Dein neuer Lieblingsautor: Oscar Wilde | Buchtipps und Leseempfehlungen
https://www.youtube.com/watch?v=sqbXzQ4-xOU
Vor 125 Jahren starb Oscar Wilde. Das ist schon eine Weile her. Nichtsdestotrotz sind die Werke von Oscar Wilde zeitlos und aktueller denn je.
Oscar Wilde
„Oscar Wilde wird am 16. Oktober 1854 in Dublin geboren. Seine Mutter ist Schriftstellerin, der Vater Chirurg. Wilde studiert in Dublin und Oxford klassische Philologie. Schon als Student begeistert er sich für die Ideale des Ästhetizismus und praktiziert mustergültig die Idee von der Ausdehnung des Schönheitskults auf alle Bereiche des Lebens. Sein exzentrisches Auftreten mit langer Mähne und exquisiter Garderobe macht ihn früh bekannt. 1879 zieht Wilde nach London um, lehrt dort Ästhetik und steigt schnell in die feine Gesellschaft auf. 1884 heiratet er die wohlhabende und gebildete Constance Lloyd, die 1885 und 1886 die beiden Söhne Cyril und Vyvyan zur Welt bringt. Zu dieser Zeit beginnt er seine Homosexualität auszuleben. Nach lyrischen Arbeiten, Essays und Märchen veröffentlicht er 1891 seinen einzigen Roman, den Skandalerfolg Das Bildnis des Dorian Gray (The Picture of Dorian Gray). Mit dem Theaterstück Lady Windermeres Fächer (Lady Windermere’s Fan) etabliert er sich 1892 endgültig als Erfolgsautor von sprühendem Witz und scharfem Intellekt – viktorianischen Vorbehalten gegen seine „Unmoral“ zum Trotz. Wildes Ruf festigt sich in den Folgejahren mit den Stücken Eine Frau ohne Bedeutung (A Woman of No Importance), Ein idealer Gatte (An Ideal Husband) und Die Bedeutung, Ernst zu sein (The Importance of Being Earnest). Dann wird ihm seine mehrjährige Beziehung mit dem jungen Snob Lord Alfred Douglas zum Verhängnis. Wilde wird 1895 wegen homosexueller Kontakte zu zwei Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis verfasst er De profundis. Die letzten Lebensjahre verbringt er in relativer Armut, von Freunden unterstützt, auf dem europäischen Festland. Bis zu seinem Tod am 30. November 1900 in Paris veröffentlicht er nur noch Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading (The Ballad of Reading Gaol), ein Text über seine Hafterfahrung.“
https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/das-bildnis-des-dorian-gray/3374
„Wilde wird 1895 wegen homosexueller Kontakte zu zwei Jahren Haft verurteilt“ – so oder so ähnlich wird berichtet, wobei der Ausdruck „Haft“ noch verharmlosend ist. Tatsächlich handelte es sich um schwere Zwangsarbeit.
Mensch könnte meinen, dass die englische Gesellschaft Oscar Wilde nachstellte, um ihn bestrafen zu können. Dem ist aber nicht so. Oscar Wilde selbst hat eine Verleumdungs-Klage gegen John Douglas angestrengt, in dessen Verlauf es mehr und mehr um ihn selbst ging.
Und da ging es nicht um praktizierte Homosexualität mit hohen Herrschaften, sondern mit jungen Männern aus der Unterschicht, die sich prostituierten.
Das Urteil war schlimm genug – aber er selbst meinte unbedingt, das Verfahren eröffnen zu müssen.
Schuld daran war sein Lover, Lord Alfred Douglas, der ihn aufforderte, gegen seinen Vater zu klagen.
Oscar Wilde war ein Kritiker der britischen Oberschicht wie kein Zweiter, größter Zyniker seiner Zeit – und macht sich zum Deppen, indem er einer charakterlich minderwertigen Kreatur verfällt.
Seine Finanzen werden von ihm zugrunde gerichtet, künstlerisch kann er nicht arbeiten, wenn er in der Nähe ist oder er an ihn denken muss und wenn er ihn braucht (im Krankheits-Fall), wird er von ihm brutal fallen gelassen. Er beschreibt dies selbst ausführlich in „De profundis“.
Was mensch auch immer von Oscar Wilde als Person halten mag – sein Werk ist stellenweise brillant.
Einige seiner Märchen, Erzählungen, Theaterstücke, Roman und Brief hat der Wurm zusammengestellt. Es lohnt sich unbedingt, sich mit Oscar Wilde auseinanderzusetzen.
Die Nachtigall und die Rose
Oscar Wilde: Die Nachtigall und die Rose
https://www.youtube.com/watch?v=1jEfUx26HKM
„Von Anfang bis Ende ist "Die Nachtigall und die Rose" eine Geschichte über die Natur der Liebe. Liebe ist das, was der Student angeblich für das Mädchen empfindet, und sie inspiriert auch die Nachtigall, ihr Leben zu opfern, um eine rote Rose zu erschaffen; das, denkt sie, wird dem Studenten helfen, die Zuneigung seiner Geliebten zu gewinnen. Die Tatsache, dass weder der Schüler noch das Mädchen das Opfer der Nachtigall zu schätzen wissen, verkompliziert jedoch die Bedeutung der Geschichte. Am Ende schlägt Wilde vor, dass wahre Liebe möglich ist, aber vieles von dem, was man gemeinhin Liebe nennt, oberflächlich und eigennützig ist.
Der Student ist ein Paradebeispiel für diese Selbstbezogenheit, deren volles Ausmaß erst am Ende der Geschichte klar wird; Als das Mädchen seine Rose ablehnt, bezeichnet er sie schnell als "undankbar" und die Liebe im Allgemeinen als "albern". Rückblickend ist jedoch klar, dass die Liebe des Studenten von Anfang an selbstbezogen war. Während es üblich ist, dass stilisierte Literatur (wie Märchen) dramatische Monologe enthält, erhalten die Liebesbeteuerungen, die "Die Nachtigall und die Rose" eröffnen, angesichts des Endes der Geschichte eine theatralische und aufmerksamkeitssuchende Qualität. Wilde gibt einen ähnlichen Hinweis, als er beschreibt, wie der Student zurück in sein Zimmer geht und "an seine Liebe denkt". Die mehrdeutige Formulierung könnte einfach bedeuten, dass der Schüler an das Mädchen denkt, aber es könnte auch bedeuten, dass er narzisstisch über seinen eigenen emotionalen Zustand nachdenkt. Das Mädchen hingegen zeigt sich ebenso egoistisch, als sie den Studenten gegen einen wohlhabenderen Liebhaber tauscht und nur noch die Nachtigall als Symbol für wahre, tiefe Liebe übrig lässt.
Die Nachtigall ist natürlich unbestreitbar selbstlos. Sie ist von Anfang an äußerlich fokussiert und singt nicht über ihre eigenen Gefühle, sondern über die des "wahren Liebhabers", den sie zu treffen träumt. Später fliegt sie von Ort zu Ort und versucht, im Namen eines anderen eine rote Rose zu finden, ihre Beharrlichkeit steht in starkem Kontrast zur schnell aufgegebenen Werbung des Schülers. Diese kleinen Momente von Altruismus und Selbstverleugnung gipfeln in ihrer Entscheidung, ihr Leben zu opfern; Der Tod – der vollständige Verlust des Selbsts – ist der ultimative Ausdruck von Selbstlosigkeit. Tatsächlich schlägt Wilde vor, dass "vollkommene" Liebe nur aus genau diesem Grund im Tod existieren kann. Da wahre Liebe Selbstlosigkeit erfordert, ist der Tod sein logischer Endpunkt.
Letztlich ändert die Tatsache, dass das Opfer der Nachtigall auf einer Fehlinterpretation der Gefühle des Studenten beruht, nichts an der Verteidigung der Liebe in der Geschichte. Indem sie stirbt, beweist die Nachtigall selbst die Existenz wahrer Liebe, von der die Geschichte vermutet, dass sie sie überdauern wird: Während sie stirbt, singt die Nachtigall von "Liebe, die nicht im Grab stirbt."“
https://www.litcharts.com/lit/the-nightingale-and-the-rose/themes/love-and-sacrifice
„Oscar Wilde ist wahrscheinlich der berühmteste britische Schriftsteller, der mit dem Ästhetizismus in Verbindung gebracht wird, einer Bewegung des späten 19. Jahrhunderts, die "Kunst um der Kunst willen" propagierte. Im Gegensatz zu denen, die argumentierten, dass die Künste soziale Themen ansprechen oder moralische Lektionen vermitteln sollten, vertrat die Ästhetik die Ansicht, dass der einzige Zweck der Kunst darin bestehe, schön zu sein. Diese Frage nach der Natur und Rolle der Kunst bildet den Hintergrund von "Die Nachtigall und die Rose", wobei die Nachtigall und die Studentin gegensätzliche Seiten der Debatte verkörpern.
Abgesehen von vielleicht ihrer Selbstlosigkeit ist das prägende Merkmal der Nachtigall ihre schöne Stimme, die sie vor allem nutzt, um anderen Freude zu bereiten; als die Eiche zum Beispiel ein letztes Lied bittet, um an die Nachtigall zu erinnern, kommt sie bereitwillig nach, mit einer "Stimme... wie Wasser, das aus einem silbernen Gefäß blubbert." Außerdem handeln die Lieder der Nachtigall "über" irgendetwas, von Idealen und nicht von der Realität. Anstatt über ihre eigene Liebe (oder ein bestimmtes Paar) zu singen, singt die Nachtigall über die Liebe in völlig abstrakten Begriffen und verwendet Standardfiguren wie "ein Junge und ein Mädchen", um einen Weg von junger Liebe zu leidenschaftlicher Liebe zu überleben, die den Tod überlebt. Dieser Idealismus unterstreicht zusätzlich die Verbindung zwischen der Kunst der Nachtigall und der Ästhetik, da ihre Lieder keine offensichtliche reale Anwendung haben.
Der Student hingegen glaubt, dass Kunst etwas "bewirken" sollte. Tatsächlich kritisiert er das Lied der Nachtigall gerade deshalb, weil er es für nutzlos und bedeutungslos hält, und sagt, die Nachtigall kümmere sich nur um "Stil" – eine gängige Kritik am Ästhetikum. Er geht sogar so weit zu sagen, ihre Kunst sei "egoistisch", vermutlich weil sie keinen greifbaren Einfluss auf die Welt um sie herum hat. Das ist natürlich im wörtlichen Sinne nicht wahr, da das Lied der Nachtigall die rote Rose hervorbringt, die der Schüler dem Mädchen überreicht. Dennoch ist es verlockend, der Ablehnung des Nachtigallliedes durch den Studenten zuzustimmen, da es keinen "praktischen Nutzen" bewirkt. Das Mädchen lehnt schließlich die Rose ab, und weder sie noch der Schüler verstehen oder schätzen das Opfer, das die Nachtigall gebracht hat. Zumindest scheint die Kunstphilosophie der Nachtigall fehlgeleitet zu sein.
Bei genauerer Betrachtung wird jedoch klar, dass die Ansichten des Studenten über Ästhetismus satirisch behandelt werden. Am Ende der Geschichte hat Wilde offenbart, dass die "Liebe" des Studenten oberflächlich und selbstbezogen ist, was Zweifel an seinen Behauptungen aufwirft, wahre "Gefühle" in der Kunst erkennen zu können. Unterdessen offenbart die Beschreibung des Todes der Nachtigall den inneren Wert ihrer Kunst und ihr Handeln. Es ist nicht nur so, dass ihre Lieder schön sind, sondern dass die Nachtigall, indem sie sich für die Liebe opfert, die ideale Liebe, die sie singt, zur Realität der Welt macht. Letztlich legt die Geschichte also nahe, dass Kunst sich selbst rechtfertigt, weil der künstlerische Prozess selbst die Ideale der Kunst verkörpert.“
https://www.litcharts.com/lit/the-nightingale-and-the-rose/themes/art-and-idealism
„Trotz seines märchenhaften Settings setzt sich "Die Nachtigall und die Rose" mit den realen Debatten aus dem späten 19. Jahrhundert auseinander. Die Aufklärung des vorangegangenen Jahrhunderts hatte großes Vertrauen in die Fähigkeit der Menschheit geweckt, wissenschaftliche, praktische und sogar moralische Probleme mit Vernunft zu lösen. Die rasche Industrialisierung (und der daraus resultierende Wohlstand) verlieh diesen Ideen zusätzliche Glaubwürdigkeit, indem sie den Erfolg der wissenschaftlichen Innovation des 18. Jahrhunderts und der freien Marktwirtschaft "bewies". Dennoch gab es im 19. Jahrhundert erheblichen Widerstand gegen diese Strömungen, insbesondere von Schriftstellern und Künstlern. In "Die Nachtigall und die Rose" entwickelt Wilde seine eigene Kritik am Materialismus und Intellektualismus, da diese Eigenschaften vom Schüler und dem Mädchen verkörpert werden. Weit davon entfernt, eine realistische Weltanschauung zu fördern, blenden diese Philosophien die Figuren der Geschichte tatsächlich für das, was in und um sie herum geschieht.
Es ist kein Zufall, dass der Student ein Schüler ist. Obwohl die Geschichte damit beginnt, dass der Student lautstark seine Tiefe seiner Gefühle für das Mädchen gesteht, wird schnell klar, dass er sich mit seinem Studium wohler fühlt als mit seinen Gefühlen. Wenn zum Beispiel die Nachtigall zur Eiche singt, ist die Antwort des Studenten eine von kaltem Rationalismus; er notiert sich kritische Notizen darüber, was er für den Mangel an echten Gefühlen der Nachtigall hält. Tatsächlich könnte seine Einschätzung der Nachtigall nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein, und es ist der Schüler selbst, dem emotionale Tiefe fehlt. Der Intellektualismus des Studenten jedoch hat seine Fähigkeit, die Welt klar zu sehen, verzerrt. Weil er "nur die Dinge kennt, die in Büchern aufgeschrieben sind", ist der Student buchstäblich unfähig, jemanden zu verstehen, dessen Leitstern nicht die Vernunft ist – insbesondere die Nachtigall, deren Beharren darauf, dass "Liebe weiser ist als die Philosophie", eine "irrationale" Emotion priorisiert.
In diesem Sinne verbindet "Die Nachtigall und die Rose" die Hyperrationalität des Studenten mit dem Materialismus des Mädchens. Da er die Welt ausschließlich aus "Praktikabilität" versteht, kann der Student selbstloses Verhalten nicht verstehen, was per Definition weder der Person (noch dem Vogel) nützt, der es praktiziert. Bemerkenswert ist, dass die offensichtlich egoistischste und gierigste Figur in der Geschichte – das Mädchen – die Tochter eines Professors ist; Die Implikation ist, dass Rationalität zwangsläufig Materialismus hervorbringt, wenn sie nicht mit Emotionen gemildert wird. Ihre Begründung, die rote Rose des Studenten abzulehnen, ist schließlich logisch: "Jeder weiß, dass Juwelen viel mehr kosten als Blumen."
Letztlich jedoch schlägt Wilde vor, dass die verflochtenen Weltanschauungen von Intellektualismus und Materialismus selbst zu ihren eigenen Bedingungen scheitern. Auch wenn es sicherlich so ist, dass der Schüler und das Mädchen die emotionale Bedeutung der Welt um sie herum (z. B. die Rose und das Lied der Nachtigall) immer wieder falsch deuten, ist ebenso klar, dass ihnen Selbsterkenntnis fehlt. Die Geschichte endet damit, dass der Student die Liebe als "unpraktisch" ablehnt und beschließt, stattdessen Metaphysik zu studieren. Metaphysik ist jedoch wohl der philosophische Zweig, der sich am wenigsten mit der Praktikabilität beschäftigt, da sie abstrakte Fragen über Geist versus Materie, den Zweck der Existenz und die Natur der Identität betrifft. Der Student scheint also selbst die Philosophie, die er zu unterstützen angeblich unterstützt, nicht gut zu verstehen – ein Punkt, der dadurch unterstreicht, dass das Buch, das er zum Studium herausnimmt, "staubig" ist, was darauf hindeutet, dass es kaum genutzt wird.“
„Da er die Welt ausschließlich aus "Praktikabilität" versteht, kann der Student selbstloses Verhalten nicht verstehen“ – der Wurm hat einen weiteren Erklärungs-Ansatz.
Sowohl das Mädchen als auch der Student wollen etwas und meinen, es unbedingt haben zu müssen: das Mädchen die rote Rose, der Student das Mädchen. Als das dann doch nicht realisiert wird, gibt es lediglich ein Achsel-Zucken.
Menschen reden, damit geredet ist; Menschen dramatisieren, damit dramatisiert ist; Menschen jammern, damit gejammert ist. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die das meinen, was sie sagen, deren Bedürfnisse dauerhaft und nicht nur kurzfristig sind, die mit sich selbst im Reinen sind und nicht meinen, auch noch andere in ihr eigenes, selbst verschuldetes Elend mit reinziehen zu müssen.
Die Nachtigall weiss das nicht. Sie meint, dass das, was gesagt wird, auch so gemeint ist, und wenn sie einen Menschen jammern hört, denkt sie, dass es diesem Menschen ganz schlecht geht, wenn sein Problem nicht gelöst wird. Die Nachtigall will helfen, auch zum Preis, dass sie dafür ihr eigenes Leben opfert.
Jeder selbstlose Mensch sollte sich fragen, ob das, was er hört, auch tatsächlich ernst gemeint ist und ob die Menschen, für die er sich einsetzt, auch tatsächlich wert sind.
Das Gespenst von Canterville
Das Gespenst von Canterville to go (Wilde in 6 Minuten)
https://www.youtube.com/watch?v=5wa_u5TFAOA
„Im Kern ist Das Gespenst von Canterville eine Spukgeschichte, in der ein Gedankenspiel konsequent zu Ende gedacht wird: Angenommen, es gibt Gespenster – würden sie dann nicht einen gewissen Anspruch an die Qualität ihrer Arbeit stellen? Wie würden sie mit Menschen umgehen, die sich nicht vor ihnen fürchten? Das Gespenst von Canterville muss genau diese leidvolle Erfahrung machen. Die ganz und gar weltlichen Amerikaner, die in sein Zuhause einziehen, zeigen sich unbeeindruckt von seinen Spukereien und werfen sogar mit Kissen nach ihm. Die Erzählung, die Oscar Wilde rund um diese Konstellation spinnt, ist mehr als nur eine Gutenachtgeschichte für Kinder: Auch Erwachsene dürfen über die unbeholfenen Versuche des Gespensts und über den Glauben der Familie Otis an die Wirkung von allerlei Wundermittelchen lachen. Die Mischung aus Spukgeschichte und Gesellschaftssatire enthält auch melancholische Momente – etwa wenn das Gespenst von seiner Sehnsucht nach dem Tod erzählt. Der Text ist voller komischer wie auch tragischer Elemente, die bereits die spätere poetische Brillanz des Skandalautors durchblitzen lassen.“
„Die neuen Bewohner
Der amerikanische Botschafter Hiram B. Otis zieht mit seiner Familie nach England. Er erwirbt das historische Herrenhaus Canterville Chase, obwohl man ihm eindringlich davon abrät: In Canterville soll nämlich ein Geist umgehen. Lord Canterville selbst, der Besitzer, warnt die Familie Otis nachdrücklich und berichtet von verschiedenen Vorfällen, bei denen der Geist in Erscheinung getreten ist. Seit über 300 Jahren wird seine Familie von ihm heimgesucht – bezeichnenderweise erscheint er immer kurz vor dem Tod eines Hausbewohners. Mr. Otis glaubt nicht an Geister. Dennoch findet er die Idee, ein Haus mit Gespenst zu kaufen, irgendwie reizvoll. Also zieht er ein, gemeinsam mit seiner lebensfrohen Frau Lucretia und vier Kindern: Washington, Virginia und die Zwillinge.
Ankunft in Canterville
Das Herrenhaus liegt sieben Meilen von Ascot entfernt inmitten von Hügeln und Fichtenwäldern. Die Familie trifft an einem Juliabend ein und wird bereits von der Haushälterin Mrs. Umney erwartet, die zuvor schon für die Familie Canterville tätig gewesen ist. Familie Otis hat sich bereit erklärt, Mrs. Umney weiterhin zu beschäftigen. Als sie in der Bibliothek Tee trinken, entdecken die Otis’ einen Blutfleck auf dem Boden. Mrs. Umney erzählt in einer schaurigen Geschichte, wie der Fleck entstand: 1575 hat Sir Simon von Canterville an dieser Stelle seine Frau ermordet. Neun Jahre darauf verschwand er spurlos – um kurze Zeit später als Geist das Schloss heimzusuchen. Seitdem erneuert sich der Fleck jede Nacht. Der praktisch veranlagte Washington entfernt den Fleck kurzerhand mit Pinkertons Qualitäts-Fleckenentferner. Bald darauf erschüttern Blitz und Donner das Haus und Mrs. Umney wird ohnmächtig. Als sie wieder zu sich kommt, warnt sie die Familie noch einmal eindringlich vor dem Geist, doch die Neuankömmlinge bleiben ungerührt.
Begegnung mit dem Gespenst
Am nächsten Morgen findet die Familie den Blutfleck wieder an Ort und Stelle. Washington entfernt ihn erneut. So geht es die nächsten Tage weiter, bis der Familie klar wird: Hinter dem mysteriösen Blutfleck muss wirklich eine übernatürliche Ursache stecken. In der dritten Nacht hört Mr. Otis gegen ein Uhr Geräusche: Aus dem Flur ertönt Kettengerassel. Er tritt auf den Gang und steht dem Gespenst in der Erscheinung eines alten Mannes mit roten Augen, wirrem Haar und altertümlichen Kleidern gegenüber. Mr. Otis spricht ihn freundlich an und weist darauf hin, dass die Ketten, die seinem Gegenüber an Händen und Fußgelenken hängen, dringend geölt werden müssen. Er habe auch genau das richtige Mittel dafür: Tammany-Sonnenaufgang-Öl. Mr. Otis stellt das Fläschchen auf einen Marmortisch und zieht sich zurück. Das Gespenst ist empört, wirft die Flasche auf den Boden und wendet sich zur Treppe, wo es beinahe noch von einem Kissen getroffen wird, das die Zwillinge nach ihm werfen. Schnell entweicht der Geist durch die Wandtäfelung.
Ein Gespenst steht unter Schock
Noch fassungslos von dem eben Erlebten zieht sich das Gespenst in sein geheimes Zimmer zurück. Seit 300 Jahren geht es nun in Canterville Chase um, aber so etwas ist ihm bisher noch nicht passiert. Mit seinen Auftritten hat es ungezählte Nervenzusammenbrüche hervorgerufen und gleich mehrere Bewohner in den Selbstmord getrieben. Dabei stellt es höchste Ansprüche an seine Arbeit: Es erscheint vor seinem Publikum mit perfekt inszenierten Darstellungen, denen es Namen wie „Roter Ruben oder der erwürgte Säugling“ gegeben hat. Nach all seinen Spukerfolgen ist es ihm unerträglich, von den neuen Bewohnern nicht ernst genommen zu werden. Es ist fest entschlossen, sich für diese Behandlung zu rächen.
In den folgenden Tagen ist vom Geist nichts zu sehen. Lediglich der Blutfleck, der weiterhin täglich entfernt wird, ist zuverlässig am nächsten Morgen wieder da. Allerdings wechselt er nun häufig die Farbe – anfangs sind es verschiedene Rotnuancen, dann ist er sogar grün.
Ein misslungener Plan
Am Sonntag in der Nacht macht sich das Gespenst wieder bemerkbar: Nach einem lauten Poltern in der Halle findet die Familie es neben einer umgestoßenen Rüstung. Die Zwillinge beschießen das Gespenst sofort per Blasrohr mit Papierkügelchen. Wutentbrannt stürmt der Geist aus der Halle, nicht ohne auf der Treppe noch sein furchteinflößendstes Lachen erklingen zu lassen. Mrs. Otis reagiert jedoch nicht etwa erschrocken, sondern vielmehr besorgt: Sie fürchtet, dass das Gespenst an Verdauungsproblemen leidet, und bietet ihre Hilfe an.
„Mit der schwärmerischen Selbstüberhebung des wahren Künstlers ging das Gespenst seine berühmtesten Darstellungen durch, und mit bitterem Lächeln gedachte es (…) des begeisterten Beifalls, den es an einem lieblichen Juniabend erntete, als es auf einem Tennisplatz bloß mit seinen eigene Knochen kegelte.“
Zurück in seiner Kammer wird dem Gespenst erst das ganze Ausmaß seiner Niederlage deutlich. Nicht nur das Verhalten der Familie Otis erniedrigt es; am schwersten wiegt seine eigene Unfähigkeit: Es wollte seine alte Rüstung tragen und mit einer Aufführung seiner Nummer „Geist im Harnisch“ Schrecken verbreiten, doch der Harnisch war zu schwer, und so ist es zusammen mit der Rüstung zu Boden gegangen und hat sich am Knie verletzt.
Das Otis-Gespenst
Das Erlebte macht dem Gespenst so schwer zu schaffen, dass es sich für mehrere Tage krank fühlt und seine Kammer nur verlässt, um den Blutfleck zu erneuern. Am 17. August sammelt es seine Kraft, um einen dritten Versuch zu wagen. Die Kulisse ist perfekt: Draußen tobt ein Unwetter. Der Geist trägt sein Leichenhemd und plant, sich in Washingtons Zimmer einen rostigen Dolch in die Kehle zu rammen. Dann will es die Eltern, Virginia und schließlich die Zwillinge aufsuchen, denen es sich in Gestalt eines Skeletts auf die Brust setzen will. Der letzte Teil ist für seine herausragende Wirkung bekannt und läuft unter dem Namen „Stummer Daniel oder das Skelett des Selbstmörders“.
„Sein Gefechtsplan war folgender: Es wollte lautlos in Washington Otis’ Zimmer schleichen, ihm vom Fußende des Bettes kauderwelsches Zeug zuschnattern und sich zum Klang einer getragenen Musik dreimal den Dolch in die Kehle stoßen.“
Um Mitternacht macht das Gespenst sich auf den Weg zu den Schlafzimmern – wo es plötzlich einem anderen Gespenst gegenübersteht! Mit einem schrecklichen Grinsen und rot leuchtenden Augen jagt die Erscheinung dem Canterville-Geist einen gehörigen Schrecken ein. Er flieht Hals über Kopf in seine Kammer. Als er sich etwas beruhigt hat, beschließt er, den Neuankömmling willkommen zu heißen. Vielleicht kann ihm das andere Gespenst ja helfen, die Zwillinge zu besiegen. Als es auf dem Flur ankommt, findet es jedoch nur eine geschnitzte Rübe und ein Baumwolltuch vor. Ein Plakat erklärt den Spuk: Die Familie Otis hat sich einen Scherz mit ihm erlaubt.
Die letzte Niederlage
Zunehmend geschwächt von den vergeblichen Mühen der letzten vier Wochen bleibt das Gespenst für einige Tage in seinem Gemach. Sogar für die Erneuerung des Blutflecks fehlt ihm die Kraft. Wenn es nun umgeht, achtet es darauf, von der Familie unbemerkt zu bleiben. Es schmiert sogar seine Ketten, damit niemand es hört. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen sieht es sich weiter den Anschlägen der Zwillinge ausgesetzt: Über den Flur gespannte Fäden und Butter auf dem Treppenabsatz bringen es zu Fall. Schließlich ist das Maß voll: Das Gespenst entscheidet sich, seine furchtbarste Erscheinungsform, „Rupert der Rücksichtslose oder der Graf ohne Kopf“, gegen die beiden einzusetzen. Die Vorbereitung auf den Auftritt dauert drei Stunden. Als der Geist endlich ins Zimmer der Zwillinge tritt, ergießt sich ein großer Krug Wasser auf den kopflosen Körper. Durchnässt und tief geschockt flieht er.
Nun verliert das Gespenst vollends die Hoffnung, die Amerikaner noch erschrecken zu können. Es geht nur noch in Pantoffeln im Schloss um, in ständiger Angst vor den Übergriffen der Zwillinge. Bald bekommen die Bewohner den Geist nicht mehr zu Gesicht. Also wenden sich der Botschafter und seine Familie wieder anderen Beschäftigungen zu. Sie nehmen an, dass das Gespenst das Schloss verlassen hat, und informieren die Familie Canterville.
Ein offenes Gespräch
Einige Tage später zerreißt Virginias Kleid bei einem Ausritt mit ihrem Verehrer, Cecil Stilton, dem jungen Herzog von Cheshire. Sie nimmt die Hintertreppe, um unbemerkt ins Haus zu gelangen, und trifft dabei im Gobelinzimmer auf das Gespenst, das niedergeschlagen aus dem Fenster schaut. Virginia bekommt Mitleid mit ihm und beschließt, es aufzumuntern. Sie erklärt ihm, dass ihre Brüder bald nach Eton abreisen und dass es dann seine Ruhe haben werde, sofern es sich gesittet benehme. Das Gespenst erwidert, dass es sein Verhalten nicht ändern könne – schließlich sei das Spuken seine Aufgabe. Virginia kommt darauf zu sprechen, dass Sir Simon seine Frau ermordet hat. Das Gespenst will sich deswegen keine Vorwürfe machen lassen, schließlich habe seine Frau nicht gut kochen können und sei noch nicht einmal hübsch gewesen. Zudem sei der Mord kein Grund, ihn jetzt zu quälen. Virginia wirft dem Geist vor, ihren Malkasten benutzt zu haben, um den Blutfleck zu erneuern, und, als er alle Rottöne aufgebraucht habe, sogar ihr Grün gestohlen zu haben. Das Gespenst rechtfertigt sich damit, dass es schließlich kein echtes Blut bekommen konnte. Es drückt seinen Unmut darüber aus, dass die Amerikaner all seinen Einsatz nicht zu schätzen wissen.
Der Fluch
Der Geist eröffnet Virginia, dass er seit 300 Jahren nicht geschlafen hat. Der einzige Ort, an dem er sich ausruhen könne, sei ein kleiner Garten hinter den Fichtenwäldern. Doch dorthin könne er nur gelangen, wenn die alte Prophezeiung erfüllt werde, die am Fenster der Bibliothek stehe: Ein unschuldiges Mädchen soll für den Sünder weinen und ihn dazu bringen, Reue zu zeigen, dann blüht der Mandelbaum, und in Canterville zieht Friede ein. Der Geist ist überzeugt, dass dieses Mädchen Virginia ist: Wenn sie für seine Seele bete und den Todesengel um Erbarmen bitte, werde der Fluch aufgehoben. Virginia fasst sich ein Herz und folgt dem Gespenst in eine dunkle Höhle, die wie durch Zauberhand am Ende des Raumes auftaucht. Die Wand schließt sich hinter ihnen.
„Es gab nun alle Hoffnung auf, dieser ungesitteten amerikanischen Familie jemals einen Schreck einjagen zu können, und begnügte sich in der Regel damit, in Filzpantoffeln die Gänge entlangzuschleichen (…)“
Die Familie findet sich zum Tee ein, doch von Virginia fehlt jede Spur. Den ganzen Abend suchen ihre Eltern, ihre Brüder und die Hausangestellten nach ihr – ohne Erfolg. Mr. Otis erinnert sich, dass in der Nähe Zigeuner ihr Lager aufgeschlagen haben, und befürchtet, sie könnten seine Tochter entführt haben. Zusammen mit Washington und Cecil macht er sich auf den Weg, um dem Verdacht nachzugehen. Am Abend erfahren sie, dass man die Zigeuner ausfindig gemacht hat, dass Virginia aber nicht bei ihnen war. Man beschließt, die Suche am Morgen fortzusetzen. Um Mitternacht ertönt ein lautes Krachen, dann ein Schrei und seltsame Musik – und Virginia taucht auf. Sie erklärt den Anwesenden, dass sie mit dem Gespenst unterwegs gewesen und dass dieses nun endgültig tot sei. Es habe seine Taten bereut und ihr ein Schmuckkästchen geschenkt. Sie zeigt ihren Eltern und ihren Brüdern einen Geheimgang, der zu einem kleinen Verließ führt. Dort liegt ein angekettetes Skelett, und gerade außerhalb seiner Reichweite stehen ein Krug und ein Holzteller. Virginia beginnt zu beten. Einer ihrer Brüder bemerkt, dass draußen der Mandelbaum zu blühen begonnen hat. Virginia erklärt, das sei das Zeichen, dass Gott dem Geist vergeben habe.
Eine Beerdigung und eine Hochzeit
Vier Tage später werden die sterblichen Überreste von Simon von Canterville auf dem alten Friedhof beerdigt. Ein großer Trauerzug mit einem prächtigen Leichenwagen geleitet ihn zur letzten Ruhe. Insbesondere Virginia ist tief bewegt, weil der Geist nun endlich Frieden im Garten des Todes gefunden hat – genau so, wie er es sich gewünscht hat.
Mr. Otis spricht Lord Canterville auf den wertvollen Schmuck an, den sie in dem Schmuckkästchen gefunden haben. Die uralten Familienerbstücke sind ein Vermögen wert und die Familie Otis möchte sie gern den Cantervilles zurückgeben. Davon will der Lord allerdings nichts hören: Der Schmuck gehöre zum Haus, das Otis mit dem gesamten Inhalt gekauft habe. Auch gebühre Virginia Dank, weil sie Sir Simon geholfen habe. So trägt Virginia den Schmuck nach ihrer Hochzeit mit dem Herzog von Cheshire zu besonderen Gelegenheiten. Mr. Otis schließt seinen Schwiegersohn trotz anfänglicher Zweifel ins Herz, obwohl er als Republikaner seine Mühe mit dem Adelstitel seiner Tochter hat.
Nach ihren Flitterwochen machen Virginia und Cecil einen Spaziergang zum alten Friedhof. Cecil möchte wissen, was an dem Abend mit dem Gespenst wirklich geschehen ist, doch Virginia weicht aus. Sie erklärt ihm, dass sie viel von Sir Simon über das Leben, den Tod und die Liebe gelernt hat und dass sie nicht mehr darüber sagen kann. Er drängt sie nicht weiter und schlägt vor, dass sie die Geschichte ja mal ihren gemeinsamen Kindern erzählen kann.“
„Die nur rund 60 Seiten starke Erzählung schildert in sieben Kapiteln das Aufeinandertreffen zweier Welten: Amerikanischer Materialismus prallt auf englisches Standesbewusstsein. Wildes Sprache fängt die Komik dieser Situation in geschliffenen Formulierungen ein. Erzählt wird aus der Perspektive eines Berichtenden, der von der Geschichte erfahren hat und sie nun wiedergibt. Er tritt nur dreimal kurz selbst in Erscheinung und trägt ansonsten die Züge eines allwissenden Erzählers, der auch die Gedanken und Gefühle des Gespenstes kennt. Die Sprache ist leicht verständlich und oft satirisch überzeichnend. Humorvolle Momente entstehen zum einen durch Running Gags (die Familie Otis hat beispielsweise für jedes Problem ein passendes Mittel parat, der Geist für jede Herausforderung den passenden Spuk), zum anderen durch Übertreibung (Sir Simon hat seine Frau umgebracht, weil sie nicht kochen konnte). Daneben gibt es auch melancholische Szenen, etwa wenn der Geist von seiner Sehnsucht nach dem Tod erzählt.“
„Im Mittelpunkt der Erzählung steht ein kultureller Konflikt: Der „unfeine“ Materialismus der amerikanischen Familie wird von Wilde genauso ins Komische gesteigert wie das Standesbewusstsein auf britischer Seite. Mr. Otis als überzeugter Republikaner lehnt anfangs alles ab, was mit der britischen Aristokratie zu tun hat. Die Erlebnisse mit dem Gespenst stellen jedoch seine Grundsätze infrage. Mit der Zeit wird er weniger hart und freundet sich sogar mit dem Gedanken an, dass seine Tochter in eine adlige Familie einheiratet. Umgekehrt wird das Gespenst quasi zum Materialismus bekehrt, da es sich zur Erzeugung des Blutflecks des Malkastens von Virginia bedient und außerdem seine Ketten mit dem Öl schmiert, das Mr. Otis ihm gegeben hat.
Die Gespensterfurcht wird in der Erzählung auf den Kopf gestellt. Am Ende ist es paradoxerweise das Gespenst, das sich aus Furcht vor den Amerikanern kaum noch aus seinem Zimmer wagt.
Das Gespenst von Canterville verbindet Elemente der viktorianischen Spukgeschichte mit Satire und einer romantischen Nebenhandlung. Wilde spielt dabei mit vielen Klischees: Nicht nur das Gespenst, sondern auch die anderen Figuren, zum Beispiel die liebreizende Virginia oder der ehrgeizige Washington, weisen stereotype Züge auf.
Der Untertitel „Eine hylo-idealistische Erzählung“ weist auf das zu Wildes Zeit populäre Ansinnen hin, die konträren Positionen Idealismus und Materialismus zu versöhnen. Der Begriff „hyle“ stammt aus der aristotelischen Philosophie und bedeutet „Materie“. Idealismus ist die Überzeugung, dass die Wirklichkeit eine Erscheinungsform des Geistes ist. Damit steht sie direkt dem Materialismus gegenüber, der alles Geistige auf das Materielle zu reduzieren versucht.
Die Figuren tragen sprechende Namen: Canterville erinnert an die alte englische Stadt Canterbury sowie an die mittelalterlichen Canterbury Tales von Geoffrey Chaucer. Otis ist auch der Name einer amerikanischen Firma, nämlich des weltgrößten Aufzugbauers. Washington ist ebenfalls ein typisch amerikanischer Name, und Virginia bedeutet „die Jungfräuliche“.“
https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/das-gespenst-von-canterville/22380
Lord Arthur Saviles Verbrechen
Lord Arthur Savile's Crime Trailer
https://www.youtube.com/watch?v=Nm8APJCeVV4
Aus „Wikipedia“: „Der Titelheld der Geschichte trifft bei Lady Windermere auf Septimus R. Podgers, der behauptet, ihm die Zukunft aus seiner Hand lesen zu können. Nach der ersten Analyse gibt sich Podgers schockiert und weigert sich, seine Entdeckung mitzuteilen. Nachdem Lord Arthur ihm einen größeren Scheck ausgestellt hat, verkündet er, dass Savile einen Mord begehen werde.
Der für gewöhnlich sehr bodenständige Lord ist zwar entsetzt, zweifelt aber keinen Moment an der Wahrheit dieser Worte. Da er unter keinen Umständen das Leben mit seiner zukünftigen Frau Sybil gefährden will, verschiebt er die bevorstehende Hochzeit, um den Mord vorher auszuführen.
Das Opfer soll nach einiger Vorauswahl seine Tante Clementina sein, die an Sodbrennen leidet. Unter einem Vorwand verschafft Savile sich Gift und übergibt es der Tante als Medizin. Um nicht verdächtigt zu werden, schärft er ihr ein, die Pille nur bei akuten Schmerzen zu nehmen, und verlässt umgehend die Stadt. Als er Tage später von ihrem Tod erfährt, kehrt er voll überschwänglicher Freude zurück und arrangiert den zweiten Termin für die Hochzeit.
Sybil findet nun zufällig die tödliche Pille in einer Dose der Tante. Sie starb also eines natürlichen Todes. Zutiefst enttäuscht verschiebt Lord Arthur die Hochzeit ein weiteres Mal und verschafft sich über Umwege von einem deutschen Anarchisten eine Bombe in einer Reiseuhr, die er einem entfernten Verwandten, dem Dekan von Chichester, anonym zukommen lässt. Das Attentat entpuppt sich als Fehlschlag, da die Uhr anstelle der tödlichen Explosion nur von Zeit zu Zeit knallt und raucht. Der Dekan hält die Bombe für einen Scherzartikel.
Mittlerweile völlig verzweifelt, sieht Savile keine Möglichkeit, die Vorhersagung zu erfüllen, und sein Leben mit seiner zukünftigen Frau scheint ihm auf ewig verwehrt. So schlendert er spätnachts an der Themse entlang, bis er zufällig den Handleser Podgers auf einer Brücke entdeckt. Kurzerhand entschließt er sich, den Mann von hinten zu überraschen und ihn von der Brücke zu stürzen, was ihm auch gelingt. Die Polizei findet Podgers Leiche Tage später im Wasser und schließt auf Selbstmord. Einige Jahre später besucht Lady Windermere das mittlerweile verheiratete Paar und bemerkt beiläufig, dass Podgers kein richtiger Handleser, sondern nur ein Betrüger war.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Lord_Arthur_Saviles_Verbrechen
Valentino Dunkenberger: „Von der ersten Minute an vermag Oscar Wilde den Hörer in den Bann seiner Erzählung zu ziehen, die durch etliche pointierte Bemerkungen und Äußerungen schon zu Beginn kennzeichnend für den Humor des irischen Schriftstellers und Dramatikers ist. Dieser ironische Humor geht - wie man es von Wilde nicht anders gewöhnt ist - vornehmlich auf Kosten des altenglischen Adels und der damaligen Gesellschaft und sorgt damit dafür, dass "Lord Arthur Saviles Verbrechen" seinem Hörer beinahe durchgängig ein amüsiertes Schmunzeln ins Gesicht zaubert. Hinzu kommt die einfallsreiche Handlung der Erzählung, die durch zahlreiche Pointen, Wendungen und Überraschungen bis zum Schluss nicht an Spannung verliert.
"Eine Studie über die Pflicht" ("A Study of Duty") lautet der Untertitel dieser Erzählung Wildes … Und genau das ist "Lord Arthur Saviles Verbrechen": eine gesellschaftskritische und dabei sehr amüsante Betrachtung über den Einfluss übertriebenen und bizarren Pflichtbewusstseins.“
https://www.media-mania.de/index.php?action=rezi&id=6327&title=Lord_Arthur_Saviles_Verbrechen
The Importance of Being Earnest
Bunbury oder Ernst sein ist alles to go (Wilde in 10,5 Minuten)
https://www.youtube.com/watch?v=H8wD2D4kUkA
Aus „Wikipedia“: „The Importance of Being Earnest (deutscher Titel: Ernst sein ist alles oder Bunbury) ist eine Komödie in drei Akten von Oscar Wilde, uraufgeführt am 14. Februar 1895 im Londoner St. James Theatre in einer Inszenierung von George Alexander. Es existiert zudem eine vieraktige Vorfassung, die zu Wildes Lebzeiten nie gespielt wurde, die aber der ersten deutschen Übersetzung des Stoffes zugrunde liegt.
Der Originaltitel des Stückes (ins Deutsche am ehesten mit Die Wichtigkeit, ernst zu sein zu übersetzen) beruht auf einem Wortspiel: „Earnest“ bedeutet „aufrichtig“, was in der deutschen Übersetzung mit „Ernst“/„ernst“ nur unzureichend wiedergegeben ist, gleichzeitig spielt der Vorname „Ernest“ eine zentrale Rolle in der Geschichte.
Die Komödie gehört zu den erfolgreichen Dramen Wildes, in denen er geistreich und ironisierend die Herren und Damen der Oberschicht attackierte, ohne jedoch ihr parasitäres Leben grundsätzlich in Frage zu stellen. Wilde selbst betrachtete Bunbury als seine beste Komödie.
Die zwei englischen Gentlemen Algernon und Jack sind Lebemänner und geben sich in ihrer Freizeit dem Vergnügen hin. Um diese Leidenschaft mit ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen zu vereinen, haben beide eine Ausrede erfunden: Algernon erfindet einen kranken Freund namens Bunbury, um ab und zu auf das Land fahren zu können, und Jack gibt vor, sich um seinen liederlichen Bruder Ernest (in der deutschen Übersetzung Ernst) kümmern zu müssen, um ab und zu in die Stadt kommen zu können.
Jack, der sich in der Stadt immer als sein Bruder Ernest ausgibt, verliebt sich in Algernons Cousine Gwendolen und macht ihr einen Heiratsantrag. Diese bezeichnet es als ihr Lebensziel, jemanden zu heiraten, der Ernest heißt. Algernon besucht das Landhaus von Jack unter der falschen Behauptung, Jacks Bruder Ernest zu sein. Dabei verliebt er sich in Jacks Mündel Cecily. Auch sie hält den Namen Ernest für eine unbedingt notwendige Voraussetzung für ihren zukünftigen Mann. Algernons Tante Augusta ist absolut gegen eine Heirat ihrer Tochter mit Jack, nachdem sie erfahren hat, dass Jack Vollwaise ist und als Säugling auf dem Londoner Bahnhof Victoria in einer Reisetasche gefunden wurde. Einer Hochzeit ihres Neffen Algernon mit Cecily stimmt sie jedoch zu, nachdem sie von deren recht stattlichem Vermögen gehört hat. Jack will aber seine Einwilligung nur geben, wenn er im Gegenzug Gwendolen heiraten kann.
Es stellt sich heraus, dass Cecilys Gouvernante Miss Prism vor vielen Jahren den Bruder von Algernon in einer Handtasche aus Versehen am Bahnhof zurückließ. Dabei wird schließlich klar, dass das Findelkind Jack dieser Säugling war, und er somit Algernons älterer Bruder ist. Weiter stellt sich heraus, dass Jack in Wirklichkeit nach seinem leiblichen Vater Ernest John benannt wurde. Jack hat die ganze Zeit, ohne es zu wissen, doch die Wahrheit gesagt.
Zur Erläuterung: Jack ist im Englischen eine Slangform von John. Somit wird aus Jack Ernest John, der „wahrhaftige John“ – ein Wortspiel.“
https://de.wikipedia.org/wiki/The_Importance_of_Being_Earnest
Das Bildnis des Dorian Gray
Das Bildnis des Dorian Gray to go (Wilde in 10,5 Minuten)
„Oscar Wilde war ein Dandy, wie er im Buche steht: stets gut gekleidet, mit den besten Umgangsformen und ein brillanter Gesprächspartner. Die Oberschicht im London des Fin de Siècle (Ende des 19. Jahrhunderts) liebte ihn, auch wenn die Boulevardblätter über ihn spotteten. Doch dann änderte sich schlagartig alles mit der Veröffentlichung von Wildes einzigem Roman. Das Bildnis des Dorian Gray löste 1890 ein Skandälchen aus, das sich fünf Jahre später in einen handfesten Skandal verwandelte, als dem Schriftsteller eine homosexuelle Beziehung nachgewiesen werden konnte. Die Handlung des Dorian Gray ist einfach, aber genial: Der schöne Jüngling Dorian wünscht sich, dass sein Porträt an seiner statt altert und er selbst für immer jung und schön bleibt. Von einem aristokratischen Zyniker verführt, badet Dorian in Vergnügungen und Ausschweifungen, stürzt andere Menschen ins Verderben und schreckt auch vor Mord nicht zurück. Am Ende regt sich jedoch das schlechte Gewissen: Sollen Bild und Modell den Platz wieder tauschen, geht das nicht ohne persönliche Opfer ... Dank der witzigen Dialoge liest sich Wildes Roman locker und leicht. Der Jugend- und Schönheitskult und seine finsteren Konsequenzen sind auch im heutigen Zeitalter der Selbstdarsteller und Mediensternschnuppen noch höchst aktuell. Neben Wildes amüsanten Schauspielen gehört der Roman zu seinen tiefgründigsten Werken.“
„Der bezaubernde Dorian Gray
In seinem üppig ausgestatteten Atelier enthüllt der Maler Basil Hallward sein neuestes Meisterwerk: das Bildnis eines überaus schönen jungen Mannes, eines wahren Adonis mit elfenbeingleicher Haut und einem Gesicht, wie aus Rosenblättern geformt. Lord Henry Wotton, der es sich Opium rauchend auf einem Diwan im Atelier gemütlich gemacht hat, applaudiert Hallward zu seinem gelungenen Werk. Eigentlich will der Künstler dem blasierten und zynischen Lord den Namen des Modells gar nicht verraten, doch schließlich kommt er ihm doch über die Lippen. Sein Name ist Dorian Gray, und Basil hat ihn auf einem Empfang kennen gelernt. Seit dieser ersten Begegnung prägt das ebenmäßige Antlitz des Jünglings sein Leben. Basil hat das Gefühl, dass mit Dorian eine neue Kunstepoche beginnt. Er möchte nicht, dass Lord Wotton Dorian kennen lernt, weil er befürchtet, die korrupte Art des Lords könnte Dorians unverfälschtes, naives Wesen verderben. Doch er kann es nicht verhindern: Plötzlich steht besagter Dorian Gray auf der Türschwelle.
Verlust der Unschuld
Dorian bittet Lord Wotton, entgegen Basils ausdrücklichem Wunsch, zu bleiben, während der Maler das Porträt fertig stellt. Dorian langweilt sich immer, weil Basil während seiner Arbeit kein Wort spricht. Doch Lord Wotton ergießt einen solchen Redeschwall über den jungen Dorian, dass dieser bald um Einhalt bittet. Entsagungen, so der Lord, würden den Körper und die Seele verkrüppeln: Versuchungen seien dazu da, ihnen nachzugeben, denn sonst werde die Seele krank vor Wollust. Dorian ist von solchen Erkenntnissen beeindruckt und innerlich aufgewühlt. Lord Wotton bemerkt dies mit Befriedigung. Er ist neugierig, wie weit Dorian wohl zu beeinflussen ist.
„Gewissen und Feigheit sind im Grunde ein und dasselbe, Basil. Gewissen ist nur der eingetragene Name der Firma.“ (Lord Wotton)
In einer Pause gehen die beiden im Garten spazieren und Lord Wotton eröffnet Dorian, dass seine Jugend seine größte Gabe sei und er sie nutzen müsse. Er solle sich keine Gefühlserregung entgehen lassen, einen neuen Hedonismus leben, auf keinen Genuss verzichten und die Leidenschaften seiner Jugend auskosten. Die Worte des Lords scheinen Dorian stark zu imponieren, vor allem seine eindringliche Warnung, dass die Jugend nur von kurzer Dauer sei. Nach nur einer weiteren Viertelstunde ist das Porträt vollendet. Der Lord ist entzückt und selbst Dorian wird von einem Schauer ergriffen: Beim Anblick des Bildes und mit den Worten des Lords im Kopf wird ihm schlagartig seine eigene Schönheit bewusst - und ihre Vergänglichkeit. Er wünscht sich, dass er für immer jung und schön bleiben kann und dafür das Bildnis an seiner Stelle altern soll! Lord Wotton will das Bild kaufen, aber Dorian bittet selbst darum. Basil schenkt es ihm. Der Lord macht den Vorschlag, am Abend gemeinsam ins Theater zu gehen. Basil hat keine Lust, Dorian jedoch sagt zu.
Nachforschungen über Dorian
Der nächste Tag. Lord Wotton besucht seinen Onkel, Lord Felmor, der fast den ganzen Tag müßig im Club zubringt, der aber dafür auch jeden kennt, den es zu kennen lohnt. Lord Wotton will etwas über Dorian Grays Eltern herausfinden. Er erfährt: Dorian ist der Enkel des Lord Kelso. Dorians Mutter, Margarete Devereux, ist damals, so erinnert sich Lord Felmor, mit einem einfachen, armen Mann durchgebrannt. Ihr Vater war davon nicht angetan und bezahlte einen Gauner, der Dorians Vater zum Duell herausforderte und grausam abschlachtete. Margarete Devereux war bildschön, starb aber kurz nach Dorians Geburt. Unterdessen sitzt Dorian bei Lord Wottons Tante Agatha, einer bekennenden Philanthropin (Menschenfreundin), am Mittagstisch. Den gemeinsamen Lunch hat Lord Wotton arrangiert. Auf dem Weg zu seiner Tante überlegt er sich, was er alles mit dem jungen Dorian anstellen könnte. Der Junge reagiert so sensibel auf jedes Wort, dass es eine Freude ist, ihn nach seinem Bild zu formen. Und genau dies hat Lord Wotton vor: Dorian in seinem Sinn zu beeinflussen und ihm seinen Stempel aufzudrücken. Bei dem Lunch erfreut Lord Wotton die adligen Gäste seiner Tante mit näheren Ausführungen seiner Philosophie des Genusses und des Hedonismus. Mehr als alle anderen hängt Dorian gebannt an seinen Lippen und saugt jedes seiner Worte ein.
Die schöne Schauspielerin
Einen Monat später besucht Dorian Lord Wotton. Er eröffnet ihm, dass er sich in eine Schauspielerin verliebt hat, als er kürzlich im Theater Romeo und Julia gesehen hat. Das Stück war langweilig, aber Sybil Vane, die Darstellerin der Julia, war göttlich. Zum Abendessen kann Dorian nicht bleiben, weil er sie gleich wieder im Theater aufsuchen will. Als er verschwunden ist, reibt sich der Lord die Hände: Welch ein menschliches Experiment tut sich da vor seinen Augen auf! Noch am gleichen Abend verrät ihm ein Telegramm, dass sich Dorian mit Sybil verlobt hat. Diese berichtet ihrer Mutter von dem "Märchenprinzen", in den sie sich verliebt hat. Sybils Bruder Jim Vane traut dem Geliebten seiner Schwester jedoch nicht. Er muss sich auf eine Seereise nach Australien begeben, schwört aber, dass er den Kerl umbringt, falls dieser seine Schwester unglücklich macht.
Im Theater
Am nächsten Abend wollen sich Dorian, Basil und Lord Wotton zu einem Theaterbesuch treffen. Basil bespricht mit dem Lord das Gerücht von Dorians Verlobung. Er kann es nicht glauben, schließlich sei der Klassenunterschied doch zu evident. Lord Wotton ist da nicht so engstirnig: Dorian solle sie ruhig heiraten - in einem halben Jahr werde er sich sowieso einer anderen zuwenden. Dorian erscheint und strahlt über das ganze Gesicht. Basil ist angesichts der Heiratspläne nicht sonderlich entzückt, denn er spürt, dass "sein" Dorian sich immer weiter von ihm entfernt. Im übervollen Theater gibt es einen Eklat: Alle finden, dass Sybil wunderschön ist, ihr Schauspiel ist jedoch grässlich hölzern und einfach nur schlecht. Dorian schämt sich für die Buhrufe und Pfiffe vor seinen Freunden, die das Theater bereits nach dem zweiten Akt verlassen. Nach der Vorstellung geht er in Sybils Garderobe und beschimpft sie, weil sie auf der Bühne so miserabel gespielt hat. Sie fleht Dorian an, zu verstehen, dass sie nur deshalb so schlecht war, weil sie sich nach ihm sehnte. Doch Dorian hält sie nun nur noch für eine "drittklassige Schauspielerin mit einem hübschen Gesicht" und will sie nie wieder sehen.
Veränderungen
Auf dem Weg nach Hause ist Dorian hin- und hergerissen: Hat er Sybil zu grob angefasst oder ist sie selbst schuld an seiner Reaktion? Ein Blick auf sein Porträt lässt ihn erschauern: Das Bildnis hat sich verändert. Um den Mund herum hat sich ein Anflug von Grausamkeit in das Öl der Leinwand gebrannt. Dorian schiebt das zunächst auf seinen erregten Zustand. Doch als auch am nächsten Morgen der Schandfleck auf dem Gemälde zu sehen ist, erinnert er sich an seinen Wunsch, das Gemälde möge seine Sünden tragen, während er selbst jung und schön bleibt. Jetzt erscheint ihm das Bildnis wie eine Mahnung an sein Gewissen. Er fasst den Entschluss, sich bei Sybil zu entschuldigen und sie dennoch zu heiraten. Da jedoch wird er von Lord Wotton überrascht, der ihm mitteilt, dass Sybil sich in der Nacht das Leben genommen habe. Zunächst ist Dorian schockiert. Doch nach und nach kann Lord Wotton ihn davon überzeugen, dass ihr Tod ein künstlerisch gelungenes Finale war - wie in einer griechischen Tragödie. Trauer hält er für völlig unangebracht, und so verabreden sich die beiden für die Oper. Dorian findet langsam Gefallen daran, dass das Porträt für seine Sünden geradesteht. Daraus ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten ...
Paranoia
Am nächsten Abend besucht Basil Dorian und ist darüber verwundert, dass dieser sich nur wenig Gedanken über den Selbstmord der jungen Schauspielerin macht. Aber weil Dorian so unschuldig dreinblickt, wagt er es nicht, ihm eine Moralpredigt zu halten. Stattdessen würde er sich gern das Bildnis ansehen, denn er möchte es demnächst in Paris ausstellen. Doch Dorian verweigert dem Freund einen Blick auf das entstellte Bild. Nach Basils Abgang schafft er das Porträt in einen ungenutzten Raum des Hauses. Eine paranoide Angst packt den entsetzten Dorian: Niemand soll das Bild sehen, auch nicht sein Diener Victor.
Der neue Hedonismus
Viele Jahre lebt Dorian Gray das Leben eines Dandys, eines Ästheten, der sich nur um die schönen Dinge des Lebens kümmert. Der neue Hedonismus, den Lord Wotton einst gepredigt hat, manifestiert sich in Dorians Leben. Ein Buch über einen französischen Lebemann, das ihm Lord Wotton geschenkt hat, inspiriert ihn zu immer neuen Abenteuern. Er treibt sich in den Spelunken der Londoner Docks herum, tingelt mit Falschmünzern durch die Gegend, gibt sich seinen Gelüsten hin, was immer sie auch fordern. Moral spielt für ihn keine Rolle. Dabei ist er ein überaus kultivierter Gentleman, der bestgekleidete Herr der Stadt. Die bösen Gerüchte über sein ausschweifendes Leben werden von der feinen Gesellschaft nicht geglaubt: Sehen sie doch an seinem jugendlich strahlenden Äußeren, dass Dorian Gray völlig unbescholten sein muss.
„Die einzige Möglichkeit, eine Versuchung loszuwerden, besteht darin, dass man ihr nachgibt.“ (Lord Wotton, S. 26)
Einen Tag vor seinem 38. Geburtstag trifft Dorian zufällig Basil wieder, der gerade kurz vor seiner Abreise nach Paris steht, wo er ein Atelier beziehen möchte. Basil bestürmt Dorian, ob irgendetwas an den wilden Gerüchten über ihn wahr sei: Angeblich ist Dorian in einige der größten Skandale der Stadt verwickelt und hat den gesellschaftlichen Abstieg mehrerer Persönlichkeiten zu verantworten. Mit einem viel sagenden Lächeln führt Dorian Basil in die oberen Gemächer und enthüllt dem Maler seine "Seele": das Porträt. Angewidert zuckt Basil zurück. Eine grauenhafte Teufelsfratze blickt ihm von der Leinwand entgegen. Es scheint, als hätte die Sünde selbst wie ekliger Schimmel das ganze hübsche Gesicht auf dem Bild zerfressen, überwuchert, entstellt. Basil sinkt auf die Knie und fordert Dorian auf, mit ihm um seine Seele zu beten. In diesem Augenblick packt Dorian das Entsetzen: Er greift nach einem Messer und ersticht den Maler.
Die Sünden der Jugend
Um den Leichnam loszuwerden, erpresst Dorian seinen alten Freund Alan Campbell, mit dem er offenbar früher eine Beziehung unterhalten hat. Dem Chemiker gelingt es tatsächlich, die Leiche mit Salpetersäure zu zersetzen, sodass nichts von ihr übrig bleibt. Nachdem er sämtliche Spuren von Basils Anwesenheit verbrannt hat, lässt Dorian sich in eine Opiumhöhle fahren, um sein Gewissen zu beruhigen. Doch hier begegnet er mehreren Personen, die er zugrunde gerichtet hat, und flieht. Plötzlich spürt er einen Revolverlauf im Nacken: Jim Vane, der Bruder der Schauspielerin Sybil, glaubt in ihm den Mann zu erkennen, der seine Schwester in den Selbstmord getrieben hat. Mit seinem jugendlichen Aussehen gelingt es Dorian jedoch, Jim davon zu überzeugen, dass er sich irrt: Dorian ist doch offenbar viel zu jung, um vor 20 Jahren seine Schwester gekannt zu haben. Als eine alte Prostituierte Jim gegenüber beschwört, dass es sich doch um "den" Dorian Gray handele und dieser einen Pakt mit dem Teufel geschlossen habe, ist Dorian bereits auf und davon.
Die Ermordung des Gemäldes
Auch am nächsten Tag regt sich das schlechte Gewissen: Auf einem Empfang fällt Dorian in Ohnmacht, weil er überall die Gestalt von Sybils Bruder vermutet. Auch bei einer Party auf seinem Landhaus ist Dorian überzeugt, dass Jim in der Nähe ist. Dass er damit nicht ganz Unrecht gehabt hat, findet er bei einer Hasenjagd auf seinen Ländereien heraus. Dabei erschießt einer der Jäger einen Mann, den er für einen Hasen gehalten hat. Doch es stellt sich heraus, dass auf diese Weise Sybils Bruder ums Leben gekommen ist. Dorian ist erleichtert, denn nun muss er nichts und niemanden mehr aus seiner Vergangenheit fürchten. Dennoch offenbart er Lord Wotton, dass er sich ändern und ein gutes Leben führen wolle. Doch der Lord tut diese Bemerkung mit seinem üblichen Spott ab: Dorian werde sich nie ändern, er könne es gar nicht. Er habe ein Leben als Gesamtkunstwerk geführt, und wenn er jetzt gut sein wolle, dann nur deshalb, weil ihm dies neue Empfindungen beschere. Zu Hause sinnt Dorian über Lord Wottons Worte nach. Ist es denn wirklich unmöglich, sich zu ändern? Plötzlich fällt ihm das Porträt wieder ein: der einzige Zeuge seines Mordes an Basil. Er greift nach einem Messer und sticht auf das hässliche Bildnis ein. Im selben Augenblick hört sein Diener einen grässlichen Schrei. Als er später mit Polizisten das verschlossene Zimmer stürmt, hängt das Bildnis des Dorian Gray in seiner ursprünglichen Schönheit an der Wand. Auf dem Boden liegt ein alter, runzliger, zutiefst hässlicher Mann mit einem Messer im Herzen. Nur die Ringe an seinen Händen verraten, dass es Dorian Gray ist.“
„Oscar Wilde hat den Roman in 20 Kapitel unterteilt und mit einer Vorrede versehen, die wie ein Manifest des Ästhetizismus anmutet: Pointiert formuliert er hier Thesen über den Künstler, die Kunst, die Literatur und deren Ausdrucksmöglichkeiten. Thesen wie diese: "Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol. Wer unter die Oberfläche dringt, tut es auf eigene Gefahr. Wer das Symbol entschlüsselt, tut es auf eigene Gefahr." Und schließlich: "Alle Kunst ist völlig unnütz." Unverkennbar sind die Sprache und Stimmung des Fin de Siècle, des ausgehenden 19. Jahrhunderts, mit seiner Genusssucht und dem Hang zur Dekadenz. Dorian Gray ähnelt über weite Strecken eher einem Schauspiel, das in Prosa gekleidet ist: Geistreich-witzige Konversationen bestimmen den Stil. Besonders die Aphorismen (pointierte Sinnsprüche), die Lord Wotton bei jeder beliebigen Situation zum Besten gibt, sind ein dominantes Stilmerkmal. Szenen und Dialoge sind so lebhaft gestaltet wie für ein Bühnenstück. Die Hauptakteure sind bloße Typen, denen je eine klare Funktion zugeschrieben werden kann: Basil Hallward vertritt die Moral, Lord Wotton den ungeschminkten Zynismus und Dorian Gray das Gesamtkunstwerk des "neuen Hedonismus".“
„Die Beziehung zwischen Dorian und seinem Bildnis ist eine Anspielung auf die Gestalt des Narzissus in der griechischen Mythologie: Der schöne Jüngling verliebt sich in sein eigenes Spiegelbild im Wasser und geht daran zugrunde.
Der gesamte Roman kreist um den Schönheits- und Jugendwahn, der nicht nur Ende des 19. Jahrhunderts aktuell war, sondern es auch heute noch ist. Dieser Wahn führt in Wildes Roman zu Egozentrik, moralischem Verfall und schließlich zu völliger Selbstzerstörung.
Schönheit junger Männer, verborgene Sündhaftigkeit, geheime Ausschweifungen, magnetische Anziehungskraft: Bei all diesen Motiven schwingt das Thema der Homosexualität mit, das schließlich beim Erscheinen des Romans einen Skandal ausgelöst hat.
Oscar Wilde spielt mit dem künstlerischen Gesetz der Renaissance, dass in einem schönen Körper immer auch ein schöner Geist, also ein moralisch tadelloser Mensch stecken soll. Dorian Gray gehorcht genau diesem Prinzip, pervertiert es aber zugleich: Indem er die körperlichen Makel seiner amoralischen Handlungen auf das Bildnis überträgt, kann Dorian - völlig unbemerkt und ungestraft - sein lasterhaftes Leben weiterführen. Darin ist auch eine Kritik an der bürgerlichen Moral versteckt, die sich allzu schnell vom schönen Schein blenden lässt.
Wildes Roman thematisiert zudem die Moralität von Kunst: Diese sei nämlich, wie Dorians Bildnis, weder gut noch böse, sondern gehorche ganz anderen Prinzipien. Wilde sagt es in der Vorrede: "So etwas wie ein moralisches oder unmoralisches Buch gibt es nicht. Bücher sind entweder gut oder schlecht geschrieben. Das ist alles." Dennoch wird Dorian Gray heute als sehr moralisches Buch betrachtet.“
https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/das-bildnis-des-dorian-gray/3374
De profundis
Oscar Wilde, De Profundis - deutsche Fassung (Aus der Tiefe)
https://www.youtube.com/watch?v=zel-_ctEN8w
„De profundis ist ein Aufschrei aus dem Kerker. Der schillernde Dandy und gefeierte Theaterautor Oscar Wilde wurde auf dem Höhepunkt seines Ruhms wegen homosexueller Beziehungen zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Anfang 1897, schon gegen Ende der Haft, schrieb er sich mit einem Brief an den ehemaligen Geliebten Lord Alfred Douglas die Verzweiflung vom Leib. Der Brief wurde später unter dem Titel De profundis veröffentlicht. Wilde rechnet schonungslos mit Douglas ab und wirft ihm – während er die fatale Beziehung noch einmal Revue passieren lässt – Herzlosigkeit, Verschwendungssucht, Egozentrik und Fantasielosigkeit vor. Dann schwenkt er vom Gestern aufs Heute und versucht seinem harten Leben im Gefängnis etwas Gutes abzugewinnen: Er habe dort Demut und das Leiden gelernt. Beide Erfahrungen, die er zu früheren Zeiten als Liebling der Gesellschaft wohl gering geschätzt hätte, erscheinen ihm nun essenziell und zur Vervollkommnung der eigenen Persönlichkeit unverzichtbar. Bis zum Schluss ist der Text von tiefem Groll und hilfloser Liebe zu Douglas geprägt. Dabei geht er in Ton und Umfang weit über die briefliche Form hinaus. Obwohl unausgewogen und gedanklich gewagt, ist Wildes Werk ein bewegendes persönliches Bekenntnis und ein bewundernswertes Stück Selbstbehauptung.“
„Die Niederschrift des Briefes an Lord Alfred Douglas beginnt nach mehr als eineinhalb Jahren Haft des Verfassers und nach langem, vergeblichen Warten auf eine Nachricht des ehemaligen Geliebten. Der Schmerz und die Enttäuschung über dessen Schweigen sind groß, aber die Zeit der gegenseitigen Zuneigung ist trotzdem nicht vergessen. „Bosie“, so der Spitzname des Adressaten, soll sich durch das Folgende nicht angegriffen fühlen, sondern seine Eitelkeit besiegen und sein Herz öffnen. Nur so wird er zur bitter nötigen Selbsterkenntnis fähig sein.
„Nachdem Du mein Genie, meine Willenskraft und mein Vermögen in Beschlag genommen hattest, verlangtest Du in blinder, unersättlicher Gier meine ganze Existenz. Und nahmst sie.“
Beklagenswert ist, dass die Beziehung zu Douglas keinen geistigen Mehrwert hatte und den Künstler zur Unproduktivität verurteilte. Douglas’ eindimensionale Vergnügungssucht hat Wildes schöpferische Fantasie gelähmt. Im Übrigen ist die eitle Fixierung des Adressaten auf kostspielige Extravaganzen immer maßloser und zugleich immer undankbarer geworden. Auf mehr als 5.000 £ sind Wildes Aufwendungen für den gemeinsam gepflegten Lebensstil zu veranschlagen, den er allein zu finanzieren hatte. Am Ende hat Douglas seinen Willen gebrochen und ihn in eine Tyrannei des Schwachen über den Starken gezwungen.
Eine Trennung wäre das Beste gewesen. Doch Wilde hatte die Beziehung schon mehrfach beendet – und Douglas jedes Mal wieder vergeben. Ein Fall ist besonders stark in Erinnerung: Erst erkrankte Douglas, dann Wilde an Grippe; doch während Wilde sich liebevoll um den Geliebten kümmerte, ließ dieser ihn später schnöde im Stich und ging ungerührt weiter auf Vergnügungsjagd. Abermals schwor sich Wilde damals, mit Douglas für immer zu brechen. Doch ein überraschender Todesfall in dessen Familie ließ sein Herz aufs Neue erweichen.
„Hass macht die Menschen blind. Das merktest Du nicht. Liebe kann die Inschrift auf dem fernsten Stern entziffern, doch der Hass blendete Dich so sehr, dass Du über den engen, ummauerten und wolllustwelken Garten Deiner niederen Gelüste nicht hinwegsahst.“
Die tragische Freundschaft der beiden hatte damit begonnen, dass Douglas Wilde in einer delikaten Angelegenheit um Hilfe gebeten, diese auch erhalten hatte und daraufhin dem berühmten Autor ein eigenes Gedicht zur Begutachtung vorlegte. Wildes Antwortbrief, voll stilisierten, übertriebenen Lobes, endete schließlich Jahre später als Beweisstück im Strafprozess – ein Indiz für die „Verführung der Unschuld“. In einem weiteren bitteren Schicksalsschlag führte ein teures Weihnachtsgeschenk, das Douglas nicht einmal besonders begeisterte, zu Wildes Bankrott und der Pfändung seiner gesamten Bibliothek. Im Rückblick erscheint Douglas fast wie eine Marionette des Bösen, die nur auf das Unglück ihres Partners aus war. Aller Luxus, den Wilde dem Jüngeren pausenlos bot und bezahlte, wurde lediglich verschlungen, nie gewürdigt. So verkehrte sich ein Leben, das Wilde gern als Lustspiel erfahren hätte, in eine abstoßende Tragödie.
Trotzdem muss Douglas Wilde geliebt haben – wenigstens mehr als jeden anderen Menschen. Allerdings ist in Douglas’ Herz der Hass – vor allem auf den Vater – immer das stärkere Gefühl gewesen. Mit fatalen Folgen: Während die Liebe sich von der Fantasie nährt und den Menschen veredelt, macht der Hass ihn blind und unersättlich. Im Prozess ist Wilde im Grunde ein Opfer des gegenseitigen Hasses von Vater und Sohn geworden. Auf die nachträgliche Einsicht des Adressaten und auf läuternde Scham kann man nur hoffen. Douglas soll das Geschehene wirklich begreifen. Sonst ist er dem schlimmsten Laster ausgeliefert, der Seichtheit.
Wahrscheinlich werden die Worte dieses Briefs bei Douglas auf taube Ohren stoßen. Doch sei’s drum, um jeden Preis gilt es, sich im Gefängnis die Liebe zu bewahren – um der Liebe selbst willen, aber auch für das eigene seelische Gleichgewicht. Und dies, obwohl Douglas diese Liebe eigentlich nicht verdient und auf Dauer mehr die Züge eines Feindes getragen hat als die eines Liebenden. Am Anfang seiner Gefängniszeit hat Wilde beschlossen, auch in Douglas einen Leidenden zu sehen, der von Reue und Schuldgefühlen geplagt ist. Dann allerdings hat er erfahren, dass der ehemalige Geliebte in einer literarischen Zeitschrift Teile aus Wildes Briefen abdrucken wollte. Seine Bestürzung nahm noch einmal zu, als ihm klar wurde, dass es sich dabei um Briefe aus den ersten Hafttagen handelt. Stumpfsinn, Egoismus und Eitelkeit sind es offenbar, die Douglas leiten.
Die Entdeckung der Demut
Seit den ersten Enttäuschungen der Gefangenenzeit ist inzwischen mehr als ein Jahr vergangen. Der Fluss des Lebens ist ins Stocken geraten, eine nicht enden wollende „Jahreszeit des Grams“ ist angebrochen. Wildes Mutter ist gestorben, und Douglas hat keine Beileidsnote geschickt. Voller Ekel nahm Wilde bald darauf zur Kenntnis, dass der frühere Geliebte ihm ungefragt einen Band mit eigenen Gedichten widmen wollte – ein unerhörter, nicht hinzunehmender Vorgang, der ebenso empörend ist wie Douglas’ andauerndes, herzloses Schweigen. Schließlich wurde Wilde per Gerichtsbeschluss auch noch das Sorgerecht für seine zwei Kinder entzogen. Auf Mitleid von Douglas ist nicht zu rechnen, dessen Fantasielosigkeit verhindert das. Trotzdem muss man ihm vergeben: um die eigene, das Herz schwer belastende Bitterkeit zu überwinden.
„Ich schreibe diesen Brief nicht, um Bitternis in Dein Herz zu senken, sondern um sie aus dem meinen zu reißen.“
Wildes Werdegang ist beeindruckend: Er war die künstlerische Symbolfigur seiner Zeit, genial in vielerlei Hinsicht, intellektuell wie stilistisch brillant und zu Recht von allen verehrt. Auf das Spiel mit Kontrasten gepolt, suchte er, der Dichter im Höhenflug, am Ende bewusst das Niedrige und fand Gefallen an der Perversion. Das verdarb ihm den Charakter, führte zum Kontrollverlust und schließlich in die Schande. Nun, nach fast zwei Jahren Kerker und endlosem Leid, hat er etwas Überraschendes in der Tiefe seines Herzens entdeckt: die Demut. Sie erscheint wie der wertvolle Rest seiner Seele und zugleich wie der erste Schritt in ein neues Leben. Plötzlich verliert die Mittellosigkeit ihren Schrecken. Der innere Wandel bleibt freilich ein riskanter Prozess, den man als Individualist durchstehen muss, ohne feigen Rückzug in die Religion, zur Moral oder in den Vernunftglauben.
Alles erfahrene Leid muss bejaht werden, als notwendiges Erlebnis für die Seele. Man darf die Demütigungen des Gefängnisalltags nicht von sich weisen, sonst hemmt man die eigene Entwicklung. Der inneren Vervollkommnung zuliebe darf man sich seiner Strafe nicht mehr schämen. Bei der Einlieferung ins Gefängnis wollte Wilde noch sterben, später beherrschte ihn der Zorn, dann die Melancholie. Jetzt macht sich eine neue Heiterkeit breit. Das Leid hat sich als Geheimnis des Lebens offenbart. Früher glaubte er, dass alles menschliche Leid Gottes fehlende Anteilnahme beweise. Doch in Wirklichkeit sorgt wohl eine liebende Instanz für das irdische Leid – denn dem Leid entspringt die Schönheit der Seele. Ein Künstler muss schon deshalb voller Demut jede Erfahrung bejahen, weil er sein ganzes Leben der Entwicklung des eigenen Ich widmet.
„Ich war ein Mann, der Kunst und Kultur seiner Zeit symbolisierte. Ich selbst hatte das schon an der Schwelle meines Mannesalters erkannt, und später zwang ich die ganze Welt, es zu erkennen.“
In dieser Hinsicht ist das Leben des Künstlers dem Leben Jesu Christi vergleichbar. Christus war nicht nur ein Vorläufer der romantischen Bewegung; sein Wesen gründet auch, wie das des Künstlers, auf einer außerordentlichen Fantasie. Darüber hinaus kann er als Erster unter den Liebenden gelten und als der größte Individualist. Wilde ist erst mit dem schlimmsten Schicksalsschlag auf den Grund seiner Seele vorgestoßen. Die Demut, die er dort fand, hat ihn jene kindliche Einfalt gelehrt, die Christus den Menschen abgefordert hat. Die Kunst und die Fantasie der Künstler mag die Menschen erheblich bereichert haben. Doch Jesus’ Vorstellungskraft ging wesentlich weiter. Sein universelles Mitleid machte ihn zum Fürsprecher der Sprachlosen und Leidenden, und mithilfe seiner Künstlernatur machte er sich schließlich selbst zum leibhaftigen Bild des Schmerzes.
Das schreckliche Ende als wunderbarer Anfang
Der klassischen Kunst, die sich äußeren, vorgegebenen Regeln verdankt, steht die romantische Kunst gegenüber, die sich aus inneren Impulsen, aus der Intuition speist. Da Jesus „sich selbst aus seiner eigenen Fantasie“ schuf, ist er für immer die zentrale Gestalt der Romantik. Christus hat die Fantasie als eine Form der Liebe begriffen, und diese wiederum ist die Verkörperung Gottes. Jesus liebte die Unwissenden, denn in ihnen war stets Raum für eine große Idee. Die Dummen mochte er dagegen nicht, noch weniger die Verdummten und am allerwenigsten die Philister in ihrer billigen Selbstzufriedenheit und trügerischen Rechtgläubigkeit. Deren weltlicher Macht stellte er den alleinigen Wert des Geistes gegenüber, ihrem regelstarren Tagwerk das kontinuierlich sich erneuernde Dasein. Neben dem Leiden sah Christus auch die Sünde als einen Weg zur Vollendung an – denn die Reue der Seele ist zugleich ihre Weihung. Womöglich muss man sogar ins Gefängnis gehen, um das zu begreifen.
„Mir bleibt nur noch eines, äußerste Demut: genau wie Dir nur noch eines bleibt, äußerste Demut. Wirf Dich in den Staub und lerne sie an meiner Seite.“
Für den Fall einer Rückkehr zur künstlerischen Arbeit nach der Entlassung aus dem Gefängnis kommen nur zwei Themen infrage. Erstens: „Die Rolle Christi als Vorläufer der romantischen Bewegung.“ Zweitens: „Das Leben des Künstlers und wohin es führt.“ Im Gegensatz zu praktischeren Naturen, die eine bestimmte Karriere anzustreben in der Lage sind, ist der Künstler im Grunde auf Selbstverwirklichung aus und weiß deshalb nie genau, wohin er geht. Dieser Wille zur Selbsterkenntnis ist die erste Stufe des Wissens. Auf der letzten jedoch erkennt man, dass die Menschenseele unerforschlich ist. Am Anfang seiner Haftzeit hat Wilde sich verzweifelt gesagt: Was für ein schreckliches Ende! Nun, gegen Ablauf der Haft, muss es lauten: Was für ein wunderbarer Anfang!
Muss man ein besserer Mensch werden? Nein, wohl aber ein tieferer. Als vom Leid geprüfte und zum Mitleid befähigte Seele ist man nah herangerückt an Gottes Geheimnis. Als Künstler muss man fortschreiten, aus innerer Notwendigkeit. Im Übrigen verdankt sich das Verderben des Inhaftierten keinem Übermaß, sondern einem Mangel an Individualismus. Wilde hätte sich nie dazu hinreißen lassen dürfen, Douglas’ Vater zu verklagen. Dass Douglas ihn dazu getrieben hat, bedeutete den Einzug der Philisterei in ein Leben, das damit nie etwas zu tun haben wollte.
„Ich muss versuchen, jede einzelne Demütigung des Leibes zu einem Erlebnis der Seele zu machen.“
Gott sei Dank, dass er Wilde neben Douglas noch andere, bessere Freunde beschert hat. Im Grunde müsste Douglas sich glücklich schätzen, wenn Wildes wahre Freunde ihn auch nur den Schmutz ihrer Schuhe küssen ließen. Unglücklicherweise hat wohl auch Douglas’ Mutter zur moralischen Verkommenheit ihres Sohnes beigetragen, denn sie wagte es nie, ihm wirklich ins Gewissen zu reden. Stattdessen bat sie Wilde brieflich, doch bitte positiven Einfluss auf ihren Sohn auszuüben. Wilde allerdings musste sich geschlagen geben, er konnte auf Douglas keinerlei Einfluss nehmen. Denn dazu waren dessen Herz, Verstand und Fantasie schlicht zu wenig ausgebildet. Nur für Sentimentalitäten war er zu haben, geliehene Gefühle also, deren wahren Wert und wahre Kosten er nicht kannte.
„Ja, Christi Platz ist bei den Dichtern. Sein Menschheitsbild entsprang direkt seiner Vorstellungskraft und kann nur durch sie verwirklicht werden.“
Überhaupt lag darin das große Missverhältnis der einstigen Freundschaft: Douglas drängte sich in ein Leben, dessen geistige Umlaufbahn für den winzigen Radius seiner Vorstellungskraft bei Weitem zu groß war. Die Tragödie, die er ins Rollen brachte, konnte er selbst gefühlsmäßig gar nicht erfassen. Wie Rosenkranz und Güldenstern in Shakespeares Hamlet begriff er nichts von den großen Leidenschaften, die um ihn herum zum Ausbruch kamen. Er hat ein kostbares Leben in seinen Händen gehalten wie ein komplexes Spielzeug, dem er nicht gewachsen war, – und es schließlich zerbrochen.
Wie mag ein künftiges Wiedersehen mit Bosie verlaufen? Wilde will zunächst mit zwei anderen Freunden in ein ausländisches Fischerdorf ziehen. Das Meer soll bei der Suche nach dem Mystischen in Leben, Kunst und Natur helfen. Nach Ablauf eines Monats kann es dann zu einem sorgfältig vorbereiteten Treffen kommen. Zwar trennt sie beide der Abgrund des Leids, doch die Demut und die Liebe vermögen Ungeheures. Womöglich steht ihnen nun erst bevor, sich endlich wahrhaftig kennenzulernen. Vielleicht ist es Wilde sogar aufgetragen, Douglas nicht nur die Freuden des Lebens, sondern auch den Sinn und die Schönheit des Leids zu lehren. Mit dieser Überlegung endet der Brief. Unterzeichnet ist er mit „Dein Dich liebender Freund Oscar Wilde“.“
„De profundis ist zu Lebzeiten Wildes nicht veröffentlicht worden. Es bestehen sogar Zweifel, ob der Brief jemals seinen Adressaten erreicht hat. Nach dem Ende der Haft ließ Wilde seinen Freund Robert Ross mindestens zwei Kopien des Textes anfertigen. Eine war für Douglas bestimmt, der den Erhalt des Briefes jedoch stets bestritten hat. Ross veröffentlichte das Werk erstmals 1905, fünf Jahre nach Wildes Tod. Der Titel De profundis (= Aus der Tiefe) ist Ross’ Wahl, ein Verweis auf den biblischen Psalm 130. In der ersten Ausgabe erschien der Text allerdings in einer um mehr als die Hälfte gekürzten Form. Der Ausgabe fehlte jeder Verweis auf die Figur Lord Alfred Douglas. Die gekappte Fassung war erfolgreich, erhielt positive Kritiken und wurde, kaum verändert, in die erste Ausgabe von Wildes gesammelten Werken übernommen. Das Originalmanuskript übergab Ross 1909 dem Britischen Museum, unter der Bedingung, es dort für weitere 50 Jahre unter Verschluss zu halten. Seine eigene Abschrift vermachte er Wildes jüngerem Sohn. Der versuchte 1936 eine komplette Version zu veröffentlichen, wurde aber von Douglas (inzwischen 65 Jahre alt) daran gehindert. Schließlich erschien 1949 eine erste, weitgehend dem Original entsprechende Ausgabe. Doch erst 1962, auf Grundlage der inzwischen freigegebenen Urfassung, wurde der Text endlich in voller Länge veröffentlicht.
Heute zählt er zu Wildes wichtigsten und bewegendsten Prosawerken. Teile des persönlichen Dramas, um das De profundis kreist, sind in Brian Gilberts Filmbiografie Oscar Wilde (1997) festgehalten.“
https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/de-profundis/6050
Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm
Das Böse verlachen
- Satire, Realsatire, ernst Gemeintes -
Wochenkommentar von Ferdinand Wegscheider | 29.11.
"Die rot-weiß-rote Reform-Offensive!" - Im neuen Wochenkommentar geht es diesmal um die Reform-Offensive der österreichischen Bundesregierung, wir schauen uns an wie SPD-Chefin Bärbel Bas kreativ mit Steuermitteln umgeht, warum jetzt schon Neugeborene divers sind und wir hinterfragen, warum derzeit viele unter Friedensangst leiden!
https://www.servustv.com/aktuelles/v/aav9p1gz0ebe0rq32eg5/
Hasstalavista- Serdar reagiert auf Lance
https://www.youtube.com/watch?v=-SnXsfjX36E
Simone Solga: Gießener Republik | Folge 193
https://www.youtube.com/watch?v=gh-s6H0GWG4
Friedensangst / Steimles Aktuelle Kamera / Ausgabe 210
https://www.youtube.com/watch?v=uvSpCk1tVhk
HallMack Aktuelle Kamera 174 - Deutsche im Weltraum
https://www.frei3.de/post/b54a0c46-548d-4734-9581-89fd79118d8d
Gießen im Fokus heute
https://www.youtube.com/watch?v=faZMFn5Pk9w
Gießen war ein Erfolg für die Demokratie !!
https://www.youtube.com/watch?v=8EJGvyd4Rr4
Frohen ersten Advent Deutschland !#ansage #christen
https://www.youtube.com/watch?v=yUGp_ssbwoQ
Die Weißen mögen uns nicht ??#trigger
https://www.youtube.com/watch?v=QX6MkqV3Zz8
So muss es ablaufen !!#satire
https://www.youtube.com/watch?v=BlAv9eP7BL8