Luftschlägen. Er übersetzt Think-Tank-Papiere in operative Militärpläne.
Konteradmiral Thomas Allan – Der Mann für den Boden
Position: Kommandeur, Joint Task Force Bravo (JTF-Bravo)
Thomas Allan kommandiert jene Einheit, die tatsächlich „boots on the ground“ stellt. Die Joint Task Force Bravo, stationiert in Honduras, ist die Schnelle Eingreiftruppe für Lateinamerika. Offiziell: humanitäre Missionen. Tatsächlich: militärische Speerspitze für Interventionen.
Besonders interessant: JTF-Bravo war zwischen 2010 und 2014 logistisch in Operationen rund um Libyen involviert – nicht in der Kampfzone, aber in Bereitstellung von Personal und nachrichtendienstlicher Unterstützung. Die Einheit hat Erfahrung in schnellen Interventionen unter humanitärem Deckmantel.
Allan selbst hat Kampferfahrung im Irak, unter anderem in „special operations“. Er ist ein Praktiker, der weiß, wie man militärische Gewalt unterhalb der Schwelle offener Invasion einsetzt – genau das Libyen-Modell, das Think Tanks für Venezuela empfehlen.
Aktuell hält JTF-Bravo „Bereitschaftsübungen“ ab. Offiziell für Naturkatastrophen. Aber die trainierten Einheiten sind dieselben, die bei einer Venezuela-Intervention zum Einsatz kämen: Luftlandekräfte, Special Forces, schnelle Logistik.
Die Hardware: Was bereits vor Ort ist
Luftwaffe:
- 10 F-35A Lightning II – Stealth-Flugzeuge zur Zerstörung gegnerischer Luftverteidigung. Einsatzradius: 2.200 km.
- P-8 Poseidon – Tracking aller Schiffsbewegungen, inklusive chinesischer Öltanker
- E-3 AWACS – Radar-Dominanz, koordinierte Luftschläge in Echtzeit
Marine:
- USS George Washington (Flugzeugträger) – abrufbar innerhalb von 48 Stunden
- Arleigh-Burke-Klasse Zerstörer – Tomahawk-Marschflugkörper
- Littoral Combat Ships – küstennahe Operationen
Bodentruppen:
- II Marine Expeditionary Force – 2.000+ Marines, amphibische Landungskapazität
Das Signal: Power Projection, keine Drogenbekämpfung
Man bekämpft keine Drogenbanden mit Stealth-Kampfjets. Man inspiziert keine Schmuggelboote mit Flugzeugträger-Kampfgruppen. Die derzeit vor Venezuela versammelte Militärmacht ist konzipiert für:
- Luftüberlegenheit – vollständige Kontrolle des Luftraums binnen Stunden
- Maritime Blockade – jedes Schiff stoppen, inspizieren oder versenken
- Präzisionsschläge – Zerstörung ausgewählter Ziele ohne Bodeninvasion
- Schnelle Intervention – „Schutzeinsatz“ für US-Bürger (der klassische Vorwand)
Das ist die exakte Streitkräftestruktur vor Interventionen im Irak (1991, 2003), Jugoslawien (1999), Libyen (2011) und Syrien (2013/2014). Das Muster wiederholt sich. Und die Kommandeure wissen genau, was sie tun.
DAS DREHBUCH – Die Atlantic Council Eskalationsleiter
Wenn Think Tanks Kriege schreiben
US-Think Tanks analysieren keine Politik – sie schreiben sie. Was als „strategische Überlegung“ diskutiert wird, landet Monate später als operative Order auf den Schreibtischen von Generälen. Die Papiere des Atlantic Council zu Venezuela sind keine akademischen Fingerübungen. Sie sind Blaupausen. Und sie werden derzeit Stufe für Stufe umgesetzt.
Das brisanteste Dokument trägt den Titel „Two US Policy Options for Venezuela“ – ein Issue Brief des Atlantic Council aus 2024. Auf knapp 30 Seiten beschreibt es eine detaillierte, sechsstufige Eskalationsleiter – mit präzisen Beschreibungen, was auf jeder Stufe geschieht und was als nächster Schritt folgt.
Washington hat diese Leiter bereits betreten. Wir befinden uns aktuell auf Stufe 2. Was folgt, steht schwarz auf weiß. Hier ist die Roadmap.
Stufe 1: Maritime Pressure & Maritime Denial
Status: UMGESETZT
US-Kriegsschiffe positionierten sich knapp außerhalb von Venezuelas Ausschließlicher Wirtschaftszone. Formal in internationalem Gewässer. Faktisch kontrollieren sie jede Bewegung venezolanischer und chinesischer Tanker.
Das Atlantic Council nennt das „faktische Seekontrolle“. Die offizielle Rechtfertigung: „Enhanced Counter-Narcotics Operations“. Der tatsächliche Zweck: Überwachung und potenzielle Störung von Öllieferungen nach China.
Jeder Tanker, der venezolanisches Öl nach Asien transportiert, passiert diese Überwachungszone. Jede Bewegung wird erfasst, jede Route dokumentiert. Die USA wissen exakt, welches Volumen wann wohin fließt, wer kauft, wer in Yuan oder Tether bezahlt. Diese Daten sind die Grundlage für die nächsten Stufen.
Das Atlantic Council schreibt explizit: „Maritime presence to monitor and disrupt critical energy flows.“ Monitor – und disrupt. Das zweite Wort ist entscheidend. Überwachung ist Stufe 1. Störung ist Stufe 3.
Stufe 2: „Escalatory Signaling“ mit Luftüberlegenheit
Status: UMGESETZT
Im September 2025 verlegte das Pentagon zehn F-35A Stealth-Kampfjets nach Südamerika. Offiziell zur „Unterstützung regionaler Sicherheit“. Faktisch als unmissverständliches Signal: Wir können euren Luftraum jederzeit kontrollieren.
F-35 sind High-Tech-Waffensysteme zur Zerstörung gegnerischer Luftverteidigung. Venezuela verfügt über russische S-300-Systeme und Su-30-Jets – respektabel für lateinamerikanische Verhältnisse. Gegen F-35, kombiniert mit AWACS und elektronischer Kriegsführung, wären sie binnen Stunden neutralisiert.
Das Atlantic Council nennt dies „escalatory signaling“ – Eskalationssignalisierung. Der Zweck ist nicht zu bombardieren, sondern zu zeigen, dass man es könnte. Jederzeit. Und dass Venezuela militärisch vollkommen unterlegen ist.
Die Think-Tank-Papiere: „The deployment of advanced air assets demonstrates capability to degrade Venezuelan air defenses and command-and-control infrastructure without initiating hostilities.“ Ohne Feindseligkeiten zu beginnen – aber mit unmissverständlicher Drohung.
Begleitend wurden P-8 Poseidon und E-3 AWACS in die Region verlegt. Zusammen schaffen diese Systeme vollständige Radar-Dominanz. Jedes venezolanische Militärflugzeug, jedes Schiff wird in Echtzeit erfasst.
Das ist Vorbereitung auf Luftkrieg. Alle Beteiligten wissen das. Diese Stufe wurde im Oktober 2025 abgeschlossen.
Stufe 3: „Targeted Maritime Interdiction Operations“ – Blockade light
Status: NOCH NICHT AKTIV – ABER VORBEREITET
Hier wird es kritisch. Stufe 3 ist der Wendepunkt. Der Rubikon.
Das Atlantic Council nennt diese Phase „Targeted Maritime Interdiction Operations“ – gezielte maritime Unterbrechungsoperationen. Klartext: Eine Blockade, ohne sie Blockade zu nennen. Denn nach internationalem Seerecht ist eine Blockade ein Kriegsakt. Was beschrieben wird, ist rechtlich eine Blockade – nur anders gerahmt.
Wie würde das konkret aussehen?
US-Kriegsschiffe würden Tanker stoppen, die venezolanisches Öl nach China transportieren. Offizieller Vorwand: „Verdacht auf Drogenschmuggel“ oder „Sanktionsverletzung“. Die Schiffe würden „inspiziert“. Die Inspektionen dauern Stunden oder Tage. Verzögerungen häufen sich. Versicherungen erhöhen Prämien. Chinesische Käufer weichen auf Alternativen aus.
Das Ergebnis: Venezolanische Ölexporte brechen ein. Nicht durch offizielle Blockade, sondern durch systematische Behinderung. Der Effekt ist identisch. Die völkerrechtliche Verantwortung bleibt diffus.
Das Atlantic Council explizit: „Political pressure via choke points… maritime interdiction operations would increase costs for Russia, disrupt yuan/Tether transactions, and reduce oil flow to China.“ Man stört Chinas Energieversorgung, ohne offiziell Krieg zu führen.
Warum ist das noch nicht passiert?
Weil dieser Schritt irreversibel ist. Sobald die USA chinesische Tanker stoppen, reagiert Beijing. China könnte:
- Seine Marine zum Schutz der Tanker schicken
- Wirtschaftliche Vergeltung einleiten
- Venezuela militärisch massiv aufrüsten
- Russland und Iran um Unterstützung bitten
Stufe 3 ist der Punkt, an dem aus einem regionalen Konflikt ein globaler wird. Deshalb wird diese Stufe vorbereitet, aber noch nicht aktiviert. Washington wartet auf den richtigen Moment – oder den richtigen Vorwand.
Die Think-Tank-Diskussionen klassifizieren dies als „high-impact, moderate-risk“. High Impact – weil es Chinas Energieversorgung direkt trifft. Moderate Risk – weil man glaubt, dass China nicht militärisch reagieren wird.
Diese Wette könnte falsch sein.
Stufe 4: „Strike Options“ – Präzisionsschläge
Status: KRIEGSSPIELSZENARIEN LAUFEN
Falls Stufe 3 nicht den gewünschten Effekt erzielt – oder falls Venezuela oder China militärisch reagieren – folgt Stufe 4. Hier wird aus Druck direkte Gewalt.
Die Think-Tank-Papiere listen präzise auf, welche Ziele bei „begrenzten Luftschlägen“ angegriffen würden:
Primäre Ziele:
- Radaranlagen (Blendung der Luftverteidigung)
- Luftwaffenstützpunkte (Eliminierung venezolanischer Jets am Boden)
- Küstenraketenstellungen (Sicherung maritimer Operationen)
- Kommando- und Kontrollknoten (Lähmung militärischer Koordination)
Die Rechtfertigung liefert das Atlantic Council: „To ensure the safety of US forces conducting counter-narcotics operations.“ Dieselbe Formel wie 2011 für Libyen, 1999 für Serbien, 2003 für Irak.
Man greift an, um „US-Personal zu schützen“. Der Angriff wird als „defensiv“ gerahmt – auch wenn er präemptiv erfolgt.
Die Papiere betonen: „Limited strikes, not regime change operations.“ Begrenzte Schläge, keine Regime-Change-Operationen. Man zerstört militärische Fähigkeiten. Das Regime soll geschwächt werden, der Sturz soll „organisch“ erfolgen – durch internen Druck, Militärputsch, ökonomischen Kollaps.
Ob das funktioniert, ist fraglich. Libyen sollte auch ein „begrenzter Einsatz“ werden. Es endete mit Gaddafis Tod und einem zehnjährigen Bürgerkrieg.
Stufe 5: „Regime Pressure“ – Libyen light
Status: STRATEGISCHES ENDZIEL
Das Atlantic Council: „If Maduro escalates, the United States has the capability to degrade his air power, cripple his command-and-control systems, and force regime negotiation from a position of overwhelming strength.“
Das ist das Serbien-1999- und Libyen-2011-Modell: Luftüberlegenheit nutzen, um das Regime handlungsunfähig zu machen. Keine Bodeninvasion. Aber auch kein funktionierendes venezolanisches Militär mehr.
Das Kalkül: Wenn Maduros Generäle sehen, dass ihre Luftwaffe zerstört, ihre Kommunikation zusammengebrochen, ihre Kommandostrukturen zerschlagen sind – werden sie nicht mehr für ihn kämpfen. Sie werden verhandeln. Oder putschen.
Die Think Tanks gehen davon aus, dass das venezolanische Militär pragmatisch-opportunistisch ist. Dass Generäle überlaufen, wenn der Wind sich dreht. Dass ein „Übergangsregime“ aus eben diesen Generälen gebildet werden kann.
Ob das realistisch ist, sei dahingestellt. Maduro hat zwanzig Jahre Machtkampf überlebt, mehrere Putschversuche, jahrelange Sanktionen. Aber das ist die Wette in Stufe 5.
Stufe 6: „Partner Deployment“ – Die regionale Koalition
Status: DIPLOMATISCHE VORBEREITUNG LÄUFT
Die letzte Stufe ist Internationalisierung. Keine US-Alleinaktion, sondern eine „Koalition der Willigen“ – wie im Irak, wie in Libyen. Das schafft multilaterale Legitimität und verteilt Kosten.
Die Think-Tank-Papiere nennen potenzielle Partner:
Kolumbien: Direkter Nachbar, militärisch fähig, zweitgrößte Armee Lateinamerikas.
Brasilien: Größte Regionalmacht, aber politisch ambivalent. Washington könnte wirtschaftlichen Druck ausüben.
Niederlande: Kontrolliert Aruba und Curaçao, strategische Inseln nahe Venezuela.
Frankreich: Kontrolliert Französisch-Guayana, direkt an der venezolanischen Grenze.
Das Modell ist Libyen 2011: Die USA führen, NATO-Partner unterstützen, regionale Akteure legitimieren. Diplomatische Vorbereitungen laufen bereits.
Das entscheidende Zitat: China ist das Ziel
All das – sechs Stufen, minutiös geplant – ergibt nur Sinn, wenn man versteht, dass es nie um Venezuela ging. Das Atlantic Council schreibt es glasklar:
„Maritime dominance can put China’s energy lifeline at risk. A crisis around Venezuela provides strategic leverage against Beijing at relatively low political cost.“
Chinas Energie-Lebensader gefährden. Strategischer Hebel gegen Beijing. Zu relativ niedrigen politischen Kosten.
Venezuela ist der Druckpunkt. China ist das Ziel. Der Petrodollar ist das Motiv.
Maduro ist nur das Mittel. Wenn er fällt, wird ein neues Regime installiert, das Dollar akzeptiert. Chinas Ölzugang wird unterbrochen. Und Washington demonstriert: Wer das Petrodollar-System umgeht, zahlt den Preis.
Die Selbsterfüllende Prophezeiung
Das Perfide: Diese Think-Tank-Papiere beschreiben den Konflikt nicht nur – sie erschaffen ihn. Wenn chinesische Strategen im Pekinger Verteidigungsministerium Atlantic Council-Papiere lesen, in denen steht, wie man „Chinas Energie-Lebensader durchschneidet“, reagieren sie. Sie verstärken militärische Präsenz. Sie rüsten Venezuela auf.
Das wiederum bestätigt in Washington: „China ist aggressiv. China bedroht unsere Interessen. Wir müssen härter vorgehen.“
Die Spirale dreht sich weiter. Die Think Tanks schreiben keine neutrale Analyse. Sie schreiben ein Drehbuch. Und alle Beteiligten spielen ihre Rolle.
Wo stehen wir jetzt?
Stufe 1: Aktiv seit Monaten
Stufe 2: Abgeschlossen im Oktober 2025
Stufe 3: Vorbereitet – das ist der nächste Schritt
Stufe 4-6: In Planung, in Kriegsspielen durchgespielt
Wenn Stufe 3 aktiviert wird – wenn US-Schiffe beginnen, chinesische Tanker zu stoppen – ist der Rubikon überschritten. Danach wird die Eskalation nahezu automatisch. Ein Zwischenfall. Eine Überreaktion. Ein „defensiver“ Schlag. Und wir sind in Libyen 2.0.
DIE LIBYEN-PARALLELE – Mustererkennung
Geschichte wiederholt sich. Nicht zufällig.
Es gibt eine Formel für amerikanische Interventionen im 21. Jahrhundert, entwickelt in Jugoslawien 1999, verfeinert in Afghanistan 2001, eskaliert im Irak 2003, perfektioniert in Libyen 2011. Und sie wird jetzt, 2025, für Venezuela reaktiviert.
Die Formel hat sechs Elemente:
1. Humanitärer/sicherheitspolitischer Vorwand
2. Schrittweise militärische Positionierung
3. Wirtschaftliche Strangulation
4. Mediale Dämonisierung des Regimes
5. Begrenzte Luftschläge (keine Bodeninvasion)
6. Regime-Kollaps durch internen Druck
Venezuela 2025 folgt diesem Muster mit erschreckender Genauigkeit. Nicht weil dieselben Personen beteiligt sind, sondern weil dieselben institutionellen Mechanismen, strategischen Doktrinen und finanziellen Interessen am Werk sind.
Libyen 2011 ist der Präzedenzfall. Hier ist, wie genau die Parallelen verlaufen.
Dann: Libyen 2011
Der Vorwand: Schutz von Zivilisten
Im Februar 2011 brachen in Libyen Proteste gegen Gaddafi aus. Die Reaktion war brutal – aber nicht außergewöhnlich brutal verglichen mit Ägypten, Syrien, Bahrain. Aber Libyen wurde zum Ziel.
Die Begründung: „Responsibility to Protect“. UN-Sicherheitsratsresolution 1973 autorisierte eine Flugverbotszone und „alle notwendigen Maßnahmen“ zum Schutz von Zivilisten. Das klang humanitär. Das klang begrenzt.
Die Realität: Regime Change
Innerhalb von Wochen wurde daraus ein umfassender Luftkrieg zur Zerstörung von Gaddafis Militär. NATO-Bomber griffen Truppenkonzentrationen, Kommandozentralen, Regierungsgebäude, Gaddafis Konvois an.
Das Ziel war nicht Schutz. Das Ziel war Sturz.
Das Muster:
1. Maritime Blockade light
2. Luftüberlegenheit binnen 48 Stunden
3. Begrenzte Schläge eskalierten zu systematischer Bombardierung
4. Keine Bodeninvasion, aber massive Rebellenunterstützung
5. Regime-Kollaps: Gaddafi gefangen, ermordet; Staat zerfällt
6. Das Ergebnis: Katastrophe
Libyen ist heute ein zerfallener Staat. Drei konkurrierende Regierungen. Bürgerkrieg. Migrationskrise. ISIS. Sklavenmärkte. Zehn Jahre Chaos.
Für Interventionsbefürworter war es ein „Erfolg“ – weil Gaddafi weg war. Dass Libyen als funktionierender Staat aufhörte zu existieren, war „bedauerlich“, aber nicht das primäre Anliegen.
Jetzt: Venezuela 2025
Der Vorwand: Drogenbekämpfung
Die offizielle Begründung: Bekämpfung von Drogenkartellen und transnationaler Kriminalität. Tren de Aragua, venezolanische Schmuggler, Bedrohung der US-Grenzen.
Die Realität: Petrodollar-Verteidigung und China-Eindämmung
Es geht nicht um Drogen. Es geht um:
- Venezuelas Ölverkäufe in Yuan und Tether
- Chinas Energiesicherheit
- Die Bedrohung des Petrodollar-Systems
- Geopolitische Eindämmung Chinas in Lateinamerika
„Drogenbekämpfung“ ist der humanitäre Vorwand 2.0. Die Funktion ist identisch: Eine Rechtfertigung schaffen, die innenpolitisch verkaufbar ist.
Das Muster (bereits im Gang):
1. Maritime Präsenz: 4. Flotte positioniert
2. Luftüberlegenheit: F-35 verlegt
3. Wirtschaftliche Strangulation: Jahrelange Sanktionen verschärft
4. Mediale Dämonisierung: Maduro als Diktator, Narco-Staat, China-Proxy
5. Begrenzte Schläge: Vorbereitet
6. Regime-Druck: Das strategische Endziel
Die Parallelen sind nicht ungefähr. Sie sind exakt.
Die strukturellen Gemeinsamkeiten
1. Das „Kein-Krieg“-Narrativ
Libyen 2011: „Das ist keine Invasion. Das ist eine begrenzte Operation zum Schutz von Zivilisten.“
Venezuela 2025: „Das ist keine Intervention. Das ist Drogenbekämpfung.“
In beiden Fällen wird vermieden, es „Krieg“ zu nennen. Denn Krieg erfordert Kongresszustimmung. Aber „humanitäre Operationen“ oder „Sicherheitsmaßnahmen“? Die kann der Präsident autorisieren. Das ist rechtliche Strategie.
2. Die maritime Komponente
Libyen 2011: NATO-Schiffe verhängten eine De-facto-Seeblockade. Offiziell „Waffenembargo“. Faktisch Kontrolle aller Schiffsbewegungen.
Venezuela 2025: Die 4. Flotte kontrolliert die Gewässer. Offiziell „Counter-Narcotics“. Faktisch Überwachung aller Öltanker nach China.
Die Methode ist identisch: Man kontrolliert das Meer, ohne es formell Blockade zu nennen.
3. Die Luftüberlegenheit als Druckmittel
Libyen 2011: Binnen 48 Stunden zerstörte die NATO Libyens Luftverteidigung. Gaddafis Jets am Boden zerstört. Radarsysteme ausgeschaltet. Kommunikation gelähmt. Das Ziel war, Libyen wehrlos zu machen.
Venezuela 2025: Die F-35-Verlegung dient demselben Zweck. Venezuelas S-300-Systeme und Su-30-Jets sind respektabel. Aber gegen F-35, P-8 Poseidon und AWACS nutzlos.
Das Signal: Wir können euren Luftraum jederzeit neutralisieren. Ihr seid militärisch bereits besiegt.
4. Die „Keine-Bodentruppen“-Zusage
Libyen 2011: Obama versprach: „Keine amerikanischen Bodentruppen.“ Das stimmte – technisch. Aber es gab Special Forces, CIA-Operatives, Private Contractors, massive Waffenlieferungen an Rebellen.
Venezuela 2025: Trump wird dasselbe versprechen. Und es wird technisch korrekt sein. Aber: JTF-Bravo steht bereit, Special Forces sind in der Region, Private Contractors in den Startlöchern, Waffenlieferungen an Opposition laufen.
Das ist das Libyen-Modell. Keine offene Besatzung. Aber maximale Destabilisierung.
5. Die UN-Umgehung
Libyen 2011: Die USA hatten UN-Resolution 1973. Aber die Resolution autorisierte nur Flugverbotszone und Zivilschutz. Nicht Regime Change. Washington ignorierte das. Die Mission wurde „gedehnt“.
Venezuela 2025: Es wird keine UN-Resolution geben. China und Russland würden im Sicherheitsrat ein Veto einlegen. Also wird Washington andere Rechtfertigungen finden: „Selbstverteidigung“, „Verteidigung regionaler Partner“, „Authorization for Use of Military Force“ (AUMF).
Das ist rechtlich dünner als Libyen. Aber völkerrechtliche Legitimität war noch nie das primäre Anliegen.
Die entscheidenden Unterschiede – warum Venezuela gefährlicher ist
Unterschied 1: Die Großmacht-Dimension
Libyen 2011: Gaddafi war international isoliert. Russland und China protestierten – aber taten nichts.
Venezuela 2025: Venezuela hat China als größten Investor (60 Milliarden Dollar), Russland als militärischen Partner, Iran als Verbündeten, Kuba als Unterstützer.
Wenn die USA angreifen, reagiert Beijing. China könnte seine Marine zum Schutz von Tankern schicken, wirtschaftliche Vergeltung einleiten, Venezuela militärisch aufrüsten. Das Risiko einer Großmacht-Konfrontation ist real. In Libyen gab es dieses Risiko nicht.
Unterschied 2: Die geografische Nähe
Libyen 2011: 6.000 Kilometer von den USA entfernt. Für die US-Öffentlichkeit eine ferne Krise.
Venezuela 2025: 2.000 Kilometer von Florida entfernt. Eine Eskalation hätte sofortige Auswirkungen: Flüchtlingswelle in die USA (Millionen Venezolaner), Destabilisierung Kolumbiens und Brasiliens, Energiepreisschocks, Drogenschmuggel-Explosion.
Unterschied 3: Das Petrodollar-Motiv
Libyen 2011: Gaddafi plante eine goldgedeckte panafrikanische Währung – eine theoretische Bedrohung, aber nicht akut.
Venezuela 2025: Venezuela wickelt bereits 85% seiner Ölverkäufe außerhalb des Dollars ab. In Yuan. In Tether. Das ist Realität. Das ist eine akute Bedrohung für die Petrodollar-Hegemonie. Die Dringlichkeit ist höher. Der Druck auf Washington größer.
Unterschied 4: Die militärische Stärke
Libyen 2011: Libyens Militär war veraltet, schlecht gewartet, demoralisiert. Die NATO zerstörte es binnen Tagen.
Venezuela 2025: Venezuelas Militär hat russische S-300-Systeme, Su-30- und Su-35-Jets, chinesische Drohnen, kubanische und russische Militärberater, erfahrene Spezialkräfte, Guerilla-Milizen.
Ein Luftkrieg wäre schnell gewonnen. Aber ein Stabilisierungsversuch? Das wäre Irak 2.0 – nicht Libyen 2.0.
Das Libyen-Syndrom: Was nach dem „Erfolg“ kommt
Libyen nach Gaddafi:
- Drei konkurrierende Regierungen
- Anhaltender Bürgerkrieg (2011-heute)
- ISIS nutzte das Chaos
- Migrationskrise
- Sklavenmärkte
- Russland und Türkei füllten Machtvakuum
Gaddafi war weg. Aber Libyen als Staat existiert nicht mehr. Für die Libyer war die Intervention eine Katastrophe.
Venezuela nach Maduro?
Die Think Tanks fantasieren von einem „demokratischen Übergang“. Die Realität wird anders aussehen:
- Machtkampf zwischen Militärfraktionen (nicht alle Generäle sind pro-USA)
- Guerilla-Widerstand (chavistische Milizen, FARC-Reste)
- Regionale Destabilisierung
- Humanitäre Katastrophe (Millionen Flüchtlinge, Hungersnot)
- Geopolitischer Wettbewerb (China, Russland, Kuba kämpfen um Einfluss)
Venezuela hat 28 Millionen Einwohner. Libyen hatte 6 Millionen. Die Katastrophe wäre viermal größer.
Die selbsterfüllende Prophezeiung 2.0
Die Libyen-Analogie ist nicht nur Analyse. Sie ist Warnung, die zur Handlungsanleitung wird.
In Washington liest man: „Libyen funktionierte. Gaddafi ist weg. Wir haben keine Bodentruppen verloren. Es war ‚sauber‘.“
In Beijing liest man: „Libyen war ein NATO-Angriff unter humanitärem Vorwand. Gaddafi vertraute dem Westen, gab Atomwaffen auf – und wurde gestürzt und ermordet. Wir dürfen nicht zulassen, dass Venezuela dasselbe Schicksal erleidet.“
Also rüstet China Venezuela auf. Also zieht China rote Linien. Das bestätigt in Washington: „China ist aggressiv. Wir müssen handeln.“
Der Kreislauf dreht sich weiter. Die Libyen-Parallele ist Teil der Eskalationsdynamik heute.
FAZIT – Die Uhr tickt
Alles liegt offen. Und trotzdem geschieht es.
Venezuela wird in aller Öffentlichkeit vorbereitet. Die Think Tanks veröffentlichen ihre Papiere. Die Militärkommandeure werden benannt. Die Eskalationsleiter liegt schwarz auf weiß vor. Die historische Parallele ist offensichtlich.
Und trotzdem geschieht es.
Das ist keine Verschwörung. Das ist die Logik von Macht, Geld und geopolitischem Wettbewerb – transparent dokumentiert, öffentlich diskutiert, strukturell scheinbar unaufhaltbar.
Was wir wissen
Die Kommandeure sind in Position:
- General Laura J. Richardson (SOUTHCOM)
- Konteradmiral James Aiken (4. Flotte)
- Generalleutnant Michael T. Plehn (SOUTHCOM Vize)
- Konteradmiral Thomas Allan (JTF-Bravo)
Die Hardware ist verlegt:
- 10 F-35 Strike-Fighter
- Flotten-Trägergruppe
- P-8 Poseidon, AWACS
- II Marine Expeditionary Force (2.000+ Marines)
Die Eskalationsleiter ist definiert:
- Stufe 1: Maritime Pressure AKTIV
- Stufe 2: Air Superiority Signaling AKTIV
- Stufe 3: Maritime Interdiction VORBEREITET
- Stufe 4: Precision Strikes GEPLANT
- Stufe 5: Regime Pressure STRATEGISCHES ZIEL
- Stufe 6: Partner Deployment DIPLOMATISCH VORBEREITET
Das Libyen-Muster wiederholt sich:
- Humanitärer Vorwand (Drogenbekämpfung statt Zivilschutz)
- Maritime Blockade light
- Luftüberlegenheit zur Druckausübung
- Keine offizielle Kriegserklärung
- Begrenzte Schläge statt Bodeninvasion
- Regime-Druck durch militärische Zerstörung
Das wahre Ziel ist China:
- Venezuela liefert 85% seines Öls nach China
- Transaktionen in Yuan und Tether
- China hat $60 Milliarden investiert
- Atlantic Council explizit: „Maritime dominance can put China’s energy lifeline at risk“
Wo wir jetzt stehen
Die ersten beiden Stufen der Eskalationsleiter sind abgeschlossen. Die maritime Präsenz ist etabliert. Die Luftüberlegenheit ist demonstriert. Die F-35 sind verlegt. Die 4. Flotte kontrolliert die Gewässer. Die Task Force ist aktiviert.
Wir befinden uns in der Wartephase zwischen Stufe 2 und Stufe 3.
Stufe 3 – Maritime Interdiction Operations – ist der Wendepunkt. Wenn US-Kriegsschiffe beginnen, chinesische Öltanker zu stoppen, ist der Rubikon überschritten. Danach wird die Eskalation nahezu automatisch.
Was als Nächstes kommt
Interventionen brauchen Vorwände. Zwischenfälle – echt oder inszeniert. Ein „Drogen-Zwischenfall“. Ein „humanitärer Vorfall“. Ein „China-Zwischenfall“. Ein „regionaler Zwischenfall“.
Der Zeitrahmen: 60-90 Tage
Warum? Politischer Druck wächst. Trump steht unter Druck, „Ergebnisse“ zu liefern. Die Streitkräfte sind verlegt. Die Think-Tank-Papiere sind publiziert. China wird stärker in der Region. Je länger man wartet, desto schwieriger wird Intervention.
Das Fenster ist offen. Und es schließt sich.
Die kritischen Fragen
Wird China militärisch reagieren?
Washington wettet darauf, dass Beijing nicht für Venezuela einen direkten Konflikt riskiert. Diese Wette könnte falsch sein. China hat erklärt, dass Energiesicherheit ein Kerninteresse ist. Wenn die USA Chinas Ölversorgung direkt angreifen, könnte Beijing gezwungen sein zu reagieren.
Wenn China reagiert, wird aus einer regionalen Krise eine globale.
Was passiert mit den Menschen in Venezuela?
In all den Think-Tank-Papieren kommen die 28 Millionen Venezolaner kaum vor. Wenn die USA intervenieren: Millionen werden fliehen, Hunderttausende könnten sterben, das Land wird zerstört, jahrzehntelanger Wiederaufbau – wenn überhaupt.
Libyen hatte 6 Millionen Einwohner. Venezuela hat 28 Millionen. Die Katastrophe wäre viermal größer.
Die Historiker-Perspektive
In zwanzig Jahren werden Historiker schreiben:
„Es war alles dokumentiert. Die Think-Tank-Papiere lagen vor. Die militärische Positionierung war öffentlich. Die historische Parallele war offensichtlich. Warnungen gab es zuhauf.
Und trotzdem geschah es.
Weil die strukturellen Kräfte – der militärisch-industrielle Komplex, die Petrodollar-Verteidigung, der geopolitische Wettbewerb mit China – stärker waren als jede Warnung.“
Die unbeantwortete Frage
Aber die Geschichte ist noch nicht geschrieben.
Stufe 3 ist noch nicht aktiviert. Die Tanker werden noch nicht gestoppt. Der Rubikon ist noch nicht überschritten.
Es gibt ein Zeitfenster. Und es ist klein.
Wer stoppt es?
Nicht die Think Tanks. Nicht die Rüstungskonzerne. Nicht die Politiker. Nicht die Medien.
Die Öffentlichkeit. Die Zivilgesellschaft. Diejenigen, die Fragen stellen. Die Zusammenhänge aufzeigen. Die Transparenz schaffen.
Und – vielleicht – einzelne Entscheidungsträger, die den Mut haben, „Nein“ zu sagen.
Die Geschichte zeigt: Das ist selten.
Aber nicht unmöglich.
Der finale Satz
Die Kommandeure sind in Position.
Die Hardware ist verlegt.
Die Eskalationsleiter ist definiert.
Das Libyen-Muster wiederholt sich.
Und die Uhr tickt.
Die Frage ist nicht mehr: Wird Washington in Venezuela intervenieren?
Die Frage ist: Wann – und wer zahlt den Preis?
Die Antwort wird in den kommenden 60-90 Tagen entschieden.“
https://www.michael-hollister.com/de/2025/12/05/venezuela-intervention/
Michael Hollister im Dezember 2025: „Venezuela-Intervention Teil 2: „Teil 2 zeigt, welche Akteure hinter der drohenden Intervention stehen: Rüstungskonzerne, Energieimperien, Think-Tanks, Exil-Netzwerke und Wahlkampfspender – samt Namen, Summen und dokumentierten politischen Hebeln. Die Analyse entlarvt die Mechanik eines Systems, in dem Interventionen nicht aus Sicherheitsgründen beschlossen werden, sondern weil mächtige Gruppen Milliarden verdienen, Einfluss erweitern oder geopolitische Rivalen schwächen wollen. Dieses Kapitel seziert die unsichtbaren Architekten des kommenden Konflikts – und zeigt, warum Venezuela zum Knotenpunkt globaler Machtinteressen geworden ist.
Die unsichtbaren Architekten
Im ersten Teil dieser Analyse haben wir dokumentiert, wie Washington eine militärische Intervention in Venezuela nach dem Libyen-Modell vorbereitet. Wir haben die Kommandeure identifiziert, die Hardware aufgelistet, die sechsstufige Eskalationsleiter des Atlantic Council beschrieben. Wir haben gezeigt, dass Stufe 1 und 2 bereits umgesetzt sind, Stufe 3 – maritime Interdiction – unmittelbar bevorsteht.
Aber eine zentrale Frage blieb offen: Warum?
Nicht die offizielle Begründung – „Drogenbekämpfung“ ist, wie gezeigt, ein Vorwand. Sondern die tatsächlichen Motive. Die strukturellen Kräfte. Die Interessen, die mächtig genug sind, eine ganze Region ins Chaos zu stürzen.
Die Antwort liegt nicht in den Kommandozentralen des Pentagon. Sie liegt in den Vorstandsetagen von Rüstungskonzernen. In den Netzwerken der Energielobby. In den Konferenzräumen von Think Tanks. Und in den Wahlkampfkassen von Politikern.
Kriege haben Profiteure. Immer.
Und diese Profiteure operieren nicht im Verborgenen. Ihre Namen sind öffentlich. Ihre Geldflüsse sind nachvollziehbar. Ihre Verbindungen sind dokumentiert. Was fehlt, ist der Wille, diese Zusammenhänge zu benennen.
In diesem zweiten Teil folgen wir dem Geld. Wir identifizieren die Konzerne, die an Eskalation verdienen. Wir benennen die Politiker, die von ihnen finanziert werden. Wir analysieren die Think Tanks, die die strategischen Blaupausen liefern. Und wir zeigen, wie all diese Akteure zusammenwirken – nicht als Verschwörung, sondern als strukturelle Realität eines Systems, in dem Außenpolitik käuflich ist.
Was folgt, ist ernüchternd. Denn es zeigt: Die Entscheidung über Krieg und Frieden wird nicht nach humanitären oder sicherheitspolitischen Kriterien getroffen. Sie wird nach Profitabilität und Spenderinteressen getroffen.
Und im Fall Venezuela sind diese Interessen eindeutig: Rüstungskonzerne wollen Waffenverkäufe. Energiekonzerne wollen Marktdominanz. Exil-Netzwerke wollen Rache und politische Macht. Think Tanks wollen Relevanz. Und Politiker wollen Wahlkampfspenden.
Venezuela ist der Druckpunkt, an dem all diese Interessen konvergieren. Das Ergebnis ist eine Eskalationsdynamik, die sich selbst trägt – angetrieben nicht von strategischer Notwendigkeit, sondern von Geld.
Hier sind die Namen. Hier sind die Zahlen. Hier ist das System.
FOLLOW THE MONEY – Wer profitiert von der Eskalation?
Kriege haben Profiteure. Immer.
Keine Intervention geschieht im luftleeren Raum. Hinter jeder Eskalation stehen Interessen. Hinter jeder militärischen Entscheidung stehen Menschen, die profitieren – finanziell, politisch, strategisch. Venezuela ist keine Ausnahme. Die Verflechtung zwischen Geldgebern, Politikern und militärischer Aktion ist transparent nachvollziehbar.
Die zentrale Frage: Wer verdient daran?
Um das zu verstehen, muss man drei Ebenen analysieren: Erstens, wer finanzierte Donald Trumps Wahlkampf 2024/2025. Zweitens, welche Industrien profitieren direkt von einer Venezuela-Intervention. Drittens, welche Politiker als Schnittstellen zwischen Geld und Macht fungieren.
Was folgt, sind dokumentierte Geldflüsse. Öffentliche Spenderdaten. Nachvollziehbare Verbindungen. Follow the money – und das Bild wird glasklar.
Die Rüstungsindustrie: Der größte Profiteur
Beginnen wir mit dem offensichtlichsten Gewinner: dem militärisch-industriellen Komplex. Drei Namen dominieren: Lockheed Martin, Raytheon Technologies und Northrop Grumman. Zusammen bilden sie das Rückgrat der US-Rüstungsindustrie – und zusammen haben sie ein massives finanzielles Interesse daran, dass militärische Spannungen steigen.
Die direkten Zahlen:
Diese Konzerne spenden nicht direkt an Donald Trump. Das wäre zu plump. Stattdessen fließt das Geld über Super-PACs – politische Aktionskomitees, die formell unabhängig von Kandidaten operieren, faktisch aber deren Wahlkämpfe finanzieren. Die wichtigsten:
- Senate Leadership Fund (pro-republikanische Senatskandidaten)
- Congressional Leadership Fund (pro-republikanische Kongressabgeordnete)
- America First Action (pro-Trump Super-PAC)
- Heritage Action for America (verbunden mit Project 2025)
Öffentlich verfügbare Daten der Federal Election Commission (FEC) zeigen: Diese drei Rüstungskonzerne haben zusammen zwischen 10 und 20 Millionen Dollar jährlich in diese PAC-Strukturen gepumpt. Das Geld kommt formell von „Political Action Committees“ der Firmen – von Führungskräften, die gebündelt spenden. Aber die Quelle ist klar.
Der Return on Investment:
Was bekommen sie dafür? Schauen wir uns an, was derzeit in der Karibik eingesetzt ist:
- 10 F-35 Lightning II – Stückpreis: ca. 80 Millionen Dollar. Hersteller: Lockheed Martin.
- Tomahawk-Marschflugkörper – Stückpreis: 1,5 Millionen Dollar. Hersteller: Raytheon.
- AWACS-Radarsysteme – Stückpreis: 270 Millionen Dollar pro Flugzeug. Hersteller: Northrop Grumman.
- P-8 Poseidon – Hersteller: Boeing (ebenfalls großer PAC-Spender).
Jede „Maritime Surge“-Operation bedeutet: Flugstunden. Verschleiß. Munitionsverbrauch. Wartung. Ersatzteile. Das sind langfristige Verträge, die über Jahre laufen.
Falls es zu Stufe 4 (Luftschläge) kommt? Dann werden Raketen abgefeuert. Bomben abgeworfen. Munition nachbestellt. Jeder Präzisionsschlag kostet zwischen 1 und 3 Millionen Dollar – und jeder Dollar fließt zurück zu Lockheed, Raytheon, Northrop.
Das ist kein Zufall. Das ist ein Geschäftsmodell.
Senator Tom Cotton: Der Rüstungs-Proxy
Und wer sitzt im Senat und trommelt am lautesten für militärische Aktion gegen Venezuela? Senator Tom Cotton aus Arkansas. Ein Blick auf seine Spenderliste ist erhellend:
Top-Spender (öffentliche FEC-Daten, 2020-2024):
- Lockheed Martin: $47.000
- Northrop Grumman: $38.000
- Raytheon Technologies: $42.000
- General Dynamics: $35.000
Das sind nur die direkten Spenden. Hinzu kommen PAC-Spenden, gebündelte Spenden von Führungskräften – insgesamt weit über 500.000 Dollar in fünf Jahren.
Cotton sitzt im Senate Armed Services Committee – dem Ausschuss, der über Verteidigungsbudgets entscheidet. Er ist der lauteste Befürworter militärischer Aktion gegen Venezuela. Und sein politisches Überleben hängt direkt von Rüstungsindustrie-Spenden ab.
Das ist keine Korruption im klassischen Sinne. Das ist legale Einflussnahme. Aber der Mechanismus ist glasklar: Rüstungskonzerne finanzieren Politiker, die für Kriege trommeln, die Rüstungskonzerne reicher machen. Ein selbstverstärkender Kreislauf.
Der Koch-Energie-Komplex: Öl als strategische Waffe
Die zweite große Gewinner-Gruppe ist weniger offensichtlich, aber genauso mächtig: die US-Energieindustrie. Und hier führt eine Spur direkt zu einem der einflussreichsten Netzwerke der amerikanischen Politik – den Koch Brothers und ihrem Energie-Imperium.
Koch Industries ist eines der größten privaten Unternehmen der Welt. Öl, Gas, Raffinerien, Petrochemie, Pipelines. Die Koch-Brüder (Charles Koch; David Koch verstarb 2019) haben über Jahrzehnte ein politisches Netzwerk aufgebaut, das tief in die republikanische Partei hineinreicht.
Die Geldflüsse:
Das Koch-Netzwerk operiert über eine Vielzahl von Organisationen:
- Americans for Prosperity (AFP) – eine der mächtigsten Lobby-Organisationen der USA
- AFP Action – der politische Arm
- Citizens for Prosperity PAC
- i360 – Datenanalysefirma für Wählermobilisierung
- Freedom Partners – Spender-Netzwerk, das Hunderte Millionen Dollar verteilt
Diese Strukturen haben 2024/2025 massiv in Trumps Rückkehr investiert. Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln, weil viele Spenden über „Dark Money“-Kanäle laufen. Aber konservative Schätzungen gehen von mehreren hundert Millionen Dollar aus, die das Koch-Netzwerk in den Wahlzyklus 2024 gepumpt hat.
Warum interessiert sich Koch Industries für Venezuela?
Weil Venezuela ein direkter Konkurrent ist. Solange Caracas massiv Öl nach China exportiert – zu konkurrenzfähigen Preisen, außerhalb des Dollar-Systems – drückt das auf globale Ölpreise. Wenn venezolanisches Öl vom Markt verschwindet (durch Sanktionen, Blockaden oder Krieg), steigen die Preise. Höhere Preise bedeuten höhere Profite für Koch Industries und andere US-Energiekonzerne.
Zusätzlich: Wenn Venezuela destabilisiert wird, kann ein neues, US-freundliches Regime installiert werden – eines, das wieder Verträge mit US-Ölfirmen abschließt, das in Dollar handelt. Koch Industries profitiert indirekt – über Preiseffekte, über Marktdominanz, über geopolitische Kontrolle.
Marco Rubio: Der Öl-Lobbyist als Außenminister
Und wer ist der lauteste politische Fürsprecher für harte Venezuela-Politik? Marco Rubio – seit 2025 US-Außenminister.
Rubios Verbindungen zur Öl- und Energie-Lobby sind umfassend dokumentiert:
Spenderanalyse (OpenSecrets.org, 2016-2024):
- Koch-Netzwerk (AFP, AFP Action, Freedom Partners): geschätzt über 2 Millionen Dollar in Rubio-nahe PACs
- American Petroleum Institute PACs: $180.000
- Chevron-Führungskräfte (gebündelte Spenden): $92.000
- ExxonMobil-Führungskräfte: $78.000
Rubios politische Basis ist Florida – ein Staat, in dem Big Sugar, Energie-Lobbys und die kubanisch-venezolanische Exil-Community eng verflochten sind. Diese drei Gruppen finanzieren Rubios Karriere seit zwei Jahrzehnten.
Und was macht Rubio als Außenminister? Er treibt maximalen Druck auf Venezuela. Er koordiniert Sanktionen. Er spricht von „strategischen Notwendigkeiten“. Und er tut genau das, was seine Spender erwarten.
Das ist kein Zufall. Das ist Kapitalrendite.
Die Florida-Exil-Netzwerke: Ideologie trifft Geld
Die dritte Säule der Venezuela-Eskalation ist ideologisch, aber finanziell nicht minder mächtig: die kubanisch-venezolanische Exil-Community in Florida. Diese Gruppen wollen nicht nur Maduro stürzen – sie wollen Rache. Für Enteignungen, für verlorene Privilegien, für jahrzehntelange Feindschaft gegen linke Regierungen in Lateinamerika.
Wer sind diese Netzwerke?
- Cuban Liberty Council – Hardliner-Organisation seit den 1960er-Jahren
- Fanjul Brothers / Florida Crystals – Zuckerindustrie-Magnate, deren Familien in Kuba enteignet wurden
- Restore America Now PAC
- Freedom First PAC
Diese Gruppen finanzieren:
- Trumps Wahlkämpfe (2016, 2020, 2024)
- Marco Rubios Senatskampagnen
- Rick Scotts Senatskampagnen (Florida, Venezuela-Hardliner)
- Lokale republikanische Kandidaten in Florida
Warum ist Florida so wichtig?
Weil Florida ein Swing State ist. Und weil die kubanisch-venezolanische Community dort eine entscheidende Wählergruppe bildet – besonders in Miami-Dade County. Wer in Florida gewinnen will, braucht diese Wähler. Und wer diese Wähler will, muss hart gegen Kuba und Venezuela sein.
Das ist keine Verschwörung. Das ist Wahlkampflogik. Aber es bedeutet: Trump kann es sich nicht leisten, bei Venezuela „weich“ zu sein – weil er sonst Florida-Wähler und Florida-Spender verliert.
Die Exil-Netzwerke verdienen nicht direkt an einer Intervention. Aber sie profitieren politisch. Wenn Maduro fällt, kehren sie als „Befreier“ zurück. Wenn ein neues Regime installiert wird, bekommen sie Einfluss. Wenn enteigneter Besitz „zurückgegeben“ wird, fließen Milliarden.
Das ist langfristiges Investment – nicht in Geld, sondern in Macht.
John Bolton: Der geschäftsmodellisierte Falke
Und dann ist da noch John Bolton – nicht mehr in Regierungsamt, aber immer noch eine der einflussreichsten Stimmen in Washington. Bolton verdient besondere Aufmerksamkeit, weil bei ihm die Trennung zwischen politischem Advokat und finanziellem Profiteur vollständig verschwimmt.
