Verteidigung westlicher Werte

Wir befinden uns im Jahre 2014 unserer Zeitrechnung. Der ganze Vordere Orient ist von fanatischen Islamisten besetzt ... Der ganze Vordere Orient? Nein! Eine von unbeugsamen Kurden bevölkerte Stadt hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.

So oder so ähnlich könnte der Beginn eines Comics sein. Nur, dass es sich nicht um eigenwillige Gallier handelt, sondern um Realität und hauptsächlich Kurden. Und das, was denen droht, sind Versklavung, Vergewaltigung, Folter und Tod.

Ein Häuflein Aufrechter gegen die Mächte der Finsternis.

Diese „Mächte der Finsternis“ sind mittlerweile allgemein bekannt und waren auch schon Thema beim Wurm: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/100-das-gute-an-der-boesen-diktatur.html

 

Dennoch eine Zusammenfassung von Ismail Küpeli (16.09.2014):

„Der IS ist ein Produkt des syrischen Bürgerkrieges. Nach der Niederschlagung der friedlichen Oppositionsbewegungen durch das Assad-Regime ab 2011 gewannen innerhalb des Anti-Assad-Blocks die bewaffneten Gruppen unterschiedlicher Couleur an Macht. Bis zum Arabischen Frühling waren die Beziehungen der Türkei und der arabischen Golfstaaten zu Syrien gut. Danach stellten sie sich gegen Assad.

Insbesondere die türkische Regierung unter Erdogan macht aus ihrer Unterstützung für die syrische Opposition kein Hehl. Die Türkei nahm viele syrische Flüchtlinge auf und ermöglichte den syrischen RebellInnen, in der Grenzregion zu Syrien militärische Ausbildungslager aufzubauen und unter den Flüchtlingen zu rekrutieren. Die arabischen Golfstaaten finanzierten die Aktivitäten und die Bewaffnung. Diese externe Unterstützung verschob die Machtverhältnisse zwischen den verschiedenen Rebellengruppen. Konservativ-islamische und islamistische Kräfte erhielten mehr militärische und finanzielle Ressourcen und gewannen so an Macht gegenüber den Säkularen. 

Allerdings musste der IS nicht zwangsläufig aus dieser Vielzahl von islamistischen Organisationen derart gestärkt hervorgehen. Der Erfolg des IS gegenüber ähnlichen Gruppierungen scheint darauf zurückzugehen, dass er besser in der Lage war, die internationale Jihadisten-Szene zu mobilisieren. Dokumente, die bei getöteten IS-Kämpfern gefunden wurden, zeigen, dass viele von ihnen aus dem Ausland stammen. Die nicht-syrischen IS-Kämpfer reisen über die Türkei nach Syrien. Insgesamt wurde für das Machtkalkül der bewaffneten Rebellengruppen die externe Unterstützung wichtiger als die Verankerung in Syrien. Die IS-Strukturen, wie etwa ein Rekrutierungsbüro in Fatih/Istanbul und verschiedene Ausbildungslager, wurden von der türkischen Regierung zumindest geduldet. Manche türkischen Quellen berichten davon, dass der türkische Geheimdienst MIT an der Rekrutierung, Ausbildung und Bewaffnung der IS-Kämpfer beteiligt sei.

Der IS und andere islamistische Organisationen, die in den syrischen Bürgerkrieg verwickelt waren, wurden von der türkischen Regierung als Gegenmacht zur PKK-nahen kurdischen autonomen Region Rojava in Nordsyrien unterstützt oder zumindest geduldet. Während die Stabilisierung der kurdischen Eigenständigkeit in Nordsyrien und die Stärkung der PKK-nahen PYD-Partei (Partei der Demokratischen Union) als Gefahr für die türkischen Interessen deklariert wurden, betrachtete man die Aktivitäten des IS und anderer JihadistInnen nicht als Problem.

Auch der Anschlag im Mai 2013 in der türkischen Grenzstadt Reyhanl mit 51 Opfern, der möglicherweise im Kontext der jihadistischen Aktivitäten in der Türkei steht, führte nicht zur Einstellung der türkischen Unterstützung. Vielmehr wurden die Untersuchungen zum Anschlag von der Staatsführung behindert, sodass bis heute die TäterInnen nicht ermittelt sind. Auch in anderen Fällen agierte die türkische Regierung sehr fragwürdig: In mehreren Fällen wurden PolizistInnen, die illegale Waffentransporte nach Syrien stoppten, strafversetzt. 

Der türkische Kurs änderte sich erst langsam mit der Irakoffensive des IS im Sommer 2014 und der Geiselnahme von türkischen DiplomatInnen und LastwagenfahrerInnen durch den IS. Es ist selbst für die türkische Führung offensichtlich geworden, dass der IS nicht kontrollierbar ist und sich nicht lediglich als Werkzeug gegen die PKK nutzen lässt. Der IS verfügt inzwischen über genug Macht und Ressourcen, um die eigenen Interessen zu verfolgen. Die inoffizielle Duldung bis Unterstützung des IS durch die Türkei mag vorbei sein, aber durch den Kauf von Erdöl aus den vom IS kontrollierten Gebieten finanziert sie ihn indirekt nach wie vor. 

Die Unkontrollierbarkeit, die Radikalität und die Brutalität des IS haben inzwischen dazu geführt, dass auch die Akteure, die für seine Entstehung und Stärkung mitverantwortlich sind, von ihm abgerückt sind. Allerdings steht eine umfassende Aufarbeitung der Verwicklung der Türkei und der arabischen Golfstaaten sowie der Rolle ihrer Geheimdienste noch aus. So ist nicht auszuschließen, dass während einerseits Waffen an die Peschmerga-KämpferInnen geliefert werden, andere Akteure Waffen an den IS liefern, um die kurdische Autonomieverwaltung im Nordirak in Schach zu halten. Die Leidtragenden werden wohl in jedem Fall die Zivilbevölkerung in Syrien und dem Irak bleiben.“

http://kupeli.blogsport.eu/

 

Die Schlacht um Kobane

Michael Werz und Max Hoffmann schreiben:

„Kobane ist dem IS schon lange ein Dorn im Auge gewesen - einer der letzten Orte des Widerstands nördlich der islamistischen De-facto-Hauptstadt Rakka. Hierin liegt der Grund für die rücksichtslosen und massiven Angriffe zu einer Zeit, in welcher der IS gezwungen ist, den Kampf an mehreren Fronten zu führen. Mit der Einnahme Kobanes wäre der IS auch in der Lage, die eigenen Frontlinien an anderen Orten zu begradigen. Es wäre auch ein wichtiger Propagandaerfolg, denn die kurdischen YPG-Milizen sind eine der wenigen Gruppen, die erfolgreich Widerstand leisten. Eine Niederlage für die Kurden würde sofort eine militärische Stärkung der Islamisten bedeuten.“

http://www.spiegel.de/politik/ausland/islamischer-staat-is-vor-kobane-warum-die-stadt-nicht-fallen-darf-a-995272.html

 

Sabine Küper-Büsch:

„Der IS hat Kobanê fast umzingelt. Die Jihadisten greifen mit schwerer Artillerie von drei Seiten aus an, die Kurden haben nur noch die türkische Grenze im Rücken, von der aus sie nicht angegriffen werden. Hunderte Kurdinnen und Kurden, die der YPG von der Türkei aus zur Hilfe eilen wollten, wurden von türkischen Sicherheitskräften mit Tränengas daran gehindert. Die türkische Regierung behauptet, den IS nun bekämpfen zu wollen. In Wahrheit wartet sie wohl auf eine Gelegenheit, um eine »Pufferzone« in Syrien einzurichten. Die Türkei würde dann das Kurdengebiet kontrollieren und der IS könnte sich ruhig und friedlich nach Mossul und Raqqah zurückziehen.

Die kurdischen Nachrichtenagenturen Firat (Euphrat) und Dicle (Tigris) bezeichnen die Schlacht um Kobanê als historisch. Sie ist es auch in vielfacher Hinsicht. Die YPG hat es geschafft, innerhalb der Kurdengebiete erstmals ein nicht von einem Clanchef geleitetes autonomes Gebiet zu begründen. Zentral dafür ist etwa der derzeitige gleichberechtigte Kampf von Männern und Frauen innerhalb der YPG. Darin zeigt sich der Wunsch nach einem anderen Rollenmodell für die Frauen in der Region. Die türkische Soziologin Nazan Üstündağ hat in Rojava geforscht und kommt zu dem Ergebnis, dass dort beispiellose dezentrale kommunale Strukturen entstanden sind.

Der Kampf um Kobanê kann von den Kurdinnen und Kurden aufgrund ihrer unzureichenden Bewaffnung kaum gewonnen werden. Dieser Ort im Norden Syriens ist tragischerweise eine der wichtigsten Keimzellen für eine gesellschaftliche Utopie in der Region. Sollte der IS dort siegen und die Türkei ihre Pufferzone einrichten, entstünde eine extremistische Enklave unter Protektion eines Nato-Partners, eine komplett absurde politische Konstellation mit der EU als Nachtwächter am Rande des Geschehens.“

http://jungle-world.com/artikel/2014/41/50694.html

 

Gute Kurden, schlechte Kurden: Türkische Interessen

Nick Brauns:

„Der kurdische Jahrhunderttraum vom eigenen Staat scheint in Erfüllung zu gehen – zumindest in einem Teil der durch koloniale Grenzziehung auf vier Länder aufgeteilten kurdischen Siedlungsgebiete. Während eine sunnitische Koalition unter Führung der mörderischen Gotteskrieger des »Islamischen Staates« (IS) im Juni weite Teile Iraks unter ihre Kontrolle brachte, rückten kurdische Peschmerga in die von der irakischen Armee verlassenen Stellungen rund um die Erdölstadt Kerkuk vor. Der Anschluss des als »kurdisches Jerusalem« geltenden Kerkuk und weiterer »umstrittener Gebiete« an die kurdische Autonomieregion in Nordirak sollte laut irakischer Verfassung durch ein Referendum entschieden werden. Dessen Durchführung wurde von Bagdad aber bislang verhindert …

Doch gleichzeitig haben die Gotteskrieger mit den in Irak erbeuteten Panzern eine Offensive gegen das kurdische Selbstverwaltungsgebiet im Norden Syriens begonnen. Sollte diese Rojava genannte Region unter die Kontrolle der Islamisten geraten, sei als nächstes Kerkuk dran, warnen die Kurden in Syrien. Daher rufen sie Masud Barzani zur Bildung einer gemeinsamen Abwehrfront auf.

Doch der kurdische Präsident konzentriert sich lieber auf die Vorbereitung eines Unabhängigkeitsreferendums. Israel hat bereits die völkerrechtliche Anerkennung eines unabhängigen Kurdistan versprochen. Zu dessen Geburtshelfer könnte ausgerechnet die Türkei werden, die Autonomiebestrebungen ihrer eigenen Kurden blutig unterdrückt. Aus der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP heißt es, ein Kurdenstaat sei für Ankara heute kein Kriegsgrund mehr. Im Falle eines Auseinanderbrechens Iraks stände den Kurden vielmehr ein eigener Staat zu.

Seit dem Jahr 2007 haben sich die Beziehungen zwischen Ankara und Erbil massiv verbessert. Symbolisch dafür war der gemeinsame Auftritt vom türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan mit Masud Barzani in der kurdischen Metropole Diyarbakir im November 2013. Die Region Kurdistan-Irak ist von der Türkei wirtschaftlich abhängig. Während es weder Industrie noch nennenswerte Landwirtschaft gibt, sind Tausende türkische Firmen im Bauwesen und Dienstleistungssektor aktiv. Die kurdische Regierung kontrolliert zwar jetzt große Ölfelder, doch abtransportieren lässt sich das schwarze Gold nur über die Pipeline zum türkischen Hafen Ceyhan. Ankara wiederum will über kurdische Öllieferungen seine energiepolitische Abhängigkeit von Iran und Russland überwinden.

Mit dem als Gründungsdokument der Republik Türkei geltenden Nationalpakt (Misak-i Milli) von 1920 wird der türkische Anspruch auf die kurdischen Siedlungsgebiete Iraks als ehemals osmanischer Provinz Mosul festgeschrieben. Nun könnte Erdogan dieses Vermächtnis von Republikgründer Mustafa Kemal mit Hilfe seines Vasallen Barzani einerseits und der über die türkisch-syrische Grenze laufenden logistischen Unterstützung des türkischen Geheimdienstes für die Gotteskrieger des IS andererseits erfüllen. Denn ein von Bagdad unabhängiges Kurdistan wird umso abhängiger von der Türkei sein. Seit den 90er Jahren besitzt die Türkei einige Militärstützpunkte auf irakisch-kurdischem Territorium. Als die türkische Luftwaffe in den letzten Jahren mehrfach Angriffe auf Camps der Arbeiterpartei Kurdistans PKK in den Kandilbergen flog, gab es aus Erbil keine größeren Proteste gegen diese Verletzung seines Territoriums.

Ein türkisches Protektorat ist der von Barzani in feudaler Manier geführte Mafiastaat, in dem soziale Proteste und kritischer Journalismus mit harter Hand unterdrückt werden, heute bereits. Auch wenn vielleicht bald die kurdische Fahne über Kerkuk als Hauptstadt eines unabhängigen Kurdistan wehen sollte, wird dies noch lange kein freies Kurdistan sein.“

http://www.neues-deutschland.de/artikel/939231.traum-vom-eigenen-staat.html

 

Peter Nowak:

"Seit Wochen wird von vielen Seiten gefordert, dass die türkische Armee endlich in die Auseinandersetzung zwischen den IS-Milizen und den kurdischen Verteidigern von Kobane eingreifen. Am vergangenen Dienstag griff die türkische Armee tatsächlich ein, aber nicht gegen die IS und nicht in Kobane. Dafür bombardierten türkische Militärs Stellungen der PKK und brachen einen Waffenstillstand, der mehr als eineinhalb Jahre gehalten hat.

Die Angriffe kommen nicht überraschend. Die neoislamistische Erdogan-Regierung hatte einerseits weniger ideologische Probleme als die Kemalisten, mit der kurdischen Nationalbewegung zu verhandeln. Allerdings ging es nur darum, alle Kräfte, die dem Machtanspruch der AKP im Wege standen, zu domestizieren. Doch das ist bei der PKK vor allem deshalb bisher nicht gelungen, weil sie nicht mehr in erster Linie auf die nationale Karte setzt.

In der kurdischen Nationalbewegung haben vielmehr in den letzten Jahren rätedemokratische, feministische und herrschaftskritische Vorstellungen zumindest theoretisch einen größeren Stellenwert bekommen.

Die aber sind nun überhaupt nicht kompatibel mit den wirtschaftsliberalen und kulturkonservativen Vorstellungen der Islamisten um Erdogan und Co. Der hat deshalb auch nie einen Zweifel daran gelassen, dass er in der PKK eigentlich eine größere Gefahr als in der IS sieht.

Mehrmals sprach Erdogan in den letzten Tagen davon, dass es sich beim Kampf um Kobanê um eine Auseinandersetzung zwischen zwei terroristischen Gruppen handelt, womit er den IS und die PKK auf eine Stufe stellte. In der Realität gibt es diese Äquidistanz allerdings nicht, und das begann auch nicht erst mit der AKP-Regierung.

Tatsächlich wurden immer wieder radikale Islamisten gegen die kurdische Nationalbewegung eingesetzt. Schon in den 1990er Jahren noch unter den vom Militär protegierten Rechtsregierungen ermordete die türkische Hisbollah kurdische Intelektuelle, Gewerkschafter und andere Aktivisten. Die Hizbollah war so neben den faschistischen Grauen Wölfen ein Element des sogenannten tiefen Staats in der Türkei.

Auch später spielten Radikalislamisten in der Türkei eine große Rolle, die einen islamischen Staat schon zu einer Zeit aufbauen wollten, als von ISIS und IS noch keine Rede war. Dieser lange blutige islamistische Terror gegen die PKK ist hierzulande wenig bekannt. Für die kurdische Nationalbewegung ist eine mögliche Rückkehr der "kurdischen Hisbollah" eine Schreckensnachricht …

Aber nicht nur in der Türkei, auch in Deutschland wird die PKK weiterhin als Terrorgruppe behandelt. Dafür wurde eine Phantomdebatte darüber geführt, dass die Türkei mit Truppen in Kobane gegen die IS eingreifen soll. Dabei wird gerne das Schicksal der eingeschlossenen Kurden als Argument angeführt und sogar behauptet, die kurdische Nationalbewegung fordere einen solchen Schritt. Dabei haben die meisten kurdischen Verbände, die gegen die IS kämpfen, einen türkischen Einmarsch explizit abgelehnt.“

http://www.heise.de/tp/news/Fuer-die-tuerkische-Regierung-ist-die-PKK-und-nicht-die-IS-der-Hauptfeind-2424175.html

 

Deniz Yücel:

„Die Kurden protestieren auf der Straße, in der Türkei, aber auch in Westeuropa. Was aber wollen die Demonstranten? „Sie forderten die türkischen Regierung auf, mehr zum Schutz der überwiegend kurdischen Bevölkerung zu tun“, weiß der deutschsprachige Dienst von Reuters. „Die Demonstranten werfen der Regierung in Ankara vor, dem drohenden Fall der syrischen Kurdenstadt Kobani tatenlos zuzusehen“, weiß AFP – obwohl ja, wie dpa ergänzt, „die türkische Armee mit Panzern an der Grenze steht“.

Klingt plausibel. Ist aber Unsinn, der nicht dadurch wahrer wird, wenn SpiegelOnline, Süddeutsche.de, Tagesschau.de und so ziemlich alle anderen deutschen Medien diese Behauptung wiederholen. „Kurden drängen Türkei zur Intervention“, heißt es beispielsweise im Handelsblatt.

Vielleicht wäre es pragmatisch von den Kurden, zu versuchen, die Türkei zum Eingreifen zu drängen. Allein: Sie lehnen das ab, sehr vehement sogar. „Ein Eingreifen der türkischen Armee würden wir als Angriff auffassen“, sagt Salih Muslim, der Anführer des syrischen PKK-Ablegers PYD. Auch die Abgeordneten der prokurdischen HDP/BDP lehnen eine türkische Militärintervention ab. Wie also deutsche Korrespondenten darauf kommen, die Kurden würden genau dafür protestieren, bleibt ihr Geheimnis. (Kleiner Tipp: Einfach mal die Kurden fragen, die beißen nicht.)

Das Misstrauen gegenüber der Türkei hat gute Gründe. Anfang Oktober hat das Parlament mit den Stimmen der islamisch-konservativen AKP (wann fällt bei der der Zusatz „konservativ“?) und der ultranationalistischen MHP (und gegen die Stimmen der BDP/HDP) die Regierung zu Militäroperationen gegen „den IS und andere Terrororganisationen in der Nähe zur türkischen Grenze“ ermächtigt – also auch zum Vorgehen gegen die kurdische PYD.

Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte lange gezögert, den „Islamischen Staat“ als terroristisch zu bezeichnen, um nun zu erklären, der IS und die PKK seien im gleichen Maße terroristisch – eine interessante Wendung, wenn man bedenkt, dass er noch bei den Gezi-Protesten im Frühjahr vergangenen Jahres den Demonstranten vorwarf, sie wollten den Friedensprozess mit der PKK sabotieren. Der scheint nun vergessen, dafür steht ein Teil der Gezi-Demonstranten heute an der Seite der AKP-Regierung gegen die PKK, während ein anderer Teil die Kurden unterstützt.

Diese Gleichsetzung mit dem „Islamischen Staat“ empfinden die Kurden als brüskierend. Zu Recht. Denn die einen sind von einem eliminatorischen Wahn beseelte Gotteskrieger, die anderen sind die, die die bedrängten Jesiden in den Sindschar-Bergen zu Hilfe eilten. Die einen sind die, die systematisch Frauen vergewaltigen und als Kriegsbeute verschleppen, die anderen sind die, in deren Reihen etliche Frauen kämpfen. Die einen sind die, die in ihrem Gebiet einen bizarren Gottesstaat errichtet haben, die anderen sind die, in deren Gebiet „Rojava“ die einzige Region in Syrien ist, in der sich die Dinge nach dem Aufstand gegen Assad zum Besseren gewendet haben, trotz des Kriegszustandes.

Diese erkämpfte Autonomie ist der Grund, warum sie Kobani so erbittert verteidigen und warum die Kurden in der Türkei mit ihnen sympathisieren – die Anhänger der islamistischen Organisation Hüda-Par ausgenommen, die für die meisten Toten der vergangenen Tage in den kurdischen Gebieten verantwortlich sind. Der Vorläufer dieser Organisation, die kurdische Hizbullah, wurde in den neunziger Jahren als Killerkommando gegen die PKK eingesetzt, auch jetzt gibt es Berichte, dass Sicherheitskräfte ihr Vorgehen decken.

Wogegen also protestieren die Kurden? Sie protestieren gegen die stillschweigende Unterstützung, die die Türkei in den vergangenen Jahren den Dschihadisten gewährte. Die Türkei soll Waffenlieferungen zulassen und zudem einen Korridor schaffen, damit PYD-Einheiten aus den beiden anderen syrisch-kurdischen „Kantonen“ und Kämpfer der PKK, womöglich auch der nordirakischen Peschmerga den Eingeschlossenen in Kobani zu Hilfe kommen können.

Von den USA fordern sie offiziell nichts. Im persönlichen Gespräch hingegen kritisierten kurdische Politiker noch bis Mittwoch, dass die Luftangriffe gegen IS-Stelllungen in der Umgebung von Kobani viel zu ineffektiv seien. Immerhin das hat sich inzwischen wohl geändert.

Dabei haben die USA und ihre Verbündeten zum Angriff des IS auf Kobani beigetragen. Dass sie beschlossen, Waffen an die nordirakischen Kurden zu liefern – wogegen nichts einzuwenden wäre –, aber zugleich klarmachten, dass sie PYD und PKK nicht unterstützen würden, hat der „Islamische Staat“ als Einladung aufgefasst, nach dem gescheiterten Angriff Anfang Juli erneut gegen Kobani vorzurücken. Diesen Kurden, so müssen die Dschihadisten gedacht haben, wird eh keiner helfen. Ein Gefühl, das die Kurden nur zu gut aus ihrer Geschichte kennen. Auch deshalb sind sie auf der Straße. Vielleicht vor allem deshalb.“

http://www.taz.de/!147370/

 

Deutsche und Europäische Interessen

Peter Nowak:

„Eine kurdische Bewegung mit staatskritischem und sozialrevolutionärem Kurs aber ist auch überhaupt nicht im Interesse Deutschlands. Denn auch die Osttürkei ist schon ökonomisch für die EU und Deutschland von Interesse.

Schon wurden in Diyarbakir Verbindungsbüros für wirtschaftliche Kontakte eröffnet, was die türkische Regierung als unfreundlichen Akt bewertete. In der nächsten Zeit wird der Druck auf die kurdische Nationalbewegung steigen, sich zu einer Kraft zu entwickeln, die im bürgerlich-kapitalistischen Staat funktioniert und ihr höchstes Ziel darin sieht, die Region fit für den Weltmarkt zu machen. Das ginge aber nur durch einen Bruch mit den sozialrevolutionären und staatskritischen Teilen ihrer Theorie und Praxis und wäre sicher nicht ohne Spaltungen möglich.

Wenn nun ein Sprecher des Bundesinnenministeriums erklärt, dass einstweilen eine Aufhebung des PKK-Verbots nicht zu erwarten ist, geht es genau darum, diesen Druck aufrecht zu erhalten. Anders als in der Öffentlichkeit suggeriert, geht es nicht um die Aufgabe der Forderung nach einem eigenen Staat, das ist längst erfolgt.

Es geht um die Trennung von staats- und kapitalismuskritischen Inhalten in ihrer Politik. Genau diesem Druck ist die kurdische Nationalbewegung in der Türkei auch unter der neoosmanischen Erdogan-Politik ausgesetzt, die mehr als die Kemalisten auf das Prinzip "teile und herrsche" setzt. Die nächsten Monate werden zeigen, ob dieser Druck im Sinne der deutschen und türkischen Regierung Erfolge hat.“

http://www.heise.de/tp/news/Waffen-fuer-die-Kurden-2305207.html

 

Anders ausgedrückt: „staats- und kapitalismuskritische“ Kurden wie die in Kobane sind nicht erwünscht. Deshalb haben diese auch keine Waffen von der deutschen Regierung bekommen – im Gegensatz zu den korrupten, kapitalistischen Kurden im Irak.

Und wovor haben die kapitalistischen Staaten so große Angst?

 

Geändertes Weltbild der PKK

Rainer Hermann:

„Seit der Festnahme Öcalans und seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft auf der Gefängnisinsel Imrali durchlief die PKK eine Transformation, die Öcalan mit seinen Schriften, die er in der Einzelhaft verfasste, entscheidend angestoßen hat. In seiner Verteidigungsschrift für ein Gericht in Ankara 1999 und zwei Jahre später in seiner Stellungnahme für den Europäischen Menschengerichtshof in Straßburg wandte er sich vom bewaffneten Kampf und der Idee eines eigenen Kurdenstaats ab. In der Schrift für das Gericht in Ankara argumentierte er, das Ideal sei ein demokratischer Staat, wie ihn Atatürk, der Gründer der Republik, angestrebt habe, wegen der schwierigen Umstände der Zeit aber nicht habe verwirklichen können. An den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof schrieb Öcalan, eine Befreiung sei nicht durch Staatlichkeit zu erreichen, sondern allein durch die Vertiefung der Demokratie.

Aus diesen beiden Schriften, die später als Monographien erschienen sind, leitet die PKK ihre Projekte einer „demokratischen Republik“ und einer „demokratischen Autonomie“ ab. So wandelte sich die PKK von einer marxistisch-leninistischen Kaderorganisation zu einer basisdemokratischen Bewegung. Im Vordergrund standen nun die lokale Selbstverwaltung und die Organisation eines Gemeinwesens von unten. Als Ergebnis gründeten Mitglieder und Sympathisanten der PKK basisdemokratische Institutionen, die sie unter dem Dach der KCK zusammenfassen. Zu diesem Verbund gehören Schwesterorganisationen in Nachbarstaaten, wie in Syrien die „Partei der Demokratischen Union“ (PYD) und die „Volksverteidigungseinheiten“ (YPG). Der Ableger in Europa heißt „Konföderation der kurdischen Vereine in Europa“. Die Beziehungen zu den irakischen Kurden waren indessen nie frei von Spannungen. Die Regionalregierung Irakisch-Kurdistans in Arbil hat 2007 die Schwesterpartei der PKK in ihrem Gebiet auch deshalb verboten, um die eigenen Beziehungen zur Türkei nicht zu belasten. Die PKK musste ihr Hauptquartier in den Kandilbergen aber nie räumen.“

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/tuerkei-und-pkk-droht-ein-ende-der-friedensgespraeche-13206447-p2.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

 

Zum Nachlesen:

„Dank der »Internationalen Initiative Freiheit für Abdullah Öcalan - Frieden in Kurdistan« liegt jetzt unter dem Titel »Jenseits von Staat, Macht und Gewalt« ein zentrales Grundlagenwerk Öcalans sorgfältig ediert in deutscher Sprache vor. »Dieses Buch ist die bisher ausführlichste Darstellung von Philosophie und Politik der PKK und der kurdischen Befreiungsbewegung aus der Feder ihres wichtigsten politischen Repräsentanten«, versprechen die Herausgeber.“

http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Tuerkei/oecalan2.html

 

Modell Rojava

Aus einem sehr schönen Artikel von Elke Dangeleit:

„Die Erprobung einer direkten kommunalen Demokratie mit emanzipatorischen Zügen stellt die Systemfrage an die Staaten im Nahen Osten, daher rührt die Gegnerschaft.

Rojava, bestehend aus den drei autonomen selbstverwalteten Kantonen Afrîn, Kobanê und Cizîrê, ist bedroht. Nicht nur durch den IS, sondern auch durch die Türkei. Auch die USA und die europäischen Staaten ignorieren dieses demokratische Experiment, bzw. überlassen die kurdischen und christlichen Selbstverteidigungseinheiten Rojavas sich selbst.

Es stellt sich die Frage, wieso dies so ist, warum wenden die USA mit ihren Luftschlägen um Kobanê eine zurückhaltende Taktik an, obwohl die IS Panzer und Artillerie dort quasi auf dem Präsentierteller stehen? Warum nennt Erdogan die Selbstverteidigungseinheiten YPG und YPJ Terroristen, die die Türkei nicht unterstützt? 

Rojava hat viele Gegner

Die Türkei: Das Modell Rojava passt Erdogan nicht, weil es ein Beispiel für eine föderale Türkei mit kurdischer Autonomie sein kann und somit die zentralstaatliche Türkei in Frage stellt.

USA: Weil sich Rojava nicht gegen Assad funktionalisieren lässt, ist auch die USA nicht daran interessiert, dieses Modell zu unterstützen.

Syrien: Assad ist auch ein Gegner, weil Rojava mit seinem demokratischen, föderalen System sein Regime in Frage stellt.

Nordirak: Die autonome Provinz in Nordirak unter der Herrschaft von Stammesführer Barzani boykottiert ebenfalls die Region in Nordsyrien, weil der Barzani-Clan mit seiner konservativen Ausrichtung kein Interesse an einem demokratischen Modell in seiner Nachbarschaft hat.

Alle zusammen sind gegen Rojava, weil alle Staaten in dieser Region ein patriarchales System haben und emanzipatorische Bewegungen unerwünscht sind, bzw. als Bedrohung erfahren werden.

Im Folgenden soll das Modell Rojava mit seinen politischen Strukturen und Zielen erklärt werden. Nur so wird verständlich, warum Demokratie in Syrien wie im ganzen Mittleren und Nahen Osten nicht erwünscht ist.

Das Modell Rojava

"Rojava" heißt auf kurdisch "Westen" und steht für Westkurdistan. Es besitzt eine einzigartige kulturelle, ethnische und religiöse Vielfalt: Kurden, Araber, Turkmenen, Armenier und Tschetschen leben hier friedlich zusammen. Aramäer/Assyrer, Chaldäer, Eziden und Moslems praktizieren ihren Glauben, ohne die jeweils anderen zu diskriminieren.

2,5 Mio. Menschen bewohnen diese Region, hinzu kommen noch über 1,2 Mio. Flüchtlinge: Binnenflüchtlinge aus Syrien und Eziden aus dem Irak, wo im August 2014 in der Region Shengal große Massaker und Vertreibungen durch den IS stattfanden.

In Rojava wird das Experiment einer direkten kommunalen Demokratie erprobt. Es soll versucht werden, die alte, von Überwachen und Strafen geprägte Kultur der Gewalt durch basisdemokratische Strukturen unter Einbeziehung aller ethnischen und religiösen Minderheiten zu ersetzen.

Die patriarchatsdominierte Clanstruktur soll u.a. aufgebrochen werden durch die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen in allen politischen und sozialen Organen.

Ein neues Gesundheitssystem mit Gesundheitszentren wurde aufgebaut und ein Bildungssystem ist im Entstehen, wo neben Arabisch auch Kurdisch und Aramäisch gelehrt wird. Die 1. Kurdische Universität wurde im August 2014 in Qamisli eröffnet. Ökologischer Landbau und ein basisdemokratisches Rechtssystem wurde etabliert.

Zentrale Punkte des "Demokratischen Konföderalismus"

Rojava besteht seit 2012. Sein Gesellschaftsmodell orientiert sich an Abdullah Öcalans Vorstellungen des "Demokratischen Konförderalismus". Seit 1999 auf der Gefängnisinsel Imrali im Marmarameer inhaftiert, wandte sich Öcalan dort ab vom marxistisch-leninistischen Revolutionsgedanken, der auf Umsturz und Machtübernahme abzielte, hin zu einem Modell einer demokratischen, ökologischen und geschlechterbefreiten Gesellschaft. Inspiriert wurde er vor allem von dem libertären amerikanischen Theoretiker Murray Bookchin. …

Demokratischer Konföderalismus und ein demokratisches politisches System

Im Gegensatz zu einem zentralistisch-bürokratischen Verständnis von Verwaltung und der Ausübung von Macht stellt der Konföderalismus eine Art der politischen Selbstverwaltung dar, bei der sich alle Gruppen der Gesellschaft und alle kulturellen Identitäten auf regionalen Treffen, allgemeinen Versammlungen und in Räten äußern können. Dieses Demokratieverständnis eröffnet den politischen Raum für alle Gesellschaftsschichten und berücksichtigt die Bildung verschiedener und vielfältiger politischer Gruppen. Auf diese Weise fördert es auch die politische Integration der Gesellschaft als Ganzer. Politik wird so zum Bestandteil des alltäglichen Lebens….

Die Schaffung einer funktionsfähigen Ebene, auf der alle Arten gesellschaftlicher und politischer Gruppen, Religionsgemeinschaften oder geistiger Strömungen sich direkt in allen regionalen Entscheidungsprozessen ausdrücken können, lassen sich auch als partizipative Demokratie bezeichnen. Je stärker die Beteiligung, desto stärker ist diese Art von Demokratie.

Fazit

Der Demokratische Konföderalismus kann als eine Art Selbstverwaltung beschrieben werden im Gegensatz zur Administration des Nationalstaats. Dennoch ist unter gewissen Umständen eine friedliche Koexistenz möglich, solange der Nationalstaat nicht mit zentralen Fragen der Selbstverwaltung kollidiert. Jede derartige Einmischung würde die Selbstverteidigung der Zivilgesellschaft hervorrufen.

Der Demokratische Konföderalismus befindet sich nicht im Krieg mit irgendeinem Nationalstaat, aber er wird Assimilationsbestrebungen nicht untätig zusehen. Ein revolutionärer Umsturz oder die Gründung eines neuen Nationalstaats schaffen keine tragfähige Veränderung. Auf lange Sicht können Freiheit und Gerechtigkeit nur innerhalb eines dynamischen demokratisch-konföderalen Prozesses erreicht werden.

Der Demokratische Konföderalismus in Kurdistan ist gleichzeitig eine anti-nationalistische Bewegung. Sie beabsichtigt die Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts der Völker durch die Ausweitung der Demokratie in allen Teilen Kurdistans, ohne die bestehenden politischen Grenzen infrage zu stellen. Ihr Ziel ist nicht die Gründung eines kurdischen Nationalstaates. Die Bewegung beabsichtigt die Etablierung föderaler, allen Kurden offenstehender Strukturen im Iran, in der Türkei, in Syrien und im Irak und gleichzeitig die Bildung einer übergreifenden Konföderation für alle vier Teile Kurdistans.

In einer Erklärung von Cemil Bayik, einem wichtigen PKK-Führer, in der türkischen Tageszeitung "Radikal" wird deutlich, dass es den Kurden im Rahmen ihrer Autonomieforderungen im Prinzip darum geht, formal den gleichen Status zu erhalten, wie es z.B. Südtirol innerhalb Italiens hat: "…Es muss verstanden werden, dass die PKK nicht hinter einem Stück Erde oder einem Staat her ist. Wir wollen auch nicht die Kurden von allen anderen Völkern der Region separieren. Uns geht es um die Erschaffung einer demokratischen Gesellschaft, in welchem die Geschwisterlichkeit der Völker maßgeblich ist und in welchem jede Gruppe sich mit ihren Eigenheiten, ihrer Sprache und ihrer Kultur frei organisieren und Teil des Ganzen sein kann."

Am 19. Juli 2012 wurde der Grundstein für den Aufstand der Bevölkerung Rojavas gelegt. Sie "besetzte zunächst einige staatlichen Institutionen. Als die Militärkräfte des Regimes ausrücken wollten, um den Aufstand zu zerschlagen, merkten sie, dass ihr Vorhaben hoffnungslos war. Denn die Bevölkerung hatte sie bereits umstellt und weitere Verwaltungsgebäude des Staates eingenommen. So beschlossen die Männer des Regimes, die Stadt zu verlassen oder ihren Posten niederzulegen und als Zivilisten in der Stadt ihr Leben fortzuführen."

Am 6. Januar 2014 wurde ein Gesellschaftsvertrag für Rojava in Qamislo verabschiedet und am 18. Januar 2014 die demokratische autonome Selbstverwaltung ausgerufen. Im Mittelpunt des Gesellschaftssystems steht die Kommune, analog zum Schweizer kantonalen Modell:

Die Beschlüsse der Kommunen sind quotiert, das bedeutet, dass zur Entscheidungsfähigkeit, wie in allen Räten in Rojava mindestens 40% Frauen an der Diskussion beteiligt sein müssen. Hier werden die aktuellen Notwendigkeiten der Verwaltung, Strom- und Lebensmittelversorgung, aber auch gesellschaftliche Probleme, wie patriarchale Gewalt, Familienstreits…diskutiert und wenn möglich gelöst. Die Kommunen haben Kommissionen, die sich mit allen gesellschaftlichen Fragen befassen. Dabei geht es von der Organisierung der Verteidigung, der Justiz bis hin zur Ökonomie und dem Aufbau von eigenen Kooperativen, die von der Kommune getragen werden. Das können Bäckereien, Nähereien oder aber auch landwirtschaftliche Projekte sein. Ökologiekommissionen kümmern sich um die Sauberkeit der Stadt und ökologische Problematik ...

Artikel 27:

a) Frauen verfügen über alle politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen Rechte und das Recht auf Leben. Diese Rechte sind zu schützen.

Artikel 28:

a) Frauen haben das Recht zur Selbstverteidigung und das Recht, jegliche Geschlechterdiskriminierung aufzuheben und sich ihr zu widersetzen.

Artikel 29:

a) Der Gesellschaftsvertrag garantiert die Kinderrechte und verbietet Kinderarbeit, physische und psychische Folter an Kindern und Kinderheiraten 

Artikel 39:

Alle Bodenschätze und natürlichen Ressourcen gehören der gesamten Gesellschaft. Ihre Nutzung, Verarbeitung und Gebrauch wird durch Gesetze geregelt.

Artikel 40:

In den demokratisch-autonomen Verwaltungen gehört jeglicher Grundbesitz und Boden der Bevölkerung. Nutzung und Aufteilung werden durch Gesetze geregelt. 

Dass die türkische Regierung ein demokratisches Modell in ihrer Nachbarschaft verhindern will, zeigt sich spätestens jetzt, wo einer der Kantone Rojavas, Kobanê, kurz vor der Einnahme durch den IS steht: Sie fordert die syrischen Kurden auf, als Gegenleistung für Hilfe ihre Autonomie aufzugeben, das Selbstverwaltungsmodell aufzulösen und der Einrichtung einer türkischen "Sicherheitszone" in Nordsyrien zuzustimmen.

Darüber hinaus habe der Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, wie die Welt berichtete, "schon in seinen frühen Schriften betont, dass die Türkei "Lebensraum" im Osten braucht - ein Begriff, den er vom deutschen Geopolitiker Karl Haushofer übernahm, der auch Hitler inspirierte. Davutoglu möchte in jenen Gebieten, die früher ja zum Osmanischen Reich gehörten, den türkischen Einfluss möglichst wiederherstellen, der dort einst herrschte. Zerfallende Nachbarstaaten, deren kurdische und sunnitische Teile unter türkischer Protektion ein Eigenleben entwickeln, wären ein ideales Ergebnis - wenn sich diese Gebiete denn indirekt und berechenbar von Ankara führen lassen".

In einem internen Papier der USA, welches dem türkischen Journalisten Baskin Oran zugespielt wurde, heißt es u.a.: "Die Türkei habe die Grenzen für sämtliche militante Islamisten bewusst geöffnet, um ihre Stellung in der Region zu stärken. Sie habe sich als sicherer Hafen für den islamischen Kampf positionieren wollen…Erdogan habe über den türkischen Geheimdienst MIT die Islamisten bewaffnet. Sämtliche Waffen der Islamisten trügen das Label des türkischen Waffenlieferanten MKE. Die Türkei versorge verwundete ISIS-Terroristen in speziellen Krankenhäusern medizinisch und verbringe sie nach ihrer Genesung in die türkischen Trainingscamps der ISIS."

Irak: Das Verhältnis von Rojava zum kurdischen Autonomiegebiet im Irak

Regierungssitz des Autonomiegebiets ist Erbil. Dorthin wurden auch die deutschen Waffen für die Peschmergas geliefert. Allerdings wurden diese an die KDP-Peschmergas geliefert, also diejenigen, welche Anfang August vor dem IS geflohen sind und die Eziden im irakischen Shengal-Gebirge alleine gelassen haben. Bis heute boykotiert Barzani die humanitäre Hilfe nach Rojava. Und stellt den jesidischen Selbstverteidigungseinheiten im Shengal-Gebirge keine Waffen zur Verfügung.

Der Stammesfürst Barzani steht der USA und der Türkei wesentlich näher als den Kurden in Rojava. Seine autonome Region ist zu über 90% von Importen aus der Türkei abhängig, da es im Nordirak kaum Landwirtschaft und produzierendes Gewerbe gibt. Es wird praktisch nichts fürs tägliche Leben produziert, sondern das Geld aus den Öl-Dollars und der Kontrolle der Importe füllt die Taschen des Barzani-Clans, der auch alle wichtigen politischen Ämter innehat. …

Von daher ist der erz-konservativen, feudalistisch strukturierten Regierung ein demokratisches Modell in der Nachbarschaft ebenfalls ein Dorn im Auge. Denn auch im Nordirak ist das Quasi-Fürstentum Barzanis ein korruptes, hierarchisches Männersystem.

USA: nicht gegen die grundlegenden Interessen ihrer Verbündeten

Betrachtet man die verhaltenen Luftschläge der USA um Kobanê, so liegt nahe, dass es sich um ein ambivalentes Taktieren handelt. Dies wird auch aus einer Pressekonferenz des US-Regierungssprechers deutlich, wo er auf diesbezügliche Fragen nur ausweichende Antworten gab.

In manchen Medien wird darauf hingewiesen, dass die USA durch den Irakkrieg 2003 maßgeblich zur Entstehung des IS beigetragen haben:

Die Entwicklungen in Ägypten, Libyen, Tunesien, Irak und in Syrien entsprechen nicht oder nur im geringen Maß den Vorstellungen der US-Regierung. Durch ihre Politik hat die USA allerdings die gesamte Region ins Chaos gestürzt… hat die USA die Kontrolle verloren Auf dieser Basis hat sich auch die Revolution in Rojava entwickelt. Eine basisdemokratische Selbstverwaltung, die in der Region zum positiven Modell werden könnte, stellt die Vormachtstellung der USA in Frage. Als Instrument dagegen wurde IS genutzt.

Aus Saudi-Arabien kommt bis heute Unterstützung für den IS und der Türkei wird vorgeworfen, dass sie den IS materiell mit Waffen und Munition unterstützt und verletzte IS-Kämpfer in türkischen Krankenhäusern behandelt, weil die Regierung gegen das Assad-Regime ist - und vor allem gegen die Schiiten im Irak und im Iran.

Auch Katar soll mit im Boot sein, von dort kommt finanzielle Unterstützung für den IS, obwohl ein Großteil der katarischen Bevölkerung ebenfalls Schiiten sind, die aber dort von politischen Entscheidungen weitgehend ausgeschlossen sind.

Die USA können nicht gegen die grundlegenden Interessen ihrer Verbündeten angehen. Deshalb wird das Verhalten der Türkei als Mitglied der Nato auch bis heute gebilligt bzw. nur sehr verhalten kritisiert. So mächtig die USA auch sind, diese Interessenvielfalt ihrer Verbündeten im Nahen Osten kann sie nicht vollständig ignorieren.

Die große Gemeinsamkeit aller Staaten im Nahen Osten

Die große Gemeinsamkeit aller Staaten im Nahen Osten ist gekennzeichnet durch hierarchische, antidemokratische Männergesellschaften. Dies ist ein wesentliches Element, warum keine demokratischen Staaten dort entstehen können. Der Hang zur Diktatur, zu narzistischem Machoverhalten, zu Klientelismus und Korruption ist groß.

Frauen sind vom politischen und gesellschaftlichen Leben in diesen Ländern praktisch ausgeschlossen, wie auch vielfach die ethnischen und religiösen Minderheiten. Demokratie bedeutet aber, dass alle gleichberechtigt an der Macht und allen gesellschaftlichen Organen beteiligt sind.

Nach der anfänglichen stalinistischen Ausrichtung der PKK haben sich die Kurden - sicherlich beeinflusst durch die Frauenbewegungen weltweit - dazu durchgerungen, der Frauenfrage eine große Bedeutung zuzumessen. Dies hat auch Öcalan schon in den 1990er Jahren erkennen müssen, als immer mehr Frauen in den Organen der PKK Posten belegten.

So war z.B. die am 9. Januar 2013 in Paris ermordete Sakine Cansiz eine der ersten Kommandantinnen der PKK und das erste Mitglied der Frauenpartei, die 1995 nach dem ersten kurdischen Frauenkongress gegründet wurde.

Seit seiner Gefängniszeit befasst sich Öcalan mit verschiedenen Theoretikern und ist deutlich vom Stalinismus abgerückt. Er verfasste verschiedene Schriften, unter anderem auch zur Frauenfrage:

Für eine demokratische Nation ist die Freiheit der Frau von großer Bedeutung, da die freie Frau die befreite Gesellschaft konstituiert…Darüber hinaus ist es von revolutionärer Bedeutung, die Rolle des Mannes umzukehren.

Ob ein Königshaus in Saudi - Arabien oder Diktatoren wie Saddam Hussein, Ghaddafi oder ein kurdischer Stammesfürst Barzani - ihre Ökonomie wird grundlegend bestimmt durch die Öldollars und Frauen sind aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen.

Es wird nichts produziert, es fehlt an Bildungsinstitutionen für die Bevölkerung und damit wird Emanzipation verhindert.

Nur so kann es sein, dass Frauen bei den politischen Kontrahenten Saudi Arabien und Iran derartig gesellschaftlich ausgegrenzt sind, die Genitalverstümmelung entgegen der gängigen Meinung sich nicht nur auf Afrika beschränkt, sondern auch im Nordirak verbreitet ist.

Kein Interesse am Gelingen des Experiments Rojava

Alle Staaten im Nahen Osten haben kein Interesse am Gelingen des Experiments Rojava, weil es die Systemfrage stellt. Emanzipationsbewegungen werden weltweit nicht zugelassen und schon immer bekämpft oder diffamiert, weil sie den Kapitalismus in Frage stellen - momentan den Neoliberalismus. Der Neoliberalismus braucht möglichst abhängige Regierungen. Rojava steht dem entgegen, weil es kaum Schnittstellen zum Kapitalismus herstellt und gleichzeitig die reinen Männergesellschaften in Frage stellt.

Rojava ist als Gegenentwurf zu ihrem eigenen Gesellschaftsmodell von allen Regimen im Nahen Osten nicht gewollt. Es ist für den Nahen Osten eine Revolution, die keiner will. Die westliche Wertegemeinschaft setzt auf Demokratie, Menschenrechte, Frauenemanzipation, Rechtsstaatlichkeit und Glaubensfreiheit - aber gerade im Fall Rojavas verstößt sie wieder einmal gegen ihre eigenen Werte, indem sie dieses Experiment verhindert statt unterstützt. Ähnelt die westliche Welt damit ungewollt den diktatorischen Staaten des Orients?

Obama proklamiert in seiner letzten Rede demokratische Werte, aber werden sie dann einmal wie in Rojava eingehalten, zählen sie wegen geopolitischer Interessen plötzlich nicht mehr.

Der Westen hat sich davon verabschiedet, diese Werte als Grundlage des eigenen Handelns zu beachten. Anscheinend werden Werte wie Demokratie und Menschenrechte nur noch instrumentell gebraucht. Damit sind sie allerdings kein Wert mehr, sondern nur noch Mittel zum Zweck und leere Hülle.“

http://www.heise.de/tp/artikel/43/43031/1.html

 

Das war ausführlich und dennoch auf den Punkt gebracht. Wenn es irgendwo auf der Welt noch Menschen gibt, für die die „westlichen Werte“ noch einen Wert haben, die sich derer bewusst sind und bereit sind, sie zu verteidigen, dann in Rojava.

Ein zentraler westlicher Wert ist die Gleichberechtigung der Frauen. Nichts verdeutlicht mehr diese Gleichberechtigung als bewaffnete Frauen, die bereit sind, gegen ankämpfende Männerhorden zu kämpfen. Mensch vergleiche das mal mit der Rolle der Frauen gerade in dieser Region der Welt. Bilder von militärischen Kurdinnen gibt’s unter anderem in diesen Artikeln:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/arin-mirkan-selbstmordattentaeterinnen-von-ypg-pkk-und-hamas-a-995895.html

http://www.heise.de/tp/artikel/43/43070/1.html

 

Dass die westlichen Regierungen großes Interesse daran haben, dass Rojava mit seinen „westlichen Werten“ scheitert, ist offensichtlich.

Ausschließlich deshalb, weil die Weltöffentlichkeit entsetzt über die Belagerung Kobanes ist und dessen Fall der „westlichen Wertegemeinschaft“ ein katastrophales Image bescheren würde, gibt es militärische Hilfe vor allem von den USA und damit zumindest die Chance, dass Kobane der Belagerung stand hält.

Es gibt natürlich wieder Menschen, die die helfenden Staaten loben für ihr aktuelles Engagement gegen das Gesindel vom „Islamischen Staat“. Allerdings fragt der Wurm: Wer hat den IS (bzw. ISIS oder ISIL) überhaupt auf die Menschheit losgelassen? Ausgebildet und finanziert? Wer hat den „Bürgerkrieg“ in Syrien angefangen, einem Staat, der allen Religionen gegenüber tolerant war? Wer ist für Tote in 6-stelliger Zahl und Flüchtlinge in 7-stelliger Zahl verantwortlich?

Das wahre Gesindel sitzt unter anderem in Washington, London, Paris, Berlin und Ankara.

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/34-feinde-syriens.html

 

Hier noch ein paar interessante Links:

http://www.welt.de/politik/ausland/article133054865/Im-Suedosten-der-Tuerkei-droht-ein-neuer-Buergerkrieg.html

http://www.spiegel.de/politik/ausland/nach-bombardement-pkk-droht-tuerkei-mit-neuem-buergerkrieg-a-997061.html

http://www.spiegel.de/politik/ausland/kobane-westen-versagt-in-syrien-gegen-is-islamischer-staat-a-995779.html

http://civaka-azad.org/die-tuerkei-unterstuetzt-um-die-selbstverwaltungsstrukturen-rojava-zu-zerstoeren/