Rüdiger Nehberg ist gestorben.

Berühmt wurde er durch seine Abenteuer.

Zu rühmen ist er für seinen Einsatz für seine Mitmenschen. Es gibt kaum einen Menschen weltweit, dem die Menschheit mehr zu Dank verpflichtet wäre wie ihm.

 

Erik Lorenz im Jahr 2017: „Rüdiger Nehberg, Deutschlands bekanntester Survivalexperte, hat Generationen von Abenteurern, Survivalfans und Naturfreunden inspiriert und geprägt. Zu den Expeditionen des heute 82-Jährigen gehören die Erstbefahrung des Blauen Nil und die Erstdurchquerung der Danakilwüste in Äthiopien. Er überquerte dreimal allein den Atlantik – erst mit einem Tretboot, dann mit einem Bambusfloß und schließlich auf einer massiven Tanne. Er marschierte 1.000 Kilometer ohne Nahrung durch Deutschland und kämpfte in einem Wettlauf durch Australien gegen einen Aborigine, er fing Wildschweine und riesige Pythonschlangen mit der Hand – und das sind nur einige Beispiele seiner Unternehmungen.

Vor einigen Jahren hat er sich von seinem Leben als Abenteuerguru verabschiedet, um sich mit ganzer Kraft den Themen zu widmen, die ihm wirklich am Herzen liegen. Dieses Engagement gehört mindestens in gleichem Ausmaße zu seinem Lebenswerk wie seine legendären Abenteuerexpeditionen. So nutzt er seine Prominenz, um das südamerikanische Volk der Yanomami zu unterstützen und mit seinem Verein TARGET gegen die weibliche Genitalverstümmelung zu kämpfen. Für sein Engagement für bedrohte Völker und für die Völkerverständigung sowie gegen die Verstümmelung der weiblichen Genitalien erhielt er mittlerweile zwei Bundesverdienstkreuze.

Neben seinen zahllosen Projekten und Aktionen machte er etliche Filme. Für seinen Dokumentarfilm „Karawane der Hoffnung“ erhielt er 2010 den Adolf Grimme Preis, darüber hinaus produzierte er Filme wie „Der Dschungelläufer“, „Wüste des Todes – Wettlauf durch den australischen Busch“ und „Goldrausch in Amazonien“.

Außerdem ist er Autor von rund dreißig hervorragenden Büchern wie „Die Kunst zu überleben“, „Abenteuer Urwald“, „Survival Lexikon für die Hosentasche“, „Überleben in der Wüste Danakil“, „Die Yanomami-Indianer. Rettung für ein Volk – Meine wichtigsten Expeditionen“, „Überleben ums Verrecken“, „Karawane der Hoffnung. Mit dem Islam gegen den Schmerz und das Schweigen“ und vielen anderen. Zu diesen und anderen Themen hielt er hunderte Vorträge.

Weil er in der Survival- und Abenteuerszene ein absoluter Vorreiter ist, gaben ihm die Medien den augenzwinkernden Spitznamen „Sir Vival“. Er ist ein beeindruckender Abenteurer, ein inspirierender Menschenrechtsaktivist und ein großartiger Geschichtenerzähler.“

https://weltwach.de/ww019-sir-vival-ruediger-nehberg/

 

https://www.youtube.com/watch?v=pzvH2yKVIb4

 

Survival

 

Rüdiger Nehberg: Survival hat mein Leben positiv verändert.

Survival – die Kunst zu überleben in scheinbar ausweglosen Situationen.

Survival – dem unnötig vorzeitigen Tod ein Schnippchen schlagen

Survival - die Rückbesinnung auf Urinstinkte und Urfertigkeiten

Survival - die Unabhängigkeit vom Luxus der Zivilisation

Survival – die Kunst, dem Leben völlig neue Dimensionen zu verleihen

 

Erstmals hörte ich davon in den 60er Jahren in den USA.

Dort war es längst ein fester Begriff. In Deutschland hingegen war diese Lebensdisziplin unbekannt. Aber ich spürte sofort, genau das hatte ich auf meinen Reisen unbewusst immer vermisst und gesucht. Wenn ich Survival beherrschte, konnte ich mich getrost, auch ohne Ausrüstung, weit abseits aller menschlichen Wege autark aufhalten. Wie ein Reh im Wald. Das wurde mein Ziel.

Ich beschaffte mir alle erreichbare Literatur und „importierte“ das Thema nach Deutschland. Ich erprobte, was da empfohlen wurde, integrierte neue Themen, führte scheinbar aberwitzige Selbstversuche durch und gab die Erfahrungen weiter an alle interessierten Reiselustigen, die ebenfalls von solcher beglückenden Freiheit träumten. Mein Buch „Die Kunst zu überleben“ wurde ein Bestseller und begründete die Survivalbewegung in Europa. Heute ist Survival längst eine eigenständige Branche.

Plötzlich war es kein Problem mehr für mich, als Erster den Blauen Nil zu befahren, monatelang und allein auf einem massiven Baumstamm den Atlantik zu überqueren, tausend Kilometer ohne Nahrung und Ausrüstung durch Deutschland zu marschieren, mit Kamelen die Danakilwüste in Äthiopien zu durchqueren und mein Leben völlig neu zu gestalten, es zu multiplizieren zu einem zehnfaches Leben.

Mit zunehmendem Alter und immer neuen Reisen nahm auch mein Wissen zu. Ich beobachtete Eingeborene, Fischer, Eskimos, Indianer, Aborigines, Buschleute und Soldaten, absolvierte viele Spezialisten-Kurse und erweiterte mein Wissen. Ich wurde zwei Dutzend Male überfallen und entkam mit Glück und Know How. Survival lernt man nie aus.

Ein Journalist verlieh mir den Ehrentitel „Sir Vival“® . Was kann man mehr erreichen?“

https://www.ruediger-nehberg.de/survival.htm

 

Menschenrechte

 

Es ist die Geschichte, die mein Leben verändert hat, die meinen ursprünglich von Abenteuerlust geprägten Reisen unerwartet Sinn und meinem Leben Erfüllung gaben. Es ist die Geschichte, die jedem Leser zeigen soll, dass niemand auf dieser Welt zu gering ist, etwas, das ihn stört, zu verändern. Er braucht nichts weiter als eine Vision, die richtige Strategie, die nötige Motivation, Geduld, Bereitschaft zum Risiko und – Glück. Besonders vom Glück hatte ich mehr, als man es einem Glücksengel zumuten sollte.

Die nachfolgenden Seiten geben dieses Stück Lebenslauf in Kurzform wieder. Ausführlich hat alles in fünf Büchern gestanden. Bis auf „Die Yanomami-Indianer. Rettung für ein Volk“ gibt es sie heute nur noch antiquarisch (Piper Verlag).

Die Geschehnisse ereigneten sich zwischen 1980 und 2000. Zur Jahrtausendwende erhielten die Yanomami infolge gestiegenen internationalen Drucks einen akzeptablen Frieden. Den Goldsuchern wurde der Nachschub abgeriegelt, Landepisten gesperrt, Flugzeuge beschlagnahmt.

Da die Yanomami seitdem international beobachtet und gut betreut werden, habe ich mein Engagement beendet. Meine ehemalige Mitstreiterin über viele Jahre hinweg, Christina Haverkamp, führt die Arbeit fort. Sie wacht auch über den Frieden. Gemeinsam haben wir noch eine Hilfsstation (Ambulanz und Schule) am Rio Marauiá gebaut. Sie hat inzwischen allein mehrere weitere solcher Stationen errichtet. Sowohl in Brasilien als auch in Venezuela.

Ich habe mich, gemeinsam mit meiner Lebenspartnerin Annette Weber, einem anderen kleinen Volk zugewandt. Es sind die Waiapí im Nordosten Brasiliens. Ihnen haben wir ebenfalls eine Hilfsstation geschenkt.

Der Schwerpunkt meiner Arbeit aber hat sich völlig verlagert. Fort vom tropischen Dschungel in den Dschungel aus Tradition, Politik und Religion. Es ist der Kampf gegen Weibliche Genitalverstümmelung. Das Besondere der Strategie: wir führen ihn mit höchsten Glaubensführern des Islam als Partnern und - mit beispielhaften Erfolgen !“

https://www.ruediger-nehberg.de/menschenrechte.htm

 

Weibliche Genitalverstümmelung

 

Grundlegendes

 

Weibliche Genitalverstümmelung (engl. Female Genital Mutilation, kurz FGM) bezeichnet nach einer Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO die partielle oder vollständige Entfernung der weiblichen Genitalien oder die Beschädigung der Geschlechtsorgane ohne profunden, medizinischen Hintergrund. Die Durchführung der Verstümmelung erfolgt in vielen Ländern aus traditionellen oder kulturellen Motiven und ist vor allem in islamisch geprägten Gebieten Afrikas weit verbreitet, die diese Praktiken oftmals – fälschlicherweise – mit der heiligen Schrift des Koran begründen bzw. rechtfertigen. In Afrika nennen sie es "Die Sache" und FGM ist bereits seit ca. 5000 Jahren ein festes Ritual, welches an Mädchen und Frauen vom Säuglings- bis ins Erwachsenenalter vorgenommen wird. Hauptsächlich jedoch vor Beginn der Pubertät, um die Mädchen vor ihrer eigenen Sexualität zu "schützen" und als "rein" zu bewahren, damit der zukünftige Ehemann die Frau als jungfräulich anerkennt. Ohne den Akt der Verstümmelung droht sonst die Gefahr, dass das Mädchen bzw. die Frau von der Gemeinschaft verstoßen wird. FGM wird daher auch als Symbol der ethnischen Zugehörigkeit und Weiblichkeit verstanden.

Durchgeführt wird die Verstümmelung von sog. "Beschneiderinnen". Dies sind meist Frauen im hohen Alter, die den Prozess seit vielen Jahren ausüben. FGM wird von den Volksstämmen als eine Art "Beruf" anerkannt und gut bezahlt. Als "Werkzeug" dienen Messer und Rasierklingen, um die Beschneidung durchzuführen sowie Akaziendornen und Schlingen, um die Wunde zu "vernähen" und die Beine nach der Verstümmelung zusammen zu halten, damit sich die Wunde durch weitere Bewegungen nicht wieder öffnet und das Mädchen verblutet. Zudem wird bei den schlimmeren Verstümmelungstypen noch ein Strohhalm verwendet, um dem Opfer eine kleine Öffnung – etwa in der Größe eines Reiskorns – für Urin und Menstruation übrig zu lassen (siehe Typ 3).

Die WHO differenziert grundsätzlich vier Typen der Weiblichen Genitalverstümmelung:

Typ 1: Hierbei wird entweder die Klitoris (erektiles Sexualorgan der Frau) teilweise oder vollständig entfernt oder die Klitorisvorhaut weggeschnitten. Dieser Vorgang wird auch als Klitoridektomie bezeichnet.

Typ 2: In diesem Stadium wird eine Klitoridektomie vorgenommen und die kleinen Labien (Schamlippen) werden teilweise oder ganz entfernt. Diese Form der Verstümmelung macht etwa 85 Prozent aller FGM-Praktiken aus.

Typ 3: Der dritte Typus wird als „Infibulation“ oder „pharaonische Beschneidung“ bezeichnet und beinhaltet die Entfernung von Klitoris sowie den kleinen und großen Labien. Die Restvulva wird anschließend mit Akaziendornen verschlossen. Das Einführen eines Fremdkörpers, bspw. eines Strohhalmes, verhindert das Zusammenwachsen der Wunde, sodass eine kleine Öffnung zum urinieren und menstruieren übrig bleibt.

Typ 4: In diesem Stadium wird die Verstümmlung durch extreme Brutalität in Form von Einstechen, Beschneiden, Dehnen oder Verätzen von Klitoris und Schamlippen vorgenommen.

Täglich werden 8.000 Mädchen ihrer Genitalien und damit ihrer Würde beraubt. Alle elf Sekunden eins. Weltweit sind 150 Millionen Frauen betroffen. Dieses Verbrechen will TARGET beenden.

Da die Weibliche Genitalverstümmelung unrichtig mit Heiligen Schriften und religiöser Pflicht begründet wird und die meisten Opfer Musliminnen sind, sehen wir in der Kraft des Islam die größte Chance, den blutigen Brauch zu beenden. TARGETs „PRO-Islamische Allianz gegen Weibliche Genitalverstümmelung“ (PIA) hat das Ziel, den Brauch in allen Ländern als unvereinbar mit dem Koran und der Ethik des Islam, als Diskriminierung des Islam, zur Gottesanmaßung und zur Sünde zu erklären.

Hochrangige islamische Autoritäten haben sich dieser Allianz angeschlossen. TARGETs Mission ist es, den Azhar-Beschluss in alle Moscheen der Welt zu tragen und abschließend das Verbot Weiblicher Genitalverstümmelung in Mekka verkünden zu lassen.“

https://www.target-nehberg.de/de/weiblichegenitalverstuemmelung

 

Folgen von FGM

 

Die Folgen von FGM (engl. Female Genital Mutilation) sind generell abhängig vom Verstümmelungsgrad, den angewandten Methoden und den hygienischen Verhältnissen. Es sind nicht nur physische, sondern auch schwerste seelische Schäden von lebenslanger Dauer. Die Leiden reichen von unvorstellbarem Schmerz beim Eingriff, über Traumata und Schockzustände bis hin zum Tod durch Verbluten. Als wichtigste chronische Folgeschäden sind Unterleibsschmerzen, massive Probleme beim Harnlassen, Komplikationen beim Geschlechtsverkehr, Störungen während der Menstruation, bei der Schwangerschaft und Geburt zu nennen.

In vielen Fällen leiden die Opfer von FGM auch an sexuellen Komplikationen, indem eine durch Infibulation verstümmelte Frau den Geschlechtsakt mit ihrem Mann nicht auf "normale" Weise praktizieren kann. Ist der Verstümmelungsgrad hoch und die Scheidenöffnung aufgrund der Wundheilung zu klein, kann der Mann oftmals nicht in die Frau eindringen. Dadurch muss die vernarbte Scheide wieder geöffnet werden. Meist wird die Frau noch in der Hochzeitsnacht vom Mann mit einem Messer oder einer Rasierklinge aufgeschnitten. Dadurch besteht auch hier die schwerwiegende Gefahr, dass die Frau an den Folgen verblutet oder schwerste Verletzungen erleidet.

Mit Hilfe der Geburtshilfeklinik von TARGET in der Danakilwüste Äthiopiens können Operationen zur Öffnung der Scheide von erfahrenen Gynäkologen unter hygienischen Bedingungen vorgenommen werden. Auch im Hinblick auf eine bevorstehende Geburt werden Frauen hinreichend untersucht und medizinisch versorgt, um Komplikationen vorzubeugen bzw. zu vermeiden. Zudem wird so die Sterberate von Babys, die ohne Geburtshilfe bei ca. 50% liegt, deutlich reduziert. TARGET leistet mit der Geburtshilfeklinik Danakil wertvolle Arbeit, um den Opfern von FGM zu helfen und wichtige Aufklärungsarbeit durchzuführen.“

https://www.target-nehberg.de/de/weiblichegenitalverstuemmelung

 

Betroffene Länder

 

Weibliche Genitalverstümmelung wird hauptsächlich auf dem afrikanischen Kontinent praktiziert. Die Länder mit der stärksten Verbreitung liegen überwiegend auf der Nordhälfte des Kontinents in einem Gürtel, der sich von Senegal im Westen bis Somalia im Osten erstreckt. In einigen Ländern sind bis zu 99% der Frauen betroffen. Aber auch in südlicheren Regionen Afrikas kommt sie vor – allerdings existieren für die betroffenen Länder keine Statistiken und Studien.

Im Nahen Osten kommt Weibliche Genitalverstümmelung in Jemen, Nordirak, Oman, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar vor. Auch Bahrain, Jordanien und die Palästinensischen Autonomiegebiete im Gaza-Streifen werden erwähnt. In Asien sind Indien, Indonesien und Malaysia betroffen, eventuell auch Sri Lanka. Durch Migration ist Weibliche Genitalverstümmelung allerdings inzwischen zu einem weltweiten Problem geworden, das auch Europa, Amerika, Australien und Neuseeland berührt. Zahlen, Statistiken und Studien können Anhaltswerte zur Verbreitung von Genitalverstümmelung liefern. Da sich Datenerhebungen vor Ort in der Regel schwierig gestalten, weichen veröffentlichte Zahlen immer wieder voneinander ab.“

https://www.target-nehberg.de/de/weiblichegenitalverstuemmelung

 

Die TARGET e. V. Chronologie

 

1977

 

Rüdiger Nehberg und zwei Freunde ziehen über 4 Monate mit Kamelen durch die Danakilwüste / Äthiopien. Bürgerkrieg. Bei zwei Überfällen retten muslimische Gastgeber Nehberg mit ihren Körper das Leben. Seitdem fühlt er sich dem Islam verbunden. Er begegnet der Nomadin Aischa und erfährt von ihr zum ersten Mal von Weiblicher Genitalverstümmelung (FGM / Female Genital Mutilation).

 

1980-2000

 

Nehberg wird Augenzeuge eines drohenden Völkermordes: 65.000 Goldsucher gegen 20.000 Indigene. Er entschließt sich, zu helfen. Sein Leben wandelt sich vom Konditor zum Aktivisten für Menschenrechte. 1990 verkauft er seine Konditorei, unternimmt spektakuläre Aktionen für die Rechte der Indigene. Als die Yanomami 2000 einen akzeptablen Frieden erhalten, sucht er sich eine neue Herausforderung.

Das wird der Kampf gegen Weibliche Genitalverstümmelung.

 

1999

 

Das Schicksal der Autorin des Buches „Wüstenblume“ macht Nehberg den vollen Umfang des Verbrechens klar. Er entschließt sich, dem Brauch entgegenzutreten. Dabei kommen ihm seine Erfahrungen im 20-jährigen Kampf gegen den Völkermord an den Yanomami-Indigenen in Brasilien und seine Kenntnis vom Islam zu Hilfe.

 

2000

 

Existierende Menschenrechtsorganisationen können sich mit Nehbergs Strategie, den Kampf mit dem Islam als Partner zu wagen, nicht solidarisieren. Deshalb Gründung der eigenen Organisation TARGET. Gemeinsam mit Lebenspartnerin Annette Weber und fünf Freunden. Fortan arbeiten sie nur noch gemeinsam.

 

2001

 

Nehberg und Weber beginnen mit der Recherche in Äthiopien. Sie dokumentieren Verstümmelungen bei Christen und Muslimen, um den Verantwortungsträgern das Grauen deutlich zu machen.

Gründung der „Pro-Islamischen Allianz gegen Weibliche Genitalverstümmelung“, um mit dem Islam als Partner dem Jahrtausende alten Verbrechen der FGM entgegen zu treten. Die meisten Opfer sind Musliminnen, die meistgehörte falsche Begründung: „Es steht im Koran“.

 

2002

 

Erster Besuch bei Sultan Ali Mirah Hanfary, religiöses Oberhaupt des Afar-Volkes in der Danakilwüste (Äthiopien). Er hebt das Schweigegebot zum Thema FGM auf und gestattet TARGET, eine Konferenz mit allen seinen 60 Stammesführern durchzuführen.

In Osnabrück lernt Rüdiger Ali Mekla kennen. Er ist ein Afar mit deutscher Staatsangehörigkeit und demzufolge ein Kenner seines Volkes. Er übernimmt die Organisation der Konferenz. Nach zwei Tagen der Diskussionen entscheiden die Stammesführer am 1.2.2002, FGM zu beenden. Sie erklären den Brauch zur Sünde und schreiben das in der Scharia fest.

Der Oberste Rat für Islamische Angelegenheiten würdigt die Konferenz als historischen Wendepunkt seines Volkes mit einem Dankschreiben an Nehberg und Weber.

Rüdiger und Annette übernehmen die Patenschaft für Amina, ein junges Mädchen, das durch die Verstümmelung die Sprache verloren hat.

Nehberg erhält für seinen 20-jährigen Einsatz für das Überleben der Yanomami-Indianer (Brasilien) und die Kooperation mit dem Islam gegen Weibliche Genitalverstümmelung das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Deutschlands Botschaft in Kairo vermittelt den Erstkontakt zum ägyptischen Minister für religiöse Angelegenheiten Prof. Dr. Zakzouk. Der ermöglicht ein Gespräch mit dem höchsten Repräsentanten der Azhar-Universiät, Großsheikkh Prof. Dr. Mohamed Sayyid Tantawi. Dieser erklärt FGM schriftlich und in die Kamera als unislamisch. Er schreibt TARGET am 13.7.02 die erste Fatwa (Rechtsgutachten).

Nehberg erhält in Frankfurt den Weitsichtpreis für sein Engagement für die Yanomami und gegen FGM.

 

2003

 

Als Dank für den Erfolg der 1. TARGET-Wüstenkonferenz schenkt TARGET den Afar in Äthiopien eine Fahrende Krankenstation. Sie besteht aus zwei Geländewagen, einer deutschen Ärztin, einer Krankenschwester und sieben äthiopischen Helfern. In der Stadt Mekele wird das Hauptquartier angesiedelt.

 

2004

 

Mauretanien: 2.TARGET-Wüstenkonferenz: Großmufti Hamden Ould Tah und seine Berater schließen sich dem Verbot von FGM an und schreiben TARGET am 28.7.2004 die zweite Fatwa.

Vor der Pilgermoschee von Chinguetti, dem siebtgrößten islamischen Heiligtum der Welt, darf TARGET die Fatwa auf großem Banner hissen.

Nehberg/Weber werden Ehrenbürger von Chinguetti.

Am 8. 8.2004 schließen sich die Afar Dschibutis dem Beschluss ihrer Landsleute von Äthiopien an. Sultan Abdelkader Mohamed Humad schreibt die 3. Fatwa.

Hamden Ould Tah und drei Begleiter kommen im Dezember 2004 nach Hamburg, um mit einer Karawane durch die Innenstadt die in Mauretanien geplante „Karawane der Hoffnung“ vorzustellen. Schirmherrschaft: Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust, CDU.

 

2005

 

Mit 14 Kamelen und zehn mauretanischen Begleitern ziehen Nehberg und Weber im Auftrag des Großmuftis von Mauretanien von Oase zu Oase, um die neue Botschaft gegen FGM bekannt zu machen. Sie steht in weißer Schrift auf grünen Fahnen.

Der Bundesgerichtshof fällt (infolge einer TARGET- Initiative) ein wichtiges Urteil: droht in Deutschland lebenden Mädchen mit ausländischer Staatsangehörigkeit in ihrer Heimat die Verstümmelung, ist den Eltern das Aufenthaltbestimmungsrecht zu entziehen (AZ: XII ZB 166/03).

 

2006

 

Der neue Staatspräsident von Mauretanien Ely Ould Mohamed Vall lädt Nehberg zum Gespräch und verbietet FGM per Dekret.

TARGET startet mit sieben ehemaligen Verstümmlerinnen ein Pilotprojekt als Schneiderinnen.

Patenkind Amina und eine Freundin werden umgesiedelt nach Addis Abeba zwecks besserer Schulbildung.

Unter der Schirmherrschaft des Großmufti von Ägypten, Prof. Dr. Ali Gom'a, dem höchsten sunnitisch-islamischen Rechtsgelehrten, darf TARGET im Azhar Conference Center eine Internationale Gelehrten-Konferenz gegen FGM einberufen mit den höchsten Islam-Repräsentanten der Welt.

Am 24.11.06 erklären diese Gelehrten FGM zu einem „strafbaren Verbrechen, das gegen höchste Werte des Islam verstößt“ und damit zur Sünde. Das Ereignis ist in der gesamten Religionsgeschichte ohne Beispiel.

Die Afar ernennen Nehberg und Weber zu Ehrenbürgern ihres Volkes.

Rüdiger Nehbergs und Annette Webers Buch „Karawane der Hoffnung - Mit dem Islam gegen den Schmerz und das Schweigen“ erscheint am zweiten Tag der Kairo-Konferenz.

 

2007

 

Nehberg erhält den „Bürgerpreis“ der Stadt Hamburg

GOLD AWARD und SPECIAL AWARD auf dem World Media Festival für den Dokumentarfilm „Die ,Sache‘ - Feldzug gegen ein Tabu“ über TARGETs Kampf gegen FGM.

In Berlin wird Nehberg der internationale B.A.U.M.-Sonderpreis verliehen. Bundespräsident Horst Köhler empfängt Nehberg und Weber und würdigt ihren Erfolg gegen Weibliche Genitalverstümmelung.

 

2008

 

Für herausragendes Engagement im Kampf gegen FGM wird Rüdiger Nehberg das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und Annette Weber das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

Ägyptens Minister für religiöse Angelegenheiten, Prof. Dr. Zakzouk, lässt als Konsequenz aus TARGETs Gelehrtenkonferenz ein Büchlein gegen FGM in 90.000 ägyptischen Moscheen verteilen.

 

2009

 

Empfang bei Scheich Prof. Dr. Yusuf Al-Qaradawi (Katar), Vorsitzender der Internationalen Vereinigung Muslimischer Rechtsgelehrter. Auf TARGETs Initiative hin formuliert er im März eine unmissverständliche Fatwa, in der er die Abschaffung der Weiblichen Genitalverstümmelung fordert und diese sogar als Werk des Teufels bezeichnet.

Im April findet mit über 100 hochrangigen Teilnehmern aus Ostafrika die Konferenz Das Goldene Buch" für Ostafrika in Addis Abeba, Äthiopien, statt. Dabei ist Qaradawis Fatwa für den Erfolg der Konferenz mit ausschlaggebend.

50.000 "Goldene Bücher" werden nach Äthiopien geliefert.

"Das Goldene Buch" wird mit dem wichtigsten deutschen Designpreis „reddot“ ausgezeichnet.

Die ProSieben TV-Dokumentation „Karawane der Hoffnung“ über TARGETs Aufklärungskampagne "Das Goldene Buch" wird im Dezember ausgestrahlt („Galileo Spezial“).

 

2010

 

Baubeginn der Geburtshilfeklinik in der äthiopischen Danakilwüste im Afar-Gebiet. Unterstützt wird TARGET durch den Berufsverband der Frauenärzte (BVA) in Deutschland.

Herstellung von 60.000 Begleitbüchern zum "Goldenen Buch" in der äthiopischen Landessprache Amharisch und den Stammessprachen Afaraf sowie Somali.

Die ProSieben TV-Dokumentation „Karawane der Hoffnung“ wird mit dem Adolf-Grimme-Preis und der Rose d’Or ausgezeichnet.

 

2011

 

TARGET-Sonderausstellung im Hamburger Völkerkundemuseum.

TARGET veranstaltet zwei Konferenzen in den wichtigen Issa-Städten Arta und Ali Sabieh als vorläufig letzte Etappe des Projektes „Das Goldene Buch" für Dschibuti.

Gespräch mit Scheich Prof. Dr. Muhammad Said Ramadan Al-Buti. Der höchste Gelehrte der schafiitischen Rechtsschule schreibt eine Fatwa aus schafiitischer Sicht zum Schutz der bedrohten Mädchen.

 

2012

 

Vorbereitung der Konferenz „Das Goldene Buch" für Guinea-Bissau in Kooperation mit Bernadette Albrecht vom Weltfriedensdienst.

Feierliche Einweihung der Urwaldklinik Waiãpi in Brasilien.

Geburtshilfeklinik in der Danakilwüste ist teilweise schlüsselfertig.

 

2013

 

Die Bauarbeiten in der Geburtshilfeklinik gehen voran und die Vision nimmt Form an: Das Einsatzteam wird um Deutsche Fachkräfte und Handwerker ergänzt. Dennoch ist es noch ein steiniger und heißer Weg bis zur Eröffnung. Äthiopische Auftragsfirmen und eine fehlende Landesinfrastruktur verzögern den Fortschritt und erfordern Neuplanungen und Umstrukturierungen.

Die mobile Krankenstation feiert 10-jähriges Jubiläum. Mit 15.000 Patienten jährlich und Arbeit unter extrem entbehrungsreichen Verhältnissen im Outback der äthiopischen Danakilwüste, ist das Pioneerprojekt von TARGET ein voller Erfolg.

Die Verteilung des "Goldenen Buches" geht auch im Jahr 2013 weiter und wir können nach kriegerischen Auseinandersetzungen endlich wieder das Somali-Gebiet besuchen und das "Goldene Buch" an Imame verteilen.

Die German Speakers Association (GSA) e.V. zeichnet Rüdiger Nehberg und sein Lebenswerk TARGET aus mit dem GSA-Preis im Bereich "Lebenswerk".

 

2014

 

Auch in diesem Jahr ist das Bauprojekt Geburtshilfeklinik mit Komplikationen verbunden: Nach einem unfreiwilligen Baustopp im Januar, geben wir nicht auf und nehmen im Februar die Arbeit wieder auf. Abwasserrohre, Hausinstallationen und die Pumpenelektronik werden fertiggestellt. Am Ende des Jahres beginnt die Ausstattung der Innenräume.

Die Verteilungskampagne des "Goldenen Buches" in Äthiopien wird fortgeführt. Insgesamt konnten bislang 25.250 "Goldene Bücher", 7.660 Begleitbücher in Afaraf und 8398 in Somali verteilt werden.

n der Krankenstation für die Waiãpi konnten über 4.000 Behandlungen durchgeführt werden. Die Notwendigkeit der Krankenstation ist bedeutsamer den je.

 

2015

 

Ein historischer Tag für TARGET e.V.: Am 13. Juni wurde die Geburtshilfeklinik eröffnet. Über vier Jahre haben die Bauarbeiten gedauert. 400 Gäste, darunter Vertreter von der Zentralregierung, der Gesundheitsbehörde und hochrangige Sheiks feierten die Eröffnung für das Volk der Afar in Äthiopien zusammen mit TARGET e.V. und dem Deutschen Botschafter Joachim Schmidt.

Weiterführung des Projektes "Das Goldene Buch für Guinea-Bissau" im Juni 2015 mit einem Novum: Fortbildungstage von Imamen für Imamen zum Thema "Ende der Genitalverstümmelung an Mädchen und Frauen mit der Kraft des Islam."

Annette und Rüdiger Nehberg erhalten am 21. April 2015 die Urania-Medaille für ihr beispielloses Engagement für Menschenrechte. Überreicht wurde die Auszeichnung durch Bundespräsident a. D. Prof. Dr. Horst Köhler.

Rüdiger Nehberg wird zu seinem 80. Geburtstag von Dietrich Wersich, Erster Vizepräsident der Hamburgischen Bürgerschaft in das Hamburger Rathaus eingeladen. Zu diesem Anlass wurde Rüdiger Nehberg für seine Erfolge im Kampf gegen Weibliche Genitalverstümmelung und der Hilfe für das Volk der Waiãpi geehrt.

 

2016

 

Geburtshilfeklinik Danakilwüste: Die Klinik wird immer mehr angenommen. Die Nachrichten über die Hilfe, Versorgung und glückliche Geburten bringen Frauen aus einem immer größer werdenden Umkreis zu uns. Um die Bekanntheit und Akzeptanz in der Bevölkerung weiter zu verbessern, versuchen wir örtliche Imame, Clanchefs und Hebammen mit einzubinden. Inzwischen können wir erste Mittelwerte nennen: Monatlich meist 15 schwere Geburten, zwei bis vier Kaiserschnitte, 200 bis 400 Patientinnen für Schwangerschaftsvorsorge und gynäkologische Behandlungen, 30 bis 50 Bettenbelegungen, ca. 100 Ambulanzfahrten und 30 bis 60 mediziniche Notfalleinsätze.

Am 24. November 2016 jährte sich das zehnjährige Bestehen der Azhar-Fatwa zum zehnten Mal. Viele Imame konnten wir seitdem als Mitkämpfer gewinnen. Die Geistlichen werden von Frauenrechtlerinnen, Lehrern und Medizinern unterstützt. Jedoch ist und bleibt es ein mühsames Unterfangen, die Botschaft nachhaltig zu den Imamen und damit in die Gemeinden zu bringen.

Sowohl unsere kleine Urwaldklinik als auch die Krankenstation CTA sind Mittelpunkte im Leben der Waiãpi. Hier erhalten sie medizinische Hilfe und Gesundheitsbildung. Medizinisches Hauptthema im Wald war 2016 Malaria. So viele Fälle gab es seit Bestehen der Projekte noch nie. Besonders für Kinder und Schwangere sind die Krankheitsverläufe lebensbedrohlich. Geburten finden erfreulicherweise weiterhin auf traditionelle Weise im Wald unter einem Blätterdach statt. In der Klinik werden vor allem die Schwangerschaftsvorsorge und Nachbetreuung von Mutter und Kind durchgeführt.

Wesentliche Erfolge im Jahr 2016: 826 Moscheen und über 12.000 Menschen wurden in den oft schwer erreichbaren Dörfern in dieser zweiten Kampagne sensibilisiert, darunter 1.405 Personen, die als Meinungsführer des religiösen und öffentlichen Lebens in ihren Dorfgemeinschaften gelten. Stolze 60 Prozent der Moscheen zeigten sich offen für die Abschaffung von FGM, die dort „Fanado“ heißt.

 

2017

 

Nach zwei Jahren intensiver Vorbereitungen, Verhandlungen und Behördengängen konnten wir TARGET Ruediger Nehberg Brasil offiziell registrieren. Unter brasilianischer Flagge und deutscher Leitung unterliegt dieser Verein als indirekter Ableger von TARGET e. V. Deutschland dem brasilianischen Recht und genießt gleichzeitig dessen Schutz. Dies war durch Änderungen in der Gesetzgebung des Landes im Hinblick auf ausländische Organisationen zwingend notwendig, um unsere Aktivitäten fortführen zu können.

Bis zur Regenzeit im August waren unsere Teams in 83 Dörfern in der Region Bafatá, 28 Dörfern in der Region Gabú, zehn Dörfern in der Region Oio, zwei Dörfern in der Region Biombo und in 37 Moscheen in Bissau. Es ist der Arbeit in den Jahren davor zuzuschreiben, dass die TARGET- Teams nun auch in Dörfer kommen dürfen, die vorher jeden Besuch verboten hatten. Es gibt jedoch weiterhin Orte, in denen Imame sich noch immer uneinsichtig gegenüber der Abschaffung von FGM zeigen, während Frauen, Jugendliche und Dorfchefs offen für einen Wandel sind.“

https://www.target-nehberg.de/de/chronologie

 

Ansichten des Rüdiger Nehberg

 

Zitiert aus dem Buch „Rüdiger Nehberg – Die Autobiographie“ aus dem Jahr 2007.

 

Über Deutschland und die Welt

 

Meine Reisen haben einen wichtigen Nebeneffekt. Ich lerne Deutschland schätzen. Die Demokratie, die Redefreiheit, die Sicherheit, den Wohlstand, die Zuverlässigkeit, die Sauberkeit. Auch die Gemütlichkeit. Auch den Wasserhahn, der tatsächlich Wasser hergibt, wenn man ihn streichelt. Um nur einiges zu nennen.

Erst wenn man erfährt, dass diese Lebensqualität nicht selbstverständlich ist, dass den meisten Menschen dieser Erde solcher Luxus verwehrt ist und sie kaum eine Chance haben, das je zu erleben, würdigt man diese Errungenschaften der Zivilisation umso mehr. Man wird sich darüber im Klaren, dass auch bei uns vor hundert Jahren noch nicht denkbar war, was heute als Selbstverständlichkeit hingenommen und wovon gern immer noch mehr gefordert wird. Bis hin zur Maßlosigkeit, zur Selbstzerstörung. Wir vergessen, dass Millionen unserer Vorfahren im Kampf dafür in Kriege geschickt, gefoltert, gemordet wurden und wie ungeheuer wertvoll unser Lebensstandard ist. Und wie wichtig, ihn zu verteidigen. Aber das kann nur achten, wer Notzeiten erlebt hat. Oder wer die Fähigkeit besitzt, diese Errungenschaften durch Vergleiche mit weniger friedlichen und demokratischen Ländern zu begreifen und sich über den Erhalt der Demokratie Gedanken zu machen.“

Rückblickend auf mein Leben verspüre ich vor allem Dankbarkeit. Dankbarkeit gegenüber den Kräften, die mich in die Welt gesetzt; die mich beschützt, beraten, getadelt, geleitet, geformt, verändert haben. Das sind die vielen Lebensabschnittspartner. Das sind Freunde ebenso wie Feinde. Es sind die Vorbilder und es sind die Widerlinge, die mich lehrten, nie so zu werden wie sie, die abschreckenden Beispiele. Es sind meine Schutzengel und das Glück. Und es ist der Umstand, dass ich gerade in diese Epoche der Menschheit geboren wurde. In ein Land voller Demokratie, Wohlstand, Frieden, Sicherheit, Entfaltungsmöglichkeit für jede und jeden. In eine Klimazone, in der es sich leben lässt und wo nicht Wirbelstürme, Flutkatastrophen, Erdbeben oder Dürren, Besitz und Leben täglich aufs Neue bedrohen. Oder Diktatoren und andere Fanatiker.

Erst wer andere Staatsformen erlebt hat, wird den nordwesteuropäischen und nordamerikanischen Wohlstand zu schätzen wissen. Man muss gehungert haben, um den Brotkrümel unterm Tisch aufzuheben. Man muss gehungert haben, um auch Insekten als Nahrung zu würdigen. Oder Birnen, Bohnen und Speck - norddeutsche Spezialität. Brrrh. Aber zumindest genau die richtige Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie mörderisch der Weg bis zu diesem Wohlstand gewesen ist. Wie viele Millionen Menschen dafür sterben mussten, ehe er erreicht wurde. Opfer, denen jede eigene Meinung bei Todesstrafe verboten war, die nie satt zu essen hatten, die im Staatsauftrag in Kriege geschickt, gefoltert, gemordet wurden. Welcher unserer Vorfahren seit Adam und Eva hatte je so viel, so lange Frieden wie wir heute?

Und dieses höchste aller Güter sehe ich in Gefahr. Bedroht durch eine immer mehr ausufernde Maßlosigkeit, Sucht nach immer mehr Luxus und Privilegien. Bedroht durch eine rücksichtslose Anspruchshaltung, die kein Staatssystem auf Dauer verkraften kann …

Zurück zum Ernst des Lebens. Dabei hätten wir Schlaumeier das erforderliche Wissen, die Welt ins Lot zu bringen. Wer zum Mond fliegt, kann auch das. Die Reduzierung der Überbevölkerung nach der Ein-Kind-Methode Chinas wäre ein Weg. Besitzstandsicherung statt ungebremstem und unverantwortlichem Wachstum ein weiterer. Stattdessen wird der Geburtenrückgang bei uns beklagt, werden Sonderprämien für erhöhte Vermehrung gezahlt, „damit die Renten stimmen“. Und damit man für die nächsten vier Jahre wiedergewählt wird. Vier weitere Jahre, um weiter zu raffen. Vier weitere Jahre, um Maßlosigkeit und Dekadenz als Fortschritt und Wohlstand zu verkaufen. Genug Zeit, um weiter Opportunismus, Vierjahresdenken und Verantwortungslosigkeit zu frönen. Leben auf Pump, Leben auf Kosten der Zukunft, der Kinder.

Das macht mir Angst. Überbevölkerung, Klimakatastrophen, Völkerwanderungen, Kulturkonflikte, Weltterrorismus - sie werden unseren Nachkommen noch herbe Probleme aufhalsen. Obwohl ich Optimist bin, bin ich davon überzeugt, dass Habgier und Egoismus der Wohlstandsländer stärker bleiben werden als die Vernunft … An Uneinsichtigkeit und Selbstherrlichkeit sind schon ganz andere Weltreiche zugrunde gegangen. Sie alle hielten sich für unbesiegbar. Bis Katastrophen ihnen Denken, Handeln und die Verantwortung abnahmen. Vielleicht werden meine Nachfahren irgendwann feststellen müssen, dass meine Lebensperiode die einzige war, in der Deutschland eine solch unvergleichbare Blütezeit erleben durfte.

Ich will hier nicht den Besserwisser raushängen lassen. Ich nehme mich keinesfalls aus von diesem Anspruchsdenken. Auch ich bin froh, ein Traumgrundstück zu besitzen, reisen zu dürfen, gut zu verdienen. Auch ich möchte mir nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Aber ich weiß, dass sich mein Wohlstand unter anderem auf der Ausbeutung Schwächerer gründet. Ich muss mir nur den Kaffeepreis anschauen. So lange ich lebe, ist er nie wesentlich gestiegen, während mein Einkommen sich um viele hundert Prozent verbessert hat. Das des Kaffeepflanzers jedoch nicht. Seines ist eher weniger geworden.“

 

Engagement

 

Jammern ist das eine. Gegen den Strom zu schwimmen, die Alternative. Die Lösung, die ich für mich gefunden habe, lautet Engagement. Ich will nicht die ganze Welt verbessern. Das kann ohnehin niemand. Aber zumindest fordere ich für mich, das Prinzip Verantwortung dem Prinzip Resignation überzuordnen.

Um Desillusionen vorzubeugen, habe ich mich auf Machbares beschränkt. Ich setze mir Schwerpunkte und vermeide Verzettelungen. Ich hatte mir die Rettung der Yanomami auf die Fahnen geschrieben und nicht die aller Indianer. Schon innerhalb Brasiliens wäre das schwer gewesen. Jedes Indianervolk hat eine andere Vorgeschichte, Bedrohung, andere Landesgesetze, Gouverneure, eine andere Mafia.

Das gilt auch für mein neues Projekt. Ich kämpfe gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Und nicht gleichzeitig gegen die Penisbeschneidung, die Tellerlippen, die Giraffenhälse und die angespitzten Zähne. Das überlasse ich den Tausenden anderer, die sich ebenfalls so gerne gegen diesen oder jenen Missstand stark machen würden. Wie gesagt „würden“, denn dass sie es dann doch nicht tun, hat seinen Grund: „Es hat ja doch keinen Zweck.“

Dass ich meine Ziele lieber als Einzelkämpfer oder im Verbund mit überschaubaren Partnern und Hintermannschaften ansteuere, liegt daran, dass ich ungebundener, eigenverantwortlicher, flexibler, stärker, schneller bin. Je größer der Club der Mitstreiter, desto ausufernder die Diskussionen, die Einwände, die Besserwisserei, die Vetos.“

 

Religion

 

Unvergessen auch Leipzig. Evangelischer Kirchentag. Ich bin zu einer Podiumsdiskussion eingeladen als jemand, der mit Kirche nichts am Hut hat. Clemens Bittlinger, Liedermacher und Pfarrer, hat mich darum gebeten. Wir kennen uns. Ich bewundere ihn wegen seines Mutes, gegen das, was ihm stinkt, aufzutreten. Auch dann, wenn es gegen die eigene Kirche ist. Er füllt riesige Säle. Junge Leute liegen ihm zu Füßen. Oft treten Christina und ich gemeinsam mit ihm auf. Wir zeigen Bilder von unserem Kampf im Regenwald. Clemens umrahmt sie mit seinen Liedern. Eine schöne Symbiose.

Der Talk auf dem Kirchentag reizt mich umso mehr, als auf der pro-kirchlichen Seite Professor Dr. Ernst Benda sitzt, ehemaliger Richter beim Bundesverfassungsgericht, Präsidiumsmitglied und zeitweise Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Ich fixiere mich voll auf ihn, denn die weiteren pro-kirchlichen Gesprächsgäste sind eher unbedeutende Ja-Sager.

Ich habe mir ausgerechnet, dass ich maximal zehn Minuten Gesprächsanteil bekomme, und lasse mich auf die erste Frage gar nicht erst ein. Ich muss die kurze Zeit nutzen. „Mich würde vor allem und vorab interessieren, wie Sie, Herr Professor Benda, als höchster Richter der Bundesrepublik und oberster Schützer der Verfassung, als jemand, der sich strikt an Tatsachen und Beweisen orientiert, um Recht zu sprechen, es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, einer Institution wie der Kirche vorzustehen, deren grundlegende Behauptungen auf Wunschdenken basieren, teilweise gelogen und zum Großteil unbeweisbar sind.“ Ein Riesenschachtelsatz. Manchmal kann ich nicht anders.“

 

Was ich sehr wohl habe, das ist die Angst vor qualvollem Tod. Zum Beispiel dem schleichenden und schmerzvollen Tod durch Krebs. Oder dem Tod durch Folter. Ich habe mich reichlich mit diesem Thema auseinander gesetzt und weiß, dass ich solchen Schmerzen nicht gewachsen sein möchte und werde. Folter widersteht keiner. Auch Diktatoren und ihre Folterknechte nicht.

Unter solchen Umständen möchte ich selbst bestimmen, ob und wann ich Schluss mache. Nicht Ärzte, Juristen, Politiker oder Kirchenleute sollen über mein Ende befinden. Ich selbst will diese Entscheidung treffen. Ich habe mein Selbsttötungspaket vorbereitet und vertraue meinen engsten Freunden, dass sie es mir bringen, wenn ich sie darum bitte und es nicht mehr selbst holen kann. Ob ich mich dann wirklich selbst töte, kann ich nicht definitiv sagen. Es fehlt mir die Erfahrung mit dieser einmaligen Situation. Schließlich kann man nicht alles trainieren. Aber ich möchte mir diese persönliche Freiheit offen halten. Wer mir das Recht des selbstbestimmten Todes verweigert, dem gönne ich von Herzen, dass er selbst unter Qualen umkäme und in der Hölle zu Döner verarbeitet werde. Well done, natürlich. Damit's länger dauert.

Hätte ich die Wahl, wäre mir ein Tod ohne Schmerz am liebsten. Wem nicht? Sterben von einer Sekunde auf die andere. Wie Michael. Kopfschuss von hinten und ohne Vorwarnung. Schlimm ist dabei nur der Anblick für die Umstehenden. Das ist dann nicht mehr mein Problem (wie eine Journalistin im Interview fassungslos einmal meinte: „Ja, aber dann wissen Sie ja gar nicht, wer es war!“). Und bloß nicht im Bett sterben. Das ist gegen meine Survivor-Ehre.

Auch über die Entsorgung meiner sterblichen Reste habe ich mir Gedanken gemacht. Für den Fall meines Todes im Bett hatte ich ursprünglich eine Vereinbarung mit dem Anatomischen Institut der Hamburger Universität. Aufwärts strebende Medizinstudenten sollten mich aufarbeiten und staublos verschwinden lassen. Biomüll-Tüte und Entsorgung. Kein Grab, keine Urne, keine Inschrift. Außerdem preiswert. Auch für die Hinterbliebenen. Ich erspare ihnen das obligatorische Alpenveilchen zum Totensonntag. Alpenveilchen gehören in die Alpen oder in die Blumenläden. Aber nicht auf Rüdigers letzten Erdhügel.

Gegen die Überbeanspruchung der Medizinstudenten hat Annette Veto eingelegt. Und gegen meine Überzeugung habe ich die Verfügung annulliert. Damit hat sie sich selbst den schwarzen Peter meiner letzten Ruhegestaltung zugespielt.

Eine Rede durch einen Geistlichen wäre mir ein Horror, wäre Verrat an meiner Gesinnung. Keine heuchlerische Rede. Wer mir etwas zu sagen hat, möge das zu Lebzeiten tun und nicht nach meinem Ableben. Lieber einen geilen Dia-Vortrag. Locker vom Hocker, lustig und nicht frustig. Kurz und knackig, knackig wie mein Leben. Und schon gar keine anschließende Trauerfeier, sondern ein Fest mit engsten Freunden. Musikwunsch: „Spiel mir das Lied vom Tod“. Ein Jammer, es nicht mithören zu können. Deshalb spiele ich mir das Lied immer wieder zu Lebzeiten vor.“

 

Rüdiger Nehberg ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass ein Humanist nicht religiös sein muss, um gute Taten zu vollbringen. Unverschämterweise kommt von der religiösen Seite die Meinung, dass, wer „Gutes“ tut, religiös sein muss. Und im Umkehrschluss, dass die Nicht-Religiösen sich ausschließlich ihren Vergnügungen hingeben würden. Die Geschichte und Rüdiger Nehberg beweisen das genaue Gegenteil.

 

Tun!

 

Ich möchte mit diesem Buch auch Jugendlichen Mut machen. Mut, gegen die scheinbare Chancenlosigkeit in der Berufswelt zu bestehen, sich gegen die Norm des Alltags zu behaupten, gegen Ungerechtigkeiten Front zu machen. Mit Vielfalt, mit Individualität, mit Ausdauer. Lasst euch Ideen, Ideale und Visionen nie kaputt reden. Fahrt raus in die Welt. Lernt andere Lebensarten kennen. Lernt vergleichen, bewerten. Das Leben kann so vieles mehr sein als nur Schule und Schuften, Beruf und Geraffe, Glotze und Glitzer. Durch befriedigenden Inhalt lässt sich aus dem relativ kurzen Erdendasein ein Mehrfaches an Erfüllung herauskitzeln.“

 

„„Gibt es irgendetwas, das du bereust?“, fragt mich Hans-Dieter Schütt von Neues Deutschland in Berlin. Darauf habe ich eine klare Antwort.

Ja. Ich bereue, dass ich nicht eher gelernt habe, Abenteuer mit Sinn zu verbinden und dieses mein heutiges Leben zu führen. Ein Leben von ganz anderer Dimension und einer zutiefst empfundenen Erfüllung. Zu lange habe ich mich auf den harten Pfennigkampf in der Bäckerei eingelassen. Zwar hatte ich schon früh den Ehrgeiz, etwas ganz anderes zu machen. Aber die üblichen finanziellen Verpflichtungen gegenüber Kreditgebern verzögerten den Weg in die mir entsprechende Freiheit.“

Welchen Rat kannst du anderen mit auf den Weg geben?“

Da muss ich nicht lange überlegen. Es ist der Rat, dass grundsätzlich alles erreichbar ist, das man auf den ersten Blick für unerreichbar, aber erstrebenswert halten mag. Man muss sich nur vorstellen, dass irgendwann alles, das es bereits gibt, im Kopf eines einzigen Menschen entstanden ist. Sei es ein Haus, ein Dorf, eine Partei, eine Religion, eine Grenze. Egal was. Und diese eine Person hatte dann die richtige Strategie, die passenden Partner und die erforderliche Ausdauer. Manchmal auch kriminelle Energie. Sie hatte die Kraft, Rückschlägen zu trotzen, Widerstände zu überwinden. Und sie hatte Glück.“

Aber du hast ja nicht nur Erfolge gehabt. Ehe es soweit war, gab es viele Niederlagen. Immerhin hat dein Einsatz für die Yanomami 18 Jahre gedauert. Das heißt, du hattest 18 Jahre Misserfolge.“

Interessant, wie man alles interpretieren kann.

Als wenn Rom an einem Tage erbaut worden wäre! Oder Neues Deutschland. Meine Stärke ist, dass Niederlagen mich nie haben resignieren lassen. Im Gegenteil. Sie haben meine Fantasie beflügelt, meine Kreativität gefördert. Ich habe sie als Befehl gewertet, dem misslungenen Versuch einen draufzusetzen. Und das dauerte seine Zeit. Schließlich sind die Gegenparteien ja auch nicht fantasielos.“

Was mich trotz diverser Niederlagen immer wieder ermutigt hat, weiterzukämpfen, waren die vielen großen und kleinen Zwischenerfolge. Sei es die gelungene Fahrt mit dem Tretboot über den Atlantik. Oder die Konsultationen der UNO, der Weltbank, des Papstes. Oder der Zustrom neuer Mitstreiter, die Solidarität der großen Menschenrechts- und Naturschutzorganisationen, die Sympathiekundgebungen durch Besucher meiner Vorträge, das Vertrauen der vielen Spender. Auf jeden Fall hatte ich auch unendliches Glück und immer den richtigen Partner an der Seite.

Und noch eins kann ich jedem mit auf den Weg geben. Einen Rat, unabhängig von Alter und Geschlecht. Denk nicht ein Leben lang darüber nach, dass man etwas unternehmen sollte. Fang heute an! Denn heute beginnt der Rest deines Lebens. Morgen fehlt dir schon wieder ein Tag. Womöglich der entscheidende.“

 

Zum Schluss der Dokumentation „Ein abenteuerliches Leben - Rüdiger Nehberg“:

Niemand ist zu gering, die Welt zum Positiven zu verändern.

Versucht‘s einfach!“

https://www.ndr.de/fernsehen/Ein-abenteuerliches-Leben-Ruediger-Nehberg,nehberg156.html

 

Der Wurm fügt noch dazu: Es ist jedem möglich, die Welt zum Positiven zu verändern. Und sei es „nur“ durch freundliches Benehmen seinen Mitmenschen gegenüber, durch gewissenhafte Arbeit oder durch Unterstützung einer Organisation zum Wohle der Menschheit. Wie „TARGET“.

 

Ein Nachruf von Markus Hofmann:

 

https://www.youtube.com/watch?v=bVkMvv5ikOk

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm