Madman

https://www.youtube.com/watch?v=0nuYiLWwFdo

 

Henry Kissinger wird 100 Jahre alt.

Aus „Wikipedia“: „Henry Alfred Kissinger (* 27. Mai 1923 in Fürth als Heinz Alfred Kissinger) ist ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler und ehemaliger Politiker der Republikanischen Partei. Der Deutschamerikaner Kissinger spielte in der Außenpolitik der Vereinigten Staaten zwischen 1969 und 1977 eine zentrale Rolle; er war Vertreter einer harten gewaltbereiten Realpolitik wie auch einer der Architekten der Entspannung im Kalten Krieg. Von 1969 bis 1975 war Kissinger Nationaler Sicherheitsberater, von 1973 bis 1977 Außenminister der Vereinigten Staaten. 1973 erhielt er gemeinsam mit Lê Đức Thọ den Friedensnobelpreis für ein Waffenstillstands- und Abzugsabkommen mit Nordvietnam.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Kissinger

 

Zur Person

 

Junge Jahre

 

Aus „Wikipedia“: „Henry Kissinger wurde als Heinz Alfred Kissinger im mittelfränkischen Fürth in der Mathildenstraße 23 in eine jüdische Familie geboren. Sein Vater Louis Kissinger (1887–1982) unterrichtete am Fürther Lyzeum Geschichte und Geografie, seine Mutter Paula Kissinger (geb. Stern) (1901–1998) war die Tochter eines wohlhabenden jüdischen Viehhändlers aus Leutershausen nahe Ansbach. Der Nachname war von seinem Ur-Ur-Großvater Meyer Löb (1767–1838) aus dem unterfränkischen Kleineibstadt im Jahre 1817 angenommen worden und bezieht sich auf die Stadt Bad Kissingen.

Seine Kindheit verbrachte Henry Kissinger mit seinem ein Jahr jüngeren Bruder Walter Bernhard (1924–2021) in Fürth, wo die Familie von 1925 bis 1938 in der Marienstraße 5 wohnte. Kissinger ist seit seiner Kindheit ein großer Fußballfan und spielte in der Jugend der SpVgg Fürth (heute SpVgg Greuther Fürth), deren Fan er bis heute ist. Später erinnerte er sich lebhaft daran, wie ihm 1933 als Neunjährigem mitgeteilt wurde, Adolf Hitler sei zum deutschen Reichskanzler ernannt worden, was sich als grundlegender Wendepunkt für die Familie Kissinger herausstellen sollte.

Während der NS-Herrschaft wurden Kissinger und seine Freunde regelmäßig von Hitlerjugendbanden drangsaliert und geschlagen. Kissinger widersetzte sich manchmal der durch die NS-Rassengesetze auferlegten sozialen Segregation, indem er sich in Fußballstadien schlich, um die Spiele seines Vereins zu sehen, was zu anschließenden Prügeln durch die Polizei oder die SA führte. Aufgrund der Nürnberger Gesetze konnte Kissinger das Gymnasium nicht besuchen und sein Vater wurde aus dem Schuldienst entlassen. Als Kissinger 15 Jahre alt war, floh er 1938 mit seiner Familie vor der nationalsozialistischen Verfolgung aus Deutschland. Mehrere Verwandte der Familie Kissingers wurden später von den Nationalsozialisten ermordet.

Die Familie hielt sich nach der Emigration kurze Zeit in London auf, bevor sie am 5. September 1938 in New York City ankam. Kissinger ging mit seinem Bruder Walter in New York City, im damals deutsch-jüdisch geprägten Ortsteil Washington Heights von Manhattan, auf die George Washington High School. Seinen ausgeprägten deutschen Akzent im Englischen und seinen fränkischen Dialekt im Deutschen hat er nie verloren – nach eigener Aussage aufgrund seiner jugendlichen Schüchternheit.

Am 19. Juni 1943 erhielt Kissinger die Staatsbürgerschaft der USA, nachdem er im selben Jahr zum Militärdienst bei der U.S. Army eingezogen worden war. Im Jahre 1944 lernte Kissinger im Ausbildungslager Camp Claiborne (Louisiana) den damals 36-jährigen Juristen und Politologen Fritz G. A. Kraemer kennen, der wie er in der 84. US-Infanteriedivision diente und ebenfalls ein deutscher Emigrant war.

Diese Begegnung wurde für Kissingers weiteren Weg prägend. „Während der folgenden Jahrzehnte beeinflusste Kraemer meine Lektüre und mein Denken, beeinflusste die Wahl meiner Universität, weckte mein Interesse für politische Philosophie und Geschichte, inspirierte meine akademischen Abschlussarbeiten und wurde überhaupt zu einem integralen und unverzichtbaren Teil meines Lebens. […] Seine Inspiration blieb mir sogar in den zurückliegenden 30 Jahren erhalten, als er nicht mehr mit mir reden wollte“, erklärte Kissinger nach Kraemers Tod im Jahre 2003.

Der Zweite Weltkrieg brachte beide zurück nach Deutschland. Kissinger wurde zunächst Private (einfacher Soldat) in der G-Kompanie des 2. Bataillons der 84. US-Infanteriedivision. Da Kissinger Deutsch sprach, vermittelte ihn Kraemer zur militärischen Aufklärung innerhalb der Division. Ende 1944 wurde er der G-2 Section im Führungsstab der Division zugeteilt, kämpfte freiwillig gegen Hitlers Ardennenoffensive, wurde als Special Agent beim 970. Counter Intelligence Corps (CIC) eingesetzt und zum Sergeant befördert.

Im März 1945 war er mit der 84. US-Infanteriedivision drei Wochen in Krefeld, ab dem 9. April in Hannover, wo er mit Robert Taylor mehrere Gestapo-Beamte aufspürte und verhaftete. Hierfür erhielt er am 27. April den Bronze Star. Er war auch unter den Soldaten, die am 10. April das KZ-Außenlager Hannover-Ahlem befreiten.

Nach Kriegsende blieb er in Deutschland und arbeitete von Mitte 1945 bis April 1946 in der amerikanischen Besatzungszone beim Counter Intelligence Corps (CIC) im südhessischen Bensheim. Das CIC hatte die Aufgabe, Kriegsverbrechen aufzuklären und die Entnazifizierung in Deutschland voranzutreiben. Im benachbarten Zwingenberg lebte Kissinger zusammen mit seiner Begleiterin, einer deutschen Offizierswitwe, in der beschlagnahmten Luxusvilla des Unternehmers Arthur Sauer (Villa Sauer). Der Historiker Thomas Alan Schwartz schreibt, dass Kissinger „zum Alleinherrscher von Bensheim“ wurde, ausgestattet mit der „absoluten Befugnis, Menschen zu verhaften“. Allerdings zeigte Kissinger keine äußerlichen Zeichen der Rache gegen die deutsche Bevölkerung. Als sein Vater ihm schrieb, es solle streng mit den Deutschen umgehen, antwortete er ihm „irgendwo muss dieser Negativismus enden, irgendwo müssen wir etwas Positives hervorbringen, oder wir müssen für immer als Wächter über das Chaos hier bleiben“. Kissinger verwendete einen Ausdruck, von dem er hoffte, dass er die Besetzung am besten charakterisieren würde: „Beweist ihnen, dass ihr hier in Deutschland seid, weil ihr besser seid, und nicht, dass ihr besser seid, weil ihr hier seid“. Er bezeichnete sich selbst als „Mr. Henry“ bzw. „Hr. Henry“, denn er „wollte nicht, dass die Deutschen denken, die Juden kämen zurück, um sich zu rächen“.

Am 15. April 1946 wechselte Kissinger an die European Theater Intelligence School in Oberammergau, wo er bis zu seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten, im Frühjahr 1947, blieb. In Oberammergau war es seine Aufgabe, Offiziere dahingehend auszubilden, wie man Nazis aufspürt und unschädlich macht. Da er selbst nur den Dienstgrad eines Sergeants hatte, entließ ihn die US Army vom Militärdienst und stellte ihn als zivilen Dozenten wieder ein. Dafür bekam er das – für damalige Verhältnisse – ansehnliche Jahresgehalt von 10.000 US-Dollar. Während seiner Oberammergauer Zeit verlegte sich der Schwerpunkt seiner Arbeit von der Entnazifizierung hin zum Kampf gegen kommunistische Unterwanderung.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Kissinger

 

Aus einem früheren Beitrag des Wurms über Georg Kreisler: „„Am 30. November 1942 bekommt er seinen Gestellungsbefehl …

Kreisler wird einer Spezialeinheit zugeteilt, die sich auf das Verhören deutscher Kriegsgefangener vorbereiten soll. Ein Jahr verbringt er hier. Das Camp hat eher den Charakter einer Universität mit fröhlichem Studentenleben statt hartem Soldatendasein. Camp Ritchie ist ein Tummelplatz von Exildeutschen, von denen viele nach dem Krieg prominente Künstler oder einflussreiche Publizisten und Politiker werden. Kreisler trifft den aus Fürth stammenden späteren US Außenminister Henry Kissinger. „Der machte schon damals auf mich einen verschlagenen Eindruck, sehr deutsch, sehr gewissenhaft, sehr unscheinbar.“

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/index.php/802-man-ist-staatsfeind-und-trotzdem-kein-verbrecher

 

Auf höchster Ebene

 

Wenn nicht anders angegeben, stammen die angegebenen Zitate aus dem Buch „Henry Kissinger – Wächter des Imperiums. Eine Biographie“ von Bernd Greiner aus dem Jahr 2020.

Zum Pech von Henry Kissinger ließ Präsident Richard Nixon die meisten Gespräche im Oval Office im Weißen Haus per Tonband aufzeichnen, welche im Zuge der Watergate-Affäre veröffentlicht werden mussten.

 

Vorab ein Vortrag von Bernd Greiner zu Henry Kissinger:

 

https://www.youtube.com/watch?v=FsJFWvI6Zlg

 

„Alles an ihm schrie: „Ich, Ich, Ich.“ Auf diesen Nenner lassen sich ungezählte Eindrücke über Henry Kissingers Jahre in Washington bringen …

Von einem unfasslichen Ego sprach Stabschef Harry Robbins („Bob“) Haldeman im kleinen Kreis; Justizminister John Mitchell in aller Öffentlichkeit von einem „egozentrischen Irren“. Und Richard Nixon fragte sich, wie es um das politische Urteilsvermögen eines Assistenten bestellt war, der sich selbst zum Maß aller Dinge machte und einem Extremismus der Eitelkeit frönte. In der Tat: Individuelle Schrullen und Macken sind randständiges Kolorit, solange sie im Rahmen des Persönlichen bleiben. Henry Kissingers Egomanie indes war ein Politikum, sie färbte unmittelbar auf seine Tätigkeit als Sicherheitsberater und Außenminister ab - und zwar zum Schaden des beruflichen Umfelds und zu Lasten der Amtsführung. Denn was für ihn im Zweifel zählte, war nicht so sehr der Umgang mit Sachfragen als vielmehr eine nagende Furcht um persönliches Ansehen und Weiterkommen.“

 

„Im Oval Office, Februar 1971:

Nixon: „Bob (Haldeman), das Problem mit Henrys Persönlichkeit liegt darin, dass es verdammt nochmal für uns viel zu kompliziert ist, mit ihm zurechtzukommen … Ich habe ihm ein um das andere Mal eins auf den Kopf gegeben, … aber ständig versucht er, sich in die Nahost-Politik einzumischen … Er betet jeden Tag, dass dort drüben ein Krieg ausbricht … Er ist so verdammt neidisch, noch nicht einmal (seinen Stellvertreter) Haig will er einbeziehen … Das Problem ist, ich will es mal so sagen: Henry ist kein guter Unterhändler. Er ist es einfach nicht … In Verhandlungen führt er sich wie in Ihren Mitarbeiterbesprechungen auf … Er ist ein bewundernswerter Arbeiter, ein überragender Schreiber … Aber wir können uns keine Wutausbrüche leisten. Ich meine, ich will keine Wutausbrüche wegen Rogers - übrigens auch nicht wegen (Verteidigungsminister) Laird. Und sobald (Finanzminister John) Connally übernimmt, würde er (Kissinger) auch wegen ihm einen Anfall kriegen … Ich glaube nicht, dass ich das Problem überbewerte. Ich halte es für sehr ernst … Er ist so verdammt unnachgiebig … Er würde zum Diktator … Aber wir müssen auch bedenken, dass wir, je mehr Zeit vergeht, weniger auf Henry angewiesen sind. Ist Ihnen das klar? Er spaltet uns … Henry ist eine furchtbar komplizierte Person, gerade mit Blick auf die allgemeine Stimmung unter uns … Ich glaube, es liegt an seinem psychotischen Hass auf Bill (Rogers). Was in Gottes Namen ist mit ihm los? Was zum Teufel ist es? Ist Rogers hinter ihm her? Das glaubt doch kaum einer.““

 

„Bei allem Spott über „Sir Henry“ und dessen Hang zur Bismarck-Imitation blieb der Präsident argwöhnisch. Wegen Henry Kissinger ließ er sich gar zu einer fatalen Entscheidung verleiten - der Installation von Abhöranlagen im Weißen Haus. Anfänglich hatte Nixon davon nichts wissen wollen. Kurz nach Amtsantritt über die geheimen Aufzeichnungen seiner Vorgänger Kennedy und Johnson informiert, reagierte er unwirsch: „Schmeißt es raus. Ich will so etwas nicht haben.“ Der Sinneswandel setzte ein, als Nixon merkte, dass sich Kissinger auf seine Kosten in den Vordergrund spielte und wie das außenpolitische Genie hinter dem Thron auftrat. Vielleicht war ihm auch zugetragen worden, dass Kissinger in seinem Büro alle Telefonate auf Tonband aufnehmen und sogar Akten des Nationalen Sicherheitsrats nebst privaten Aufzeichnungen auf den Landsitz Nelson Rockefellers in Pocantico Hills, New York schaffen ließ. Nixon wollte sich rückversichern und ordnete im Februar 1971 den Einbau eines hochmodernen Audiosystems an, das von Stimmdetektoren gesteuert zu Beginn jedes Gesprächs automatisch in Gang gesetzt wurde. Dass ihn dieses Material im Zuge der „Watergate“- Ermittlungen dereinst das Amt kosten würde, konnte Nixon nicht ahnen. Sein elektronisches Gedächtnis, am Ende auf gut 3500 Stunden aufgebläht, sollte ganz anderes dokumentieren, nämlich wer im Weißen Haus der Koch und wer der Kellner war. „Sie sind nur ein bezahlter Helfer“, pflaumte er Henry Kissinger Anfang 1973 an. „Ich bin derjenige, der den ganzen Ruhm abbekommen wird“ …

Nicht alles sollte man auf die Goldwaage legen, zumal nicht immer klar ist, bei welchen Gelegenheiten Nixon bewusst Fährten legen wollte und wann er das Abhörsystem ignorierte oder schlicht vergessen hatte. Seine Gesprächspartner hingegen waren allesamt arglos. Auch deshalb sind die „White House Tapes“ eine einzigartige Quelle. Sie spiegeln Emotionen, Gedankenexperimente, Erwartungen und Ziele, Strategien und Taktik, sie verdeutlichen, wann es um die Sache und bei welchen Gelegenheiten um bloße Inszenierung ging - und sie sind Nahkampf-Protokolle des Streits über politische Prioritäten und persönliche Eitelkeiten. Dieses und vieles mehr hatte Henry Kissinger im Blick, als er die Nachrichten über Nixons Geheimarchiv kommentierte: „Wir werden wie die kompletten Narren dastehen, wenn diese Bänder an die Öffentlichkeit kommen.“

In der Tat sind ungezählte Torheiten festgehalten, darunter Kissingers ewiges Drohen mit Rücktritt … wollte er wegen gekränkter Eitelkeit den Bettel hinwerfen, also 16 Mal in gut vier Jahren und vermutlich noch viel öfter, denn irgendwann war man es offensichtlich leid, auch darüber noch Buch zu führen.“

 

„Im Oval Office Dezember 1971:

Nixon: „In Henrys Fall gibt es sicherlich eine ganz besondere Neigung, nämlich immer die Schuld bei anderen zu suchen, aber zu bestreiten, dass irgendetwas in seinem Laden nicht perfekt sein könnte … Also, ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Henry manchmal wie ein Kind sein kann ... So sind Intellektuelle eben … Auch Henry hat diese intellektuelle Arroganz. Er wird jedes Gott verdammte Ding, das er je gemacht hat, rechtfertigen … Glaubt mir, wenn er etwas nicht ausstehen kann, dann ist es, sich geirrt zu haben … Das ist das Problem mit übermäßiger Bildung. Dann fangen Leute an zu glauben, dass sie nichts falsch machen können, und wenn sie dann einen Fehler machen, versuchen Sie sich immer mit der Behauptung zu rechtfertigen, dass sie es überhaupt nicht gemacht haben. Sondern dass sie es waren, die immer Recht hatten … Das war das Problem mit Kennedy und Johnson in Vietnam. Immer wenn sie davon ausgingen, dass es ein Fehler war, haben sie es noch schlimmer gemacht, indem Sie beweisen wollten, dass es keiner war.“ John Ehrlichman: „Henry glaubt, dass sein Ansehen etwas für die Ewigkeit ist, … so eine Art Metternich der 60er und 70er (Jahre).“ Nixon: „Yep.““

 

„Henry Kissinger hingegen setzte sich von Anfang an als Gegenbild in Szene. Wie eine Motte das Licht suchte er den Kontakt zu Medien, vor allem gab er der Presse das Gefühl, ein paar Blicke hinter den Vorhang der Macht erhaschen zu können. Im Unterschied zum Präsidenten war Kissinger jederzeit verfügbar, manchmal verbrachte er die Hälfte seines Arbeitstages bei Treffen oder Telefonaten mit Journalisten - vorzugsweise mit den Ausgegrenzten auf Nixon „schwarzer Liste“. Kissinger war ein klandestiner Informant wie kein zweiter und in jedem Fall der skrupelloseste. Hintergrundgespräche, „off the record“ oder „deep background“, nutzte er stets zur Werbung in eigener Sache. „Ich kann nicht erklären, wie schwierig es ist, hier zu arbeiten. Ich bin umgeben von Wahnsinnigen in einem Irrenhaus."

Es war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Kissinger behandelte seine Gesprächspartner wie Beichtväter und machte sie gleichzeitig zu Verbündeten. Wer nämlich die Spielregeln ignorierte, musste um den Zugriff auf exklusive Informationen fürchten.“

 

„Mitunter gingen diese Auftritte selbst Nixon auf die Nerven. Anscheinend erinnerte ihn Kissinger an eine „Drama Queen“ oder Nervensäge, die ständig aus Mücken Elefanten macht, um sich anschließend als Großwildjäger anzudienen.“

 

„(James) Schlesinger gab diese Lektion in späteren Jahren freimütig zum Besten. „Henry hat Gefallen an der Komplexität von Hinterhältigkeit und Verschlagenheit. Andere Leute schauen beschämt drein, wenn sie lügen. Henry macht es mit Stil, als wäre es eine Arabeske.““

 

„Denn ausgerechnet auf dem Höhepunkt seines Ruhmes wurde er von „Watergate“ eingeholt. Es begann mit der Auswertung der Tonbandaufnahmen aus dem Oval Office und dem Erstaunen der damit beauftragten Ermittler. „Er war durch und durch wie die anderen Jungs, redete wie ein harter Bursche. Wenn einer sagte ‚Lasst uns die Messer holen‘ und ein anderer ‚Lasst uns Schlagstöcke holen‘, dann setzte Henry noch eins drauf und meinte: ‚Lasst uns unsere Wummen holen‘. Eigentlich hatte ich gedacht, er hätte mehr Stil.““

 

„Und dann gab es noch George H. W. Bush, Reagans Wunschkandidat für die Vizepräsidentschaft. Er ließ seinem Groll auf Kissinger freie Bahn, so frisch war die Erinnerung an die Zeit als amerikanischer UNO-Botschafter, als er von Amts wegen den Kontakt zu Diplomaten der VR China pflegen sollte und ein um das andere Mal rüde ausgebremst wurde - von Henry Kissinger nämlich, der in Sachen China seinen Alleinvertretungsanspruch noch rigoroser als sonst geltend machte. „Unerträglich“, „gemein“, „anmaßend“ und „herrisch“ empfand Bush dieses Auftreten, wie seinem Tagebuch zu entnehmen ist.“

 

„Dennoch wurde Henry Kissinger nie wieder in eine Regierung berufen. Er drängte sich allen Präsidenten unermüdlich auf, scheute wie gehabt vor keiner Anbiederung und keiner zeitgeistigen Volte zurück. Doch jedes Mal wurde er brüskiert oder mit Brosamen abgespeist - die üblichen Fototermine, ein Kommissionsvorsitz hier, eine Sondermission dort, damit hatte es ein Bewenden.

Des Rätsels Lösung heißt Kissinger, er scheiterte an seiner Selbstüberschätzung. Sein Extremismus der Eitelkeit, gepaart mit Misstrauen und Intriganz, wäre durchaus verkraftbar gewesen. Etwas ganz Anderes ist es, wenn sich Marotten zu einem Politikum auswachsen. Die Kündigungswelle im Nationalen Sicherheitsrat, ein bis vor Kurzem einmaliger Vorgang in Washington, ging zu Lasten effizienter Regierungsarbeit und bestätigte Kissingers Leumund. Nämlich buchstäblich jeden seiner Arbeitsplätze massiv beschädigt zu haben. Erschwerend kam hinzu, dass kein Präsident sich mit Mitarbeitern oder Ministerin umgeben will, die ihm nach Belieben öffentlich oder privat in den Rücken fallen. Dass Nixon ihn trotzdem hatte gewähren lassen, verdankte er ausschließlich „Watergate“; ohne diesen Skandal wäre seine Karriere vorzeitig zu Ende gewesen.

Das lange Gedächtnis der Bürokratie tat vermutlich ein Übriges, die Erinnerung an Kissingers Gewohnheit, Dokumente zu unterschlagen oder mit doppelter und dreifacher Buchführung falsche Spuren zu legen. Mit Machtfülle oder Geheimhaltung hatte dergleichen nichts zu tun; Kissinger traf den Apparat ins Mark, weil er die Spielregeln eingeübter Verfahren änderte. Deswegen zogen beispielsweise die Vereinten Stabschefs die Reißleine und setzen einen Unteroffizier als Spion an seine Seite. Und so erklärt sich auch, weshalb der Journalist Seymour Hersh bereits im Jahr 1983 Kissingers Praktiken in einem voluminösen Buch detailgenau ausbreiten konnte - zahlreiche frustrierte Mitarbeiter haben sich ihm anvertraut, die meisten aus Sorge um die Integrität von Staat und Verwaltung. Es war ihre Art zu sagen, dass Intelligenz und Klugheit nicht immer zueinander finden.“

 

Harvard International Seminar

 

„Nachdem Harvard eine Anschubfinanzierung sowie die Nutzung von Seminarräumen und Unterkünften zugesagt hatte, aktivierte Elliott seine Kontakte zur CIA. Mit Erfolg. In bewährter Weise ließ die „Firma“ über unverdächtige Tarnorganisationen wie die „Farnfield Foundation“ oder die „Friends of the Middle East“ Geld nach Cambridge, Massachusetts fließen - vermutlich im sechsstelligen Bereich. So kam das im Nachhinein legendäre „Harvard International Seminar“ auf die Beine.

Henry Kissinger im Herbst 1950 mit der Koordination des „International Seminar“ zu beauftragen, lag nahe. Zwar hatte er gerade die Bachelorarbeit eingereicht und trug sich mit dem Gedanken an eine Dissertation. Aber Elliott wusste aus Erfahrung, dass Kissinger Herausforderungen auf allen Gebieten suchte. Zudem teilte sein Schüler die Sorge vor intellektueller Verweichlichung, Verharmlosung kommunistischer Propaganda und negativen Amerikabildern. „Der Kontakt mit engagierten jungen Amerikanern“, hieß es im Bericht einer Vorbereitungsgruppe, „kann den ausländischen Studenten vielleicht vor Augen führen, dass die Europäer nicht die einzigen sind, die sich für abstrakte Probleme interessieren, und dass sich der Ehrgeiz der Vereinigten Staaten nicht in materiellem Wohlstand erschöpft.“ Dass Henry Kissinger für diese Gruppenarbeit allein verantwortlich zeichnete, war in Elliotts Augen weniger eine Anmaßung als eine Empfehlung: Kissinger meinte es ernst und wollte die Zügel in die Hand nehmen. Nachdem Elliott die anfängliche Finanzierung gesichert und die ersten Teilnehmer ausgewählt hatte, ließ er ihm tatsächlich fast freie Hand.

Das Programm war anspruchsvoll. Bis 1968 reisten an die 700 Teilnehmer aus 20 Ländern nach Harvard, im Schnitt 40 pro Jahr - junge Politiker, Wissenschaftler, Journalisten, Künstler, Schriftsteller, ein ausgewählter Kreis, dem man künftige Führungsaufgaben in den jeweiligen Heimatländern zutraute. Nach einer anfänglichen Konzentration auf die Bundesrepublik Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, Finnland und Jugoslawien wurden alsbald auch Bewerber aus anderen Kontinenten berücksichtigt. Mitunter reiste Kissinger nach Übersee, um Interviews mit Interessenten zu führen und für das Programm zu werben. Weil junge Menschen zwischen 21 und 24 Jahren noch form- und beeinflussbar sind, richtete man ein besonderes Augenmerk auf diese Altersgruppe. Bei einschlägig bekannten Talenten und Multiplikatoren wurden aber Ausnahmen gemacht, oft auf Drängen von Geldgebern oder Professoren aus Harvard. Alle Stipendiaten verbrachten zwei Monate in der ungezwungenen Atmosphäre am Charles River mit Diskussionen über amerikanische Geschichte und Gegenwart. Und sie lernten hochkarätige Gastredner kennen, die bereitwillig Kissingers Einladung folgten - unter ihnen Eleanor Roosevelt, Thornton Wilder, Noam Chomsky und John Updike. Einzig Richard Nixon, den Elliott persönlich mit Bettelbriefen bedrängte, zierte sich. Am Ende des Aufenthaltes standen Überlandreisen und Schnupperkurse im alltäglichen Amerika auf dem Programm …

Angestrebt wurde in erster Linie eine Stärkung ideologischer Abwehrkräfte für die Ideenschlachten des Kalten Krieges. „In Übersee ist Amerikas Kapital im geistigen Bereich besonders niedrig“, schrieb Kissinger in einem Konzeptpapier für das „International Seminar“. „Wegen der Vermischung nationalsozialistischer und kommunistischer Propaganda entstand ein Bild von den USA als aufgedunsene, materialistische und unzivilisierte Gesellschaft.“ Mit einem positiven Amerikabild allein war es jedoch längst nicht getan. Gleichermaßen wichtig war die Thematisierung angeblich defätistischer Strömungen vom Nihilismus über den Pazifismus bis hin zum Neutralismus. Gerade neutralistische Tendenzen oder die Bereitschaft vieler Europäer, sich mit der UdSSR auf Kosten der USA zu verständigen, sah Kissinger als spezielle Herausforderung - harmloser auf den ersten Blick, aber am Ende noch bedrohlicher als eine kommunistische Machtbeteiligung außerhalb des Ostblocks. Deshalb beriet er, parallel zum Aufbau des „International Seminar“ auch den „Psychological Strategy Board“ der Regierung Truman mit Expertisen zur politisch-psychologischen Gegenwehr. Davon abgesehen gehörten Debatten über eine Effektivierung außenpolitischer Entscheidungsprozesse, die Rekrutierung von Eliten und die besondere Verantwortung von Intellektuellen im Kalten Krieg zum Unterrichtsangebot …

Henry Kissinger zeigte sich in den Sommern des „International Seminar“ von seiner besten Seite. Er begleitete die Gäste zum Kino und Theaterbesuchen oder zu Strandausflügen, lud regelmäßig zu sich nach Hause ein und bot Hilfe bei allen möglichen Problemen an. Kurz: In dieser Umgebung blühte er auf, er hatte ein Auge für vielversprechende Kontakte und konnte Menschen, die ihm nützlich schienen, auf einnehmende Weise hofieren. Seine Kommilitonen waren verblüfft, die Gäste begeistert. Bruno Dechamps, in späteren Jahren Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erinnerte ihn als liebenswürdigen charmanten Gastgeber: „Er war immer gut gelaunt, und man profitierte enorm von den Gesprächen mit ihm.“ Und die Fernsehjournalistin Marianne Feuersenger zeigte sich von Kissinger beeindruckt, weil er Frauen wie sie ohne Herablassung behandelte … Ähnlich angetan war der Suhrkamp-Cheflektor Walter Boehlich, wenngleich er Kissingers Position zum Einfluss von Konzernen auf die amerikanische Politik als schlicht „reaktionär“ empfand. Erhard Eppler, im Sommer 1962 Stipendiat, konnte auf Einladung Kissingers nicht allein den Wahlkampf um den Senatssitz zwischen Edward Kennedy und George Cabot Lodge aus der Nähe beobachten, sondern wurde auch zu einer Audienz mit John F. Kennedy ins Weiße Haus gebeten. „Henry Kissinger musste hier schließlich zugeben, dass, wann immer er von Gleichgewicht sprach, er eine ‚leichte‘ Überlegenheit der USA meinte.“ Der positive Gesamteindruck blieb davon unberührt. Wären sie gefragt worden, Uwe Johnson, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Nicolaus Sombart und vorweg Siegfried Unseld hätten sich ohne Umschweife Martin Walser angeschlossen: „Für meine Generation war die Amerikareise wie früher die Italienreise.“ Auch dank der Auftritte ihres warmherzigen Impresarios Henry Kissinger …

Umso zufriedener konnte Henry Kissinger mit dem eigentlichen Anliegen seines Engagements sein. Das „International Seminar“, konzeptionell präzise durchdacht und kompetent organisiert, übertraf die Erwartungen. Mit zahlreichen Stipendiaten blieb Kissinger jahrzehntelang in Kontakt, hauptsächlich mit jenen, die in Spitzenpositionen aufgerückt waren: Yasuhiro Nakasone aus Japan, Valérie Giscard d‘Estaing aus Frankreich, Bülent Ecevit aus der Türkei, Leo Tindemans aus Belgien oder Siegfried Unseld aus Deutschland. Im Knüpfen und Pflegen weltumspannender Netzwerke ließ er sich von niemandem übertrumpfen, vermutlich war er gar der Einzige, der schon in jungen Jahren derart zielgerichtet in eine spätere Karriere investierte.“

 

Ganz zu Anfang des angeführten Gesprächs mit Henry Kissinger sagt Günter Gaus, dass er diesen 1962 beim „International Seminar“ kennenlernte.

 

Cold War University

 

„In Harvard wurden die Weichen für Henry Kissingers Aufstieg gestellt. Dort konnte er aus nächster Nähe beobachten, dass Akademikern seiner Generation die Türen zur Macht offenstanden - und wie man es anstellen musste, über die Schwelle zu kommen …

Harvard entwickelte sich seit den späten 1940er Jahren zu einem Leistungszentrum des Kalten Krieges. Je mehr sich die Vorstellung verfestigte, für den Abwehrkampf gegen den Kommunismus möglichst viele Ressourcen mobilisieren zu müssen, desto höher wurden die Erwartungen an die Spitzenuniversitäten des Landes. Dass sie wertvolle Dienste leisten konnten, hatten die Physiker, Chemiker und Ökonomen aus Chicago, New Haven, Princeton, Philadelphia und Cambridge bereits während des Zweiten Weltkrieges unter Beweis gestellt. Die damals eingegangene Liaison zwischen Politik und Wissenschaft, Macht und Geist wurde nach 1945 institutionalisiert. Es entwickelte sich eine Zweckgemeinschaft zu beiderseitigem Nutzen: Akademische Spezialisten schufen politisch, geheimdienstlich und militärisch verwertbares Wissen, Universitäten wurden mit staatlichen Zuschüssen in nie gekannter Höhe gefördert. Harvard konzentrierte sich auf die besonders nachgefragten Themenfelder Sowjetologie, internationale Politik, Propaganda und Kommunikationstechnologie, Regierungslehre, Modernisierung von Entwicklungsländern, nicht zu vergessen psychologische Kriegsführung und Militärstrategie. Dass Auftragsforschung nicht zum Ideal unabhängiger Wissenschaft passte, wurde in Kauf genommen. Denn die institutionelle Aufwertung war ebenso verlockend wie die Beschleunigung persönlicher Karrieren. Wer keine „Cold War University“ wollte, verbaute sich die Zukunft. Und schadete dem Land, wie es allenthalben hieß.

In diesem Milieu wuchs ein neuer Typus des Intellektuellen heran - geistige Sherpas für Amerikas Aufstieg zur Weltmacht, auch „Defense Intellectuals“ genannt. Ihr Aufgabenfeld war wie gemalt für alle, die unbekanntes Terrain erkunden und sich einen Namen als Entdecker machen wollten. Vorweg hatten sie es mit der jüngst entfesselten Atomenergie und Massenvernichtungswaffen zu tun, für deren Handhabung es kein historisches Vorbild gab. Das Unvorstellbare eines Atomkriegs vorstellbar und beherrschbar zu machen, lautete der Auftrag an die „Zauberlehrlinge von Armageddon“ oder „Nuklearpriester“. Wie es scheint, wurden derlei Etiketten weniger als Kritik denn als Auszeichnung verstanden. Gleichermaßen herausfordernd war die Frage, wie mit den Mitteln der Soziologie, Ökonomie, Verhaltensforschung und Psychologie das rätselhafte Wesen hinter dem „Eisernen Vorhang“ analysiert und manipuliert werden konnte. Spieltheoretiker um Thomas Schelling oder Kremldeuter wie Richard Pipes und James Burnham brachten es bereits in jungen Jahren mit einschlägigen Handreichungen an die Politik zu Ruhm und Ehre. Nicht zuletzt waren Konzepte zur Steuerung der öffentlichen Meinung gefragt, weil die Widerlager gegen eine aktivistische Weltpolitik sich noch längst nicht erschöpft hatten und jederzeit mit antimilitaristischen oder isolationistischen Reflexen zu rechnen war. In anderen Worten: Der Bedarf an intellektuellen Wächtern des Imperiums war groß, die zu erwartete Gratifikation ebenfalls. Vier akademische Politikberater wurden als nationale Sicherheitsberater gar in den innersten Kreis der Macht berufen McGeorge Bundy unter John F. Kennedy, Walt Whitman Rostow unter Lyndon B. Johnson, Zbigniew Brzezinski unter Jimmy Carter - schließlich der bekannteste von allen, Henry Kissinger unter Richard Nixon.“

 

Kalter Krieger

 

„Nicht zuletzt jonglierte William Elliott mit der Idee eines Präventivkrieges gegen die UdSSR. Für den Fall, dass Moskau weiterhin Waffen und Material nach Nordkorea lieferte, müsste man in Washington ernsthaft über eine Zerstörung der sowjetischen Rüstungsindustrie und ausgewählter Militärstützpunkte nachdenken - und selbstverständlich auch über den Einsatz von Atomwaffen …

Henry Kissinger war von den Auftritten seines Mentors hingerissen …

Wer die UdSSR langfristig neutralisieren will, so die Konsequenz dieses Räsonnements, darf keine Zweifel an seiner Fähigkeit und dem Willen zu einem großen Krieg aufkommen lassen …deshalb plädierte auch Kissinger für eine Politik der „roten Linien, wie sie Elliott seit 1946 bei jeder Gelegenheit angemahnt hatte. „Es sollte eine klare Grenze gezogen werden“, so Kissinger, „deren Überschreitung einen großen Krieg auslösen würde, aber nicht notwendigerweise am Ort des sowjetischen Übergriffs … Im Falle eines Krieges sollten die USA versuchen, … Russland in Gegenden zu Schlachten zu zwingen, wo sich der Einsatz großer Armeen nicht lohnt und wo technologische Fertigkeiten den Ausschlag geben (zum Beispiel im Nahen Osten).“

… Andererseits stellte Kissinger unter Beweis, dass er eine Grundregel im politikberatenden Verdrängungswettbewerb besser als manch anderer verstanden hatte: Pose ist Trumpf. Und mit geschmeidiger Anpassung hatte er ohnehin kein Problem. So gesehen, war seine Replik auf William Elliott eine aufschlussreiche Fingerübung im Prozess karriereorientierter Selbstfindung.

Mehr noch: Henry Kissinger hatte sein politisches Lebensthema entdeckt. Dass Macht auf der Angst der anderen beruht, dass Diplomatie nur zum Ziel führt, wenn man das Handwerk der Nötigung beherrscht, und dass sich Glaubwürdigkeit aus der Demonstration militärischer Entschlossenheit ableitet - auf diesen Fundamenten baute er sein Welt- und Politikbild. Und damit glaubte er die Rezeptur wider den vermeintlich drohenden Untergang des Westens gefunden zu haben. Schwäche zu zeigen oder zaghaft aufzutreten, galt als politischer Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Wie umgekehrt zur Abwehr absoluter Gefahren absolut alles erlaubt schien, auch die Aufkündigung ethischer Standards.

Hinter einer Diktion des illusionslosen Realisten oder in der gefälligen Rede über stabile Ordnungen kamen immer wieder Gewaltphantasien zum Vorschein. Und der Faszination für einen effektiven Einsatz von Zwangsmitteln entsprach die obsessive Beschäftigung mit Menschen und Mächten, die sich weder fügen wollten noch unterwerfen ließen.“

 

„Dass der Karriereknick glimpflich ausging, verdankte Henry Kissinger dem fulminanten Erfolg seines Buches über „Kernwaffen und Auswärtige Politik“. Zustande gekommen war es durch eine Verkettung glücklicher Umstände. Den Anfang machte ein Freundschaftsdienst des Harvard-Historikers Arthur Schlesinger Jr., der nach einer Diskussion über alternative Militärstrategien Kissinger zur Verschriftlichung seiner Ideen ermunterte. Es ging, wie nicht anders zu erwarten, um die Vorteile eines „begrenzten Krieges“ gegenüber der angeblich unglaubwürdigen Drohung mit „massiver Vergeltung“ in einem totalen Krieg. Nach einigem Hin und Her landete der Text schließlich bei „Foreign Affairs“. Wie ihre Finanziers aus Wirtschaft und Politik suchten auch die Redakteure dieser diskursbestimmenden Zeitschrift nach Anregungen für eine effiziente Übersetzung militärischer Macht in politische Führungsstärke. Kissingers Aufsatz „Military Policy and Defence of the ‚Grey Areas‘“ kam deshalb gerade recht. Zwar offerierte er keine neuen Ideen. Sein provokanter, kraftmeierischer Ton aber versprach eine kontroverse Debatte. Der Autor attestierte der Regierung Eisenhower die gedankliche Faulheit und Risikoscheu von Berufsbeamten und las dem Helden des Zweiten Weltkrieges nebenbei auch noch militärtaktisch die Leviten. Mit vier zusätzlichen Divisionen und ein paar taktischen Atombomben, dozierte der Theoretiker aus Harvard, hätte man den Krieg in Korea gewinnen können. Womit im Grunde gemeint war, dass Amerikas Zukunft von Stichwortgebern wie ihm abhing. Die Ausbilder an den Kriegsakademien der Luftwaffe und Armee waren begeistert und erklärten den im April 1955 publizierten Text zur Pflichtlektüre ihrer Kadetten …

Was Henry Kissinger 1957 in seinem Buch „Kernwaffen und Auswärtige Politik“ zum Besten gab, hatte es jedenfalls in sich. Erstens: „Begrenzte Atomkriege“ sind machbar- Mochten Politiker und Feldherren seit der Antike schmerzlich erfahren haben, dass Kriege einer eigenen Logik folgen und jeder Plan mit der ersten Feindberührung passé ist, so erhob sich Kissinger nonchalant über diese Lektion. Irrtümer, Missverständnisse und Fehlwahrnehmungen kamen in seinem Szenario schlicht nicht vor, Eigendynamiken erst recht nicht. Vielmehr baute sich Kissinger seine Welt nach dem Plan eines Schweizer Uhrwerks. In ihr ist alles dem Kalkül des menschlichen Geistes unterworfen, Kriegsherren kommunizieren und moderieren störungsfrei, sie verlangsamen oder beschleunigen das Geschehen je nach Bedarf, legen Pausen ein, entscheiden mit kühlem Kopf, wann die nächste Kampfphase beginnt und wie lange sie dauert, ehe dem Feind eine für ihn ungünstige Risikorechnung aufgemacht wird. Deshalb war die Pointe keineswegs ironisch gemeint: „Vielleicht würde es zu den größten Widersprüchen des Atomzeitalters gehören, … dass in einer Periode fortgeschrittenster Technik Schlachten sich den formvollendeten Wettkämpfen des Mittelalters annähern werden.““

 

„Henry Kissinger beharrte auf der Idee, aus Atomwaffen politischen Mehrwert schlagen zu können. Eine massive militärische Überlegenheit der USA war aus seiner Perspektive das Kernstück im psychologischen Abnutzungskrieg mit der UdSSR. Und so verstand er die damals geläufige Redeweise vom „overloading the enemy“: Die Gegenseite ständig unter Druck setzen, sie im Ungewissen lassen und ihre Nerven strapazieren, darum ging es.“

 

„Der SALT-Vertrag war kaum unterschrieben, als Nixon und Kissinger die Axt an dieses ohnehin lückenhafte Abkommen zur Kontrolle des Rüstungswettlaufs legten. Mit der Begrenzung der Raketenabwehrsysteme - zwei Stützpunkte auf jeder Seite zur Verteidigung von Washington, D.C. und Moskau und je einen zum Schutz von Stellungen für Interkontinentalraketen - hatten sie kein Problem. Wohl aber mit der sogenannten Interimsvereinbarung, in der sich beide Seiten verpflichteten, die Zahl ihrer weitreichenden Raketen für fünf Jahre auf dem Stand von 1972 einzufrieren: 1.054 für die USA, 1.618 für die UdSSR. Dass diese Differenz keineswegs auf einen Vorteil für die Sowjetunion hinauslief, lag auf der Hand. Die USA konnten nämlich ihre Raketen mit Mehrfachsprengköpfen bestücken, während die sowjetischen Versuche zur Entwicklung dieser Zukunftstechnologie noch in den Kinderschuhen steckten. Überdies glichen die amerikanischen „Forward Based Systems“ - an den Grenzen der UdSSR stationierte Bomberflotten und andere Offensivwaffen - die überlegene Mannschaftsstärke der Roten Armee bei weitem aus. Für eingefleischte Gegner der Rüstungskontrollpolitik zählte dies alles nicht. Sie kaprizierten sich auf die zahlenmäßigen Unterschiede und beklagten eine „Raketenlücke“ zum Nachteil der USA - ein einstudiertes und verfängliches Argument, mit dem man selbst zu Zeiten erdrückender amerikanischer Überlegenheit Abstiegsängste mobilisiert hatte. An diese Tradition anknüpfend, brachte Senator Henry Jackson im August 1972 im Kongress eine Resolution ein und forderte die Regierung zu einer Korrektur des Ungleichgewichts auf. Sprich: zu einer Nachrüstung oder einer neuerlichen Runde im beiderseitigen Wettrüsten. Und Henry Kissinger versprach dem Senator die Rückendeckung der Regierung - zu „1000 Prozent“.

Mehr noch: Ende September 1972 stellten Nixon und Kissinger in einem Gespräch mit Henry Jackson eine baldige Demontage der Rüstungskontrollbehörde in Aussicht. „Ich möchte bei der (Arms Control and Disarmament Agency) Leute haben, die nicht für ACDA sind“, versprach der Präsident. Gesagt, getan. Für das Haushaltsjahr 1973 wurde der Etat von „ACDA“ um ein Drittel gekürzt, 50 von 230 Mitarbeiten mussten sich einen neuen Job suchen, in der Delegation für künftige SALT-Verhandlungen gaben „Hardliner“ den Ton an. Wenn es nur darum gegangen wäre, rechte Kritiker im Kongress zu besänftigen und die Ratifizierung des SALT-Vertrages sicherzustellen, hätte man einen derartigen Kahlschlag nicht gebraucht. Vielmehr kam es darauf an, den Liberalen einen Dämpfer zu verpassen und Debatten über eine neue Sicherheitspolitik jenseits des Kalten Krieges frühzeitig einen Riegel vorzuschieben. „Wir müssen die Euphorie über SALT-I usw. stoppen“, erklärte der Präsident Anfang März 1973 im Nationalen Sicherheitsrat. Warum? Weil dieser Vertrag die Parlamentarier zu einer Kürzung der Militärausgaben, mithin zu einer Beschneidung außenpolitischer Spielräume hätte ermuntern können.

Nixon wollte sich alle Optionen offen halten und auf Zeit spielen. Was Henry Kissinger in privaten Gesprächen selbstredend nicht von wortreicher Bewunderung für die Unterstützer einer effektiven Rüstungskontrolle abhielt. So funktionierte das Spiel mit mehreren Bällen: Allen etwas bieten, aber keinen wissen lassen, was eigentlich gespielt wurde. Daran scheiterte letztendlich eine Entgiftung der Beziehungen zwischen den Supermächten …

Obwohl auf diese Weise vieles bewegt wurde, blieb noch mehr ungenutzt. Nixon und Kissinger trugen erheblich zur Geschichte verspielter Chancen bei. Kaum ein Gespräch über die UdSSR, in dem sie sich nicht gegenseitig ihre Vorurteile bestätigt und den Vorteil fortgesetzter Konfrontation gepredigt hätten. Über die Anteile von Unwillen, Unvermögen oder Vorsatz lässt sich streiten. Nicht aber darüber, dass beide im Misstrauen die härteste diplomatische Währung sahen und vertrauensbildende Maßnahmen für ein bisweilen zweckmäßiges, im Grunde jedoch lästiges Beiwerk hielten.“

 

Madman

 

„Völlig skrupellose Menschen haben Erfolg“ (Henry Kissinger)

 

„Wer seine Entschlossenheit unter Beweis stellen will, hat meines Erachtens nur eine Möglichkeit, nämlich eine Politik zu betreiben, mit der man eine ausgesprochene Fähigkeit zu Irrationalität erkennen lässt. Man muss unter Beweis stellen, dass man in bestimmten Situationen wahrscheinlich außer Kontrolle gerät und dass der Schuss jederzeit losgehen kann, weil man schlicht so nervös ist, völlig unabhängig von einer nüchternen Beurteilung der Lage. Ein Irrer mit einer Handgranate in der Hand hat eine deutlich überlegene Verhandlungsposition.“ (Henry Kissinger)

 

„Henry Kissinger war der größte Fan der „Madman“-Strategie. Bereits in seiner 1957 publizierten Studie über „Kernwaffen und Auswärtige Politik“ hatte er eine neue Zeichensprache der Macht gefordert: Wer Kontrahenten Angst einflößt und den Anschein erweckt, selbst vor rein gar nichts Angst zu haben, bekommt seinen Willen auf dem schnellsten Wege. Und wer die rationale Angst anderer vor der eigenen Irrationalität nervenstark manipuliert, vermindert das Risiko einer ungewollten Eskalation … Er blieb bei der schlichten Behauptung, dass sein imaginiertes Jonglieren mit mehreren Unbekannten in der Realität bestehen könnte – Wille, Mut und Entschlossenheit vorausgesetzt. „Unsere übergeordnete Strategie besteht darin, mehrere Züge gleichzeitig zu machen … Falls wir Militär einsetzen, geht es darum, sehr gefährliche Züge zu machen, so dass die andere Seite nicht glaubt, sie könnte ohne Risiko darauf reagieren … Wir müssen es rücksichtslos spielen. Das ist der sicherste Weg … Wir müssen darauf vorbereitet sein, schnell und schonungslos bis zu einem Punkt zu eskalieren, an dem der Gegner es sich nicht mehr erlauben kann, Dinge auszuprobieren.“

Im Weißen Haus ließ Kissinger so gut wie keine Gelegenheit aus, seinen Chef im Glauben an die „Madman“-Strategie zu bestärken. Nach dem Abschuss eines US-Spionageflugzeugs durch Nordkorea, bei diversen Krisen im Nahen Osten, anlässlich des vermuteten Ausbaus sowjetischer Flottenstützpunkte auf Kuba und immer wieder wegen Vietnam - stets trumpfte Kissinger mit der Forderung nach einer schnellen und brutalen Überreaktion auf. Auch die nordvietnamesische Verhandlungsdelegation in Paris wollte er mit Nixons angeblich nervösen Finger am Atomknopf beeindrucken. Nixon: „Sie können sagen ‚Ich kann ihn nicht kontrollieren‘. Drücken Sie es so aus.“ Kissinger: „Und wenn sie uns das später vorwerfen, werde ich es abstreiten.“ Nixon: „Aber sicher.“ Die Begründungen waren austauschbar: Mal ging es ihm um den Eindruck auf Freund und Feind, mal um den Widerruf einer jahrelangen Machtvergessenheit, mal um das Wachrütteln einer politisch trägen und leidenschaftslosen Öffentlichkeit im eigenen Land. Macht kommt erst durch theatralische Drohgebärden ans Ziel, so lautete Henry Kissingers Verständnis von nüchterner Realpolitik. In seinen Lehrjahren hatte er von dem notwendigen „Sprung ins Ungewisse“ gesprochen oder der Abkehr von einer moralisch überhöhten Außenpolitik. Auch damit traf er den Kern der Sache. „Sie (Herr Präsident) müssen den Eindruck erwecken, dass sie kurz davor sind, durchzudrehen.“

 

„In der Nacht vom 24. auf den 25. Oktober 1973 entschied Kissinger zusammen mit Verteidigungsminister James Schlesinger, dass für amerikanische Streitkräfte die höchste Stufe der Alarmbereitschaft in Friedenszeiten, „Defense Condition III“ ausgerufen wurde. Im Nuklearzeitalter war „DefCon III“ nur ein einziges Mal verhängt worden - während der Kuba-Krise im Herbst 1962. Zum Vergleich: „DefCon II“ bedeutet Mobilmachung für einen unmittelbar bevorstehenden Krieg, „DefCon I“ gilt für die Dauer eines Krieges. Einbezogen wurden alle Waffengattungen weltweit, für einige konventionelle Einheiten galt sogar „DefCon II“. Besonders heikel war die Situation im Mittelmeer, wo die 6. Flotte der US-Navy und sowjetische Kriegsschiffe sich gegenseitig belauerten, stets auf taktische Vorteile und Positionen bedacht, die im Zweifel auch einen Erstschlag gegen feindliche Verbände erlaubt hätten. „Die Bühne für das bis zu diesem Zeitpunkt unwahrscheinliche Szenario eines Seekriegs war bereitet“, meinte Daniel Murphy, Kommandant der 6. Flotte. Befehlshaber in den USA zeigten sich weniger besorgt. Sie werteten den Befehl als politisches Manöver und rieten ihren Kommandostellen zu einem routinemäßigen Abarbeiten einschlägiger Prüflisten. Beide Perspektiven hatten etwas für sich: „DefCon III“ spiegelte nicht die Angst vor einem bevorstehenden Krieg, trieb aber das Risiko einer kriegerischen Zuspitzung gleichwohl nach oben.

In diesen Stunden legte der gerade mit dem Friedensnobelpreis dekorierte Henry Kissinger Phantasien aus, die ihn seit den späten 1950er Jahren umgetrieben hatten: wie man mit Drohkulissen der Sowjetunion eine Lektion erteilt. Vom politischen Wert militärischer Überreaktion fasziniert, ließ er sich selbst durch das mittlerweile erreichte Gleichgewicht der Supermächte nicht abschrecken. Worauf es ankam, war nicht die Zahl der Waffen, sondern der Wille, diese auf angsteinflößende Weise in Stellung zu bringen. Ob die UdSSR Truppen nach Ägypten verlegen wollte oder nicht, spielte im Grunde keine Rolle. Entscheidend war, dass sie es nicht tat und dass die USA anschließend ein Nicht-Ereignis als Erfolg der eigenen Schockstrategie ausgeben konnten. Deshalb wurde Breschnew parallel zu „DefCon III“ auch brieflich vor den „unkalkulierbaren Konsequenzen“ seiner Politik gewarnt. „Watergate“ tat ein Übriges. Gerade in Zeiten innenpolitischer Schwäche, davon war Kissinger überzeugt, mussten die USA Handlungsfähigkeit und Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen. Wie auch immer: Kurz darauf schwärmte er anlässlich einer Audienz bei Mao vom Wert der Zwangsdiplomatie. „Hin und wieder müssen wir zu derart derben Maßnahmen wie vor zwei Wochen greifen.“

Derbe war das Signal an Moskau in jedem Fall. Und dilettantisch inszeniert obendrein. Kissinger überblickte zu keinem Zeitpunkt die operativen Konsequenzen von „DefCon III“, vom Vorsitzenden der Vereinten Stabschefs erwartete er gar die Zusicherung, dass nur sowjetische Geheimdienste, nicht aber die Öffentlichkeit von der erhöhten Alarmbereitschaft gut zwei Millionen Männer und Frauen Wind bekommen sollten. „Sie werden das geheim halten. Kein Wort darf nach draußen dringen.“ Worauf Admiral Moorer nur eine lakonische Antwort einfiel: „Natürlich, Henry.“ Die ersten Presseberichte lagen binnen weniger Stunden vor. Wegen überhöhter Geschwindigkeit gestoppt, hatte ein Soldat der Luftwaffe sich mit dem Alarm herausgeredet und die Polizeistreife zum Anruf bei einem Lokalreporter animiert. Unfreiwillige Komik war das geringste Problem. Erstaunlich ist vielmehr, dass Anlass und Reaktion zum wiederholten Mal in einem grotesken Missverhältnis standen. Und dass niemand im „Situation Room“ des Weißen Hauses einen Plan B hatte.

Angenommen, Moskau hätte spiegelbildlich geantwortet? Oder unbeeindruckt vom Mummenschanz der USA tatsächlich Soldaten in das Krisengebiet geschickt? Wären dann die Abdeckungen auf amerikanischen Raketensilos entfernt, die Streitkräfte in die nächsthöhere Alarmstufe versetzt und Luftlandetruppen an die Grenze des Warschauer Pakts verlegt worden? „Wir haben darüber nicht nachgedacht“, so ein Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats. Weil das Politbüro nichts tat, blieb Henry Kissinger die Rolle des Kaisers ohne Kleider erspart. Trotzdem gefiel er sich - wie bereits während der Jordanienkrise im Herbst 1970 - in der Rolle des Großstrategen, der auf dem Reißbrett Flotten, Panzerverbände und Truppen bewegte, schnell zur Hand mit hämischen Sprüchen für alle, die aufgrund jahrzehntelanger Erfahrungen unangenehme Fragen stellten oder sich sträubten, im Handumdrehen Scheinlösungen zu präsentieren. Derlei war aber nicht der Rede wert, solange Kissinger seinen ganz privaten Kuba-Krisen-Moment auskosten konnte.

Rechtlich bewegte sich das Manöver in einer Grauzone zum Verfassungsbruch. Kissinger diskutierte die „DefCon III“-Entscheidungen mit sechs weiteren Hierarchen: James Schlesinger, Alexander Haig, Thomas Moorer, CIA-Direktor William Colby, dem stellvertretenden Sicherheitsberater Brent Scowcroft und Jonathan Howe, Militärattaché beim Nationalen Sicherheitsrat. Nach einem mit „Watergate“-Nachrichten randvollen Tag hatte sich Nixon abgemeldet. Genauer gesagt, wegen Trunkenheit wieder einmal abmelden müssen. Alle Beteiligten wussten um den Zustand des Präsidenten, Verteidigungsminister Schlesinger traf angeblich sogar Vorkehrungen, Anordnungen des Oberbefehlshabers an das Pentagon unter diesen Umständen zu ignorieren. Zwar segnete Nixon die erhöhte Alarmbereitschaft am nächsten Morgen ab; auch sein über die Jahre wiederholter Rat, im Zweifel die Sowjets mit irrationalem und unvorhersehbarem Verhalten zur Räson zu bringen, deutete auf ein grundsätzliches Einverständnis hin. Aber Anhaltspunkte sind keine Beweise. Tatsache hingegen ist, dass Kissinger sich über die Befehlskette hinwegsetzte und eine Entscheidung forcierte, die in Krisensituationen einzig und allein dem Präsidenten vorbehalten ist. Wegen „Watergate“ wurde dieses Problem nicht thematisiert; wer Einblick hatte, schien über die Abwesenheit des zunehmend erratischen Nixon sogar erleichtert. Und die anderen „White House Horrors“ galten ohnehin als viel gravierender.

In Moskau war man alles andere als nachsichtig gestimmt. Leonid Breschnew konnte sich keinen Reim auf „DefCon III“ machen, zumal die Waffenlieferungen an Ägypten zum Zeitpunkt des Alarms längst eingestellt worden waren. Dass Kissinger von einem Täuschungsmanöver der Sowjets ausging, kam vor lauter Wut und Enttäuschung niemandem in den Sinn. Vor allem Breschnew fühlte sich erneut von Kissinger hintergangen. Glücklicherweise zügelte er am Ende seinen Zorn und verpackte die Lösung in einer einfachen Frage: „Genossen, wenn wir überhaupt nicht reagieren, wenn wir auf die amerikanische Mobilmachung nicht eingehen - was wird dann passieren?“ Tatsächlich geschah nichts weiter, außer dass Richard Nixon einen Sieg im Schattenboxen verkündete. Während einer Pressekonferenz am Abend des 26. Oktober auf „DefCon III“ angesprochen, zog er Parallelen zur Kuba-Krise und führte das Einknicken der UdSSR auf die Demonstration amerikanischer Entschlossenheit zurück. Für diesen peinlichen Auftritt bat Alexander Haig umgehend bei Botschafter Dobrynin um Entschuldigung. Und musste sich daraufhin die Frage gefallen lassen, seit wann Feuer mit Benzin löschen könnte. „In Moskau sind sie sehr verärgert, weil sie glauben, dass eine künstliche Krise vom Zaun gebrochen wurde aus Gründen, die wir nicht verstehen. Wenn Sie das alles auch noch mit der (kubanischen) Krise vergleichen, dann geht das wirklich, verzeihen Sie die Bemerkung, komplett an der Sache vorbei.““

 

Auf höchster Ebene

 

In Henry Kissingers Amtszeit tat sich Einiges, worüber auch Bernd Greiner berichtet, etwa wg. Vietnam, China, Israel, Sowjetunion. Der Wurm hat sich einige wenige Länder herausgegriffen.

 

Deutschland

 

„Mitte Januar 1959 stellte Kissinger sein Buch „Kernwaffen und Auswärtige Politik“ in der Bundesrepublik vor. Auf Einladung des bundesdeutschen Außenministeriums hielt er öffentliche Vorträge in Frankfurt, Bad Godesberg und Hamburg und diskutierte im kleinen Kreis mit Bundestagsabgeordneten, hohen Beamten des Verteidigungsministeriums sowie Kommandeuren der Bundeswehr. Schließlich wurde er vom Bundeskanzler Konrad Adenauer, Außenminister Heinrich von Brentano und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß empfangen …

Wenn man journalistischen Beobachtern Glauben schenkt, waren viele Gesprächspartner geradezu entzückt: „Wie ein Weiser aus dem Morgenland ist der junge Mann mit den dunklen Augen und dem schweren, schwarzen Haar nach Bonn gekommen“, schrieb der Korrespondent der West Berliner Tageszeitung „Der Tag“. „Und alle Welt in dieser kleinen Hauptstadt hat sich auf ihn gestürzt: voller Begierde, von dem Propheten des Atomzeitalters zu hören, wie die Politik der Zukunft aussehen wird …“

… Am deutlichsten distanzierte sich der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt … Ohne Kissinger oder dessen Stichwortgeber beim Namen zu nennen, machte Brandt deutlich, dass man Krisen auch herbeireden kann … Seit dieser Zeit löste der Name Willy Brandt bei Kissinger politische Allergien aus.“

 

„Umso ärgerlicher erschien das Tempo, das ein Verbündeter vorlegte - die bundesdeutsche Regierung unter Willy Brandt. März und Mai 1970: Treffen mit Willi Stoph, dem Vorsitzenden des Ministerrates der DDR in Erfurt und Kassel; August 1970: Deutsch-sowjetischer Vertrag; Dezember 1970: Deutsch-polnischer Vertrag; seit Anfang 1970: Initiativen für ein Viermächteabkommen über Berlin, für eine „Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“, für Ost-West-Verhandlungen über den Abbau konventioneller Truppen in Europa; Dezember 1971: Transitabkommen mit der DDR; Dezember 1972: Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Nachdem Egon Bahr, engster Mitarbeiter Brandts in außenpolitischen Fragen, im Oktober 1969 Henry Kissinger die Bonner Überlegungen vorgestellt hatte, schrillten in Washington alle Alarmglocken. Der Hinweis Bahrs, die USA würden informiert, aber nicht konsultiert, galt als ebenso unerhörte wie ungehörige Emanzipationserklärung.

Laut Henry Kissinger dräute die Gefahr einer Neutralisierung der Bundesrepublik nach dem Vorbild Finnlands. Oder einer deutsch-russischen Allianz nach dem Vorbild des Vertrages von Rapallo aus dem Jahr 1922. Oder beides zusammen, verbunden mit einem Infektionsrisiko für das restliche Westeuropa. Frankreich könnte sich durch den westdeutschen Vorstoß in seinem Eigensinn bestätigt sehen und eine unkontrollierbare Kettenreaktion in Gang setzen. Weil sich auch Amerikas Liberale auf Brandt berufen und Nixon an der Heimatfront in Schwierigkeiten bringen würden, sollte der Präsident die Bonner Ostpolitik auf keinen Fall durch öffentliche Erklärungen aufwerten. Fallende Dominosteine nicht nur an der Peripherie, sondern im Zentrum des Imperiums: So wirklichkeitsfremd diese Vorstellungen waren, sie passten zu den Erwartungen an Verbündete der westlichen Führungsmacht. Fügsam sollten sie sein, kleinlaut und bescheiden, Mündel in einem Vormundschaftsverhältnis eben. Wäre es nach Kissinger gegangen, hätte man Bonns Vorhaben auf die lange Bank oder, besser noch, aufs Abstellgleis geschoben. „Wenn schon Entspannung mit der Sowjetunion, dann machen wir sie.“ So klang es, wenn der Präsidentenberater eine diplomatische Umschreibung für den Hinweis finden wollte, dass sich eine Regionalmacht aus den diffizilen Geschäften der Weltpolitik tunlichst herauszuhalten hatte. Dazu Willy Brandt: „In den Europäern sah er (Kissinger) die Bauern im großen Schachspiel der Supermächte … Wir hielten dagegen, dass wir auf weltpolitische Mitsprache nicht zu verzichten gedächten.“

 

„Im Oval Office, Mai und Juli 1971:

Kissinger: „Die Gespräche über (das Viermächteabkommen für) Berlin laufen dermaßen gut, dass wir wahrscheinlich nicht in der Lage sein werden, sie noch einigermaßen hinauszuzögern. Wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt, werden wir wohl Mitte Juli das Berlin-Abkommen haben … Und genau genommen machen die Russen zwei Drittel der Zugeständnisse“ … Nixon: „Ich frag mich nur, ob wir dazwischenfunken können um (das geplante Gipfeltreffen mit Nixon in Moskau) hinzubekommen“ … Kissinger: „Wir müssen Dreckskerle sein …“ Nixon: „In Ordnung. Wir werden Dreckskerle sein. Das ist in Ordnung. Sagen Sie (Dobrynin) einfach … ‚Wir werden (solange es keine Zusage für ein Gipfeltreffen in Moskau gibt) dem Berlin-Abkommen nicht zustimmen. Es liegt an Ihnen‘ … Wegen Berlin werden sie (die Sowjets) nichts riskieren, weil sie sich mit den Deutschen gut stellen wollen.“ Kissinger: „Ja, das stimmt. Unser größtes Problem in Berlin ist jetzt, dass wir vor einem wirklich erstklassigen Abkommen stehen, einer tatsächlichen Verbesserung. Ich weiß, dass wir dafür niemals Anerkennung bekommen werden.“ Nixon: „Können wir es noch versenken?“ Kissinger: „Ja, aber wissen Sie, die Russen machen jetzt derart viele Zugeständnisse, dass es schwierig wird.“ Nixon: „Ja. In Ordnung wir müssen das (ein Berlin Abkommen) vermasseln. Das ist (Botschafter Kenneth) Rush doch hoffentlich hinreichend klar?“ Alexander Haig: „Ja, und es ist ziemlich kompliziert …“

Selbstverständlich wusste man im Weißen Haus, dass in diesen Unterhaltungen leeres Stroh gedroschen wurde. Das Viermächteabkommen über Berlin „versenken“ zu wollen - also einen Vertrag, der bei allen westlichen Verbündeten wie auch in der Öffentlichkeit großen Zuspruch fand -, war eine absurde Vorstellung. Aufschlussreich sind die Tonbandprotokolle dennoch. Sie verdeutlichen, wie verständnislos Nixon und Kissinger den normativen Fundamenten von Brandts Ostpolitik gegenüberstanden: Vertrauen und „gemeinsame Sicherheit“, Kooperation und gute Nachbarschaft, Frieden und Gleichberechtigung, Selbstbindung und Gewaltverzicht, Erleichterungen im innerdeutschen Alltag und zwischenmenschliche Begegnungen. Im Weißen Haus ging es stattdessen um Taktik, Zweckmäßigkeit und um Optionen, die man ziehen oder nach Bedarf stornieren konnte. Wer eine andere Meinung vertrat, war im Priesterseminar besser aufgehoben, wie Kissinger bei Cocktailpartys gerne zum Besten gab. Gegenüber Nixon beließ er es nicht bei Hochnäsigkeit, sondern bediente wieder einmal die Ressentiments des Präsidenten. In solchen Momenten wurde aus Egon Bahr eine hinterhältige „Echse“ und aus Willy Brandt ein versoffener „Trottel“ und Informant des Kremls. Kleinkarierter Neid auf das gute Presseecho zur bundesdeutschen Außenpolitik war auch im Spiel, nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an den Bundeskanzler kochte die gallige Missgunst schier über, kurz vor dem Misstrauensvotum gegen Willy Brandt dachten Nixon und Kissinger gar über eine klammheimliche Unterstützung seines Widersachers Rainer Barzel nach. Dass sich Kissinger letzten Endes ins Unvermeidliche gefügt und Bonns Politik teils tolerierte, teils unterstützte, sollte nicht als Einsicht zum Besseren verstanden werden. Und schon gar nicht als Gegenposition zu Nixon. Es war schlicht der Versuch, das aus seiner Sicht Schlimmste zu verhindern und selbst wieder die Kontrolle über eine Entwicklung zu bekommen, die andere in Gang gesetzt hatten.

Im Oval Office, Juni 1971:

Nixon: „Guter Gott, wenn (Brandt) Deutschlands Hoffnung ist, dann hat Deutschland nicht viel Hoffnung … Ich will nicht sagen, dass wir von der Ostpolitik begeistert sind.“ Kissinger: „Das Hauptproblem ist, dass er (Brandt) nicht sehr helle ist.“ Nixon: „Dieser Kerl ist wirklich ein bisschen dumm.“ Kissinger: „Dumm und faul, und er trinkt.“ … Nixon: „Ich weiß nicht, wie die Sitzordnung (anlässlich eines Empfangs für den Bundeskanzler) heute Abend ist. Ich denke, dass ich schon mehr als genug mit Brandt geredet habe. Vielleicht sollten wir einfach über seinen Kopf hinwegreden, ich weiß aber nicht, ob Sie rechts oder links von ihm sitzen.“ William Rogers: „Nun, ich habe vielleicht auch nichts, worüber ich mit ihm reden könnte.“ Nixon: „Das einzige Thema, das noch übrig ist, ist Vietnam … reden sie einfach ein wenig über Vietnam mit ihm.“

„Reden Sie einfach ein wenig über Vietnam mit ihm“. Ein hingeworfener und doch sehr aussagekräftiger Satz zu Nixons Prioritäten. Dass der Weltfrieden am wenigsten in Vietnam und am meisten in Berlin bedroht wurde, stand für Nixon fest. „Die geringste Bedeutung hat Vietnam. Nie, nie, nie drohte dort ein Weltkrieg … Verdammt noch mal, das wissen wir doch alle … In Berlin geht es um alles. Scheiße, wenn dort etwas passiert, hängen wir alle drin.“ Trotzdem wollte er Willy Brandt und europäische Entspannung nur in den Kammerspielen sehen, die große Bühne war für Washington reserviert - und dort ging es wie gehabt hauptsächlich um Vietnam. Eine Sichtweise von zwingender Logik, solange man die USA für den Nabel der Welt hält und Amerikas Wohlergehen mit globaler Wohlfahrt in eins setzt. Henry Kissinger fügte eine unfreiwillig komische Note hinzu, als er das Jahr 1973 mit viel Aplomb zum „Jahr Europas“ erklärte und die so Gelobten in einer Reihe vor amerikanischen Zeitungsherausgebern und umgehend wieder auf ihren Platz verwies - mit dem Hinweis, dass kleine Akteure von großen Visionen schlicht überfordert sind.“

 

„Hohn, Verachtung, Zorn und Wut trafen auch Verbündete. Allen voran den bundesdeutschen Kanzler Willy Brandt, der gleich mehrfach die Regeln der Realpolitik nach Kissingers Fasson gebrochen hatte. Erstens waren die USA wegen der Bonner Ostpolitik nicht um Rat gefragt worden; zweitens setzte Brandt die unerhörte, gar „revolutionäre Schlussfolgerung“ in die Welt, dass Sicherheit nicht von militärischer Übermacht, sondern von Kooperation mit Konkurrenten und gegenseitigem Vertrauen abhängt; drittens lähmte diese Entwertung des Militärischen angeblich den Willen zur Konfrontation mit der UdSSR außerhalb Europas. Dass Brandt zu allem Überfluss im Westen wie im Osten Zuspruch erntete, störte ebenso wie sein Appell an ein vereintes, politisch aufgewertetes Europa. Folglich traf ihn der Bannstrahl aus dem Weißen Haus. „Brandt besaß … weder die innere Kraft noch die intellektuellen Fähigkeiten, die Kräfte zu zügeln, die er freigesetzt hatte. Er wurde vielmehr ihr Gefangener und schwelgte in dem Beifall, den sie ihm zollten, anstatt sie mit dem richtigen Sinn für die Proportionen oder eine in die weitere Zukunft gerichtete Kritik zu disziplinieren.“ Apropos Gefangener. Verständnislos nach den Gründen für Brandts Ostpolitik suchend, dichtete Kissinger ihm das sogenannte „Stockholm-Syndrom“ an: Menschen in Geiselhaft, wie Brandt während der Zeit als Regierender Bürgermeister in West-Berlin, lindern ihr Leid, indem sie die Nähe zu ihren Peinigern suchen - und in diesem Fall die Moskauer Führung als vertrauenswürdige Partner verklären. Der französische Außenminister Michel Jobert bekam ebenfalls sein Fett weg, hatte er doch Washingtons Richtlinienkompetenz auf seine Weise verschiedentlich in Frage gestellt. „Frankreich und Deutschland war viel daran gelegen, unsere Handlungsfreiheit einzuschränken.““

 

Kambodscha

 

„Wie lange sich die Junta in Saigon noch werde halten können, vermochte niemand zu sagen. Nixon jedenfalls glaubte, noch einmal Zeit für eine letzte Eskalation gewonnen zu haben - in Kambodscha nämlich. Knapp einen Monat nach Unterzeichnung des Waffenstillstands von Paris gab er den Befehl zu den verheerendsten Flächenbombardierungen gegen dieses ohnehin geschundene Land. Von Februar bis Mitte August 1973 wurden, vornehmlich von B 52-Bombern, fast 2,6 Millionen Tonnen Bomben über Kambodscha abgeworfen. Zum Vergleich: Während des gesamten Zweiten Weltkriegs hatten die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition in Europa und Asien zusammen knapp über 2,6 Millionen Tonnen Bomben eingesetzt. Im Frühjahr und Sommer 1973 blieb in Kambodscha keine Stadt und kaum ein Dorf verschont, manche wurden mehrfach umgepflügt. Ungezählte Menschen verloren Hab und Gut, wurden verwundet und mussten fliehen. Hunderttausende kostete es das Leben, wie viele genau, wird niemals zu ermitteln sein.

Gemeinhin werden militärische Motive für diesen Exzess geltend gemacht - dass man Rückzugsräume der Vietcong und der nordvietnamesischen Armee verheeren oder die Regierung des befreundeten Generals Lon Nol vor weiteren Angriffen der aufständischen Roten Khmer schützen wollte. Ebenso wichtig war ein innenpolitisches Kalkül, wie Nixon seinem Sicherheitsberater am 29. März erläuterte: „Wir müssen das gottverdammte Land (Kambodscha) so lange bombardieren, bis uns der Kongress die Vollmacht streicht. Dann können wir sie (die Kongressmehrheit) dafür verantwortlich machen, dass die ganze Sache den Bach runtergegangen ist.“ Wie üblich war Henry Kissinger auch von dieser Idee angetan. Anfang August gab Nixon dem Druck des Parlaments nach und unterzeichnete das Gesetz zur Einstellung aller Kampfhandlungen in Südostasien; in einem Begleitbrief an die Fraktionsführer im Senat und Repräsentantenhaus nahm er die Abgeordneten für alle Konsequenzen, insbesondere für einen Sieg der Kommunisten in Kambodscha und Vietnam, in Haftung. Als es gut 20 Minuten Monate später tatsächlich so weit war, hatte Richard Nixon das Weiße Haus längst verlassen, zermürbt von seinem letzten Spiel auf Zeit.“

 

Chile

 

„Insbesondere die Nachrichten aus Chile wertete Kissinger als gutes Omen zum Start seiner Amtszeit. Am frühen Morgen des 11. September 1973 hatte die chilenische Marine die Hafenstadt Valparaiso eingenommen und die Absetzung der Volksfrontregierung verkündet. Da auch die anderen Teilstreitkräfte mehrheitlich an dem Putsch beteiligt waren, stand Präsident Salvador Allende auf verlorenem Posten. Zwar konnte er vor der Übernahme der Radio- und Fernsehstationen noch Hilferufe an seine Unterstützer aussenden. Aber kurz darauf wurde der Amtssitz La Moneda von Panzern und Flugzeugen unter Beschuss genommen. Das Angebot, zusammen mit seiner Familie außer Landes geflogen zu werden, ignorierte Allende. Es war ohnehin eine Falle. „Dieses Flugzeug wird niemals landen“, höhnte Augusto Pinochet, der Kopf der Verschwörer, und bellte ein Kommando hinterher: „Tötet den Hund und schafft den Abfall beiseite.“ Stunden später wurde Allendes Leichnam in seinem Arbeitszimmer entdeckt. Die inoffizielle Hymne der Regierung, Monate zuvor von der Gruppe „Quilapayun“ als Mutmacher gegen den drohenden Sturz aufgenommen, klingt seither wie ein Trauermarsch: „El pueblo unido jamas sera vencido.“

 

https://www.youtube.com/watch?v=Cxwkaz43wJ0

 

Telefongespräch Nixon – Kissinger, 16. September 1973:

Kissinger: „In Chile fügen sich die Dinge allmählich. Natürlich wird in den Zeitungen rumgejammert, weil eine prokommunistische Regierung gestürzt wurde.“ Nixon: „Man sollte es nicht für möglich halten.“ Kissinger: „Als gäbe es nichts zu feiern. In Eisenhowers Zeit wären wir Helden gewesen.“ Nixon: „Ja schon, aber wie Sie wissen, ist in diesem Fall nicht erkennbar, dass wir die Finger drin hatten.“ Kissinger: „Ja, wir haben es nicht selber gemacht. Ich meine, wir haben Ihnen geholfen, haben, soweit es ging, die Voraussetzungen geschaffen.“ Nixon: „Stimmt. Und so muss man dieses Ding spielen. Aber lassen Sie sich eines gesagt sein, die einfachen Leute, die kaufen den Liberalen in diesem Fall ihren Mist nicht ab. Kissinger: „Auf keinen Fall.“ Nixon: „Die einfachen Leute wissen, dass es eine prokommunistische Regierung war, und so laufen die Dinge eben nun mal.“ Kissinger: „Genau und pro-Castro.“ Nixon: „Lassen wir mal das pro-kommunistische beiseite. In der Hauptsache war es eine anti-amerikanische Regierung durch und durch.“ Kissinger: „Und noch dazu ungezügelt.“

Am 12. September 1973 von Journalisten auf die Rolle der USA und ihrer Geheimdienste bei dem Putsch angesprochen, zog sich Henry Kissinger mit einem Dementi aus der Affäre - vorerst zumindest. „Die CIA hat sich … seit 1970 vollkommen aus allen Umsturzversuchen herausgehalten. In Chile bemühten wir uns um eine Stärkung der demokratischen politischen Parteien und darum, ihnen die Grundlage für einen Sieg bei den Wahlen im Jahr 1976 zu verschaffen.“ Eine Lesart, an der Kissinger mit geringfügigen Variationen seither festhält, in Interviews, Aufsätzen, in seinen Memoiren ohnehin. Er kam damit eine Zeit lang durch, weil Richard Nixon Recht hatte: Es war auf den ersten Blick tatsächlich nicht zu erkennen, „dass wir die Finger drin hatten“. Wie bei „Watergate“ hielt die erprobte Verteidigungslinie des Weißen Hauses alle Skeptiker zunächst auf Distanz: „Plausible Deniability“ oder das scheinbar glaubhafte Dementi für Aktivitäten im In- und Ausland, die zum Programm der Regierung gehörten, aber aus rechtlichen, politischen und moralischen Gründen nicht ruchbar werden durften.

Die Geschichte des 11. September 1973 hatte fast auf den Tag genau drei Jahre früher begonnen. Als könnte er wegen Vietnam keinen weiteren Prestigeverlust verkraften, ließ Richard Nixon kurz nach der Wahl Salvador Allendes Anfang September 1970 die Kettenhunde von der Leine. Sein Ziel: vor der Bestätigung durch das chilenische Parlament und der für Ende Oktober anstehenden Amtseinführung ein „Putschklima“ schaffen und die Verteidigung eines sozialistischen Regierungschefs in letzter Minute verhindern. Nach einem Treffen mit dem Präsidenten, Henry Kissinger und Justizminister John Mitchell fasste CIA-Chef Richard Helms am 15. September 1970 die Worte Nixons wie folgt zusammen: „Vielleicht nur eine zehnprozentige Chance, aber rettet Chile! Die Investition lohnt sich, die Risiken sind mir egal. Die Botschaft darf nicht involviert sein. Zehn Millionen Dollar stehen zur Verfügung, auch mehr, wenn nötig. Dies ist ein Fulltime-Job für unsere besten Männer. Die Strategie heißt: Stranguliert die Wirtschaft. Vorlage eines Aktionsplans innerhalb von 48 Stunden.“ Richard Helms verstand diese Botschaft, wie sie gemeint war - als Auftrag an den Geheimdienst, mit allen Mitteln ans Werk zu gehen, politischen Mord eingeschlossen. „Der Präsident hat uns mächtig unter Druck gesetzt … Er wollte, dass etwas unternommen wird, egal wie … Wenn ich jemals das Weiße Haus mit einem Marshallstab im Rucksack verlassen habe, dann an diesem Tag.“

Im Herbst 1970 gegen den erklärten Mehrheitswillen chilenischer Wähler ein Putschklima aufheizen zu wollen, war verwegen. Oder hatte, wie Nixon selbst einräumt, allenfalls eine zehnprozentige Erfolgschance. Man versuchte es trotzdem - wider den Rat vieler Diplomaten und Geheimdienstler und unter der tatkräftigen Anleitung von Henry Kissinger. „Der Vorsitzende (des „40 Committee“, Kissinger) und (Justizminister John) Mitchell waren äußerst skeptisch, dass nach einer Amtsübernahme Allendes noch irgendjemand ein wirklich bedeutsames Gegengewicht aufbieten könnte.“ Unter dem Codenamen „Operation FUBELT“ wurden Maßnahmen zur psychologischen Destabilisierung des Landes eingeleitet, um putschwilligen Militärs einen Vorwand zum Losschlagen zu geben. Weil wirtschaftliche Boykottmaßnahmen binnen weniger Wochen nicht greifen konnten, streute man Gerüchte über bevorstehende Lebensmittelrationierungen, die Kündigung von Krediten und massenhafte Kapitalflucht. „Nehmen Sie Kontakt zum Militär auf und teilen Sie ihnen mit, dass die U.S.-Regierung eine militärische Lösung will, und dass wir sie jetzt und in Zukunft unterstützen werden“, hieß es in einem Telegramm von CIA-Chef Helms an seine Agenten in Santiago de Chile am 7. Oktober. „Jede Stunde zählt.“ Die Antwort des Postenchefs: „Sie haben uns beauftragt, in Chile Chaos heraufzubeschwören … Wir liefern Ihnen ein Rezept für ein Chaos, das vermutlich nicht ohne Blutvergießen abgehen wird.“ Eine Woche später warnte Henry Kissinger allerdings vor einer überstürzten Militäraktion - nicht wegen grundsätzlicher Bedenken, sondern weil er an der Kompetenz der zur Verfügung stehenden Kollaborateure zweifelte.

CIA und Henry Kissinger: Operative Richtlinien an den CIA-Posten in Santiago de Chile, 16. Oktober 1970:

„Es geht nach wie vor und entschieden darum, Allende durch einen Putsch zu stürzen. Es wäre sehr wünschenswert, wenn dies vor dem 24. Oktober (dem Tag von Allendes Vereidigung) geschehen würde, aber diesbezügliche Anstrengungen werden auch nach diesem Datum energisch weiterverfolgt. Zu diesem Zweck müssen wir weiterhin maximalen Druck aufbauen und jedes verfügbare Mittel nutzen. Es ist zwingend geboten, dass diese Aktionen im Geheimen und abgesichert umgesetzt werden, so dass die Beteiligung der US-Regierung und anderer amerikanischer Stellen gut abgeschirmt bleibt … Nach sorgfältigster Abwägung sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Putsch von (General Roberto) Viaux, nur unter seiner Führung und mit den ihm zu zur Verfügung stehenden Mitteln durchgeführt, scheitern würde … Es wurde entschieden, dass (die CIA) mit Viaux in Kontakt tritt und ihn vor einer überstürzten Aktion warnt. Unsere Nachricht soll im Wesentlichen wie folgt lauten: „Wir haben uns Ihre Pläne angesehen … und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass zum jetzigen Zeitpunkt ihre Planungen für einen Putsch nicht erfolgreich sein können. Im Falle eines Scheiterns könnten Sie sogar ihre künftigen Mittel und Möglichkeiten beeinträchtigen. Halten Sie Ihre Mittel weiterhin bereit. Wir werden in Verbindung bleiben. Es wird die Zeit kommen, in der Sie zusammen mit allen Ihren Freunden etwas werden unternehmen können. Sie werden weiterhin unsere Unterstützung bekommen … Folgendes sind unsere Ziele: (A) Ihn (General Viaux) über unsere Meinung informieren und von Alleingängen abhalten; (B) Ihn weiterhin ermutigen, seine Pläne auf eine breitere Grundlage zu stellen; (C) Ihn ermutigen, sich mit anderen Putschisten zusammenzutun, so dass sie entweder vor oder nach dem 24. Oktober (der Amtseinführung Allendes) an einem Strang ziehen … Wir haben nach wie vor großes Interesse an den Aktivitäten (der putschbereiten) Generale Tirado, Canales, Valenzuela et.al., und wir wünschen Ihnen alles erdenklich Gute. Dies sind ihre operativen Richtlinien.“

Henry Kissinger und Richard Nixon über die Destabilisierung Chiles nach der Amtseinführung von Salvador Allende, November 1970:

Kissinger: „Die Wahl Allendes zum Präsidenten von Chile ist für uns eine der schwerwiegendsten Herausforderungen, denen wir jemals in dieser Hemisphäre begegnet sind. Ihre Entscheidung, wie wir damit umgehen sollen, ist wahrscheinlich Ihre historisch bedeutsamste und schwierigste außenpolitische Entscheidung in diesem Jahr, denn was in Chile passiert … wird Auswirkungen haben, die weit über die Beziehungen der USA zu Chile hinausreichen. Es wird sich auf den Rest von Lateinamerika und auf die Entwicklungsländer auswirken … ebenso auf die Weltpolitik als Ganzes, unsere Beziehungen zur UdSSR eingeschlossen. Es wird sich sogar darauf auswirken, welches Bild wir uns von unserer Rolle in der Welt machen … Das Beispiel einer marxistischen Regierung in Chile, die durch einen Wahlerfolg an die Macht gekommen ist, würde unweigerlich in anderen Weltgegenden Eindruck machen und sogar als Präzedenzfall gesehen, insbesondere in Italien; eine Nachahmung anderenorts hätte nachhaltige Auswirkungen auf die weltweite Machtverteilung und unsere Rolle in der Welt … In dieser Situation nicht zu reagieren, birgt das Risiko, dass wir in Lateinamerika und Europa als gleichgültig oder ohnmächtig wahrgenommen werden … Meines Erachtens sind die Risiken des Nichtstuns größer als die Risiken, die wir mit dem Versuch eingehen, etwas zu unternehmen … Ich schlage deshalb vor, dass Sie (Herr Präsident) entscheiden, Allende so massiv wie möglich zu bekämpfen und alles in unserer Macht Stehende zu tun, um ihn an einer Konsolidierung seiner Macht zu hindern.“ Nixon: „Ich werde niemals eine Politik unterstützen, die auf eine Missachtung des Militärs in Lateinamerika hinausläuft. Das sind Machtzentren, die unter unserem Einfluss stehen … Unsere hauptsächliche Sorge in Chile ist, dass er (Allende) seine Position festigen kann … Falls wir die künftigen Anführer in Südamerika im Glauben lassen, dass sie sich nach dem Vorbild von Chile verhalten können … werden wir Schwierigkeiten bekommen. Ich will an diesem Problem dranbleiben und an den militärischen Beziehungen - investiert mehr Geld. Wirtschaftlich sollten wir ihn (Allende) auf kalten Entzug setzen … Es ist in der ganzen Welt viel zu sehr Mode geworden, uns herumzuschubsen … Ab und zu sollten und müssen wir reagieren, nicht, weil wir ihnen wehtun wollen, sondern um zu zeigen, dass man uns nicht herumstoßen kann.“

Seit dem Herbst 1970 trieb Henry Kissinger die Chaosstrategie nach Kräften voran: „Wir werden Chile nicht den Bach runtergehen lassen … Ich kann mir nicht vorstellen, warum wir ein Land in den Marxismus entlassen, nur weil seine Bevölkerung verantwortungslos ist.“ Sätze wie aus dem Munde von Robert Kennedy, der zehn Jahre früher den Kampf gegen Fidel Castro zu einer persönlichen Vendetta gemacht hatte. Mit einem unwahrscheinlichen und trotzdem zutreffenden Unterschied: Kissinger agierte noch verbissener, zäher und skrupelloser. Er übernahm die Rolle des Einpeitschers, kümmerte sich Woche für Woche um operative Details und um die Überwachung der Vorgaben des Weißen Hauses - ein Mikromanagement auf allen Ebenen. „De facto war Kissinger der für Chile zuständige Referent“, so ein Mitarbeiter des Außenministeriums. „Henry zeigte dem Präsidenten, dass er alles im Griff hatte.“ Zurückhaltende Diplomaten, die für einen „modus vivendi“ mit Allende plädierten, hatten gegen diese geballte Macht keine Chance. Davon abgesehen führte Kissinger selbst den Nationalen Sicherheitsrat, das für verdeckte Operationen zuständige „40 Committee“ und den Botschafter in Santiago de Chile hinters Licht. Besonders brisante Entscheidungen diskutierte er nur mit handverlesen Mitarbeitern. Wobei es sich weniger um Diskussionen als um Diktate eines Mantras handelte: Ein Scheitern in Chile steht für den größten anzunehmenden Schaden in der Außenpolitik dieser Administration - für „unser Kuba“.

„Unser Kuba“, Allende als Wiedergänger Fidel Castros, Moskau im Vorgarten der USA. Was Henry Kissinger über Chile sagte und schrieb, war eine exakte Kopie ausgeleierter Gedanken aus den frühen 1960er Jahren. Genauer gesagt: jener Thesen, die zum Debakel in der Schweinebucht geführt und während der Kuba-Krise eine kriegsträchtige Eskalation mit heraufbeschworen hatten; und nicht zuletzt jener Argumente, mit denen der Krieg in Vietnam jahrein, jahraus gerechtfertigt wurde. Wie in Kuba und Vietnam galt auch mit Blick auf Chile, dass selbst ein strategisch völlig unbedeutendes Land über Nacht zu einer unmittelbaren, wenn nicht lebensbedrohlichen Gefahr werden kann - wenn es sich nämlich einen Virus namens Sozialismus einfängt. Noch Mitte 1969 hatte Kissinger Lateinamerika als Kontinent abseits der „Achse der Geschichte“ verspottet. „Was sich (in dieser Region) abspielt, hat keinerlei Bedeutung. Und es ist mir egal.“ Ein gutes Jahr später diagnostizierte er dort einen hoch ansteckenden Krankheitsherd und die drohende Ermattung amerikanischer Muskelkraft.

Mit Kissingers Neigung zum Auftritt als „Drama Queen“ lässt sich diese Kehrtwende in den frühen 1970er Jahren allein nicht erklären. Das entscheidende Stichwort in seinem Krisenszenario hieß „Italien“. Sprich: der Aufstieg des „Eurokommunismus“ und damit einer Bewegung, die im Kräftespiel der Demokratie konkurrenzfähig war, die Spielregeln des Parlamentarismus achtete und gute Chancen auf eine Mehrheit in freien Wahlen hatte. Exakt dafür stand auch Salvador Allende, eben deshalb war sein Vorbild gefährlich. Was im Umkehrschluss für Kissinger bedeutete, einer demokratischen Partei samt ihrer Regierung den Garaus machen zu müssen, weil sie die Demokratie achtete. Das war die Pointe seiner Chile-Politik: den „Eurokommunisten“ zu signalisieren, dass der Wille von Wählern Washington egal war.

Ob Allende auch ohne den Druck der USA gescheitert wäre, ist unmöglich zu beantworten. Allerdings sind Zweifel angebracht. Washington strich seine Wirtschaftshilfe von ehemals 110 Millionen Dollar auf 3 Millionen Dollar zusammen; die U.S. Export-Import-Bank, die unter Allendes Vorgänger 280 Millionen Dollar an chilenische Privatinvestoren verteilt hatte, vergab seit September 1970 weder Kredite noch Anleihen; die Weltbank, vorher mit 31 Millionen Dollar auf dem chilenischen Markt engagiert, folgte diesem Beispiel. Nicht zuletzt bekamen amerikanische Geschäftsleute den langen Arm ihrer Regierung zu spüren, im Zweifel durch den Entzug finanzieller Sicherheiten für Investitionen im Ausland. Für Chiles Volkswirtschaft bedeuteten diese Einschnitte ein langsames Strangulieren; oder einen „kalten Entzug“, wie Nixon es gefordert hatte. Auf der anderen Seite päppelte die CIA Allendes Gegner – Parteien, Unternehmerverbände, konservative Medien, paramilitärische Organisationen - laut eigener Buchhaltung mit mindestens acht Millionen Dollar auf. So gesehen traf Kissinger den Nagel auf den Kopf, als er im Gespräch mit Nixon Mitte September 1973 feststellte: „Wir haben ihnen geholfen, haben, soweit es ging, die Voraussetzungen (für den Putsch) geschaffen.“

Letztendlich gab die jahrelange Unterstützung der chilenischen Streitkräfte den Ausschlag für den Putsch. Die Verdreifachung der US- Militärhilfe seit Herbst 1970 kam nämlich nicht der gewählten Regierung, sondern einzig ihren Todfeinden zugute. Noch mehr forcierte Henry Kissinger die Kontakte amerikanischer Geheimdienste zu den Radikalen im chilenischen Militär. Jedenfalls ist nicht dokumentiert, dass er ein im November 1970 vorgetragenes Plädoyer jemals korrigiert hätte: „Mr. Kissinger, in der Rolle eines Advocatus Diaboli, wies darauf hin, dass das vorgeschlagene Programm der CIA auf die Unterstützung moderater Kräfte (in Chile) abzielte- Frage: Wenn Allende sich selbst in der Rolle eines Moderaten gefällt, warum sollten wir dann nicht Extremisten unterstützen?“ In anderen Worten: Des Teufels Rat war für Kissinger Programm, ein Militärputsch blieb für ihn das erste Mittel der Wahl, solange die Erfolgsaussichten gut und die Spuren nach Washington unlesbar waren. „Shock the Chileans into action“, treibt sie zum Handeln, wie er bei anderer Gelegenheit forderte.

Dementsprechend stärkten Kissinger und seine Befehlsempfänger bei der CIA selbst notorischen Fanatikern wie General Roberto Viaux, General Camilo Valenzuela und Admiral Hugo Tirado den Rücken. Weil er die damit verbundenen Risiken ignorierte oder tolerierte, trägt Henry Kissinger Mitverantwortung für alle Aktionen, die diese Gruppe auf eigene Faust unternahm - angefangen mit der Ermordung des verfassungstreuen Stabschef der Armee, René Schneider, am 22. Oktober 1970. Dass den Mördern im Nachhinein seitens der CIA Schweigegeld gezahlt wurde, war nicht allein ein Hinweis auf zurückliegende Komplizenschaft, sondern ein Fingerzeig für Künftiges. Auch wenn sie zur falschen Zeit oder mit unbedachten Mittel losschlugen, Putschisten konnten sich auf die Rückendeckung aus Washington verlassen. In den Worten eines in Chile eingesetzten CIA-Agenten: „Für uns stand es außer Frage, dass wir jedem innerhalb des Militärs grünes Licht geben sollten, der einen solchen Umsturz durchziehen konnte … Die Leute, die dafür in Frage kamen, … hätten Allende auch dann nicht am Leben gelassen, wenn wir sie darum gebeten hätten. Was wir nicht taten. Und der Nationale Sicherheitsrat wusste Bescheid.“

Auf die Frage eines Staatssekretärs, wie man die Berichte - etwa im Nachrichtenmagazin „Newsweek“ - über die Ermordung tausender Sozialisten und Kommunisten unmittelbar nach dem Putsch kommentieren sollte, antwortete Kissinger Anfang Oktober 1973 schnippisch: „Wie unerfreulich sie (die neuen Machthaber) auch immer vorgehen, ihre Regierung ist besser für uns, als Allende es war..“ Ansonsten konzentrierte er sich auf die Rolle des Choreografen beim Verwischen belastender Spuren und auf beruhigende Botschaften an den Junta-Chef Augusto Pinochet. Vom großen Interesse an freundschaftlichen und intensiven Beziehungen war in einer Geheimdepesche nach Santiago de Chile die Rede. Und fast unterwürfig bat Kissinger um Verständnis, dass die USA aus Imagegründen nicht als Erste zur Machtübernahme gratulieren konnten und nach außen für eine gewisse Zeit Zurückhaltung gegenüber ihren alten und künftigen Verbündeten wahren mussten. Dessen ungeachtet wollte er sich für die Auszahlung der versprochenen Wirtschafts- und Militärhilfe stark machen. Jahre später, als sich die Aufregung gelegt hatte und diplomatische Normalität eingekehrt war, nahm Kissinger gegenüber dem Terrorpaten Pinochet kein Blatt mehr vor den Mund: „Es geht nicht darum, Sie zu schwächen, wir möchten Ihnen helfen. Mit dem Sturz Allendes haben Sie dem Westen einen großen Dienst erwiesen. Andernfalls wäre Chile den Weg Kubas gegangen.““

 

Angola

 

„Der wichtigste Streitpunkt war Angola. Dort eskalierte 1974 ein Konflikt, der bei vielen Zeitgenossen die Angst vor einem afrikanischen Vietnam weckte. Nachdem die „Nelkenrevolution“ in Portugal auch das letzte Kolonialreich zum Einsturz gebracht hatte, kämpften drei untereinander verfeindete Unabhängigkeitsbewegungen um die Macht, sage und schreibe 16 Länder mischten sich auf der Suche nach einem strategischen Brückenkopf ein: Großbritannien, Frankreich und die USA, Südafrika, Uganda, Zaire und Algerien, Israel und Indien, die UdSSR, China, Rumänien, die DDR, Nordvietnam, Nordkorea und Kuba. So wurde aus dem Kampf um nationale Selbstbestimmung unter der Hand ein internationaler, vom Kalten Krieg überwölbter Brandherd. Die rechtsgerichtete „FNLA“ bezog Hilfe aus dem Westen und von China, die ideologisch pragmatische „UNITA“ nahm es auch bei finanziellen Zuwendungen nicht so genau, während die marxistische „MPLA“ von Geld, Waffen und Knowhow aus der UdSSR und Kuba profitierte. Deshalb änderte Henry Kissinger, der bis zu diesem Zeitpunkt für Afrika nur Hohn, Spott und Verachtung übrighatte und den Kontinent vorzugsweise als Betätigungsfeld für Missionare ansah, schlagartig seine Meinung. „In Angola bin ich für Taten. Falls die USA nichts unternehmen, wenn die prosowjetische Gruppe die Oberhand gewinnt, werden alle Bewegungen schlussfolgern, dass sie sich mit der Sowjetunion und China arrangieren müssen.“

Was genau Washington unternehmen konnte, stand indes auf einem anderen Blatt. Eine offene Intervention kam nicht in Frage - zu frisch waren die Bilder von der Schmach in Saigon und Phnom Penh, wo im April 1975 nordvietnamesischen Truppen bzw. die Terrorbanden der Roten Khmer die Macht übernommen und den Schlusspunkt hinter Amerikas längsten Krieg gesetzt hatten. Zu ablehnend waren viele Journalisten, zu unmissverständlich die Einwände seitens der Afrikaexperten im Außenministerium. Andererseits wiesen Ford und Kissinger den bloßen Gedanken an eine diplomatische Initiative als „totalen Nonsens“, „inakzeptabel“ und „amateurhaft“ zurück. Also blieb wieder einmal nur die Quadratur des Kreises: eine verdeckte Intervention, die so unauffällig war, um innenpolitisch keinen Sturm der Entrüstung zu provozieren, aber dennoch wahrnehmbar genug, um dem Rest der Welt amerikanische Willensstärke zu demonstrieren.

Ende Juni 1975 genehmigte der Präsident auf Drängen Kissingers eine Soforthilfe für die FNLA in Höhe von 32 Millionen Dollar, Waffenlieferungen im Wert von 16 Millionen Dollar sowie die Rekrutierung französischer, britischer, portugiesischer und südafrikanischer Söldner durch die CIA. Dass man es bei der „FNLA“ mit einem in sich zerstrittenen, politisch wirren und militärisch undisziplinierten Haufen zu tun hatte, wusste Kissinger nicht. Er fragte auch nicht nach, sondern klammerte sich an die vage Hoffnung, Zeit zu gewinnen und den Preis des Krieges für die Gegenseite irgendwie in die Höhe treiben zu können - mit der Betonung auf irgendwie. Konkreter wurde er erst, nachdem Fidel Castro auf eigene Faust und ohne Rücksprache mit Moskau zwischen November 1975 und Frühjahr 1976 30.000 kubanische Kampftruppen der „MPLA“ zur Seite gestellt hatte. „Wir dachten, Angola könnte das Vietnam Kubas werden. Das wäre der Fall gewesen, wenn Kuba pro Woche 20 Gefallene hätte hinnehmen müssen. Das hätte Kuba auf Dauer nicht ausgehalten. Wir hatten die Möglichkeiten dazu. Der Kongress hat sie uns genommen.“

Zweifellos hatte der Kongress die Notbremse gezogen. Auf Antrag der Senatoren Dick Clark und John V. Tunney untersagten beide Kammern im Dezember 1975 und im Januar 1976 jedwede Unterstützung von Bürgerkriegsparteien in Angola. Aber die Behauptung, man hätte damit einer linksradikalen Machtübernahme den Weg geebnet, war schlicht bizarr. Der Gesetzgeber legte im Grunde nur die Ratlosigkeit der Regierung bloß, die Maxime nämlich, dass gehandelt werden muss, um nicht den Anschein von Untätigkeit zu erwecken.

Tatsächlich hatte Kissinger jenseits militärischer Antworten nichts anzubieten - keine Idee zur Zukunft eines unabhängigen Angolas, keine Kontakte zu politischen Ansprechpartnern, niemanden aus der Region, mit dem er je gesprochen und dem er je zugehört hätte. In anderen Worten: Er wusste nur, was er nicht wollte - eine Aufwertung selbstbewusster Akteure, die das Schicksal ihres Landes in die eigenen Hände nahmen. Dass er nur aus dem Negativen schöpfte, war Kissinger bewusst. Dennoch wollte er nichts unversucht lassen und kratzte kurz vor Inkrafttreten des gesetzlichen Verbots aus einem Notfallfonds der CIA noch einmal sieben Millionen Dollar für den Söldnereinsatz zusammen, wie ein Zocker, der alles riskiert, gerade weil er kein Blatt in der Hand hat. So gesehen, hinderte ihn der Kongress lediglich an einer fortgesetzten Insolvenzverschleppung.

Henry Kissinger reagierte mit einem hitzigen Aktionismus. Wer ihm in diesen Wochen und Monaten zuhörte, musste sich in die frühen 1950er Jahre versetzt fühlen. Wie einst Senator Joseph McCarthy markierte er Länder, die der Kongress, die Demokraten oder eine von der Presse irregeführte Öffentlichkeit „verloren“ hatten. Was für McCarthy der „Verlust Chinas“ war, beklagte Kissinger als „Verlust Angolas“. Und setzte wie dieser noch einen apokalyptischen Akkord. „Aufgrund unserer Selbstverliebtheit haben wir das Gefüge der Freiheit überall in der Welt beschädigt.“ Für den Triumph der „MPLA“ im Januar 1976 gab es seiner Meinung nach nur einen Schuldigen: rachsüchtige, gemeine und ahnungslose Abgeordnete, die nach dem Abgang ihres Erzfeindes Nixon nun ihr Mütchen an ihm kühlen wollten. „Ich sage Ihnen eines, wir erleben gerade, wie sich amerikanische Verantwortung in nichts auflöst“, klagte er in einem Telefonat mit dem alten Widersacher James Schlesinger. „Militärische Macht nutzt einem nichts, wenn man davon keinen Gebrauch macht. Was wir in Angola treiben, schreit zum Himmel … ich fass‘ es einfach nicht, dass ich mich nach einem guten Streit mit jemandem wie ihnen sehne, der weiß, wovon er redet.“ Die fixe Idee, mit feindosierter Gewalt Konflikte in die gewünschte Richtung lenken zu können, der Vorsatz, fremde Akteure in unbekannten Ländern nach Belieben zu manipulieren, der anmaßende Anspruch, stets das entscheidende Wort haben zu müssen und über alle Zweifel erhaben zu sein - von den Torheiten, die den Weg nach Vietnam gepflastert hatten, fehlte keine einzige.

Henry Kissinger über den Stellenwert Angolas für Amerikas Außenpolitik, April, Dezember 1975 und Januar 1976:

Das große Problem, das wir jetzt haben, besteht darin, die Welt zu verändern. Wir können nichts daran ändern, wie die Welt Vietnam wahrnimmt. Aber wir können eine Menge daran ändern, wie die Welt unsere Reaktion auf Vietnam wahrnimmt. Genau das ist jetzt unser großes Problem … Angola geht uns … wegen der UdSSR etwas an. Dass die Sowjets 8.000 Meilen von zu Hause tätig werden … wird seine Wirkung auf Europa und China nicht verfehlen … Wegen seiner Ölvorkommen oder als Militärbasis ist mir Angola egal. Aber ganz und gar nicht egal ist mir die Reaktion in Afrika, wenn sich herausstellt, dass die Sowjets die Sache durchziehen und wir nichts dagegen tun. Und wenn sich die Europäer dann fragen, wie wir denn Europa verteidigen wollen, wenn wir noch nicht einmal Luanda halten können, werden die Chinesen sagen, dass wir ein Land sind, das sich wegen 50.000 Gefallener aus Indochina hat vertreiben lassen und sich jetzt wegen noch nicht einmal 50 Millionen Dollar aus Angola verjagen lässt … Die Frage ist, ob Amerika weiterhin die Entschlossenheit aufbringt, als Großmacht verantwortlich aufzutreten. Wenn es so aussieht, als würden sich die Vereinigten Staaten angesichts einer massiven, beispiellosen Intervention der Sowjets und Kubaner selbst entmannen, wie werden dann die Verantwortlichen in aller Welt reagieren, wenn sie Entscheidungen über ihre künftige Sicherheit zu treffen haben?““

 

Das Leben danach

 

Immer noch Kalter Krieger

 

„Anfang September 1979 bekamen Militärexperten und Politiker bei einer NATO-Tagung in Brüssel einen Eindruck von Henry Kissinger ohne Diplomatenpass. Er verhöhnte die „Inbrunst“ der transatlantischen „Rüstungskontrollgemeinde“ und verlangte in Reaganscher Manier nicht nur einen massiven Ausbau aller Truppenteile, sondern darüber hinaus eine rasche Umstellung der Einsatzdoktrin. Statt sowjetischer Städte sollte die NATO im Fall der Fälle Raketensilos und Flugplätze ins Visier nehmen und Moskau mit Entwaffnung drohen - also mit einem Krieg, den nur der Westen zu Ende führen und überleben könnte. Ein derart rabiates Gepolter gegen die These von der Nichtgewinnbarkeit eines Atomkrieges hatte man lange nicht mehr gehört. Einmal in Fahrt, las Kissinger anschließend den Westeuropäern wegen ihres Verständnisses von Entspannungspolitik die Leviten. Demnach war auf dem Holzweg, wer die Beziehungen zur UdSSR aus politischer Warte betrachtete und der Vorstellung gemeinsamer Sicherheit nachhing. Stattdessen mahnte er den Primat militärischen Denkens an. Konkret: Zur Disziplinierung Moskaus muss immer das Risiko eines Krieges im Raum stehen, für den notwendigen innenpolitischen Rückhalt bedarf es einer Demonstration guten Willens, Détente ist dabei lediglich ein Mittel zum Zweck. „Détente ist wichtig, weil wir im Falle einer unausweichlichen Konfrontation dann Gründe präsentieren können, um diese Konfrontation auch durchzustehen. Es war rückblickend eine Watsche für die „theatralische und psychotherapeutische“ Ostpolitik der sozialliberalen Koalition in Bonn und ein in die Zukunft greifender Hinweis auf die Richtlinienkompetenz der USA innerhalb des westlichen Bündnisses. Einigen Teilnehmern verschlug es die Sprache.“

 

Zweite Karriere

 

„Stattdessen baute Henry Kissinger eine neue Karriere als Berater von Großbanken und Wirtschaftsunternehmen auf. Der Ölpreisschock in den frühen 1970er Jahren und die Islamische Revolution im Iran am Ende des Jahrzehnts hatten die Nachfrage nach politischer Risikobewertung sprunghaft in die Höhe getrieben. Nicht nur waren die Umbrüche in einer Schlüsselregion des Welthandels für viele völlig überraschend gekommen. Dass führende Industriestaaten dem Ungewissen hilf- und orientierungslos ausgeliefert schienen, stellte die Investitionsplanungen und den Zugriff auf systemrelevante Rohstoffquellen vor zusätzliche Herausforderungen. „Kissinger Associates“, so der Name des neuen Anbieters auf einem expandierenden Markt, kam im Sommer 1982 also zur rechten Zeit. Dem Chef gingen in wechselnder Besetzung Brent Scowcraft, Sicherheitsberater von Präsident Ford, und Lawrence Eagleburger, ein langjähriger Mitarbeiter des Außenministeriums, zur Hand, sodann L. Paul Bremer und William D. Rogers, beides erfahrene Diplomaten, in späteren Jahren auch Thomas F. McLarty, Stabschef des Weißen Hauses unter Bill Clinton. Diesen Schwergewichten und ihrer geballten Expertise konnten andere Beratungsfirmen nichts entgegensetzen. Mit je einem Büro in Washington D.C. und in Manhattan, Arbeitsplatz für knapp zwei Dutzend Angestellte, setzte sich Kissinger schnell an die Spitze im Wettbewerb um Reputation und Einkommen. Bereits im Gründungsjahr wurde der Jahresumsatz auf vier Millionen Dollar geschätzt.“

 

Mittelamerika bedroht die Welt

 

„Sollte Henry Kissinger insgeheim noch auf eine Rückkehr in die Politik gehofft haben, so erhielt er im Herbst 1983 einen weiteren Dämpfer. Ausgerechnet ein verlockendes Angebot des Präsidenten erwies sich als Sackgasse. Ronald Reagan wollte unbedingt einen antikommunistischen Schutzwall in Zentralamerika errichten und suchte dafür die Unterstützung der oppositionellen Demokraten. Er selbst hatte mit ominösen Andeutungen über einen US-Militäreinsatz - möglicherweise gegen Guerillas in El Salvador, vielleicht auch zum Sturz der linken Regierung in Nicaragua - viel zu viel Porzellan zerschlagen. Wenn überhaupt, konnte nur eine überparteiliche Kommission die Stimmung drehen. Deren Vorsitzender musste ein gewiefter Verkäufer und vor allem im politischen Nahkampf erfahren sein. Jemand wie Henry Kissinger also, der im Oktober 1983 die Invasion in Grenada zum geopolitischen Lackmustest ausgerufen hatte. „Falls wir Zentralamerika nicht in den Griff bekommen, werden wir nicht in der Lage sein, bedrohte Nationen am Persischen Golf und anderenorts davon zu überzeugen, dass wir das weltweite Gleichgewicht bewahren können.“ Der Wunschkandidat sagte nach einem einzigen Telefonat zu. Die Erwartungen wurden indes enttäuscht, der Widerstand in Kongress und Öffentlichkeit hielt unvermittelt an. Und Kissinger musste sich angesichts einer geharnischten Kritik am Abschlussbericht der Kommission fragen, ob sein Ruf als diplomatischer Meisterdenker nicht vor der Zeit verbraucht war …

Unbewiesenes muss zur Begründung des Untauglichen herhalten - dieser Vorwurf traf ins Schwarze. Er richtete sich gegen den sicherheitspolitischen Teil des Berichts, der Kissingers Handschrift trug. Dass die politischen Unruhen aus Moskau und Havanna gesteuert würden und alsbald wie ein Flächenbrand auf benachbarte Staaten übergreifen könnten, war schlicht aus der Luft gegriffen. Nicht nur konnte die Kommission keinen einzigen belastbaren Beweis für die vermeintliche Fernsteuerung erbringen. Ein genauer Blick auf die sattelfesten Machthaber in Mexiko, Panama, Venezuela und Kolumbien hätte gezeigt, wie wirklichkeitsfremd das Bild fallender Dominosteine war. Was Kissinger freilich nicht davon abhielt, eine Bedrohung der US-amerikanischen Landesgrenzen sowie der Schifffahrtsrouten in der Region an die Wand zu malen. „Man kann die Meinung vertreten, dass die Gefahr … für die Stabilität der Region bedrohlicher ist als die Mittelstreckenraketen der 1960er Jahre.“

Übergriffe auf lebenswichtige Handelslinien? Als Folge politischer Umbrüche in Zentralamerika? Unterhalb der Schwelle eines totalen Krieges? So stand es tatsächlich im Kommissionsbericht. Nur so ließ sich eine Stabilisierung mit militärischen Mitteln und die rigorose Ablehnung von Verhandlungen mit der Opposition begründen. „Eine erfolgreiche Aufstandsbekämpfung … ist eine notwendige Voraussetzung für eine politische Lösung.“ Womit Kissinger die dringend benötigte Wirtschaftshilfe auf ein Nebengleis schob - samt aller weiterer Anregungen zu Land-, Bildungs- und Sozialreformen. Es war, um mit Arthur Schlesinger Jr. zu sprechen, ein Freifahrtschein für Diktatoren. Für jene also, die wegen ihrer berüchtigten Hartleibigkeit soziale Probleme auf die Spitze getrieben hatten und jeder Lösung erst recht im Weg standen, sobald sie mit importierten Gewehren auf die eigene Bevölkerung zielen konnten. Auch deshalb attestierte man Kissinger ein Denken mit eingebautem Waffenarsenal …

Obwohl Kissinger sich nach Kräften bemühte, versagte ihm die Kommission in einer wichtigen Frage die Gefolgschaft. Sollte die Militärhilfe an El Salvador davon abhängig gemacht werden, dass die dortigen Machthaber den Todesschwadronen das Handwerk legten? Jenen Killerkommandos also, die wahllos Jagd auf Regierungskritiker machten und im März 1980 den Erzbischof von San Salvador, Oscar Romero, hingerichtet hatten. Vier Mitglieder der Demokratischen Partei forderten eine derartige Auflage, Kissinger konterte mit dem Hinweis auf „vitale Interessen“ der USA. Weil er sich nicht durchsetzen konnte, gab Kissinger mit zwei weiteren Mitgliedern der Kommission ein Sondervotum zu Protokoll und forderte den Gesetzgeber zu realpolitischem Augenmaß auf. In anderen Worten: Militärhilfe gebührt der Vorrang vor Menschenrechten. Dessen ungeachtet verlangte er in einem Interview mit „ABC“, erst bei nachweisbaren Erfolgen gegen die Killerkommandos weiterhin Waffen zu liefern. Eine Scheinheiligkeit, der bestenfalls auf den Leim gehen konnte, wer keine Zeitung oder sonstige Drucksachen las.“

 

Chile-Prozess

 

„Seit dem Herbst 1998 wurde Henry Kissinger auf ganz andere Weise von der Vergangenheit eingeholt. Richter in Spanien, Frankreich, Belgien und der Schweiz forderten einen Strafprozess gegen den ehemaligen chilenischen Diktator Augusto Pinochet, weil unter seiner Knute auch Staatsbürger dieser Länder gefoltert oder ermordet worden waren. Mitte Oktober wurde Pinochet, der sich in London von einer Rückenoperation erholte, verhaftet und fast anderthalb Jahre unter Hausarrest gestellt, eine vom Obersten Gerichtshof Großbritanniens mit dem Hinweis versehene Maßnahme, dass auch Staatschefs bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit keine Immunität genießen. Fast zeitgleich votierten 120 Nationen dafür, diesem Grundsatz mit der Einrichtung eines Internationalen Strafgerichtshofs („ICC“) zusätzlichen institutionellen Rückhalt zu geben. Folter, Massenmord und Genozid sollten überall und künftig auch vor dem neuen Gericht in Den Haag geahndet werden können. Im Mai 2001 zogen zwei Staatsanwälte in Argentinien und Frankreich eine aus ihrer Sicht naheliegende Konsequenz und kündigten eine Anhörung Henry Kissingers in der Causa Pinochet an. Der schriftlichen Vorladung in Paris entzog sich Kissinger durch eine überstürzte Abreise aus seinem dortigen Hotel. „Meines Erachtens ist dadurch klar geworden“, meinte der Leiter des in New York ansässigen „Lawyers Committee for Human Rights“, „dass er jetzt einer von sehr vielen Amtsträgern ist, die zweimal überlegen müssen, bevor sie eine Reise antreten.“ Tatsächlich stornierte Kissinger deswegen im Februar 2002 einen lange geplanten Aufenthalt in Brasilien.

Seine Brandrede gegen den Internationalen Strafgerichtshof, im Sommer 2001 in der Zeitschrift „Foreign Affairs“ veröffentlicht, geriet erst recht zur Blamage. Von „Tyrannei der Richter“, „Diktatur der Tugendhaften“, „Inquisition und Hexenjagd“ und „einschüchternden Leidenschaften“ sprach Kissinger in diesem Text. Zwei der Angesprochenen antworteten umgehend und in der kühlen Diktion von Völkerrechtlern: Benjamin Ferenc, einer der Ankläger im Nürnberger Prozess, und Kenneth Roth, Vorstandsmitglied von „Human Rights Watch“. Hätten sie vor Gericht plädiert, Kissingers Verteidigung wäre wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen …

Präsident George W. Bush, bedrängt von Nationalisten und „America Firsters“ jeder Couleur, blockierte seit 2002 dennoch den Beitritt seines Landes zum „ICC“. Eine Korrektur ist knapp 20 Jahre später noch immer nicht in Sicht.

Trotz des politischen Zuspruchs von höchster Stelle musste Henry Kissinger seine Anwälte jahrelang weiterbeschäftigen. Angehörige von René Schneider, des im Oktober 1970 ermordeten Stabschefs der chilenischen Armee, strengten im September 2001 eine Zivilklage gegen ihn an, Menschenrechtsorganisation stellten Strafanzeige, weil er als Außenminister Kenntnis von „Operation Condor“ hatte, einem Mordkomplott mehrerer lateinamerikanischer Geheimdienste, dem hunderte Oppositionelle zum Opfer fielen. Und im November 2002 verklagten elf unter der Pinochet-Diktatur Gefolterte Kissinger und die US-Regierung auf Schadensersatz. Öffentlich verteidigte sich der Beschuldigte mit der Behauptung, dass der Putsch gegen Salvador Allende zur Abwehr einer Diktatur nach kubanischem Vorbild notwendig war, oder er sprach von einem vergleichsweise geringen Stellenwert der Menschenrechte während des Kalten Krieges. Mitunter geißelte Kissinger die Kriegsverbrecherdebatte gar als Anschlag auf die nationale Sicherheit der USA. „Wenn (dieser Vorwurf) zum festen Bestandteil der Diskussion wird, verliert die Diplomatie ihre Flexibilität und die Strategie ihre Durchschlagskraft.“ Ob die mit den Klagen befassten Richter ähnlich dachten, sei dahingestellt. Zu einem Prozess kam es nie.“

 

Fazit

 

„Unter Nixon ging es um die Quadratur des Kreises. Anders lässt sich die viel zitierte Dreiecksdiplomatie mit Moskau und Peking kaum beschreiben. Den Hauptrivalen Sowjetunion durch eine Annäherung an China unter Druck setzen und langfristig mit Hilfe schwergewichtiger Verbündeter strangulieren, aber dennoch bei Laune halten, weil Moskau zur Eindämmung Pekings nützlich sein konnte? Die UdSSR für wohlwollende Zurückhaltung in der Dritten Welt mit Rüstungskontrolle oder prestigeträchtiger Gipfeldiplomatie belohnen, aber jedes Entgegenkommen in der Schwebe halten und im Falle enttäuschter Erwartungen stornieren? Wie das funktionieren sollte, blieb selbst Nixon und Kissinger ein Rätsel …

Man mochte es drehen, solange man wollte: Das Dreieck war ein Luftschloss, gebaut von Männern, die ihre Fähigkeiten überschätzen und Grenzen verschieben wollten, die nicht mehr zu verschieben waren. Dadurch wurde der Kalte Krieg am Leben erhalten, zu einer Zeit, als Alternativen in Gestalt der bundesdeutschen Ostpolitik oder des KSZE-Prozesses längst vorhanden waren.

Nixon klammerte sich an die Idee einer geopolitischen Schubumkehr, derweil Kissinger den Einpeitscher gab oder seine Weltuntergangsphantasien hegte. Abgrund, Überlebenskampf, Apokalypse, bei der Letztbegründung amerikanischer Hegemonie kannte der Sicherheitsberater nur ein Vokabular in Übergröße. Seine Warnungen vor einer Wiederholung der Geschichte, für ihn gleichbedeutend mit der Besetzung des Rheinlandes unter Hitler, muten bizarr an. Ganz Lateinamerika unter der Knute Kubas oder Chiles, große Teile Westeuropas binnen zehn Jahren im Würgegriff des Eurokommunismus, ein von Vietnam beherrschtes Südostasien - Kissinger meinte tatsächlich, was er sich in dunklen Stunden ausmalte. Darauf gab es nur eine Antwort: Die Vereinigten Staaten mussten Entschlossenheit demonstrieren, um ihre Interessen zu schützen; und ihr Interesse bestand darin, entschlossen aufzutreten.

Ein Zirkelschluss, gewiss. Und zugleich eine Erklärung, warum der Krieg in Vietnam künstlich in die Länge gezogen wurde. Gerade weil man nicht gewinnen konnte, kämpfte man weiter, nämlich gegen den Eindruck, dass die USA vor einer viertklassigen Macht in die Knie gegangen waren. Konsequenterweise stand im Sprachschatz des Weißen Hauses ein Wort unangefochten an der Spitze: Glaubwürdigkeit. Man könnte es auch durch den Begriff Erfahrungsresistenz ersetzen. Gemeint ist beide Mal dasselbe: der verbissene Kampf gegen Amerikas Bedeutungsverlust, egal wie, egal wo, sei es allein, sei es mit Stellvertretern.

Der Preis war in der Dritten Welt fällig. Auf Hunderttausende, möglicherweise gar Millionen summieren sich die Opferzahlen aus Vietnam, Kambodscha, Ostpakistan, Chile und Ost-Timor, wie viele tatsächlich starben, wird wohl nie zu ermitteln sein. Selbstverständlich wäre es fahrlässig, dafür in der Hauptsache Henry Kissinger verantwortlich zu machen. Er war Gehilfe mit Vorschlagsrecht, die letztendliche Entscheidung lag bei Nixon. Davon abgesehen dürfen die lokalen Akteure nicht in den Hintergrund treten, Diktatoren vom Schlage eines Pol Pot, Haji Mohamed Suharto oder Augusto Pinochet, die für ihr blutiges Handwerk keine Ermunterung aus Washington brauchten.

Gleichwohl stehen Kissingers Skrupellosigkeit und Zynismus selbst in den skrupellosen Tagen des Kalten Krieges für sich. „Da draußen leben nur 90.000 Menschen“, sagte er Mitte der 1950er Jahre über die Atomwaffentests auf dem Bikini-Atoll. „Wen schert das schon?“ Ein elender Satz, den man am liebsten vergessen würde, aber nicht übersehen kann. Denn für Kissinger waren Leben im Kampf um Amerikas Macht grundsätzlich entbehrlich, er ignorierte die Toten und machte jene lächerlich, die sich für sie interessierten. Und bisweilen zog er gegen die als naiv oder töricht Abgestempelten zu Felde, wenn sie seine politischen Kreise störten. Es war eine Vorwärtsverteidigung gegen das Notwendige, aber bis heute Vertagte: Ihn wegen Mitverantwortung auch juristisch zur Rechenschaft zu ziehen. Die Tonbandprotokolle seiner Gespräche mit dem Präsidenten stehen als Beweismittel zur Verfügung.“

 

Zum Schluss

 

Was mensch auch immer von Henry Kissinger halten mag – es stellt sich die Frage, ob er überhaupt wichtig war.

War er so originell, so gegen den Strom schwimmend, dass ohne ihn die Welt anders aussähe?

Eindeutig nein. Die Gestalten, die vor und nach ihm in ähnlichen Positionen waren, haben nicht viel anders agiert. Über die späteren US-Außenminister Colin Powell http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/index.php/762-wolf-im-schafspelz und Madeleine Albright http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/index.php/785-angehende-moerder-auf-den-schultern-von-schwerverbrechern hatte der Wurm eigene Beiträge verfasst.

Aus moralischen Gründen ist Henry Kissinger leicht zu verdammen. Mensch sollte jedoch berücksichtigen, dass er für ein Land tätig war, das einen Hammer zur Verfügung hatte (und hat) und jedes Problem als Nagel versteht.

Mensch vergleiche die Geo-Politik der USA der 1970er Jahre mit der von heute – sehr große Unterschiede gibt es nicht.

Und in der US-Regierung (wie bei allen anderen Führungs-Positionen weltweit) setzen sich die größten Schreihälse mit den radikalsten Ideen durch. „Mad“ sind da sehr viele.

Mensch sollte sich dessen bewusst sein.

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm

 

 

Das Böse verlachen

- Satire, Realsatire, ernst Gemeintes -

 

20. Mai – Wochenkommentar von Ferdinand Wegscheider

„Wir haben’s nicht besser gewusst!“ - Im neuen Wochenkommentar geht es einmal mehr um den menschengemachten Klimawandel; um den Klimanotstand; um die drohende Klima-Apokalypse, die uns alle in den Untergang führt.

https://www.servustv.com/aktuelles/v/aayq5zw75xd14ne12b8d/

 

(DU FÜHLST DICH HEUTE ALS PONY), LUCILLE - Intermezzo des Tages #40 - Alien's Best Friend - Satire

https://www.youtube.com/watch?v=fNTsQauzn-g

 

FAMILIENLESUNG MIT DRAGQUEENS„VICKY VOYAGE“&„KING ERIC BIGCLIT“- AIWANGER: EIN FALL FÜRS JUGENDAMT

https://www.bitchute.com/video/IT3VnBZC1igu/

 

Uwe Steimle / Aktivist der letzten Stunde / Sondersendung / Steimles Aktuelle Kamera / Ausgabe 108

https://www.youtube.com/watch?v=PS1NqhqL6UQ

 

Übrigens… wir sind Gewohnheitstiere

https://www.youtube.com/watch?v=aGMdrN_PsFM

 

HallMack  Aktuelle Kamera Folge 17

https://www.frei3.de/post/a08d75b2-23ab-47d0-ab1d-1fa5360c684a

 

HallMack  Schockierende Zahlen

https://www.frei3.de/post/bbf859af-3ab6-4ef8-82af-90f4b27fafb7

 

HallMack  Grüne warnen vor Regierungskrise

https://www.frei3.de/post/f8f27e22-7441-428e-813a-b1dff1ab9df1