Gutmensch mit menschlichem Antlitz

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=drHLHAfcBr8

 

„… Schließlich häufen sich die Stimmen auch in Deutschland, dass die regelbasierte Ordnung nur noch etwas fürs Feuilleton sei. Kein Geringerer als der Bundeskanzler hat es sich zur Gewohnheit gemacht, das Völkerrecht klein- und Völkerrechtsverstöße schönzureden, wo es ihm politisch opportun erscheint.

Liebe Rekrutinnen und Rekruten, Sie stehen am Anfang einer womöglich langen Laufbahn in der Armee. Es ist unwahrscheinlich, dass die nächsten Jahrzehnte so friedlich bleiben, wie es die letzten Jahrzehnte für Deutschland alles in allem waren. Sollte eine künftige Bundesregierung Sie in einen Krieg führen wollen, der so offenkundig völkerrechtswidrig und auch politisch desaströs ist wie der jüngste Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran, wird es Ihre Pflicht sein, den Befehl zu verweigern. Ich spreche von offenkundigen Rechtsverstößen. Das Völkerrecht ist wie jedes Recht auslegbar und kennt viele Grenzfälle, etwa bei einer präemptiven Verteidigung oder wenn trotz eines unmittelbar bevorstehenden Völkermords kein Mandat der Vereinten Nationen einzuholen ist. Aber die Drohung, eine gesamte Zivilisation auszulöschen, oder der erklärte Angriff auf die zivile Infrastruktur eines Landes sind ein so offenkundiges Unrecht, dass man weder Jurist sein noch das eigene Gewissen befragen muss, um es zu erkennen. Und die zentrale Lehre, die nicht nur Deutschland, sondern die Menschheit aus den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und der Schoa gezogen hat, ist die Herrschaft des Rechts …

Wenn ausgerechnet die Bundesregierung sich damit hervortut, das Völkerrecht als nachrangig zu behandeln, oder ausgerechnet ein deutscher Bundeskanzler als einziger westlicher Staatsführer die Drohung des amerikanischen Präsidenten verteidigt, eine gesamte Zivilisation auszulöschen, ist das nicht nur für unser Ansehen verheerend, auf das wir als Exportnation nicht zuletzt ökonomisch angewiesen sind. Nein, die Relativierung des Völkerrechts von höchster Stelle ist auch ein fatales Signal für unsere Demokratie. Denn wenn die Herrschaft des Rechts in unseren Außenbeziehungen erodiert, wird es nicht lange dauern, dass sie auch im Innern verächtlich gemacht wird …“

 

Navid Kermani gilt in Deutschland als Vorzeige-Intellektueller. Wohl keiner hatte mit dieser aufmüpfigen Rede als Gast-Redner zum Feierlichen Gelöbnis der Bundeswehr am 20. Juli 2026 im Bendlerblock in Berlin gerechnet.

Dabei hatte Navid Kermani bereits ein Jahr zuvor Friedrich Merz als „Dreckskerl“ bezeichnet:

„Und der deutsche Bundeskanzler gratuliert Israel, dass es für den Westen die Drecksarbeit verrichtet. Jeder in Iran hat vor Augen, was die extremistischste Regierung in der Geschichte Israels unter Drecksarbeit versteht …

Jetzt spricht Merz von der Drecksarbeit, die Israel dem Westen abnimmt, und ich mach’s jetzt einfach mal kurz und ausschließlich in eigener Verantwortung als Autor dieser Zeilen, schließlich lebe ich anders als meine Verwandten in Iran in einem freien Land: Wer Respekt vor der Drecksarbeit hat, Bomben auf Zivilisten abzuwerfen, ist selbst ein Dreckskerl.“

https://www.navidkermani.de/wp-content/uploads/2025/06/SZFEU00321_ET2106_18-01s.pdf

 

Rede zum Gelöbnis der Bundeswehr

 

Hier die ganze Rede im Wortlaut: „Dass die Bundeswehr ihr Feierliches Gelöbnis am 20. Juli begeht, ist keine Selbstverständlichkeit. Denn dieser Tag steht nicht etwa für den Gehorsam, der in einer Armee jeden Tag eingeübt wird. Der 20. Juli steht dafür, dass man Widerstand leisten muss, wenn Diensterfüllung ein Verbrechen ist. Dass jungen Menschen gleichsam mit dem Tag ihres Eintritts in die militärische Laufbahn die Tugend des Neinsagens nahegebracht wird, wäre in kaum einer anderen Armee vorstellbar und war auch bei der Gründung der Bundeswehr noch undenkbar. Denn die Attentäter des 20. Juli 1944, die wir heute gemeinsam ehren, galten den meisten Bürgern der jungen Bundesrepublik noch als Verräter. Und mochten sich die Gründerväter der Bundeswehr auch glaubhaft auf das Erbe des 20. Juli berufen, waren doch viele der neuen Soldaten bis zum bitteren Schluss der Wehrmacht treu geblieben. Sie taten sich schwer, sich plötzlich in der Nachfolge von Claus Schenk Graf von Stauffenberg zu sehen. Wie schwierig der Bruch mit der eigenen Vergangenheit war, zeigte der Streit um die Wehrmachtsausstellung.

Und so fielen die Reaktionen durchaus gemischt aus, als der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping 1999 den 20. Juli als Tag des Feierlichen Gelöbnisses festlegte. Liebe Rekrutinnen und Rekruten, Sie wissen jetzt schon besser als ich, der nie eine Waffe getragen hat, warum es wichtig ist und im Gefecht sogar überlebenswichtig werden kann, als Soldat gehorsam zu sein. Man kann nicht jeden Befehl infrage stellen, wenn man im Krieg bestehen will, und weil das so ist, achten Armeen bereits im Frieden streng auf Disziplin, Kameradschaft und die Einhaltung der Hierarchie. Diese genuin soldatischen Tugenden haben Sie, liebe Rekrutinnen und Rekruten, bis gestern gelernt und werden Sie von morgen an weiter lernen.

Der heutige Tag lehrt Sie etwas anderes. Er lehrt Sie, dass Sie in bestimmten Situationen Nein sagen können und Nein sagen müssen, selbst wenn es Sie die Gemeinschaft, die materielle Existenz oder sogar das Leben kostet. Die Attentäter des 20. Juli brauchten lange, zu lange, um die Lektion zu lernen. Es steht uns als Bürgern eines demokratischen und friedlichen Staates nicht zu, sie dafür zu kritisieren. Keiner von uns kann sicher sagen, er oder sie hätte sich unter denselben Umständen auch nur ansatzweise bewährt. Umso dankbarer müssen wir jenen Deutschen sein, die in der Katastrophe – und ja, manche von ihnen in der Schuld – über sich hinausgewachsen sind: nicht nur Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, Friedrich Olbricht und Werner von Haeften, die heute vor 82 Jahren an diesem Ort hingerichtet wurden, und ihre etwa zweihundert Mitstreiter. Ich möchte auch an Georg Elser erinnern, an die Mitglieder der Weißen Rose, an den Kreisauer Kreis um Helmuth James von Moltke, an Dietrich Bonhoeffer und die vielen anderen Aktivisten im Untergrund wie im Exil, die ihre Treue zu Deutschland dadurch erwiesen, dass sie untreu waren dem deutschen Staat. Wir verneigen uns vor ihnen.

Liebe Rekrutinnen und Rekruten, das Gelöbnis, das Sie in wenigen Minuten ablegen werden, gilt nicht einem Führer. Es gilt einem demokratischen Staat und einem freien Volk. Dennoch wird es auch für Sie nicht immer einfach sein, den Punkt zu erkennen, an dem Sie Nein sagen müssen. Man soll seinem Gewissen folgen, heißt es, und das klingt auch im Ideal der Inneren Führung an, das die Bundeswehr sich gegeben hat. Allein, dieses Gewissen ist ein sehr zweifelhafter Bürge. Terroristen berufen sich ebenfalls auf ihr Gewissen, wenn sie Hunderte Menschen in die Luft sprengen, und selbst Himmler glaubte, anständig zu sein, als er in Posen über die Auslöschung des jüdischen Volkes sprach. Das Gewissen allein genügt nicht, um zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Das Gewissen braucht ein objektives Korrektiv, soll es nicht willkürlich sein. Sie, liebe Rekrutinnen und Rekruten, besitzen ein solches Korrektiv in Gestalt unseres Grundgesetzes und der darin verankerten Grundrechte, die durch keine Mehrheitsentscheidung geändert werden dürfen. Diese Grundrechte stehen über jedem Befehl Ihres Vorgesetzten, gleich unter welchen Umständen.

Allein schon Artikel eins macht hinreichend klar, dass entwürdigende Rituale, sexuelle Belästigungen oder rassistische Äußerungen nicht mit Ihrem heutigen Gelöbnis zu vereinbaren sind und gemeldet werden müssen, sollten Sie davon Kenntnis erlangen. Nun sind Missbrauch, Willkür oder Extremismus in den eigenen Reihen vergleichsweise einfache, weil offenkundige Gründe, um Nein zu sagen. Deutlich schwieriger wird die Beurteilung in einer Gefechtslage, sagen wir bei einem Auslandseinsatz, der für viele von Ihnen eine reale Perspektive ist. Seit ihrer Gründung 1959 war die Bundeswehr in siebzig Ländern im Einsatz. Allein seit 1991 haben mehr als fünfhunderttausend deutsche Soldaten im Ausland gedient. Wen diese Zahlen überraschen, mag dies als Hinweis darauf werten, wie wenig Bewusstsein über die Arbeit der Bundeswehr in Deutschland herrscht – und wie wenig Anerkennung ihr dafür zuteilwird. Besonders für ihren größten Auslandseinsatz in Afghanistan steht die Politik in der Schuld der Bundeswehr. Denn mit dem ungeordneten Rückzug infolge der Machtübergabe an die Taliban, also praktisch der Kapitulation vor einem menschenverachtenden, frauenfeindlichen Regime, hat der Westen und damit auch Deutschland nicht nur die Millionen Afghanen und insbesondere die Afghaninnen im Stich gelassen, denen es den Wiederaufbau ihres Landes versprochen hatte.

Ich habe Afghanistan während des Krieges zweimal bereist und weiß, wie viel Dankbarkeit die lokale Bevölkerung der Bundeswehr entgegenbrachte, die deutlich weniger aggressiv und hemdsärmelig auftrat als andere ausländische Armeen. Das plötzliche und so chaotische Ende des Einsatzes hat die jahrelange, gefährliche Arbeit unserer Soldatinnen und Soldaten über Nacht zunichtegemacht. Und nicht ein einziger Repräsentant des deutschen Staates war anwesend, als ein Großteil der Truppe ratlos, deprimiert, in vielen Fällen auch traumatisiert am 30. Juni 2021 auf dem Fliegerhorst Wunstorf landete. Weil zudem die parlamentarische Aufarbeitung des Versagens im Sande verlief, steht die Afghanistan-Mission dauerhaft für die fehlende Wertschätzung und Unterstützung der Bundeswehr durch Staat und Gesellschaft. Sicher, man kann darüber diskutieren, ob der Einsatz richtig war oder nicht. Aber wenn sich die Bundesrepublik zu einem Auslandseinsatz entschließt, muss sie ihre Soldaten ausreichend ausstatten, damit sie ihren Auftrag erfüllen können. Und sie muss ihnen vor allem: danken.

Dass weder das eine noch das andere angemessen geschehen ist, erfüllt mich als Deutscher bis heute mit Scham. Aber zurück zu meiner Frage, wann der Punkt kommt, an dem Sie, liebe Rekrutinnen und Rekruten, Nein sagen können und Nein sagen müssen. Es gehört zum Wesen von Kriegen, dass sie aus dem Ruder laufen und Situationen entstehen, die niemand vorausgesehen hat. Auch deutsche Soldaten haben in Afghanistan Fehler gemacht und am 9. September 2009 in Kundus viele Dutzend Zivilisten getötet. Aber pauschal lässt sich der Einsatz gewiss nicht als Unrecht bezeichnen, das eine Befehlsverweigerung gerechtfertigt hätte. Auch für die übrigen Auslandseinsätze der Bundeswehr gab es plausible Gründe, eine parlamentarische Legitimation und in den meisten Fällen ein Mandat der Vereinten Nationen. So umstritten einzelne Missionen waren, insbesondere der Kosovo-Einsatz, lag doch in keinem Fall ein offenbares Unrecht vor, das Widerstand grundsätzlich zur Pflicht gemacht hätte, wie man es für den deutschen Angriffskrieg von 1939 sagen muss. Aber wird das so bleiben?

Immerhin hatte der Bundespräsident in seiner Rede am 24. März im Auswärtigen Amt Gründe, daran zu erinnern, dass Deutschland dem Völkerrecht und der regelbasierten Weltordnung verpflichtet ist. Die Reaktionen der politischen Entscheidungsträger in Regierung und Parlament auf seine Rede, die von Häme über Abwehr bis hin zu Totschweigen reichten, machten deutlich, wie berechtigt seine Mahnung war. Schließlich häufen sich die Stimmen auch in Deutschland, dass die regelbasierte Ordnung nur noch etwas fürs Feuilleton sei. Kein Geringerer als der Bundeskanzler hat es sich zur Gewohnheit gemacht, das Völkerrecht klein- und Völkerrechtsverstöße schönzureden, wo es ihm politisch opportun erscheint.

Liebe Rekrutinnen und Rekruten, Sie stehen am Anfang einer womöglich langen Laufbahn in der Armee. Es ist unwahrscheinlich, dass die nächsten Jahrzehnte so friedlich bleiben, wie es die letzten Jahrzehnte für Deutschland alles in allem waren. Sollte eine künftige Bundesregierung Sie in einen Krieg führen wollen, der so offenkundig völkerrechtswidrig und auch politisch desaströs ist wie der jüngste Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran, wird es Ihre Pflicht sein, den Befehl zu verweigern. Ich spreche von offenkundigen Rechtsverstößen. Das Völkerrecht ist wie jedes Recht auslegbar und kennt viele Grenzfälle, etwa bei einer präemptiven Verteidigung oder wenn trotz eines unmittelbar bevorstehenden Völkermords kein Mandat der Vereinten Nationen einzuholen ist. Aber die Drohung, eine gesamte Zivilisation auszulöschen, oder der erklärte Angriff auf die zivile Infrastruktur eines Landes sind ein so offenkundiges Unrecht, dass man weder Jurist sein noch das eigene Gewissen befragen muss, um es zu erkennen. Und die zentrale Lehre, die nicht nur Deutschland, sondern die Menschheit aus den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und der Schoa gezogen hat, ist die Herrschaft des Rechts.

Bereits im ersten Satz ihrer „Regierungserklärung“, die die Attentäter des 20. Juli vorbereitet hatten, bezeichneten sie „die Wiederherstellung der vollkommenen Majestät des Rechts“ als wichtigste Aufgabe des neuen Staates. Und so gehörte es zur obersten Priorität des ersten Kanzlers der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, Deutschland in die regelbasierte internationale Ordnung zu integrieren. Denn ja, nicht nur Menschen, auch Gesellschaften, ja die Menschheit insgesamt ist imstande zu lernen: Die Anerkennung des Völkerrechts, die allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die Einrichtung des Internationalen Gerichtshofs und des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, die Gründung der Vereinten Nationen sind Meilensteine der Zivilisationsgeschichte, und Deutschland hat sein Ansehen in der Welt nicht zuletzt dadurch wieder gewonnen, dass es die regelbasierte Weltordnung stets verteidigt und vorangebracht hat.

Allerdings ist die Menschheit nicht nur imstande, aus der Geschichte zu lernen. Sie kann auch verlernen, und das sehen wir derzeit überall, da kaum noch jemand Faschismus und Weltkrieg selbst erlebt hat. Wenn ausgerechnet die Bundesregierung sich damit hervortut, das Völkerrecht als nachrangig zu behandeln, oder ausgerechnet ein deutscher Bundeskanzler als einziger westlicher Staatsführer die Drohung des amerikanischen Präsidenten verteidigt, eine gesamte Zivilisation auszulöschen, ist das nicht nur für unser Ansehen verheerend, auf das wir als Exportnation nicht zuletzt ökonomisch angewiesen sind. Nein, die Relativierung des Völkerrechts von höchster Stelle ist auch ein fatales Signal für unsere Demokratie. Denn wenn die Herrschaft des Rechts in unseren Außenbeziehungen erodiert, wird es nicht lange dauern, dass sie auch im Innern verächtlich gemacht wird.

Dass unsere Eltern und Großeltern auf den Trümmern des Dritten Reichs einen funktionierenden Rechtsstaat aufgebaut haben, ist neben der europäischen Einigung das größte Geschenk, das uns als Bundesbürgern gegeben ist, mögen das auch jene bestreiten, die keine Ahnung haben, wie es sich tatsächlich in einem Unrechtsstaat lebt. Mich, der ich nicht nur Deutscher bin, bringt die Geringschätzung unseres Rechtsstaates vielleicht noch mehr auf als die meisten von Ihnen. Denn als Kind iranischer Eltern bin ich zugleich Bürger eines Staates, der Anfang dieses Jahres mutmaßlich an die dreißigtausend Demonstranten innerhalb von zwei Tagen erschossen hat. Ich könnte jenen, die die Bundesrepublik für einen Unrechtsstaat halten, viel über wirkliches Unrecht erzählen. Aber genauso könnten sie die eigene deutsche Geschichte studieren, um sich selbst der Lächerlichkeit zu überführen. Dass jemand wie ich, der nach den Maßstäben der Partei, die die nächste Bundesregierung anführen könnte, nicht einmal ein echter, vollgültiger Deutscher ist, bei diesem hochoffiziellen Akt politische Repräsentanten des Staates scharf kritisieren kann, allein das zeigt, wie großartig unsere Bundesrepublik Deutschland ist.

Stellen Sie sich die gleiche Rede vor in dem Staat, als dessen Bürger ich geboren wurde – oder an diesem Ort vor 85 Jahren: Ich würde sie vermutlich nicht einmal überleben. Liebe Rekrutinnen und Rekruten, so jung wie Sie sind, besteht die Möglichkeit, dass der Krieg im Laufe Ihrer militärischen Laufbahn nach Deutschland zurückkehrt. Schon jetzt währt der Frieden, in den wir geboren sind, länger als jemals zuvor in der Geschichte unseres Landes. Historisch betrachtet ist es unwahrscheinlich, dass noch Ihr Leben vollständig in eine Friedensphase fällt. Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine ist eine der gegenwärtigen Fronten nahe an Deutschland gerückt, und würden die Ukrainer ihre Freiheit nicht so heroisch verteidigen, stünde womöglich jetzt schon auch unsere eigene Freiheit als Europäer unter Beschuss.

Es kann sein, dass Deutschland einmal auf Ihr Heldentum angewiesen sein wird, liebe Rekrutinnen und Rekruten. Sollten Sie dann auf einen Feind zielen, in einem Schützengraben oder Panzer, in einem Flugzeug oder Tausende Kilometer entfernt vor einem Monitor, werden Sie sich hoffentlich daran erinnern, wie essenziell der erste Satz unseres Grundgesetzes ist. Ja, es kann Situationen geben in Ihrem Beruf, in denen Sie töten werden, und niemand von uns Zivilisten wird Sie darum beneiden. Aber nur wenn Sie dabei die Würde auch Ihres Feindes achten, werden Sie dem Gelöbnis gerecht, das Sie heute ablegen. Denken Sie bitte stets daran, in jeder Sekunde: Egal wie bösartig der Feind sich aus Ihrer Sicht verhält, er ist immer noch ein Mensch wie Sie. Denn wenn Sie den Feind als Tier, als bloßen Strich auf dem Monitor oder als Monster ansehen, um ihn leichter töten zu können, dann werden Sie sich selbst in ein Tier, eine KI oder ein Monster verwandeln.

Ich habe nie eine Waffe in der Hand gehalten, aber ich habe als Reporter genügend Kriege aus nächster Nähe gesehen, um zu wissen, wie schnell Menschen verrohen. Es gibt keinen Krieg, gestern nicht, heute nicht, morgen nicht, in dem der Kampf nicht unversehens in Mordlust, Sadismus und sexuelle Gewalt umschlagen kann. An diesem Ort wurden heute vor 82 Jahren vier deutsche Offiziere hingerichtet, weil sie der Entmenschlichung entgegengetreten sind. Danke, liebe Rekrutinnen und Rekruten, dass Sie sich verpflichten, die Bundesrepublik Deutschland und das Recht und die Freiheit ihrer Bürgerinnen und Bürger auch unter Einsatz Ihres Lebens zu verteidigen. Möge Gott Sie beschützen, und geben Sie acht auf sich selbst.“

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/navid-kermanis-rede-zum-geloebnis-der-rekruten-im-bendlerblock-201048909.html

 

Marcus Klöckner: „Wann kommt der Punkt, an dem ein deutscher Soldat „Nein!“ sagen muss? Wann muss ein Bundeswehrsoldat seinen Befehl verweigern? Diese Fragen stellte der Schriftsteller Navid Kermani zum Gelöbnis der Rekruten im Bendlerblock in Berlin am 20. Juli. Auch wenn sich annehmen ließe, dass nach über 70 Jahren die Antworten allen klar sein sollten: Kermanis an vielen Stellen fulminante Rede machte deutlich, wie wichtig es ist, das Thema der Befehlsverweigerung deutlich anzusprechen. Kermani fand deutliche Worte – die Mimik des Verteidigungsministers sprach Bände.

Verstehen alle Soldaten der Bundeswehr, dass sie nicht einfach nur Befehlsempfänger sind, sondern dass es ihre Pflicht ist, unter bestimmten Umständen den Gehorsam zu verweigern? Zum feierlichen Gelöbnis am 20. Juli holte Kermani zu einer Rede aus, die klarstellte: Im Falle eines Falles wird niemand sagen können, er habe nicht gewusst, dass ein Befehl auch verweigert werden dürfe.

Kermanis Rede war zwar im Kern an die Soldaten gerichtet, aber er adressierte seine Worte auch direkt an die Politik. Unausgesprochen stand bei den Ausführungen des Schriftstellers, dessen Eltern aus dem Iran nach Deutschland kamen, die Frage im Raum, wie weit die Politik gehen darf, wenn es um einen Krieg geht.

„Sollte eine künftige Bundesregierung Sie in einen Krieg führen wollen, der so offenkundig völkerrechtswidrig und auch politisch desaströs ist wie der jüngste Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran, wird es Ihre Pflicht sein, den Befehl zu verweigern“, sagte Kermani.

Zuvor merkte er an: „Kein Geringerer als der Bundeskanzler hat es sich zur Gewohnheit gemacht, das Völkerrecht klein- und Völkerrechtsverstöße schönzureden, wo es ihm politisch opportun erscheint.“

Die Aussagen treffen sowohl die Soldaten als auch die Politik. Die Mimik von Boris Pistorius zeigt, wie nötig Kermanis Worte sind. Bei Pistorius scheint keine Einsicht vorhanden.

Bemerkenswert ist, dass Kermani nicht nur eine „offenkundige“ Völkerrechtswidrigkeit betont, sondern auch das „politisch Desaströse“ zum Maßstab der Befehlsverweigerung heranzieht. Da gibt es die rechtliche Ebene, aber da existiert auch die politische Ebene, die gegebenenfalls durch ihre Kriegsentscheidung das Katastrophale bedingt – beide Ebenen müssen Soldaten beachten.

Unter Bezugnahme auf das historische Datum des Gelöbnisses – dem Attentat auf Hitler – sagte Kermani: „Der heutige Tag (…) lehrt Sie, dass Sie in bestimmten Situationen Nein sagen können und Nein sagen müssen, selbst wenn es Sie die Gemeinschaft, die materielle Existenz oder sogar das Leben kostet. Die Attentäter des 20. Juli brauchten lange, zu lange, um die Lektion zu lernen.“

Im weiteren Verlauf betonte Kermani, dass die nächsten Jahrzehnte wahrscheinlich nicht so friedlich für Deutschland verlaufen würden, wie es bisher der Fall war.

Das politische Großprojekt Kriegstüchtigkeit und die Konfrontationspolitik der NATO gegenüber Russland untermauern Kermanis Einschätzung.“

https://www.nachdenkseiten.de/?p=154216

 

Micha Götz: „Es kommt selten vor, dass ich nach einer politischen Rede das Handy weglege und erst einmal schweige. Meistens weiß man nach den ersten Sätzen, was kommt: Die Regierung lobt sich selbst, die Opposition beschwört den Untergang, am Ende bleibt nichts als das Gefühl, einer durchkalkulierten Inszenierung beigewohnt zu haben.

Genau deshalb hat mich die Rede von Schriftsteller Navid Kermani beim Feierlichen Gelöbnis der Bundeswehr zum 20. Juli so getroffen. Nicht, weil ich jedem Gedanken vorbehaltlos zustimme, sondern weil dort kein Parteisoldat sprach, sondern jemand, der es wagte, den Mächtigen ihre eigenen Maßstäbe ungeschminkt vorzuhalten.

Der 20. Juli steht nicht für Gehorsam, sondern für dessen Bruch: für den Mut, einem verbrecherischen System die Gefolgschaft zu verweigern, auch um den Preis des eigenen Lebens. Das ausgerechnet jungen Soldatinnen und Soldaten ins Gesicht zu sagen – dass die Verfassung über jeder Regierung steht, dass das Gewissen im Ernstfall schwerer wiegt als jeder Befehl – ist nicht einfach eine weitere Feierstunden-Floskel. Es ist eine Kampfansage an jede Form von blindem Gehorsam, und genau deshalb war sie am richtigen Ort so unbequem.

Ein Gedanke ließ mich danach nicht mehr los: Völkerrecht ist kein Instrument, das man je nach Wetterlage aus der Schublade holt. Verstöße bei Gegnern anzuprangern kostet nichts. Schwer wird es erst, wenn Freunde und Verbündete dieselben Regeln brechen – dann wird aus klarer Kante plötzlich betretenes Schweigen, aus Prinzip plötzlich Interessenpolitik.

Ich kritisiere Russlands Angriff auf die Ukraine schonungslos, weil er gegen das Völkerrecht verstößt. Aus genau demselben Grund kann ich nicht wegsehen, wenn militärisches Handeln anderer Staaten tausende zivile Opfer fordert und der Westen plötzlich anfängt zu relativieren, statt hinzusehen. Wer Menschenrechte ernst meint, verteidigt sie universell oder gar nicht – alles andere ist Etikettenschwindel. 

Freundschaft zwischen Staaten heißt nicht, jede Entscheidung des anderen kritiklos abzunicken. Eine Partnerschaft, die keinen Widerspruch erträgt, ist keine Partnerschaft. Es ist Gefolgschaft mit besserem Image.

Genau hier liegt der eigentliche Grund für das schwindende Vertrauen in etablierte Politik. Nicht, weil plötzlich alle radikal geworden wären, sondern weil Menschen spüren, dass Regeln je nach Interessenlage neu ausgelegt werden – und sich das nicht länger gefallen lassen. Mal gelten sie angeblich ohne Ausnahme, dann plötzlich nur eingeschränkt. Mal ist Moral die höchste Instanz, bis wirtschaftliche oder geopolitische Interessen ins Spiel kommen – dann wird aus Klarheit binnen Sekunden Flexibilität. Man muss kein Außenpolitik-Experte sein, um diese Beliebigkeit zu erkennen. Man muss nur hinschauen, und viele tun das längst.

Ich bin politisch links, das habe ich nie verschwiegen, und ich werde auch morgen nicht das Lager wechseln. Trotzdem stört mich eine Debattenkultur, die Argumente nur noch danach bewertet, von wem sie kommen, statt danach, ob sie stimmen. Ein gutes Argument wird nicht schlechter, weil es aus der falschen Ecke kommt. Ein schlechtes wird nicht wahrer, weil die eigenen Leute es vortragen. Wer die Regierung kritisiert, landet reflexhaft in einer Schublade; wer sie verteidigt, in der anderen.

Dazwischen bleibt kaum Platz für Menschen, die differenzieren wollen, statt Lagerdisziplin zu üben. Genau diesen Platz müssen wir uns zurückerobern.

Ich war nie bei der Bundeswehr und werde es vermutlich nie sein. Trotzdem beeindruckt mich, wenn jungen Menschen, die Verantwortung für dieses Land übernehmen, vermittelt wird, wofür sie eigentlich einstehen: nicht für eine Regierung oder einen Kanzler, sondern für das Grundgesetz und die Freiheit, die es schützt. Das ist ein Unterschied, der in Sonntagsreden oft verschwimmt – Kermani hat ihn scharf gezogen.

Wenn ich auf unsere politische Landschaft blicke, sehe ich unzählige perfekt vorbereitete Interviews und viel zu wenige Menschen, die ein Risiko eingehen, weil ihnen die Überzeugung wichtiger ist als die nächste Umfrage.

Kermani hat mich daran erinnert, dass Demokratie mehr ist als Verwaltung: Sie lebt von Menschen, die bereit sind, den Finger in die Wunde zu legen – nicht aus Lust an der Provokation, sondern aus Verantwortung. Glaubwürdigkeit beginnt nicht dort, wo wir fremde Fehler zählen, sondern dort, wo wir die eigenen Widersprüche aushalten und nach denselben Maßstäben urteilen, ganz gleich, wer gerade betroffen ist. Alles andere ist nur Moral mit Rabatt.

Diese Rede war für mich mehr als ein gelungener Festvortrag. Sie war eine Zumutung im besten Sinne: eine Erinnerung daran, dass Demokratie nicht von Beifall lebt, sondern von Haltung, die auch dann trägt, wenn sie unbequem wird. Genau das ist die Botschaft des 20. Juli – und die, die wir heute dringender brauchen als lange nicht.“

https://www.sonntagsblatt.de/navid-kermani-20-juli-menschenrechte-kommentar

 

Werdegang und Wirken

 

Navid Kermani (* 27. November 1967 in Siegen) ist ein deutscher Schriftsteller, Reporter, Essayist, Publizist und habilitierter Orientalist. Er gilt als einer der einflussreichsten Intellektuellen in Deutschland. Sein literarisches Schaffen widmet sich vor allem menschlichen Grenzerfahrungen angesichts des Todes, des Alltags, der Religionen, der Erfahrungen mit der Musik oder der Sexualität. Sein wissenschaftliches Werk setzt sich insbesondere mit dem Koran und der islamischen Mystik auseinander. 2015 erhielt Kermani den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

 

Familie und Privates

Kermani wurde als vierter Sohn iranischer Eltern geboren, die im Jahr 1959 in die Bundesrepublik Deutschland eingewandert waren. Sein Vater war Arzt und arbeitete im katholischen St.-Marien-Krankenhaus Siegen. Kermanis drei ältere Brüder sind ebenfalls praktizierende Ärzte. Navid Kermani hat die deutsche und die iranische Staatsbürgerschaft. Er wuchs in der vom Protestantismus geprägten Stadt Siegen auf und besuchte dort das Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium und das Gymnasium am Rosterberg (heutiges Peter-Paul-Rubens-Gymnasium). Nach dem Abitur hospitierte er bei Roberto Ciulli am Theater an der Ruhr in Mülheim, bevor er 1988 zum Studium nach Köln zog.

 

Bis 2020 war er mit der Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur verheiratet; sie sind Eltern von zwei Töchtern. Seit 1971 ist er Fan des 1. FC Köln.

 

Wissenschaftlicher Werdegang

Kermani studierte Orientalistik, Philosophie und Theaterwissenschaft in Köln, Kairo und Bonn. In den Semesterferien arbeitete er als Regieassistent und später als Dramaturg am Schauspiel Frankfurt und am Theater an der Ruhr. Seine Magisterarbeit schrieb Kermani 1993 an der Universität Bonn (Betreuer: Stefan Wild und Monika Gronke) über den verfolgten ägyptischen Koranwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid, den er später auch in Kairo traf und der zu einer prägenden Figur für Kermanis religiöses Denken wurde. Unterstützt von der Studienstiftung des deutschen Volkes verfasste er eine Dissertation mit dem Titel Gott ist schön. Damit wurde er 1998 im Fach Orientalistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn unter der Betreuung des Arabisten Stefan Wild und der Iranistin Monika Gronke promoviert. 2006 habilitierte er sich im Fach Orientalistik mit der Schrift Der Schrecken Gottes – Attar, Hiob und die metaphysische Revolte. Von 2000 bis 2003 war Kermani Long Term Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin und leitete in dieser Zeit den Arbeitskreis Moderne und Islam. Initiiert wurden mehrere internationale Forschungsvorhaben, darunter das Projekt Jüdische und islamische Hermeneutik als Kulturkritik. Daraus erwuchs der Vorschlag für eine Jüdisch-Islamische Akademie in Berlin. Von 2009 bis 2012 war Kermani Senior Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI). 2009 wurde Navid Kermani außerdem zum Korrespondierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Hamburg ernannt. Im Sommersemester 2010 war Kermani Gastdozent für Poetik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und hielt damit die Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die später als Buch unter dem Titel Über den Zufall. Jean Paul, Hölderlin und der Roman, den ich schreibe erschienen sind. Im Wintersemester 2011/12 hielt er die Göttinger Poetikvorlesungen und 2014 die Mainzer Poetikvorlesungen. Im Sommersemester 2013 war er Gastprofessor für Ideengeschichte des Islam an der Goethe-Universität Frankfurt. Im Frühjahr 2014 lehrte er als Max Kade Visiting Professor deutsche Literatur am Dartmouth College in den Vereinigten Staaten. Von 2017 bis 2020 lehrte Kermani als Gastprofessor Literarisches Schreiben an der Kunsthochschule für Medien in Köln.

Auf Kermanis Idee aus dem Jahre 2007 – zusammen mit dem Intendanten des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin, Bernd M. Scherer – geht die am 27. Oktober 2012 in Köln eröffnete Akademie der Künste der Welt zurück.

 

Publizistischer und literarischer Werdegang

Bereits als Schüler im Alter von fünfzehn Jahren arbeitete Kermani als freier Mitarbeiter für die Lokalredaktion der Westfälischen Rundschau. Während seines Hochschulstudiums schrieb er für überregionale deutsche Zeitungen und war von 1996 bis 2000 fester Autor im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Mit dem Buch der von Neil Young Getöteten trat Kermani 2002 erstmals als Schriftsteller in Erscheinung. 2003 verließ Kermani das Wissenschaftskolleg, um nach Köln zurückzukehren, wo er seither als freier Schriftsteller im Eigelsteinviertel unweit des Ebertplatzes lebt.

Kermani ist seit 2006 mit dem Schriftsteller Guy Helminger Gastgeber des Literarischen Salons im Kölner Stadtgarten. Das Jahr 2008 verbrachte er an der Villa Massimo in Rom. Seit 2012 leitet er mit dem Dramaturgen Carl Hegemann das „Herzzentrum“ am Hamburger Thalia Theater.

In den Themen seiner literarischen Arbeit kreist Kermani um menschliche Grenzerfahrungen angesichts des Todes, im Alltag, der Erfahrung der Musik oder der Sexualität. Seine Romane und Prosabücher bewegen sich an der Grenze zwischen Autobiografie und Fiktion. Kermanis wissenschaftliche Schwerpunkte liegen in der Ästhetik des Korans und der islamischen Mystik. Kermani ist auch als Reporter aus den Krisengebieten der Welt bekannt geworden. Im September 2014 berichtete er für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel aus dem Irak; im Oktober 2015 reiste er den Flüchtlingen auf deren Route in umgekehrter Richtung von Budapest in die Türkei entgegen. Viele seiner Reportagen, die er vor allem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, das Nachrichtenmagazin Der Spiegel und die Wochenzeitung DIE ZEIT schrieb, erschienen in erweiterten Fassungen auch als Bücher und wurden Bestseller. Mit dem von seinem Vater Djavad Kermani gegründeten Hilfswerk Avicenna hat Kermani nach der Rückkehr von Reportagenreisen Spendenaktionen für Hilfsprojekte in Aceh (Indonesien), auf Lesbos, in Madagaskar und in Tigray initiiert. Kermanis Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. In seinen öffentlichen Stellungnahmen und Reden nimmt Kermani immer wieder Stellung zu Fragen der Gesellschaft, Politik und Religion. Jan Werner Müller bezeichnete ihn in der New York Review of Books als „eine der anregendsten intellektuellen Stimmen Deutschlands“. Am 22. Oktober 2023 las Kermani in der Berliner Philharmonie bei einem Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter Robin Ticciati Texte zu Beethovens Neunter Symphonie.

 

Kandidatur zur Wahl des deutschen Bundespräsidenten

Bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten 2010 gehörte Kermani auf Vorschlag der hessischen Grünen der 14. Bundesversammlung an.

Für die Wahl des deutschen Bundespräsidenten 2017 wurde Kermani als möglicher Kandidat ins Gespräch gebracht. Der damalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel wollte ihn nach einem Bericht des Spiegel gemeinsam mit anderen Parteien als Bundespräsident nominieren, doch scheiterte er am Widerstand der Grünen; vor allem von den Realos wurde Kermani abgelehnt, weil sie nach der Bundestagswahl ein schwarz-grünes Bündnis anstrebten und somit kein Signal in Richtung Rot-Rot-Grün senden wollten. Kermani selbst hat sich zu einer möglichen Kandidatur nie geäußert.

 

Ehrenamtliches Engagement

1994 gründete Kermani in Isfahan, der Heimatstadt seiner Eltern, ein Sprach- und Kulturzentrum und leitete es bis 1997. In diesem Jahr musste es aufgrund der Verschlechterung im deutsch-iranischen Verhältnis schließen Im Herbst 2014 übernahm Kermani die Schirmherrschaft Willkommen für Flüchtlinge über die Projekte Ehrenamt und Flüchtlinge der Kölner Freiwilligenagentur, die zusammen mit dem Kölner Flüchtlingsrat angeboten werden.

 

Übersicht des religionswissenschaftlichen Werks und Charakterisierung durch Klaus von Stosch

Der Bonner komparative Theologe Klaus von Stosch, seit Wintersemester 2021/2022 Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Theologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, kennt das religionswissenschaftliche Werk Kermanis seit Anbeginn und ordnet es folgendermaßen ein:

Auch wenn sich Kermani nicht als Theologe versteht, geht er in seinen islam- und religionswissenschaftlichen Texten deutlich über eine rein deskriptive Haltung hinaus. Die Texte sind an vielen Stellen ein Plädoyer für einen neuen Umgang mit dem Koran und der muslimischen Tradition, aber auch für einen umfassenderen Blick auf andere Religionen. Sie betonen den mystischen Erfahrungsbezug der Religionen und nähern sich diesem gerne auf ästhetischer Ebene. Dabei geht es ihm nicht nur um die für die Mystik so bedeutsame Vereinigung des Menschen mit Gott und die damit verbundenen Assoziationen von Liebe und Glück. Es geht ihm auch um die Herrlichkeit und den Schrecken Gottes, eben um alle Seiten seines unaussprechlichen Geheimnisses. Theologisch gesehen ist Kermani also in einem ganz klassischen Sinne die Einheit Gottes und die Einheit allen Seins wichtig. Alles kommt aus dem Einen und kehrt zu ihm zurück – wie der Atem des Menschen. Damit muss er aber auch alles mit Gott und seiner Wirklichkeit zusammenbringen und kann die Abgründe und Risse der Wirklichkeit nicht von dem Geheimnis Gottes fernhalten. Das Ringen um die aus diesem Ansatz entspringende Ambiguität Gottes und der Wirklichkeit prägt Kermanis Schaffen. Sein Plädoyer gegen jede Reduzierung Gottes auf eine Legitimation für politische Strategien oder auf menschliche Wunschvorstellungen prägt sein theologisches Anliegen.

 

Magisterarbeit über den ägyptischen Reformtheologen Nasr Hamid Abu Zaid

Kermanis erster islamwissenschaftlicher Text erschien 1996. Es handelt sich um seine Magisterarbeit, in der er erste Grundlagen seines Denkens in Auseinandersetzung mit dem ägyptischen Reformtheologen Nasr Hamid Abu Zaid entwickelt. Eindrucksvoll zeigt er nicht nur den Reformansatz Abu Zaids für das Offenbarungsdenken auf, sondern analysiert detailliert, wieso er mit den politischen und religiösen Autoritäten in Ägypten in Konflikt gerät: nicht wegen theologischer Neuerungen, sondern weil er aufdeckt, wie sich diese Eliten der Tradition bemächtigt haben, um ein Interpretationsmonopol über den Koran anzustreben und seine Botschaft entsprechend ihrer Interessen zu manipulieren.

 

Dissertation Gott ist schön

In seiner rezeptionsästhetisch-philologisch ausgerichteten Dissertation Gott ist schön zeigt Kermani, wie prominent in der islamischen Tradition die ästhetische Dimension des Korans wahrgenommen wird. Der Koran wird in dieser Tradition wie ein betörendes Kunstwerk beschrieben, das die Menschen in seinen Bann zieht. Seine Schönheit nimmt gefangen und erbeutet die Herzen der Menschen. Seiner Anziehungskraft kann man sich nicht widersetzen. Die Schönheit und Klarheit des Korans ist damit Ausweis seiner göttlichen Inspiration. Gott teilt sich dieser Tradition zufolge im Koran also in einer ästhetisch vermittelten Weise mit, weil er von den hier Angesprochenen gerade so verstanden zu werden hofft. Wenn Gott nicht blinden Gehorsam, sondern verstehende Anerkennung will, muss er an dieser Stelle empfänglichen Menschen auf ästhetische Weise begegnen. Denn – so zumindest die These von Navid Kermani im analysierenden Blick auf die islamische Tradition – das religiöse Erkennen ist im Islam ästhetisch vermittelt als ein Schauder erregendes, Gänsehaut verursachendes Hören einer als schön bezeichneten Rede, ... eine Schönheitserfahrung.

Es geht Kermani also darum, die Kraft der Ästhetik auf religiöser Ebene zu würdigen. Er sieht diese mystische Einsicht ganz im Einklang mit der neueren Ästhetik seit Hegel. In fast allen philosophischen Kunsttheorien dieser Tradition gehe es im ästhetischen Erleben um Wahrheit. Ja, es müsse im ästhetischen Erlebnis – gegen Kant – gar nicht um Genuss bzw. um interesseloses Wohlgefallen gehen. Es könne auch einfach nur darum gehen, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, koste es, was es wolle.

So spannend und vielversprechend Kermanis Versuch ist, den Offenbarungsglauben in der Aisthesis zu begründen und die Erkenntnis Gottes als Herzenswahrnehmung zu verstehen, so sehr fragt sich bei diesem Zugang, wie man bei diesem Konzept mit den sinnlichen Erfahrungen des Schmerzes und der Abwesenheit Gottes in dieser Welt umgehen soll. Die Abgründe der Leidensgeschichte dieser Welt lassen gerade bei einem solchen ästhetischen Zugang zum Offenbarungsglauben die Frage dringlich werden, wie Leidens- und Heilserfahrungen, Schrecken und Schönheit Gottes zusammengedacht werden können.

 

Habilitationsschrift zum Schrecken Gottes

Genau diese Frage ist es, die Kermani in seiner Habilitationsschrift zum Schrecken Gottes beschäftigt. Kermani rezipiert in diesem Buch die Grundidee der praktisch-authentischen Theodizee, die darin besteht, Gottes Gerechtigkeit gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt einzufordern, also – kantisch gesprochen – die Wirklichkeit Gottes und damit seine authentische Selbstrechtfertigung zu postulieren, ohne sie doktrinal selbst leisten zu wollen. Zu diesem Postulat gehört notwendig der Protest gegen das Leiden, der sich im Hadern mit Gott und in der Anklage Gottes äußert. Auch wenn das Hadern mit Gott in der islamischen genauso wie in der christlichen Orthodoxie weitgehend verpönt ist, zeigt sich in der von Kermani zitierten islamischen mystischen Literatur ebenso wie im Buch Ijob ein Weg des Haderns mit Gott, das aus der Hingabe ihm gegenüber gespeist wird und das die hier geforderte postulatorische Gottesrede begleiten kann.

Das bedeutendste Zeugnis dieses Haderns ist für Kermani Das Buch der Leiden des persischen mystischen Dichters Fariduddin Attar (1145–1221), das zeigt, dass es auch in der islamischen Tradition möglich war, mit Gott zu rechten und zu streiten. Gott erscheint in der Perspektive der von diesem Dichter zitierten Narren zugleich als Verfolger und Peiniger des Menschen und doch auch als seine letzte Hoffnung. Einerseits bleibt Gott als Urheber für diese Welt verantwortlich und ist damit auch der letzte Grund für das Leiden – zumindest in dem Sinne, dass seine Erschaffung der Welt Leiden allererst ermöglicht. Andererseits gibt es Situationen, in denen uns keine endliche Macht mehr zu retten und helfen vermag. Denn per definitionem ist nur Gott die Wirklichkeit, die auch im Tod noch zu retten vermag – wenn er denn existiert. Wie kann ich aber gerade den um Hilfe bitten, der doch meine Not allererst ermöglicht hat? Kermani sieht keine Möglichkeit, diesen Ruf noch einmal rational zu rechtfertigen. Er schildert einfach nur Stimmen, die auch im Elend nicht von Gott lassen wollen. Die von ihm zitierten Narren beklagen nicht einfach nur den Schrecken Gottes. Vielmehr erinnern sie Gott an seine einst gegebenen Versprechen in der Schöpfung. Sie bestehen auf der Treue Gottes, die er in seiner Selbstkundgabe beschreibt und verspricht. Sie sind deshalb nicht blind für die Wirklichkeit, sondern sehen all die Infragestellungen der Wirklichkeit eines liebenden Gottes, die jeder Mensch tagtäglich erlebt. Ihr Festhalten an Gott stumpft sie nicht ab und nimmt dem Leiden auch nicht seinen Schrecken. Aber es befähigt sie, die Abgründe und Schrecken der Wirklichkeit an sich heranzulassen und dennoch nicht ihre Hoffnung aufzugeben. Der Gottesglaube erscheint so als Zumutung, die in den Wahnsinn treiben kann. Aber er erscheint zugleich als letzte Möglichkeit, die Welt in ihrer Ambiguität auszuhalten, ohne die eigene Menschlichkeit zu verlieren.

 

Ungläubiges Staunen. Über das Christentum

Arbeiten sich Kermanis Qualifikationsschriften an der islamischen Tradition ab, hat er sich seitdem immer wieder auch dem Christentum zugewandt. Besonders prominent und eindrucksvoll ist hier sein Ungläubiges Staunen. Über das Christentum aus dem Jahr 2015, das sich dem Christentum auf ästhetische Weise annähert – durch eindrucksvolle Bildbetrachtungen verschiedener christlicher Künstler, insbesondere aus dem italienischen Barock. Diese kunstgeschichtlich gut recherchierten Einzelbetrachtungen eröffnen spannende Perspektiven auf zentrale Charakteristika des Christentums und haben dadurch große Resonanz erfahren.

In einer viel beachteten Annäherung an das Kreuz findet sich wieder Kermanis charakteristische Verknüpfung von Schönheit und Schrecken Gottes. Angezogen durch die ästhetische Kraft der Kreuzesskulptur Schlammingers, aber auch durch die Schönheit und die Anmut beim Tragen des Kreuzes in Botticellis Darstellungen, bewegt ihn nicht nur die ästhetische Kraft des Kreuzes, sondern er erkennt es auch als Annäherung des Glaubenden an das Leiden selbst – etwa wenn er die Schächer am Kreuz mit Kriegsknechten vergleicht, die heute in Syrien oder im Irak Aufwiegler kreuzigen. Oder wenn er das Kreuz mit Opfern der Menschen zu allen Zeiten in Verbindung bringt und die klagende Anklage Jesu am Kreuz zitiert. Dabei ist es ihm allerdings wichtig, Jesus nicht von uns zu trennen, sondern das eigene Leiden in seinem Leiden zu entdecken. Zwei etwas längere Kapitel des Buches fallen ein wenig aus dem sonstigen Duktus heraus, weil sie keine Bildbetrachtung enthalten, sondern Personen in den Vordergrund stellen. Besonders hervor sticht dabei der letzte Teil des zweiten Kapitels, das in anrührender Weise die Lebensgeschichte und Mission von Pater Paolo Dall’Oglio schildert, der für Kermani all das bündelt, was er am Christentum bewundert: eine Form von bedingungsloser Liebe zum Nächsten, die gerade bei Mönchen und Nonnen über das Maß hinausgehe, auf das ein Mensch auch ohne Gott kommen könnte. Bewegend schildert er die große Liebe zum Islam, die diesen Pater und das von ihm in Syrien gegründete Kloster Mar Musa kennzeichnet, das er als Ort des Zusammenlebens der Religionen charakterisiert. Seine Hinwendung zum Islam sei für Pater Paolo kein karitativer Akt gewesen, sondern habe zu einer Bereicherung seines eigenen Lebens und Glaubens geführt; er sei ein Mönch, ein Schüler Jesu, der in den Islam verliebt sei – wie Kermani es ausdrückt.

Offenkundig sieht Kermani hier ein Modell für die interreligiöse Begegnung und für eine christlich-islamische Annäherung. Durch die Entführung dieses Paters, der den Islam wie kein anderer liebe, versuche der Islamische Staat Christen geradezu dazu zu zwingen, den Islam als Feind zu fürchten. Kermani setzt diesem Einschüchterungsversuch die Erklärung seiner eigenen Liebe für das Christentum entgegen, mit der er auf Pater Paolo antwortet und exemplarisch zeigt, wie man mit Mitteln der Liebe auf Gewalt reagieren kann. Zugleich bezeugt er in seinem Buch immer wieder, wie er vom Christentum gelernt hat – etwa im Blick auf das Eingedenken des Leidens und Sterbens des anderen. Dieser Aspekt seines Buches ist auch dadurch einer breiteren Öffentlichkeit bewusst geworden, dass er seine Würdigung Pater Paolos und seines Ordens in seiner viel beachteten Friedenspreisrede wiederholt.

 

Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen

Im Jahr 2022 erschien Kermanis bislang erfolgreichstes religionsbezogenes Buch, mit dem programmatischen Titel: Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen. Es ist als Anrede an Kermanis Tochter geschrieben und reagiert auf ihre Fragen nach Gott und Religion. Es bietet auf diese Weise eine vorzügliche Einführung in den Glauben für Jugendliche. Auch wenn er dabei vor allem den Islam im Blick hat und auch viele Spezifika dieser Religion verständlich macht, bietet sein mystischer Zugang zur Religion auch viel Identifikationspotenzial für Andersglaubende. Spannend sind die präzisen Aufarbeitungen von Erkenntnissen moderner Physik für die zeitgemäße Aneignung traditioneller Glaubensbestände. So gelingt es Kermani, in humorvollem und leicht zu verstehendem Stil ein komplexes und bis zu Ende durchdachtes Verständnis von Religion anzubieten.

 

Übersicht des erzählerischen Werks und Charakterisierung von Torsten Hoffmann

Der Literaturwissenschaftler und Hochschullehrer Torsten Hoffmann von der Universität Stuttgart, ausgewiesener und langjähriger Kenner des umfangreichen literarischen Werks Kermanis, ordnet das erzählerische Werk folgendermaßen ein: Kennzeichnend für die meisten seiner literarischen Texte sind eine autofiktionale Anlage (in seinem umfangreichsten Roman Dein Name trägt der Protagonist auch den Namen ‚Navid Kermani‘), ein besonderes Interesse an anthropologischen Grunderfahrungen wie Geburt, Liebe und Tod sowie eine programmatische Kombination von (zum Teil drastischer) Alltagsnähe, Kunstaffinität (unter Einbeziehung von Literatur, Musik, Film und Bildender Kunst) und Religiosität. Die Grenzen zu den eher als Sachbuch rezipierten Texten (wie Ungläubiges Staunen oder Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen) und den Reiseberichten sind dabei fließend – während sich diese Bücher oft literarischer Erzählverfahren bedienen, enthalten viele der literarischen Texte auch essayistische Passagen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Navid_Kermani

 

Über den Iran

 

Navid Kermani lebt zu großen Teilen in einer Blase, in der er die gleiche Meinung vertritt wie alle anderen in seiner Umgebung. Am Deutlichsten wird das in der Blase der Iran- Exilanten und -Oppositionellen.

Trotz aller berechtigten Kritik an der iranischen Regierung, erwähnt er nicht die Sanktionen vor allem der USA, die den Iran praktisch vom Welthandel ausschließen (was vor allem die verbotene Einfuhr von medizinischen und Pharma-Produkten betrifft), erwähnt nicht die Schein-Atom-Verhandlungen der USA, ist ihm der versuchte brutale Regime-Wechsel Anfang des Jahres nicht bekannt und scheint sich nicht an der Ermordung führender Repräsentanten des Staates zu stören.

 

Oktober 2024: im Gespräch Franziska von Busse.

„Herr Kermani, Bundeskanzler Olaf Scholz hat gesagt, der Iran riskiere, die ganze Region in Brand zu setzen. Inwieweit befinden wir uns gerade an einem Kipppunkt in diesen Nahost-Konflikt?

Der Kipppunkt ist schon längst erreicht. Er war vorher schon erreicht, aber spätestens als klar war, dass die Konfliktparteien keinen Waffenstillstand wollen, dass gerade die israelische Regierung alles tut, um diesen Waffenstillstand zu verhindern. Die natürliche Konsequenz ist, dass die Lage immer weiter eskaliert. Insofern ist der Iran beteiligt, die Hisbollah, die Hamas, aber auch auf israelischer Seite gibt es im Augenblick kein Interesse daran, die Geiseln zu retten und irgendwie zu einer Verständigung zu kommen.

Sie kritisieren die deutsche und die europäische Iran-Politik. Was kritisieren Sie daran genau?

Zunächst einmal kritisiere ich, dass es eigentlich gar keine konsistente europäische Iran-Politik gibt, wie es überhaupt keine konsistente europäische Außenpolitik gibt. Es gibt seit mittlerweile 20 Jahren dramatische Krisen unmittelbar vor der europäischen Haustür - der Krieg in Syrien, die Flüchtlingskrise, das Desaster in Afghanistan -, und diejenigen, die überhaupt keinen Zugriff haben, sind ausgerechnet die nächsten Nachbarn, also wir. Wir schwächen uns selbst, indem wir Europa schwächen. Was konkret die deutsche Iran-Politik betrifft: Menschen wie ich sagen seit vielen Jahren, dass das Stabilitätsdenken mit einem Regime, das die ganze Region in Unruhe stürzt, das im Innersten vollkommen morsch und brüchig geworden ist durch Inlandsproteste, zu maximaler Instabilität führt. Das Hoffen, dass der Iran doch noch zu einem Partner wird, der womöglich irgendwann noch Gas verkauft, das ist etwas, was sich ein ums andere Mal bitter rächt. Auch in der jetzigen Krise sehen wir, dass Iran weit entfernt davon ist, einen beruhigenden Einfluss auf die Dinge auszuüben, von Demokratisierung ganz zu schweigen.

Andererseits haben Sie auch gesagt, dass Israel gar kein Interesse daran hat, das Ganze zu beenden. Momentan kämpft Israel an vier Fronten: Gaza, Libanon, Jemen und Iran. Was kann da noch kommen?

Zunächst einmal ist es nicht ganz Israel, das kein Interesse hat. Es gibt gewaltige Demonstrationen in Israel für einen Waffenstillstand, für einen Deal mit der Hamas. Aber die jetzige Regierung mit ihren rechtsextremen Ministern hat etwas anderes vor. Meine Befürchtung ist, dass wenn gesagt wird, dass das ein "totaler Krieg" sei oder man wolle den "totalen Sieg", dann ist genau das auch gemeint. Das ist eine Befürchtung für alle Menschen in der Region, aber meine Furcht betrifft auch die Menschen in Israel. Denn was für ein Frieden soll das denn sein? Da muss man doch nur warten auf die nächste Generation von Kämpfern, die noch verbitterter, noch deprimierter, noch gewaltbereiter ist. Wir hören seit 20, 30 Jahren, eigentlich seit Ariel Scharon, dass nur maximale Stärke, maximale Härte Sicherheit bewirken wird - und das Ergebnis ist maximale Unsicherheit. Das steigert sich doch immer nur. Israel ist militärisch ungleich stärker, aber mittelfristig, langfristig gesehen ist es eine Katastrophe für die Menschen in Israel, wenn sich das Land in der Region derart isoliert, wenn es gegen eine komplette Nachbarschaft zu bestehen versucht. Und zweitens, wenn es sich auch nach innen so verhärtet, dass es das, was es einmal ausgemacht hat, seine Liberalität und Pluralität, aufgibt. Wenn diese Regierung mit dem, was sie da macht, durchkommt, wenn die Geiseln einfach geopfert werden, dann setzt sich diese extrem nationalistische Politik durch, auch zum Schaden der israelischen Bürger. Es wird keine Sicherheit geben mit einer Politik, die nur auf Gewalt setzt.

Was für eine Politik könnte es denn sein, die aus dieser Verbitterungsspirale rausführt?

Ich kann Ihnen kein langfristiges Szenario anbieten - das gibt es gar nicht. Es gibt nur den nächsten Schritt, und das ist der Waffenstillstand, die Befreiung der Geiseln, das, was die ganze Welt sagt.

Für wie wahrscheinlich halten Sie das?

Die einzigen, auf die man hoffen durfte, waren die Vereinigten Staaten, weil sie die einzigen sind, die über Machtinstrumente verfügen. Sie sind aber offenbar nicht bereit, die entsprechend einzusetzen. Insofern war ich sehr pessimistisch und bin es jetzt erst recht. Das kann kein gutes Ende nehmen, für niemanden in der Region, außer vielleicht für die politischen Herrscher im Iran oder in Israel, die sich damit noch ein paar Jahre erkaufen.

Was müsste also passieren? Wer könnte doch noch Verhandlungen führen?

Wie gesagt, die einzigen, die in der Lage wären, den Hebel umzulegen, waren die Vereinigten Staaten. Sie versuchen ja auch alles; man kann ja nicht sagen, dass sie nicht bemüht seien. Das Ergebnis ist: Sie sind nicht in der Lage gewesen, den Waffenstillstand zu erzwingen. Insofern muss man die Hoffnung auf ein Wunder verlagern. Denn so wie es jetzt aussieht, weitet sich die Katastrophe immer noch weiter aus.“

https://www.ndr.de/kultur/Navid-Kermani-ueber-Nahost-Konflikt-Das-kann-kein-gutes-Ende-nehmen,kermani204.html

 

„Nach dem Massaker an Demonstrierenden im Iran im Januar wenden sich bekannte Deutschiraner in einem offenen Brief an die Bundesrepublik. Sie fordern: Der Staat solle strafrechtlich ermitteln, Beweise systematisch dokumentieren und – wo möglich – Verantwortliche nach dem Völkerstrafgesetzbuch verfolgen.

Die vier Initiatoren – Professorin Naika Foroutan, Schriftsteller Navid Kermani, Filmregisseur Mohammad Rasoulof und Schauspielerin Jasmin Tabatabai – stellen das Anliegen am Mittwoch bei einem Termin im Auswärtigen Amt sowie ab 18 Uhr in der Humboldt-Universität zu Berlin vor. Zu den Erstunterzeichnenden gehört auch Felor Badenberg, Berliner Senatorin für Justiz und Verbraucherschutz.

„Sehr geehrter Herr Generalbundesanwalt Rommel, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete des Deutschen Bundestags,

wir als in Deutschland lebende Bürgerinnen und Bürger iranischer Herkunft wenden uns an Sie, denn wir wollen nicht hinnehmen, dass die Massaker an demokratischen Demonstrantinnen und Demonstranten im Januar 2026 vergessen werden und ungeahndet bleiben. Nach jüngsten Recherchen des Time-Magazins sind allein am 8. und 9. Januar mehr als 30.000 Menschen getötet worden. Diese Zahlen werden nicht nur von Menschenrechtsorganisationen, sondern auch von der Bundesregierung und anderen westlichen Regierungen für realistisch gehalten. Und zu fürchten ist, dass die tatsächliche Zahl der Opfer noch weit höher ausfällt, da aus entlegenen Gegenden so gut wie keine Nachrichten vorliegen. Damit dürfte es sich bei der Niederschlagung des Aufstands um das weltweit blutigste Massaker an Demonstranten in einem derart kurzen Zeitraum handeln. In unseren eigenen deutschen Alltag übersetzt bedeutet das: Jeder von uns, der sich im Privaten, in seinem beruflichen Umfeld und als Teil der deutschen Öffentlichkeit für das demokratische Gemeinwesen in Deutschland engagiert, kennt jemanden, der bei den Protesten im Iran umgekommen ist oder Augenzeuge von Tötungen war.

Durch unzählige Videoaufnahmen, Augenzeugenberichte und "Leaks" aus dem Staatsapparat sind die Verbrechen umfassend dokumentiert. Die Bilder und Berichte nähren den Verdacht, dass es sich bei dem Massaker um keine spontanen Übergriffe von Soldaten und Milizionären gehandelt hat, sondern um eine geplante, systematische und landesweite Aktion der Staatsführung, um den Freiheitswillen der iranischen Bevölkerung ein für alle Mal zu brechen. Die Verantwortlichen für die unfassbaren Verbrechen müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Das ist nicht zuletzt die Erwartung und Hoffnung der mutigen Menschen in Iran an uns als Bürgerinnen und Bürger eines Staates, der glücklicherweise dem Völkerrecht und den allgemeinen Menschenrechten verpflichtet ist.

Da offenkundig die internationale Strafjustiz aufgrund der Zusammensetzung des UN-Sicherheitsrates und des Verhaltens der Vetomächte nicht angerufen werden kann und die Islamische Republik Iran kein Vertragsstaat des Internationalen Strafgerichtshofes ist, sind strafrechtliche Ermittlungen in dritten Staaten wie in Deutschland besonders wichtig und bis auf weiteres die einzige Möglichkeit, die Menschenrechtsverletzungen juristisch aufzuarbeiten. Deutschland hat sich mit dem Völkerstrafgesetzbuch 2002 ein besonders völkerrechtsfreundliches Statut gegeben. Dieses hat sich bereits bei der Aufarbeitung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit des Assad-Regimes in Syrien bewährt, wofür Deutschland zu Recht international viel Anerkennung geerntet hat.

Wir unterstützen daher öffentlich die Einreichung des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) vom 10. Februar 2026 mit der Forderung, dass die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe Strukturermittlungen und gegebenenfalls personenbezogene Ermittlungen im Falle von Iran aufnehmen sollte. Ein solcher Schritt wäre langfristig von enormer juristischer und politischer Bedeutung, weil er die Handlungsspielräume eines verbrecherischen Regimes einengen würde. Der Aufbau einer Dokumentation und Beweissammlung, die in naher Zukunft für strafrechtliche Ermittlungen gegen die Täter dienen kann, wäre dementsprechend nicht nur im Sinne einer arbeitsteiligen globalen Strafgerichtsbarkeit, sondern würde auch den Grundstock für die Aufarbeitung der Verbrechen nach einem Übergang in einem demokratischen Rechtsstaat im Iran selbst dienen.

In diesem Sinne appellieren wir an Sie, Ihren Teil dazu zu leisten, dem unhaltbaren Zustand der andauernden Straflosigkeit schwerster Völkerstraftaten in der Islamischen Republik Iran Einhalt zu gebieten und damit auch weiteren Massakern vorzubeugen. Auch aufgrund seiner Geschichte trägt Deutschland eine besondere Verantwortung für das Völkerrecht, die Menschenwürde und die juristische Verfolgung von staatlichen Massenmorden. An die Bundesregierung gerichtet fordern wir eine finanzielle und personelle Ausstattung der Bundesanwaltschaft und des Bundeskriminalamts, sodass diese ihren wichtigen Aufgaben in der Sicherung von Beweismitteln nachkommen können.““ 

https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-02/iran-offener-brief-bundesregierung-naika-foroutan-navid-kermani-jasmin-tabatabai

 

„Sicher, es kursieren auch Videos, in denen Demonstranten Gewalt ausüben. Auch wenn es sich dabei oft um Gegenwehr handeln mag, deutet vieles darauf hin, dass die jüngste Protestwelle deutlich aggressiver war als die vorherigen. Dass auch Hunderte Sicherheitskräfte umgekommen sind, gehört ebenfalls zum Bild. Aber die weit überwiegende Mehrheit der Menschen, die in allen großen und vielen kleinen Städten des Landes auf die Straßen gegangen ist, um für Freiheit zu demonstrieren, war friedlich, unbewaffnet und wehrlos. Nach allen Zeugnissen müssen es Millionen gewesen sein …

Man kann nicht dauerhaft gegen– geschätzt– achtzig Prozent des eigenen Volks herrschen, zumal wenn der Staat von Jahr zu Jahr schlechter funktioniert, die Wirtschaft daniederliegt, die Korruption groteske Ausmaße annimmt. Wenn sogar immer mehr der eigenen Funktionäre im Hausarrest oder in den Gefängnissen sitzen – Geistliche, ein früherer Regierungschef, ein früherer Parlamentspräsident, ehemalige Minister– und die Armut sich trotz der immensen Bodenschätze ausbreitet, während die politische und militärische Elite sich ungeniert bereichert.“

https://www.navidkermani.de/wp-content/uploads/2026/02/SZ_2026-02-02____011__10545605.pdf

 

Siehe dagegen https://www.ansichten-ein<es-regenwurms.de/index.php/1461-iran-regime-wechsel-abgewehrt

 

Im Gespräch mit Michael Wurmitzer (März 2026): „Sie sind Sohn iranischer Eltern, die 1959 nach Deutschland eingewandert sind. Wie geht es Ihnen, wenn Sie auf die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten schauen?

Ich bin seit Kriegsbeginn nervös und kann nicht gut schlafen, wie die meisten Iranerinnen und Iraner. Es ist sehr schwer, sich zu positionieren. Einerseits hofft man, dass das Regime stürzt, zugleich sagt mir der Verstand, dass das nicht aufgrund dieser Angriffe passieren wird.

Sie verbinden keine Hoffnung mit der Aktion der USA und Israels?

Es gibt schon Hoffnungen, aber einerseits waren die bereits anfangs sehr gering, andererseits schwinden sie angesichts der veränderten Kriegsziele und der offenkundigen Nichtplanung des Krieges, der Konzeptlosigkeit Amerikas, noch weiter.

Verurteilen Sie den Angriff angesichts dessen?

Ich verurteile zunächst einmal das Massaker des iranischen Regimes am 8. und 9. Januar dieses Jahres. Ich verurteile, was dieses Regime mit diesem Land, diesen Menschen gemacht hat. Der Hauptschuldige bei all dem sind Ali Khamenei und die Revolutionsgarden. Sie haben das Land nicht nur politisch unterdrückt, sondern in Grund und Boden gewirtschaftet. Ökonomisch, ökologisch, sozial, gesellschaftlich ruiniert. Siehe allein den Braindrain oder die Ausbreitung von Drogen, Prostitution, Elend, und das in einem der reichsten Länder der Welt. Denn der Iran ist das Land mit den größten Bodenschätzen, eigentlich einer gebildeten breiten Mittelschicht. Aber es wurde in die völlige Armut getrieben, hat sich mit der ganzen Welt überworfen. Tiefer kann das Land gar nicht sinken. Insofern verurteile ich zunächst einmal das Regime. Allerdings halte ich den Krieg leider nicht für ein geeignetes Mittel, das Regime zu überwinden, zumal das auch gar nicht das Kriegsziel der Amerikaner ist. Das Ziel, Donald Trump hat es anfangs etwas verklausuliert, inzwischen aber mehrfach ganz explizit gesagt, ist der Erhalt des Regimes mit einer Führung, die sich auf die amerikanischen Bedingungen und Geschäftsinteressen einlässt. Also das Venezuela-Modell. Was dieses geschwächte, noch einmal brutalisierte Regime mit der eigenen Bevölkerung anstellt, ist ihm egal …“

https://www.derstandard.at/story/3000000312336/navid-kermani-wuensche-mir-kein-normales-verhaeltnis-deutschlands-zu-israel

 

Über Syrien

 

Im Jahr 2015: „… Zu laut hatte Pater Paolo die Regierung Assad kritisiert, die den Ruf des syrischen Volkes nach Freiheit und Demokratie, der neun Monate lang friedlich geblieben war, mit Verhaftungen und Folter beantwortete, mit Knüppeln und Sturmgewehren und schließlich auch mit ungeheuren Massakern und sogar Giftgas, bis das Land schließlich im Bürgerkrieg versank …

Bitter stießen ihm die Aufrufe mancher westlicher Politiker auf, gezielt arabische Christen aufzunehmen. Derselbe Westen, der sich nicht um die Millionen Syrer schere, die quer durch alle Konfessionen friedlich für Demokratie und Menschenrechte demonstrierten, derselbe Westen, der den Irak zugrunde gerichtet und Assad sein Giftgas geliefert habe, derselbe Westen, der mit Saudi-Arabien im Bunde stehe und damit dem Hauptsponsor des Dschihadismus – dieser gleiche Westen sorge sich nun um die arabischen Christen?“

https://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/die-preistraeger/2010-2019/navid-kermani

 

Kein Wort zum versuchten Regime-Wechsel, zu den mörderischen Sanktionen, zur Giftgas-Aktion, die sehr wahrscheinlich unter Falscher Flagge lief. Siehe unter anderem https://www.ansichten-eines-regenwurms.de/index.php/285-feinde-syriens und https://www.ansichten-eines-regenwurms.de/index.php/523-giftgas-in-syrien

 

Über Russland

 

September 2023: „Selbst wenn im nächsten Frühjahr die nächste, die dritte Offensive folgen sollte, deutet wenig auf einen Zusammenbruch der russischen Stellungen, geschweige denn auf das Ende des Putinschen Regimes hin …

Die Befreiungsrhetorik, die sich durch alle Kriegsreden Putins zog, mag hierzulande nicht ernst genommen worden sein, und tatsächlich war sie ja auch absurd aus dem Mund eines Diktators, der als Erneuerer des Zarenreichs auftritt – als Nachfolger jener Katharina der Großen, die Dutzende Völker unterworfen, russifiziert oder ausgelöscht hat, viele davon auf dem Staatsgebiet der heutigen Ukraine. Dennoch setzte es schon eine Menge Geschichtsvergessenheit voraus, zu meinen, dass Putins Rolle als Widerstandskämpfer gegen die westliche Hegemonie nirgends verfängt …

Dann könnte der Diktator im Kreml doch noch triumphieren …

Was folgt daraus? Es folgt daraus zunächst, dass es Irrsinn gewesen wäre, der Ukraine die Unterstützung zu verweigern, nachdem sie von Russland angegriffen worden war, wie es nicht wenige deutsche Intellektuelle seinerzeit forderten. Eine ganze Nation wäre terrorisiert, unterjocht, massakriert, ihrer Kultur und Geschichte beraubt worden … Soll es ein Systemwechsel in Russland sein, wie es der deutschen Außenministerin vorzuschweben scheint, wenn sie Putin vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag sehen will? Das wäre in vielerlei Hinsicht wünschenswert, auch für das russische Volk selbst, aber realistisch ist es vorläufig nicht …

Bei anhaltendem Druck auf Russlands Elite würde es vielleicht auch keine Jahrzehnte dauern, bis das diktatorische System, das Putin aufgebaut hat, von innen zerfällt und ein wirklicher Frieden möglich wird …“ 

https://www.zeit.de/2023/40/ukraine-frieden-initiative-europa-russland/komplettansicht

 

Nachdem Russland immer mehr eingekreist wurde, immer mehr NATO-Personal und -Kriegsgerät in die Ukraine und kurz davor verlegt wurden, immer mehr NATO-Manöver zusammen mit ukrainischen Einheiten an Russlands Grenzen durchgeführt wurden, nachdem russische Forderungen nach Sicherheits-Garantien abgewiesen wurden: was hätte Russland bitte tun sollen? Weiter zuschauen, bis der Überfall beginnt, der Präsident entführt und nach Washington ausgeflogen wird, wo ihm unter fadenscheinigen Vorwänden der Prozess gemacht wird? – Für den Wurm war der russische Krieg gegen die Ukraine eindeutig ein Präventiv-Krieg, siehe https://www.ansichten-eines-regenwurms.de/index.php/781-praeventiv-krieg

 

Über das Deutsch-Israelische Verhältnis

 

März 2026: „Ich glaube, dass es nicht nur kein normales Verhältnis Deutschlands oder der deutschen Öffentlichkeit zu Israel, zu Palästina, zu Gaza gibt, sondern ein solches auch nicht geben kann angesichts des Holocaust. Deutschland wird in der Israel-Unterstützung und auch in der Israel-Kritik immer neurotisch sein. Aus diesem Zusammenhang kommt man nicht heraus und ich wünsche mir auch gar kein normales Verhältnis, denn wie könnte das aussehen, nachdem man sechs Millionen Juden umgebracht hat? Man muss sich einfach der Neurose bewusst sein und vielleicht ein bisschen zurückhaltender operieren mit seinen Urteilen und Meinungen. Nicht Vorreiter sein bei der Unterstützung der israelischen Kriegsführung, nicht der Lautsprecher der israelischen Regierung, aber auch nicht die Speerspitze des Widerstands gegen den israelischen Kolonialismus oder so etwas. Man kann in Deutschland seine Meinung äußern, aber sie ist weder für das Geschehen im Nahen Osten besonders relevant, noch scheren sich dort viele um die deutsche Öffentlichkeit.“

https://www.derstandard.at/story/3000000312336/navid-kermani-wuensche-mir-kein-normales-verhaeltnis-deutschlands-zu-israel

 

Mai 2014: „Man könnte das Unbehagen, den Stolz auf das eigene Land auszusprechen, als typisch deutschen Selbsthass abtun und hätte doch genau den Grund übersehen, warum die Bundesrepublik lebens- und sogar liebenswert geworden ist.

Denn wann und wodurch hat Deutschland, das für seinen Militarismus schon im 19. Jahrhundert beargwöhnte und mit der Ermordung von 6 Millionen Juden vollständig entehrt scheinende Deutschland, wann und wodurch hat es seine Würde wiedergefunden?“

https://www.bundestag.de/webarchiv/textarchiv/2014/280688-280688

 

Das Verhältnis zu Israel mag ein Besonderes sein – aber die deutsche Verpflichtung sollte nicht darin bestehen, den Staat Israel in all seinen Ungerechtigkeiten und Bestialitäten zu unterstützen, sondern überhaupt humanistisch zu reagieren.

Die deutsche Schuld in erster Linie bei „der Ermordung von 6 Millionen Juden“ zu sehen, ist für den Wurm nicht akzeptabel: zumindest prozentual wurden nicht weniger Zigeuner, Homosexuelle, Zeugen Jehovas getötet und Kommunisten als die ersten Opfer nicht sofort getötet, aber zumindest malträtiert.

All diese Opfer-Gruppen erwähnt Navid Kermani nicht, benennt in seiner Rede zum Bundeswehr-Gelöbnis zwar Personen und Gruppen des bürgerlichen Widerstands – nicht aber den bedeutendsten Widerstand, nämlich den der Kommunisten.

Die Fixierung auf die Juden könnte mit der bloßen Anzahl der Getöteten in Zusammenhang stehen – verblasst aber ob der über 20 Millionen systematisch getöteten Sowjet-Bürger, die Navid Kermani ignoriert.

Die Nicht-Benennung hat wahrscheinlich nichts mit Bösartigkeit zu tun – er folgt der allgemeinen Meinung, die in Deutschland vorherrscht.

 

Islam heute

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=5_JAGn74-do

 

Über den Islam (Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahr 2015):

„Jemand wie ich kann den Islam nicht auf diese Weise verteidigen. Er darf es nicht. Die Liebe zum Eigenen – zur eigenen Kultur wie zum eigenen Land und genauso zur eigenen Person – erweist sich in der Selbstkritik. Die Liebe zum anderen – zu einer anderen Person, einer anderen Kultur und selbst zu einer anderen Religion – kann viel schwärmerischer, sie kann vorbehaltlos sein. Richtig, die Liebe zum anderen setzt die Liebe zu sich selbst voraus. Aber verliebt, wie es Pater Paolo und Pater Jacques in den Islam sind, verliebt kann man nur in den anderen sein. Die Selbstliebe hingegen muss, damit sie nicht der Gefahr des Narzissmus, des Selbstlobs, der Selbstgefälligkeit unterliegt, eine hadernde, zweifelnde, stets fragende sein. Wie sehr gilt das für den Islam heute! Wer als Muslim nicht mit ihm hadert, nicht an ihm zweifelt, nicht ihn kritisch befragt, der liebt den Islam nicht …

Es sind nicht nur die schrecklichen Nachrichten und noch schrecklicheren Bilder aus Syrien und dem Irak, wo der Koran noch bei jeder Schweinetat hochgehalten und bei jeder Enthauptung „Allahu akbar“ gerufen wird. Auch in so vielen anderen, wenn nicht den meisten Ländern der muslimischen Welt berufen sich staatliche Autoritäten, staatsnahe Institutionen, theologische Schulen oder aufständische Gruppen auf den Islam, wenn sie das eigene Volk unterdrücken, Frauen benachteiligen, Andersdenkende, Andersgläubige, anders Lebende verfolgen, vertreiben, massakrieren. Unter Berufung auf den Islam werden in Afghanistan Frauen gesteinigt, in Pakistan ganze Schulklassen ermordet, in Nigeria Hunderte Mädchen versklavt, in Libyen Christen geköpft, in Bangladesch Blogger erschossen, in Somalia Bomben auf Marktplätzen gezündet, in Mali Sufis und Musiker umgebracht, in Saudi-Arabien Regimekritiker gekreuzigt, in Iran die bedeutendsten Werke der Gegenwartsliteratur verboten, in Bahrein Schiiten unterdrückt, im Jemen Sunniten und Schiiten aufeinander gehetzt.

Gewiss lehnen die allermeisten Muslime Terror, Gewalt und Unterdrückung ab. Das ist nicht nur eine Floskel, sondern das habe ich auf meinen Reisen genau so erlebt: Wem die Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist, der ermisst erst recht ihren Wert. Alle Massenaufstände der letzten Jahre in der islamischen Welt waren Aufstände für Demokratie und Menschenrechte, nicht nur die versuchten, wenn auch meist gescheiterten Revolutionen in fast allen arabischen Ländern, ebenso die Protestbewegungen in der Türkei, in Iran, in Pakistan und nicht zuletzt der Aufstand an den Wahlurnen der letzten indonesischen Präsidentschaftswahl. Ebenso zeigen die Flüchtlingsströme an, wo sich viele Muslime ein besseres Leben erhoffen als in ihrer Heimat: jedenfalls nicht in religiösen Diktaturen. Auch die Berichte, die uns aus Mossul oder Rakka selbst erreichen, künden nicht von Begeisterung, sondern von Panik und Verzweiflung der Bevölkerung. Alle maßgeblichen theologischen Autoritäten der islamischen Welt haben den Anspruch des IS verworfen, für den Islam zu sprechen, und im Detail herausgearbeitet, inwiefern dessen Praxis und Ideologie dem Koran und den Grundlehren der islamischen Theologie widersprechen. Und vergessen wir nicht, dass es an vorderster Front Muslime selbst sind, die gegen den „Islamischen Staat“ kämpfen, Kurden, Schiiten, auch sunnitische Stämme und die Angehörigen der irakischen Armee.

Das muss man alles sagen, will man nicht dem Trugbild aufsitzen, das Islamisten und Islamkritiker wortgleich entwerfen: Dass der Islam einen Krieg gegen den Westen führt. Eher führt der Islam einen Krieg gegen sich selbst, will sagen: wird die islamische Welt von einer inneren Auseinandersetzung erschüttert, deren Auswirkungen auf die politische und ethnische Kartographie an die Verwerfungen des Ersten Weltkriegs heranreichen dürften. Den multiethnischen, multireligiösen und multikulturellen Orient, den ich in seinen großartigen literarischen Zeugnissen aus dem Mittelalter studiert und während langer Aufenthalte in Kairo und Beirut, als Kind während der Sommerferien in Isfahan und als Berichterstatter im Kloster von Mar Musa als eine zwar bedrohte, niemals heile, aber doch quicklebendige Wirklichkeit lieben gelernt habe, diesen Orient wird es so wenig mehr geben wie die Welt von gestern, auf die Stefan Zweig in den Zwanzigerjahren voller Wehmut und Trauer zurückblickte.

Was ist geschehen? Der „Islamische Staat“ hat nicht erst heute begonnen und auch nicht erst mit den Bürgerkriegen im Irak und in Syrien. Seine Methoden mögen auf Ablehnung stoßen, aber seine Ideologie ist der Wahhabismus, der heute bis in die hintersten Winkel der islamischen Welt wirkt und als Salafismus gerade auch für Jugendliche in Europa attraktiv geworden ist. Wenn man weiß, dass die Schulbücher und Lehrpläne im „Islamischen Staat“ zu 95 Prozent identisch mit den Schulbüchern und Lehrplänen Saudi-Arabiens sind, dann weiß man auch, dass die Welt nicht nur im Irak und in Syrien strikt in verboten und erlaubt eingeteilt wird - und die Menschheit in gläubig und ungläubig. Gesponsert mit Milliardenbeträgen aus dem Öl, hat sich über Jahrzehnte in Moscheen, in Büchern, im Fernsehen ein Denken ausgebreitet, das ausnahmslos alle Andersgläubigen zu Ketzern erklärt, beschimpft, terrorisiert, verächtlich macht und beleidigt. Wenn man andere Menschen systematisch, Tag für Tag, öffentlich herabsetzt, ist es nur folgerichtig – wie gut kennen wir das aus unserer eigenen, der deutschen Geschichte –, daß man schließlich auch ihr Leben für unwert erklärt. Dass ein solcher religiöser Faschismus überhaupt denkmöglich wurde, dass der IS so viele Kämpfer und noch mehr Sympathisanten finden, dass er ganze Länder überrennen und Millionenstädte weitgehend kampflos einnehmen konnte, das ist nicht der Beginn, sondern der vorläufige Endpunkt eines langen Niedergangs, eines Niedergangs auch und gerade des religiösen Denkens …

Ich habe 1988 angefangen, Orientalistik zu studieren, meine Themen waren der Koran und die Poesie. Ich glaube, jeder, der dieses Fach in seiner klassischen Ausprägung studiert, gelangt an den Punkt, an dem er die Vergangenheit und die Gegenwart nicht mehr zusammenbringen kann. Und er wird hoffnungslos, hoffnungslos sentimental. Natürlich war die Vergangenheit nicht einfach nur friedlich und kunterbunt. Aber als Philologe hatte ich vor allem mit den Schriften der Mystiker, der Philosophen, der Rhetoriker und ebenso der Theologen zu tun. Und ich, nein: wir Studenten konnten und können nur staunen über die Originalität, die geistige Weite, die ästhetische Kraft und auch humane Größe, die uns in der Spiritualität Ibn Arabis, der Poesie Rumis, der Geschichtsschreibung Ibn Khalduns, der poetischen Theologie Abdulqaher al-Dschurdschanis, der Philosophie des Averroes, den Reisebeschreibungen Ibn Battutas und noch in den Geschichten von Tausendundeiner Nacht begegnen, die weltlich sind, ja, weltlich und erotisch und übrigens auch feministisch und zugleich auf jeder Seite durchdrungen vom Geist und den Versen des Korans. Das waren keine Zeitungsberichte, nein, die soziale Wirklichkeit dieser Hochkultur sah wie jede Wirklichkeit grauer und gewalttätiger aus. Und doch sagen diese Zeugnisse etwas darüber aus, was einmal denkmöglich oder sogar selbstverständlich war innerhalb des Islams. Nichts, absolut nichts findet sich innerhalb der religiösen Kultur des modernen Islams, das auch nur annähernd vergleichbar wäre, eine ähnliche Faszination ausübte, von ebensolcher Tiefe wäre wie die Schriften, auf die ich in meinem Studium stieß. Und da spreche ich noch gar nicht von der islamischen Architektur, der islamischen Kunst, der islamischen Musikwissenschaft – es gibt sie nicht mehr.

Ich möchte Ihnen den Verlust an Kreativität und Freiheit an meinem eigenen Fachgebiet illustrieren: Es war einmal denkmöglich und sogar selbstverständlich, dass der Koran ein poetischer Text ist, der nur mit den Mitteln und Methoden der Poetologie begriffen werden kann, nicht anders als ein Gedicht. Es war denkmöglich und sogar selbstverständlich, dass ein Theologe zugleich ein Literaturwissenschaftler und Kenner der Poesie war, in vielen Fällen auch selbst ein Dichter. In der heutigen Zeit wurde mein eigener Lehrer Nasr Hamid Abu Zaid in Kairo der Ketzerei angeklagt, von seinem Lehrstuhl vertrieben und sogar zwangsgeschieden, weil er die Koranwissenschaft als eine Literaturwissenschaft begriff. Das heißt, ein Zugang zum Koran, der selbstverständlich war und für den Nasr Abu Zaid die bedeutendsten Gelehrten der klassischen islamischen Theologie heranziehen konnte, wird heute nicht einmal mehr als denkmöglich anerkannt. Ein solcher Zugang zum Koran, obwohl er der traditionelle ist, wird verfolgt und bestraft und verketzert. Dabei ist der Koran ein Text, der sich nicht etwa nur reimt, sondern in verstörenden, vieldeutigen, geheimnisvollen Bildern spricht, er ist auch kein Buch, sondern eine Rezitation, die Partitur eines Gesangs, der seine arabischen Hörer durch seine Rhythmik, Lautmalerei und Melodik bewegt. Die islamische Theologie hat die ästhetischen Eigenheiten des Korans nicht nur berücksichtigt, sie hat die Schönheit der Sprache zum Beglaubigungswunder des Islams erklärt. Was aber geschieht, wenn man die sprachliche Struktur eines Textes missachtet, sie nicht einmal mehr angemessen versteht oder auch nur zur Kenntnis nimmt, das lässt sich heute überall in der islamischen Welt beobachten. Der Koran sinkt herab zu einem Vademekum, das man mit der Suchmaschine nach diesem oder jenem Schlagwort abfragt. Die Sprachgewalt des Korans wird zum politischen Dynamit.

Oft ist zu lesen, dass der Islam durch das Feuer der Aufklärung gehen oder die Moderne sich gegen die Tradition durchsetzen müsse. Aber das ist vielleicht etwas zu einfach gedacht, wenn die Vergangenheit des Islams so viel aufklärerischer war und das traditionelle Schrifttum bisweilen moderner anmutet als der theologische Gegenwartsdiskurs. Goethe und Proust, Lessing und Joyce haben schließlich nicht unter geistiger Umnachtung gelitten, dass sie fasziniert waren von der islamischen Kultur. Sie haben in den Büchern und Monumenten etwas gesehen, was wir, die wir oft genug brutal mit der Gegenwart des Islams konfrontiert sind, nicht mehr so leicht wahrnehmen. Vielleicht ist das Problem des Islams weniger die Tradition als vielmehr der fast schon vollständige Bruch mit dieser Tradition, der Verlust des kulturellen Gedächtnisses, seine zivilisatorische Amnesie.

Alle Völker des Orients haben durch den Kolonialismus und durch laizistische Diktaturen eine brutale, von oben verordnete Modernisierung erlebt. Das Kopftuch, um es an einem Beispiel zu illustrieren, das Kopftuch haben die iranischen Frauen nicht allmählich abgelegt – Soldaten schwärmten auf Anordnung des Schahs 1936 in den Straßen aus, um es ihnen mit Gewalt vom Kopf zu reißen. Anders als in Europa, wo die Moderne bei allen Rückschlägen und Verbrechen doch als ein Prozess der Emanzipation erlebt werden konnte und sich über viele Jahrzehnte und Jahrhunderte vollzog, war sie im Nahen Osten wesentlich eine Gewalterfahrung. Die Moderne wurde nicht mit Freiheit, sondern mit Ausbeutung und Despotie assoziiert. Stellen Sie sich einen italienischen Präsidenten vor, der mit dem Auto in den Petersdom fährt, mit seinen schmutzigen Stiefeln auf den Altar springt und dem Papst seine Peitsche ins Gesicht schlägt – dann haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon, was es bedeutete, als Reza Schah 1928 mit seinen Reitstiefeln durch den Heiligen Schrein von Ghom marschierte und auf die Bitte des Imams, wie jeder Gläubige die Schuhe auszuziehen, dem Imam mit der Peitsche ins Gesicht schlug. Und Sie fänden vergleichbare Vorgänge und Schlüsselmomente in vielen anderen Ländern des Nahen Ostens, die sich nicht langsam von der Vergangenheit lösten, sondern diese Vergangenheit zertrümmerten und aus dem Gedächtnis zu radieren versuchten.

Man hätte annehmen können, dass wenigstens die religiösen Fundamentalisten, die nach dem Scheitern des Nationalismus überall in der islamischen Welt an Einfluss gewannen, die eigene Kultur wertschätzen. Indes taten sie das Gegenteil: Indem sie zu einem vermeintlichen Uranfang zurückkehren wollten, vernachlässigten sie die Tradition nicht bloß, sondern bekämpften sie dezidiert. Wir wundern uns nur deshalb über den Bildersturm des „Islamischen Staates“, weil wir nicht mitbekommen haben, dass in Saudi-Arabien praktisch überhaupt keine Altertümer mehr stehen. In Mekka haben die Wahhabiten die Gräber und Moscheen der engsten Prophetenangehörigen, ja selbst das Geburtshaus des Propheten zerstört. Die historische Moschee des Propheten in Medina wurde durch einen gigantischen Neubau ersetzt, und wo bis vor wenigen Jahren noch das Haus stand, in dem Mohammed mit seiner Frau Khadija wohnte, steht heute ein öffentliches Klo.

Außer mit dem Koran beschäftigte ich mich während des Studiums hauptsächlich mit der islamischen Mystik, dem Sufismus. Mystik, das klingt nach etwas Randseitigem, nach Esoterik, nach einer Art Untergrundkultur. Nichts könnte mit Bezug auf den Islam falscher sein. Bis ins 20. Jahrhundert hinein war der Sufismus fast überall in der islamischen Welt die Grundlage der Volksfrömmigkeit. Im asiatischen Islam ist er es bis heute. Zugleich war die islamische Hochkultur, insbesondere die Dichtung, die bildende Kunst und die Architektur, durchdrungen vom Geist der Mystik. Als die geläufigste Form der Religiosität bildete der Sufismus das ethische und ästhetische Gegengewicht zur Orthodoxie der Rechtsgelehrten. Indem er an Gott vor allem die Barmherzigkeit hervorhob, im Koran hinter jeden Buchstaben sah, in der Religion stets die Schönheit suchte, die Wahrheit auch in anderen Glaubensformen erkannte und ausdrücklich vom Christentum das Gebot der Feindesliebe übernahm, durchdrang der Sufismus die islamischen Gesellschaften mit Werten, Geschichten und Klängen, die aus einer Buchstabenfrömmigkeit allein nicht abzuleiten gewesen wären. Der Sufismus als der gelebte Islam setzte den Gesetzesislam nicht etwa außer Kraft, aber er ergänzte ihn, machte ihn im Alltag weicher, ambivalenter, durchlässiger, toleranter und durch die Musik, den Tanz, die Poesie vor allem auch sinnlich erlebbar.

Kaum etwas davon ist übrig geblieben. Wo immer die Islamisten Fuß fassten, angefangen schon im 19. Jahrhundert im heutigen Saudi-Arabien bis zuletzt in Mali, machten sie zuerst den sufischen Festen ein Ende, verboten die mystischen Schriften, zerstörten die Gräber der Heiligen, schnitten den sufischen Führern die langen Haare ab oder töteten sie gleich. Aber nicht nur die Islamisten. Auch den Reformern und religiösen Aufklärern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts galten die Traditionen und Sitten des Volksislams als rückständig und veraltet. Nicht etwa sie haben das sufische Schrifttum ernst genommen, sondern es waren westliche Gelehrte, Orientalisten wie die Friedenspreisträgerin von 1995, Annemarie Schimmel, die die Handschriften ediert und damit vor der Vernichtung bewahrt haben. Und selbst heute noch beschäftigen sich nur sehr wenige muslimische Intellektuelle mit dem Reichtum, der in ihrer eigenen Tradition liegt. Die zerstörten, missachteten, vermüllten Altstädte mit ihren ruinierten Baudenkmälern überall in der islamischen Welt stellen den Verfall des islamischen Geistes ebenso sinnbildlich dar wie die größte Shopping-Mall der Welt, die in Mekka direkt neben der Kaaba gebaut wurde. Das muss man sich vor Augen halten, das kann man auf Bildern auch sehen: Das eigentliche Heiligtum des Islams, dieses so schlichte und herrliche Bauwerk, in dem der Prophet selbst betete, wird buchstäblich von Gucci und Apple überragt. Vielleicht hätten wir weniger auf den Islam unserer Großdenker als auf den Islam unserer Großmütter hören sollen.

Sicher, in manchen Ländern hat man begonnen, Häuser und Moscheen zu restaurieren, allerdings mussten erst westliche Kunsthistoriker oder auch verwestlichte Muslime wie ich kommen, die den Wert der Tradition erkannten. Und leider kamen wir ein Jahrhundert zu spät, als die Gebäude bereits zerfallen, die Bautechniken vergessen und die Bücher aus dem Gedächtnis radiert waren. Aber immerhin glaubten wir, Zeit zu haben, um die Dinge gründlich zu studieren. Inzwischen komme ich mir als Leser fast schon wie ein Archäologe in einem Kriegsgebiet vor, der eilig und keineswegs immer durchdacht die Relikte aufsammelt, auf dass spätere Generationen sie wenigstens noch museal betrachten können. Wohl bringen muslimische Länder immer noch überragende Werke hervor, wie sich auf Biennalen, Filmfestivals und ebenso auf der diesjährigen Buchmesse wieder zeigt. Aber mit dem Islam hat diese Kultur kaum noch etwas zu tun. Es gibt keine islamische Kultur mehr, jedenfalls keine von Rang. Was uns jetzt um die Ohren und auf die Köpfe fliegt, sind die Trümmer einer gewaltigen geistigen Implosion …

Gibt es Hoffnung? Es gibt bis zum letzten Atemzug Hoffnung, lehrt uns Pater Paolo, der Gründer der Gemeinschaft von Mar Musa. Hoffnung ist das zentrale Motiv seiner Schriften. Am Tag nach der Entführung seines Schülers und Vertreters strömten die Muslime von Qaryatein ungefragt in die Kirche und beteten für ihren Pater Jacques. Das muss auch uns Hoffnung geben, dass die Liebe über die Grenzen der Religionen, Ethnien und Kulturen hinaus wirkt. Der Schock, den die Nachrichten und Bilder des „Islamischen Staats“ erzeugt haben, ist gewaltig, und er hat Gegenkräfte freigesetzt. Endlich formiert sich auch innerhalb der islamischen Orthodoxie ein Widerstand gegen die Gewalt im Namen der Religion. Und schon seit einigen Jahren sehen wir, vielleicht weniger im arabischen Kernland des Islams als vielmehr an den Peripherien, in Asien, in Südafrika, in Iran, der Türkei und nicht zuletzt unter den Muslimen im Westen, wie sich ein neues religiöses Denken entwickelt. Auch Europa hat sich nach den beiden Weltkriegen neu geschaffen. Und vielleicht sollte ich angesichts der Leichtfertigkeit, der Geringschätzung und offenen Missachtung, die nicht nur unsere Politiker, nein, die wir als Gesellschaft seit einigen Jahren dem europäischen Projekt der Einigung entgegenbringen, dem politisch Wertvollsten, was dieser Kontinent je hervorgebracht hat – vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, wie oft ich bei meinem Reisen auf Europa angesprochen werde: als Modell, ja beinah schon als Utopie. Wer vergessen hat, warum es Europa braucht, muss in die ausgemergelten, erschöpften, verängstigten Gesichter der Flüchtlinge blicken, die alles hinter sich gelassen, alles aufgegeben, ihr Leben riskiert haben für die Verheißung, die Europa immer noch ist.

Das bringt mich zurück zur zweiten Formulierung Pater Jacques', die ich bemerkenswert fand, zu seinem Satz über die christliche Welt: „Wir bedeuten ihnen nichts.“ Als Muslim ist es nicht an mir, den Christen in der Welt vorzuwerfen, sich – wenn schon nicht um das syrische oder irakische Volk – nicht einmal um ihre eigenen Glaubensgeschwister zu bekümmern. Und doch ist es, was auch ich oft denke, wenn ich das Desinteresse unserer Öffentlichkeit an der schon endzeitlich anmutenden Katastrophe in jenem Osten erlebe, den wir uns durch Stacheldrahtzäune, Kriegsschiffe, Feindbilder und geistige Sichtblenden fernzuhalten versuchen. Nur drei Flugstunden von Frankfurt entfernt werden ganze Volksgruppen ausgerottet oder vertrieben, Mädchen versklavt, viele der wichtigsten Kulturdenkmäler der Menschheit in die Luft gesprengt, gehen Kulturen und mit den Kulturen auch eine uralte ethnische, religiöse und sprachliche Vielfalt unter, die sich anders als in Europa noch bis ins 21. Jahrhundert einigermaßen bewahrt hatte – aber wir versammeln uns und stehen erst auf, wenn eine der Bomben dieses Krieges uns selbst trifft wie am 7. und 8. Januar in Paris, oder wenn die Menschen, die vor diesem Krieg fliehen, an unsere Tore klopfen.

Es ist gut, dass unsere Gesellschaften, anders als nach dem 11. September 2001, dem Terror unsere Freiheit entgegengehalten haben. Es ist beglückend zu sehen, wie viele Menschen in Europa und besonders auch in Deutschland sich für Flüchtlinge einsetzen. Aber dieser Protest und diese Solidarität, sie bleiben noch zu oft unpolitisch. Wir führen keine breite gesellschaftliche Debatte über die Ursachen des Terrors und der Fluchtbewegung und inwiefern unsere eigene Politik vielleicht sogar die Katastrophe befördert, die sich vor unseren Grenzen abspielt. Wir fragen nicht, warum unser engster Partner im Nahen Osten ausgerechnet Saudi-Arabien ist. Wir lernen nicht aus unseren Fehlern, wenn wir einem Diktator wie General Sissi den roten Teppich ausrollen. Oder wir lernen die falschen Lektionen, wenn wir aus den desaströsen Kriegen im Irak oder in Libyen den Schluss ziehen, uns auch bei Völkermord besser herauszuhalten. Nichts ist uns eingefallen, um den Mord zu verhindern, den das syrische Regime seit vier Jahren am eigenen Volk verübt. Und ebenso haben wir uns abgefunden mit der Existenz eines neuen, religiösen Faschismus, dessen Staatsgebiet etwa so groß ist wie Großbritannien und von den Grenzen Irans bis fast ans Mittelmeer reicht. Nicht, dass es einfache Antworten darauf gäbe, wie eine Millionenstadt wie Mossul befreit werden könnte – aber wir stellen uns nicht einmal ernsthaft die Frage. Eine Organisation wie der „Islamische Staat“ mit hochgerechnet 30.000 Kämpfern ist für die Weltgemeinschaft nicht unbesiegbar – sie darf es nicht sein. „Heute sind sie bei uns“, sagte der katholische Bischof von Mossul, Yohanna Petros Mouche, als er den Westen und die Weltmächte um Hilfe bat, um den IS aus dem Irak zu vertreiben. „Heute sind sie bei uns. Morgen werden sie bei euch sein.“

Ich möchte mir nicht vorstellen, was noch geschehen muss, damit wir dem Bischof von Mossul rechtgeben. Denn es gehört zur propagandistischen Logik des „Islamischen Staates“, daß er mit seinen Bildern eine immer höhere Stufe des Horrors zündet, um in unser Bewusstsein zu dringen. Als wir uns nicht mehr über einzelne christliche Geiseln erregten, die den Rosenkranz beten, bevor sie geköpft werden, fing der IS an, ganze Gruppen von Christen zu enthaupten. Als wir die Enthauptungen von unseren Bildschirmen verbannten, fackelte der IS die Bilder aus dem Nationalmuseum von Mossul ab. Als wir uns an zertrümmerte Statuen gewöhnt hatten, begann der IS, ganze Ruinenstädte wie Nimrod und Ninive zu planieren. Als wir uns nicht mehr mit der Vertreibung der Yeziden beschäftigten, rüttelten uns kurz die Nachrichten von Massenvergewaltigungen wach. Als wir glaubten, der Schrecken beschränke sich auf den Irak und Syrien, erreichten uns die Snuffvideos aus Libyen und Ägypten. Als wir uns an die Enthauptungen und die Kreuzigungen gewöhnt hatten, wurden die Opfer erst enthauptet und dann gekreuzigt, wie zuletzt in Libyen. Palmyra wird nicht auf einmal, vielmehr Bauwerk und Bauwerk gesprengt, im Abstand von Wochen, um jedes Mal eine neue Nachricht zu produzieren. Das wird nicht aufhören. Der IS wird den Horror so lange steigern, bis wir in unserem europäischen Alltag sehen, hören und fühlen, dass dieser Horror nicht von selbst aufhören wird. Paris wird nur der Anfang gewesen sein, und Lyon nicht die letzte Enthauptung bleiben. Und je länger wir warten, desto weniger Möglichkeiten bleiben uns. Anders gesagt, ist es schon viel zu spät.“

https://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/die-preistraeger/2010-2019/navid-kermani

 

65 Jahre Grundgesetz (2014)

 

„Die Rede des Jahres 2014 hat Navid Kermani gehalten. Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen zeichnet den Schriftsteller und Orientalisten für seine Rede zum 65. Jubiläum des Grundgesetzes am 23. Mai im Deutschen Bundestag aus. In seiner Rede verbindet Kermani eine geistreiche Würdigung des Grundgesetzes mit einer deutlichen Kritik an der deutschen Flüchtlingspolitik. Sie endet mit einem bewegenden Dank an Deutschland. Navid Kermani gelingt eine intellektuell brillante, literarisch feinsinnige und emotional überzeugende Rede, die die Grenzen konventioneller Gedenkrhetorik sprengt.

Kermani wählt einen ungewöhnlichen Zugang. Er liest das Grundgesetz nicht als Rechtsdokument, sondern als ein Stück Literatur, als einen „bemerkenswert schönen Text“. So stellt er fest, dass die ersten beiden Sätze des Grundgesetzes ein Paradox bilden: „Denn wäre die Würde des Menschen unantastbar, wie es im ersten Satz heißt, müsste der Staat sie nicht achten und schon gar nicht schützen, wie es der zweite Satz verlangt.“ Das ist eine intellektuell brillante Beobachtung, an die er eine genaue Lektüre des Grundgesetzes anschließt. Kermani bewundert jedoch nicht nur die literarische Qualität des Grundgesetzes, sondern hebt es als hart erkämpften, seiner Zeit weit vorausgreifenden, visionären Entwurf hervor.

Bei dieser Würdigung, die für den Anlass ohne Zweifel mehr als ausreichend gewesen wäre, bleibt Kermani nicht stehen. Er schlägt vielmehr den Bogen zur Gegenwart, indem er die Gründungsväter des Grundgesetzes, die Mitglieder des Parlamentarischen Rates, von einer imaginären „himmlischen Ehrentribüne“ aus auf die Gedenkstunde blicken lässt. Fast unmerklich verwandelt Kermani das Lob der Gründungsväter in eine Kritik an ihren Enkeln. Er mahnt die vor ihm sitzenden Politiker, „ihr Handeln nicht nach Umfragen, sondern nach ihren Überzeugungen“ auszurichten. Und er formuliert eine scharfe Kritik an der „Entstellung“ des Asylrechts: Im Jahr 1993 habe Deutschland das Grundrecht auf Asyl „praktisch abgeschafft“ und dies hinter „einer monströsen Verordnung aus 275 Wörtern, die wüst aufeinandergestapelt“ wurden, versteckt. Kermani fordert die Abgeordneten auf, im Angesicht drängender Probleme wie Flucht, Vertreibung, Immigration und religiöser Intoleranz, den Artikel 16 wieder in ein Grundrecht auf Asyl zurückzuverwandeln.

Die Vorstellung der himmlischen Ehrentribüne lässt Kermani aber auch versöhnliche Töne anstimmen, indem er den leisen, bescheidenen Verfassungspatriotismus der Deutschen hervorhebt und ihn wieder in der Form des Paradoxes beschreibt: „Dieser Staat hat Würde durch einen Akt der Demut erlangt.“ Diese Sentenz bereitet eine eindringliche und bewegende Schlusspassage vor, in der sich Kermani als Sohn von iranischen Einwanderern im Namen seiner Familie, aber auch vieler anderer Einwanderer symbolisch vor Deutschland verneigt mit den Worten „Danke, Deutschland“. Dem Redner gelingt auf diese Weise ein rhetorisches Glanzstück: Er lässt sich nicht auf die Rolle des Intellektuellen oder diejenige des Schriftstellers oder diejenige des Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft reduzieren, sondern bringt alle Facetten seiner Person gleichgewichtig und überzeugend in die Rede ein. Durch die besonnene und gelehrte Vortragsweise entwirft er gleichzeitig ein Gegenbild zu manchen ansonsten an diesem Pult gehaltenen Reden.

Kermanis Rede überzeugt durch eine abwägende und anregende Verbindung der klassischen Aufgaben von Lob und Tadel. Sein Ton ist leise, aber bestimmt, seine Sprache anschaulich, wohlkomponiert und eindringlich, seine Argumentation bestechend und seine persönliche Geste glaubwürdig und bewegend. Kermani zeigt sich als ein gewandter und gebildeter, sympathischer und anrührender Redner, der das Gedenken ans Grundgesetz dafür nutzt, dem Parlament auf eine besonnene und beharrliche Weise den Spiegel vorzuhalten. Mit seiner Rede beleuchtet Kermani die Grundlagen unseres Selbstverständnisses und preist das Grundgesetz als größte Errungenschaft unserer Republik. 

https://uni-tuebingen.de/newsfullview-landingpage/article/rede-des-jahres-2014-hielt-navid-kermani/

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=hj_7dZO3pSs

 

„Sehr geehrte Herren Präsidenten! Frau Bundeskanzlerin! Meine Damen und Herren Abgeordnete! Exzellenzen! Liebe Gäste!

Das Paradox gehört nicht zu den üblichen Ausdrucksmitteln juristischer Texte, die schließlich größtmögliche Klarheit anstreben. Einem Paradox ist notwendig der Rätselcharakter zu eigen, ja, es hat dort seinen Platz, wo Eindeutigkeit zur Lüge geriete. Deshalb ist es eines der gängigsten Mittel der Poesie.

Und doch beginnt ausgerechnet das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland mit einem Paradox. Denn wäre die Würde des Menschen unantastbar, wie es im ersten Satz heißt, müsste der Staat sie nicht achten und schon gar nicht schützen, wie es der zweite Satz verlangt. Die Würde existierte unabhängig und unberührt von jedweder Gewalt. Mit einem einfachen, auf Anhieb kaum merklichen Paradox die Würde ist unantastbar und bedarf dennoch des Schutzes kehrt das Grundgesetz die Prämisse der vorherigen deutschen Verfassungen ins Gegenteil um und erklärt den Staat statt zum Telos nunmehr zum Diener der Menschen, und zwar grundsätzlich aller Menschen, der Menschlichkeit im emphatischen Sinn. Sprachlich ist das man mag es nicht als brillant bezeichnen, weil man damit einen eminent normativen Text ästhetisierte – es ist vollkommen, nichts anderes.

Überhaupt wird man die Wirkmächtigkeit, den schier unfassbaren Erfolg des Grundgesetzes nicht erklären können, ohne auch seine literarische Qualität zu würdigen. Jedenfalls in seinen wesentlichen Zügen und Aussagen ist es ein bemerkenswert schöner Text und sollte es sein. Bekanntlich hat Theodor Heuss die ursprüngliche Fassung des ersten Artikels mit dem Argument verhindert, dass sie schlechtes Deutsch sei. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ hingegen ist ein herrlicher deutscher Satz, so einfach, so schwierig, auf Anhieb einleuchtend und doch von umso größerer Abgründigkeit, je öfter man seinen Folgesatz bedenkt: Sie muss dennoch geschützt werden. Beide Sätze können nicht gleichzeitig wahr sein, aber sie können sich gemeinsam, nur gemeinsam, bewahrheiten und haben sich in Deutschland in einem Grade bewahrheitet, wie es am 23. Mai 1949 kaum jemand für möglich gehalten hätte. Im deutschen Sprachraum vielleicht nur mit der Luther-Bibel vergleichbar, hat das Grundgesetz Wirklichkeit geschaffen durch die Kraft des Wortes.

„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“: Wie abwegig muss den meisten Deutschen, die sich in den Trümmern ihrer Städte und Weltbilder ums nackte Überleben sorgten, wie abwegig muss ihnen die Aussicht erschienen sein, so etwas Luftiges wie die eigene Persönlichkeit zu entfalten. Aber was für ein verlockender Gedanke es zugleich war!

„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“: Die Juden, die Sinti und Roma, die Homosexuellen, die Behinderten, überhaupt alle Randseiter, Andersgesinnten und Fremden, sie waren ja vor dem Gesetz gerade nicht gleich - also mussten sie es werden.

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt“: Der Wochen und Monate währende Widerstand just gegen diesen Artikel zeigt am deutlichsten, dass Männer und Frauen 1949 noch keineswegs als gleichberechtigt galten; seine Wahrheit wurde dem Satz erst in der Anwendung zuteil.

„Die Todesstrafe ist abgeschafft“: Das war gerade nicht der Mehrheitswunsch der Deutschen, die in einer Umfrage zu drei Vierteln für die Beibehaltung der Todesstrafe plädierten, und wird heute weithin bejaht.

„Alle Deutschen genießen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet“: Der Satz war den Mitgliedern des Parlamentarischen Rates angesichts der Flüchtlingsnot und des Wohnungsmangels fast peinlich und gilt 65 Jahre später nicht nur im wiedervereinigten Deutschland, sondern in halb Europa. Der Bund kann „in die Beschränkungen seiner Hoheitsrechte einwilligen, die eine friedliche und dauerhafte Ordnung in Europa“ herbeiführen. Das dachte 1949! ein vereinigtes Europa, ja: die Vereinigten Staaten von Europa voraus.

Und so weiter: das Diskriminierungsverbot, die Religionsfreiheit, die Freiheit von Kunst und Wissenschaft, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit – das waren, als das Grundgesetz vor 65 Jahren verkündet wurde, eher Bekenntnisse, als dass sie die Wirklichkeit in Deutschland beschrieben hätten. Und es sah zunächst keineswegs danach aus, als würde der Appell, der in diesen so schlichten wie eindringlichen Glaubenssätzen lag, von den Deutschen gehört.

Das Interesse der Öffentlichkeit am Grundgesetz war aus heutiger Sicht beschämend gering, die Zustimmung innerhalb der Bevölkerung marginal. Befragt, wann es Deutschland am besten gegangen sei, entschieden sich noch 1951 in einer repräsentativen Umfrage 45 Prozent der Deutschen für das Kaiserreich, 7 Prozent für die Weimarer Republik, 42 Prozent für die Zeit des Nationalsozialismus und nur 2 Prozent für die Bundesrepublik. 2 Prozent! Wie froh müssen wir sein, dass am Anfang der Bundesrepublik Politiker standen, die ihr Handeln nicht nach Umfragen, sondern nach ihren Überzeugungen ausrichteten.

(Beifall)

Und heute? Ich habe keinen Zweifel, dass die Mitglieder des Parlamentarischen Rates, sollten sie unsere Feststunde von der himmlischen Ehrentribüne aus verfolgen, zufrieden und sehr erstaunt wären, welche Wurzeln die Freiheit innerhalb der letzten 65 Jahre in Deutschland geschlagen hat. Und wahrscheinlich würden sie auch die Pointe bemerken und zustimmend nicken, dass heute ein Kind von Einwanderern an die Verkündung des Grundgesetzes erinnert, das noch dazu einer anderen als der Mehrheitsreligion angehört. Es gibt nicht viele Staaten auf der Welt, in denen das möglich wäre. Selbst in Deutschland wäre es vor noch gar nicht langer Zeit, sagen wir am 50. Jahrestag des Grundgesetzes, schwer vorstellbar gewesen, dass ein Deutscher die Festrede im Bundestag hält, der nicht nur deutsch ist.

In dem anderen Staat, dessen Pass ich besitze, ist es trotz aller Proteste und aller Opfer für die Freiheit undenkbar geblieben. Aber, das möchte ich von diesem Pult aus ebenfalls sagen, sehr geehrte Herren Präsidenten, Frau Bundeskanzlerin, meine Damen und Herren Abgeordnete, liebe Gäste und nicht zuletzt Seine Exzellenz, der Botschafter der Islamischen Republik, der heute ebenfalls auf der Tribüne, obschon nicht der himmlischen, sitzt: Es wird keine 65 Jahre und nicht einmal 15 Jahre dauern, bis auch im Iran ein Christ, ein Jude, ein Zoroastrier oder ein Bahai wie selbstverständlich die Festrede in einem frei gewählten Parlament hält.

(Beifall)

„Dies ist ein gutes Deutschland, das beste, das wir kennen“, sagte vor kurzem der Bundespräsident. Ich kann dem nicht widersprechen. Welchen Abschnitt der deutschen Geschichte ich mir auch vor Augen halte, in keinem ging es freier, friedlicher und toleranter zu als in unserer Zeit. Trotzdem flösse der Satz des Bundespräsidenten mir selbst nicht so glatt über die Lippen. Warum ist das so? Man könnte das Unbehagen, den Stolz auf das eigene Land auszusprechen, als typisch deutschen Selbsthass abtun und hätte doch genau den Grund übersehen, warum die Bundesrepublik lebens- und sogar liebenswert geworden ist.

Denn wann und wodurch hat Deutschland, das für seinen Militarismus schon im 19. Jahrhundert beargwöhnte und mit der Ermordung von 6 Millionen Juden vollständig entehrt scheinende Deutschland, wann und wodurch hat es seine Würde wiedergefunden? Wenn ich einen einzelnen Tag, ein einzelnes Ereignis, eine einzige Geste benennen wollte, für die in der deutschen Nachkriegsgeschichte das Wort „Würde“ angezeigt scheint, dann war es und ich bin sicher, dass eine Mehrheit im Bundestag, eine Mehrheit der Deutschen und erst recht eine Mehrheit dort auf der himmlischen Tribüne mir jetzt zustimmen wird – dann war es der Kniefall von Warschau.

(Beifall)

Das ist noch merkwürdiger als das Paradox, mit dem das Grundgesetz beginnt, und wohl beispiellos in der Geschichte der Völker: Dieser Staat hat Würde durch einen Akt der Demut erlangt. Wird nicht das Heroische gewöhnlich mit Stärke assoziiert, mit Männlichkeit und also auch physischer Kraft und am allermeisten mit Stolz? Hier jedoch hatte einer Größe gezeigt, indem er seinen Stolz unterdrückte und Schuld auf sich nahm, noch dazu Schuld, für die er persönlich, als Gegner Hitlers und Exilant, am wenigsten verantwortlich war: Hier hatte einer seine Ehre bewiesen, indem er sich öffentlich schämte. Hier hatte einer seinen Patriotismus so verstanden, dass er vor den Opfern Deutschlands auf die Knie ging.

Ich neige vor Bildschirmen nicht zu Sentimentalität, und doch ging es mir wie so vielen, als zu seinem 100. Geburtstag die Aufnahmen eines deutschen Kanzlers wiederholt wurden, der vor dem Ehrenmal im ehemaligen Warschauer Ghetto zurücktritt, einen Augenblick zögert und dann völlig überraschend auf die Knie fällt - ich kann das bis heute nicht sehen, ohne dass mir Tränen in die Augen schießen. Und das Seltsame ist: Es sind neben allem anderen, neben der Rührung, der Erinnerung an die Verbrechen, dem jedes Mal neuen Staunen, auch Tränen des Stolzes, des sehr leisen und doch bestimmten Stolzes auf eine solche Bundesrepublik Deutschland.

(Beifall)

Sie ist das Deutschland, das ich liebe, nicht das großsprecherische, nicht das kraftmeiernde, nicht das Stolz-ein-Deutscher-zu-sein-und-Europa-spricht-endlich-deutsch-Deutschland, vielmehr eine Nation, die über ihre Geschichte verzweifelt, die bis hin zur Selbstanklage mit sich ringt und hadert, zugleich am eigenen Versagen gereift ist, die nie mehr den Prunk benötigt, ihre Verfassung bescheiden „Grundgesetz“ nennt und dem Fremden lieber eine Spur zu freundlich, zu arglos begegnet, als jemals wieder der Fremdenfeindlichkeit, der Überheblichkeit zu verfallen.

Es wird oft gesagt - und ich habe Redner das auch von diesem Pult aus sagen hören -, dass die Deutschen endlich wieder ein normales, ein unverkrampftes Verhältnis zu ihrer Nation haben sollten, jetzt, da der Nationalsozialismus doch nun lange genug bewältigt sei. Ich frage mich dann immer, was die Redner meinen: Es gab dieses normale und unverkrampfte Verhältnis nie, auch nicht vor dem Nationalsozialismus. Es gab einen übersteigerten, aggressiven Nationalismus, und es gab als gegenläufige Bewegung eine deutsche Selbstkritik, ein Plädoyer für Europa, eine Wendung ins Weltbürgertum und übrigens auch zur Weltliteratur, die in ihrer Entschlossenheit jedenfalls im 19. Jahrhundert einzigartig war.

„Ein guter Deutscher kann kein Nationalist sein.“

Das sagte Willy Brandt in seiner Nobelpreisrede voller Selbstbewusstsein. Und weiter:

„Ein guter Deutscher weiß, daß er sich einer europäischen Bestimmung nicht versagen kann. Durch Europa kehrt Deutschland heim zu sich selbst und den aufbauenden Kräften seiner Geschichte.“

(Beifall)

Seit dem 18. Jahrhundert, spätestens seit Lessing, der den Patriotismus verachtete und als erster Deutscher das Wort „Kosmopolit“ verwendete, stand die deutsche Kultur häufig in einem antipodischen Verhältnis zur Nation. Goethe und Schiller, Kant und Schopenhauer, Hölderlin und Büchner, Heine und Nietzsche, Hesse und die Brüder Mann - sie alle haben mit Deutschland gehadert, haben sich als Weltbürger gesehen und an die europäische Einigung geglaubt, lange bevor die Politik das Projekt entdeckte.

Es ist diese kosmopolitische Linie deutschen Geistes, die Willy Brandt fortführte - nicht nur mit seinem Kampf gegen den deutschen Nationalismus und für ein vereintes Europa, ebenso in seinem frühen Plädoyer für eine „Weltinnenpolitik“, in seinem Engagement für die Nord-Süd-Kommission und während seines Vorsitzes der Sozialistischen Internationale. Und es wirft dann vielleicht doch kein so günstiges Licht auf das heutige Deutschland, wenn bei den Fernsehduellen vor der Bundestagswahl nach der Außenpolitik so gut wie nicht mehr gefragt wird oder ein Verfassungsorgan die Bedeutung der anstehenden Europawahl bagatellisiert,

(Beifall)

wenn die Entwicklungshilfe eines wirtschaftlich so starken Landes noch unter dem Durchschnitt der OECD-Staaten liegt - oder Deutschland von 9 Millionen Syrern, die im Bürgerkrieg ihre Heimat verloren haben, gerade mal 10 000 aufnimmt.

(Beifall)

Schließlich bedeutet das Engagement in der Welt, für das Willy Brandt beispielhaft steht, im Umkehrschluss auch mehr Offenheit für die Welt. Wir können das Grundgesetz nicht feiern, ohne an die Verstümmelungen zu erinnern, die ihm hier und dort zugefügt worden sind. Auch im Vergleich mit den Verfassungen anderer Länder wurde der Wortlaut ungewöhnlich häufig verändert, und es gibt nur wenige Eingriffe, die dem Text gutgetan haben. Was der Parlamentarische Rat bewusst im Allgemeinen und Übergeordneten beließ, haben der Bundestag und der Bundesrat bisweilen mit detaillierten Regelungen befrachtet. Nicht nur sprachlich am schwersten wiegt die Entstellung des Artikels 16.

(Beifall)

Ausgerechnet das Grundgesetz, in dem Deutschland seine Offenheit auf ewig festgeschrieben zu haben schien, sperrt heute diejenigen aus, die auf unsere Offenheit am dringlichsten angewiesen sind: die politisch Verfolgten. Ein wundervoll bündiger Satz „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“ geriet 1993 zu einer monströsen Verordnung aus 275 Wörtern, die wüst aufeinandergestapelt und fest ineinander verschachtelt wurden, nur um eines zu verbergen: dass Deutschland das Asyl als Grundrecht praktisch abgeschafft hat.

(Beifall)

Muss man tatsächlich daran erinnern, dass auch Willy Brandt, bei dessen Nennung viele von Ihnen quer durch die Reihen beifällig genickt haben, ein Flüchtling war, ein Asylant?

Auch heute gibt es Menschen, viele Menschen, die auf die Offenheit anderer, demokratischer Länder existentiell angewiesen sind. Und Edward Snowden, dem wir für die Wahrung unserer Grundrechte viel verdanken, ist einer von ihnen.

(Beifall)

Andere ertrinken im Mittelmeer jährlich mehrere Tausend , also mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auch während unserer Feststunde. Deutschland muss nicht alle Mühseligen und Beladenen der Welt aufnehmen; aber es hat genügend Ressourcen, politisch Verfolgte zu schützen, statt die Verantwortung auf die sogenannten Drittstaaten abzuwälzen.

(Beifall)

Und es sollte aus wohlverstandenem Eigeninteresse anderen Menschen eine faire Chance geben, sich um die Einwanderung legal zu bewerben, damit sie nicht auf das Asylrecht zurückgreifen müssen.

(Beifall)

Denn von einem einheitlichen europäischen Flüchtlingsrecht, mit dem 1993 die Reform begründet wurde, kann auch zwei Jahrzehnte später keine Rede sein, und schon sprachlich schmerzt der Missbrauch, der mit dem Grundgesetz getrieben wird. Dem Recht auf Asyl wurde sein Inhalt, dem Artikel 16 seine Würde genommen.

(Beifall)

Möge das Grundgesetz spätestens bis zum 70. Jahrestag seiner Verkündung von diesem hässlichen, herzlosen Fleck gereinigt sein, verehrte Abgeordnete.

(Beifall)

Dies ist ein gutes Deutschland, das beste, das wir kennen. Statt sich zu verschließen, darf es stolz darauf sein, dass es so anziehend geworden ist.

Meine Eltern sind nicht aus Iran geflohen. Aber nach dem Putsch gegen die demokratische Regierung Mossadegh 1953 waren sie wie viele Iraner ihrer Generation froh, in einem freieren, gerechteren Land studieren zu können. Nach dem Studium haben sie Arbeit gefunden. Sie haben Kinder, Kindeskinder und sogar Urenkel aufwachsen sehen. Sie sind alt geworden in Deutschland. Diese ganze große Familie 26 Menschen inzwischen, wenn ich nur die direkten Nachkommen und Angeheirateten zähle ist glücklich geworden in diesem Land. Und nicht nur wir: Viele Millionen Menschen sind seit dem Zweiten Weltkrieg in die Bundesrepublik eingewandert, die Vertriebenen und Aussiedler berücksichtigt mehr als die Hälfte der heutigen Bevölkerung. Das ist auch im internationalen Vergleich eine gewaltige demografische Veränderung, die das Land innerhalb einer einzigen Generation zu bewältigen hatte, und ich meine, dass Deutschland sie insgesamt gut bewältigt hat.

Es gibt, gerade in den Ballungsräumen, kulturelle, religiöse und vor allem soziale Konflikte. Es gibt Ressentiments bei Deutschen, und es gibt Ressentiments bei denen, die nicht nur deutsch sind. Leider gibt es auch Gewalt und sogar Terror und Mord. Aber aufs Ganze betrachtet geht es in Deutschland ausgesprochen friedlich, immer noch verhältnismäßig gerecht und sehr viel toleranter zu als noch in den 90er-Jahren. Ohne es eigentlich zu merken, hat die Bundesrepublik und da spreche ich noch gar nicht von der Wiedervereinigung eine grandiose Integrationsleistung vollbracht.

Vielleicht hat es hier und dort an Anerkennung gefehlt, einer deutlichen, öffentlichen Geste besonders der Generation meiner Eltern, der Gastarbeitergeneration gegenüber, wie viel sie für Deutschland geleistet hat.

(Beifall)

Doch umgekehrt haben vielleicht auch die Einwanderer nicht immer genügend deutlich gemacht, wie sehr sie die Freiheit schätzen, an der sie in Deutschland teilhaben,

(Beifall)

den sozialen Ausgleich, die beruflichen Chancen, kostenlose Schulen und Universitäten, übrigens auch ein hervorragendes Gesundheitssystem, Rechtsstaatlichkeit, eine bisweilen quälende und doch so wertvolle Meinungsfreiheit, die freie Ausübung der Religion.

So möchte ich zum Schluss meiner Rede tatsächlich einmal in Stellvertretung sprechen, und im Namen von - nein, nicht im Namen von allen Einwanderern, nicht im Namen von Djamaa Isu, der sich fast auf den Tag genau vor einem Jahr im Erstaufnahmelager Eisenhüttenstadt mit einem Gürtel erhängte aus Angst, ohne Prüfung seines Asylantrages in ein sogenanntes Drittland abgeschoben zu werden, nicht im Namen von Mehmet Kubasik und den anderen Opfern des Nationalsozialistischen Untergrunds, die von den ermittelnden Behörden und den größten Zeitungen des Landes über Jahre als Kriminelle verleumdet wurden, nicht im Namen auch nur eines jüdischen Einwanderers oder Rückkehrers, der die Ermordung beinahe seines ganzen Volkes niemals für bewältigt halten kann -, aber doch im Namen von vielen, von Millionen Menschen, im Namen der Gastarbeiter, die längst keine Gäste mehr sind, im Namen ihrer Kinder und Kindeskinder, die wie selbstverständlich mit zwei Kulturen und endlich auch zwei Pässen aufwachsen, im Namen meiner Schriftstellerkollegen, denen die deutsche Sprache ebenfalls ein Geschenk ist, im Namen der Fußballer, die in Brasilien alles für Deutschland geben werden, auch wenn sie die Nationalhymne nicht singen,

(Beifall)

im Namen auch der weniger Erfolgreichen, der Hilfsbedürftigen und sogar der Straffälligen, die gleichwohl - genauso wie die Özils und Podolskis - zu Deutschland gehören, im Namen zumal der Muslime, die in Deutschland Rechte genießen, die zu unserer Beschämung Christen in vielen islamischen Ländern heute verwehrt sind, im Namen also auch meiner frommen Eltern und einer inzwischen 26-köpfigen Einwandererfamilie möchte ich sagen und mich dabei auch wenigstens symbolisch verbeugen: Danke, Deutschland.

(Langanhaltender Beifall - Die Anwesenden erheben sich)“

https://www.bundestag.de/webarchiv/textarchiv/2014/280688-280688

 

Keine Unterwerfung!

 

Aus dem Buch „Wer ist Wir? – Deutschland und seine Muslime“:

„… Gelernt habe ich allerdings auch, dass Integration dort gelingt, wo die heimische – also auf der Schule meiner Tochter: katholische und kölsche – Kultur nicht schamhaft in den Hintergrund gerückt, sondern gepflegt und selbstbewusst vertreten wird. Aus Furcht vor den Reaktionen muslimischer Eltern nicht mehr Advent zu feiern, wie es in manchen Kindergärten oder Schulen geschieht, ist mit Sicherheit das falsche Signal. Es geht nicht darum, sich selbst zu verleugnen, sondern den anderen zu achten. Wer sich selbst nicht respektiert, kann keinen Respekt erwarten“.

 

Zum Stadtbild

 

Im Gespräch mit Joachim Frank über das Kölner Stadtbild im März 2025:

Herr Kermani, bereits vor der aktuellen Debatte über den Zustand Kölns haben Sie über die „Verwahrlosung in vielen deutschen Innenstädten“ geschrieben. Damit meinten Sie doch bestimmt auch Köln, oder?

Ja, schon. Ich lebe ja mittendrin, am Eigelstein, ganz nah am Ebertplatz, da erlebe ich das hautnah mit.

Die Weltordnung gerät aus den Fugen – und wir reden über das Straßenbild in Köln. Ist das angemessen?

Ich sehe keinen Widerspruch darin, auf das eigene unmittelbare Umfeld zu blicken und zugleich auf die Welt. Vielleicht gibt es sogar einen Zusammenhang zwischen dem Kleinen und dem Großen. 

Nämlich?

Erst einmal: Die Probleme im öffentlichen Raum sind nicht auf Köln beschränkt. Die Probleme in den Innenstädten sind überall in Deutschland ähnlich: Drogenhandel, Obdachlosigkeit, Kriminalität, Vermüllung, Leerstand, Elendsprostitution und so weiter. In Köln ist das allenfalls noch etwas offenkundiger als anderswo. Aber auch in anderen Innenstädten kann der Staat wesentlichen Aufgaben nicht mehr nachkommen: Ordnung im öffentlichen Raum, eine funktionierende Infrastruktur, gut ausgestattete Schulen, Sicherheit, Sauberkeit, eine breite Kulturförderung. Da muss man sich fragen: Warum ist das so? Ist es die finanzielle Ausstattung der Kommunen? Der mangelnde Gemeinsinn? Das Elend der Welt, das bei uns einzieht? Die Probleme im öffentlichen Raum sind nicht auf Köln beschränkt. 

Was denken Sie?

Ich weiß es nicht. Ich weise nur darauf hin, dass es eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung ist, und vielleicht würde es schon helfen, sich anzuschauen, wie andere große Kommunen damit umgehen und was die politischen Ursachen sind. Denn abgesehen von den Unannehmlichkeiten für die Anwohner selbst bieten diese Brennpunkte genau die Bilder und erzeugen genau die Ängste, die sich Rechtsextremisten und Demokratiefeinde zunutze machen: „Schaut euch doch an, wie es bei uns aussieht!“

Das ist auch das das, was in den russischen Medien rauf und runter erzählt wird oder seit neuestem eben von Elon Musk oder J. D. Vance: der Verfall Deutschlands, der Verfall Europas. Bestimmte Problemviertel – die es gibt – werden zum Ausweis eines allgemeinen Niedergangs genommen. Dass es in den allermeisten Gegenden weiterhin sehr kommod zugeht und manche andere Viertel sogar prosperieren, wird in dieser Propaganda natürlich ausgeblendet.

Stimmungsmache mit einem sachlichen Kern?

Die einen warnen vor Überfremdung, das ist nicht neu. Was relativ neu ist: Der Ruf aus Amerika, in den ja sogar die bürgerliche FDP einstimmt, nach Disruption, nach Abbau des Staates. Dabei ist es zumindest auf kommunaler Ebene offensichtlich, dass der Staat nicht zu stark, sondern im Gegenteil inzwischen viel zu schwach ausgestattet ist, um den Problemen zu begegnen. Und wenn Sie die Infrastruktur nehmen, Bahnschienen, Brücken, das Bildungssystem und so weiter, dann wirkt der Staat auch auf den höheren Ebenen oft nicht mehr ausreichend handlungsfähig.

Gleichzeitig werden aber einzelne globale Unternehmen immer mächtiger, gibt es auch in Deutschland immer mehr Milliardäre, geht die Schere von arm und reich überall auf der Welt weiter auseinander, und der reichste Mann von allen, der allein so viel Vermögen besitzt so groß wie der gesamte deutsche Haushalt, führt einen Kampf, um überall öffentliche Verwaltungen zu zerschlagen und Regulierungen abzubauen – letztlich um das freiwerdende Geschäft zu übernehmen. Und Musk bedient dabei bewusst nicht nur die Narrative von Rechtsextremisten, sondern befördert diese durch Gelder, Falschinformationen, Informationssteuerung in den sozialen Netzwerken. 

Und wenn Sie das auf Köln herunterbrechen?

Dann sind da ältere Menschen wie meine Mutter, die, wenn sie U-Bahn fahren, mit ihrem Rollator in Köln jeden Tag vor einer defekten Rolltreppe, einem defekten Aufzug stehen, während gleichzeitig allein im Jahr 2024 der Dax um 15 Prozent geklettert ist. Das passt einfach nicht zusammen, damit sollte man sich nicht abfinden.

Die künftigen Koalitionspartner CDU/CSU und SPD wollen jetzt sehr, sehr viel Geld in die Hand nehmen, um Problemen abzuhelfen, wie Sie sie eben beschrieben haben.

Und häufen gigantische Schulden an, mit denen die nachfolgenden Generationen klarkommen müssen. Aber ich sehe gerade auch keine Alternative, als Geld in die Hand zu nehmen, um den Staat in den Stand zu setzen, dass er seinen wesentlichen Aufgaben nachkommen kann. Allerdings sehe ich nicht, dass die künftigen Koalitionäre wirklich die Finanzausstattung der Kommunen angehen, die aus dem Lot geraten ist, besonders in Westdeutschland. In Ostdeutschland wurde nach der Einheit viel investiert, das zeigt sich heute im Stadtbild, wenn man durch Städte wie Schwerin, Dresden oder auch viele kleine Städte wie Meiningen, Görlitz oder Weimar geht, wo ich zuletzt war. Im Vergleich wirken Kommunen wie Gelsenkirchen, Duisburg, aber auch eine Millionenstadt wie Köln geradezu abgehängt.

Geht es denn nur um Geld?

Womöglich hat sich auch etwas im Verhältnis von individueller Freiheit und Gemeinsinn verschoben. Der Mensch ist ja beides, Individuum und Gemeinschaftswesen, und das sollte einigermaßen im Ausgleich sein. Im 20. Jahrhundert haben wir gerade in Deutschland auf fürchterliche Weise erlebt, was passiert, wenn kollektive Werte überbetont werden. Im Islamismus oder anderen Ideologen geschieht es ebenfalls. Zuletzt ist im kapitalistischen System des Westens vielleicht etwas in die andere Richtung ins Ungleichgewicht geraten, zugunsten eines überbetonten Individualismus.

Die dauernde Selbstbespiegelung im Identitätsdiskurs – wie geht es mir, was tut mir gut, welche genaue Benennung der ethnischen, religiösen oder sexuellen Identität ist die richtige? – ist die Kehrseite davon. Einerseits sehen wir, dass man sich viel schneller von anderen verletzt fühlt und daher ständig achtgeben soll. Darin steckt durchaus auch ein Narzissmus. Andererseits erleben jetzt auf der Weltbühne Anführer, denen offenkundig alles egal ist, was nicht zu ihrem eigenen Vorteil ist. In beiden Fällen, nur sozusagen spiegelverkehrt, sehe ich eine Übermäßigkeit des eigenen Ichs. Ein Mann wie Donald Trump ist einerseits Rollenmodell, andererseits aber auch Verkörperung von Verhaltensweisen und Antrieben, die sich in der Gesellschaft insgesamt ausbreiten.

Der Trump in uns allen?

Trump ist – das wird man sagen können – ein Narzisst durch und durch. 

So, und wenn Sie jetzt mal den Eigelstein heranzoomen… 

… dann beobachte ich auch da Männer, die einfach irgendwo hinpinkeln, egal ob da Kinder sind, Frauen, Passanten. Es ist ihnen – Verzeihung! - scheißegal. Und wenn man sie darauf hinweist, dass das widerlich ist, wird man auch noch beschimpft. Ich denke dann jedes Mal: Noch so ein Mini-Trump! Ich verstehe nicht, warum man diese Wildpinkler nicht konsequent sanktioniert, die zu einer Plage geworden sind, oft ganz normale Männer im Geschäftsanzug. Verwahrlosung ist offenkundig kein exklusives Problem der sogenannten Unterschicht oder einer fremden Kultur. Oder die E-Roller, die quer auf dem schmalen Bürgersteig abgestellt sind, jeder kennt das, jeder ärgert sich – wieso macht man so etwas? Ich verstehe diese Rücksichtslosigkeit nicht. Aber ich verstehe auch die Stadt Köln nicht, dass sie die E-Roller nicht wie andere Städte verbietet oder zumindest reguliert, also ihnen Abstellzonen zuweist. Bei den DB-Rädern geht das doch auch. Oder dass jeder immer überall glaubt, saufen zu müssen. Und wenn er gesoffen hat, sich eben zu erbrechen, was etwa in unserem Hauseingang inzwischen nicht mehr nur im Karneval geschieht.

Sie sagen, das ist schlimmer geworden?

Es gibt Trinker, die aus Osteuropa nach Köln reisen – mit dem einzigen Ziel, sich hier gemeinschaftlich ein paar Wochen lang volllaufen zu lassen. Das kann man rund um den Bahnhof und hier am Eigelstein regelmäßig morgens und mittags besichtigen, wenn die Schulkinder vorbeigehen. Die betteln nicht einmal, die saufen nur. Warum die nicht zuhause trinken – keine Ahnung. Aber es sind jedenfalls keine Flüchtlinge. Es gibt eine aggressive Drogenszene, in der viele Händler oft selbst Junkies sind, dem Augenschein und dem Sprachduktus nach Araber und Afrikaner. Mir ist unerklärlich, warum eine Gesellschaft das klaglos hinnimmt. Mit Willkommenskultur hat Toleranz gegenüber Drogendealern jedenfalls nichts zu tun. Das ist speziell für Frauen nochmal ein größeres Problem als für Männer, wenn sie abends von der U-Bahn nach Hause gehen wollen.

Hat sich auch da etwas verändert?

Der Eigelstein war – seit ich hier lebe – nie ein gelecktes Viertel. Im Grunde bin ich genau deshalb hierhin gezogen. Es gibt ja auch einen Gegenwert: die tollen Kneipen und Restaurants, die bis spät in die Nacht noch offen sind, eine lebendige Kulturszene, die Buntheit, die vielen Sprachen, ein erstaunlich guter Zusammenhalt, mit dem Platz vor der Torburg der schönste Platz Kölns, dazu die Nähe zum Rhein. Manchmal frage ich mich, ob ich einfach nur älter geworden bin und Dinge heute als störend empfinde, die ich früher okay fand. Aber nein, ich glaube: Wildpinkler hätte ich immer schon ekelhaft gefunden, und die Obdachlosen, die Säufer, die offenkundig drogenabhängigen jungen Frauen, die für ein paar Euro ihren Körper anbieten, so dass man nur heulen möchte – das gab es früher nicht oder jedenfalls nicht in diesem Ausmaß. Außerdem wurde ich auch von anderen in meinem Viertel zuletzt immer häufiger angesprochen: Du hast eine Stimme, sag doch mal was!

Und jetzt reden Sie?

Ich habe mich schon vor geraumer Zeit an die OB gewandt – in einem persönlichen Brief, weil ich in ihr nicht die Schuldige sehe. Im Gegenteil, ich weiß, dass das Problem sie ebenfalls umtreibt. Tatsächlich hat sie auch direkt reagiert, und wir haben gemeinsam überlegt. Aber ehrlich gesagt, die Lösung haben wir beide nicht. Die einfache Lösung gibt es wahrscheinlich auch nicht. Aber um zumindest einzelne Lösungen zu finden, muss man die Probleme überhaupt erst einmal benennen. Und das hat Frau Reker im „Kölner Stadt-Anzeiger“ ja auch sehr offen getan. Das fand ich gut.

Aber zugleich gesagt, dass sie gegen die Verwahrlosung nichts machen kann.

Ich habe sogar ein gewisses Verständnis, dass die Verantwortlichen ebenfalls ratlos sind. Schon mal besser, als irgendwelche Parolen herauszubringen wie vor der Wahl die CDU mit ihrer Forderung nach Grenzschließungen überall, die sich weder verwirklichen ließen noch real etwas ändern würden. Wie gesagt, die eine tolle Lösung fällt auch mir nicht ein, aber das ist nun auch nicht meine Kompetenz. Ich bin kein Soziologe oder Experte für soziale Brennpunkte, sondern spreche und schreibe aus der Froschperspektive eines Bewohners. Aber wo ich widerspreche: Wenn die OB sagt, „Köln verwahrlost“, dann stimmt das in dieser Verallgemeinerung natürlich nicht. Ich habe nicht den Eindruck, dass Lindenthal verwahrlost oder Junkersdorf oder Sülz oder nicht einmal das Agnesviertel, das unmittelbar an den Ebertplatz reicht. Es sind bestimmte Viertel, der Eigelstein, der Neumarkt, zusätzlich zu den Vierteln wie Chorweiler oder Vingst, in denen es immer schon viel Armut gab. Aber muss man die Probleme auch noch mutwillig verschärfen?

Geschieht das denn?

Viele Menschen hier im Eigelstein fragen sich: Wieso müssen in einem Umkreis weniger als einem Kilometer gleich mehrere Unterkünfte für Flüchtlinge, Heime für unbegleitete Minderjährige, Drogenanlaufstellen und Obdachloseneinrichtungen sein? Wieso verteilt man das nicht besser auf die Stadt? Und jetzt soll ein paar hundert Meter vom Ebertplatz auch noch eine Erstaufnahmeeinrichtung für 700 Flüchtlinge entstehen. „Ist das klug?“, habe ich NRW-Innenminister Herbert Reul gefragt, weil dafür das Land zuständig ist, nicht die Stadt.

Seine Antwort?

Er wusste nichts von den Plänen, als er den Ebertplatz besuchte. Der Innenminister!

Und was sagte er dann?

Das könne doch wohl nicht wahr sein, er werde sich informieren. Was man als Politiker eben so sagt.

Wenn es um Flüchtlingsheime oder ähnliche Einrichtungen geht, heißt es in den jeweiligen Quartieren gern: „Not in my backyard“ – „nicht in meiner Nachbarschaft.“ Das kennen Sie, oder?

Die Menschen hier im Viertel sind tendenziell offen, aufnahmebereit. Die Grünen sind immer noch die mit Abstand stärkste Partei. Die AfD wird nicht sonderlich stark gewählt. Aber inzwischen ziehen die Leute weg, weil es für sie speziell mit Kindern immer unangenehmer wird oder weil sie keine Lust haben, auf dem Spielplatz die Kondome zu entsorgen, die von der Nacht liegengeblieben sind. Ich finde, das müssen wir benennen. Eine offene Gesellschaft bringt auch Lasten mit sich, und die können nicht von zwei, drei Vierteln allein getragen werden. Weil sonst Unmut, Ressentiments, Ängste wachsen. Und wenn sich nichts ändert, dann kippt so ein Viertel irgendwann.

Ich und fast alle meine Nachbarn, die ich kenne – wir möchten gern hier wohnen bleiben, wir wollen gar nicht in ein „bürgerliches“ Viertel, es ist weiterhin auch sehr vieles sehr schön hier am Eigelstein. Viele Bürger sind unglaublich aktiv, sei es der Bürgerverein oder die Künstlerszene am Ebertplatz. Aber jeden Tag der Uringeruch. Mindestens einmal im Monat eine Alkoholleiche auf dem Bürgersteig vor der Haustür, so dass man den Notarzt ruft, und 100 Meter entfernt der Ebertplatz, wo die Polizei steht und keine 20 Meter daneben ungerührt der Drogendealer, der mich sogar dann anspricht, wenn ich in kurzer Hose an ihm vorbeijogge – ich weigere mich, all das als gottgegeben hinzunehmen. 

Und auch nicht als „typisch Köln“?

Vielleicht ist die Schweiz ja schon kein Maßstab mehr für uns – aber Österreich? Das ist kein reicheres Land, es ist wahrscheinlich den gleichen äußeren Einwirkungen ausgesetzt. Aber - o Wunder! - in den Innenstädten von Wien, Linz, Salzburg sieht es anders aus, sauberer, entspannter, sicherer. Und zu allem Überfluss fahren auch noch die Bahnen pünktlich. Vielleicht sollten wir mal von unserem hohen Ross des „Made in Germany“ herunterkommen und schauen, was anderen Ländern und Städten in Europa inzwischen viel besser gelingt als uns.

Zurück zu Köln: Wie sehen Sie die Arbeit der hiesigen Polizei?

Ich nehme das natürlich nur als Passant im Vorbeigehen wahr. Aber soweit ich das sehe, verhalten sich die Polizisten hier im Viertel auffallend korrekt. Davor habe ich großen Respekt. Allein schon, dass sie immer ruhig bleiben. Das muss ja auch für die Polizisten absolut frustrierend sein, wenn sie einen Dealer festnehmen, und eine Woche später steht der wieder am selben Platz.

Aber Reden allein hilft ja nun nich

Es wird schon auch was getan. Die Polizei ist immerhin an bestimmten Brennpunkten sehr präsent. Wie gesagt, viele Bürgerinnen und Bürgerinnen sind aktiv und geben sich viel Mühe. Jetzt gerade war Karneval, und da war es herrlich zu sehen, wie „Humba Efau“ und der „Singende Holunder“ Konzerte auf dem Ebertplatz veranstalteten, bei denen Hunderte spontan mitsangen – alle verkleidet bis auf mich. Ähnliches habe ich diesen Karneval auch anderswo gesehen. Allerdings sagte man mir, dass die Stadt Köln jetzt auch für diese Art Breiten- und Volkskultur, wo der Karneval an seine Ursprünge zurückkehrt, die Gelder gestrichen hat. Stattdessen werden Saufghettos wie auf der Zülpicher Straße und den Uniwiesen eingerichtet, und das nennt man dann Brauchtum. Teilweise sehe ich die Behörden wirklich eher als Teil des Problems denn als Teil der Lösung.

Woran denken Sie noch?

Schauen Sie aus dem Fenster: Gegenüber im Hof ist ein Hotel, das zu einem Flüchtlingsheim umfunktioniert wurde. Die Anwohner und selbst der Nachbar im Obergeschoss wurde darüber nicht informiert. Es gab nicht einmal einen Aushang. Ich bin dann ins Hotel rein, und da wurde mir gesagt, dass man bewusst niemanden informiert habe, denn die Nachbarn könnten ja etwas dagegen haben. Die Dame meinte mich, der ich seit mehr als 20 Jahren über Flucht und Fluchtursachen schreibe. Wenn jemand Verständnis dafür hat, dass man Flüchtlinge aufnimmt, und sei es gegenüber im eigenen Innenhof, dann wohl ich. Aber bei der Auskunft fühlte selbst ich mich wie vor den Kopf geschlagen.

Und wie ist es mit der Flüchtlingsunterkunft?

Es ist okay, wir bekommen nichts Negatives mit. Am Anfang war es auf den Balkonen nachts oft laut, da habe ich mich bei derselben Dame beschwert. Den Ärger konnte sie nachvollziehen. Inzwischen wird dort die Nachtruhe eher eingehalten als zuvor von den Hotelgästen. Störend ist eher, dass der Besitzer das Hotel seither vollkommen herunterkommen lässt.

Sie meinen, weil’s im Hof fast schon nach einer Müllhalde aussieht?

„Es sind ja nur Flüchtlinge, die haben keine Ansprüche“, das ist wahrscheinlich die Logik. Hauptsache, er bekommt für jedes Zimmer für jede Nacht, vermietet oder nicht, sein Geld von der Stadt Köln. Das muss ein Bombengeschäft sein.

Für ihn. Der Wert der anliegenden Wohnungen sinkt wahrscheinlich.

Ja, das denke ich. Besonders für den Eigentümer im selben Haus.

Irgendwas müssen Sie doch im Sinn haben, wie es besser werden könnte.

Es gibt schon Ideen, die ich selbst habe, und vor allem auch Ideen, die ich in der Nachbarschaft höre. Jeder hier macht sich ja Gedanken. Zum Beispiel würden Fußstreifen der Polizei wahrscheinlich helfen. Das war früher üblich. Jetzt zeigt die Polizei oft massiv Präsenz am Ebertplatz. Das ist gut, aber in den Nebenstraßen und auf dem Eigelstein würde es helfen, wenn öfter mal eine Streife entlangliefe, und sei es nur, dass sie freundlich grüßt. Alkoholverbote auf der Straße an bestimmten Orten oder zu bestimmten Zeiten könnten etwas verbessern, also etwa auch tagsüber. Oder dass die Kioske den Alkohol nicht so billig verkaufen dürften. Oder öffentliche Toiletten. Oder wenn die vielen Dönerbuden auf der Weidengasse eine Lösung für den Müll suchten, den ihre Kunden hinterlassen.

Das sind jetzt alles kleine Dinge, aber wichtig wäre es, überhaupt erst einmal Schubumkehr zu schaffen, damit man das Gefühl bekommt: Es lohnt sich etwas zu tun, die eigene Heimat ist es wert. Im Augenblick wird uns ja auch von der Stadt Köln vermittelt, hier sei eh Hopfen und Malz verloren, dann kann man auch noch ein paar Hotels umwidmen, Hauptsache in den „besseren“ Vierteln bleibt man unbehelligt. Man sollte vielleicht auch schauen, ob anderen Städten bessere Lösungen gelingen. Die Probleme sind ja, wie gesagt, in den letzten Jahren überall ähnlich.

Bleiben wir noch mal bei den Köln-spezifischen Problemen!

Es ist viel gesagt worden über die Entwicklung des Karnevals. Der Karneval war vor 30 Jahren etwas völlig anderes als heute. Er ist in Teilen zu einem Massenbesäufnis geworden. Jeder weiß das. Und wundern sollte es niemanden: Köln hat sich über Jahre als „die“ Event-Stadt präsentiert, in der man es so richtig krachen lassen kann. Was Köln in der Außenwirkung einmal war, nämlich Kulturstadt, wurde vernachlässigt. Dabei haben wir mehr fantastische Baudenkmäler als jede andere Metropole in Deutschland, wenn Sie allein den Dom und die romanischen Kirchen nehmen. Dazu die tollen Museen, die Philharmonie und so weiter. Deshalb ist der Kulturabbau, der in Köln in den letzten Jahrzehnten betrieben wurde, wirklich zum Heulen. Als ich in den 80er Jahren als Abiturient hierhin kam, wurde Köln als Musik-, Theater- oder Kunststadt in einem Atemzug mit New York oder London genannt. Das klingt heute wie ein Witz.

Sie nehmen aber doch nicht ernsthaft an, dass sich mit mehr Augenmerk auf die Kultur am Eigelstein etwas von dem ändern würde, was Sie beklagen.

Natürlich nicht unmittelbar. Aber ich glaube zum Beispiel schon, dass ein lebendiges, vielfältiges, auch hochkarätiges kulturelles Angebot die Menschen abhält, wegzugehen. Und dass es Menschen und vor allem Unternehmen anzieht, die auch finanziell einen höheren Beitrag leisten. Die Entwicklung des Carlswerks in Mülheim, wo das Schauspiel Köln mit dem „Depot“ sein Dauer-Interimsquartier hat, hat einem ganzen Viertel mit den Mitteln der Kultur enormen Auftrieb gegeben. Insofern ist es, glaube ich, auch ökonomisch verheerend, ausgerechnet das Budget der „Acht Brücken“ zu streichen. So viele überregional beachtete Kulturereignisse hat Köln doch nicht.

Oder denken Sie an das Tanzensemble, das es jetzt doch nicht geben wird. Denken Sie an das würdelose Gezerre um die Fondation Corboud, bei der man die Stifter mit dem Bau für ihre Sammlung so lange vertröstet und geärgert hat, dass der Stadt jetzt der „Ersatzbau“ während der Renovierung des Wallraf-Richartz-Museums fehlt. Wenn so eine Abwärtsspirale in der Kultur in Gang kommt, fallen eben auch viele der Gründe weg, warum man überhaupt in Köln lebt oder sich Unternehmen hier ansiedeln. Oder man außerhalb aufmerksam auf Köln wird.

Und die Renovierung der Kölner Oper kostet inzwischen deutlich mehr als der Bau der Elbphilharmonie.

Ja, die Riesenbaustellen, die nicht fertig werden… Wir haben mit der Opernrenovierung das vielleicht größte Bauversagen in der deutschen oder jedenfalls der Kölner Nachkriegsgeschichte, übertroffen nur vom Einsturz des Kölner Archivs. Und wer will Oberbürgermeister werden? Ausgerechnet der Baudezernent! Man denkt, das sei ein Witz. Bis man merkt: Nein, das ist Köln. Politische Verantwortung bedeutet hier allzu oft: Ich habe die Karre in den Dreck gefahren, jetzt bleibe ich auch am Steuer, bis sie gänzlich versinkt.

Schuldzuweisungen an die Spitzen von Politik und Verwaltung mögen ihre Berechtigung haben, sind aber auch immer etwas wohlfeil.

Die Politik ist so gut oder so schlecht wie wir selbst. Das Köln-typische Laisser-faire, das im Alltag charmant ist, zieht sich eben offenbar auch in die Verwaltung und die städtischen Behörden. Schauen Sie sich den Breslauer Platz an, wo inzwischen seit Jahrzehnten das Containerprovisorium des „Musical Dome“ steht – als Kölner Visitenkarte praktisch. Und als der Breslauer Platz selbst nach Jahren endlich fertig saniert war, da hatte man nichts Besseres zu tun, als weitere Container dort aufeinander zu türmen für die Bundespolizei.

Oder nehmen Sie die Bastei, um in meiner Nachbarschaft zu bleiben: eines der schönsten Gebäude der Stadt, das vor aller Augen zerfällt. Das mit hässlichen Gerüsten gestützt werden muss. Wo der Weg zum Rhein gesperrt und mit Moos bewachsen ist. Dann auch die Brückenunterführungen, der Müll, der über Tage liegen bleibt, die Bahnhofsumgebung - ich könnte das endlos fortsetzen. Das ist ja auch ein Vorbild, das die Stadt gibt: Uns ist es egal, wie es bei uns aussieht. In dieser Lieblosigkeit kenne ich das in Deutschland nur von der Stadt Köln. Und dann machen‘s die Kölner eben nach. Wir haben den tollsten Lokalpatriotismus überhaupt, aber wir praktizieren das Gegenteil von „Liebe deine Stadt“.

Sie können aber auch nicht auf jeden Wildpinkler einen Mitarbeiter des Ordnungsamts ansetzen.

Nein, aber diese Urinkreise wie am Ebertplatz kenne ich wirklich nur aus Köln. Damit wird man doch zum öffentlichen Pinkeln geradezu eingeladen, auch anderswo. Und was das Ordnungsamt betrifft - damit wären wir dann wieder bei der Personal- und Finanzausstattung des Staates, in diesem Fall der Kommune.

Wenn Sie von Liebe und von Köln sprechen, kommen wir nicht vorbei an einem Verein, der Ihnen bekanntermaßen sehr am Herzen liegt: am 1. FC Köln. Es gab zuletzt viel Aufregung um eine Bild-Choreografie im Stadion mit einer Messerattacke auf die Glücksgöttin Fortuna vor dem Spiel des FC gegen Düsseldorf. Sie haben dazu bislang geschwiegen. Wer schweigt, stimmt zu?

Nein, ich schäme mich als Fan für meinen Verein. Das war ja nicht der erste Totalausfall der Südkurve, wenn ich etwa an sexistische Pöbeleien gegen Frau Reker denke. Ich habe eine Dauerkarte, sitze alle zwei Wochen im Stadion nahe an der Südkurve und finde es toll, was da für eine Stimmung ist. Einerseits.

Aber andererseits?

Andererseits bin ich keine 100 Meter Luftlinie von der Südkurve entfernt und denke: Das sind also diejenigen, die den Verein beherrschen.

Beherrschen?

Wir haben eine Satzung, die den Mitgliedern alle Macht gibt. Aber welchen Mitgliedern? Denjenigen, die sich organisieren, die vereint zur Mitgliederversammlung kommen. Kein anderer Fan kommt gegen die Südkurve an. Und die Verantwortlichen offenbar ebenso wenig, weil sie vom Votum der organisierten Fanszene abhängig sind. Anders kann ich mir nicht erklären, dass der Geschäftsführer so zurückhaltend ist, selbst wenn solche obszönen Choreografien gezeigt werden wie vor dem Spiel gegen Fortuna Düsseldorf. Oder wenn der FC Heimspiel für Heimspiel irre Strafen zahlen muss für die Pyrotechnik in der Südkurve.

Eine verfahrene Situation ohne Ausweg?

Ich glaube, es gäbe ein Mittel. Die derzeitige Satzung wirkt demokratisch, aber sie ist es nicht. Sie gibt den Verein in die Hände der organisierten Fans, die gesammelt zur Mitgliederversammlung kommen. Der Mitgliederrat ist zu 100 Prozent mit Vertretern besetzt, für die sich die Fanszene vorher bereits entschieden hatte. Es ist bei 140.000 Mitgliedern keine Demokratie, wenn man auf einer Versammlung abstimmt. Das würde nicht einmal in einer kleinen Gemeinde funktionieren.

Wie könnte man dem begegnen?

Natürlich durch Mitgliederentscheide. Die Teams für den Vorstand und die Kandidaten für den Mitgliederrat stellen sich und ihr Programm der Öffentlichkeit vor, und dann stimmen alle Mitglieder ab – auch diejenigen in Rio oder Rom, wie es in unserer Hymne heißt.

Mitgliederentscheide so ähnlich wie bei den politischen Parteien?

Genau. So könnte sich der Verein aus der Fesselung durch die Südkurve lösen. Das Mindeste wäre, dass man online an den Mitgliederversammlungen teilnehmen kann, das ging während der Corona-Epidemie ja auch. Denn ich bin sicher: 90 Prozent der FC-Mitglieder und mehr finden es so schlimm wie ich, was teilweise im Stadion passiert: Pyrotechnik, menschenverachtende Slogans, gegen die nicht eingeschritten wird. Oder auch der aggressive Widerstand gegen Sponsoren. Ich bin selbst ein Traditionalist, wenn's um Fußball geht. Aber Fußball soll es schon sein und nicht so etwas wie unlängst gegen Ulm oder Darmstadt - und das waren unsere Siege. Niemand will, dass der FC in die Hand von Finanzhaien fällt oder ein Werksverein wird wie Leverkusen, Wolfsburg oder Leipzig. Aber es gibt doch andernorts Modelle, die das verhindern und trotzdem eine auskömmliche Finanzierung sicherstellen, in Frankfurt, Stuttgart, Mainz, Augsburg, selbst in – es fällt mir schwer, das auszusprechen – selbst in Mönchengladbach.

Sehen Sie denn einen Zusammenhang zwischen Stadtentwicklung und den Zuständen beim FC?

In der Symbolik auf jeden Fall: Wie Köln in vielerlei Hinsicht auf dem absteigenden Ast ist, ist es halt auch der Verein.

Der HSV spielt schon länger in der zweiten Liga als Köln, aber die Stadt macht nicht den Eindruck, als liefe alles aus dem Ruder.

Auch in Köln läuft nicht „alles“ aus dem Ruder. So wie die Stadt hat auch der FC enormes Potenzial. Und wie durch ein Wunder sind wir auch noch beliebt. Man mag uns irgendwie oder findet uns sympathisch. Vielleicht führt gerade das dazu, dass wir uns so leicht zufriedengeben. Wissen Sie, warum der letzte Abstieg so bitter war?

Sagen Sie‘s mir!

Weil er so normal war. Weil wir uns daran gewöhnt haben. Das Stadion ist auch jetzt voll, die halbe Stadt fiebert mit, wenn der FC spielt. Aber sie fiebert halt mit beim Spiel gegen … Elversberg.“

https://www.navidkermani.de/wp-content/uploads/2025/03/Navid-Kermani-Interview.pdf

 

Siehe auch https://www.ansichten-eines-regenwurms.de/index.php/1446-stadtbild

 

Gutmensch mit menschlichem Antlitz

 

Gutmenschen empfinden sich als so gut, dass sie sich im Besitz der alleinigen Wahrheit wähnen und äußerst intolerant gegenüber Andersdenkenden sind. Entsprechend leicht lassen sie sich gegen „Andere“ aufhetzen. Wer die richtige moralische Begründung setzt, wird etwa im Kriegsfall die Gutmenschen als die stärksten Befürworter hinter sich wissen.

Der Wurm musste sich mehrfach mit diesen auseinandersetzen, unter anderem in https://www.ansichten-eines-regenwurms.de/index.php/437-ein-gutmensch-ist-ein-schlechter-mensch und https://www.ansichten-eines-regenwurms.de/index.php/592-die-kraft-die-stets-das-gute-will-und-stets-das-boese-schafft

Navid Kermani gehört zu diesen Gutmenschen. Zumeist redet er nach, was in seiner Blase geredet wird. Wenn er mit anderen Meinungen persönlich konfrontiert wird, setzt er sich mit denen aber auch auseinander.

Wenn es klar erkennbare Probleme gibt, leugnet er diese nicht (so wie es die Ton angebenden Gutmenschen tun), sondern benennt sie klar und deutlich. So etwa ausführlich beim Thema „Stadtbild“.

Die markanten Aussagen beim Bundeswehr-Gelöbnis wären einem herkömmlichen Gutmenschen nicht über die Lippen gekommen.

Mensch mag des Öfteren gegenteiliger Meinung sein – aber mensch kann überhaupt mit ihm reden.

Sollte ihm irgend jemand Übles antun wollen: Navid Kermani ist Fan des 1. FC Köln. Der Mann ist zur Genüge gestraft. 

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm

 

 

Das Böse verlachen

- Satire, Realsatire, ernst Gemeintes -

 

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und der Klimawandel

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=AOJuAOxPrSk

 

 

Merz und die Flüchtlingskrise: Sein "Mission Accomplished" Moment

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=D3Y_iPhGdW4

 

 

"Mein Lieblingswahnsinn, Teil 2"

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=AgsDYAX7ZTE

 

 

Simone Solga: Der arme Vater Spahn | Folge 225

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=hcIhZGBsxGk

 

 

HallMack  Aktuelle Kamera 234 - Rossmann AfD Doktrin

 

 

https://www.frei3.de/post/e5ec4bad-09b3-4523-aef0-10c13b781e73

 

 

HallMack  Aktuelle Kamera 235 - Gemüseterror im Chiemgau!

 

 

https://www.frei3.de/post/af9d5533-6149-4999-b505-a89006d8ccd9