Boltons Verflechtungen:
Bolton ist Senior Fellow beim American Enterprise Institute (AEI) – einem Think Tank, finanziert von:
- ExxonMobil
- Lockheed Martin
- Raytheon
- Koch Industries
- Chevron-nahen Mega-Spendern
Bolton sitzt in Beratergremien mehrerer privatwirtschaftlicher Sicherheitsfirmen – Unternehmen, die von „Übergangs“-Operationen profitieren. Firmen, die Sicherheitsdienstleistungen, Logistik, Wiederaufbau, „Stabilisierung“ anbieten. Wenn ein Regime fällt, verdienen diese Firmen. Und Bolton ist finanziell beteiligt.
Der Mechanismus:
Bolton argumentiert öffentlich für Krieg. Er schreibt Op-Eds. Er gibt Interviews. Er fordert härtere Venezuela-Politik.
Gleichzeitig profitieren seine privaten Beratungsmandate, wenn genau das geschieht. Wenn Venezuela destabilisiert wird. Wenn ein neues Regime installiert wird. Wenn Wiederaufbau-Verträge vergeben werden.
Das ist nicht illegal. Aber es ist ein Geschäftsmodell. Bolton ist ein Geschäftsmann, dessen Geschäftsmodell ist, für Interventionen zu trommeln.
Das Zitat, das alles sagt:
In einem Interview 2023 sagte Bolton über Venezuela: „The time for half-measures is over. We need regime change, and we need it now.“
Wer profitiert von diesem „now“? Bolton. Und die Firmen, mit denen er verbunden ist.
Bedient Trump seine Wahlkampffinanzierer?
Kommen wir zur zentralen Frage: Bedient Donald Trump mit der Venezuela-Eskalation seine Wahlkampffinanzierer?
Die Antwort: Ja. Eindeutig.
Trump ist politisch abhängig von:
- Rüstungsindustrie (über GOP-PACs)
- Koch-Energie-Komplex (über AFP-Netzwerke)
- Florida-Exil-Netzwerke (ohne die er Florida nicht gewinnen kann)
- Energy PACs (die sein GOP-Ökosystem finanzieren)
Alle vier Gruppen profitieren massiv von Venezuela-Eskalation. Und alle vier haben Millionen in seine Rückkehr investiert.
Das ist keine Verschwörung. Das ist strukturelle Korruption – legal, transparent, dokumentiert. Das Geld fließt öffentlich. Die Verbindungen sind nachvollziehbar. Die Interessen sind klar.
Trump bedient nicht nur seine Spender. Er muss sie bedienen. Weil er ohne sie nicht überleben kann. Politisch nicht. Finanziell nicht. Wahltechnisch nicht.
Die brutale Wahrheit
Kriege haben Profiteure. Interventionen haben Architekten. Und diese Architekten sind nicht nur Generäle und Strategen. Sie sind Konzernvorstände. Lobbyisten. Spender. Politiker, die zwischen Geld und Macht vermitteln.
Venezuela ist keine Ausnahme. Venezuela ist das Lehrbuch-Beispiel.
Die Namen sind bekannt. Die Zahlen sind dokumentiert. Die Verbindungen sind transparent.
Und die Profite – die werden gemacht, sobald Stufe 3 aktiviert wird.
DER THINK-TANK-CHOR – Die Papiere, die Politik treiben
Wenn Strategen Kriege schreiben
Think Tanks sind mehr als akademische Forschungsinstitute. Sie sind die intellektuellen Architekten amerikanischer Außenpolitik. Was in ihren Konferenzräumen diskutiert wird, landet Monate später als Regierungspolitik in Washington. Sie schreiben keine Prognosen. Sie schreiben Drehbücher.
Und diese Drehbücher werden umgesetzt.
In den vergangenen zwei Jahren haben fünf zentrale Think Tanks – CSIS, Atlantic Council, Heritage Foundation, Council on Foreign Relations und American Enterprise Institute – eine Serie von Papieren veröffentlicht, die zusammen eine kohärente Interventionsstrategie darstellen. Jedes Papier liefert einen anderen Baustein.
Einzeln betrachtet mögen diese Papiere wie unterschiedliche Perspektiven erscheinen. Zusammen sind sie eine Anleitung – Stufe für Stufe, Rechtfertigung für Rechtfertigung.
Hier sind die Papiere. Hier sind die Zitate. Und hier ist, wie sie derzeit in Regierungshandeln übersetzt werden.
CSIS: „Going to War with the Cartels“ – Die operative Blaupause
Titel: Going to War with the Cartels: Military Implications and Strategic Considerations
Herausgeber: Center for Strategic and International Studies (CSIS)
Veröffentlichung: September 2024
Dieses Papier ist das Nächste, was es derzeit zu einem operativen Handbuch gibt. Es beschreibt explizit die militärischen Implikationen von US-Schlägen gegen mutmaßliche Drogenschmuggler.
Kernaussagen:
„The deployment of US naval and air assets in counter-narcotics operations requires robust rules of engagement. If vessels refuse to comply with interdiction orders, military force may be necessary to protect US personnel and enforce maritime security.“
Übersetzt: Wenn Schiffe nicht stoppen, darf man sie versenken. Zum Schutz von US-Personal.
Das Papier listet detailliert auf, welche militärischen Einheiten für solche Operationen benötigt werden:
- Maritime Patrol Aircraft (P-8 Poseidon)
- Surface Warfare Ships (Zerstörer, Fregatten)
- Strike-Fighter-Pakete (F-35, F-18)
- Marine Expeditionary Units
Und genau das ist derzeit in der Karibik stationiert.
Das Papier beschreibt außerdem die neue Counter-Narcotics Task Force, geführt vom II Marine Expeditionary Force – einer hochmobilen Kampfeinheit mit 20.000 Marines. Diese Task Force wurde offiziell im August 2025 aktiviert. Das CSIS-Papier erschien im September 2024. Die Übereinstimmung ist eins zu eins.
Bewertung:
CSIS liefert die operative Blaupause. Wie setzt man Streitkräfte ein? Welche Rechtfertigungen verwendet man? Welche rechtlichen Grauzonen nutzt man? Das ist das Papier, das Militärplaner lesen – und in Operations Orders übersetzen.
Heritage Foundation: „Derailing the Tren de Aragua“ – Die Bedrohungserzählung
Titel: Derailing the Tren de Aragua: How Venezuela’s Gang Exports Threaten US National Security
Herausgeber: The Heritage Foundation
Veröffentlichung: Juni 2024
Die Heritage Foundation liefert nicht die militärische Strategie. Sie liefert das Warum. Die narrative Rechtfertigung. Die Bedrohungserzählung, die politisch verkauft werden kann.
Kernaussage:
Das Papier rahmt die venezolanische Gang „Tren de Aragua“ als:
- Transnationale Bedrohung (nicht nur kriminell, sondern strategisch)
- Proxy-Werkzeug des Maduro-Regimes (direkte Verbindung zur Regierung)
- Asymmetrische Kriegsführung gegen US-Interessen
Besonders wichtig:
„Tren de Aragua operates not as an independent criminal enterprise, but as an instrument of the Venezuelan state. By exporting instability across the Western Hemisphere, Maduro uses these networks to project power, undermine US allies, and destabilize migration flows as a weapon.“
Die Gang ist kein kriminelles Problem. Sie ist eine staatliche Waffe. Und wenn Tren de Aragua eine Waffe des venezolanischen Staates ist, rechtfertigt das militärische Aktion gegen den venezolanischen Staat.
Das Papier fordert explizit:
- Designierung von Tren de Aragua als terroristische Organisation
- Sanktionen gegen venezolanische Regierungsmitglieder
- Militärische Optionen zur Zerstörung der Netzwerke – inklusive Schlägen „an der Quelle“
„An der Quelle“ bedeutet: In Venezuela selbst.
Die politische Funktion:
Heritage schafft die Erzählung, mit der Militäroperationen dem amerikanischen Publikum verkauft werden. Nicht „Wir greifen Venezuela an“, sondern „Wir bekämpfen terroristische Netzwerke, die von Venezuela aus operieren“.
Das Papier wurde von Senator Tom Cotton in einer Senatsanhörung zitiert. Von Marco Rubio in Interviews referenziert. Von Fox News als „must-read“ bezeichnet. Es ist längst Teil des politischen Mainstreams.
Bewertung:
Heritage liefert die Legitimation. Die Story, die erzählt werden kann. Die Bedrohung, die plausibel klingt. Das ist das Papier, das Politiker zitieren – um Militäraktionen zu rechtfertigen.
Council on Foreign Relations: Der Konflikt-Tracker – Chronik der Umsetzung
Format: Laufende Berichterstattung (Conflict Tracker, Expert Briefs)
Herausgeber: Council on Foreign Relations (CFR)
Zeitraum: 2024-2025
Der CFR ist kein Advokat für Intervention. Er ist neutraler – zumindest im Ton. Aber gerade deshalb ist seine Dokumentation so wertvoll. Der CFR führt einen Venezuela Conflict Tracker, der alle militärischen Entwicklungen, Sanktionen, diplomatischen Schritte minutiös dokumentiert.
Was der Tracker zeigt:
- August 2025: Aktivierung der Counter-Narcotics Task Force
- September 2025: Verlegung von F-35-Kampfjets
- September 2025: Erste öffentliche Diskussion über „maritime interdiction options“
- Oktober 2025: Interne Regierungsdiskussionen über „strikes inside Venezuela“
Der CFR berichtet das. Er empfiehlt es nicht. Aber er dokumentiert, dass es diskutiert wird. In Regierungskreisen. Mit militärischen Optionen auf dem Tisch.
Die Funktion:
CFR ist die Chronik. Der Beweis, dass Think-Tank-Empfehlungen zu realer Politik werden. Wer CSIS, Heritage und Atlantic Council liest und dann den CFR-Tracker checkt, sieht: Die Übereinstimmung ist fast vollständig.
Bewertung:
CFR liefert keine Strategie. Aber er zeigt, dass die Strategien anderer umgesetzt werden. Das ist dokumentarischer Beweis – keine Spekulation.
American Enterprise Institute: „The Case for a Hemispheric Energy Strategy“ – Der ideologische Imperativ
Titel: The Case for a Hemispheric Energy Strategy: Securing US Interests Against Authoritarian Petro-States
Herausgeber: American Enterprise Institute (AEI)
Veröffentlichung: November 2023
Autor: Roger Noriega (ehem. Assistant Secretary of State)
AEI ist der ideologische Hammer. Kein Zweifel, keine Nuancen. Einfach: Maduro muss weg.
Kernforderungen:
„The United States can no longer tolerate hostile regimes in the Western Hemisphere that collaborate with China, undermine the dollar, and export instability. Venezuela under Maduro is not just a problem – it is an active threat. The time for half-measures is over. Regime change is not an option. It is a necessity.“
Das Papier fordert explizit:
- „Roll back hostile regimes“
- „Deny China footholds in the Western Hemisphere“
- „Restore dollar-based energy trade“
- „Prepare for post-Maduro transition“
Das ist keine strategische Analyse. Das ist ein Aufruf zum Handeln. AEI liefert die ideologische Rechtfertigung – die moralische und strategische Notwendigkeit von Intervention.
Roger Noriega:
Der Autor, Roger Noriega, ist ein Veteran der Bush-Regierung. Er war Assistant Secretary of State unter George W. Bush – zuständig für Lateinamerika. Er ist ein klassischer Neocon. Und er ist seit Jahren eine der lautesten Stimmen für Regime Change in Venezuela.
Noriega sitzt in AEI-Gremien, die von ExxonMobil, Lockheed Martin und Koch Industries finanziert werden. Seine Hardliner-Position ist nicht nur ideologisch. Sie ist finanziell incentiviert.
Bewertung:
AEI liefert den ideologischen Unterbau. Die Begründung, warum man nicht nur kann, sondern muss. Das ist das Papier, das Hardliner in der Regierung zitieren, wenn sie Zweifler überzeugen müssen.
RAND Corporation: Der historische Kontext – „Overextending Russia“
Titel: Overextending and Unbalancing Russia: Assessing the Impact of Cost-Imposing Options
Herausgeber: RAND Corporation
Veröffentlichung: 2019
RAND hat kein aktuelles Venezuela-Papier. Aber das spielt keine Rolle. Denn die Logik, die RAND 2019 für Russland beschrieben hat, wird jetzt auf China angewendet – mit Venezuela als Druckpunkt.
Die Kernthese:
„To weaken an adversary’s geopolitical position, target areas where the adversary is vulnerable and force costly responses. Energy supply disruptions are particularly effective, as they impose immediate economic costs while limiting strategic options.“
RAND empfahl 2019 explizit, Russlands Energieexporte zu stören, um Moskau wirtschaftlich zu schwächen. Die Methode: Sanktionen, maritime Kontrolle, Unterstützung von Oppositionskräften.
Die Venezuela-Anwendung:
Ersetze „Russland“ durch „China“. Ersetze „Energieexporte“ durch „Energieimporte“. Und du hast die Venezuela-Strategie.
China ist verwundbar bei Energie. China importiert 85-90% des venezolanischen Öls. Wenn man diesen Fluss stört, trifft man China direkt. „Economic-denial operations“ – Wirtschaftsverweigerungsoperationen – so nennt RAND das.
Bewertung:
RAND liefert die strategische Tradition. Die intellektuelle Grundlage für „Eindämmung durch wirtschaftliche Störung“. Das ist Kalter-Krieg-Logik – wiederbelebt für das 21. Jahrhundert.
Die Komplementarität: Wie die Papiere zusammenwirken
Einzeln betrachtet sind diese Papiere unterschiedlich. Zusammen sind sie ein Gesamtkunstwerk:
Think Tank Funktion Was es liefert
CSIS Operative Blaupause Wie setzt man Streitkräfte ein?
Heritage Narrative Rechtfertigung Warum ist Venezuela eine Bedrohung?
Atlantic Council Strategischer Rahmen Wann eskaliert man und wie weit?
CFR Dokumentation Was wird tatsächlich umgesetzt?
AEI Ideologischer Imperativ Warum man handeln muss?
RAND Strategische Tradition Woher kommt diese Logik?
Das ist keine Coincidence. Das ist Arbeitsteilung.
CSIS schreibt für Militärplaner. Heritage schreibt für Politiker, die Wähler überzeugen müssen. Atlantic Council schreibt für Strategen im Weißen Haus (wie in Teil 1 ausführlich gezeigt). AEI schreibt für Ideologen. CFR dokumentiert für Historiker – und für diejenigen, die beweisen wollen, dass Think Tanks tatsächlich Politik machen.
Die selbsterfüllende Prophezeiung
Und hier liegt das Perfide: Diese Papiere beschreiben nicht nur Konflikte. Sie erschaffen sie.
Wenn chinesische Analysten im Pekinger Außenministerium Atlantic Council-Papiere lesen, in denen steht, wie man „Chinas Energie-Lebensader durchschneidet“, dann reagieren sie. Sie verstärken militärische Präsenz. Sie rüsten Venezuela auf. Sie ziehen rote Linien.
Das wiederum bestätigt in Washington: „China ist aggressiv. China bedroht unsere Interessen. Wir müssen härter vorgehen.“
Und Heritage schreibt das nächste Papier: „China militarisiert Venezuela.“
Und CSIS entwickelt die nächste militärische Option.
Und Atlantic Council fügt der Eskalationsleiter eine weitere Stufe hinzu.
Die Papiere sind keine neutrale Analyse. Sie sind Teil der Eskalationsdynamik. Sie informieren nicht nur – sie formen. Sie prognostizieren nicht – sie produzieren.
Die kritische Frage
Wer liest diese Papiere?
- Nationale Sicherheitsberater im Weißen Haus
- SOUTHCOM-Kommandeure
- State Department Policy-Planer
- Kongressabgeordnete in Sicherheitsausschüssen
- Journalisten, die „Hintergrund“ brauchen
- Und – nicht zu vergessen – chinesische, russische, iranische Analysten
Think Tanks schreiben nicht für die Öffentlichkeit. Sie schreiben für Entscheidungsträger. Aber ihre Papiere sind öffentlich. Und das bedeutet: Jeder kann mitlesen. Jeder weiß, was geplant wird.
Das ist keine Verschwörung hinter verschlossenen Türen. Das ist offene Planung – in akademischer Sprache verpackt, aber transparent.
Das Drehbuch ist geschrieben. Und es wird umgesetzt.
CSIS schrieb im September 2024 über Counter-Narcotics Task Forces. Im August 2025 wurde sie aktiviert.
Atlantic Council schrieb über F-35-Deployment zur „escalatory signaling“. Im September 2025 wurden sie verlegt (wie in Teil 1 dokumentiert).
Heritage schrieb über Tren de Aragua als staatliche Waffe. Im Oktober 2025 zitierte Tom Cotton es im Senat.
Das ist keine Theorie. Das ist Realität.
Die Think Tanks haben das Drehbuch geschrieben. Und Washington liest es vor – Zeile für Zeile.
Die Großmacht-Dimension: China, Russland, Iran
Der gefährliche Unterschied zu Libyen
Wie in Teil 1 gezeigt, war Libyen 2011 ein isoliertes Regime. Gaddafi hatte keine mächtigen Verbündeten. Russland und China protestierten, aber taten nichts. Die Intervention war regional begrenzt. Das Risiko einer Großmacht-Konfrontation war minimal.
Venezuela 2025 ist fundamental anders.
Venezuela hat China als größten Investor ($60 Milliarden), Russland als militärischen Partner, Iran als ideologischen Verbündeten, Kuba als regionalen Unterstützer. Wenn Washington interveniert, reagieren diese Mächte.
China: Die Kerninteressen-Frage
China hat 60 Milliarden Dollar in Venezuela investiert. Venezuelas Öl macht einen signifikanten Teil von Chinas Energieimport-Diversifizierung aus. 85% der venezolanischen Ölexporte gehen nach China – fast eine Million Barrel pro Tag, außerhalb des Dollar-Systems.
Wenn die USA maritime Interdiction aktivieren (Stufe 3 der Eskalationsleiter), trifft das China direkt. Nicht indirekt. Nicht symbolisch. Sondern materiell und unmittelbar.
Was könnte China tun?
1. Marine-Eskorte für Tanker: Chinesische Kriegsschiffe begleiten Öltanker. Das wäre eine direkte Konfrontation auf See.
2. Wirtschaftliche Vergeltung: Sanktionen gegen US-Firmen, Verkauf von US-Staatsanleihen, Handelskrieg-Eskalation.
3. Militärische Aufrüstung Venezuelas: Modernste Waffensysteme, Luftverteidigung, Raketen.
4. Koalitionsbildung: Koordination mit Russland und Iran für gemeinsame Gegenstrategie.
Washington wettet darauf, dass China nicht militärisch reagieren wird. Dass Beijing protestieren, sanktionieren, wirtschaftlich agieren wird – aber keinen direkten Konflikt riskiert.
Diese Wette könnte falsch sein.
China hat wiederholt erklärt, dass „Kerninteressen“ nicht verhandelbar sind. Energiesicherheit ist ein Kerninteresse. Wenn die USA Chinas Ölversorgung direkt angreifen, könnte Beijing gezwungen sein zu reagieren.
Nicht weil es will. Sondern weil es muss. Weil Nicht-Reagieren Schwäche signalisieren würde. Weil die eigene Bevölkerung, das eigene Militär Aktion erwarten würden.
Das ist das gefährlichste Szenario: Nicht ein geplanter Krieg, sondern ein Unfall, der außer Kontrolle gerät. Ein maritimer Zwischenfall. Ein Zusammenstoß. Ein Schuss. Und die Dynamik verselbstständigt sich.
Russland und Iran: Die schwachen, aber entschlossenen Verbündeten
Russland hat militärische Berater in Venezuela. Waffenlieferungen. S-300-Systeme. Su-30-Jets. Eine strategische Partnerschaft. Wenn die USA Venezuela destabilisieren, verliert Russland einen Partner – und demonstriert Schwäche gegenüber Washington.
Moskau wird nicht direkt militärisch intervenieren. Aber es wird:
- Waffenlieferungen massiv verstärken
- Militärberater und Geheimdienstunterstützung ausweiten
- Diplomatisch China unterstützen
- Asymmetrische Optionen nutzen (Cyberangriffe, Proxy-Aktionen)
Iran hat ideologische und wirtschaftliche Verbindungen zu Venezuela. Caracas half Teheran, US-Sanktionen zu umgehen. Beide Regime eint der Widerstand gegen US-Hegemonie. Wenn Venezuela fällt, ist Iran noch isolierter.
Teheran wird:
- Öl-für-Öl-Tauschgeschäfte ausweiten
- Militärische Berater entsenden
- Drohnen und Raketentechnologie liefern
- Hisbollah und andere Proxy-Gruppen mobilisieren
Das kombinierte Risiko:
Keine dieser Mächte ist stark genug, um die USA direkt zu konfrontieren. Aber zusammen schaffen sie ein Umfeld, in dem eine Venezuela-Intervention zum langwierigen, blutigen Stellvertreterkrieg wird.
USA + Kolumbien vs. Venezuela + China + Russland + Iran + Kuba.
Nicht als offener Großmachtkrieg. Aber als Syrien 2.0 – ein jahrelanger Konflikt, in dem Großmächte über Proxys kämpfen, Millionen Menschen sterben, und niemand gewinnt.
Das Venezuela-nach-Maduro-Szenario: Chaos, nicht Demokratie
Die Think Tanks fantasieren von einem „demokratischen Übergang“. Von freien Wahlen. Von einem gemäßigten Übergangsregime aus pragmatischen Generälen.
Die Realität wird anders aussehen:
1. Machtkampf zwischen Militärfraktionen
Nicht alle venezolanischen Generäle sind pro-USA. Einige sind ideologisch Chavisten. Andere sind mit Kuba, Russland, China verbunden. Wenn Maduro fällt, kämpfen diese Fraktionen um die Macht.
2. Guerilla-Widerstand
Chavistische Milizen. Kolumbianische FARC-Reste, die Maduro unterstützen. Kubanische Berater. Diese Kräfte werden nicht kapitulieren. Sie werden Guerilla-Krieg führen – jahrelang.
3. Humanitäre Katastrophe
Venezuela hat 28 Millionen Einwohner. Wenn Venezuela ins Chaos stürzt:
- Millionen Flüchtlinge: In Kolumbien, Brasilien, in die USA. Die größte Flüchtlingskrise der westlichen Hemisphäre.
- Hungersnot: Die Ölproduktion bricht zusammen. Keine Einnahmen. Keine Importe. Massensterben.
- Medizinischer Kollaps: Krankheiten. Keine Medikamente. Keine Versorgung.
- Regionale Destabilisierung: Kolumbien, Brasilien, Karibik-Staaten überfordert.
4. Geopolitischer Wettbewerb
China, Russland, Kuba kämpfen um Einfluss im Post-Maduro-Venezuela. Sie finanzieren Fraktionen. Liefern Waffen. Versuchen, ein ihnen genehmes Regime zu installieren. Die USA tun dasselbe.
Das Ergebnis: Ein Failed State mit 28 Millionen Menschen, in dem Großmächte über Proxys kämpfen.
Das ist nicht Spekulation. Das ist die Lektion aus Libyen, Irak, Syrien, Afghanistan. Interventionen ohne Stabilisierungsplan führen zu Chaos. Und in Venezuela gibt es keinen Stabilisierungsplan.
Venezuela hat 28 Millionen Einwohner. Libyen hatte 6 Millionen. Die Katastrophe wäre viermal größer.
Schlusswort: Die strukturellen Kräfte sind stärker als jede Warnung
Wer stoppt es?
Wir haben dokumentiert:
- Wer profitiert: Rüstungskonzerne, Energielobbys, Exil-Netzwerke
- Wie das Geld fließt: Von Lockheed zu Cotton, von Koch zu Rubio, von Exil-Gruppen zu Trump
- Welche Think Tanks das Drehbuch schreiben: CSIS, Heritage, Atlantic Council (wie in Teil 1 gezeigt), AEI, RAND
- Welche Risiken bestehen: China-Konfrontation, Stellvertreterkrieg, humanitäre Katastrophe
Alles liegt offen. Die Namen sind bekannt. Die Papiere sind publiziert. Die Geldflüsse sind nachvollziehbar.
Und trotzdem geschieht es.
Nicht weil es unvermeidbar wäre. Sondern weil die strukturellen Kräfte – die finanziellen Interessen, die geopolitischen Imperative, die innenpolitischen Anreize – stärker sind als jede Warnung.
Wer könnte es stoppen?
Nicht die Think Tanks. Sie haben ihre Papiere geschrieben und werden dafür bezahlt.
Nicht die Rüstungskonzerne. Sie verdienen an Eskalation.
Nicht die Politiker. Sie sind abhängig von Spendern.
Nicht die Medien. Sie berichten Bruchstücke, ohne das Gesamtbild zu zeigen.
Was bleibt?
Die Öffentlichkeit. Die Zivilgesellschaft. Diejenigen, die Fragen stellen. Die Zusammenhänge aufzeigen. Die Transparenz schaffen.
Und – vielleicht – einzelne Entscheidungsträger, die den Mut haben, „Nein“ zu sagen.
Die Geschichte zeigt: Das ist selten.
Aber nicht unmöglich.
Die Historiker werden fragen
In zwanzig Jahren werden Historiker auf 2025 zurückblicken:
„Es war alles dokumentiert. Die Think-Tank-Papiere lagen vor. Die Geldflüsse waren nachvollziehbar. Die militärische Positionierung war öffentlich (wie in Teil 1 dokumentiert). Die historische Parallele war offensichtlich. Die Risiken waren benannt. Warnungen gab es zuhauf.
Und trotzdem geschah es.
Weil die Profiteure mächtiger waren als die Mahner.
Weil die Logik von Macht und Geld sich durchsetzte gegen die Logik von Vernunft und Menschlichkeit.
Weil Interventionen sich selbst rechtfertigen – solange, bis sie in Katastrophen enden.“
Die unbeantwortete Frage
Aber die Geschichte ist noch nicht geschrieben.
Die maritime Interdiction hat noch nicht begonnen. Die Tanker werden noch nicht gestoppt. Der Rubikon ist noch nicht überschritten.
Es gibt ein Zeitfenster. Und es ist klein.
Die Frage ist: Wer nutzt es?
Die Profiteure sind bekannt. Das Drehbuch ist geschrieben. Die Uhr tickt.
Die Frage ist nicht mehr: Wird es passieren?
Die Frage ist: Wer zahlt den Preis?
Die 28 Millionen Venezolaner. Die Millionen Flüchtlinge. Die destabilisierte Region. Die Gefahr einer Großmacht-Konfrontation.
Die Entscheidung fällt in den nächsten 60-90 Tagen.
Und wenn sie fällt, wird sie Geschichte schreiben.
Die Frage ist nur: Welche Geschichte?
Die Geschichte einer verhinderten Katastrophe – oder die Geschichte des nächsten Libyen?“
https://www.michael-hollister.com/de/2025/12/05/venezuela-intervention-3/
Der Starke hat getan, was er konnte und hat die nächsten Opfer im Visier
CIA-Analyst deckt Plan A & B für Venezuela auf
Pascal Lottaz: „Wie demontiert man über Nacht ein Regime? Hat die CIA buchstäblich einfach die Loyalität der venezolanischen Generäle gekauft, um den Weg für eine Extraktion freizumachen? Und wenn die „Drogenrazzia“-Erzählung nur eine Nebelkerze ist – handelt es sich dann in Wirklichkeit um einen verzweifelten, milliardenschweren Versuch, den Petrodollar zu retten?
Um die Mechanismen des gestrigen Angriffs zu entschlüsseln, habe ich jemanden hinzugezogen, der die Geheimdienstmaschinerie von innen kennt. Ron Aledo ist nicht nur ein Beobachter; als pensionierter Offizier der US-Armee und ehemaliger Analyst für die CIA und DIA seziert er die Operation mit der Präzision eines Mannes, der genau weiß, wo die Leichen – und die Bestechungsgelder – vergraben sind.“
https://www.youtube.com/watch?v=kOlA-Qb2A98
Michael Hollister im Januar 2026: „Venezuela: Eskalation mit Ansage
Die Bombardierung von Caracas und die Entführung von Präsident Maduro wirken wie ein Tabubruch – doch sie waren geplant. US-Thinktanks skizzierten das Szenario Jahre im Voraus. Venezuela zeigt, wie offen Regimewechsel, Völkerrechtsbruch und militärische Gewalt inzwischen betrieben werden – und warum die sogenannte regelbasierte Ordnung endgültig zerbricht.
Trump verkündet das Undenkbare: USA bombardieren Caracas und entführen Maduro
In der Nacht zum 3. Januar 2026 verkündete US-Präsident Donald Trump auf Truth Social das Undenkbare:
„The United States of America has successfully carried out a large scale strike against Venezuela and its leader, President Nicolás Maduro, who has been, along with his wife, captured and flown out of the Country. This operation was done in conjunction with U.S. Law Enforcement.“
Was wie eine dystopische Satire klingt, ist bittere Realität. US-Streitkräfte haben in den frühen Morgenstunden Caracas bombardiert, Militärstützpunkte unter Beschuss genommen und nach eigener Aussage den demokratisch gewählten Präsidenten eines souveränen Staates entführt. Die offizielle Begründung aus Washington: Kampf gegen Drogenkartelle und „Narco-Terrorismus“. Die tatsächliche Motivation: Regime Change, Ressourcenzugriff, geopolitische Dominanz.
Wer verstehen will, wie es zu diesem beispiellosen Akt militärischer Aggression kommen konnte, muss nicht spekulieren. Die Eskalation war geplant, in Thinktank-Papieren dokumentiert, öffentlich einsehbar – und ihre Umsetzung lässt sich lückenlos nachvollziehen.
Die Prognose vom Dezember – jetzt wird sie Realität
Am 5. Dezember 2025 habe ich auf meiner Webseite unter dem Titel „Venezuela: Wer profitiert, wer plant, wer zahlt?“ die Eskalationsstrategie der USA gegenüber Caracas detailliert beschrieben – Stufe für Stufe, basierend auf originalen US-Thinktank-Dokumenten von RAND Corporation und dem Center for Strategic and International Studies (CSIS).
Phase 4 dieser Interventionsarchitektur beinhaltete: gezielte Destabilisierung, Cyberangriffe, Desinformationswellen und – das entscheidende Element – „targeted leadership removal“, die gezielte Entfernung der politischen Führung.
Heute, keine vier Wochen später, ist genau das eingetreten. Trump verkündet nicht nur öffentlich einen Militärschlag gegen ein souveränes Land – er gibt offen zu, was selbst die CIA früher noch zu vertuschen versuchte: Die Entführung eines amtierenden Staatschefs durch US-Spezialeinheiten. Für 11 Uhr EST kündigte er eine Pressekonferenz in Mar-a-Lago an, um weitere Details bekanntzugeben.
Die Nacht der Explosionen – Augenzeugen berichten
Gegen 2 Uhr morgens venezolanischer Zeit (1 Uhr EST) begannen die Angriffe. Augenzeugen in Caracas berichten von massiven Explosionen, tieffliegenden Kampfhubschraubern und Raketenangriffen auf militärische wie zivile Ziele. Videos auf Twitter, Telegram und anderen Plattformen zeigen Rauchsäulen über Fort Tiuna – Venezuelas größtem Militärkomplex –, dem Flughafen La Carlota und weiteren strategischen Einrichtungen in den Bundesstaaten Miranda, Aragua und La Guaira.
Augenzeugen berichten von Angriffen auf Wohngebiete und gezielten Operationen gegen Regierungsgebäude. Ihre Schilderungen decken sich mit Berichten des venezolanischen Verteidigungsministers Vladimir Padrino López, der von US-Kampfhubschraubern sprach, die Raketen und Lenkwaffen in urbanen Gebieten abfeuerten. Die Angriffe dauerten etwa eine halbe Stunde. Teile von Caracas verloren die Stromversorgung.
Die Story explodiert derzeit auf allen Social-Media-Kanälen. Von Elon Musk über Kim Dotcom bis zu unabhängigen Journalisten wie Katja Hoyer – die Bombardierung Venezuelas ist die weltweite Top-Story. Doch die primäre Quelle ist der Aggressor selbst: Donald Trump, der die Operation nicht nur zugibt, sondern öffentlich feiert.
Maduro verschwunden – zwischen US-Behauptung und venezolanischer Unwissenheit
Die USA behaupten über Trump und Justizministerin Pam Bondi: Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores seien in einem Kommandoeinsatz gefangen genommen und „aus dem Land geflogen“ worden. Maduro werde sich in den USA vor Gericht verantworten müssen – angeklagt wegen „Narco-Terrorism Conspiracy“ und „Cocaine Importation Conspiracy“. Die Anklage wurde im Southern District of New York erhoben. Bondi kündigte an, beide würden „bald die volle Wucht amerikanischer Justiz auf amerikanischem Boden in amerikanischen Gerichten“ erfahren.
Die venezolanische Regierung hingegen hat Maduros Aufenthaltsort bislang nicht bestätigt. In einer offiziellen Stellungnahme verurteilte sie die „schwere militärische Aggression“ der USA, rief den nationalen Notstand aus und forderte eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats. Gleichzeitig fordert Caracas von Washington ein Lebenszeichen des Präsidenten.
Was feststeht: Ein demokratisch gewählter Staatschef ist verschwunden – entweder entführt von einer fremden Macht oder untergetaucht. Beides wäre ein beispielloser Bruch des Völkerrechts und internationaler Normen.
Der Mythos vom Narco-Staat – wenn die Realität nicht ins Narrativ passt
Begründet wird der Gewaltschlag – wie so oft in der US-Außenpolitik – mit dem angeblichen Kampf gegen den Drogenhandel. Venezuela sei ein „Narco-Staat“, so die Behauptung aus Washington, und Präsident Maduro ein „Drogenbaron mit staatlicher Rückendeckung“. Die Trump-Administration hatte zuletzt ein Kopfgeld von 50 Millionen Dollar auf Maduro ausgesetzt.
Doch wer sich die Mühe macht, die drei wichtigsten internationalen Drogenberichte durchzulesen – den jährlichen World Drug Report des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC), die Einschätzungen des International Narcotics Control Board (INCB) sowie die Berichte der EU-Drogenbeobachtungsstelle (EMCDDA) – stellt fest: Venezuela taucht dort so gut wie gar nicht auf. Nicht als wichtiges Herkunfts-, Transit- oder Zielland. Kein Vergleich zu Kolumbien, Peru oder Mexiko.
Lediglich ein kurzer Absatz am Rande erwähnt Venezuela überhaupt – ohne klare Belege, ohne Zahlen, ohne Struktur. Die Drogenkartelle, die von den USA regelmäßig als Begründung für Interventionen herangezogen werden, operieren nach diesen Berichten vor allem außerhalb Venezuelas. Die angebliche Rolle Maduros als „Capo“ eines globalen Kokainnetzwerks bleibt reine Behauptung – ohne Substanz, ohne Quelle, aber mit maximaler propagandistischer Wirkung.
Es ist ein alter Trick: Wenn die Interessen klar sind, aber die Beweise fehlen, schafft man sich eben eine passende Geschichte.
Völkerrecht als Störfaktor – wenn Regeln nur für andere gelten
Mit dem gezielten Schlag gegen Caracas überschreiten die USA erneut eine rote Linie: den Bruch des Völkerrechts. Die Charta der Vereinten Nationen, insbesondere Artikel 2 Absatz 4, verbietet klar „die Androhung oder Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates“.
Doch genau das ist hier geschehen – ohne UN-Mandat, ohne Kriegserklärung, ohne Anhörung, ohne Genehmigung des US-Kongresses. Senator Brian Schatz vom Auswärtigen Ausschuss warnte noch vor dem Angriff, die USA hätten „keine vitalen nationalen Interessen in Venezuela, die einen Krieg rechtfertigen würden.“
Ein solcher Akt stellt nach gängiger völkerrechtlicher Interpretation eine Aggression dar – vergleichbar mit der Invasion des Irak 2003 oder der Entführung von Präsident Aristide aus Haiti im Jahr 2004. Phil Gunson, Analyst der International Crisis Group in Caracas, verglich Maduros mutmaßliche Entführung mit dem Fall des panamaischen Machthabers Manuel Noriega am 3. Januar 1990 – ebenfalls orchestriert von den USA. „It’s not legal“, sagte Gunson gegenüber der Presse.
Dass ein solcher Bruch internationalen Rechts in westlichen Medien kaum hinterfragt wird, zeigt erneut: Völkerrecht gilt offenbar nur, wenn es sich gegen Feinde des Westens einsetzen lässt. Sobald aber westliche Staaten selbst angreifen, bombardieren oder entführen, wird geschwiegen, relativiert oder schlicht ignoriert. Venezuela ist in diesem Fall nicht das Problem – sondern der Spiegel, den es der Welt vorhält.
Internationale Reaktionen – Schweigen, Verurteilen, Wegschauen
Die Reaktionen der internationalen Gemeinschaft fallen erwartbar aus – und offenbaren die Doppelmoral der sogenannten regelbasierten Ordnung.
Verurteilung aus dem Globalen Süden: Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum verurteilte die US-Militäraktion scharf und erklärte, die Angriffe verletzten die UN-Charta. Brasilien, die ALBA-Staaten und selbst das traditionell US-freundliche Kolumbien äußerten sich zurückhaltend bis kritisch. Kolumbiens Präsident Gustavo Petro kündigte an, Truppen an die venezolanische Grenze zu verlegen, um auf einen möglichen Flüchtlingsstrom vorbereitet zu sein. Kuba verurteilte den „kriminellen Angriff“ der USA.
Unterstützung aus dem rechten Lager: Argentiniens libertärer Präsident Javier Milei feierte hingegen Maduros Verhaftung auf X mit den Worten: „Liberty advances, ¡Viva la libertad, carajo!“
Russland und Iran: Russland verurteilte die Angriffe als „Akt bewaffneter Aggression“ und kündigte an, die Angelegenheit vor den UN-Sicherheitsrat zu bringen – wo die USA erwartungsgemäß ihr Veto einlegen werden. Iran sprach von einer „eklatanten Verletzung der nationalen Souveränität und territorialen Integrität“ Venezuelas.
Europa schweigt: Aus Brüssel und Berlin: ohrenbetäubendes Schweigen. Keine Sondersitzung, keine klare Verurteilung, keine Stellungnahme zur Verletzung des Völkerrechts. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erklärte lediglich, man „beobachte die Situation“ und mahnte zur „Zurückhaltung“ – ohne den Aggressor beim Namen zu nennen.
Was sich hier abzeichnet, ist nicht nur eine regionale Krise, sondern ein weiterer Sargnagel für das Prinzip der internationalen Rechtsordnung, das der Westen so gerne beschwört, wenn es gegen Russland oder China geht.
Schweizer Neutralität – wenn Wegschauen zur Mittäterschaft wird
Besonders brisant: Unter den Augenzeugenberichten aus Caracas finden sich auch Aussagen einer in Venezuela lebenden Schweizerin, die von Angriffen auf Wohngebiete und gezielten Operationen gegen Regierungsgebäude berichtet. Ihre Schilderungen decken sich mit unabhängigen Medienberichten und stehen im krassen Gegensatz zur Darstellung westlicher Leitmedien.
Die Schweiz, die sich gerne als neutrale Vermittlerin inszeniert, schweigt auch in diesem Fall. Keine offizielle Stellungnahme, keine Forderung nach Aufklärung, kein Schutz für die eigenen Staatsbürger vor Ort. Stattdessen: Business as usual. Schweizer Banken verwalten weiterhin venezolanische Vermögen, die durch US-Sanktionen eingefroren wurden – ein lukratives Geschäft, das von der Destabilisierung profitiert.
Die vielgepriesene Neutralität erweist sich einmal mehr als Feigenblatt: Wer schweigt, während ein souveräner Staat angegriffen wird, macht sich mitschuldig. Wer die Aggression nicht beim Namen nennt, legitimiert sie. Venezuela zeigt, dass Neutralität im 21. Jahrhundert nicht bedeutet, zwischen Recht und Unrecht zu vermitteln – sondern schlicht wegzuschauen, wenn es den eigenen Interessen dient.
Ein altbekanntes Drehbuch – von Libyen bis Haiti
Was in Venezuela geschieht, ist kein Einzelfall. Es ist die Wiederholung eines Musters, das die USA seit Jahrzehnten perfektioniert haben:
Erst kommt die mediale Dämonisierung des Staatschefs – ob Gaddafi, Saddam Hussein oder Aristide. Dann folgen Sanktionen, die das Land wirtschaftlich in die Knie zwingen. Schließlich wird eine humanitäre Katastrophe inszeniert oder herbeigeführt, um den finalen Schlag zu legitimieren.
2003 – Irak: Die angeblichen Massenvernichtungswaffen, die nie existierten, dienten als Vorwand für eine Invasion, die Hunderttausende Menschenleben kostete und das Land ins Chaos stürzte.
2011 – Libyen: Unter dem Deckmantel der „Responsibility to Protect“ wurde Muammar Gaddafi gestürzt – heute ist Libyen ein gescheiterter Staat mit offenen Sklavenmärkten.
2004 – Haiti: Präsident Jean-Bertrand Aristide wurde von US-Spezialeinheiten buchstäblich aus dem Amt entführt und außer Landes gebracht – unter dem Vorwand, seine Regierung sei illegitim.
1990 – Panama: Manuel Noriega, einst CIA-Asset, wurde in der „Operation Just Cause“ verhaftet und in die USA verschleppt – angeblich wegen Drogenhandels.
Venezuela reiht sich nahtlos in diese Liste ein. Die Argumente sind austauschbar, die Methoden identisch, das Ergebnis absehbar: Zerstörung staatlicher Strukturen, Installation einer westlich kontrollierten Übergangsregierung, Zugriff auf strategische Ressourcen – in diesem Fall die größten Ölreserven der Welt.
Der einzige Unterschied: Diesmal war die Eskalation öffentlich planbar. Wer die Thinktank-Papiere las, wusste, was kommt.
Nächste Stufe bereits in Vorbereitung – der finale Vorstoß
Was als Phase 4 begann – die gezielte Entfernung der politischen Führung – mündet nun in Phase 5: die Installation einer Übergangsregierung unter westlicher Kontrolle. Die wirtschaftliche Abriegelung Venezuelas wird weiter verschärft, gleichzeitig formieren sich diplomatische Allianzen für eine sogenannte „Interimslösung“.
Ob über dauerhafte militärische Präsenz, internationale Erklärungen „besorgter Demokratien“ oder einen hastig gebastelten „Rettungsplan“ für das venezolanische Volk – die USA bereiten bereits den nächsten Schritt vor. Die FAA hat eine NOTAM (Notice to Airmen) ausgesprochen, die US-Flugzeugen den venezolanischen Luftraum verbietet – ein klares Zeichen für anhaltende militärische Operationen. Die US-Botschaft in Caracas hat eine Shelter-in-Place-Anordnung erlassen.
Es ist das alte Drehbuch – angewandt in Libyen, Irak, Haiti, Panama. Was in Venezuela gerade passiert, ist nicht neu.
Neu ist nur, dass die Blaupause diesmal öffentlich nachlesbar war.
Wer verstehen will, wie es weitergeht, der findet die Prognose schwarz auf weiß: In meinem Artikel vom 5. Dezember 2025 steht, was jetzt passiert – und was als nächstes kommen wird.
Die Eskalation läuft nach Plan. Und das nächste Kapitel hat bereits begonnen.“
https://www.michael-hollister.com/de/2026/01/11/venezuela-eskalation-mit-ansage/
„Die folgenden Ausführungen wurden von Jeffrey D. Sachs, Präsident des UN Sustainable Development Solutions Network und Direktor des Center for Sustainable Development an der Columbia University, während einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats am Montag, dem 5. Januar 2026, in New York City gehalten.
Herr Präsident, verehrte Mitglieder des Sicherheitsrats,
die Frage, mit der sich der Rat heute befasst, ist nicht die Art der Regierung Venezuelas.
Die Frage ist, ob ein Mitgliedstaat – durch Gewalt, Zwang oder wirtschaftliche Strangulierung – das Recht hat, über die politische Zukunft Venezuelas zu entscheiden oder Kontrolle über dessen Angelegenheiten auszuüben.
Diese Frage betrifft unmittelbar Artikel 2 Absatz 4 der Charta der Vereinten Nationen, der die Androhung oder Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Unversehrtheit oder politische Unabhängigkeit eines Staates verbietet.
Der Rat muss entscheiden, ob dieses Verbot aufrechterhalten oder aufgegeben werden soll.
Eine Aufgabe dieses Verbots hätte schwerwiegende Folgen.
Hintergrund und Kontext
Seit 1947 hat die Außenpolitik der Vereinigten Staaten wiederholt Gewalt, verdeckte Aktionen und politische Manipulation eingesetzt, um einen Regimewechsel in anderen Ländern herbeizuführen. Dies ist eine sorgfältig dokumentierte historische Tatsache. In ihrem Buch Covert Regime Change (2018) dokumentiert die Politikwissenschaftlerin Lindsey O’Rourke allein zwischen 1947 und 1989 70 versuchte US-Operationen zum Regimewechsel.
Diese Praktiken endeten nicht mit dem Kalten Krieg. Seit 1989 gehören zu den wichtigsten Regimewechseloperationen der Vereinigten Staaten, die ohne Genehmigung des Sicherheitsrats durchgeführt wurden, unter anderem: Irak (2003), Libyen (2011), Syrien (ab 2011), Honduras (2009), Ukraine (2014) und Venezuela (ab 2002).
Die dabei angewandten Methoden sind gut etabliert und gut dokumentiert. Dazu gehören offene Kriegführung, verdeckte Geheimdienstoperationen, Anstiftung zu Unruhen, Unterstützung bewaffneter Gruppen, Manipulation der Massen- und sozialen Medien, Bestechung von Militär- und Zivilbeamten, gezielte Attentate, Operationen unter falscher Flagge und Wirtschaftskrieg mit dem Ziel, das zivile Leben zum Erliegen zu bringen.
Diese Maßnahmen sind gemäß der UN-Charta illegal und führen in der Regel zu anhaltender Gewalt, tödlichen Konflikten, politischer Instabilität und großem Leid der Zivilbevölkerung.
Der Fall Venezuela
Die jüngste Bilanz der Vereinigten Staaten in Bezug auf Venezuela ist eindeutig.
Im April 2002 wussten die Vereinigten Staaten von einem Putschversuch gegen die venezolanische Regierung und billigten diesen.
In den 2010er Jahren finanzierten die Vereinigten Staaten zivilgesellschaftliche Gruppen, die sich aktiv an regierungsfeindlichen Protesten beteiligten, insbesondere im Jahr 2014. Als die Regierung hart gegen die Proteste vorging, verhängten die USA eine Reihe von Sanktionen. Im Jahr 2015 erklärte Präsident Barack Obama Venezuela zu einer „ungewöhnlichen und außerordentlichen Bedrohung für die nationale Sicherheit und Außenpolitik der Vereinigten Staaten“.
Im Jahr 2017 diskutierte Präsident Trump bei einem Abendessen mit lateinamerikanischen Staats- und Regierungschefs am Rande der UN-Generalversammlung offen die Option einer Invasion der USA in Venezuela, um die Regierung zu stürzen.
Von 2017 bis 2020 verhängten die USA umfassende Sanktionen gegen die staatliche Ölgesellschaft. Die Ölproduktion sank von 2016 bis 2020 um 75 Prozent, und das reale Pro-Kopf-BIP (KKP) ging um 62 Prozent zurück.
Die UN-Generalversammlung hat wiederholt mit überwältigender Mehrheit gegen solche einseitigen Zwangsmaßnahmen gestimmt. Nach internationalem Recht ist nur der Sicherheitsrat befugt, solche Sanktionen zu verhängen.
Am 23. Januar 2019 erkannten die Vereinigten Staaten Juan Guaidó einseitig als „Interimspräsidenten“ Venezuelas an und froren am 28. Januar 2019 venezolanische Staatsvermögen im Ausland in Höhe von rund 7 Milliarden US-Dollar ein und übertrugen Guaidó die Verfügungsgewalt über bestimmte Vermögenswerte.
Diese Maßnahmen sind Teil der seit mehr als zwei Jahrzehnten andauernden Bemühungen der Vereinigten Staaten um einen Regimewechsel.
Jüngste globale Eskalation der Vereinigten Staaten
Im vergangenen Jahr haben die Vereinigten Staaten Bombenangriffe in sieben Ländern durchgeführt, von denen keiner vom Sicherheitsrat genehmigt wurde und keiner im Rahmen der Charta als rechtmäßige Selbstverteidigung durchgeführt wurde. Zu den Zielstaaten gehören Iran, Irak, Nigeria, Somalia, Syrien, Jemen und nun auch Venezuela.
Im vergangenen Monat hat Präsident Trump direkte Drohungen gegen mindestens sechs UN-Mitgliedstaaten ausgesprochen, darunter Kolumbien, Dänemark, Iran, Mexiko, Nigeria und natürlich Venezuela. Diese Drohungen sind in Anhang I dieser Erklärung zusammengefasst.
Was heute auf dem Spiel steht
Die Mitglieder des Rates sind nicht aufgefordert, über Nicolás Maduro zu urteilen.
Sie sind nicht aufgefordert, zu beurteilen, ob der jüngste Angriff der Vereinigten Staaten und die anhaltende Seeblockade Venezuelas zu Freiheit oder Unterwerfung führen.
Die Mitglieder des Rates sind aufgefordert, das Völkerrecht und insbesondere die Charta der Vereinten Nationen zu verteidigen.
Die realistische Schule der internationalen Beziehungen, die am brillantesten von John Mearsheimer formuliert wurde, beschreibt den Zustand der internationalen Anarchie treffend als „die Tragödie der Großmachtpolitik“. Der Realismus ist daher eine Beschreibung der Geopolitik, keine Lösung für den Frieden. Seine eigene Schlussfolgerung lautet, dass internationale Anarchie zu Tragödien führt.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Völkerbund gegründet, um die Tragödie durch die Anwendung des Völkerrechts zu beenden. Doch die führenden Nationen der Welt versäumten es in den 1930er Jahren, das Völkerrecht zu verteidigen, was zu einem erneuten Weltkrieg führte.
Aus dieser Katastrophe gingen die Vereinten Nationen hervor, als zweite große Anstrengung der Menschheit, das Völkerrecht über die Anarchie zu stellen. Mit den Worten der Charta wurde die UNO gegründet, „um künftige Generationen vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal in unserem Leben unermessliches Leid über die Menschheit gebracht hat“.
Angesichts der Tatsache, dass wir uns im Atomzeitalter befinden, darf ein Scheitern nicht wiederholt werden. Die Menschheit würde untergehen. Es gäbe keine dritte Chance.
Vom Sicherheitsrat geforderte Maßnahmen
Um seinen Verpflichtungen aus der Charta nachzukommen, sollte der Sicherheitsrat unverzüglich folgende Maßnahmen beschließen:
1. Die Vereinigten Staaten müssen unverzüglich alle expliziten und impliziten Drohungen oder die Anwendung von Gewalt gegen Venezuela einstellen und unterlassen.
2. Die Vereinigten Staaten müssen ihre Seeblockade und alle damit verbundenen militärischen Zwangsmaßnahmen, die ohne Genehmigung des Sicherheitsrats durchgeführt wurden, beenden.
3. Die Vereinigten Staaten müssen ihre Streitkräfte unverzüglich aus Venezuela und aus dem Umkreis Venezuelas abziehen, einschließlich aller nachrichtendienstlichen, maritimen, luftgestützten und anderen vor Ort stationierten Mittel, die zu Zwangsmaßnahmen eingesetzt werden.
4. Venezuela hält sich an die Charta der Vereinten Nationen und die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte geschützten Menschenrechte.
5. Der Generalsekretär ernennt unverzüglich einen Sonderbeauftragten, der beauftragt ist, mit den relevanten venezolanischen und internationalen Akteuren in Kontakt zu treten und dem Sicherheitsrat innerhalb von vierzehn Tagen Empfehlungen im Einklang mit der Charta der Vereinten Nationen vorzulegen, und der Sicherheitsrat befasst sich weiterhin dringend mit dieser Angelegenheit.
6. Alle Mitgliedstaaten sollen sich in strikter Übereinstimmung mit der Charta von einseitigen Drohungen, Zwangsmaßnahmen oder bewaffneten Aktionen außerhalb der Autorität des Sicherheitsrats enthalten.
Zum Schluss
Herr Präsident, sehr geehrte Mitglieder,
der Frieden und das Überleben der Menschheit hängen davon ab, ob die Charta der Vereinten Nationen ein lebendiges Instrument des Völkerrechts bleibt oder in die Bedeutungslosigkeit versinkt.
Das ist die Entscheidung, vor der dieser Rat heute steht.
Vielen Dank.“
Öffentlicher Zusammenbruch der alten Weltordnung
Michael Hollister im Januar 2026: „Venezuela: Breaking Democracy
Die militärische Entführung eines amtierenden Präsidenten, völkerrechtswidrige Seeblockaden und die offene Missachtung der UN-Charta markieren keinen Ausrutscher, sondern einen historischen Wendepunkt. Der Fall Venezuela zeigt: Die regelbasierte Weltordnung gilt nur noch für die Schwachen. Was hier geschieht, ist kein regionaler Konflikt, sondern ein Präzedenzfall mit globalen Folgen – für das Völkerrecht, für kleine Staaten und für die Zukunft internationaler Sicherheit.
I. Der Präzedenzfall – Warum Venezuela die Weltordnung erschüttert
Am 3. Januar 2026 bombardierten US-Streitkräfte Ziele in Caracas, setzten Spezialeinheiten ein und nahmen den amtierenden Präsidenten Nicolás Maduro sowie seine Ehefrau Cilia Flores in Gewahrsam. Beide wurden in die USA überführt und sollen sich vor einem Bundesgericht in New York wegen Drogen- und Terrorismusvorwürfen verantworten. In den Tagen danach beschlagnahmten die USA fünf Öltanker mit venezolanischem Rohöl auf hoher See.
Diese Ereignisse markieren einen beispiellosen Bruch mit etablierten internationalen Normen – nicht nur eine direkte militärische Gewaltanwendung gegen einen souveränen Staat, sondern auch die gewaltsame Abführung seines Präsidenten. Sie werfen damit fundamentale Fragen auf über die Gültigkeit und Durchsetzungskraft des Völkerrechts im 21. Jahrhundert.
Dass dieser Schritt kommen würde, war absehbar. Bereits im Dezember 2025 hatten mehrere Think Tanks – darunter RAND und CSIS – „decapitation strikes“ gegen die venezolanische Führung als strategische Option benannt. Ein detaillierter Artikel vom 5. Dezember 2025 dokumentiert diese Empfehlungen und sagte die Intervention präzise voraus – einschließlich der Festnahme Maduros.
Die Grundfrage dieses Artikels lautet: Was bedeutet dieser Präzedenzfall für das internationale Recht, den Multilateralismus und die Fähigkeit multilateraler Institutionen wie der UNO, Normen durchzusetzen, wenn mächtige Staaten sie offen ignorieren?
Denn sollte ein Staat mit der global mächtigsten Militär- und Wirtschaftsgewalt – wie die USA – grundlegende völkerrechtliche Normen systematisch verletzen, ohne spürbare rechtliche oder politische Konsequenzen zu erfahren, dann steht nicht weniger auf dem Spiel als die Existenz einer internationalen Ordnung, die auf rechtsstaatlichen Prinzipien basiert und nicht auf dem Recht des Stärkeren.
II. Völkerrechtliche Bewertung – Ein kumulativer Bruch
Die militärische Intervention der USA in Venezuela, die Festnahme eines amtierenden Staatspräsidenten sowie die Beschlagnahmung mehrerer Handelstanker auf hoher See stellen keinen isolierten Regelverstoß dar. Es handelt sich vielmehr um einen kumulativen Bruch zentraler Normen des Völkerrechts, des internationalen Seerechts und der grundlegenden Trennung zwischen nationalem und internationalem Recht.
A. Gewaltverbot – Artikel 2 Absatz 4 UN-Charta
Das Herzstück der internationalen Nachkriegsordnung ist das allgemeine Gewaltverbot. Artikel 2 Absatz 4 der Charta der Vereinten Nationen verbietet jede Anwendung militärischer Gewalt gegen die territoriale Integrität oder politische Unabhängigkeit eines Staates.
- Der US-Militäreinsatz in Caracas (Luftschläge, Spezialeinheiten, bewaffnete Operationen) stellt eine klassische Anwendung militärischer Gewalt dar
- Es lag kein Mandat des UN-Sicherheitsrates vor
- Venezuela hatte keinen bewaffneten Angriff auf die USA verübt
Ergebnis: Ein klarer Verstoß gegen Art. 2 Abs. 4 UN-Charta.
B. Keine Rechtfertigung durch Selbstverteidigung
Artikel 51 der UN-Charta erlaubt militärische Gewalt ausschließlich im Falle eines bewaffneten Angriffs. Venezuela griff die USA nicht militärisch an. Vorwürfe wie Drogenhandel, Terrorismus oder Sanktionenumgehung stellen keinen bewaffneten Angriff dar. Selbst wenn strafrechtliche Vorwürfe zuträfen, rechtfertigen sie keine militärische Intervention.
Ergebnis: Die Berufung auf Art. 51 ist völkerrechtlich nicht haltbar.
C. Verletzung staatlicher Souveränität und Immunität
Die Festnahme eines amtierenden Präsidenten auf dem Territorium seines Staates verletzt mehrere Kernprinzipien zugleich: Souveränität des Staates Venezuela, politische Unabhängigkeit und den Grundsatz der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten. Ein amtierender Präsident genießt persönliche Immunität (immunity ratione personae). Diese Immunität gilt absolut, unabhängig von politischen oder strafrechtlichen Vorwürfen.
Ergebnis: Die Festnahme von Nicolás Maduro stellt einen schweren Bruch des Völkergewohnheitsrechts dar.
D. Verletzung des internationalen Seerechts (UNCLOS)
Nach der UN-Seerechtskonvention (UNCLOS) gilt auf hoher See exklusive Jurisdiktion des Flaggenstaates und Freiheit der Schifffahrt. Die Beschlagnahmung von fünf Öltankern erfolgte außerhalb territorialer US-Gewässer, ohne UN-Mandat und ohne Zustimmung der jeweiligen Flaggenstaaten.
UNCLOS erlaubt das Entern fremder Schiffe nur in eng begrenzten Fällen: Piraterie, Sklavenhandel, Staatenlosigkeit oder Notstand. Keiner dieser Tatbestände lag vor. Kategorien wie „sanktioniertes Öl“, „Schattenflotte“ oder „Umgehung von US-Recht“ sind keine Kategorien des internationalen Seerechts.
Ergebnis: Verstoß gegen die Freiheit der Meere und gegen Art. 87, 92 UNCLOS.
E. Extraterritoriale Anwendung nationalen Rechts
Die USA berufen sich auf OFAC-Sanktionsrecht, US-Gerichtsbeschlüsse und nationale Strafnormen. Diese Rechtsakte gelten nur im US-Rechtsraum, nicht automatisch international. Kein Staat ist verpflichtet, US-Innenrecht weltweit zu befolgen, sofern kein internationales Mandat existiert.
Ergebnis: Die globale Durchsetzung nationalen US-Rechts ist völkerrechtlich unzulässig.
Zwischenfazit: Die US-Maßnahmen verletzen gleichzeitig und kumulativ das Gewaltverbot der UN-Charta, die Souveränität Venezuelas, die persönliche Immunität eines Staatsoberhauptes, das internationale Seerecht und die Grenze zwischen nationalem und internationalem Recht. Dies ist kein Grenzfall, keine Grauzone, kein juristisches Missverständnis – sondern ein offener Bruch der bestehenden internationalen Rechtsordnung.
III. Die UNO – Debattierclub statt Durchsetzungsorgan
Unmittelbar nach Bekanntwerden der Ereignisse forderten Russland und Venezuela eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates. China, Kuba und Iran unterstützten diese Forderung und bezeichneten die Aktionen der USA als „völkerrechtswidrig“ und teils als „moderne Piraterie“. Der UN-Generalsekretär António Guterres äußerte „tiefe Besorgnis“ über die „Erosion internationaler Normen“.
Doch trotz dieser Reaktionen geschah das, was immer geschieht, wenn der Aggressor eine Vetomacht ist: Es folgte keine bindende Resolution. Kein Untersuchungsmandat. Keine Sanktion. Der Sicherheitsrat blieb praktisch handlungsunfähig – nicht, weil kein Unrecht erkannt wurde, sondern weil das Veto der USA jede konkrete Maßnahme im Keim erstickte.
Die UN-Charta verleiht den fünf ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates – USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich – ein permanentes Vetorecht. In der Realität wurde dies zu einem Instrument struktureller Paralyse: USA blockieren Maßnahmen gegen sich selbst, Russland blockiert Resolutionen zu Syrien oder Ukraine, China blockiert Maßnahmen zu Taiwan oder Xinjiang.
Das Ergebnis: Die UNO ist zunehmend das, was viele Beobachter als „symbolisches Weltparlament ohne Exekutivgewalt“ bezeichnen. Ein Ort, an dem das Unrecht benannt, aber nicht geahndet wird. Ein System, das zwar Regeln formuliert, aber keine verbindlichen Konsequenzen mehr erzeugt, wenn diese Regeln gebrochen werden – zumindest nicht durch die Mächtigen.
IV. Warum die USA das tun – Strategie, nicht Zufall
Die juristische Bewertung des US-Militäreinsatzes ergibt ein klares Bild: ein massiver Bruch des Völkerrechts. Doch rechtlich unzulässig heißt in der internationalen Politik noch lange nicht irrational. Hinter dem offensiven Vorgehen der USA stehen handfeste Interessen.
A. Kontrolle über Öl und Abschneiden Chinas
Venezuela besitzt mit geschätzten 303 Milliarden Barrel die größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt – mehr als Saudi-Arabien. Unter Nicolás Maduro war Venezuela wirtschaftlich eng an China gebunden – rund 90% der venezolanischen Ölexporte gingen nach China, oft in Form von Rohstoffsicherheiten für Kredite. Die Exporte wurden zunehmend in Yuan, Tether oder im Tausch gegen Infrastruktur abgewickelt – außerhalb des Dollar-Systems.
China investierte in den letzten 15 Jahren rund 70 Milliarden USD in venezolanische Infrastrukturprojekte, Raffinerien und Telekommunikation. Wer Caracas kontrolliert, kontrolliert nicht nur Öl – sondern auch chinesisches Kapital.
B. Monroe-Doktrin 2.0 – Die Hemisphäre als Einflusszone
Die Monroe-Doktrin von 1823 besagt, dass jegliche Einmischung externer Mächte in die westliche Hemisphäre als feindlicher Akt gewertet wird. Was unter Obama und Bush noch rhetorisch beschworen wurde, erhielt unter Trump eine strategische Aufladung – oft inoffiziell als „Trump Corollary“ bezeichnet: Keine militärische Präsenz Russlands, Chinas oder Irans in Lateinamerika. Kein Zugang dieser Mächte zu Energieinfrastruktur, Seehäfen oder politischen Einflusszonen.
Venezuela war – nach Kuba – das letzte verbliebene Bollwerk gegen diese Hegemonieansprüche. Der Bruch mit Venezuela war mehr als ein Sanktionskonflikt. Caracas wurde zum Testfeld einer neuen amerikanischen Außenpolitik, die offen Souveränität anderer Staaten bricht, wenn dies als notwendig erachtet wird.
C. Think-Tank-Strategie: RAND, NSS und der Indo-Pazifik
Die US National Security Strategy 2025 stellt klar: „Der Indo-Pacific ist das Zentrum der weltpolitischen Auseinandersetzung im 21. Jahrhundert.“ Die strategische Neuausrichtung auf den Indo-Pazifik ist dabei kein Zufall – sie folgt exakt den Empfehlungen der RAND Corporation, die in mehreren Studien eine aggressive Eindämmungsstrategie gegenüber China formuliert hat.
Mehrere RAND-Studien – insbesondere Extending Russia, China Containment 2030 und Thinking the Unthinkable – betonen: Die USA haben ein schrumpfendes Zeitfenster (2025–2033), um Chinas strategischen Aufstieg zu bremsen. Ziel ist ein multidimensionales Containment: finanziell, digital, militärisch, energiepolitisch.
Durch die Kontrolle über Caracas schneiden die USA China einen der wichtigsten Rohstoffpartner ab, verhindern den Aufbau alternativer Zahlungssysteme (Yuan, Tether, Gold-Swaps) und setzen ein Signal an alle, die sich zu sehr an China binden: Wer sich zu eng an China bindet, riskiert Intervention.
Wer diese Zusammenhänge im Detail verstehen will: Dieser Artikel über die RAND-NSS-Pipeline liefert eine umfassende Analyse der Think-Tank-zu-Policy-Verbindung.
Zwischenfazit: Die US-Operation gegen Venezuela war weder spontan, noch rein symbolisch, noch ausschließlich innenpolitisch motiviert. Sie war Teil einer umfassenden Neuaufstellung der amerikanischen Außenpolitik, die sich zunehmend von der regelbasierten Ordnung verabschiedet – und stattdessen auf strategische Präemption, militärische Erpressung und ökonomische Blockade setzt.
V. Neokolonialismus 2.0 – Venezuela als Modellfall
Die US-Militäraktion gegen Venezuela ist nicht nur ein geopolitischer Vorfall – sie ist Ausdruck eines strukturellen Paradigmenwechsels in der globalen Machtausübung. Was sich hier vollzieht, ist kein klassischer Kolonialismus mit Fahne und Generalgouverneur, sondern ein hochentwickeltes System von Abhängigkeit, Kontrolle und gezielter Destabilisierung unter dem Deckmantel von Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechten.
A. Neokolonialismus: Alte Kontrolle in neuer Verpackung
Neokolonialismus bezeichnet die indirekte Kontrolle eines souveränen Staates durch ökonomische, politische, finanzielle oder technologische Abhängigkeiten – ohne formale Besetzung. Das Entscheidende: Es ist die Form der Kontrolle, nicht ihr Anschein, die zählt.
Zentrale Merkmale:
- Rohstoffausbeutung durch ausländische Konzerne bei gleichzeitiger Kapitalabwanderung
- Währungsabhängigkeit durch US-Dollar- oder SWIFT-Zugänge
- Strukturelle Verschuldung und „Hilfe gegen Bedingungen“-Programme (IWF, Weltbank)
- Politische Erpressbarkeit durch Sanktionen, Visa-Politik, diplomatische Isolation
- Mediale Kontrolle westlicher Narrative durch internationale Medien- und Plattformdominanz
Im Fall Venezuelas sind fast alle dieser Punkte erfüllt – trotz formaler Souveränität. Mit der Kontrolle über Venezuelas Ölexporte hat Washington einen direkten Hebel über Staatsfinanzen, Importfähigkeit und Inflationskontrolle. Die Blockade digitaler Zahlungssysteme (Tether, SWIFT, Ölexportkonten) zeigt, wie finanzielle Infrastruktur als geopolitische Waffe genutzt wird.
B. Neoprotektoratismus: Kontrolle ohne Verantwortung
Ein Neoprotektorat ist ein Staat, der nicht formell, aber faktisch unter ausländischer Verwaltung oder Schutz steht, ohne dabei rechtlich als Kolonie zu gelten. Formale Eigenstaatlichkeit bleibt erhalten, aber Exekutive, Finanzen oder Sicherheitsstrukturen werden maßgeblich von außen gesteuert. Entscheidungsfreiheit ist de facto aufgehoben.
Nach der militärischen Intervention beginnen amerikanische und europäische Akteure mit dem Aufbau eines neuen „demokratischen“ Venezuela: Wiederaufbaupläne mit IWF-Strukturprogrammen, Neuvergabe von Förderlizenzen an westliche Konzerne (Chevron, ExxonMobil, BP), Aufbau neuer Sicherheitsstrukturen mit Hilfe von USAID, Freedom House und NED.
All dies geschieht unter westlicher Kontrolle, mit lokalen Eliten als Erfüllungsgehilfen – eine prototypische Form des Neoprotektorats, das unter dem Deckmantel von Stabilität, Demokratie und Entwicklung agiert.
Fazit: Venezuela ist nicht Ziel – sondern Modellfall. Was hier funktioniert, wird später in Afrika, Südostasien, Zentralasien wiederholt werden.
VI. Kleinere Staaten im Großmachtspiel – Neutralität ist keine Option
Der US-Militäreinsatz gegen Venezuela wirkt wie ein Flächenbrand im sicherheitspolitischen Kalkül kleinerer Staaten: Wenn ein souveräner Staat durch eine Großmacht gewaltsam destabilisiert, sein Präsident entführt und seine Ressourcen beschlagnahmt werden – ohne internationale Konsequenzen – stellt sich für viele Länder die Frage: Bin ich der Nächste?
A. Beispiel Serbien – Aufrüstung als Signal
Serbien reagierte 2025/26 mit einer Verdopplung seines Militärbudgets – offiziell als Reaktion auf Spannungen im Kosovo. Doch hinter der Rhetorik steckt mehr: Wiederbewaffnung kleiner Staaten ist heute kein bloßer Regionalreflex, sondern Teil eines größeren geopolitischen Erwachens. Die militärische Stärkung bedeutet: Man will in Zukunft nicht mehr bloß Appelle an die UNO richten, sondern notfalls selbst verteidigen.
Souveränität muss wieder aktiv verteidigt werden – im Zweifel auch jenseits multilateraler Garantien.
B. Südostasien: Thailand, Malaysia und das stille Abwägen
Südostasien galt lange als geopolitisch stabilisierende Region – wirtschaftsorientiert, blockfrei, pragmatisch. Doch seit dem wachsenden Systemkonflikt USA–China und spätestens seit Venezuela ist das Kalkül neu. Staaten wie Thailand, Malaysia, Indonesien oder die Philippinen investieren zunehmend in ihre eigene strategische Autonomie: Modernisierung der Marine, Ausbau der Cyber- und Satellitenkapazitäten, geheimdienstliche Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren.
In Thailand wird das Projekt des Kra-Kanals wieder diskutiert – eine künstliche Seehandelsroute als Alternative zur US-kontrollierten Straße von Malakka. Der Kanal ist nicht nur ein ökonomisches Projekt, sondern ein Sicherheitsventil: „Wer die Routen kontrolliert, kontrolliert unsere Verwundbarkeit.“
In politischen Hinterzimmern stellen sich viele ASEAN-Staaten dieselbe Frage: „Was ist für uns gefährlicher – unter US-Einfluss zu stehen, oder chinesischer Satellit zu werden?“ Dabei ist keine Option wirklich souverän – die Angst ist groß, instrumentalisiert zu werden, z.B. als Frontstaat in einem künftigen US-China-Konflikt.
Ergebnis: Ein Trend zu gezielter Mehrgleisigkeit (Multi-Alignment) – weniger Idealismus, mehr strategische Elastizität.
C. Die Zeit der „Nicht-Blöcke“ ist vorbei
Staaten wie Brasilien, Indonesien, Saudi-Arabien oder Ägypten wägen ihre Optionen neu: Wo bekomme ich Schutz, wenn der Multilateralismus versagt? Wer garantiert mir Zugang zu Technologie, Kapital, Märkten – ohne mich zu entmündigen? Welcher Partner interveniert nicht in meine Innenpolitik?
Die BRICS+-Erweiterung, chinesische Sicherheitsgarantien für Pakistan oder Iran, und sogar türkisch-russische Militärabkommen zeigen: Ein neuer Sicherheitsarchitekturkrieg hat begonnen – nicht mehr nur NATO versus SCO, sondern ein Flickenteppich neuer, bilateraler Vereinbarungen.
In dieser multipolaren Welt alignen sich Staaten nicht mehr moralisch, sondern funktional: Wer garantiert meine Sicherheit, meine Lieferketten, mein Regimeüberleben?
Fazit: Der Fall Venezuela hat den letzten Schleier gelüftet: Wenn selbst ein rohstoffreiches Land mit Sitz in der UNO nicht sicher ist, ist niemand sicher. Kleine und mittlere Staaten betreten eine Ära, in der ihre Sicherheitsarchitektur nicht mehr auf UNO-Konventionen, sondern auf nationaler Resilienz, Infrastruktur-Resouveränisierung und strategischer Diversifikation basieren muss.
VII. Konsequenzen für die internationale Ordnung
Die Militäraktion gegen Venezuela ist nicht nur ein völkerrechtlicher Präzedenzfall – sie ist ein politischer Kipppunkt. Ein dominanter Akteur verletzt in aller Öffentlichkeit zentrale Normen des internationalen Rechts und bleibt vollkommen unbehelligt. Was sagt das über den Zustand der Weltordnung – und über ihre Zukunft?
A. Erosion der regelbasierten Ordnung
Das Völkerrecht wird nicht durch seine Buchstaben definiert, sondern durch seine Durchsetzbarkeit. Wenn Staaten wie die USA offensiv gegen die UN-Charta, das Seerecht und multilaterale Abkommen verstoßen – und keinerlei Konsequenzen spüren – dann zerfällt die Glaubwürdigkeit der regelbasierten Ordnung. Wenn das Gesetz nicht für alle gleichermaßen gilt, dann ist es kein Gesetz – sondern bloß eine Maske für Macht.
Das Prinzip der Staatensouveränität – einst unantastbar – wird zur Verhandlungsmasse. Militärische Interventionen, extraterritoriale Sanktionen, Asset-Freeze-Maßnahmen auf hoher See: All das wird zur neuen „Normalität“ – solange sie vom richtigen Akteur ausgehen.
B. Der Weg hin zu neuen multilateralen Ordnungsmodellen
Staaten wie Russland, China, Indien, Iran und Brasilien bauen unter Hochdruck eigene Institutionen aus: BRICS Plus als ökonomisches Gegengewicht, SCO (Shanghai Cooperation Organisation) als sicherheitspolitische Plattform, neue multilaterale Abkommen, die den Dollar umgehen und politische Unabhängigkeit sichern sollen.
Weil die globale Ordnung nicht mehr als gerecht empfunden wird, orientieren sich viele Staaten neu: ASEAN, MERCOSUR, die Afrikanische Union und andere regionale Verbände gewinnen an Bedeutung. Ziel: Selbstschutz durch regionale Solidarität statt Abhängigkeit von Washington, Brüssel oder Peking.
Das neue geopolitische Paradoxon: Die Welt wird immer stärker vernetzt, aber immer weniger koordiniert. Der Zerfall der universalen Ordnung führt nicht zur neuen Einigkeit – sondern zu einem Pluriversum der Regeln: Wer stark ist, definiert das Recht. Wer schwach ist, sucht Schutz in alternativen Ordnungen.
VIII. Schluss – Die Jahrhundertfrage
Die Entführung eines amtierenden Präsidenten, die militärische Kontrolle eines ressourcenreichen Staates ohne UN-Mandat, die völkerrechtswidrige Beschlagnahmung von Schiffen auf hoher See – all das hat nicht nur Venezuela getroffen. Es hat das globale Machtgefüge selbst erschüttert.
Drei Szenarien zeichnen sich ab:
1. De-Eskalation durch Diplomatie: Einige Staaten – insbesondere in Europa, Afrika und Südostasien – werden versuchen, den Bruch nicht zum System werden zu lassen. Sie setzen auf diplomatische Verurteilungen, Verstärkung multilateraler Gremien, Rufe nach einer Reform des Sicherheitsrats. Problem: Diese Stimmen verhallen ungehört, solange keine Macht dahintersteht.
2. Weitere Stellvertreterkonflikte: Die wahrscheinlichere Variante. Venezuela ist kein Ausreißer, sondern ein Vorläufer. Die USA haben gezeigt, dass sie bereit sind, militärisch durchzuregieren, selbst gegen UN-Recht zu handeln, und dabei keine nennenswerte Gegenwehr fürchten müssen. Folge: Weitere militärische Interventionen werden normalisiert. Rivalen wie China und Russland werden beginnen, ihrerseits Schutzräume und Einflusssphären aktiv abzusichern – möglicherweise präventiv.
3. Neubewertung der globalen Sicherheitsarchitektur: Die dritte Möglichkeit – und vielleicht die einzige tragfähige – liegt in einer radikalen Neubewertung der Weltordnung durch jene Staaten, die weder Washington noch Peking oder Moskau heißen. Diese „Nicht-Hegemonialstaaten“ müssen sich entscheiden: Bleiben sie Spielball – oder werden sie Akteur? Konkret bedeutet das: Stärkung regionaler Zusammenschlüsse (ASEAN, CELAC, AU), Zugang zu alternativen Finanz- und Rechtssystemen (BRICS-Währung, multilaterale Schiedsgerichte), Schutz kritischer Infrastruktur durch eigene Sicherheitsabkommen.
Letzter Satz:
Venezuela war nicht das Ende einer Weltordnung – sondern ihr öffentlicher Zusammenbruch.
Jetzt entscheidet sich, ob daraus ein anarchisches „Jeder gegen jeden“ entsteht – oder ob die Staaten der Welt den Mut haben, eine neue, gerechtere Ordnung zu schaffen – jenseits von Monroe, Hegemonie und Gewalt.“
https://www.michael-hollister.com/de/2026/01/18/breaking-democracy/
Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm
- Satire, Realsatire, ernst Gemeintes -
Wochenkommentar von Ferdinand Wegscheider | 10.01.
Im neuen Wochenkommentar ziehen wir heute eine erste Bilanz über die turbulenten Weihnachtsferien. Es geht um die USA und Venezuela, Berlins tagelangen Blackout, Hitzeschutz-Verordnungen mitten im eisigen Winter, die neuesten Klimanarrative und natürlich die beste Regierung aller Zeiten im Operettenstaat Österreich!
https://www.servustv.com/aktuelles/v/aamluig3a6eue6vi7vwj/
Die Lüge des Kai Wegner
https://www.youtube.com/watch?v=El_AMtHMiuI
Simone Solga: Hauptsache Trump! | Folge 198
https://www.youtube.com/watch?v=mf7TLy-Cykg
HallMack Aktuelle Kamera 182 - Bürgernahe Glanzleistung
https://www.frei3.de/post/b5d5fdea-8d91-4637-9178-eb845a25e639
HallMack Aktuelle Kamera 183 - Putins Schneewaffe
https://www.frei3.de/post/d80e7981-6082-428e-ae8c-0c1782fc4b53
HallMack Aktuelle Kamera 184 - Treulose Gesellen
https://www.frei3.de/post/46060291-a3de-4101-86c1-b2554fc84c66
Immer diese Beleidigungen !
https://www.youtube.com/watch?v=LpjlTrmqfp