https://www.youtube.com/watch?v=4rDNkj4EJPM

 

Applaus, Applaus!

Den systemrelevanten Kräften wird gedankt. Wer sind diese Kräfte? Unter anderem sind diese tätig in den Bereichen Lebensmittel-Versorgung, Gesundheit, Pflege, Transport, Infrastruktur, Reinigung, Erziehung, Sicherheit.

Also meistens in schlecht bezahlten Berufen, deren Arbeitsleben in den letzten Jahren etwa durch erhöhten Arbeitsaufwand, erhöhte Konkurrenz von Billig-Lohnkräften, oft erheblich verschlechtert wurde und die von jenen mit besser bezahlten Jobs gerne verachtet wurden.

 

https://www.youtube.com/watch?v=_ZEi7dyep30&t=1255s

 

Applaus, Applaus!

 

Zusammen trotz aller Distanz: Mit Applaus haben viele Menschen in Deutschland den Helfern in der Coronakrise gedankt. Klinikmitarbeiter antworteten mit einem Appell.

Am Mittwochabend um 21 Uhr waren vielerorts in Deutschland Applaus und Jubelrufe zu hören. Zahlreiche Menschen standen am offenen Fenster oder auf ihren Balkonen und klatschten: für Pflegepersonal und Ärzte, aber auch für Beschäftigte im Einzelhandel und für alle Helfer, die ohne Pause gegen den Coronavirus im Einsatz sind. Diese Berufsgruppen haben täglich viel Kontakt zu Menschen, auch zu potenziell Erkrankten, während der Rest der Bevölkerung vermehrt zuhause bleibt - bzw. bleiben soll.

Die Bundesregierung hatte an die Bevölkerung appelliert, soziale Kontakte drastisch zu reduzieren, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Geschlossene Schulen und Kindertagesstätten führen dazu, dass viele Arbeitnehmer im Homeoffice arbeiten.

Aufrufe zu der Solidaritätsaktion hatten sich über die sozialen Medien verbreitet. Dort stand zum Beispiel: "Nun heißt es Zusammenhalt und Anerkennung zeigen!" In vielen deutschen Städten kamen die Menschen dem nach, unter anderem in Köln, wo aus mehreren Stadtvierteln im Zentrum eine starke Beteiligung gemeldet wurde. Videos der Solidaritätsbekundungen wurden in Onlinenetzwerken geteilt.

Der Beifall führte teils auch zu Kontakt unter Nachbarn, die bis dahin gar nichts miteinander zu tun gehabt hatten - allerdings nur von Weitem: Sie grüßten sich mit Zurufen oder leuchtenden Handys über die Straße hinweg.

Bereits am Dienstag hatten ähnliche Aktionen auch in anderen Städten stattgefunden, darunter in Hamburg und Leipzig. Urheber der Aktion sind nicht bekannt, es gibt aber Aufrufe, sie fortzusetzen und den Helfern jeden Abend zu applaudieren.

In Italien, Spanien und Griechenland hatten Bürger in den vergangenen Tagen mit dem Applaus für die Helfer begonnen. Auch in Paris, Lyon, Marseille und anderen französischen Städten dankten am Dienstagabend um 20 Uhr Anwohner klatschend Ärzten und Pflegepersonal. "Ein großes Dankeschön für diese Unterstützung!" schrieb daraufhin der Verband öffentlicher Krankenhäuser in der Region Paris auf Twitter. In Frankreich gilt seit Dienstagmittag eine landesweite 15-tägige Ausgangssperre.

Auf den Dank der Menschen antworteten die Beschäftigten im Gesundheitswesen mit einer eindringlichen Bitte. Mitarbeiter des Uniklinikums in Essen veröffentlichten auf Twitter ein Foto, auf dem sie in Schutzkleidung und mit einem Spruchband zu sehen sind. Auf dem heißt es: "Wir bleiben für euch hier... bitte bleibt für uns zuhause!"

https://www.tagesschau.de/inland/corona-dank-helfer-101.html

 

Ganz unten

 

Winfried Wolf: „In Deutschland leben zwischen drei und vier Millionen Arbeitskräfte aus osteuropäischen Ländern – vor allem aus Rumänien, Bulgarien und Polen – die auf der Basis von Werksverträgen beschäftigt sind. Sie bilden das Subproletariat unserer Gesellschaft. Sie sind in den Bereichen der Fleischindustrie („System Tönnies“), der Landwirtschaft, der häuslichen Pflege und der Zustelldienste beschäftigt. Diese Menschen arbeiten unter unmenschlichen Bedingungen. Und vor allem leben sie in extrem prekären Wohnverhältnissen, was die Ausbreitung des Corona-Virus enorm begünstigt. Pfarrer Peter Kossen, der seit Jahren auf die Situation dieser Menschengruppe aufmerksam macht und – soweit dies in seinen Kräften steht – viele von ihnen betreut, erklärte in einem aktuellen Appell: „Wenn jetzt die Pandemie auf diese ausgelaugten, angeschlagenen und gedemütigten Menschen aus Ost- und Südeuropa trifft, dann wird dies zahlreiche Opfer fordern. […] Die Totalerschöpfung dieser Menschen ist der Normalzustand. Hinzu kommen [insbesondere im Fleischgewerbe; W.W.] zahlreiche Schnittverletzungen, aber auch wiederholte und hartnäckige Infekte durch mangelhafte hygienische Zustände in den Unterkünften und durch gesundheitswidrige Bedingungen an den Arbeitsplätzen.[…] Wenn nicht wirklich schnell gehandelt wird, ist eine massenhafte Ansteckung mit zahlreichen schweren und auch tödlichen Verläufen nicht mehr aufzuhalten.“ Zu fordern sind von den Unternehmen und den Behörden umfassende und wirksame Maßnahmen zum Schutz der Arbeitsmigranten in der aktuellen Corona-Krise.“

https://www.nachdenkseiten.de/?p=59459

Der Wurm hatte bereits in mehreren Beiträgen über die Entwicklungen in der Arbeitswelt berichtet, unter anderem hier: http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/211-der-gefangene-von-landsberg.html , http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/256-ablenkung.html

 

Risikogruppe alt

 

Jens Berger: „Wenn man sich einmal die Daten der italienischen Behörden zu den dortigen Corona-Sterbefällen anschaut, kommt man auf ein klares Muster. Das Durchschnittsalter der Todesopfer ist mit 78,5 Jahren (Median: 80 Jahre) extrem hoch. Nur 1,2% der untersuchten Sterbefälle wies keine Vorerkrankung auf, fast die Hälfte hatte hingegen drei oder mehr unterschiedliche schwere Vorerkrankungen.

Lediglich neun der 3.200 Verstorbenen waren übrigens jünger als 40 Jahre und dabei wiesen alle bekannten Fälle schwere Vorerkrankungen auf. Wenn wir also von Risikogruppen sprechen, so lassen sich diese medizinisch und demografisch sehr präzise verorten und die Pflege- und Altenheime der Republik sind anhand dieser Kriterien die Sammelbecken der Risikogruppe. Die zehn Corona-Todesfälle im Würzburger Seniorenheim St. Nikolaus sollten daher die Politik wachrütteln. Es wird nicht bei diesem einen Fall bleiben.“

https://www.nachdenkseiten.de/?p=59633

 

Einsparungen im Gesundheits-System

 

Werner Rügemer: „Wenn Bürger und Kommunen immer wieder verlangt haben, dass die Schuldenbremse ausgesetzt werden muss, damit die für die Mehrheitsbevölkerung notwendige Infrastruktur repariert und erneuert und erweitert werden kann – Krankenhäuser, Schulen, Kanalisationen und Trinkwasserbeschaffung, Leitungssysteme, Nahverkehr – da haben Merkel, Schäuble, Scholz und Unternehmerlobby sofort gebremst.

https://www.nachdenkseiten.de/?p=59428

Sahra Wagenknecht: „Nach tagelangem Abwiegeln hat Gesundheitsminister Spahn inzwischen eingeräumt: Deutschland stehe am Beginn einer Epidemie. Medizinische Mundschutze sind vielerorts ausverkauft, im Supermarkt sieht man Leute, die kistenweise Konserven kaufen. Nun wäre es ganz sicher unverantwortlich, Panikstimmung zu schüren. Trotzdem muss man sich fragen, ob unser auf Kommerz und Rendite getrimmtes Gesundheitssystem auf eine Zuspitzung der Situation vorbereitet ist und die Krisenprävention in unserem Land funktioniert. Es gibt Gründe zur Beunruhigung: Wenn Personalnotstand in vielen Krankenhäusern, Gesundheitsämtern und Rettungsdiensten längst der Normalfall ist, was soll dann erst im Notfall werden?

Wie unser Gesundheitssystem durch eine neoliberale Politik von Privatisierungen, Fallpauschalen, Schließung von Kliniken und Bettenabbau sowie die Verlagerung der Arzneimittelproduktion ins Ausland kaputt gemacht wurde und wird – darum geht es in meinem Video der Woche.“

 

https://www.youtube.com/watch?v=dUoskQc0Pto

 

Die Gesundheitsämter sind, so wie viele andere Behörden auch, in den letzten Jahren im Wahn des ‘schlanken Staates’ massiv klein gespart worden. […] Das Gesundheitssystem hat sich in den letzten 20 Jahren massiv verändert. Heute ist unser Gesundheitssystem eine profitorientierte Industrie. […] Bis 1985 war es in Deutschland Krankenhäusern verboten, Gewinn zu machen. […] Danach ist das aufgehoben worden, dann wurde die Finanzierung der Krankenhäuser verändert. Früher gab es sogenannte Tagessätze. […] Das wurde dann verändert zu einer Bezahlung nach sogenannten Fallpauschalen. Das heißt je schwerwiegender die Diagnose, desto höher das, was sie für den Kranken bekommen und zwar unabhängig davon, wie lange er im Krankenhaus liegt. […] Inzwischen ist jedes dritte Krankenhaus in privater Hand […]. Es gibt kein anderes Land, in dem so viele Krankenhausbetten in der Hand privater, börsennotierter Konzerne sind. […] Es gab überall eine ganz klare Palette von Maßnahmen: Austritt aus den Tarifverträgen, damit kann man die Löhne drücken, Personalabbau in massiver Form, also weniger Ärzte, weniger Pflegekräfte und das Schließen unrentabler Abteilungen. […] Ein System, das schon im Normalfall an der Kapazitätsgrenze arbeitet, […] wie soll das erst auf einen echten Notfall reagieren? […] Wir müssen begreifen, es gibt Bereiche in unserem Leben, da hat der Markt nicht zu suchen und renditeorientierte Konzerne, Hedgefonds und Finanzinvestoren schon gar nicht.”

https://www.nachdenkseiten.de/?p=58921

Winfried Wolf: „Nicht thematisiert und ABGELENKT wird vom Krankschrumpfen des Krankenhauswesens

Die Corona-Epidemie stößt weltweit – und dabei auch in erheblichem Maß in Deutschland, wohl auch exponiert in Italien – auf einen ausgepowerten und kaputtgesparten Gesundheitssektor. Die hektischen Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie sind geeignet, über diese Tatsache hinwegzutäuschen. Das scheint durchaus auch auf China zuzutreffen, wo die medizinische Versorgung in den letzten zwei Jahrzehnten mit der sprunghaften wirtschaftlichen Entwicklung nicht Schritt gehalten zu haben scheint. So haben laut offizieller nationaler Schätzung nur 22 Prozent der Wanderarbeitskräfte eine grundlegende Krankenversicherung. In der EU kam es in den vergangenen 15 Jahren zu massiven Prozessen der Privatisierung und Kommerzialisierung in der Gesundheitsversorgung und im Krankenhauswesen. Das Personal wurde flächendeckend um meist mehr als 30 Prozent abgebaut. In Deutschland wurde seit 1992 die Zahl der Krankenhausbetten um gut 30 Prozent reduziert. Es kam buchstäblich zu einem Krankenhaus-Sterben (siehe dazu weiter unten). Parallel erfolgte eine umfassende Kommerzialisierung des Krankenhauswesens, bei dem die Fallpauschalen-Orientierung im Zentrum steht. Laut Angaben der Gewerkschaft Verdi fehlen aktuell in Deutschland 162.000 Beschäftigte, um eine zufriedenstellende Versorgung der Patienten zu ermöglichen. 63.000 Fachkräfte müssten zusätzlich im Bereich der stationären Altenpflege eingestellt werden. Und wir reden hier von normalen Zeiten, noch nicht von Zeiten der Epidemie. Die Ausbildungsstandards wurden aufgeweicht. Die Arbeitsintensität des Krankenhauspersonals nahm enorm zu – bei parallelem Abbau der Realeinkommen. Massenhaft werden Ärztinnen und Ärzte und Krankenhauspersonal aus Drittländern abgeworben und nach Deutschland gebracht. Warum? Weil sie dort nicht gebraucht werden? Nein! Im Gegenteil! Wehe, die Corona-Epidemie bricht in massivem Umfang dort – in Griechenland, in Kroatien, in Serbien, in Bosnien-Herzegowina, auf den Philippinen – aus, wo Tausende unserer Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte herkommen! Sie wurden abgeworben, weil sich unsere Gesellschaft auf diese Weise die Ausbildungskosten spart und weil die Arbeitskraft dieser Menschen so gut wie immer deutlich weniger kostet als die einheimischer Lohnabhängiger, weil sie also in diesem Umfang die Profite der privaten Krankenhausmaschinerie steigert.

Der Flaschenhals in den Krankenhäusern selbst sind die mit ausgebildetem Pflegepersonal und Ärzten besetzten Intensivbetten. Dazu kommen auf der technischen Seite Beatmungsgeräte, die zu knapp sind. Die Kliniken in Deutschland verfügen über rund 28.000 Intensivbetten, wobei gleichzeitig 4.700 Intensivpflegekräfte fehlen. Tatsächlich dürften nur rund 27.000 der Betten ad hoc bereitstehen. Diese sind allerdings im Durchschnitt bereits zu 80 Prozent ausgelastet. Damit sind tatsächlich etwa 5.400 Betten frei.

All das ist seit einem Vierteljahr bekannt – ohne dass es irgendwelche relevanten Aktivitäten gegeben hätte, die Bettenzahl aufzustocken, zusätzliches Pflegepersonal auszubilden und einzustellen und in den Ruhestand getretene Ärztinnen und Ärzte zu reaktivieren. Die Filmemacherin Leslie Franke und der Filmemacher Herdolor Lorenz fassten in einem Rundschreiben am 17. März 2020 unter Bezugnahme auf ihren Film zur dramatischen Lage in den Kliniken die Situation wie folgt zusammen:

Wir haben in dem Film „Der marktgerechte Patient“ gezeigt, dass schon im normalen Tagesgeschäft die Intensivstationen aus pflegerischer Sicht Tag für Tag bereits überfordert sind. Keine einzige im Film untersuchte Intensivstation konnte mehr als 60 Prozent ihrer Intensivbett-Kapazitäten betreuen auf Grund des Pflegemangels. Schuld daran ist eindeutig die Profit orientierte Finanzierung durch Fallpauschalen. Pflegekräfte sind dadurch vor allem lästige Kosten. Seit Einführung der sog. DRGs [Diagnosis Related Groups – Fallpauschalen; W.W] wurden 50.000 Pflegekräfte abgebaut!.“

Doch all das ist aktuell kein Thema. Mehr noch: Der Mit-Verantwortliche für dieses Desaster, Gesundheitsminister Jens Spahn, gebärdet sich aktuell als Corona-Krisen-Zampano. Dabei trug der Mann seit Übernahme des Amtes im März 2018 wesentlich zur fortgesetzten Aushöhlung des Gesundheitswesens bei. Noch im Juli 2019 legte die Bertelsmann-Stiftung eine Studie vor, wonach „jede zweite Klinik in Deutschland“ schließen sollte. Widersprach dem der Gesundheitsminister? Etwa mit Verweis auf Notzeiten und Epidemien? Mitnichten! Der Mann erklärte: „Nicht jedes Krankenhaus muss alles machen.“ Erforderlich sei ein „Mix“ aus Abbau von Klinken und Konzentration auf „das Notwendige“.

https://www.nachdenkseiten.de/?p=59459

Werner Rügemer: „Auch in den „normalen“ Krankenhäusern werden möglichst viele Tätigkeiten ausgelagert: Reinigung, Catering, Labortests, Bettentransport, Fahrdienste, Medikamentenversorgung, Wäscherei usw. Subunternehmerketten übernehmen das mit Billiglöhnern, holen sich Personal von der Leiharbeitsfirma. Das ist zudem keine Gewähr für konsequente Hygiene, im Gegenteil.

Dabei werden die Ungleichheiten zwischen Arm und Reich, zwischen Krank weiter verschärft.

Zu wenig Pfleger, zu wenig Ärzte. Die pflegende, heilende, begleitende, vorsorgende Funktion dieser Berufe wird zugunsten äußerlich funktionierender Verwahrung und schneller Erledigung abgebaut.

Das zu geringe Personal ist ausgepowert, wird selbst häufig krank.

Wegen der Methode „Fall-Pauschale“ wird die Operation bezahlt, aber nicht der pflegerische Aufenthalt danach, Folge: die „blutige Entlassung“.

Jährlich sterben zehntausende Patienten im Krankenhaus wegen unhygienischer Zustände und multiresistenter Keime – so jedenfalls in den Etagen für die Normalversicherten. In den Privatabteilungen und Privatkliniken sieht es anders aus.

Wegen der notwendigen Zuzahlung können sich immer mehr Menschen der unteren Einkommens- und Rentengruppen notwendige Medikamente nicht leisten.

Wegen der notwendigen Zuzahlung bei Vorsorgeuntersuchungen, Zahnbehandlungen und Operationen werden immer mehr Krankheiten nicht erkannt und nicht behandelt.

Die Lebenserwartung in den unteren sozialen Schichten sinkt seit langem, besonders bei Arbeitslosen und prekär Beschäftigten."

https://www.nachdenkseiten.de/?p=59428

 

https://www.youtube.com/watch?time_continue=295&v=MpzdFDecttU&feature=emb_logo

 

Situation der Pflegekräfte

 

Claus Völker: „Und immer wieder und derzeit besonders hören wir das Lob der Politiker, Vorstände und Medien an die systemrelevanten Kräfte in den Einrichtungen à la Ihr seid die Helden der Nation!

Mögen sie sich diese wohllautenden Worte sparen und stattdessen endlich dafür sorgen, dass sich die Pflegekräfte in den Einrichtungen nicht länger im Stich gelassen fühlen. Jetzt auf einmal werden diese mal wieder „wertgeschätzt“. Das erleichtert nicht die Arbeit, fördert nicht den Spaß am Beruf und verbessert weder die Laune noch das Einkommen. Ganz nebenbei: nicht die (noch immer ungenügende) Bezahlung macht die Pflege- und Betreuungskräfte mürbe. Sie fühlen sich seit langem, wie ausgeführt, im Stich gelassen, denn sie möchten vor allem Unterstützung und echte Wertschätzung, nicht immer nur diese ewig gleichen Floskeln. Würde man mal eine diesbezügliche Umfrage starten, käme man zu keinem anderen Ergebnis.“

https://www.nachdenkseiten.de/?p=59683

Personalmangel, spärliche Ausstattungen und Pflegekräfte, die an ihrem Limit arbeiten: In Zeiten der Coronakrise dürfte so manchem langsam dämmern, dass die seit langem bekannten Probleme in unserem Gesundheitssystem und in der Pflege sich irgendwann bitter rächen werden. Monja Schünemann, ausgebildete Krankenschwester und Historikerin, findet auf ihrem Blog mypflegephilosophie.com immer wieder klare Worte zum Thema Pflege. Im NachDenkSeiten-Interview verdeutlicht sie, wie schlimm es um die Pflege bestellt ist. Von Marcus Klöckner.

Frau Schünemann, dass in unserem Gesundheitssystem im ganz normalen Tagesbetrieb schon vieles aus dem Ruder läuft, ist bekannt. Nun aber ist das Coronavirus im Land. Sind unsere Krankenhäuser gewappnet?

Das kommt darauf an, aus welcher Perspektive man es betrachtet. Theoretisch scheint das, glaubt man denjenigen, die gerade nicht vor Ort sind, gegeben. Es wurden noch Beatmungsmaschinen gekauft. Doch schon jetzt haben viele kein Isomaterial mehr zur Verfügung. Es gibt Berichte, wonach nur noch eine Maske pro Schicht an eine Person ausgeteilt wird und diese Person muss dann alle versorgen. Woanders werden Testungen von Kontaktpflegekräften verweigert, weil „sie ja nicht in China waren“. Die Personaluntergrenzen wurden ausgesetzt. Das birgt eine erhebliche Gefahr, gerade auf Intensivstationen. Oder kurz: Schon für das normale Tagesgeschäft sind Kliniken aus pflegerischer Sicht nicht gewappnet , stattdessen erklärt man ihnen unaufhörlich, dass es gerade jetzt auf sie ankäme. Wie immer also.

Die Probleme scheinen tief zu liegen.

Die Kollegen sind schon jetzt ausgebrannt, sie kriegen keinen Rückhalt bei den Einwohnern, auf Twitter werden sie beschimpft, sie sollten sich keine Kinder anschaffen, wenn sie dann in der Not nicht arbeiten können. Das trifft unheimlich, weil in anderen Ländern die Leute sich vor Kliniken versammeln, und Applaus klatschen, wenn die Schichten wechseln. Doch das Ganze hat auch strukturelle Dimensionen.

Eines der grundsätzlichen Probleme besteht darin, dass die Leute in der Ausbildung einen Beruf lernen, den sie in der Praxis nicht ausüben dürfen. Jeder Außenstehende wirft seine veralteten Vorstellungen von Pflege aus dem 19. Jahrhundert mit in den Topf der Fremdzuschreibungen. Es gibt keine Sprecher für Pflegende, die alle vertreten oder gar noch einen Blick für die Probleme der Basis hätten. Pflege gilt als diejenige, die nichts zu sagen hat, weil „sie nur ‚Schwester‘“ sei. Nun müssen von Pflegenden plötzlich Besuchsverbote durchgesetzt werden. Bei meinem Bekannten brachen Angehörige in die Pflegeeinrichtung ein, weil sie die Schutzmaßnahmen nicht einsahen. Es gibt kein Material auf den Stationen. Pflege ist in „erweiterter Quarantäne“, darf also nicht in die Quarantäne bei Kontakt. Manche Kliniken lassen ihre Mitarbeiter nicht testen, verbreiten Fakenews, damit die Pflegenden nicht zu Testungen gehen. Auch wenn Mitarbeiter positiv getestet wurden, hörte ich von Fällen, wo der Mitarbeiter dann weiterarbeiten musste. Das ist besonders gefährlich, weil er in dieser Zeit bereits nachgewiesen infiziert ist und ohne ausreichende Schutzmaßnahmen Patienten und Kollegen anstecken kann. Auch Rentner, also die besonders gefährdete Personengruppe, sollen unter diesen Bedingungen wieder in den Dienst kommen. Das ist fatal, wenn ohne Schutzmaterial Pflegende erst isoliert werden, wenn sie Fieber kriegen. Pflegende sollen gar in den Schulschließungen ihre Kinder nicht betreuen, weil Anderes vorginge. Die Gesellschaft vergisst, dass Pflege ein Beruf ist, von ganz normalen Frauen (und Männern!), mit normalen Familien. Aber es wird noch schlimmer: Mittlerweile spülen die Kollegen in manchen Kliniken ihre Masken ab, obwohl sie Einmalmaterial sind. Das Robert Koch Institut gab zwar die Möglichkeit, nach Säuberung Einmalmaterial mehrfach benutzen zu können, aber die Kliniken sprechen von Wochen. Wochen, in denen sich verschiedene Kollegen gebrauchte Masken teilen sollen. Das wird alles einfach angeordnet. Pflege ist Verfügungsmasse geworden. Und immer weniger wollen über sich verfügen lassen. Seit Anbeginn der BRD holt Pflege die Kohlen für die Menschen aus dem Feuer, aber sie darf nicht mitentscheiden, wie. Die Beispiele sind mannigfaltig.

Wo hakt es noch?

Selbst jetzt, in Coronazeiten, sehen Sie nicht eine Pflegekraft in den Fernsehsendungen. Während es in Amerika Gang und Gäbe ist, dass Pflege Pressekonferenzen hält und sichtbar ist, wird der überwiegend weiblich konnotierte Beruf hier leise gehalten . Der #respectnurses machte klar, dass Pflegende für die Waschlappen und Essensschubsen der Nation gehalten werden, die man auch sexuell angreifen darf. Bis wir in der #metoo-Debatte über Pflege geredet haben, musste ich tatsächlich erst einen Blog schreiben und ins Fernsehen gehen. So internalisiert ist die Gewalt schon, dass nicht mal die Berufsverbände darauf kamen, das ginge die Pflegenden etwas an. Aber gleichzeitig sollen sie Übermenschliches leisten. Am Ende gibt es dann als Dank warme Worte und Merci. Das ist günstiger, als systemrelevante Profis ernsthaft zu bezahlen und daran zu arbeiten, dass diese Form von Pflege so nicht weiter bestehen kann. Seit Jahren werden Pflegende krank. Der DAK-Gesundheitsreport geht von 25 Prozent psychisch Kranker in der Pflege aus. Ab da darf man es dann wohl strukturelle Gewalt nennen.

Auf Ihrem Blog mypflegephilosophie.com haben Sie viel zum Coronavirus geschrieben. Mein Eindruck ist: Sie sind wütend. Auf die Politik, aber auch auf so manchen Mitbürger. Welche gravierenden Fehler sehen Sie auf politischer Seite?

Ich bin über das Stadium einer reflektierenden Wut weit hinaus. Allerdings habe ich, bedingt durch mein Studium, nun eine andere Perspektive auf die Struktur, auf die Historie und auf sozio-kulturelle Musterbeispiele, die Pflege berühren. Diese Standpunkte kleide ich in klare Worte. Ich sage das, was wehtut. Das gefällt nicht jedem, mancher hat solche Worte noch nie gehört. Schon gar nicht von einer Frau. Das größte Problem ist, dass Pflege ein scheinbarer Kostenfaktor ohne wirtschaftlichen Nutzen geworden ist, so sagt man. Aber Pflege, wie ich sie noch kennenlernte, wandte Schaden vom Patienten ab, verhütete Gelenkfehlstellungen und Lungenentzündungen, mobilisierte und sorgte dafür, dass ein sekundärer Schaden erst gar nicht aufkam. Fakt ist, dass ein gut mobilisierter, sicherer Patient mit seiner Situation besser umgehen kann und weniger Folgekosten nach sich zieht. Pflege soll Gesundheitskompetenz stärken. Das fehlt jetzt. Es fehlen Konzepte, aber auch die Möglichkeit, jetzt direkt mit den Menschen zu kommunizieren, wie es in Amerika über das Fernsehen möglich ist. Wir waren einfach nicht Bestandteil der Pandemieplanung, so scheint es. Auch Pandemieschulungen fehlen uns völlig. Blicken wir auch da nach Amerika, werden diese Schulungen durchgeführt und der oberste Grundsatz ist dort: Die oberste Priorität hat der Schutz des Personals. Und wir rasen da einfach mit den Kollegen in eine Situation, die für sie lebensbedrohlich werden kann, als seien sie nichts wert. Das ist zutiefst unethisch und unmoralisch. Kein Leben kann doch weniger Wert haben als ein anderes. Dann ist da noch das deutliche Ungleichgewicht zwischen den Berufsgruppen, das jetzt sichtbar wird. So bietet Niedersachsen einem Arzt pro Stunde 200 Euro an, Pflege lediglich 30 Euro. Dabei leistet Pflege die Hauptarbeit in dieser gefährlichen Versorgung. Das kann nicht fair sein.

Aber um auf Ihre Frage zu kommen: Die Fehler der Politik fangen nicht erst jetzt im Umgang mit der Virussituation an. Wenn wir von Fehlern sprechen wollen, müssen wir früher ansetzen.

Wo denn?

Wenn wir die berufliche Entwicklung seitens der Politik historisch betrachten, fällt ins Auge, dass es immer wieder Ansätze, Maßnahmen und Studien gab, die Pflege professionalisieren sollten. Sobald man aber herausfand, dass sie Geld kosten, wirkungsvoll wären oder gar die Pflege befähigt hätten, brach man sie sofort ab! Da wurde Geld für Maßnahmen, die den Beruf professionalisiert hätten, investiert, das dann ganz schnell in Schubladen verschwand. Die Quasi-Schwester Stephanie, die Berufsfremde unbedingt in Pflege sehen wollen, darf nicht sterben. Das ist übrigens ein geflügeltes Wort bei uns (Schwester Stephanie darf nicht sterben). Das geht vom Akademisierungsunwillen seit 1945 bis hin zu den deprofessionalisierenden Maßnahmen jetzt. Überall wird Pflege studiert. Weil das notwendig ist. Nur in Deutschland soll das eine freiwillige Angelegenheit bleiben. Nehmen wir die Umsetzung der Modelle. Da gab 1992 die Bundesregierung eine Studie in Auftrag, nach der nun ganz Deutschland pflegt (Krohwinkel). Es gibt nationale Standards, die danach ausgerichtet sind. Das sollte Pflege und Gepflegte in einen Prozess der Pflege bringen. Endlich sagten Pflegende, was nötig war. Und dann? Wurde das ganz schnell durch die Einführung der Pflegeversicherung wieder zeitlich getaktet und pervertiert. Pflege ist Beziehungsarbeit, ist Zusammenarbeit. Diese Beziehung wird nun an Hilfskräfte und Roboter ausgelagert. Die Maßnahmen, die in einer Hand liegen sollten, werden nicht gelebt, sondern sind nur noch zum dokumentarischen Abhaken da. Die Politik hat an diesem Punkt Pflege zerstört und deformiert. Das ist es, was Tausende aus dem Beruf treibt. Pflege? Da hat jeder schonmal von gehört, da kann er etwas zu sagen. Nur die Profis selbst kommen nicht zu Wort. Es ist nicht nur so, dass ich den Finger in die Wunde lege, die Lösungen sind aber die Aspekte, nach denen mich niemand fragt. Ich hatte einmal ein Gespräch mit dem damaligen Bundesgesundheitsminister Gröhe, dem ich vieles von dem vorschlug, was jetzt fehlt. Kinderbetreuung zum Beispiel. Modelle für alte Arbeitnehmer und Alleinerziehende. Alle die, die jetzt fehlen. Die Lösungen möchte niemand hören. Schon gar nicht die strukturellen. Deshalb liegt mein Fokus im Blog erstmal auf Problemen, die niemand ausspricht.

Sie schreiben auf Ihrem Blog von Desinfektionsbehältern, die in Pflegeeinrichtungen und Kliniken von der Wand gerissen wurden.

Das ist absurd. Da wurden auf Kinderkrebsstationen Desinfektionsmittel geklaut. Die leukämiekranken Kinder waren diesen Egoisten völlig egal. Das Stehlen von Desinfektionsmitteln war für mich symptomatisch. Klinik ist ein Selbstbedienungsladen der Gesellschaft, sowohl was Material, als auch was human ressources angeht. Die Gesellschaft bestiehlt sich selbst und wähnt sich im Recht.

Dabei ist es nicht mal notwendig, sich die Hände zu desinfizieren, oder?

Im Beruf ist es ein Muss. Draußen reicht Seife.

Hände waschen reicht also gegen das Coronavirus vollkommen aus?

Hände waschen, Sozialkontakte vermeiden, wissen, wie man, wenn Menschen um einen sind, richtig niest, hustet. Das ist das, was wir jetzt tun können.

Tauschen Sie sich derzeit mit anderen Pflegekräften über das Coronavirus aus? Was erfahren Sie?

Es geht drunter und drüber. Wie gerade jetzt mit den Kollegen verfahren wird, macht alle sauer. Jahrelang ignoriert man sie, und nun sollen sie sich bereit machen, das Land zu retten. Dabei wird selbst Leuten in Callcentern zum Coronavirus mehr Gehalt gezahlt als so manchem Pflegenden. (Mindestlohn 15 Euro für Ausgebildete, im Callcenter gibt es 16 Euro und noch etwas mehr)

Nochmal zur Pflege: Dass Pflegekräfte oftmals einen schweren Stand haben, ist bekannt. Aber hängt das auch damit zusammen, dass viele nicht erkennen: Sie halten auch eine gewisse Macht in Ihrer Hand? Ich denke dabei an die Geschichte, die Sie auf Ihrem Blog erzählen. Eine ganze Station hat da gekündigt. Was hat sich dort zugetragen?

Die Überlastung wurde für das Team so groß, dass es geschlossen zu einem Betreiber gewechselt hat, der bessere Konditionen bot. Das war ein außergewöhnlicher Fall, der offenbar die Politik erschreckte. Dass der Einzelne keine Dinge in der Hand hat, sieht man am Beispiel der ausgebüxten Station sehr schön. Erst, als alle mitmachten, ging es. Der Einzelne konnte nichts ausrichten. Dabei sprechen für Pflegende zumeist Ärzte. Ich nenne das Silencing. Andererseits wird seit Jahren betont, alles regele der Markt. Nun regelt es der Markt, die Leute gehen in die Leiharbeit, weil auch diese in dem Fall bessere Konditionen bietet: und schon wird diese Marktregelung verboten. Das ist absurd. Es scheint keinen Ausweg zu geben. Dazu kommt noch die schlechtere Ausbildung als in anderen Ländern. Die Art der Ausbildung hier in Deutschland führt letztlich dazu, dass Pflege sozusagen national eingesperrt wird. Ohne Nachschulungen können Sie außerhalb Deutschlands oft höchstens als Pflegehelfer arbeiten. Die Schweiz bietet das an.

Auch wenn das vielleicht eine besondere Konstellation war, sprich: Man kannte sich schon sehr lange, hatte vielleicht auch etwas Glück, dass eine andere Klinik Interesse an der Arbeitskraft hatte, aber lässt sich da vielleicht doch auch etwas Allgemeines für die Pfleger und Pflegerinnen rausziehen?

Es ist ein Modell, dem man folgen kann, wenn auf einer Station sich das Personal einig ist. Das ist aber auf den meisten Stationen nicht so. Die Belastung führt zu psychischen Erkrankungen, zu Burnout und Verzweiflung. Für eine solche Aktion brauchen Sie Kraft.“

https://www.nachdenkseiten.de/?p=59319

https://mypflegephilosophie.com/

Grzegorz Szymanowski: „Seit Jahren fordern Pflegefachkräfte mehr Geld. In der Corona-Epidemie werden sie plötzlich bemerkt - und vom Balkon beklatscht. Doch wird sich die Bevölkerung an ihre Probleme erinnern, wenn die Krise vorbei ist?

"Es erinnerte an einen 24-Stunden-Bereitschaftsdienst", berichtet der 27-jährige Jan Peters (Name geändert) über die Arbeit als ausgebildeter Krankenpfleger in einem westdeutschen Krankenhaus. Eigentlich sollte er zehn Nachtschichten im Monat arbeiten, doch sein Telefon klingelte viel häufiger, weil Personal fehlte.

Bei ihm schrillten die Alarmglocken, als er nach sechs Nachtschichten in Folge sogar den Geburtstag seiner Mutter verschlief: "Dann dachte ich, ich schaffe das doch keine 30 Jahre lang, wahrscheinlich keine zehn." Jan Peters wechselte auf eine Teilzeitstelle, doch seine Überstunden wurden nicht weniger. Bis er vor sechs Monaten den Job endgültig kündigte.

Heute fehlt Peters wie viele andere dem deutschen Gesundheitssystem im Kampf gegen das Coronavirus. Offiziell waren nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BfA) schon 2018 rund 40.000 Stellen in der Pflege unbesetzt, doch die Dunkelziffer ist viel höher, sagen Experten. Viele Arbeitgeber meldeten sich nicht mehr bei der BfA, weil sich kaum jemand bewerbe.

Der Pflegenotstand ist eine Krise, an die sich viele Deutsche schon gewöhnt haben. Doch die Corona-Epidemie rüttelte sie plötzlich wach. Politiker nennen Pflegekräfte jetzt "systemrelevant". Die Bevölkerung beklatscht sie abends von ihren Balkonen. Aber für viele, die in der Pflege arbeiten, kommt all das zu spät.

"Wir werden jetzt als "systemrelevant" bezeichnet, aber das waren wir schon immer," sagt Nora Wehrstedt. Sie ist 29 Jahre alt und arbeitet als Krankenpflegerin im Städtischen Klinikum Braunschweig: "Ich finde das zwar nett, daß für uns geklatscht wird, aber unsere Miete können wir davon nicht bezahlen."

Neben ihrer Arbeit im Schichtdienst ist sie auch Vizepräsidentin der Pflegekammer Niedersachsen. "Wertschätzung und Anerkennung sind wichtig, aber wir brauchen sie auch, wenn wir um bessere Arbeitsbedingungen kämpfen", sagt sie.

Seit langem fordern Pflegerinnen und Pfleger bessere Löhne und mehr Personal. In der Coronakrise fehlt ihnen wichtiges Schutzmaterial, vielerorts gibt es nicht genug Atemschutzmasken. "Wenn wir nicht aufpassen und das Pflegepersonal jetzt nicht stärken, dann werden nach der Pandemie noch mehr Kollegen aus dem Beruf aussteigen", warnt Wehrstedt. Man merke es sich, wenn Wertschätzung und Schutzmaterial fehlen.

Im Internet sorgt derzeit eine Petition an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn für Aufsehen. Besserer Schutz und Lohnsteigerungen für Pflegekräfte werden gefordert, 350.000 Menschen haben sie bis Ende März unterschrieben. Rechtliche Folgen hat die Petition nicht, aber sie zeigt: Viele haben jetzt ein offenes Ohr für die Stimme der Pflegekräfte. "Wir merken, wie sich der Blick auf uns ändert. Die Menschen sagen: Seid fordernd, ihr habt das Recht auf gute Entlohnung und Schutz", sagt Yvonne Falckner. Die Krankenpflegerin aus Berlin hat die Petition mit initiiert.

Wie das Gesundheitsministerium mitteilte, wurden mittlerweile 20 Millionen zusätzliche Schutzmasken und 15 Millionen Handschuhe geliefert. Insgesamt drei Milliarden Euro seien für weitere Beschaffungen von Schutzausrüstung im Haushalt eingeplant.

Die Probleme der Pflege erinnern an einen Teufelskreis. Weil Personal fehlt, werden andere Pflegekräfte überbelastet. Wenn sie kündigen, verschärft sich der Mangel. "Viele Auszubildende steigen schon im ersten Jahr aus, wenn sie die Arbeitsbedingungen miterleben", sagt Johanna Knüppel, Sprecherin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe.

Die Personalknappheit hat sich in den vergangenen Jahren verschärft. Während 2011 noch 36 Prozent der Krankenhäuser Probleme mit der Besetzung von Pflegestellen hatten, waren es im letzten Jahr schon 78 Prozent, das zeigt eine Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts. Pflegepersonal fehlt in fast allen untersuchten Krankenhäuser, die mehr als 600 Betten haben.

Noch schwieriger ist die Situation in den Pflegeheimen, wo durchschnittlich auch schlechter bezahlt wird. 120.000 Pflegekräfte seien zusätzlich nötig, stellten kürzlich Experten der Universität Bremen in einem Gutachten für das Bundesgesundheitsministerium fest.

Das Ministerium plant nun, die Zahl der Auszubildenden zu erhöhen, ein Mindestlohn von 15 Euro wurde kürzlich verabschiedet. Um den Personalmangel zu beheben, wurden vor zwei Jahren Untergrenzen für das Pflegepersonal auf bestimmten Stationen eingeführt. Doch es fehlen so viele Pflegekräfte, dass die Untergrenzen in der Coronakrise wieder aufgehoben werden mussten.

Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe sieht das steigende Interesse der Politik, vermisst aber schnelle Lösungen: "Die Pflege war viel zu lange vernachlässigt. Es wird Jahre brauchen, bis die professionell Pflegenden wieder Vertrauen in das System gewinnen".

Deswegen wollen Pflegekräfte in der Krise auch eine bessere Bezahlung durchsetzen. Die Pflegekammer Niedersachsen nannte 15 Euro Mindestlohn "einen Witz" und fordert einen Bruttolohn von 4000 Euro. Ähnlich sehen das die Initiatoren der Online-Petition an Gesundheitsminister Spahn. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verdienen derzeit ausgebildete Krankenpfleger an Krankenhäusern im Durchschnitt 3502 Euro und Altenpfleger 3116 Euro im Monat. Die Gewerkschaft Verdi fordert nun zusätzlich eine Gefahrenzulage in Höhe von 500 Euro im Monat.

Auch in der Politik scheint die Bereitschaft zu wachsen, mehr Geld in die Pflege zu investieren. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil nannte die neuen Mindestlöhne zu niedrig und forderte in der ARD Tarifverträge für alle Pflegekräfte. Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Karl Lauterbach, findet es "angemessen, jetzt im Rahmen der noch laufenden Krise einen Zuschlag auszuhandeln, der dauerhaft für diese Berufe zu bezahlen ist", sagte er der DW. "Damit könnte es auch gelingen, aus dem Beruf ausgeschiedene Pflegekräfte zurückzugewinnen."

Lauterbach findet es die richtige Zeit, um über Geld zu sprechen: "Sonst erinnert sich nach der Krise kein Mensch mehr daran", weil wirtschaftliche Schwierigkeiten zu erwarten seien. Auch Krankenschwester Yvonne Falckner weist Kritik zurück, es sei nicht der richtige Moment für Geldforderungen: "Es bringt nichts, wenn man uns auf später vertröstet Wann ist dieses 'später'?"

Wird das Interesse für die Situation der Pflegekräfte auch nach der Krise anhalten? "Menschen klatschen jetzt von Balkonen, weil sie Angst davor haben, selbst krank zu werden", sagt Sozialwissenschaftlerin Barbara Thiessen, Professorin an der Hochschule Landshut: "Und dann sehen sie, dass es da andere gibt, die sich dem Risiko aussetzen und in den Kliniken bleiben und arbeiten." Applaus sei in dieser Situation eine "absolut verständliche" Reaktion, aber vor dem Hintergrund der schlechten Arbeitsbedingungen "auch zynisch".

"Jetzt bekommen sie Beifall und vielleicht sogar eine steuerfreie Prämie. Aber wenn sich danach die Arbeitsbedingungen nicht ändern, das wäre ein Schlag ins Gesicht", sagt Thiessen. Sie bezweifelt, dass die Pflegekräfte auch nach der Krise die nötige Unterstützung bekommen.

Krankenpflegerin Nora Wehrstedt bemerkt, dass sich die Einstellung in der Bevölkerung ändert: "Vorher wurde Pflege oft nicht wertgeschätzt und auf Ausscheidungen, Essen anreichen und Waschen reduziert." Nun merke man, dass die Pflege viel mehr bedeute. Doch Pflegefachkräfte seien "aus der Vergangenheit heraus skeptisch, was nachhaltige Veränderungen angeht", sagt sie: "Schon vieles wurde uns versprochen, aber wenig davon umgesetzt."“

https://www.dw.com/de/corona-krise-pflegekr%C3%A4fte-fordern-mehr-als-applaus/a-52983411

 

Weiter so!

 

Jens Berger: „Mittlerweile ist es bereits ein gängiges Ritual: Man dankt den Ärzten und dem Pflegepersonal, das sich ja ach so selbstlos aufopfert, mit warmen Worten und einer Überdosis Pathos. Wie menschlich, wie wohlwollend. Danke, Frau Kanzlerin. Dumm nur, dass sich die katastrophalen Zustände auf den Stationen der totgesparten Krankenhäuser nicht durch wohlfeile Dankesbotschaften der Kanzlerin verbessern lassen. Angela Merkels von den Medien über den grünen Klee gelobte Corona-Videobotschaft war daher auch vor allem eins – im höchsten Maße zynisch. Wer das Gesundheitssystem erst privatisiert, auf Rendite trimmt und ausbluten lässt und sich dann im nun eingetretenen Notfall bei den Opfern dieser Politik einfach nur nett bedankt, ohne gleichzeitig konkrete Verbesserungen und eine Korrektur der falschen Politik zu verkünden, verdient kein Lob, sondern Kritik!“

Flattening the curve“ … also die Kurve der Corona-Infizierten abflachen, so lautet die Devise der Stunde. Wenn das – durchaus nicht unstrittige – Konzept aufgehen soll, muss die Anzahl der zum jeweiligen Zeitpunkt zu behandelnden Patienten geringer sein als die maximale Kapazität des Gesundheitssystems. Das ist einleuchtend. Gern wird jedoch vergessen, dass die Kapazität des Gesundheitssystems ja keine „gottgegebene“ Größe ist, sondern vor allem politisch gemacht wurde.

Jahrzehntelang hat die neoliberale Politik das Gesundheitssystem totgespart. Schon vor zehn Jahren wurden Brandbriefe geschrieben und düstere Prognosen erstellt, welch negative Auswirkungen die Privatisierungspolitik auf die Kapazitäten des Gesundheitssystems haben wird. Nichts ist passiert! Genau die Politiker, die sich jetzt in gespielter Ehrfurcht vor dem Pflegepersonal verneigen, haben sämtliche Mahnungen in den Wind geschlagen und durch ihre Politik erst dafür gesorgt, dass die Lage von Jahr zu Jahr noch schlimmer wurde.

Ärzte und Krankenschwestern sind nicht selbstlos! Ich weiß das, schließlich bin ich selbst mit einer von ihnen verheiratet. Und wenn Mitarbeiter aus dem Gesundheitssystem eines nicht mehr hören können, dann sind es die hohlen Dankesworte der hohen Politik. Ärzte und Krankenschwestern wollen keine warmen Worte, sondern bessere Arbeitsbedingungen, eine höhere Personalstärke und auch – aber keineswegs an erster Stelle – eine fairere Bezahlung. Angela Merkels „Danke vom ganzen Herzen“ hilft da nicht weiter; schon gar nicht im Zusammenhang mit der anstehenden Coronawelle in den Krankenhäusern. Warme Worte ersetzen keine Schutzmasken und schon gar nicht die de facto bis heute in der Breite nicht stattfindenden Tests beim Krankenhauspersonal.

Aber es geht dabei ja noch nicht einmal „nur“ um das Personal in den nun so wichtigen Kliniken. Wenn in den kommenden Wochen vermehrt vor allem ältere Patienten mit Atemproblemen in die Krankenhäuser eingeliefert werden, wird es nicht nur an Personal, sondern auch sehr massiv an Gerätschaften und Betten fehlen. Schon seit den 1960ern geht die Zahl der deutschen Krankenhausbetten zurück und noch vor wenigen Monaten wollten „Experten“ uns einreden, dass weitere 1.000 der zur Zeit 1.600 deutschen Krankenhäuser ihre Pforten schließen müssen, da sie nicht die nötigen Renditen abwerfen.

Hätte die Kanzlerin gestern eine wirklich große Rede gehalten, dann hätte sie sich für die Fehler der Vergangenheit entschuldigt und klar festgestellt, dass die Privatisierung des Gesundheitssystems ein Irrweg war. Hätte Merkel wirklich verstanden, hätte sie die Pandemie als Weckruf für ein nötiges Umdenken bezeichnet. Sie hätte gesagt, dass man jedoch aus Fehlern lernen könne und nun konkret daran arbeitet, das Ruder möglichst schnell herumzureißen. In Spanien wurden übrigens die privaten Krankenhäuser zum Wochenbeginn vorübergehend „zwangsverstaatlicht“. Es geht also. Und schließlich hätte die Kanzlerin ihre große Rede wohl mit ein paar Sätzen beendet, die eine weitere Vision für ein solidarisches und effektives Gesundheitssystem nach der Coronakrise umrissen hätten. Kennedy verkündete 1962, dass noch in diesem Jahrzehnt ein Amerikaner zum Mond fliegen würde. Merkel hätte gestern verkünden können, dass noch in diesem Jahrzehnt der alltägliche Pflegenotstand in deutschen Krankenhäusern überwunden würde. Das wäre doch mal ein greifbares Ziel – auch und vor allem in Zeiten von Corona.

Doch all dies habe ich in ihrer Rede irgendwie verpasst. Selbstkritik? Fehlanzeige! Die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen? Fehlanzeige! Irgendwelche konkreten Maßnahmen? Fehlanzeige! Und die Medien? Die sind vor lauter Begeisterung förmlich aus dem Häuschen – Kanzlerin, wir folgen Dir! Alle sagen Ja! Es ist zum Verzweifeln.“

https://www.nachdenkseiten.de/?p=59423

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm