„Auch ich blieb mit diesem großen Dichter und sonderbaren Menschen Bert Brecht bis zu seinem allzufrühen Tod – wenn auch immer nur von Zeit zu Zeit etwas näher – verbunden, und zu meinem fünfzigsten Geburtstag veröffentlichte er dieses Widmungsgedicht an mich:

 

DIE BÜCHERVERBRENNUNG

(Für Oskar Maria Graf)

 

Als das Regime befahl, Bücher mit schädlichem Wissen

öffentlich zu verbrennen und allenthalben

Ochsen gezwungen wurden, Karren mit Büchern

zu den Scheiterhaufen zu ziehen, entdeckte

ein verjagter Dichter, einer der besten, die Liste der

Verbrannten studierend, entsetzt; daß seine Bücher

vergessen waren. Er eilte zum Schreibtisch,

zornbeflügelt, und schrieb einen Brief an die Machthaber.

Verbrennt mich!“ schrieb er mit fliegender Feder:

Verbrennt mich!

Tut mir das nicht an! Laßt mich nicht übrig.

Habe ich nicht

immer die Wahrheit berichtet in meinen Büchern?

Und jetzt

werd ich von Euch wie ein Lügner behandelt!

Ich befehle Euch:

Verbrennt mich!“

 

Es erschien in New York im Juli 1944, als wir beide - weit voneinander lebend - schon lange Jahre des Exils hinter uns hatten, und es bezog sich auf meinen Protest gegen die Hitlerregierung, die damals bei ihrem berüchtigten Autodafé im Jahre 1933, dem die Bücher aller mißliebigen, regimefeindlichen Schriftsteller und Wissenschaftler zum Opfer fielen, ausgerechnet meine Bücher auf die Liste der „empfohlenen Werke“ gesetzt hatten. Der Erfolg war, daß nun die Münchner Studentenschaft in der Aula der Universität unter Beisein der Professoren meine Bücher gesondert verbrannte und ich von der Hitlerregierung „aus dem deutschen Reiche ausgebürgert“ wurde.“

Oskar Maria Graf, der vor 125 Jahren geboren wurde, war tatsächlich „einer der besten“ Dichter dieses Landes und mensch wird Schwierigkeiten haben, einen ähnlich Konsequenten und moralisch Integren wie ihn zu finden.

 

Der Wurm zitiert aus seinen Büchern

„Das Leben meiner Mutter“

„Wir sind Gefangene – Ein Bekenntnis aus diesem Jahrzehnt“

„Gelächter von aussen – Aus meinem Leben 1918 - 1933“

sowie aus „Oskar Maria Graf – Rebellischer Weltbürger, kein bayerischer Nationaldichter“ von Ulrich Dittmann und Waldemar Fromm

 

Abgestempelt als Bayern-Depp

 

„Ein kleiner Verlag brachte unverhofft meine im Simplizissimus erschienenen Bauernsatiren und Schnurren unter dem Titel Bayrisches Lesebücherl heraus, und zu meiner größten Überraschung gefielen die Sachen allgemein. Viele Freunde und Leser wußten sogar die eine oder andere Geschichte daraus zu erzählen. Widerstrebend und verärgert, mußte ich es nun hinnehmen, daß man mich von jetzt ab nur noch „bayrisch“ nahm. Und frecherweise bedeutet ja für Nichteinheimische „bayrisch“ fast immer so etwas wie ein herzerfrischendes Hinterwäldlertum auf Bauernart, eine mit dem dicken Zuckerguß sentimentaler Verlogenheit reizend garnierte Gebirgsjodler-Idylle, ein schlicht-inniges bierkatholisches Analphabetentum als Volkscharakter und im besten Falle eine bäuerlich-pfiffige Gaudiangelegenheit. Rundheraus gesagt also: etwas entwaffnend Einfältiges, über das jeder Mensch eben wirklich nur noch lachen kann. Dafür sorgten meine Vorgänger bis hinauf zu Ludwig Thoma reichlich, und das Unappetitliche dabei ist: Während sich zum Beispiel die Juden mit vollem Recht und natürlicher Selbstverständlichkeit ganz entschieden gegen jeden Antisemitismus wehren, reagieren wir geschäftstüchtigen, animalisch gefallsüchtigen Bayern gegen den von uns selbst geschaffenen Antibavarismus völlig entgegengesetzt. Wir hegen und pflegen, hätscheln und steigern ihn, damit uns nur ja die ganze Welt als ein Volk von „blöden Seppln“ ansieht.

„So, jetzt bist du endgültig firmiert. Das bringst du nicht mehr los“, verhöhnte mich mein Freund, der auffallend kleine Maler Kurt Thiele, und behielt recht. Fröhlich weiß-blau lächelnd winkte mir aus jeder Buchauslage das verdammte Bücherl. Es war nichts dagegen zu machen.“

„Wenn mich auch meine Bauerngeschichten halbwegs nährten und ich sehr geschäftsbedacht war, so mißfiel es mir doch, daß man mich überall so einseitig bajuwarisierte. Das Bayrische war nur eine Hälfte von mir, die andere unterschied sich sehr gründlich davon. Ein kaltes Grauen fiel mich an, wenn ich mir ausmalte, etwa wie Thoma zum allbeliebten bayrischen Nationaldichter aufzusteigen und auf diese Art behäbig mein weiteres Leben abzuleben. Thoma kam aus der Welt des ländlich-soliden, gehobenen Bürgertums und hatte nie die Schrecknisse, die Wirrungen und das ratlose Ausgeliefertsein an die unbekannten rohen Lebenstücken durchzustehen gehabt wie ich. Wirklicher Hunger, grausige Not, von Kind auf hineingeprügelter Menschenhaß, Unsicherheit und Mißtrauen allem und jedem gegenüber blieben ihm zeitlebens ebenso unbekannt wie zügellose, antimoralistische Boheme, wie Klassenkampf, Sozialismus, Revolution und unkontrollierbarer, gefährlicher Masseninstinkt. Er kannte weder den Arbeiter noch das Lumpenproletariat. Er blieb von Anfang bis zu seinem Ende auf eine patriarchalische, tief konservative Art mit dem Bauern verbunden und liebte ihn, wie alles, was von ihm kam und ihn umgab. Mir galt und gilt der Bauer schriftstellerisch immer nur als Mensch wie jeder andere Mensch, der nur zufällig ins ländliche Leben hineingeboren ist. Abgesehen von der Daseinsart, die ihm von seiner Umgebung aufgezwungen wird, ist er das gleiche fragwürdige nutzungs- und triebgefangene arme Luder wie wir alle. Eben deshalb blieb für mich Thoma als literarisches Vorbild unergiebig, um so mehr aber beeinflußten mich in dieser Hinsicht Jeremias Gotthelf und Tolstoi. Am meisten aber lernte ich - ein unfertiger Sechzehnjähriger, der aus dem handwerklich-bäuerlichen Dorf in den zerfahrenen Intellektualismus der städtischen Boheme und von da ins Proletarisch-Politische hineingerissen wurde -, indem ich bei der Darstellung meiner literarischen Figuren stets unbarmherzig in meine Charakterwinkel hineinhorchte und daraus die Kenntnisse der Menschennatur bezog. Das erkannten nach und nach manche meiner ernsthaften Beurteiler, und meistens waren das nichtbayrische Literaturkritiker. Nur so erklärt sich, daß ich schließlich auswärts - in Berlin, in Hamburg, im Rheinland und in Schlesien - einen klangvollen Namen bekam. Das führte dazu, daß ich eines Tages einen sehr freundlichen Brief von der deutschen Zentrale des PEN-Clubs bekam, in welchem mir mitgeteilt wurde, daß ich auf Vorschlag der Herren Walter von Molo und Werner Mahrholz als Mitglied in diese illustre literarische Weltorganisation aufgenommen worden sei, und man sich freue, mich bei Gelegenheit meines nächsten Besuches in Berlin, denn daher kam der Brief, auf dem monatlich stattfindenden Bankett persönlich begrüßen zu können.“

 

Er selbst

 

In seiner Abgrenzung zu Ludwig Thoma hat der Leser schon einiges über Oskar Maria Graf erfahren und wird dies aus weiteren Text-Passagen weiter tun.

Passend für ihn wie für die meisten vermeintlichen Stimmungskanonen und Spaßvögel ist eine Aussage von Wieland Herzfelde: „Herzfelde korrigiert Ernst Bloch, als dieser einmal Graf „schlaue Biederkeit“ unterstellte: „daß er sich überall leicht einlebt, ist nur halb richtig. Ihr wißt nicht, welches Übermaß an Anstrengung es ihn kostet, dieses Spiel des allweges heiteren animierten Menschen durchzuhalten. Aber er hat sein ganzes Leben lang sich durchschlagen müssen, natürlich entwickelt das Fähigkeiten, die einem fehlen, wenn man das nicht hat tun müssen, und die einem sogar fremd und unsympathisch sein mögen. Ich weiß aber, daß sich hinter seiner trinkfesten fidelitas und Biederkeit viel trauriger Ernst und Lebensangst verbirgt“ (Brief vom 15. März 1939).“

Bis zu der Zeit, ab der er von seiner Schriftstellerei leben konnte, sollte mensch sich lieber nicht auf ihn verlassen haben. Das Wort „Hallodri“ ist passend für diese Art Mensch. Auch konnte er nicht mit Geld umgehen. War mal unverhofft welches da, war es sehr schnell wieder für Unfug ausgegeben und die Misere fing von Neuem an.

Ansonsten war er ein sehr klarsichtig denkender Mensch, der sich in seine Mitmenschen einfühlen konnte und die Dinge immer aus der Sicht des einfachen Volkes sah. Das, was er sagte, meinte er auch und blieb dabei. Er hat sich für seine Ideale eingesetzt, bewahrte sich aber immer seine geistige Unabhängigkeit. Deutlich wird das beim Bruch mit Wieland Herzfelde:

„Älteren Freunden dagegen sagte er die Freundschaft auf: „Mann, Wieland, haben wir denn deswegen gegen Hitler gestanden und dessen Verhimmelung durch seine üblen Trabanten stets gebrandmarkt, um nur genau dasselbe unter Ulbricht zu betreiben?! Beim Lesen Deines ‚Glückwunsches‘ (der DDR-Staatsrats-Chef war 70 geworden) wurde mir speiübel, und Du wirst begreifen, daß damit unsere alte Kameradschaft aufgehört hat.“ Wieland Herzfelde, der Adressat, war der Malik-Verleger, der 1922 Frühzeit angeregt und auch verlegt hatte, der in Prag sein Gastgeber war und in New York den Aurora-Verlag leitete. In Fragen geistiger Unabhängigkeit besaß Graf eine erstaunliche - oder erschreckende? - Unnachgiebigkeit.“

„Autoritäten“ und entsprechendes Speichellecken denselben gegenüber interessieren ihn nicht: „Soweit ich zurückdenken kann, hat keiner in unserer Familie jemals eine ausgesprochene Neigung fürs Vaterland gehabt. Gesetz, Patriotismus und Kriegsbegeisterung waren uns allen fremd. Mit Ausnahme meines älteren Bruders Max hat keiner meiner Brüder oder Schwestern je etwas von Beamten- oder Soldatensein und von Institutionen des Staates und des Militärs gehalten, im Gegenteil, wir fanden dies alles mehr oder weniger lächerlich und verschroben. Meine Mutter haßte niemanden so sehr wie den Gendarm und log aus Instinkt, wenn ein solcher ins Haus kam und sie ausfragen wollte über unsere Streiche. Selbst mein Vater, der den Feldzug Anno 1870 und 71 treu und redlich mitgekämpft und eine steife Hand, das Eiserne Kreuz, seine geschwollenen Füße und lockeren Zähne daraus zurückgebracht hatte, selbst er, der Kriegsepisoden und Soldatenstreiche mit richtiger Lust erzählte und sein Leben lang eine große Neigung für Bismarck hatte, selbst er haßte nichts mehr als das Militärische, Vaterländische, Feldwebelmäßige. Diese fast blutsmäßige Abneigung gegen jegliche uniformierte Wichtigtuerei ging bei ihm soweit, daß sie sich selbst auf Leute wie den Schullehrer, den Veteranenhauptmann, auf den Bürgermeister und den Advokaten, kurzum auf alle Menschen erstreckte, die den Geruch von einer Amtshaftigkeit ausströmten. Soviel mir erinnerlich ist, hat er nur ein einziges Mal die ortsübliche Gemeindeversammlung besucht und bei dieser Gelegenheit den Bürgermeister derartig unübertrefflich persönlich beleidigend beschimpft, daß der dickbauchige, rothaarige Bauer buchstäblich in Tränen ausbrach. Jemand, der ein Amt ausübte, war für meinen Vater ungefähr soviel wie ein betrügerischer Faulenzer, der auf Kosten der Gemeinde oder des Staates einen gerichtlich nicht belangbaren Schwindel betreibt. Nichts war ihm so zuwider, als in einer von der Allgemeinheit anerkannten Würde zu stehen, wiewohl er populäre Beliebtheit nicht nur sehr achtete, sondern sie auch anstrebte. Griesgram war er nicht im mindesten. Auch nicht verkniffen gehässig, streitsüchtig oder bösartig. Er liebte über alles eine heitere, laute und ganz und gar ungenierte Geselligkeit und konnte wahrhaft bestrickend unterhalten. Geriet er aber an irgendeine Amtsperson, so verlor er sogleich die Laune. Galt es einer solchen einen Streich zu spielen, war er sofort dafür eingenommen. Er ersann sogar selber alle Möglichkeiten, und ich weiß Fälle, bei denen er uns Buben und dem Gemeindediener Schmalzer oft eine ganze Mark schenkte oder den Bäckergesellen Bier bezahlte, wenn wir etwas derartiges ausführten. Diebisch konnte er sich freuen, wenn so etwas gelungen war.

Ich muß zugeben, daß ich davon sehr viel geerbt habe ...“

Dem einfachen Volk zugehörig: „Überall zogen lange Reihen verhafteter, zerschundener, blutiggeschlagener Arbeiter mit hochgehaltenen Armen. Seitlich, hinten und vorne marschierten Soldaten, brüllten, wenn ein erlahmter Arm niedersinken wollte, stießen mit Gewehrkolben in die Rippen, schlugen mit Fäusten auf die Zitternden ein. Ich wollte aufschreien, biß aber nur die Zähne fest aufeinander und schluckte. Das Weinen stand mir hinter den Augen. Ich fing manchen Blick auf und brach fast um, sammelte mich wieder und sah einem anderen Verhafteten ins Auge.

Das sind alles meine Brüder, dachte ich zerknirscht, man hat sie zur Welt gebracht, großgeprügelt, hinausgeschmissen, sie sind zu einem Meister gekommen, das Prügeln ging weiter, als Gesellen hat man sie ausgenützt, und schließlich sind sie Soldaten geworden und haben für die gekämpft, die sie prügelten.

Und jetzt?

Sie sind alle Hunde gewesen wie ich, haben ihr Leben lang kuschen und sich ducken müssen, und jetzt, weil sie beißen wollten, schlägt man sie tot.

Wir sind Gefangene! -

Mit großen, verstörten Augen schauten die Leute der Arbeitergegenden auf die Züge und preßten schweigend die Lippen aufeinander.

Ich kam nach vielen Kreuz- und Querläufen zur Ludwigstraße. Da schoß es schon nicht mehr. Das elegante Volk tummelte sich hier und in den Hofgartencafés. Gut gekleidete, beleibte Bürgerwehrler und Lebemänner mit Monokel unterhielten sich geschäftig mit Soldaten und Offizieren, feine Damen spendeten Zigaretten, Zigarren und Schokolade, kokettierten und schäkerten mit den geschnürten Leutnants.“

„So wenig, wie er jemals in eine Partei eintreten wollte, so wenig lässt sich seine Erzählkunst auf eine programmatische Linie bringen: Literatur heißt für ihn, „das Wissen um den Menschen und das Wissen um alle Hintergründe der Welt vermehren.““

Und das hat er auf jeden Fall geschafft. Von den lesenswerten Romanen abgesehen (Vorsicht für die des Bayrischen nicht Kundigen: die ausdrücklich bayrischen Geschichten sind oft mit bayrischer Mundart versehen) sind vor allem die drei großen Biographien wertvoll für all jene, die die damalige Zeit verstehen wollen.

 

Das Leben meiner Mutter

 

„Das Mutter-Buch stellt die konservativ-katholische Bäuerin also als eine ‚Heldin der Arbeit‘ dar, und es entwickelt darüber hinaus auch Gegenbilder zu NS-Mythen: Die Heimatgegend ist kein heiles Dorf, sie wandelt sich im Lauf der Geschichte zur Immobilie für neureiche Münchner; Grund und Boden sind juristisch abgesichert mit der Bäckergerechtsamen (ein altes Zunftrecht), auf der der Vater seinen Laden aufbaut. Und die Bäckermutter widerspricht dem vom NS-Staat heroisierten Mutterkreuzträgerinnen. Sie steht fest in den Traditionen des katholischen Glaubens: ‚der Hitler‘ kam für sie „vom Antichrist“, weil der Pfarrer das so gesagt hatte. Unehelichen Enkeln widmet sie ihre Fürsorge und fremde Arbeiter und Zigeuner gehören zum Dorf.

Damit liegt kein ‚vergebliches‘ Buch vor uns: Das „sinnvollste Beispiel“ (so der Titel einer schon 1933 kurz gefassten Mutter-Erzählung) steht in einem familien- und ereignisgeschichtlichen Epochenbild, das zugleich „eine politische Demonstration“ ist (Hans Albert Walter).“

Der Ausdruck „familien- und ereignisgeschichtliches Epochenbild“ passt tatsächlich. Anders als der Titel vermuten lässt, handelt es sich um eine Chronik des dörflichen Lebens vom 30jährigen Krieg bis zum Tod seiner Mutter im Jahr 1934. Das, was Edgar Reitz filmisch mit Schabbach im Hunsrück umsetzte (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/38-fragen-eines-lesenden-kinogaengers.html ), gelang Oskar Maria Graf literarisch mit Berg am Starnberger See.

„Wenn all meine Bücher vergehn – des Buch bleibt“ sagte Oskar Maria Graf. Und hat auf jeden Fall Recht behalten. Wer selbst auf dem Dorf groß geworden ist, wird vieles im Denken wieder erkennen – selbst dann, wenn mensch 100 Jahre später mehrere hundert km weit entfernt aufgewachsen ist.

Zwangsläufig ist der heutige Mensch auf die Sicht des städtischen Bürgertums fixiert (woher eben weitaus mehr Literaten stammen als vom Dorf). Etwa wenn Stefan Zweig in seiner Autobiographie „Die Welt von Gestern“ die dramatischen technischen und gesellschaftlichen Umbrüche der Zeit um 1900 beschreibt.

Diese Umbrüche beschreibt auch Oskar Maria Graf – nur verlaufen die auf dem Land anders als in der Stadt und sind ganz anders gewichtet. Die größten Veränderungen gab es dort in den 1870er Jahren. Und das mit Dingen, die heute kaum einem Menschen bewusst sind:

„Ach ja, alles hatte sich im Laufe der bewegten sechs, sieben Jahre nach dem Kriege unaufhaltsam verändert und aufgelockert. Das Untere schien manchmal nach oben gekehrt. Die armen Fischer drunten am See, die früher vor Not kaum zu leben wußten, verdienten nunmehr leicht Geld durch Spazierenrudern der Herrschaften oder durch Verleihung ihrer Boote. Einer ging sogar so weit, gegen geringes Entgelt fremde Männer, Weiber und Kinder auf seinem Uferstrich baden zu lassen. Kein königlicher Hof, kein Pfarrer und Gemeinderat erhoben dagegen Einspruch. Die ständige Berührung mit den feinen Städtern hatte auf die Einheimischen abgefärbt und Moral und standhaften Glauben angegriffen. In Berg gingen schon einige Jungfrauen nicht mehr in der üblichen Tracht. Sie trugen der Mode angepaßte Röcke und Blusen. Überall in den Familien hatte der strenge, enge Bauernstolz beträchtlich nachgelassen. Auf den Bällen des Veteranen- und Kriegervereins tanzten die Töchter der angesehensten Bauern mit Leuten wie dem Maxl. Der Respekt vor dem Althergebrachten war halbwegs in die Brüche gegangen. Nicht mehr wie ehedem folgten die Kinder ihren Eltern. Töchter und Söhne großer Bauern heirateten nicht mehr auf ebenso umfängliche Anwesen, und nicht selten kam ein fremder Habenichts zu sauer erarbeiteter Wohlhäbigkeit …

Eine von Bismarck befürwortete, weitgreifende Gesetzesvorlage für das ganze Reichsgebiet war in Kraft getreten, die in allen Landstrichen große Veränderungen nach sich zog: die sogenannte Gewerbefreiheit.

Weiß Gott, die Zeit war bewegt genug, und viele Menschen kamen nicht mehr mit! Der unbegreiflich rechthaberische Kanzler in Berlin aber schien sie nur noch mehr zu verwirren, und alle Menschen, die ihrer friedlichen täglichen Arbeit nachgingen, bekamen das immer mehr zu fühlen. Sie kannten sich nicht aus und fanden das meiste, was dieser wilde Berliner Mann tat, gewalttätig und planlos. Wenn sie nachzudenken versuchten, kam es ihnen vor, als sei nur durch ihn aller Unfriede auf die Welt gekommen: zuerst sein jahrelanger, giftiger Hader mit den Katholiken, der erst jetzt langsam abflaute und ihm nichts eingetragen hatte als eine zahlreiche, hartnäckige, verschwiegene Feindschaft in allen Bundesländern; dann die überall mit Mißtrauen aufgenommene Vereinheitlichung des Geldwesens, womit er insbesondere die Bauern kopfscheu und unruhig gemacht hatte. Ihre anfänglich ängstlich zurückgehaltenen Gulden und Kreuzer waren ihnen, nachdem sie sich notgedrungen dazu entschließen mußten, nicht immer zum gleichen Kurs eingewechselt worden. Einmal erhielten sie für einen Silbergulden eine Mark und zweiundsiebzig Pfennige, und der Kreuzer galt zwei und drei Fünftel Pfennige, das andere Mal fiel sein Wert wieder auf eine Mark und fünfundsechzig, ja, während des drohenden Kriegs mit Frankreich im Frühjahr anno 75 sank er sogar noch weit tiefer. Endlich verschwand der Gulden, und es trat eine gewisse Beruhigung ein: aber auf einmal mußte in allen Gegenden, wo man früher so etwas überhaupt nie gekannt hatte, zum Reichstag gewählt werden, und die Bauern, denen der Mesner im Auftrage des Pfarrers die abzugebenden Stimmzettel beim Verlassen der Kirche gab, fragten sich vergeblich, zu was denn nun das eigentlich gut sein sollte. Sie hatten bis jetzt geruhig gelebt und waren ohne all diese „neumodischen Sachen“ ausgekommen. Sie konnten sich unter „Reichstag“ nichts Sinnvolles und Nützliches vorstellen, außerdem war ihnen das „Preußische“ zuwider, und was in den Städten geschah, ließ sie gleichgültig …

So war es in Preußen und in allen Bundesländern. Das bayrische Ministerium übernahm die Ausnahmegesetze, und König Ludwig, der schon lange an Verfolgungswahn litt, befürwortete die strengste Durchführung. Wie ihr König, so hatten auch die Landleute nichts dagegen einzuwenden, daß gegen das „lichtscheue Stadtgesindel“ mit aller Schärfe vorgegangen wurde. Allerdings merkten sie kaum etwas davon. Aber sie verargten dem Kanzler die eben verkündete Gewerbefreiheit nicht wenig. Ihrer Meinung nach half er ja damit eben den Leuten, die ihm so gefährlich schienen, erst recht wieder auf die Beine.

Nun nämlich brauchte sich auf einmal niemand mehr daran zu halten, ob auf seinem Haus eine „Gerechtsame“ lag, die ihn zur Begründung eines entsprechenden Geschäftes ermächtigte. Dieses patriarchalische, schwerfällige Recht, das aufstrebende Handwerker sehr behinderte und die notwendige Freizügigkeit unterband, wurde durch die neue Gewerbeordnung gewissermaßen von der toten Sache losgelöst und auf den Menschen übertragen. Jetzt begann selbst in den unberührtesten Landstrichen eine sichtliche Umschichtung. Aus den Städten und aus fremden Gauen kamen unternehmungslustige Leute in die Dörfer, machten sich seßhaft und versuchten mit mehr oder weniger Glück, sich eine dauernde Existenz zu schaffen. Und nicht nur kleine Handwerker, auch vereinzelte Arbeiterfamilien tauchten da und dort verschüchtert auf. Ohne viel Umstände konnte nun jeder eine Krämerei eröffnen. Sobald die Gemeinde es befürwortete, erhielt derjenige, der eine Gastwirtschaft betreiben wollte, die Schank-Konzession, und Handwerker, welche ihre beruflichen Prüfungen bestanden hatten, konnten sich überall niederlassen. Der Tüchtigkeit wurde der weiteste Spielraum gegeben. Der Kanzler brauchte widerspruchslose, regsame Bürger, die sein Entgegenkommen zu schätzen wußten. Das wachsende, nach Weltgeltung gierende, junge Reich verlangte eifervoll nach einem zahlreichen, geruhigen, fleißigen Gewerbestand, der sich durch den freien Konkurrenzkampf gegenseitig anspornte, der den Bedürfnissen des allseits zunehmenden Wohlstandes entsprach und stets seinen sicheren Tribut für den gesteigerten Staatsaufwand zu leisten imstande war.

Nach dem Tod des kinderlos gebliebenen Bürgermeisters und Posthalters Jakob Fink erwarb ein reiches Metzger-Ehepaar aus der Starnberger Gegend die ziemlich vernachlässigte, überschuldete Gastwirtschaft in Aufkirchen. Die beiden Leute waren sehr tüchtig und umsichtig. Ihr Bier war gepflegt, und die Wirtin kochte ausgezeichnet. Durch ihr geselliges, friedliches Wesen verstanden es die Klostermaiers - wie die Eheleute hießen -, sich sehr schnell einen guten Ruf zu verschaffen, und wurden in der Folgezeit ungemein beliebt. Wirtschaft und Metzgerei nahmen einen noch nie erlebten Aufschwung.

Am Ausgang von Berg, in einem Gütlerhaus an der Aufkirchner Straße, fing ein gebürtiger Schwabe namens Joseph Leibfinger, der bis jetzt in der königlichen Hofstallung gedient hatte, eine kleine Huf- und Wagenschmiede an, und bald darauf gab es auch im Pfarrdorf einen solchen Schmied. Daß er Protestant war, wußte zunächst niemand, und es fragte auch kein Mensch danach. Da er bar bezahlte, verkaufte ihm der Klostermaier, der keinen Wert auf die Ökonomie legte, gern ein Wiesenviereck, auf welches der Fremde ein nettes, einstöckiges Wohnhaus mit angrenzender Werkstatt bauen ließ. Die zwei Schmiede hatten ihr gutes Auskommen, denn die Bauern, die bisher ihre Pferde und Wagenräder im abgelegenen Farchach beschlagen lassen mußten, waren froh, daß solche Handwerker nun in nächster Nähe waren. Gegen den Willen ihrer Eltern heiratete einige Zeit später die zweitälteste Tochter des Müllers März einen nicht unvermögenden, frommen Schreiner aus Wolfratshausen, der das leerstehende Wäscherhäusl in Berg, gegenüber vom Leibfinger, erwarb, es baulich instand setzte und eine Schreinerei und Möbeltischlerei eröffnete.

Mit wachsamem Interesse verfolgte der Bäcker-Maxl all diese Veränderungen. Jedesmal nach dem sonntäglichen Hochamt betrachtete er mit abwägender Neugier die Leute, welche beim einzigen Krämer der ganzen Gegend, beim Glaser Hauner in Aufkirchen, in den winzigen Laden traten. Der Glaser befaßte sich ausschließlich mit seinem eigenen Beruf und ließ das Geschäft von seiner langsamen, ungewandten Frau betreiben. Das Notwendigste bekam man beim Hauner oft nicht, aber die Glaserin kümmerte sich nicht, wenn die Kunden sich darüber beklagten. Geweihte Kerzen und Wachsstöcke, Weihrauch und Amulette, Rosenkränze und Gebetbücher hatte sie zu jeder Zeit. Dafür sorgte der jeweilige Pfarrer, denn das Haunerhaus war früher einmal Pfarreigentum gewesen, die ehemalige Krämerei-Gerechtsame stammte noch von den Augustinern, welche im vorigen Jahrhundert in dem umfänglichen Kloster, das an die Kirche grenzte, gesessen hatten. Nun waren in diesem Kloster die unbeschuhten Karmeliterinnen untergebracht, die fast nie ein Mensch zu sehen bekam. Nur gegen die schriftliche Zusicherung, daß jeder nachfolgende Besitzer des Haunerhauses in der Hauptsache die oben genannten frommen Dinge verkaufte, hatte das Pfarramt das Anwesen veräußert. Faden, Wolle und Garn, Näh- und Stricknadeln, Rauch- und Schnupftabak, Salz oder gar Zucker waren beim Hauner selten zu haben. Es läßt sich also leicht erraten, was der Maxl dachte, wenn er den schäbigen Krämerladen aufs Korn nahm. Indessen zu allem gehörte anfänglich Geld, und so weit war er noch nicht. Nur nichts überstürzen, wird er viele Male erwogen haben, doch er wurde immer unruhiger. Wenn ihm nur niemand zuvorkam! Er ängstigte sich, und er überlegte hin und her.“

Sybille Krafft ist ein sehr schöner Film mit Annemarie Koch-Graf, Oskars Tochter, gelungen, die aus ihrem Leben und dem ihrer Vorfahren erzählt:

 

 

https://www.br.de/mediathek/video/unter-unserem-himmel-09092018-kindheit-in-berg-die-tochter-von-oskar-maria-graf-erzaehlt-av:5b61a24575a7df0018346f98

 

Wir sind Gefangene

 

„Mit dem 1927 im Drei Masken Verlag erschienenen Bekenntnisbuch Wir sind Gefangene erfuhr Graf den literarischen Durchbruch. In einer Rezeption in der Frankfurter Zeitung schrieb Thomas Mann, das Buch gewinne unser Herz, auch wenn der Autor Lachen und Kopfschütteln errege: „Ich kann nicht sagen, wie die Originalität des Buches mich gereizt und belustigt hat, die eins ist mit der Natur des erlebnistragenden ‚Helden‘: ungeschlacht und sensibel, grundsonderbar, leicht idiotisch, tief humoristisch, unmöglich und gewinnend.“ Das Buch sei ein „menschlich-historisches Zeugnis von unvergänglichem Werte“. Selbst konservative Autoren wie Walter von Molo oder Frank Thieß, die nach 1945 mit dem Stichwort der „Inneren Emigration“ die Autoren des Exils abkanzeln sollten, lassen sich zu Lobeshymnen hinreißen, die der Verlag bereitwillig für den Waschzettel der zweiten Auflage einsetzt: eine „unvergeßliche Darstellung des Zeitelends“ sei der Roman, schreibt Thieß, und von Molo hält ihn für „wertvoller als alle Kriegs- und Revolutionsdokumente“.

In dem Buch schildert Graf sein Leben von 1905 bis 1918. Er stellt sich darin immer wieder infrage, zweifelt an der Zielgerichtetheit der Handlungen oder nimmt mitunter eine humoristische Perspektive darauf ein. Im Vordergrund steht die Individualgenese angesichts historischer Fakten. Das gilt auch für die Zeit der Revolution, über die er ausführlich berichtet. Seine Erinnerungen sind aus der Sicht ‚von unten‘ verfasst und gehen auch mit „Revolutionsbonzen“ kritisch ins Gericht. Er ergreift nicht Partei, sondern hinterfragt die Handelnden.“

Oskar Maria Graf flieht vor seinem tyrannischen Bruder nach München und will dort Schriftsteller werden. Anfangs ist er zutiefst weltfremd und stellt sich zutiefst idiotisch an. Etwa dann, als er die Gaststätte, in der die Anarchisten tagen, nicht finden kann und ausgerechnet einen Polizisten fragt, wie er zu den Anarchisten kommen kann. Thomas Mann nannte das „ungeschlacht und sensibel, grundsonderbar, leicht idiotisch, tief humoristisch, unmöglich und gewinnend“.

Unendlich wertvoll ist er als Augenzeuge der Revolution von 1918/19 in München. Der Wurm hatte bereits in http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/374-kurt-eisner.html ausgiebig aus „Wir sind Gefangene“ zitiert.

 

Gelächter von aussen

 

In „Gelächter von aussen“ beginnt die erfolgreiche Zeit von Oskar Maria Graf, wobei er einige Rückgriffe in die Zeit davor macht, über die er in „Wir sind Gefangene“ nicht berichtet hatte.

Waren in „Wir sind Gefangene“ etliche Passagen, über die mensch je nach Charakter schmunzeln oder lauthals lachen konnte, bringt Oskar Maria Graf hier noch mehr Anekdoten, die zum Gelächter animieren. Teils, weil er sich auch hier wieder blöd anstellt, teils, weil er provoziert oder ihm ein derber Schalk im Nacken sitzt.

Auch hier ist er wieder ein grandioser Zeitzeuge, bei dem mensch unter anderem über den Hitler-Putsch von 1923 nachlesen kann.

 

Hitler und Göring

 

„„Wie kommt denn so ein Wotandeutscher zu uns?“ fragte ich: „Kennt ihn denn wer? Wie heißt er denn eigentlich, und was macht er?“

„Ach, angehängt hat er sich, mitgelaufen ist er halt“, meinten einige: „Hüfler oder Hülscher soll er heißen ...“

„Hitler heißt er, das Arschloch! Kunstmaler, sagt er, ist er“, rief Mailer dazwischen.

„Kunstmaler“ war für uns immer schon die verächtliche, herabmindernde Bezeichnung für einen windigen Kitschier. „Kunstmaler“ nannten wir diese anmaßenden Auch-künstler.

„Das ist bloß ein Trick“, sagte Schrimpf: „Sicher ist der Kerl ein ganz raffinierter Spitzel, der politisch schnüffeln will.“

„Ha, bei uns kann er lang schnüffeln! - Lächerlich! Von uns interessiert sich doch keiner für Politik“, rief Mailer.

„Sie wird euch schon noch interessieren müssen, abwarten“, schloß Schrimpf und warf mir einen beredten Blick zu, aber schon fingen alle wieder, sich zutrinkend, gewaltsam mit dem Lustigsein an und wollten nichts mehr hören. Der Zwischenfall war vergessen. So was gab's öfter und wurde nie weiter wichtig genommen.“

 

„Damals passierte mir an einem dünn verregneten Novembertag etwas Unerwartetes. Hitler kam mir auf der Kurfürstenstraße freundlich entgegen und – was war das nur, hatte er den damaligen Hinauswurf vergessen, kannte er mich nicht mehr oder was sonst? - schloß sich mir an. Bayrisch-leger lobte er meine kleine bäuerliche Schnurrensammlung. Unverfälscht‚ echt fand er sie. „Man merkt‘s, das hat ein reinrassiger Bauernmensch geschrieben. Das ist Blut und Boden ... Völkisch durch und durch“, rühmte er. Ich schaute ihn dümmlich an und sagte unschuldig: „Soso, völkisch? - Jaja, fürs Volk – Blut und Boden? Interessant, sehr interessant.“ Das belebte ihn, und genau wie bei Thiele redete er unentwegt weiter. Es prasselte förmlich aus ihm von „völkischer Erneuerung unserer Literatur“, von „echt nationaler Kultur“ und von der „klaren Frontstellung der gesamtdeutschen Geistigen gegen die internationale jüdische Versippung“. Wie ein fast geschimpftes Wortgeschepper, das sich bald hob, dann wieder senkte, hörte sich diese Suada aus Nietzsche-Zitaten, Wagner-Anhimmelei, nationalistischem Ehrengesums und Rassengewäsch an, aber ich blieb dabei eisern geduldig, tat mitunter sogar erstaunt und wiederholte immer wieder: „Sososo, hmhmhm. - Das ist mir bis jetzt noch gar nicht aufgefallen. - Hmhm, interessant, hochinteressant!“ Ich hatte Hunger, und das durchdringende Regengetrippel wär mir lästig. Wir kamen an einem kleinen Auskochgeschäft, einer Garküche - zu jetziger Zeit „Imbißhalle“ genannt -, vorüber, wo es billigen Malzkaffee und die bekannten Bauernschmalznudeln gab.

„Hören Sie, wollen wir nicht einen Kaffe trinken? Bei dem Regen ist's so ungemütlich“, sagte ich.

„Oh, bittschön, gern“, willigte er ein, und kaum saßen wir in der verräucherten kleinen Stube am Tisch, redete er schon wieder weiter. Kaum zum Bestellen kam er. Der kleine magere Wirt, der selber bediente, goß uns die zwei Tassen voll, stellte ihm eine und mir zwei Schmalznudeln hin. Hungrig und gierig fing ich gleich zu essen an und trank meinen Kaffee dazu. Er rührte nichts an und setzte seine Belehrungen mit unvermindertem Eifer fort. Ohr ein und Ohr aus lief mir sein Redegeräusch, aber immer und immerzu nickte ich wie erstaunt: „Soso! - So ist das? Soso, hmhm, interessant -.“ Das schmeichelte ihm sichtlich. Hinten am runden Ecktisch saß eine dicke Hausiererin und zählte ihren pfennigweisen Verdienst zusammen, der Wirt hockte gelangweilt vor dem offenen Schiebefenster, durch das man in die verrußte Küche sah, wo die fette Wirtin am Herd hantierte, und uns gegenüber döste ein alter Mann, der nach und nach einnickte. Diese Interesselosigkeit störte meinen Belehrer offenbar. Er erhitzte sich immer mehr, und er verstieg sich langsam zu einer Lautstärke wie auf einer mittleren Volksversammlung. Sonderbar war mir nur, daß er auch auf mein unentwegtes „Sososo“ und „interessant“ nicht weiter hörte.

„Die deutschen Künstler und Dichter übersehen eben immer die faktische Wirklichkeit. Wir Deutsche sind ja seit eh und je reine Gefühlsmenschen“, dozierte er weiter: „Wir sind viel zu ehrlich und vertrauensselig. Kein anderes Volk hätte sich den Versailler Schandvertrag aufzwingen lassen, der uns jahrzehntelang versklavt. Die verjudeten Berliner Bonzen, die den unterschrieben haben, gehören vor ein Volksgericht. Ganz gemeine Vaterlandsverräter sind das! - Der Vertrag ist ein reines, ganz raffiniertes Machwerk der alljüdischen Weltverschwörung -"

„Hm, sososo, alljüdische Weltverschwörung“? meinte ich und schüttelte den Kopf nachdenklich: „Hmhm, ich hab' noch gar nicht gewußt, daß der Clemenceau, der Lloyd George und der Wilson Juden sind. Hmhm, man lernt wirklich nie aus, hmhm, interessant, sehr interessant.“ Eine dankbar belehrte Miene machte ich, daß er mich einen Huscher lang beinahe mitleidig anschaute und fragte: „Lesen Sie denn keine Zeitungen?“

„Zeitungen? - Oja. - Aber bloß die Gerichtsberichte“, gab ich an und bestellte wiederum zwei Schmalznudeln und einen Kaffee, während er leicht höhnisch weiterredete: „Die Gerichtsberichte! - Der echte, brave deutsche Michl! - Da hat's diese niederträchtige Judensippschaft natürlich kinderleicht! - Wissen Sie, was dieser Kapitalverbrecher, der Erzgauner Clemenceau gesagt hat? ‚Es gibt zwanzig Millionen Deutsche zuviel auf der Welt.‘ - Da seh'n Sie, was unserm ganzen Volk blüht! - Und das macht diese korrupte Bonzenregierung in Berlin mit, bis wir ganz ruiniert sind. Bevor die nicht weg ist, sind wir restlos verloren. - Unser Volk muß wieder hochgerissen werden von echt nationalen Männern. - Das ist unsere große Aufgabe. - Da muß jeder reinrassige Deutsche mithelfen! Auch die Künstler und Dichter -.“ Ich zerkaute eben den letzten Brocken meiner Schmalznudel und trank den Kaffee dazu. Dabei überflog ich ihn geschwind und unverrnerkt von der Seite. Ein totaler Hysteriker, der seinen Tenor nicht halten kann, dachte ich, ein Geisteskranker, der reden und reden muß, bis er nicht mehr kann. Der aIte Mann uns gegenüber war aufgewacht und glotzte blöd auf uns. Ich machte mich eben an mein drittes Paar Schmalznudeln und schaute durchs Fenster. Draußen hatte es zu regnen aufgehört, es wurde heller.

„Da“, sagte er und hielt mir Henry Fords Buch Der Internationale Jude hin: „Das müssen Sie lesen. Es gibt auch ehrliche Amerikaner, die genauso denken wie wir. Ford ist der größte Automobilfabrikant in Amerika und reiner Arier. Lesen Sie das einmal -“

„Soso, der Ford auch? - Jaja, ich hab' schon was gehört von ihm, jaja“, nickte ich und deutete auf seinen Kaffee und seine Schmalznudel: „Haben Sie keinen Hunger? Mögen Sie die Schmalznudel nicht?“ Das brachte ihn irgendwie aus dem Konzept.

„Oja. - Jaja“, hastete er fast erschreckt heraus, griff nach der Nudel und fing ungemein schnell an, sie zu zerkauen, nur um ja gleich wieder zum Reden zu kommen. Der Augenblick war günstig. Durchs Fenster deutend, sagte ich: „Sie - jetzt hat's zu regnen aufgehört. Da, seh'n Sie, es wird schon hell. Wollen wir nicht gehn? Draußen kann man besser reden.“

„Oja, bitt' schön, ich bin dabei“, stimmte er zu, rief den Wirt und zahlte. Ich tat nichts dergleichen.

„Wollen Sie nicht auch bezahlen?“ fragte er.

„Nein“, sagte ich.

„Sie wollten doch mit mir gehn?“ fragte er. Unschlüssig stand der Wirt da.

„Ja“, sagte ich wiederum.

Er stockte etwas und maß mich: „Haben Sie kein Geld?“

„Nein“, gab ich unverfroren trocken zu. Sein Gesicht verfärbte sich, und wieder stockte er irritiert: „Und ...? Da soll ich für Sie auch zahlen?“

„Ja, natürlich! - Ich hab' doch kein Geld“, sagte ich ungerührt. Einen Huscher lang sah er ratlos den Wirt an, dann bellte er mich ingrimmig an: „Was? - Wasss? Und da gehn Sie einfach mit mir rein und bestellen? - So eine Unverschämtheit, Sie - Sie charakterloses Subjekt, Sie! Pfui Teufel, so was heißt sich Künstler ... Sie -“ Da stand ich auf und plärrte mittenhinein: „Ja, glauben Sie vielleicht, ich hör' mir Ihren Quatsch stundenlang kostenlos an?!“ Und, komisch, ich glaubte schon ans Handgreiflichwerden - komisch, wutzitternd schrie er mir ins Gesicht: „Wissen Sie was? Sie sind mir ja viel zu schäbig! Sie Bauernstoffel, Sie! Was macht's?“ fuhr er den kleinen Wirt an. „Da!“ stieß er heraus und - zahlte: „Nette Gäste haben Sie! - Das ist denn doch schon die Höhe!“ Hut und Mantel riß er vom Garderobenständer, mit einem rachsüchtigen Blick warf er mir zu: „Aber warten Sie, so Kreaturen werden vorgemerkt. Sie kommen uns nicht aus!“ und stapfte wüst schimpfend zur Tür hinaus.

„Hat er wirklich zahlt für mich, wirklich?“ fragte ich den verdatterten Wirt gemütlich.

„Jaja, aber ich hab' schon gmeint, es gibt was“, sagte der, sich beruhigend.

„Awo! - Ich hab' den aufdringlichen Deppen doch bloß loswerden wollen“, lachte ich dünn, und die dicke Wirtin, die die ganze Zeit zum Schiebefenster herausgeschaut hatte, rief mit ihrer fetten Stimme: „Dös is gscheit gwesen, daß Sie Ihna net aus der Ruah bringa hob'n lassen! Dös hot ihn am meisten geärgert, den überspanntn Kerl, den! Solcherne Gäst' brauch‘n wir net, dö wo schrein, als wia wenn ihna dös ganze Lokal ghörert!“

„Ja, mir brummt auch schon der Kopf von dem sein'm Gschrei“, stimmte die Hausiererin zu: „Gor nimmer weitermacha hob' ich könna bei meine Rechnunga mit dem seinem Plärrn. Dö Goschn is eahm ganga wie an billign Jakob auf der Auer Dult.“ Der alte Mann, dem sein Einnicken gestört worden war, schlürfte verdrießlich seinen kaltgewordenen Kaffee hinunter, stellte die Tasse hin und murrte: „Und allweil mit derer saudumma Politik hot er‘s ghabt. - Der will gwiß in'n Landtag nei, oder an Postn bei der Regierung, der narrische Betbruada, der -“

Seither wollte mir Hitler nichts mehr, aber wir sahen einander sehr oft, wenn er in der nahen Schellingstraße ins Buchdruckhaus Müller ging, wo sich die Redaktion des Völkischen Beobachters befand. Jedesmal fixierte er mich mit seinen bösartigen Augen, als überlege er, was mit mir nach seiner Machtergreifung geschehen solle. Frisch rasiert, mit zurechtgestutztem Bärtchen sah sein vulgäres Dutzendgesicht besonders humorlos aus. Da merkte man das Mannsherrische und Grobschlächtige des Gefreiten in Zivil am meisten, das als gleich und gleich die dunkle Masse anzog.

Später sah ich ihn auch hin und wieder, wenn ich mit einigen Simplizissimus-Redakteuren abends in der italienisierten Osteria Bavaria beim Wein saß. Das Restaurant hatte einen kleinen ummauerten Garten mit Weinlaub und bunten Lampions, der im Sommer sehr kühl war. Im Winter saßen die besseren Gäste im offenstehenden hinteren Nebenzimmer, das man vom vorderen Raum gut überschauen konnte. Da saß der Mann mit einigen seiner Paladine, saß da wie nicht für den Zivilanzug geschaffen und war unbeschreiblich öd anzuschauen, wenn er sich leger gab und ab und zu kurz auflachte. Pflichtschuldigst, immer mit dem Blick auf ihn, lachten dann die anderen auch, und besonders eifrig und laut lachte dabei stets der kleinste unter ihnen, der im „Dritten Reich“ zum Professor ernannte Leibfotograf des nachmaligen „Führers“, Heinrich Hoffmann, welcher schließlich auch noch das Amt des allgemeinen Kunstexperten dazu bekam. Der magere Leutnant Rudolf Heß mit seinem fanatischen Lehramtskandidatengesicht hing wie hypnotisiert an Hitler. Gut und einnehmend sah der sich ungezwungen gebende Hermann Göring aus, gegen den das studentisch zerhackte fettrote Mopsgesicht Röhms sehr unvorteilhaft abstach. Der stiernackige, dickköpfige Gregor Strasser und der bezwickerte kleinäugige Himmler mit seinem harmlos beflissen aussehenden Bürovorstehergesicht kamen hin und wieder dazu. Es ging völlig urban zu in diesem Lokal. Ja, dadurch, daß Hoffmann dabei war, den alle Schwabinger kannten, geschah es sogar manchmal, daß einige witzige Bemerkungen hin und her flogen. Niemand von uns kam je auf den Gedanken, daß vielleicht schon sein Todesurteil auf einer nationalsozialistischen Liste stand. Ein blitzschnelles Aufflackern in den Augen Hitlers, der uns „Intelligenzbestien“ hemmungslos haßte, fiel mir stets auf, wenn er zufällig zu uns herüberschaute, weil es so eine stechende, unheimliche Rachsucht verriet. Vielleicht aber sah das bloß ich, und möglicherweise bildete ich mir das nur wegen unserer beiden Zusammenstöße ein. Wenn ich von Freunden erzählt bekam, daß in den nationalsozialistischen Versammlungen im Schwabinger Bräu die Redner gesagt hätten, „für so Kriegsdrückeberger wie diesen sauberen Herrn Schriftsteller Oskar Maria Graf steht der Galgen schon bereit“, lachte ich zwar; aber manchmal kam mir auch das rachsüchtige Funkeln in den Hitleraugen in den Sinn. Er selber hat nach dem Erscheinen meiner Autobiographie in einem Leitartikel dieselbe Drohung gegen mich wiederholt. Ich zuckte die Schultern und nahm's nicht weiter wichtig.

Tiefer Groll, massiver Zorn befällt mich zuweilen, wenn ich bedenke, daß es in Anbetracht der baldigen Landung auf dem Mond unserer Wissenschaft immer noch nicht gelungen ist, das Leben des Menschen um hundert oder zweihundert Jahre zu verlängern. Es erscheint mir nämlich keineswegs unwahrscheinlich, daß bis dahin bedeutende Schriftsteller in der felsenfesten Überzeugung, streng objektiv zu sein, in vielbeachteten Werken diesen satanischen Blutsuchtkranken ebenso historisch glorifizieren werden, wie es schon den niederträchtigen Kujonierern und elenden Massenmördern Robespierre, Friedrich II. von Preußen und Napoleon I. widerfahren ist, ganz zu schweigen von noch weniger anziehenden Verbrechern wie Peter dem „Großen“, den landsknechthaft kriegerischen Schweden KarI XII. oder den heimtückisch-rachsüchtigen Josef Stalin.“

 

„Dieser verdammte Bosnickel, der Thiele! Hatte er denn schon wiederum recht? Fortwährend rollte ich von einer scheinbar hochwichtigen Sache in die andere, aber wohin rollte ich wirklich? Diesem Zickzack schien ich nicht gewachsen zu sein. Unversehens geriet ich dabei in Verwicklungen, die mich oft ganz und gar aus den Fugen brachten.

Da knobelten wir nun unausgesetzt Methoden aus, wie unsere Aktion mit den Klebezetteln wirksamer werden konnte, zogen lange nach Mitternacht, so gegen ein Uhr oder zwei Uhr morgens, zu Fuß oder per Fahrrad, gruppenweise los und verteilten uns immer wieder auf andere Stadtviertel. Die sozialdemokratische Münchner Post und die kommunistische Neue Zeitung schrieben anerkennend und ließen durchklingen, daß wir in ihren Reihen willkommen seien, aber wir ließen uns nicht aus unserer Anonymität locken und entwickelten nur einen noch hektischeren Übereifer. Ich warf mich mit aller Wucht in diesen Kampf, riß meine Freunde mit und ersann immer neue Taktiken, immer weiterreichende Pläne, debattierte bis zur Siedehitze.

„Aber dazu gehört Geld, Geld und wieder Geld! Aber das haben wir nicht, und solche Summen treiben wir auch nicht auf!“ rief ich. „Alles Unsinn mit eurer ‚Überzeugung und Gesinnung‘, die zu Parteigründungen führen. Auch das mit dem ‚Klassenbewußtsein‘ ist alter Schnee. Es gibt nur ein Nutzungsbewußtsein, das durchgängig alle Schichten, jeden einzelnen Menschen beherrscht. - Haben wir Riesensummen, können wir jedem nützlich sein und ihm haufenweise Vorteile bieten, laufen uns alle zu. Alles andere ist Mumpitz. Geld müßten wir haben. Millionen, Millionen! - Mit Milliarden ist heutzutage sogar ein Staat zu kaufen!“ Heftiger Widerstand dagegen erhob sich.

„Schaut doch hin, wie schlau die Rechtsparteien die Fürstenenteignung verschoben haben. Merkt's denn keiner? Jetzt heißt's schon überall ‚Abfindung‘, ‚Fürstenabfindung‘. Ausbezahlt werden die hohen Herrschaften, nicht etwa enteignet! - Wie argumentieren denn die Parteien der Oberklasse bereits überall mit Erfolg, wie denn? ‚Juristisch ist so eine Enteignung für einen Rechtsstaat einfach unmöglich. Mit den Fürsten fängt man an und beim vermögenden Bürgertum hört man auf. Das ist schon reiner Bolschewismus!‘ - Schlau, sehr schlau! Das leuchtet ein, das schreckt die Betroffenen auf. So macht man's! Und ich wette; sie dringen durch damit! Brav wird der Reichstag kuschen, zahlen wird die Republik! Warum nicht? Es geht doch alles absolut demokratisch zu. Die Rechten gewinnen die Stimmenmehrheit und die Linken sagen: ‚Da kann man nichts dagegen haben, das ist verfassungsmäßig!‘ Dieser Schwindel! Dieser Humbug! Was richten wir da noch mit unserer kleinen Aktion aus!“

Trotzdem arbeiteten wir unbeirrt weiter. Viele junge Arbeiter von den Sozialdemokraten und den Kommunisten gewannen wir als verschwiegene Mithelfer, und gerade weil niemand wußte, wer hinter den Klebekolonnen stand, erregten wir Aufsehen. Alles munkelte und sprach von uns. Dummerweise aber organisierten nun die Hitlerleute Spähtrupps, mit denen wir sehr bald zusammenstießen. Die ersten Gruppen bestanden meist nur aus vier oder fünf Kerlen. Sie ließen sich zunächst gar nicht auf eine Rauferei ein, sie gingen nur wie ganz harmlos auf den nächtlichen Straßen in ziemlich weitem Abstand hinter uns her und rissen unsere Klebezettel wieder weg. Kaum merkten wir das, gingen wir zum Angriff über, und anfangs siegten wir auch.

Die Verprügelten ergriffen die Flucht. Auf einmal wurde das anders. Auf Pfiffe mit Trillerpfeifen ratterten aus den dunklen Nachbarstraßen und -gassen Motorradstaffeln daher, und nun ging es uns, trotz unseres kampfkundigen Seemanns Beebe und unseres Boxers im Leichtgewicht Seibold schlecht. Nicht wenige von uns gingen tagelang mit verquollenem Gesicht und blaugeschlagenen Gliedern herum. Wunderlicherweise aber stoppte in einer solchen Kampfnacht - der Angriff hatte sich noch nicht entwickelt - der Spitzenfahrer direkt vor mir, gab ein Zeichen, und augenblicklich verzogen sich unsere Gegner zu Fuß.

„Herr Schriftsteller Graf, ja?“ sprach mich der Motorradler an. Sein Gesicht unter dem Sturzhelm war mir bekannt. Freundlich streckte er mir die Hand hin: „Göring! Hermann Göring! Wir sehen uns ja öfter in der Osteria Bavaria. Stimmt's?“

„Ja, und?“ nickte ich, ohne ihm die Hand zu drücken. „Warum seid ihr gegen uns? Wollt ihr vielleicht auch, daß der Staat den abgewirtschafteten, desertierten Fürsten, statt sie zu enteignen, noch Millionen nachwirft? Ich denke, ihr seid Sozialisten, wenn auch nationale?“ Das schien ihm zu imponieren. Ich merkte es und setzte noch mal dazu: „Komisch national seid ihr!“

„So geht das nicht. Wir haben da andere Methoden“, sagte er diskutierfreundlich. „Hören Sie, Herr Graf, wollen Sie nicht einmal zu unseren Diskussionsabenden kommen? Da, bitte, das gilt als Einladung. In dem Lokal kommen wir jeden Donnerstag abends zusammen.“ Ich überflog den steifen weißen Zettel mit dem Hakenkreuz darüber, während er schnell hinwarf: „Sie sind doch Deutscher und Arier?“

Ich hob das Gesicht und bemerkte, daß er unsere Sechsergruppe musternd überschaute. Dann fragte er weiter: „Sind Juden unter Ihnen?“

„Ja, warum? Für uns ist Mensch Mensch!“ antwortete ich. Ich sah, daß seine vier riesigen Begleiter sich vom Motorrad schwangen, und in dem Moment geschah etwas sehr Gefährliches. Der kleine sozialdemokratische Jugendgenosse Feuchtwanger, der die Blicke der vier auf sich gerichtet sah, rannte auf und davon und verschwand über der Straße im Nachtlokal Benz an der Leopoldstraße. Verblüfft blieben die angriffsbereiten bulligen Schläger stehen, und Göring sagte höhnisch: „Hm, Mensch ist Mensch heißen Sie das? Und rennen schon vom Anschauen weg, die dreckigen Feiglinge! Pfui Teufel!“ Er hob das Bein und schwang sich aufs Motorrad, die anderen machten es ebenso. „Ich warne Sie, das nächste Mal wird's ernst, mein Herr. Kommen Sie lieber zu uns!“ rief er und surrte mit den andern davon.“

 

Als Zeitzeuge

 

Deutsche im Ausland

 

„Ich wagte kaum mehr allein zu gehen, blieb immer auf der Straße, und zuletzt lag ich trotz des herrlichsten Wetters bis tief in den Nachmittag hinein im Bett und las; abends rannte ich nach Locarno hinunter und holte Schorsch von der Arbeit ab. Meine Schulden stiegen von Tag zu Tag. Der Kolonistenherr stand jedesmal, wenn ich ans Gartentor ging, dort und winselte mich an: „Herr Graf, wie steht's mit dem Bezahlen?“ Ich vertröstete ihn und bat um die Rechnung, da ich dieselbe heimschicken müßte. Das war freilich alles gelogen, und es kam nie Geld. Aber was blieb übrig? Postalische Verzögerungen waren am ehesten glaubhaft. Als dann alles nichts mehr half, gab ich ihm die Adresse meiner Angehörigen und sagte, er solle selbst dorthin schreiben. Es kam, wie ich erwartet hatte, wieder nichts. Immer peinlicher, immer brenzliger wurde die Situation. Ich schrieb an Nanndl. Ein Brief kam, daß zwanzig Mark an mich abgegangen seien nach Locarno, poste restante. Jeden Tag zeigte ich meinem Hausherrn den Brief. Jeden Abend ging ich nach Locarno zur Post. Nichts, gar nichts kam an. Immer nahm der Postbeamte ein Bündel Postanweisungen, blätterte phlegmatisch durch und sagte teilnahmslos: „Niente.“ Ich wurde wütend, schlug Krach, hieß die ganzen Postleute Diebe, Idioten und wurde festgenommen. Nach dreistündiger Haft in einem kahlen Zimmer kam ein deutsches Postfräulein und fragte mich aus. Ich erzählte ihr mein Unglück und zeigte den Brief Nanndls. Sie war sehr freundlich und machte selber ein ratloses Gesicht. Plötzlich schien ihr ein Licht aufzugehen. „Das Geld kann am Ende irrtümlicherweise nach Lugano geschickt worden sein“, sagte sie und sah mich einnehmend an.

„Was geht das mich an!“ polterte ich.

„Beruhigen Sie sich, Herr Graf, ich werde sofort dort anfragen lassen“, sagte sie höflich. Sie lächelte nur über mein finsteres Gesicht. Ich wurde rot und verlegen, aber plötzlich, um meine Unsicherheit zu verbergen, geriet ich wieder in Wut und brummte: „Ja, warum hat man denn das nicht schon lang getan, ich bin doch schon genug aufgefallen!“

Das Fräulein lächelte wieder: „Aufgefallen sind Sie gewiß.“

„Ich möchte das Beschwerdebuch“, fiel ich ihr ins Wort. Ganz unvermittelt kam mir in den Sinn, daß mein Vater einmal erzählt hatte, daß man sich bei jeder deutschen Post im Beschwerdebuch beklagen könne. Das sei ein Buch, welches an jedem Jahresschluß der Regierung vorgelegt werden müßte. Wartet, dachte ich, als mir dies nun recht bewußt wurde, ich werde euch die Suppe schon richtig versalzen. Ich freute mich über diese plötzliche Waffe und formulierte im Hirn schon meine Beschwerde. Aber das Fräulein war nicht aus der Ruhe zu bringen und lächelte immer noch. Sie erhob sich und gab mir einen Schein, auf den ich die genaue Adresse schreiben mußte.

„So“, sagte sie dann, „ich lasse sofort nachfragen, sicher bekommen Sie in etlichen Tagen Ihr Geld zugestellt.“ Sie blieb stehen, musterte mich wieder und sagte mit einer milden, zwingenden Lehrhaftigkeit: „Herr Graf, die Deutschen sind alle so im Ausland, als müßte alles nach ihnen gehen! ... Das ist ein großer Fehler.“

Ich schaute sie verdutzt an und schwieg benommen. Dann verließ sie mich. Ein Polizist kam und ließ mich hinaus.“

Ein sehr schönes Zeugnis dafür, dass sie sich vor 100 Jahren schon für die Größten hielten und meinten, alles müsse nach ihrer Pfeife tanzen. Siehe unter anderem http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/177-man-spricht-deutsch.html

Es gibt Dinge, die ändern sich wohl nie.

 

Moderne Kunst

 

„So war das also mit der Kunst. Ich kicherte oft in mich hinein, wenn andere tierernst und geschwollen darüber schwätzten, und mir fielen dabei allerhand Späße ein, die immer darauf hinausliefen, die ganzen Kunstkritiker und Snobisten zu blamieren. Ich entsann mich der Vorkriegsjahre 1911 und 1912, als ich über den anarchistischen Kreis um Erich Mühsam und Gustav Landauer allmählich in die Boheme hineinglitt. Da hatten einmal zwei Maler in der Türkenstraße einen leeren Laden gemietet. Der eine hing seine Riesenleinwand auf die rechte und der andere die seine auf die linke Wandseite. Sie fingen zu malen an und kümmerten sich sonst um nichts. Leute, die an dem Laden vorüberkamen, blieben neugierig stehen und fixierten, was da gemalt wurde. Mehr und immer mehr Leute sammelten sich an. Gelacht, gespottet und geschimpft wurde.

„Ha, jetzt do schaut's ... A blau's Roß macht der, a blau's Roß!“ rief einer hämisch: „Schaugt's nur grad - Der muaß ja faktisch farb'nblind sei, der Aff, der saudumme!“ Die zwei Maler drinnen ließen sich nicht stören. „Du, und der do, der ... Wos patzt denn der do hin —? Do kennt sich überhaupts koana mehr aus, solln dös Berg werdn oder ausglaufene Darm'?“ kicherte ein fetter Rentier und zeigte auf den linken Maler: »Dö zwoa müassn, mir scheint, aus'm Irrenhaus davonglaufn sein -“

„Und so wos hoaßt ma heutzutog Kunscht! Pfui Teifi!“ schimpfte ein hagerer Stehgeiger. Immer lauter und ordinärer ging‘s zu, und immer mehr Neugierige kamen daher und drängten an die Auslagenfenster. Als die zwei Schutzleute daherkamen, war es schon ein regelrechter Volksauflauf. Nicht ließen sich die Leute auseinandertreiben.

„Do … Do schaun S' doch selber 'nei, Herr Wachtmeister ... Do Dös san doch Irrnhäusler. So was ghört verbot'n!“ schrie ein Metzgermeister. Die Schutzleute bahnten sich einen Weg durch die heftig Protestierenden, rüttelten an der verschlossenen Ladentür: „Aufmachen da, marsch, aufmachen!“ Die Tür ging auf, die Leute wollten hinter den Schutzleuten nach, aber die verboten es energisch und verschwanden hinter der Tür. Einen scharfen Wortwechsel gab es. Was ihnen denn einfalle? Wieso und warum sie denn ausgerechnet in einem Straßenladen malten, wollte der Wachtmeister wissen, worauf er die Antwort bekam, ob er ihnen vielleicht das Geld für die hohe Ateliermiete geben könnte.

„Das Fenster verhängen? Haben Sie vielleicht schon einen Maler gesehen, der in der Dunkelheit malt?“ sagte der Pferdemaler: „Und überhaupt, wo steht das, daß es verboten ist, einen Laden zu mieten und da zu malen?“

Nichts zu machen. Die Schutzleute kamen aus dem Laden und verbaten den erregten Leuten ihre unsinnige Massengafferei. Murrend und schimpfend zerstreute sich der Haufe, aber nach einer Stunde war schon wieder ein anderer vor den Ladenfenstern, und so ging das, bis den ganzen Tag zwei Polizisten davor patroullieren mußten, um solche Aufläufe zu verhindern. Hin und wieder sah so ein biederer Schutzmann durchs Ladenfenster auf die verrückten Bilder, die da drinnen entstanden. Das eine zeigte sich bäumende, plumpgemalte blaue Pferde, ein Gewirr von farbigen Linien und Vierecken das andere.

„Hm-hm; jetzt woaß i net, bin ich verrückt oder sind's die da drinnen“, sagte er zu seinem Partner. Und eines Tages waren die Maler fort, zwei Dienstmänner schlossen die Ladentür auf und kamen mit den Bildern heraus.

„Hoho, wo aus und wohin denn?“ fragte der eine Schutzmann.

„Mir hab'n den Auftrag, dö Bilder zum Littauer zu bringen. Die Herrn sind abgereist“, sagte der Dienstmann und schloß die Ladentür ab. Die königliche Buch- und Kunsthandlung Littauer befand sich am Odeonsplatz, am Anfang der Ludwigstraße, und dort kaufte von der königlichen Familie abwärts der ganze bayrische Adel seine Jagd- und Genrebilder, die alle von Malern aus der Lenbach- und Defreggerzeit stammten.

Was bis dahin in München unvorstellbar war, ereignete sich. Tausende empörter Münchner, schreiend, schimpfend, drohend, zogen mit den Dienstmännern von der Türkenstraße bis zum Odeonsplatz, und ein großes Aufgebot von Polizisten, darunter sogar berittene, hatte alle Mühe, einen Ausbruch der Volkswut zu verhindern. Die Dienstmänner trugen nämlich die ungerahmten Riesenkunstwerke unverdeckt und mit der Bildseite nach außen. Was sich für ein aufregender Tumult bei ihrer Ankunft im umfänglichen Laden bei Littauer abspielte, läßt sich kaum beschreiben. Die vornehmen Kunden, die gerade da waren, erstarrten zunächst und ergriffen die Flucht. Der alte Herr Littauer schlug die Hände über dem Kopf zusammen und schrie in einem fort auf die vollkommen ungerührten Dienstmänner ein: „Was wollen Sie? Machen Sie sofort, daß Sie aus meinem Geschäft kommen! Wer hat Sie geschickt? Ich weiß nichts. Marsch, fort mit Ihnen und dem Sudelzeug. Herr Wachtmeister, helfen Sie mir doch, bitte, schreiten Sie doch ein gegen diese Frechheit!“ Seine zusammengelaufenen Angestellten flitzten ratlos herum und versuchten endlich, die Dienstmänner samt den Bildern auf die Straße zu schieben. Die aber sagten einfach, ihr Auftrag sei damit erledigt, die Herren hätten bezahlt, basta. Sie wußten nicht einmal die Namen derselben, schlugen ihre Stricke um die Schultern und zogen ab. Zerschmettert, wie bei einem Herzanfall nach Luft schnappend, stand Herr Littauer da, riß sich aber auf einmal zusammen und schrie mit befehlshaberischem Grimm auf die verwirrten Angestellten ein: „Was stehn Sie denn so unnütz herum? Marsch, hinaus mit dem Zeug in den Hinterhof! Da kann's meinetwegen zugrunde gehn. - Ich hab's nicht bestellt! Marsch! Ich will nichts mehr sehn davon!“ Erschrocken griffen die Angestellten zu.

„Herr Littauer? - Goltz, mein Name, Hanns Goltz“, sagte in dem Augenblick ein gutaussehender; ziemlich großgewachsener Vierziger: „Ich will Ihnen gern aus der Verlegenheit helfen, wenn die Bilder in meinen Laden, drüben an der Ecke vom Café Luitpold, gebracht werden.“

Bilder nennen Sie das? - Bilder? - Oh, bitte schön, gerne, sehr gern!“ warf der Herr Littauer verächtlich hin und musterte den Mann geschwind. Ohne weiteres ging er darauf ein und war heilfroh darüber. Hanns Goltz, der nachmals berühmteste Pionier der neuen Kunst, hatte einen modernen Buch- und Kunstsalon erst kürzlich eröffnet und wagte es, die beiden Bilder in seine großen Auslagen zu stellen. Auch da sammelten sich noch öfter haufenweise spottende, empörte Leute; wahrscheinlich aber hinderte sie der respektgebietende, elegant aufgemachte Laden daran, rabiater zu werden. Sie verliefen sich nach einigem Geschimpf und Genörgel wieder. Der Kunstsalon Hanns Goltz in der Brienner Straße wurde zur vielbesprochenen, provokantesten Münchner Sensation und sehr schnell auch international bekannt. Die Leute gewöhnten sich auch allmählich an derartig monströs wirkende Bilder, wie die Riesenwerke von Franz Marc und Wassily Kandinsky; mit denen in München der Siegeszug des Expressionismus anfing.“

 

Schwabing und beginnende Provinzialisierung

 

„Er nahm mich nun jeden Abend mit in den ‚Simplizissimus‘, und dort lernte ich eine Unmenge Leute kennen. Maler, Kabarettistinnen, verkrachte Existenzen, begabte Zuhälter, Säufer, Kokainisten und Gelegenheitskokotten, Schieber und Studenten, kunstgewerbliche Mädchen und pazifistische Dichter. Jeder schlug sich auf seine Art durchs Leben. Von Ethik, Menschheit und Kunst diskutierte man, von Seifen und sonstigen Schieberwaren, die waggonweise angeboten wurden. Man pumpte untereinander. Klatsch, Geschäft, Erotik, fixe Ideen, Morphium und Kokain gab es hier. Jeder war der Richter über den anderen, freilich sprach er nur seine Meinung aus und erwartete nichts weiter, als daß man ihm zuhörte. Man schwamm sozusagen durch die Zeit und klammerte sich an seine Nichtigkeit.

Ab und zu bezahlte irgendeiner für alle, weil er auf ein Mädchen vom Kabarett scharf war, dann zog die ganze Gesellschaft nach Schluß, schwerbepackt mit Wein und Schnaps, auf ein Atelier, tobte, tanzte, trank und diskutierte. Das alles gefiel mir ausnehmend, und im übrigen – man mußte doch in der Gesellschaft, die Kunst machte, bekannt sein und Bescheid wissen. Das war für mich schon so viel wie ein literarischer Anfang.“

 

„Damals fing die jämmerliche Provinzialisierung an, welche die einstige, mit vollem Recht anerkannte, international hochgeachtete Kunststadt München in geistiger, kultureller und gesellschaftlicher Hinsicht sehr schnell völlig bedeutungslos machte. Dazu trug vor allem das engstirnige, bösartig denunziatorische Verhalten des Bürgertums gegen alles „Linke“ und Außerbayrische bei, aber auch die wenigen Einsichtigen schwiegen. Vom Wegzug Rilkes und vieler Künstler, Dichter und Wissenschaftler, die woanders rasch anerkannt und berühmt wurden, nahm niemand Kenntnis. Der seit seinen Anfängen radikal-liberale Simplizissimus, der durch das hohe künstlerische Niveau seiner in- und ausländischen Karikaturisten und die schockierende Kühnheit seiner literarischen Satiriker weltberühmt geworden war, überschlug sich schon während des Weltkrieges in wahrhaft orgiastischem Nationalismus und betrieb nunmehr die ödeste Bolschewistenhetze, worin ihm die Presse nicht nachstand. Am deutlichsten aber zeigte sich dieses traurige Absinken in die vereinsmäßig-lokalpatriotische Wurschtigkeit am endgültigen Zerfall der Schwabinger Boheme, die sich immer noch einbildete, daß sie das sei‚ weil sich nunmehr sehr geschäftstüchtige Künstlergruppen bildeten, die im Fasching große Brauhaussäle entsprechend ausschmückten und einträgliche, vielbesuchte Feste abhielten. Seit Kriegsausbruch gab es keine Russen, Serben, Balkanesen, Franzosen und Skandinavier mehr in Schwabing, keine Kunstfehden, kein lebendiges, farbiges Ineinandergemisch von Menschen, die alle ein gemeinsames künstlerisches und intellektuelles Streben zusammenhielt, und es gab auch keine überragenden Persönlichkeiten mehr, die eine weithin wirkende Ausstrahlung hatten - übriggeblieben waren nur noch einige einzelgängerische Originale. Die Einheimischen orientierten sich an den Kunstrichtungen, die von auswärts kamen, aus ihnen selber kam nichts mehr.

In dieses jetzige Schwabing aber nisteten sich ganz besonders nach der Niederschlagung der Räterepublik außer einigen Naturaposteln, dummdreist auftretenden Astrologen und Hellsehern und gerissenen Hochstaplern auffallend viele auswärtige Studenten und undurchsichtige Leute ein, die sich alle kunst- und literaturinteressiert zeigten und stets unauffällig jeder Gesellschaft anschlossen, die nach Schluß einer Kneiperei noch auf ein Atelier zog. Da saßen sie zwischen allen auf dem Boden, lachten mit, tranken mit, tanzten und liebten mit und störten weiter nicht. Nach und nach gewöhnte man sich an sie. Nur Kurt Thiele sagte von ihnen: „Leute mit so korrektem Haarschnitt gehören in die Kaserne.“ Der Haarschnitt stimmte auch bei den meisten von ihnen.

„Außerdem liebe ich auch keine so jungen Brüder Harmlos“, nörgelte Thiele weiter, was wiederum zutraf – sie waren jung, nett und harmlos. Er aber mochte sie ganz einfach nicht. Wenn solche Burschen dabei waren, gingt er nicht mehr mit.“

 

Volksentscheid

 

„Der vielumkämpfte „Volksentscheid zur Enteignung der Fürsten“ war das geworden, was viele erwartet hatten: eine reichliche Abfindung der Fürsten, denen die Weimarer Republik nicht nur ihre Schlösser und Güter zurückerstattete, sondern auch noch Millionen und Abermillionen Mark „Entschädigungssummen“ bezahlte. Wut und Aufregung in den linken Arbeiter- und Intellektuellenkreisen waren groß, aber die Wirtschaft florierte, die ausländischen Anleihen für unsere Großbetriebe wirkten stimulierend, auch der Staat gab der Privatindustrie große Kredite, und das In- und Auslandgeschäft waren glänzend. Was bedeuteten da die Proteste der Kommunisten, was ihre Demonstrationen, die von der Polizei rasch zerstreut und von der größten Partei, von den Sozialdemokraten, bissig mißbilligt wurden? Wer regierte eigentlich? Das interessierte offenbar nur die wenigsten. Es ging uns gut, und damit basta!“

 

Rotes Wien

 

„Die österreichischen Arbeiter kannte und liebte ich weit mehr als die unsrigen. Für sie war die Republik wirklich ihr Staat und die Sozialdemokratische Partei der natürliche Maßstab ihrer Lebenshaltung. Das zeigte sich bereits, als sie mich bei meiner ersten Reise durch die großartigen von der Gemeinde Wien neugebauten Wohnhauskomplexe - wie Karl-Marx-Hof, Reumann-Hof, Hanusch-Hof - mit den verbilligten Arbeiterwohnungen führten, die über den Haupttoren die stolze Inschrift trugen: „Erbaut von der Gemeinde Wien aus den Mitteln der Wohnbausteuer.“ Das „Rote Wien“ war keine Fiktion, es hieß Kinderheime, Volksbäder, Gemeindebauten, Krankenhäuser und Villensiedlungen zu niedrigsten Miet- oder Kaufpreisen. Hier sah man den Sozialismus, während man bei uns nur von und über ihn hörte und sich deswegen die Köpfe einschlug.“

 

Von Menschen und Besser-Menschen

 

Seelische Substanz

 

„Redet mir nur ja nicht immer vor lauter rührungserheischender Selbstbemitleidung davon, daß ihr außer der unbeschreiblichen Zerstörung eurer Städte, eurer Industrieanlagen und Dörfer und durch die Gewalttätigkeit, die jede siegerfeindliche Besatzung mit sich bringt, auch euren moralischen Halt, eure seelische Substanz unfreiwillig eingebüßt habt! Das erinnert mich stets zu aufdringlich an die Zeit im Ersten Weltkrieg, da wir als nachrückender Etappenstab in die zerschossenen kleineren und größeren polnischen Städte und Dörfer einzogen und uns dort für eine Weile einnisteten. Da boten uns feindlichen deutschen Soldaten die Leute, die, statt zu fliehen, in ihren noch halbwegs bewohnbaren Behausungen zurückgeblieben waren, für einige Pfund Viehzucker, ein Kommißbrot oder etliche Konserven ihre unmündigen und mündigen Töchter als Beischläferinnen an, ganz gleichgültig, ob die Feilbietenden Christen oder Juden waren. Mit dieser seelischen Substanz ist es also gar nicht weit her, ja, nach meinen Erfahrungen im Krieg und im Frieden, in der Heimat und im Exil kommt es mir vor, als ob eine solche Substanz in 99 Prozent aller Menschen überhaupt nicht vorhanden ist und als ob das restliche eine Prozent, das diese besitzt, immer auf mehr oder weniger schauderhafte Weise unter die Räder kommt.“

 

Geistige Elite

 

„Ich weiß nicht, wer die Meinung aufgebracht und sie mit der Zeit zu einer unumstößlichen Wahrheit gemacht hat, daß für jeden wahren Künstler ein innerstes Muß der schöpferische Antrieb ist. Gegen so pompöse Tabus habe ich seit jeher ein unausrottbares Mißtrauen. Womit keineswegs gesagt sein soll, daß ich künstlerische Meisterleistungen nicht respektiere, ganz im Gegenteil, sie erwecken nicht nur Begeisterung, sie erzeugen auch stets einen nicht geringen, bitteren Neid in mir. Seit meiner damaligen Dramaturgentätigkeit hat sich diese Grundhaltung von mir etwas verschoben …

Dagegen die anderen dramatischen Dichter, die ihre Stücke mit entsprechenden Briefen einschickten, großer Gott! Sie kamen nie persönlich. Sie sprachen sich nur durch ihre Briefe aus. Diese Briefe!

Ganz passabel fingen sie an. Persönlich waren sie gehalten, das verstand sich von selbst. Kaum aber hatte ich die Einleitungsfloskeln hinter mir, ging es schon an. Ich wunderte mich vor allem, wie gut informiert die meisten über unser junges Unternehmen waren. Dann noch darüber, wie gewaltig sozialistisch alle diese Dichter waren und was sie um ihrer Überzeugung willen alles opferten. Einer schrieb, er habe sein Stück nur für Proletarier geschrieben und es Max Reinhardt, trotz dessen Drängen, nicht gegeben, weil er „es als Sozialist verschmähe, sein Werk den bourgeoisen Elementen vorzusetzen“. Ein anderer forderte fast diktatorisch eine Aufführung unter seiner Regie, denn „nur der Dichter selber erfasse sein Werk ganz“. Sollte ihm diese Zusage nicht gemacht werden können, so bitte er ebenso dringend wie höflich, das eingesandte Manuskript ungelesen zurückzusenden, da er den „Betrieb kenne und keinesfalls gestatten könne, daß etwaige Nachahmer sich seiner Ideen bemächtigen“. Drollig fand ich die Wendung in einem Brief: „Unter Verzicht auf das sogenannte Dichterische baute ich, rein auf das Gesinnungsmäßige auf“, so daß „eine proletarische Faustdichtung“ daraus geworden sei. Vor allem fehlte fast in keinem Brief die Wendung „Manifestation einer Gesinnung auf der Sprechbühne“.

Die Verfasser von pazifistischen Stücken ergingen sich stets in der gleichen Selbstverständlichkeit: „Die Idee, Menschen aus irgendeinem Interesse zu töten, ist einfach menschenunwürdig“, oder: „Im Grunde genommen besteht überhaupt jeglicher Anlaß zum Dichten nur darin, zu untersuchen, wie Kriege unter den Völkern vermieden werden können.“

Die meisten dieser Briefschreiber erteilten uns gute Ratschläge, wie zum Beispiel: „Der Proletarier muß auch ethisch zum Marxismus erzogen werden“, oder: „Ihr Unternehmen ist der einzige Weg, dem Arbeiter durch das Mittel der Kunst sein Los bewußt zu machen“, oder: „Es ist unbedingt notwendig, daß gerade jetzt in München die Arbeiterschaft im Geiste der Revolution zur Kunst hingezogen wird.“ Zu diesem Zweck wurden „revolutionäre Dichter-Matineen“ vorgeschlagen.

Andere Dichter wieder stimmten wahre Klagelieder an; es weinte geradezu das schmerzliche Verkanntsein aus ihren Sätzen. „Der Unterzeichnete“, jammerte einer, „hat fünf Jahre an seinem Werk gearbeitet. Uns Dichtern bleibt nichts als ein Golgatha. Auch Sie, Herr Direktor, werden zynisch diesen Brief beiseite legen und wissen nicht, daß Sie damit einen Dichter auf dem Gewissen haben. Der Mord geschieht ganz lautlos und unblutig.“

Ich habe nie wieder soviel angehäufte Anbiederung, soviel Unterwürfigkeit und Speichelleckerei, soviel Größenwahnsinn, aufdringliches Selbstlob, derartig viel verlogene Gefühlsromantik und sentimentales Pathos, soviel Weltfremdheit und Ahnungslosigkeit feststellen können wie in diesen Briefen einer geistigen Elite. Selbst wenn einer Bescheidenheit vortäuschte, spürte man aus jedem Wort die Überheblichkeit heraus.

Und dann erst die verschiedenen Werke! ...“

 

„Der Satz, daß ein dummer Mensch meistens Glück hat, schien bei mir zuzutreffen. Mit der Zeit war ich in den verschiedensten Kreisen bekannt geworden. Fast jeder Revolutionär kannte mich wenigstens dem Namen nach, die Schwabinger Dichter und Künstler beneideten mich ob meiner Freundschaft mit dem reichen Holländer, andere schöngeistige Kreise hatten von mir gehört, in Zeitschriften war schon allerhand erschienen und vor einigen Wochen auch ein Gedichtheft, der Professor warb überall warm für mich, der Rote-Kreuz-Mann genauso und das Fräulein auch. Außerdem ging damals besonders durch das bessere, kunst- und literaturinteressierte Bürgertum ein eigentümlicher Schwarm für Talente aus dem Volk. Nicht selten hielt man sich in den Salons sogenannte Renommier-Proletarier. Es war nicht recht einzusehen, aus welchem Grund, ob aus uneingestandener Angst oder aus verkniffener Schläue.“

 

„Ich wunderte mich immer wieder, was für eine eigentümlich würdevolle, fast feierliche Vorstellung sie von einem Dichter hatte und wie hartnäckig sie sich abmühte, mir die gleiche Auffassung beizubringen. Ihre Vorstellung beherrschte übrigens den überwiegenden Teil der damaligen studierenden Jugend. Insbesondere die deutsch-jüdische hing mit hingerissener Ehrfurcht an Vorbildern wie Stefan George, Rilke, Hofmannsthal, an Carossa, Albrecht Schäffer und Erwin Guido Kolbenheyer. Mir galten nur Rilke und Hofmannsthal etwas, im Grunde genommen aber blieb mir das überbetont Ästhetische und Esoterische immer fremd und meist sogar lächerlich. Es war unnatürlich, es war sozusagen zur schönklingenden, tiefsinnig scheinenden Phrase gesteigert. Ich erinnere mich - um das, was ich meine, deutlicher zu machen - an eine Einladung des bekannten Münchner Psychiaters Wilhelm Meier und seiner kunstsinnigen Frau Elisabeth, die sehr darauf erpicht waren, immer wieder neue Prominente bei sich zu haben. Es las dort an einem Abend der gerade in Schwung kommende Dichter Albrecht Schäffer seine Attische Dämmerung. Breit auslaufende, an klassische Muster und George erinnernde, etwas heidnisch mystifizierte Verse waren das, die der Dichter noch dazu absichtlich getragen und eintönig vortrug. Für mich war das todlangweilig, und als ich den neben mir sitzenden alten Andersen-Nexö, der damals am Bodensee lebte und nur manchmal nach München kam, ansah, bekam ich fast Mitleid mit ihm; und zugleich empörte ich mich, daß man ihm, der zwar sehr gut Deutsch verstand, aber doch solch komplizierten Sätzen kaum folgen konnte, so etwas zumutete. Endlich gab es den üblichen Höflichkeitsbeifall und ein fühlbares Aufatmen ...“

 

„… Die animalische Wucht ihrer sexuellen Hemmungslosigkeit hatte all ihren Dünkel und ihre Standesunterschiede zerblasen und fortgeweht, und auf einmal standen sie alle gleich auf gleich. Warum hörte das im Nu auf, kaum daß sie aus meiner Tür draußen waren und sich auf der morgennüchternen Straße trennten? Schon sagten sie „Sie“ zueinander und versteiften sich ins verspießerte, maskenhaft Wohlanständige! Und später, im Alltag draußen, setzten – wenn auch noch katzenjämmerlich – der dicke Syndikus und der honette Großkaufmann im Büro oder vor den Partnern wieder die zusammengenommene, Respekt heischende, vielbeschäftigte Boß-Miene auf und gab sich selbst vor der reizvollsten Angestellten, als sei sie ein Neutrum und er ein sexuell unempfänglicher Ehrenmann! Und die Geistigen glitten wieder in den kindischen Nimbus ihrer eingebildeten Bedeutsamkeit, die Frauen und Mädchen - soweit sie nicht der Boheme angehörten - mimten wieder vor jedermann ihre distanzierte Ordentlichkeit mit der frischgebügelten Küchenschürze, und alle spielten sich gegenseitig ihr Leben lang diese säuerliche Komödie vor! Mein Gott, und wir waren und sind doch alle nur arme, triebgeplagte Luder!

Ingrimmiger Hohn und kochende Wut packten mich über dieses allgemeine scheinheilige Versteckspiel, über all die feige Scham und Angst vor der Überwältigung des erweckten, losbrechenden sexuellen Verlangens, das doch genausogut zur Menschennatur gehörte wie Atmen, Sehen, Essen und Trinken, gute Verdauung und geregelter Stuhlgang! Warum machte man daraus allseits ein so lächerliches Geheimnis, als handle es sich dabei um etwas nicht Geheures, fast Ekelerregendes, und befleißigte sich, wenn wirklich einmal die Sprache darauf kam, der behutsamsten, äußersten Dezenz? Wieso galt es als abstoßende Schweinerei, wenn jemand allzu deutlich in einer Gesellschaft darüber redete? War es nicht eine hundsordinäre Herabwürdigung dieses hinreißenden Körpergeschenkes, wenn nur bei den sattsam bekannten Herrenabenden darüber speiüble Zoten gerissen werden durften? Wagte es dagegen auch nur ein Autor in seinen Romanen, Novellen oder Theaterstücken, Sexuelles naturgetreu darzustellen und alles beim richtigen Namen zu nennen? Sogleich wäre er in den Ruf eines anrüchigen Pornographen gekommen und hätte sein ganzes literarisches Renomee eingebüßt. Selbst der damals als unheimlicher „Satanist“ verschriene Wedekind verschoß seine stets zurechtstilisierten, auf schockierende Wirkung abzielenden sexuellen Bonmots nur mündlich in seinen Kreisen. In seinen sexualreformerischen Dramen gab es all das nicht, während doch in heutiger Zeit - welch ein Riesenfortschritt! - seit dem guten, tapferen Henry Miller jeder literarische Gartenzwerg sich etwas darauf zugute tut, sexuelle Intimitäten zwischen Kindern, Erwachsenen und Greisen mit fast unappetitlicher Genauigkeit zu schildern und beim Namen zu nennen. In der Auftriebszeit meiner Generation delektierte sich der lüsterne Postsekretär insgeheim an van de Veldes Vollkommener Ehe, jetzt bietet ihm das die belletristische Literatur in viel abwechslungsreicherer und amüsanterer Weise, und er braucht von ihrer Kenntnis kein Geheimnis mehr zu machen, im Gegenteil, er gilt als aufgeschlossener Bildungsmensch, wenn er auch nur an den saftigen Stellen solcher Bücher interessiert ist, die zum Teil nur deshalb so hohe Auflagen erzielen. Komisch, daß mich das immer wieder an ein lang, lang zurückliegendes Erlebnis mit dem seligen Roda Roda erinnert, als wir einst von der Uraufführung des schwülen Erstlingsstückes Anja und Esther des blutjungen Klaus Mann in der Straßenbahn nach Hause fuhren. Roda Roda stand hinten auf der Plattform des vollen Wagens und ich auf der vorderen. Er entdeckte mich und grüßte: „Oh, Herr Graf! Kommen Sie auch aus den Kammerspielen?“

„Ja“, nickte ich lächelnd, und unbekümmert um die vielen Fahrgäste rief er mir zu: „Wir in so einem Alter haben noch onaniert - jetzt schreiben sie schon Stücke drüber!“ Der dümmste Teenager weiß heute mehr über diese Dinge als der ausgefallenste Lüstling und Lebegreis von einst!“

 

Ahnungslos

 

„Heute freilich, nach so vielen Jahren, kann ich ein leichtes, wenn auch etwas unbehagliches und mißtrauisches Schmunzeln nicht unterdrücken, wenn ich bedenke, wie viele dieser damals so antikriegerischen Bekannten, teils blind begeistert, teils furchtsam berechnend, sich von Anfang an in die grausige Hitlerei hineinlebten und nunmehr, nachdem sie heil aus dem barbarischen Schrecken und Riesenelend herausgekommen sind, so ahnungslos tun, als hätten sie bis Kriegsende überhaupt nie was gewußt von den Zuständen in den Konzentrationslagern, von den Zutodefolterungen und Massenvergasungen. Selbst zugegeben, daß man als Emigrant draußen nie unmittelbar unter dem schrecklichen Druck des Terrors leiden mußte und keine rechte Vorstellung davon hatte, fatal ist's doch; wenn ein Bekannter beim Wiedersehen, so, als sei's eigentlich bloß eine kleine Störung in seinem Leben gewesen, leichthin sagt: „Ich hab' mich überhaupt nie um den ganzen blöden Rummel gekümmert!“, und unerschüttert selbstbewußt von sich behauptet, er sei natürlich ganz und gar der gleiche wie früher geblieben. Ich habe nie gewußt, daß es für solche Menschen einen umfänglichen weißen Fleck in der Zeit gibt, den sie einfach überspringen.“

 

Keine Ahnung vom Volk

 

„„Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand! ... Attentat! Attentat!“ plärrten die flinken Zeitungsjungen und schwangen sich mit ihren Mittagsblättern in die Straßenbahnen. Die Menschen reckten die Köpfe, auf den Straßen liefen Hunderte und rotteten sich zu dichten Haufen.

„Kriegsgrund! Serbien will den Krieg! Rußland bietet Rückendeckung!“ trompeteten schon wieder neu auftauchende Zeitungsverkäufer, die jagend dahinliefen. Die Zeitungen wurden ihnen aus der Hand gerissen. Der ganze Verkehr kam augenblicks ins Stocken. Die Schutzleute drängten die wogenden Menschenmassen auf die Trottoire. Der weiterfließende Strom wuchs und wuchs. Geschäftig und erregt redeten die Leute ineinander. Es hörte sich an wie ein unablässiges, blecherndes Geräusch. Der riesige Potsdamer Platz war auf einmal schwarz von Menschen.

Und so ging es nun Tag für Tag und Nacht für Nacht, einen ganzen Monat lang. Die Menge kochte zuletzt vor Gereiztheit, schrie, drohte, sang patriotische Lieder und wälzte sich unausgesetzt durch die Stadt. Niemand dachte mehr an das Tägliche, an den Schlaf. Die Sozialdemokraten gaben warnende Erklärungen ab und sprachen sich gegen den Krieg aus.

„Man müßte etwas tun ... Flugzettel schreiben!“ sagten einige Intellektuelle im Kaffeehaus. Andere machten sanguinische Witze.

„Ultimatum Österreichs an Serbien!“ bellten eines Tages die Zeitungsjungen. Man erdrückte sie fast. Die Stadt schien aufgeschreckt wie nie. Sie glich einem schwirrenden Bienenschwarm. Und wieder hämmerte es: „Kriegserklärung Österreichs an Serbien! Mobilmachung in Rußland!“

Vor den Zeitungshäusern stauten sich dichte Scharen. Kopf an Kopf standen Tausende und Abertausende vor dem kaiserlichen Schloß Unter den Linden und vor dem altmodischen Reichskanzler-Palais in der Wilhelmstraße. Stundenlang wogten sie hin und her, johlten, schrien bald „Nieder!“ bald „Hoch!“ und brüllten die kriegerischen Lieder, die man sonst nur in Kasernen hörte. Schon zogen dumpfschrittig in Vierer-Reihen lange Kolonnen mit Koffern solchen Kasernen zu. Bärtige Arbeiter waren es, die mitunter kecke Witze in die gaffende Menge schrien. Hinter ihnen fuhren hochbepackte Wagen mit frischem Lederzeug und Uniformen. Die Menge jubelte begeistert, alles sang mit einem Male das ‚Deutschlandlied‘ und jeder entblößte den Kopf.

„Serbien muß sterbien!“ schrie ein Mann und übertönte alle. Gelächter und wilder Beifall brausten auf.

„Da mach was! Jetzt sind sie alle besoffen!“ brummte ein alter Mann neben mir.

„Wat? Wat denn? Wat!“ kläffte es von allen Seiten, und schon stürzten sich die Nächststehenden auf den Mann. Ein Geraufe entstand, die Menschen purzelten übereinander, grell schrien die Frauen auf. Ich schob mich entsetzt seitwärts in die Menge.

„Der Kaiser spricht! Krieg ist erklärt!“ hörte ich, und alles begann zu laufen. Auf dem weiten Schloßplatz stand ich unter Tausenden und sah zum Balkon empor. Da standen dickbetreßte Militärs und einige steife Zivilisten um den gestikulierenden Kaiser, dessen heiseres, schreiendes Reden nicht zu verstehen war und sich anhörte wie das Krähen eines stotternden Hahns.

„Hoch! Hoch Deutschland! Nieder mit Frankreich! Nieder!“ brüllte es immer wieder. Kalt durchrieselte es mich. Ich drängte mich aus dem Gewühl und kam nach stundenlangem Herumwandern in der Wohnung meines Kameraden an, bei dem ich wohnte. Er war ein hartnäckiger Kriegsdienstverweigerer.

„Wo ist denn der Franz?“ fragte ich seine lange, hagere Frau Margot mit dem kunstgewerblichen Haarschnitt.

„Na, wo wird er denn sein! Die sind doch alle in die Kasernen! Stellen sich alle freiwillig!“ sagte sie gleichgültig.

„Wa-was? Was?!!“ starrte ich sie fassungslos an. Sie staunte.

„Naja, wenn sie sich freiwillig melden, kommen sie doch in bessere Regimenter“, klärte sie mich nebenher auf. Meine Lippen klappten aufeinander. Ein leichter Schwindel ergriff mich. Wie geistesabwesend glotzte ich.

„Na, was glotzte denn so? ... Komm, gehn wir ins Café des Westens!“ sagte sie ungestört, „Franz hat Geld rausgerückt, bevor er gegangen ist.“ Sie führten ein zänkisches, häßliches Leben miteinander. Ich mußte mich aber mit beiden verhalten, denn ich hatte nichts.

„Komm doch! Was ist denn mit dir?“ wiederholte sie. Mechanisch folgte ich ihr. Auf dem ganzen Weg brummte es unablässig im meinem Kopf: An wen kann man sich überhaupt noch halten? Was gelten denn all diese schönen Sprüche, die diese Leute fortwährend hersagen? Was gilt überhaupt noch, was denn?

Im Café des Westens war es gähnend leer. ‚Chauvinistische Hochflut in Paris! Jean Jaurès von Nationalisten ermordet!‘ lautete eine dicke Zeitungsüberschrift. Also dort genau wie bei uns, dachte ich. Von Jaurès hatte ich gelesen, daß er für internationale Schiedsgerichte eingetreten war, daß er den Krieg stets tief verabscheute. Er war als sein erstes Opfer gefallen.

Der alte Kellner erzählte uns ebenfalls, daß alle unsere Bekannten in den Exerzierhöfen der Kasernen Schlange ständen, um sich freiwillig zu melden.

„Da siehst du's!“ sagte Margot, „was willst du denn eigentlich, du Bauer mit dem dicken Kopf? Sie holen dich ja doch!“

„Jaja, zwingen wird man mich schließlich“, gab ich zu und schwieg wieder. Ich preßte meinen Kopf fest zusammen, mit beiden Händen, als wollte ich jeden Gedanken aus ihm herauspressen.

„T-ha, und die haben mich lehren wollen! Die! An die hab' ich geglaubt!“ sagte ich erbittert nach einer Weile, stand auf und ging davon. Drei Tage trieb ich mich herum und erfragte endlich, daß - wenn man sich freiwillig melde - jeder einen Freifahrtschein bis zu der Garnisonstadt von der Polizei bekomme, bei welcher er dienen wolle. Eugens drittes Infanterieregiment in Augsburg fiel mir von ungefähr ein. Vor dem Kommissar eines Wilmersdorfer Reviers stellte ich mich hölzern stramm und leierte forsch herunter, daß ich Bayer sei und in meiner Heimat dem Vaterland freiwillig dienen wolle. Der spitzbärtige, bebrillte Mann war freundlich und schrieb mir den Zettel. Ich ging sofort zum Anhalter Bahnhof und drängte mich in den überfüllten Zug. Vier Tage und Nächte fuhren wir kreuz und quer durch Deutschland und wurden an jeder Station reichlich verpflegt, so reichlich, daß wir die Butterbrote und Kuchenstücke oft wegwarfen. In Augsburg stieg ich nicht aus. Ich dachte nicht daran, Soldat zu werden. Frech blieb ich im Zug sitzen und erreichte München. Als ich auf die Straßen kam, staunte ich. Ruhig war es wie in tiefstem Frieden. Man sah nur viele Soldaten in neuen feldgrauen Uniformen. Manchmal zog auch so ein Trupp Feldgrauer singend zum Bahnhof oder in eine Kaserne. Die Leute blieben wohl stehen, winkten ihnen zu, und die Kinder liefen mit, aber das allgemeine Leben schien noch nicht allzu fühlbar von den Ereignissen beeinflußt.

Ich wanderte ins Künstlerviertel, um meinen Freund Georg aus dem Mühsamkreis aufzusuchen. Er, der frühere Konditor, war jetzt Kunstmaler geworden. Sein Atelier war verschlossen. „Hm“, brummte ich bitter, „wahrscheinlich wieder einer, der sich freiwillig gestellt hat.“ Da hörte ich Schritte über die Treppe heraufkommen und erkannte, in die Tiefe schauend, meinen Freund. Er freute sich aufrichtig, daß ich gekommen war, und bot mir an, einstweilen bei ihm zu wohnen. Er hatte sich nicht verändert und wartete ab. Ich erzählte ihm von unseren gemeinsamen Berliner Bekannten und ihrer Haltung.

„Mensch“, rief er, „man kennt sich nicht mehr aus. Sie sind doch die Intellektuellen ... Grad von ihnen hab' ich so was am wenigsten geglaubt ... Alle haben den Kopf verloren … Hast du gelesen, die Sozialdemokraten sind jetzt auf einmal auch für den Krieg. Sie haben die Kredite bewilligt und einen Burgfrieden mit Kaiser und Regierung geschlossen! Ich begreif' das nicht! Ich versteh' das ganze Volk nicht mehr!“

„Das Volk? ... Ah, das ist doch nicht das Volk!“ widersprach ich, „das Volk ist ganz anders. Wetten wir, daß das Volk überall genau so friedlich und geduldig ist wie bei uns ... Es läßt sich überall belügen und zu allem mißbrauchen! ... Geh mir aber bloß zu mit diesen Herrn intellektuellen, an die wir bis jetzt geglaubt haben! Die sind noch schlimmer als Kaiser und Regierung. Es sind die niedrigsten Verräter, weiter nichts!“ Und plötzlich schoß mir ein erhellender Gedanke durch den Kopf.

„Das Volk? ... Ja, jetzt begreif' ich's erst - das Volk, das ist ungefähr so wie meine Mutter ... Sicher, ganz sicher!“ sagte ich. Eine Ergriffenheit überkam mich, als ich in dieser Richtung weiterdachte.

„Hm, das ist mir zu symbolisch! ... Das wär' ja zum Verrücktwerden! So ein Volk, wie du's da in deinem Hirn zurechtmachst, das bringt man ja überhaupt nie weiter!“ stritt mein Freund.

„O ja, vielleicht bringt man's auch weiter, aber zuerst muß man es lieben“, antwortete ich noch immer ergriffen, nur was man liebt, gewinnt man ... ich glaub', jetzt begreif' ich, warum diese Herrn Intellektuellen so versagt haben ... Sie haben das Volk überhaupt nie gekannt und geliebt schon überhaupt nie!“

„Ah! Ah, du mit deinen Tolstoi-Ideen, geh mir zu!“ gab Georg nicht nach und briet mir auf dem Spiritus-Apparat ein paar Eier. Ich stand auf und schaute durch das hohe Fenster über die Dächer der langsam verdämmernden Stadt.

„Tolstoi ? Der hat mir bis jetzt am meisten gegeben!“ sagte ich nach einer Weile und wandte mich um, „und siehst du, meine Mutter, die muß ich jetzt sehn. Ich weiß ja genau, daß dabei gar nichts Besonderes ist, aber - ich weiß nicht, siehst du ... an sie allein kann ich noch immer glauben. Nur an sie!“ Zum erstenmal in meinem ganzen bisherigen Leben durchströmte mich ein grundgutes Gefühl."

 

„Mit dem Kriegsende erhob sich für Sieger wie Besiegte die Frage nach dem Umgang mit der Schuld NS-Deutschlands. Für die Exilanten stellte sie sich mit besonderer Brisanz. Unter dem Schutz der mächtigsten Siegermacht waren patriotische Aktionen ausgeschlossen. Wegen ihrer aus Weimarer Zeiten geretteten linken Orientierung waren sie im US-Exil fremd geblieben und wurden ja auch vom FBI observiert. Weil zwischen den Siegermächten zunehmend Fronten entstanden, fielen sie in eine Art politisches Vakuum.

Für Graf bezeugt die erst spät bekannt gewordene Korrespondenz mit Max und Rosmina Radler, Münchner Freunden, wie sehr er sich schon ganz früh um die Heimkehr bemühte, sich einmal schon vorsorglich für eine Ausreise hatte impfen lassen, seine Habe verpackte und nach Wohnungen in München fragte. Doch jeder Ansatz scheiterte an der Frage des Re-Enter-Permit, das dem Staatenlosen die Rückkehr in die USA, die er sich um Mirjams willen offenhalten wollte, garantiert hätte.

Aufgrund seiner Kenntnis der in Deutschland aktiven Widerstandsgruppen widersetzte er sich einer pauschalen Verurteilung und verteidigte das deutsche Volk gegen die Subsumtion unter die NS-Nation; er differenziert zwischen Volk und Staat. Das Volk müsse wieder „den Glauben an uns gewinnen“, darin sah er die Aufgabe „für uns Intellektuelle“ (an Prinz von Löwenstein Februar 1946). Bei diesem ‚seinem‘ Thema nimmt er es selbst mit dem sonst so verehrten Thomas Mann auf. Der hielt Einreden der Exilanten für „patriotische Versuche, Deutschland vor den Folgen seiner Untaten zu schützen“. Graf dagegen: Man dürfe nicht „jeden aufrichtig antifaschistischen Deutschen zum Helfer oder Agenten des deutschen Generalstabs“ machen. Einen einschlägigen Text zu Manns international gefeiertem 70. Geburtstag am 6. Juni 1945 ließen die Veranstalter der New Yorker Feier in Gegenwart des Jubilars nicht vorlesen; Graf sandte ihn dann Ende des Monats dennoch Mann zu. Die Erklärung „‚Vaterland‘ war für mich seit jeher ein Lesebuch-Schlagwort ohne greifbaren Inhalt“ ergänzt sein ‚fast einfältiges und hartnäckiges Bekenntnis zum Volk‘. „Sie und der überwiegende Teil jener geistigen europäischen Generation, der Sie angehören, hat dieses Volk nie gekannt und es im tiefsten stets abgelehnt. Diese Generation entschied sich für Nietzsche - aber nicht für Tolstoi“, antwortete er Thomas Mann. Liest man Manns Tagebucheintrag vom 5. Mai 1945 - „Es sind aber rund eine Million, die ausgemerzt (eine typische NS-Vokabel!) werden müßten“ -, so fällt einem fast automatisch „Kollektivschuld“ ein; in seiner Pauschalität muss dieser Begriff Graf absurd erschienen sein.“

Zu Thomas Mann und dessen Gutheißen der Bombardierung deutscher Städte siehe auch http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/265-dresden.html

 

Linke, Großkopferte und Schabernack mit denselben

 

1. Arrivierte Linke

 

„War es das „Vor-Tische-las-man's-Anders“ und ein damit verbundener jäher Hohn, der mich befiel, als ich beim flüchtigen Herumschauen unerwartet die so beflissen-schlichten „Arbeiterdichter“ Max Barthel und Bruno Schönlank, einige kommunistische Journalisten, die ich von München her kannte, und all die Herren erblickte, die zuvor so wacker gegen den Eintritt in diesen „bourgeoisen Pazifistenverein“ in der Literarischen Welt gewettert hatten und jetzt mit ihren Stärkehemden, den vorschriftsmäßigen Fliegenkrawatten und den schlechtsitzenden, möglicherweise ausgeliehenen Smokings herumstolzierten, war es der ermunternde Zuruf der eleganten beleibten Dame oder die Erinnerung an meinen Kameraden Franz Jung? - jedenfalls dachte ich auf einmal: Jetzt kann's gemütlich werden! Jetzt, getarnt als naiver „bayrischer Seppl“, kann man ungeniert eine boshafte Allotria vom Stapel lassen, und krachlaut wie bei einer urlustigen Bierrunde rief ich Mahrholz zu: „Das ist ein Wort, Herr Doktor -! Besten Dank für die Einladung! Herzlichen Dank, daß Sie mir die Unkosten abnehmen!“ Breit lachte ich, und schon sammelten sich haufenweise Neugierige um mich, und um ihre Erwartung nicht zu enttäuschen, trompetete ich im gleichen Ton weiter: „Wissen Sie, für einen kleinen, mager verdienenden Provinzschriftsteller ist die Mitgliedschaft bei so einem hochnoblen Club arg kostspielig, und man will natürlich in jeder Weise für die Völkerverständigung und die Erhaltung des Friedens tun, was man kann! - Selbstredend, net wahr, die Herrschaften? - Aber, wie gesagt, jedesmal zu so einem Bankett von München nach Berlin zu fahren, das ist mir finanziell beim besten Willen nicht möglich. Ganz und gar nicht!“ Ein geradezu strotzendes Beifallsgelächter belohnte mich, und von allen Seiten erlauschte ich Ausrufe wie „hochoriginell“, „ganz echt“, „fabelhaft“ und so weiter. Meine Popularität war auch hier gesichert. Schon erkundigten sich Damen nach meinen Büchern, schon kam der gottvaterähnliche Däubler und drückte mir herzhaft die Hand, schon zogen mich Journalisten ins Gespräch und notierten. Momentweise kam ich mir vor wie der Hecht im Karpfenteich. Ich fing jetzt erst an, an der Schriftstellerei den rechten Geschmack zu bekommen.“

 

2. Mit Lederhose im Rokoko-Theater

 

„Einen bald danach eintretenden Stimmungsaufschwung - sieht man von den heftigen Belastungen durch Mirjams Krankheit ab - und neue Perspektiven für sein Schreiben brachten ihm die schon nicht mehr erwartete Einbürgerung in die USA und die damit möglichen Deutschlandreisen. Über die Zeremonie der Einbürgerung Anfang 1958 vermittelt sein amüsantes an Feuchtwanger gerichtetes Protokoll den Eindruck, wie sehr er der Reibung als öffentliche Person bedurfte, ja, dass erst die oft „aus reiner Lust“ betriebene Provokation ihm Motivation und Daseinsberechtigung lieferte: Weil er auf seinem Pazifismus beharrt hatte, nahm die Behörde eine zur Landesverteidigung verpflichtende Passage aus der Eidesformel heraus, und das nur für ihn persönlich. Nach 250 Einzubürgernden, die den vollen Text schworen, dauerte sein Eid nur drei Minuten: „Das war fast drollig.“ Er verstand kein Wort - „zum Schluss sagte ich nur ‚Thank you‘“. Aber „sofort (holte er) den amerikanischen Reisepaß“, nicht mehr „zwischen Landesgrenzen eingesperrt“ zu sein war ihm eine Erlösung.

Zu der nun möglichen Heimat-Reise kam als besonderer Reiz, dass er dank der Bemühungen von Hugo Hartung seit 1956 Mitglied der Westberliner Akademie der Künste war. An der Grundsteinlegung für deren neues Gebäude nahm er Ende August 1958 teil. Dortige „Studenten- und Gewerkschaftsklubs“, die ihn einluden, zeigten sich „durchaus für mein Schaffen empfänglich“.

Der vorangegangene München-Besuch verlief hingegen unerfreulich: Dort war er am 22. August bei den 800-Jahr-Feierlichkeiten der Stadt im restaurierten Rokokotheater aufgetreten, nachträglich eingerückt in die Reihe internationaler Dichterlesungen. Weil er sich in Bayern als „Heimatdichter“ abgetan fühlte, wollte er es „ihnen demnach auch lederhosen-mäßig demonstrieren und vorlesungsmäßig verderben. Das macht mir ja auch wieder Spaß“. Erich Kästner hatte die Moderation des Abends abgesagt, das Theater war nur halbvoll, Grafs Kostüm löste Befremdung bis Empörung aus: „Es war sehr lustig für mich.“ Seine Lust an der Provokation war wieder erwacht: „Die Herren Autoren dort hab ich gründlich kennen gelernt - lauter kriechende Betbrüder und gewesene Nazis ... nie möchte ich nach Deutschland“, schrieb er voll Groll noch im Februar 1959.

Ein halbes Jahr später berichtete er in einem bisher unveröffentlichten Brief aus dem Besitz der OMG-Gesellschaft an Anni Kemmeter, geb. Olschewski, einzige Überlebende einer früher in der Roten Hilfe tätigen Familie: Angesichts von deren Schicksal merke er, „wie beklommen ich dabei werde. Und da kamen mir in Muenchen die ‚froehlichen Kollegen‘ entgegen und streckten mir ihre sauberen Haende hin, als waer nie was gewesen. Ich wusste zu genau Bescheid und sagte nur jeweils ohne die Haende zu druecken: ‚Einen Moment, wo waren wir denn beim Hitler, Herr?‘ Das hat sie verschnupft, die feinen Herrn.“

Irritierend, aber auch als ein Zeichen seiner realistischen Empörungslust erscheint mir, dass er erst nach der US-Einbürgerung darüber klagt, dass „Deutschland es nie für nötig gehalten (hat), uns bekannten Emigranten ohne weiteres die Staatsbürgerschaft wieder zu geben“ (an den Greifen-Verleger).

Seine erste Wiederbegegnung mit Europa, die über vier Monate dauerte, führte ihn während der Tage in München ins KZ Dachau und zu „alten KZ-Freunden“, außerdem nach Stuttgart, Frankfurt, Baden-Baden und Wien, wo der Rundfunk jeweils Lesungen seiner Kalendergeschichten aufnahm. In der Schweiz besuchte er Thomas Manns Witwe und dessen Grab in Zürich, dazu Hermann Hesse in Montagnola. „Berlin hat mir am besten gefallen - alles andre Westdeutsche ist satt, arrogant und von einer literarischen und politischen Frechheit, die ankotzt. München hasse ich geradezu schon.““

 

3. Der Bauernschrank

 

„Das war der plebejische Wunschgedanke, endlich überall sichtbar und fühlbar zu imponieren, im öffentlichen Leben eine maßgebende Rolle zu spielen. Das war die Mischung von krankhaftem Geltungstrieb und niegestillter Rachsucht, denn nur Geld, sehr viel Geld verschaffte allgemeine Geltung, und nur als reicher, unabhängiger Mann konnte man sich für all das, was einen im Lauf der Zeit schmerzlich verletzt und innerlich unheilbar verwundet hatte, ausgiebig rächen. Mit dem literarischen Ruhm war's bei mir nichts geworden. Der buchhändlerische Erfolg des Dekamerons und die damit verbundene Steigerung meiner sozusagen bodenständigen Popularität zerstörten meiner Meinung nach alle Aussichten, von den tonangebenden Literaturkreisen ernst genommen zu werden. Das verärgerte mich in meinem blindwütigen Ehrgeiz derart, daß ich auf immer tollere Einfälle kam, um die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Wochenlang belacht und vielberedet wurde mein Faschingsscherz bei den wöchentlichen ungemein ausgelassenen Tanzereien der Künstlergruppe Die Juryfreien, die aus Opposition gegen die Neue Secession von jungen Malern und Bildhauern gegründet worden war und in einem Eckhaus des Rondells am Anfang der Prinzregentenstraße ihre eigenen Ausstellungsräume zu ebener Erde hatte. Als Freund aller Juryfreien, als Anreger ihrer Feste und sonstigen Veranstaltungen und vor allem als unübertroffene Stimmungskanone kannte mich jeder Gast. Man erkannte mich auch auf allen anderen Faschingsfesten, wenn ich dort gelegentlich auftauchte, obgleich ich mich dazu oft bis zur Unkenntlichkeit aufgemacht hatte. Es half nichts, meine breiten, eckigen Schultern, mein rüpelhaftes Benehmen und meine laute Stimme verrieten mich schon nach den ersten Augenblicken. Es kostete mich fast eine Woche, bis ich auf die richtige Idee kam, wie dem zu begegnen wäre. Ich kaufte dünne Latten, Nägel, Scharniere und große weiße Pappen und ließ alles zu Thiele schaffen, der nie ein Faschingsfest besuchte. Der war zuerst verblüfft und leicht verärgert, aber als ich ihm meinen Plan auseinandersetzte, lächelte er boshaft mit seinem Nußknackergesicht und spöttelte: „Ich sehe, du sorgst dafür, daß dir dein Ruf bleibt. Hochorigineller, urfideler Heimatdichter! Na, schön!“ Das gab mir einen Stich. Es wurmte mich, denn ich mußte ihm recht geben, aber grade deswegen versteifte ich mich aufs Justament, und mit Geduld und Eifer gingen wir ans Werk. Niemand, weder Mirjam, Schrimpf noch sonst jemand erfuhr etwas davon. Vierzehn Tage darauf erschien ich als wandelnder altbayrischer Bauernschrank bei den Juryfreien, und die Wirkung war großartig. Jäh stoben die dichtgedrängten lärmenden Tanzpaare auseinander, sprachlos starrten zunächst alle, dann aber peitschte ein Gejohl auf über diesen abwegigen Einfall, und lachend und schwatzend umdrängten mich alle, tappten an meinen Wänden herum, fragten und versuchten, die kunstvoll echt gemalten Attrappentüren aufzureißen, aber es ging nicht. Andere probierten, die Pappenhülle vom Boden hochzulupfen, und ich mußte meine ganze Kraft aufwenden, um die zwei Querlatten innen niederzudrücken. Nur an den Schuhen erkannten sie, daß ein Mann darunter war, aber plötzlich spürte ich, wie die qualmend heiße Saalluft von hinten hereindrang, und ein wildes Aufkreischen: „Ah, so ein Schwein! So eine Drecksau! - Pudelnackt!“ folgte. Nur in Socken und Schuhen, sonst aber nackt, befand ich mich unter der Schrankattrappe, und um der findigen weiblichen Neugier entgegenzukommen, ihr aber auch zugleich einen derben Schock zu versetzen, hatten Thiele und ich die Schrankhinterwand mit einem unauffälligen kleinen Türl versehen. Wenn jemand es entdeckte und aufmachte, sah der nichts als meinen blanken Arsch mit einem dick draufgemalten schwarzen Schnurrbart. Diese freche, allzugrobe Unappetitlichkeit war sogar den sonst in jeder Hinsicht äußerst weitherzigen Festveranstaltern zuviel, und rundherum hörte ich wenig Zustimmendes. Auf jeden Fall zweifelte kein Mensch im Saal mehr, daß nur ich auf so etwas verfallen konnte. Es gab eine Weile eine ziemliche Verwirrung, und man schob mich unter Lachen und Geschimpf nach hinten, der Garderobe zu. „Das geht nicht, Oskar“, hörte ich meinen Freund, den Maler Ossi Zeh, draußen sagen. „Erstens bist du so ein Verkehrshindernis, und zweitens hört sich jetzt der Witz schon auf.“ Ich wollte grad antworten, da schrie er: „Hoho! Was wollen denn Sie, meine Herren?“ Erregtes Durcheinandergeschimpf entstand, und - seltsam, daß das unsereins sogar als Blinder merkt! - auf einmal war die Polizei da. Zwei martialisch zugreifende Schutzmänner hoben mit einem scharfen Ruck meine Schrankhülle in die Höhe, um sie gleich wieder fallen zu lassen und mit der amtlich gebotenen Empörung zu schimpfen: „Tja, Herrgott, Sie Drecksau! Was erlauben Sie sich denn? Pudelnackt daherkommen! Das ist doch schon der höhere Unfug! Sofort ziehn S' was an! Marsch!“

„Ja, ganz gern, meine Herrn, wenn ich was hätt'“, antwortete ich und rief dadurch noch größere Entrüstung hervor. Entrüstung und Ratlosigkeit zugleich, denn die zwei hatten bereits angekündigt, daß ich mit auf die Polizeidirektion müßte.

„Was -? Wasss -?! Da hört' sich doch alles auf -! Hmhm! - Sie werden doch nicht glauben, daß wir Sie im Möbelwagen hintransportieren, was?“ brüllte der eine Schutzmann, und jetzt wurde es lustig, jetzt lachte das Faschingsvolk vor der Garderobe bereits wieder, während der andere Schutzmann in einem fort scharf bellte: „Weggehn, bitte! Weg da, die Herrschaften! - So gehn Sie doch weg, Herrgott!“

Man bekleidete mich notdürftig mit Hemd und Anzug einer meiner Künstlerfreunde, und auf ging es zur Polizeidirektion.

Wenn sich's nicht um Mord und Totschlag oder Politisches handelte, waren dazumal um die Faschingszeit Münchner Polizeikommissare mitunter sogar humorempfänglich. Der mir wohlbekannte Spitzbart Fuchs las mir zunächst einmal gehörig die Leviten und nannte mich - wenn das auch gar nicht mehr zu meinem fleischlichen Umfang paßte - „ein nettes Früchterl“, und ich spielte den dümmlichen, herzgewinnenden Gaudiburschen, so daß ich zum Glück nicht wegen „Erregung eines öffentlichen Ärgernisses“ ins Gefängnis mußte, sondern nur 300 Mark wegen groben Unfugs in die Armenkasse zu zahlen hatte.“

 

4. Künstlerfest in Berlin

 

„Jetzt bei der „Mutter Maria“ war Joe, der immer ausgeglichen Heitere, mürrisch, erzählte, daß er in der Zeitung von meinem Vortrag gelesen und verschiedentlich von mir gehört habe. „Du bleibst hoffentlich nicht in Berlin? - Nein? Gut so! Nur bald weg, mein Lieber. - Jung hält's doch auch nie lang aus da -. ‚Die Kuh muß ausgemolken werden‘, sagt er, ‚dann kann sie schlachten wer will.‘ - Recht hat er! - Wer was zu sagen hat und fertigbringen will, muß weg aus Berlin! Weg, nichts wie weg, sag' ich dir! - Der snobistische Plebs hier will jeden Tag ein andres Genie oder sonst einen Star. Du wirst durch die Fleischmaschine getrieben und aufgefressen - der nächste! Man trägt jetzt ‚links‘ und kommt sich vor wie der Vortrupp der kommenden Revolution und verhimmelt Grosz und all die radikalen Stückeschreiber, die Piscator herausbringt -“

„Das hab' ich längst gemerkt. Da sagst du mir nichts Neues“, fiel ich ihm ins Wort und wunderte mich, daß er zum erstenmal politisch daherredete: „Grosz und Herzfelde haben mich eingeladen, morgen zum Ball der „Novembergruppe“ in den Kaisersälen am Zoo zu kommen. Grosz ist dort Ehrenpräsident -. Ein großer Kostümball soll's sein. Auch Manfred und Ludwig haben Mirjam angerufen, ich soll unbedingt kommen. Da trifft man alle und jeden, das kann mir sehr nützen, sagen sie.“

„- kann dir nützen! Nützen, siehst du, alles ist reines, plumpes Geschäft, getarnt als Künstlerfest der kommenden Barrikadenkämpfer“, höhnte er sarkastisch und klärte mich auf: „Du mußt wissen, in der Novembergruppe sind nur Künstler von den Kommunisten bis zu den rabiaten Überlinken -“

„Soso, um so besser. - Ich bin auch neugierig, wie so ein Berliner Faschingsfest aussieht“, sagte ich. Aber er warnte: „Erwarte bloß keine Münchner Lustigkeit -! Nichts als Knallprotzen, die moderne Bilder kaufen, weil's schick ist, und widerliches Gesochs, das auch dabeisein will -“

„Na gut, ich geh' hin. Das muß ich sehen“, blieb ich dabei. „Du kennst ja meinen Grundsatz -“ Und ich zitierte wieder Balzac: „Man muß in diese Gesellschaft eindringen wie das schleichende Gift.“

„Prosit, trinken wir, mein Lieber!“ lächelte er skeptisch: „Du hast also immer noch Illusionen. - Mit uns Deutschen ist doch nichts zu machen, wir werden unseren Untertanen-Masochismus nicht los! Dafür hat man uns doch jahrhundertelang zurechtgeprügelt. Wir kennen doch nichts als Befehl und Gehorsam! Machen eine Republik und wissen absolut nichts damit anzufangen. Die Militärs regieren wie eh und je, und die Herren von der Industrie finanzieren sie. - Der Haufen hat nichts zu melden, und er will nicht einmal! Alles ist verwirtschaftet worden, rein alles. Das kracht eines Tages schauerlich zusammen, da will ich nicht dabeisein. - Irland hält sich. Die haben nicht umsonst geblutet. Schade; daß Roger nicht durchgekommen ist, um das zu erleben. - Ich geh' nach Dublin.“ Maria, die offenbar einiges gehört hatte, wachte auf, gähnte und sagte: „Unterm Willem hat sich's besser jelebt.“ Joe stellte sein Glas hin und nickte: „So ist es, meine Gute! Gib noch eine Kanne.“

Das Fest der „Novembergruppe“ war Stadtgespräch. Dort mußte man gewesen sein. Drei Musikkapellen spielten, der erste Preis der Tombola war ein Viersitzer-Benz-Mercedes, und weit über tausend Gäste wurden erwartet.

„Ich warne euch! Ihr kennt ihn nicht!“ hatte Mirjam Manfred und Ludwig am Telefon gesagt, aber sie lachten. Sie erwarteten mich auf dem breiten Treppenvorsatz am Eingang des festlich geschmückten Saales. Jeder trug einen Smoking und einen weißen Fez auf dem Kopf. „Das ist doch egal!“ sagten sie, weil ich mich wegen meines gewöhnlichen Anzugs etwas genierte, und setzten mir auch einen Fez auf: „Das genügt vollkommen. Du siehst doch, alle tragen so'n Ding.“ Wahrhaftig - alle hielten das für einen hochoriginellen „dollen“ Faschingseinfall.

„Komm, komm, wir haben schon einen Tisch!“ riefen die zwei und wollten mich mitziehen.

„Was? Tisch? Was brauch' denn ich auf so einem Fest einen Tisch!“ fuhr ich sie an, und ehe sie aufsahen, war ich weg. Verschwunden. Immer war es das gleiche: Wie ein ungeduldig witternder Hund, reißend gespannt, stürzte ich in die wirre, bunte, lärmende Masse. Auch ohne Alkohol versetzte mich diese in einen Zustand von blindem, hingerissenem Rausch.

Ich arbeitete mich an die Theke heran und verlangte eine Flasche Wein.

„Hier gibt's nur Tischbedienung!“ wies mich der Barmixer grob ab, und ich hörte einen befrackten Herrn sagen: „Wat'n Wilda! Wo kommt denn der her?“

„Aus München!“ schrie ich zurück. Leicht verärgert, daß ich keinen Wein bekommen hatte, bahnte ich mir mit den Ellbogen den Weg, und Manfred und Ludwig bekamen mich erst wieder zu sehen, als ich droben auf der Balustrade der Musiker stand und trompetenlaut ins bewegte Kopfmeer der Tanzenden hinabschrie: „Mehr Bewegung, bitte! Bewegung! Erotik! Mehr Sexualität, meine Herrschaften! Sexualität, Sinnenlust, Bewegung, Erotik! Bewegung!“ Ich überschrie alles. Die Musiker hielten auf einmal im Spielen inne, die Tanzenden stockten und starrten zu mir herauf.

„Was für ein Flegel ist denn das?!“ plärrte man nach dem ersten Schock von unten herauf. „Unverschämtheit! Runter mit ihm! Raus aus dem Saal! Raus mit dem Kerl, raus!“ Ein Musiker ging auf mich zu und drängte mich grob weg, und ich sprang einfach mitten in die wild und schreiend auseinanderstiebenden Tanzpaare, streifte dabei mit dem Fuß den Arm einer Dame, die aufschrie, und Herren wollten auf mich zu, aber der liebe Gott hatte mir eine breitmächtige Gestalt gegeben, so daß sie sich nicht gleich mit mir einlassen wollten, und als sie sich umsahen, war ich schon wieder weiter im Gemeng, stieß und schrie wie verrückt: „Bewegung! Erotik! Sexualdemokratie, bitte! Bewegung!“ und sah einen Menschen mit schwarzverschmiertem Gesicht, im Monteuranzug, auf mich zurudern, und als er ganz nahe war, umschlang er mich schützend und keuchte dabei weinheiser: „Oskar! Oskar! - Mensch, großartig, Oskar, komm mit mir, komm!“ Niemand wollte mir mehr etwas. Es war George Grosz. Die Musik spielte wieder, und alles tanzte weiter. Wir waren an der weitgeschwungenen mächtigen Theke angelangt, und ich sagte: „Mensch, hast du denn nichts zu saufen? Hier kriegt man doch nichts.“ In einer langen Reihe standen gefüllte Cognacgläser da, und die befrackten Herren hatten sich eben umgedreht, um einige gefeierte Bühnengrößen begeistert zu grüßen.

„Da steht doch! Prosit Oskar!“ sagte Grosz, nahm ungeniert ein Glas und trank es aus, und ich machte es ebenso. Er griff zum nächsten Glas und ich auch, und so, die ganze Theke abschreitend, schütteten wir eilig alle Gläser in uns hinein und verschwanden. Kaum waren wir zehn Meter weg, fing ein schrecklicher Krach an. „Na, wat denn? - Wieso denn? War doch voll! - Wer hat denn dat wegjesoffen, wat denn?“ hörten wir durcheinanderschimpfen und erreichten den Tisch, an dem Frau Grosz, Wieland und Trude Herzfelde, Rudolf Schlichter und der Zeichner Schmalhausen saßen. Eben kam John Heartfield, Wielands Bruder, hinzu.

„Eine Scheißbande ist das hier!“ schimpfte ich. „Faschingsfeste wollen sie machen und benehmen sich wie Köchinnen und Kommis! Zum Kotzen, das! Künstlerball soll das sein, Künstlerball? Das ist ja ein Vereinsball besserer Ladeninhaber, wo Ihr auch dabeisein und anreizen dürft, pfui Teufel! Mit dieser verschissenen Sippschaft laßt ihr euch ein, ihr Revolutionäre?!“

„Jajaja, ganz recht hat er! Absolut recht hast du, Oskar! - Wieland, ich hab's dir heut' nachmittag schon gesagt, das ist Kunsthurerei von uns! Prostitution ist das! Losgehn muß man gegen die Bande!“ keuchte John Heartfield, der große, geniale Meister der Fotomontage, und fing zu zittern an - was immer ein sicheres Zeichen war, daß er unmittelbar vor der Aktion stand - seine hervorquellenden wässerigen blauen Augen traten noch stärker hervor, bis er aufsprang, einen Sessel packte, auf die Tanzenden zurannte und mit dem ununterbrochenen Ruf: „Es lebe die Weltrevolution! Es lebe die Weltrevolution!“ die Sesselbeine fortwährend in die glanzrunden Popos der vorbeitanzenden Damen stieß.

Wie ein herumhüpfender Ziegenbock sah er aus, und das machte auch mich wieder unternehmungslustig. „Bewegung! Erotik! - Bewegung!“ prasselte es hemmungslos aus mir. Fluchen, Schreien, Keifen und Fuchteln hub um uns an, ein dichter Kreis umschloß uns, und Fäuste hoben sich, als gerade noch zur rechten Zeit George Grosz, Wieland und Schlichter sich eine Bahn zu uns schafften. Grosz - ich hielt ihn immer für einen Korpsstudenten mit falschen Vorzeichen - schrie mit energisch knalliger Militärstimme: „Einen Moment, Herrschaften! Momentchen, wenn ich bitten darf. Ja?“ Sogleich erstarben die Angreifer vor Bewunderung, doch ehe Grosz weiterreden konnte, kam aus einer anderen schmalen Gasse hocherhobenen grimmigen Hauptes der Inhaber der Kaisersäle mit einigen sogenannten „Herausschmeißern“ in die Mitte der Runde und fragte drohend: „Also, wo sind da die Burschen, die dauernd so frech stören?“ Johnny und ich standen da wie Delinquenten, und nun ging ein wildes Hinundhergerede zwischen Grosz, dem sich inzwischen Künstler vom Vorstand der Gruppe zugesellt hatten, und dem Gastwirt an, der kräftig von den umstehenden Tanzpaaren unterstützt wurde. Grosz, der gedroht hatte, auf der Stelle seine Ehrenpräsidentschaft niederzulegen, wenn man „seine Freunde belästige“, schrie den Saalinhaber an: „Da haben Sie ja nuscht zu melden, Herr ... Gehn Se!“ - „So? Wolln mal sehn! - Ich kann auch anders!“ fuhr der auf. Die Leute wichen aus, und er stapfte mit seinen Begleitern zum Saaleingang. Wir hörten einen schrillen Pfiff, und ungefähr zwei Dutzend Sipos marschierten zum Saal herein, und in die jähe Stille schrie der Kommandant: „Also, was ist hier los? Wer stört hier dauernd und rempelt die Gäste an?“ Hunderte von gestreckten Fingern deuteten auf Johnny und mich und, wie durch die Polizisten ermutigt, schrie es wieder rundum: „Da, da! Das sind die zwei Flegel! - Raus mit ihnen! Raus müssen sie!“

Giftig schlug der Lärm ins Gemeng, kein Wort war mehr zu verstehen. „Ruhe! Ruhe im Saal!“ überdröhnte die Stimme des Kommandanten alle. Der Saalinhaber stand mit hämisch zufriedener Miene neben ihm. Jetzt wurden die Künstler rebellisch und schoben Grosz vor, der drauflospolterte: „Na, wat denn, wat denn -? Sipo wird da jeholt -? Sind wir 'n Kegelklub oder 'ne Künstlergruppe? Nee, nee, so jeht dat nich. Vastandn? - Meine Freunde bleiben da! - Nuscht zu machen, Herr Jastwirt -. De Veranstalter sind wir. Vastandn? Wir un nich Sie! - Sie habn bloß zu vadien', Herr ...“ Um den Kommandanten und den Saalinhaber ballten sich die Vorstandsmänner und redeten und redeten auf sie ein. Sie waren schockiert, da Grosz wiederholt mit Weggehen drohte, winkten beruhigend ab, andere Prominente kamen und mischten sich ein, und - kaum zu glauben! - man einigte sich so: Die Sipo zog von einer Saalnische zur andern einen Strick. Da wurden Tische hineingeschoben, und der unbequeme, schon ziemlich betrunkene Ehrenpräsident mit all seinen Freunden und Anhängern wurde von den Vorstandsmitgliedern allerhöflichst gebeten, daran Platz zu nehmen.

„Das ist ja wunderbar! Da sind wir unter uns!“ lachte ich schmetternd.

„Ja, und weg vom Bürgergesindel!“ stimmte mir Johnny bei. Das stimmte den anfangs renitenten Grosz um. Die Sipos zogen ab. Das Fest ging weiter, und der Hauptanziehungspunkt war unser Isolierungsdreieck. Kreuzfidel wurden wir und tranken massig. Immer wieder kamen Prominentengierige ans Seil, aber niemand wurde durchgelassen.

„Bleiben Sie beim Publikum, wir sind zu gut für Sie!“ rief Wieland den Zudringlichen nach, schürzte sein Kußmäulchen und sah Beifall heischend auf Grosz, denn wenn „Böf“, wie sie ihn alle nannten, etwas gut fand, war's hundertprozentig originell. Aber dem verschwamm im Rausch bereits alles.

Immer wieder sammelten sich insbesondere neugierige Damen am Seil, lächelten und bettelten, doch an unseren Tisch kommen zu dürfen, aber wir blieben hart. Sie zogen wieder ab und waren fast dankbar für die ordinären Anpöbelungen, die wir ihnen nachschrien. Ich mußte an Joe denken. Dann fiel mir dieser fixe Harry Domela ein, der servilen nationalen Stadtvätern und Hunderten patriotischer Vereine so erfolgreich den preußischen Prinzensohn vorgespielt und sie um ihr Geld geprellt hatte.

„Für die könnten wir die Domelas auf republikanisch sein“, sagte ich zu Wieland. „Schade, daß sich mit der Firma kein Staat machen läßt.“

Entsetzt riefen Manfred und Ludwig anderntags Mirjam an, doch die lachte nur schadenfroh. Die beiden waren überzeugt, daß ich mir durch mein unmögliches Benehmen auf dem Fest alle Sympathien in Berlin verscherzt hätte. Mitnichten: überall nannte man mich „den Mann mit der Erotik“; ein „ungebrochener Neuling mit einer Vitalität ohnegleichen“ war ich in der Reihe der jungen Dichter. Freilich hielt sich diese schmeichelhafte Popularität einzig und allein an meine Person, meine Bücher interessierten weit weniger, und das blieb bis heute so.“

Zu John Heartfield siehe auch http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/32-staeck-brief.html

 

Nachtrag zu „Wir sind Gefangene“ aus dem Jahr 1965

 

„Dieses Buch, das nunmehr in der unveränderten Fassung der Erstausgabe vom Jahre 1927 neu erscheint, war für meine ganze literarische Existenz von grundlegender Bedeutung. Bis dahin nämlich hatte ich mir durch ein Bändchen expressionistischer Allerweltsgedichte, einige derbsatirische Bauernskizzen im ‚Simplizissimus‘ und in der ‚Jugend‘ und ein Büchlein ernster Dorfgeschichten, hauptsächlich aber durch mein verwildertes Bohemeleben in München nur eine gewisse Lokalpopularität erworben, die über das Künstlerviertel Schwabing kaum hinausreichte. Im übrigen muß ich offen gestehen, daß ich damals meine Schriftstellerei noch für eine ziemlich fragwürdige Angelegenheit hielt, für eine mühelose Beschäftigung, die sich lediglich aus einem lustvollen Erzählertalent, aus sehr viel Eitelkeit, etlichen originellen Ideen und einem sehr frechen, draufgängerischen Leichtsinn zusammensetzte.

Das wurde mit dem Erscheinen von Wir sind Gefangene mit einem Schlage anders. Das Buch erregte ein ungeheures Aufsehen, wurde in allen Kreisen heftig diskutiert, in der tonangebenden Tagespresse und den seriösen Zeitschriften einhellig bewundert, und in rascher Aufeinanderfolge erschienen englische, französische, spanische und russische Übersetzungen. Außer der stark nachhelfenden Propaganda des Verlages, der ein Plakat mit einem überlebensgroßen Bild von mir und dem Balkentext „Der Autor des Tages - Das Buch des Jahres“ in allen deutschen Städten an die Litfaßsäulen kleben ließ, verhalfen aber vor allem die begeisterten, eingehenden Äußerungen so großer Geister wie Romain Rolland, Maxim Gorki, Thomas und Heinrich Mann, Hugo von Hofmannsthal und anderer namhafter Autoren meiner Generation diesem schnellen Ruhm erst zu einer weitausgreifenden Wirkung. Damit war ich gewissermaßen in allen Ehren aufgenommen in unsere große, ernsthafte Literatur, und nicht nur das! „Aus Wir sind Gefangene hallt erstmalig und unüberhörbar der ingrimmige Entsetzensschrei der von Krieg, Nachkrieg und mißratener Revolution enttäuschten Jugend und klagt uns alle an!“ hieß es in einer langen Rezension des später in die Tschechoslowakei emigrierten und dort von Hitleragenten ermordeten Theodor Lessing, und ich stand auf einmal - unversehens und ungewollt - stellvertretend als Sprecher der Jugend meiner Generation in der vordersten Front der sozialen und geistigen Auseinandersetzungen jener bewegten Jahre.

Wahrhaftig - die reißende Eitelkeit, welche so ein unverhofft leichter Triumph nun einmal erzeugt, ganz weggedacht -, wenn ich mich heute, nach über dreißig Jahren, an meinen damaligen Zustand zurückerinnere, so muß ich zugeben, daß mich all dieses Überrumpelnde ungemein verwirrte, ja, ganz zuinnerst sogar schockierte, denn in all meinem Oberflächenleben beschäftigte ich mich seit langem sehr intensiv mit den Werken und Lehren meines gewaltigen Lehrmeisters Tolstoi, und das war nicht spurlos in mir geblieben. Jetzt auf einmal fing ich an, gründlich über mich und meine Stellung zur Literatur nachzudenken und landete stets bei der bedrängenden Frage: „Für was und für wen schreibt man? Ist der Schriftsteller nur da, um die höchste Sprachmeisterschaft zu erreichen, um mit subtilster Kenntnis der Psychologie irgendwelche Fälle des wirklichen Lebens verständlich zu machen und seine Leserschaft durch die Kunst seines Erzählertums zu faszinieren, oder besteht seine Aufgabe nicht vielmehr darin, mit seinem Schreiben das Unrecht auf der Welt, wo immer es sich auch zeigt, zu bekämpfen, die Menschen für soziale und moralische Einsichten empfänglich und für sich selbst verantwortlich zu machen, jeden Krieg als Verbrechen zu brandmarken, und auf die Gefahr hin, ein Leben lang verkannt und verdächtigt zu werden, stets einer Gesellschaftsordnung das Wort zu reden, in welcher gleiches Recht für jeden gilt und die Freiwilligkeit zur Einordnung in das Ganze schließlich zur sittlichen Regel wird?“

Von da ab wurde mir klar, daß ich nur noch ein Schriftsteller im letzteren Sinne, also zeitlebens ein sogenannter ‚engagierter‘ Schriftsteller sein konnte, dessen Talent zugleich eine unabdingbare menschliche und soziale Verpflichtung war. Ganz gewiß nämlich lag in allem Schönen, in jeder Kunst etwas Humanes, aber dieses Humane entzückte und rührte stets nur, zerfloß wieder und blieb ohne tiefergehende Wirkung. Es drang nicht hinein in die Zweideutigkeit des menschlichen Charakters, es zerstörte nicht dessen ererbte, gedankenlos übernommene Vorstellungen, es war nicht imstande, den feigen, meinungslosen Jedermann zu einem selbständig denkenden und handelnden Menschen zu machen. Auch die Kunst war etwas wie ‚Opium für das Volk‘. Sie machte den einzelnen und ganze Völker widerstandsunfähig gegen das Sinnwidrige und Böse im Allgemeinleben, das wir in den letzten Schreckensjahrzehnten erleben mußten. Das konnte und durfte nie wieder die Aufgabe der Schriftsteller, der Künstler, der Geistigen sein! Blieben sie dabei, dann häuften sie auf die grauenhafte Mitschuld, die sie unleugbar in der Vergangenheit auf sich geladen hatten, noch unermeßlich mehr wirkliche Schuld, und das Schlimmste: Dann verläuft all ihr weiteres Mühen und Schaffen resonanzlos im blinden Nichts und bedeutet den nachfolgenden Generationen höchstenfalls noch soviel wie ein kurioses ‚Hobby‘ aus der Großvaterzeit. -

Wir sind Gefangene hatte aber auch - so wie ich es heute übersehe - eine noch ganz andere, außer mir liegende Bedeutung in der damaligen deutschen Öffentlichkeit. Das Buch war ein Vorläufer all der erst kurz darauf erscheinenden, unvergeßlich starken Antikriegsromane von Remarque, Renn, Plievier, A.M. Frey usf. und leitete eine geradezu hektisch ansteigende Produktion ähnlicher Werke aller politischen Richtungen ein, die - der herrschenden Konjunktur entsprechend - für manchen Verleger ein sehr lukratives Geschäft wurden.

Mein Buch jedoch, niedergeschrieben mit der ganzen bedenkenlosen, flackernden Subjektivität eines rebellischen Dreißigjährigen, unterschied sich von all diesen Nachfolgewerken sehr wesentlich. Es war keineswegs nur ein protestlerisches Antikriegsbuch. Es hatte sich, ohne daß ich dies ahnte oder wollte, sozusagen während des Schreibens zu einem umfassenden Dokument der höchst bewegten Zeit von 1905 bis zum Zusammenbruch der deutschen Revolution von 1918 ausgeweitet, und da sich hier einer aus der anonymen Masse nicht als überlegener Ankläger, Warner oder Mahner außerhalb seiner Gesellschaft stellte, sondern mitten in ihr verblieb und offen bekannte: „Das bin auch ich! Auch ich bin mitschuldig an der Katastrophe!“, hatte die damalige Jugend in diesem Buch ihren ungewollten Wortführer gefunden.

Gerade das hatte Thomas Mann als erster und einziger in seiner Besprechung ungemein fein witternd gespürt. Möglicherweise gewann deswegen Wir sind Gefangene die Herzen meiner Altersgefährten und setzte in all den Jahren keinen Staub der Antiquiertheit an, denn auch heute noch bezeugen mir unzählige Briefe von Lesern aus allen Weltrichtungen, wie unverstellt und aufhellend sie in diesem Buch ihre eigene Jugend beschworen finden, und das Allereigentümlichste ist, daß seither nicht wenige Historiker dieses subjektive Bekenntnis als objektives Quellenwerk der damaligen Zeit benutzen.

Hoffen wir also, daß diese Autobiographie auch der heutigen Jugend einiges zu sagen hat. Vor allem deshalb, weil sie aufzeigt, daß sich die damalige Jugend trotz aller Enttäuschung und Aussichtslosigkeit tapfer zu dieser ihrer Zeit bekannte und dennoch zukunftsgläubig blieb. Daß sich diese Zukunft nicht so erfüllte, wie sie es erhofft hatte, war nicht die Schuld dieser Jugend, die immer wieder ihr Leben einsetzte in den blutigen Kämpfen für diese Ziele. Um es noch einmal zu wiederholen: Daß eine ganz andere, schrecklichere Zukunft heraufkam, war und bleibt zum großen Teil die Schuld jener Geistigen, die sich, sobald die Politik notwendigerweise ins widerliche Detail gehen mußte, sofort wieder zurückzogen, um makellose Kunst zu produzieren.“

 

Verbrennt mich!

 

Wie fast alle links gerichteten, entschieden sozialistischen Geistigen in Deutschland, habe auch ich etliche Segnungen des neuen Regimes zu spüren bekommen:

Während meiner zufälligen Abwesenheit aus München erschien die Polizei in meiner dortigen Wohnung, um mich zu verhaften. Sie beschlagnahmte einen großen Teil unwiederbringlicher Manuskripte, mühsam zusammengetragenes Quellenstudien-Material, meine sämtlichen Geschäftspapiere und einen großen Teil meiner Bücher. Das alles harrt nun der wahrscheinlichen Verbrennung. Ich habe also mein Heim, meine Arbeit und - was am Schlimmsten ist - die heimatliche Erde verlassen müssen, um dem Konzentrationslager zu entgehen.

Die schönste Überraschung aber ist mir erst jetzt zuteil geworden: Laut "Berliner Börsencourier" stehe ich auf der "weißen Autorenliste" des neuen Deutschlands, und alle meine Bücher, mit Ausnahme meines Hauptwerkes "Wir sind Gefangene", werden empfohlen: Ich bin also dazu berufen, einer der Exponenten des "neuen" deutschen Geistes zu sein!

Vergebens frage ich mich: Womit habe ich diese Schmach verdient?

Das "Dritte Reich" hat fast das ganze deutsche Schrifttum von Bedeutung ausgestoßen, hat sich losgesagt von der wirklichen deutschen Dichtung, hat die größte Zahl seiner wesentlichsten Schriftsteller ins Exil gejagt und das Erscheinen ihrer Werke in Deutschland unmöglich gemacht.

Die Ahnungslosigkeit einiger wichtigtuerischer Konjunkturschreiber und der hemmungslose Vandalismus der augenblicklich herrschenden Gewalthaber versuchen all das, was von unserer Dichtung und Kunst Weltgeltung hat, auszurotten und den Begriff "deutsch" durch engstirnigsten Nationalismus zu ersetzen. Ein Nationalismus, auf dessen Eingebung selbst die geringste freiheitliche Regung unterdrückt wird, ein Nationalismus, auf dessen Befehl alle meine aufrechten sozialistischen Freunde verfolgt, eingekerkert, gefoltert, ermordet oder aus Verzweiflung in den Freitod getrieben werden.

Und die Vertreter dieses barbarischen Nationalismus, der mit Deutschsein nichts, aber auch rein gar nichts zu tun hat, unterstehen sich, mich als einen ihrer "Geistigen" zu beanspruchen, mich auf ihre so genannte "weiße Liste" zu setzen, die vor dem Weltgewissen nur eine schwarze Liste sein kann!

Diese Unehre habe ich nicht verdient!

Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen. Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein wie eure Schmach!

Alle anständigen Zeitungen werden um Abdruck dieses Protestes ersucht.“

 

„Er resignierte nicht ins Kollektiv Unterlegener, wie der Titel Wir sind Gefangene nahelegen könnte, sondern setzte seine Hoffnung auf die Einheit der Autoren und focht - die Militanz sei erlaubt - für die Solidarität von Emigranten und Exilanten, von Sozialisten und Kommunisten.

Das erste Zeugnis seiner durchschlagend neuen Orientierung erschien am 12. Mai 1933 auf der Titelseite der Wiener Arbeiter-Zeitung: sein Appell Verbrennt mich!

Am 10. Mai 1933 verbrannten deutsche Studenten in landesweit geplanter Aktion die Bücher der dem NS-Regime verhassten Autoren: Eine ganze Generation deutscher Schriftsteller, deren Namen heute die Epoche prägen, dazu auch historische Werke jüdischer (Heinrich Heine, Ludwig Börne) und ausländischer (Jack London, Upton Sinclair, Romain Rolland) Autoren; auch Sigmund Freud und Albert Einstein standen auf der ‚schwarzen Liste‘. Die Namen gehätschelter NS-Autoren sind heute vergessen.

Graf las in Wien die „schwarze Autoren-Liste“, die von ihm nur Wir sind Gefangene aufwies; seine anderen Bücher wollte man wegen ihres ländlichen Personals - es war keine ‚Asphalt-Literatur‘ - akzeptieren. Anders als Thomas Mann, der aus Sorge um den Absatz seiner Werke das NS-System zunächst nicht kritisierte, reagierte Graf binnen Tagesfrist mit einer genial formulierten Provokation unmittelbar auf die pyromanischen Braunhemden. Die Weltpresse entsprach seiner Bitte und druckte seinen Appell Verbrennt mich!

Anders als betroffene Kollegen wie etwa Toller, der sich in einem offenen Brief an Goebbels wandte, hatte Graf Resonanz: Statt moralischer Empörung über die geistfeindliche Aktion schleuderte er „dem Feind die verdiente Verachtung ins Gesicht“ (Egon Schwarz). Seine Werke sollten nicht im Sinne der Blut-und-Boden-Ideologie missdeutet werden. Geistesgegenwärtig mit bitterem Witz wollte er sie lieber vernichtet wissen. Eine Berufung auf abstrakte Werte musste ihm bei diesen Gegnern sinnlos erscheinen, er verlangte die Verbrennung. Nicht als Opfer, sondern in gekonnt rhetorischer Aktion riss er das Gesetz des Handelns an sich und intervenierte im Kasernenton, der charakteristischen NS-Befehlsform, die in einer dafür typischen Entwürdigungsklimax der Adressaten gipfelt. Aus dem „neuen Regime“ werden die „braunen Mordbanden“, die er auffordert: Verbrennt mich! und überlasst meine Bücher nicht euren „blutigen Händen und verdorbenen Hirnen“.

Als ‚klassisches‘ Zeugnis unschlagbar spontaner Auflehnung hat Verbrennt mich! nicht nur Brecht zu einem hymnischen Gedicht auf den „verjagten Dichter, einen der besten“, inspiriert, es ist auch 2008 in Marcel Reich-Ranickis Kanon der deutschen Literatur eingegangen. Allerdings lassen sich an der Schulbuch-Rezeption dieses Appells beispielhaft die Schatten erkennen, die nach 1945 jahrzehntelang auf sein Werk fielen: Lesebücher der ‚Südschiene‘, 1985 in Bayern und Baden-Württemberg erschienen, setzen statt „linksgerichteter, entschieden sozialistischer Geistiger“ drei Punkte, und aus den „Genossen“ machen sie „Freunde“.

Graf selbst konnte erst 1960 in einer programmatischen Nachschrift solche Vorbehalte ausräumen, indem er seinen ‚Sozialismus‘ als eine parteiunabhängige, instinktive Empörung gegen jede Gewalt definierte. Die Vorbehalte der Lesebuchherausgeber abzubauen, hat Zeit gekostet! Aber inzwischen gibt es viele Nachdruck-Anfragen von Schulbuch-Verlagen.

Ob die 1933 von der Bayerischen Hochschulzeitung angekündigte Verbrennung seiner Bücher, die die Nachschrift erwähnt, stattfand, bleibt allein wegen unterschiedlicher Ortsangaben fraglich. Graf hat auch das Datum seiner Ausbürgerung vorverlegt: Er wurde nicht 1933, sondern erst im März 1934 für staatenlos erklärt, zusammen mit Albert Einstein, Johannes R. Becher und anderen.

Nachdem „das Hitler-Regime … das Regime der Bücherverbrennungen (ist) und es bleiben wird“ (Thomas Mann), traf Verbrennt mich! das Herz dieses Regimes und gilt als Ehrenrettung deutscher Autoren.“

 

Im europäischen Exil

 

„Graf wirkte auch über Österreich hinaus: Mit Anna Seghers, Wieland Herzfelde und Jan Petersen gründete er im September 1933 die Neuen deutschen Blätter, eine in Prag verlegte Exil-Zeitschrift. Über dem ersten Heft stand: „Wer schreibt, handelt.“ Das Redigieren kostete ihn viel Zeit, befestigte aber auch den durch Verbrennt mich! gewonnenen internationalen Ruf. Als Heinrich Mann und Käte Kollwitz aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossenen wurden, schlug er eine „schwarze Liste“ vor, die die verbliebenen „feigen“ Autoren, darunter Gerhart Hauptmann und Hans Carossa, „für alle Zeit in unseren Reihen unmöglich machen“ sollte (Gegen-Angriff, 15. Juni 1933). Als international wirkende politische Figur blieb er, obwohl er kein Parteibuch besaß, auch für den Kommunisten Johannes R. Becher zentraler Ansprechpartner.

Nach der Niederlage der österreichischen Arbeiter am 16. Februar 1934 musste Graf mit den Kollegen von der „Vereinigung sozialistischer Schriftsteller“ (dazu gehörte der große Lyriker Theodor Kramer) in ein weiteres Asylland wechseln: Er floh in die Tschechoslowakei. Das im Österreich-Jahr Erfahrene spiegelt sein Roman Der Abgrund, den er in Brünn, seiner nächsten Exil-Station, schrieb. Dort hatte er, wozu ihm in Wien die „Sammlung“ fehlte, wieder Zeit, „sich hinzusetzen und an großem Zeug zu arbeiten“. Seine produktivsten und glücklichsten Jahre begannen.“

 

Exil in den USA

 

„Allerdings ging ihm das „Zusammengehörigkeitsbewußtsein aller freiheitlichen Deutschen“ verloren, das er in der Rede an die Schriftsteller im Oktober 1938 auf der Basis des verbindenden „ungeheuren Heimwehs“ beschwor: „Die ganze Emigration, insbesondere die unserer sogenannten Schriftstellerkollegen ist mir hoch zuwider, ich hasse sie nachgerade … Ich gehe nurmehr mit Menschen um, die ganz weit ab sind von aller Literatur und Politik“, schreibt er an Kersten im Mai 1943; auch von „Zeiten der Leere“ spricht er, in denen er „ganz wahllos“ liest. Diesen depressiven Tönen stehen Bemühungen entgegen, den Aurora-Verlag zu gründen und dort zwei seiner Bücher zu veröffentlichten. Da jedoch in eben diesem Jahr das FBI bei ihm eine Hausdurchsuchung durchgeführt hatte und kollegiale Denunziationen die mögliche Anstellung als Deutschlehrer an einer Universität verhinderten, blieb seine Stimmung bedrückt.

Dem möglichen Eindruck, er habe sich einfach nirgendwo anschließen wollen, widerspricht Theodor W. Adorno in einem Dictum zur Exilsituation: „Jeder Intellektuelle in der Emigration, ohne alle Ausnahme, ist beschädigt.“ Grafs späte Reaktion erscheint als typisch: „Die Isolierung wird um so schlimmer, je mehr feste und politisch kontrollierte Gruppen sich formieren, mißtrauisch gegen die Zugehörigen, feindselig gegen die abgestempelten anderen.“

Der Brief von April 1947 an den (nicht verwandten) KPD-, später SPD-Politiker Otto Graf beschreibt seinen Alltag: „Sagen kann ich dir nur, daß wir mit dem Gehalte meiner Frau (ich verdiene immer nur sehr sporadisch) ganz passabel auskommen, es bleibt uns jede Woche sogar Geld übrig. Allerdings - wir gehen in kein Kino, wir leben wie immer, wir gehen nie aus, wir wandern höchstenfalls an Sonntagen vier bis sechs Stunden mit dem Brotbeutel, und ein einziges Mal in der Woche geh ich zum Stammtisch, wo wir ja die ganze ‚Hilfe‘ (weit über 100 Care-Paketsendungen an deutsche Freunde) organisiert haben, - da sauf ich mir einen an und gib oft mehr Geld aus, das heißt oft drei und vier Dollars (für deutsche Verhältnisse ein Vermögen). Dazu ist New York für mich ja immer das Vorbild einer (einstens!) friedlichen Welt, wo fast alle Völkerschaften nebeneinanderleben, ... wo es zugeht, als wär man ‚daheim‘. Das ist schön und Anlass zum Optimismus! Anfangs als wir herkamen, da holten uns snobistische Amerikaner und reiche Refugees zu sogenannten ‚Partys‘, aber das verliert sich bald, insonderheit, wenn man nicht mehr hingeht wie ich. Oder wenn man so unmöglich säuft wie ich und alle diese Affen absichtlich abschreckt.“ Trotz mancher deutscher Wiedergutmachungszahlungen für materielle und ideelle Verluste führt das Ehepaar Graf - nach einseitiger Scheidung von Karoline Bretting haben sie am 2. Oktober 1944 geheiratet - ein sehr beschränktes gleichförmiges Leben.

Nach Mirjams Tod 1959 war Graf seit Juni 1962 mit Dr. Gisela Blauner verheiratet. Auch in dieser dritten Ehe konnte er sich anlässlich eines Besuchs bei Feuchtwangers nur ein schäbiges Motel leisten.

Ab 1943 findet Graf bei dem von ihm gegründeten Stammtisch in „German Town“ eine lebenslang lebenswichtige soziale Basis: „Im übrigen ist das Bier sehr gut hier, es findet sich auch hin und wieder eine nette Gesellschaft in einer netten Kneipe zusammen und dann ists fast wieder wie weiland in Prag“, schließt er Anfang 1943 den oben zitierten Brief an Kersten. Einen guten Eindruck vermittelt der aus Brünner Zeit befreundete Autor Will Schaber. Zwei Jahre nach Grafs Tod schreibt er im Aufbau: „Eine Stimme fehlt. Die Stimme, die in der Vergangenheit die Runde beherrscht hatte, eine Stimme, die dröhnend lachen, die singen und donnerwettern, die foppen und hänseln, scharf argumentieren und die herzlichsten Sympathie-Erklärungen machen konnte. Die Stimme des Dichters Oskar Maria Graf, für den der ‚Stammtisch‘ ein essentieller Teil seines Lebens geworden war ... Er war menschen-, erlebnis- und anekdotenhungrig. Der Stammtisch wurde ... Speicher von Ideen, Echo, Prüfungsort für neue Gedanken und Ort freier, glücklicher und unbeschwerter Unterhaltung ... Es war Schwabing in New York ... In später Stunde, wenn die Runde in beschwingter Stimmung war, erlebte sie oft ein besonderes Glück. Oskar Maria Graf rezitierte. Manchmal witzelte er … aber an anderen Tagen sprach er ernste Lyrik, vital und mit unnachahmlicher bildlicher Kraft ... Hier kam der ‚andere‘ Graf zum Durchbruch, der zärtliche, sehnsüchtige und unendlich humane Mensch, der noch stärker war als der Bacchant, den viele in ihm nur sahen.“ Damit kann wohl der Eindruck jenes Fotos korrigiert werden, auf dem Graf den engen Brecht mit hochgestemmtem Bierkrug als Oktoberfest-Bacchant dominiert: Es gehört zu den Selbstinszenierungen.

Er selbst definierte sich knapp vor dem 50. Geburtstag mit zunehmend reduzierten Ansprüchen als „sozusagen Zwischenmensch“: „zu alt, zu reif, zu skeptisch und ungläubig wie unsere ganze Generation, um das Neue auch nur vorstellbar zu ahnen!“ (an Fischers 18. Mai 1943). Gegen diese Selbsteinschätzung sprechen die am Stammtisch erfahrenen Freuden: Hier traf er Mitte der 50er-Jahre auf Lisa Hoffman, eine höchst attraktive Exilantin. Sie arbeitete als Journalistin in New York. In ihrer Autobiografie „Fräulein Hoffmanns Erzählungen“ (2009) versteht sie sich als „Frau, Geliebte und Mätresse“ und erinnert sich an die „seltsame Affäre“ mit dem „großen Intellektuellen“, dem es „durch seine Lust auf mich den Atem“ verschlug. Die Beziehung währte nur kurz, mit ihrer beider Foto gedenkt sie seiner auf nur eineinhalb Seiten in einer Reihe vieler Verhältnisse. Graf nannte sie mit Anklang an ein Heine-Gedicht „Prinzessin Ilse“ und himmelte sie in Gedichten und Briefen an. Fast alle seine Bücher bis in die 60er-Jahre besaß sie mit Widmungen, seine Gedichte hatte er für sie in rotes Leder mit Goldprägung binden lassen. Wie andere Stammtischbekannte verewigte er sie in Flucht ins Mittelmäßige als Bärbele, die Geliebte Lings und Tochter seiner Wirtsleute, die bei einem Autounfall ums Leben kommt. In ihrem Exemplar des Buches, gewidmet „in alter Anhänglichkeit“, liegt ein Zettel mit allen Seitenzahlen, die von Lings Affären handeln.

Der Stammtisch wechselte vielfach die Lokale und bestand zuletzt in der Privatwohnung der Glückseligs als Anlaufstation, Diskussionsforum und Sammelbecken für Touristen und Einheimische über 2010 hinaus. Er war aber weit mehr als nur eine touristische Attraktion.“

 

Fremd in Deutschland

 

„Die Enttäuschung hielt lange an. Zwar ergaben sich einige Kontakte zu BRD-Verlegern: Der Nest-Verlag brachte 1959-61 vier Neuauflagen (Flucht, Erben, An manchen Tagen und zuletzt Altmodische Gedichte); im Desch-Verlag erschienen 1962 Bauernspiegel und 1966 Gelächter. Dennoch blieb er während der 60er-Jahre in der BRD - ebenso wie Brecht nach dem Mauerbau - am Rande. Bei seiner vorletzten Deutschland-Reise, 1964, ernannte man ihn in der DDR auch noch zum korrespondierenden Mitglied der Akademie der Künste, was ihn zusätzlich der BRD entfremdete.

In Bayern fühlte er sich auch noch 1966 „wie auf ein stilles Übereinkommen bei vielen Buchhändlern boykottiert und auch sonst totgeschwiegen, soweit es nicht bayrische Bauernbücher sind. Man will mich auf Grund meines Bayrischen Dekameron durchaus als Nachfolger Thomas sehen“, wie er im Dezember 1966 an Robert Minder schreibt. Dass er damals mit jungen Leuten Kontakt aufnahm, spiegelt seine Korrespondenz: Schon während der 50er-Jahre war er ausführlich auf Briefe des jungen, noch im Büro tätigen Lyrikers Wulf Kirsten (*1934) eingegangen; in den 60ern korrespondierte er mit dem späteren Politiker Gustav Starzmann und mit dem Schriftsteller Bernward Vesper, damals mit Gudrun Ensslin zusammen.“

 

Engagiert bis zum Schluss

 

„Als eine weitere Ermutigung nach „dem schrecklichen Schock“, den Mirjams Tod bedeutete, gilt die Ehrenpromotion im Februar 1960 an der Wayne State University Detroit, wo die erste Dissertation über ihn geschrieben worden war. Der „Dr. honoris causa“ freute ihn, eine Karikatur mit Doktorhut warb für seine Bücher.

Dass er trotz zunehmender Asthmaanfälle die alte Empörungs- und Schreibenergie zurückgewann, zeigen drei Themenfelder auf: Er protestierte gegen den Vietnamkrieg, gegen die Atombewaffnung und verband damit die Kritik an zeitgenössischen deutschen Autoren. Abgesehen von seiner Freude über Heinrich Bölls Brief an einen jungen Katholiken (1958), für den er 1962 dankt, trägt er Vertretern der „Gruppe 47“ nach, dass diese „nur darauf aus (sind), eine äußerst kunstvolle ‚große Literatur‘ zu machen“. Mit Anna Seghers glaubt er sich einig, „beim lapidaren Wort“ bleiben zu müssen. 1966 warnt er die Gruppe davor, zur Jahrestagung nach Princeton zu reisen, statt gegen „den unbeschreiblich niedrigen Ausrottungsversuch gegen Vietnam (zu) wirken“ (an Michael Guttenbrunner). Er bewundert das entschiedene ‚Nein‘ des Jean-Paul Sartre, in die USA zu kommen. Günter Grass, den er auch sonst mit Ratschlägen nicht verschont, legt er den Rücktritt von der Reise nahe, weil „ein solcher Schritt Ihrem literarischen Ruhm auch eine weltweite menschliche Leuchtkraft gäbe“.

Mitte 1966 schreibt er einen Offenen Brief an Ihre Heiligkeit, Papst Paul VI. Unter Berufung auf dessen Friedensappell bittet er flehentlich darum, auf Kriegshandlungen und die Herstellung nuklearer Waffen mit der Exkommunikation zu reagieren. Offensichtlich hoffte er, an seinen Verbrennt mich!-Erfolg anknüpfen zu können; aber nur wenige Redaktionen druckten den Brief ab.

Nach der ersten, enttäuschenden Reise 1958 besuchte Graf noch dreimal - 1960, 1964, 1965 - Europa. Zu einem von Hermann Kesten gesammelten Band mit Zeugnissen der Nicht-Heimkehrer steuerte er 1962 eine grimmige Absage bei: Wiederbewaffnung und das „Tüchtigkeitsprotzentum“ der BRD stießen den Pazifisten ab. In New York, der „internationalen Weltstadt“, vermisste er die Heimat nicht.

Beim vorletzten Besuch bemüht er sich trotz aller Einschränkungen seines Selbstverständnisses als Autor und seinem Bekenntnis zur ‚Mittelmäßigkeit‘, „(e)ndlich einen festen Verlag zu finden, der alle Bücher von mir nimmt, nicht - wie Desch - nur die Bauernbücher“, schreibt er aus Berlin an Kurt Pinthus im Juli 1964. Sein Selbstbewusstsein war jedoch so ungebrochen, dass er in der Geringschätzung seines Werkes auch ein „Zugeständnis (erkennt), daß München und Bayern ... nicht zählen!“, d. h. er sieht sich gerade im Übersehen-Werden als Repräsentant Bayerns (an den bayerischen SPD-Vorsitzenden W. v. Knoeringen).

Obwohl er „Ehrengaben“ aus einem „Kreis der ‚Freunde Oskar Maria Grafs‘“ als Almosen zurückwies, bewegten ihn doch Angebote von Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel dazu, Umzugspläne zu erwägen, die er dann auf ärztlichen Rat hin nicht mehr konkret verfolgt. Er bleibt letztlich bei dem, was er 1958 in München Hans Dollinger gesagt hatte: „Hierbleiben? Auf keinen Fall ... Ich bin heute eigentlich Herrn Hitler dankbar, daß ich wegen ihm herausgekommen bin in die weite Welt. Man sagt mir immer, daß wir draußen in der Emigration stehen geblieben seien. Aber in welchem Maße man hier stehen geblieben ist, das habe ich mir nicht so vorgestellt.“

Graf starb am 28. Juni 1967 in einem New Yorker Spital.

Auf Beschluss des Münchner Stadtdirektoriums wurde seine Urne ein Jahr später in Gegenwart seiner Witwe, seiner Tochter und des Oberbürgermeisters auf dem Prominentenfriedhof an der Dorfkirche von Bogenhausen, einem eingemeindeten Vorort östlich der Isar, beigesetzt. Ein „Berühmtengrab in städtischer Pflege“ hat man ihm gewidmet.“

 

Zum Schluss

 

Mit den Ansichten und dem Handeln von Oskar Maria Graf muss mensch nicht in allem übereinstimmen.

Von seiner Literatur abgesehen, muss mensch ihm aber Folgendes zugute halten:

- er hat immer alles aus der Seite der kleinen Leute gesehen und war immer auf deren Seite

- ihn haben nicht die theoretischen Modelle interessiert, sondern das Tun im richtigen Leben (siehe die Passage über das „rote Wien“)

- sehr deutlich und konsequent hat er sich von jeher gegen den Nationalsozialismus geäußert bis hin zu seinem fulminanten „Verbrennt mich!“

Da er die Eliten (auch die „linken“ und intellektuellen) deutlich beschreibt und entlarvt, sind ihm diese nicht besonders hold und schieben ihn in die „Bayern-Seppl“-Schublade, wo er mehr oder weniger heute noch steckt. Das ist so wie beim ähnlich bedeutenden Leopold von Sacher-Masoch, der, um ihn „unschädlich“ zu machen, in die „Perversen-Ecke“ abgeschoben wurde (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/46-venus-im-pelz.html ).

Ob „Linker“, „Intellektueller“ oder „Gutmensch“: der Wurm geht soweit zu schreiben, dass der Wert von solchen Menschen daran zu erkennen ist, wie sie zu Oskar Maria Graf stehen und ob bzw. wie sie in seinem Sinne handeln.

Hier noch der Link zur rührigen Oskar Maria Graf-Gesellschaft: http://www.oskarmariagraf.de/index.html

Und zwei Dokumentationen über ihn:

 

 

https://www.br.de/mediathek/video/ein-oskar-fuer-bayern-die-rebellionen-des-oskar-maria-graf-av:5a3c71fe8f247a0018b7d7cd

 

  

https://www.br.de/mediathek/video/lido-oskar-maria-graf-dahoam-in-amerika-av:5a3c44b700b072001ccf321d

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm