Zur Zeit läuft in den Kinos der Film „Vice - Der zweite Mann“ über Dick Cheney, unter George W. Bush Vize-Präsident der USA.

Der Film kann sich nicht entscheiden, ob er eine Satire oder Dokumentation sein will. Er schneidet einige wichtige Punkte an, aber eher nebenbei, so dass am Ende des Films die meisten Zuschauer diese Punkte schon wieder vergessen haben. Nichtsdestotrotz handelt es sich um einen wichtigen Film.

 

Fouché

 

Wer ist Dick Cheney? Dick Cheney wurde bereits zu einer Zeit porträtiert, als es ihn noch gar nicht gab: Stefan Zweig hatte 1929 mit „Joseph Fouché - Bildnis eines politischen Menschen“ den Prototypen aller Bürokraten-Seelen und Dick Cheneys dieser Erde beschrieben. Stefan Zweigs Studie ist zeitlos. Was genau Dick Cheney getan hat, ist eher zweitrangig. Hier die Einleitung:

Joseph Fouché, einer der mächtigsten Männer seiner Zeit, einer der merkwürdigsten aller Zeiten, hat wenig Liebe gefunden bei seiner Mitwelt und noch weniger Gerechtigkeit bei der Nachwelt. Napoleon auf St. Helena, Robespierre bei den Jakobinern, Carnot, Barras, Talleyrand in ihren Memoiren, allen französischen Geschichtsschreibern, ob royalistisch, republikanisch oder bonapartistisch, läuft sofort Galle in die Feder, sobald sie nur seinen Namen hinschreiben. Geborener Verräter, armseliger Intrigant, glatte Reptiliennatur, gewerbsmäßiger Überläufer, niedrige Polizeiseele, erbärmlicher Immoralist – kein verächtliches Schimpfwort wird an ihm gespart, und weder Lamartine noch Michelet noch Louis Blanc versuchen ernstlich, seinem Charakter oder vielmehr seiner bewunderswert beharrlichen Charakterlosigkeit nachzuspüren. Zum erstenmal erscheint seine Gestalt in wirklichem Lebensumriß in jener monumentalen Biographie Louis Madelins (der diese wie jede andere Studie den Großteil ihres Tatsachenmaterials verdankt); sonst hat die Geschichte einen Mann, der innerhalb einer Weltwende alle Parteien geführt und als einziger sie überdauert, der im psychologischen Zweikampf einen Napoleon und einen Robespierre besiegte, ganz still in die rückwärtige Reihe der unbeträchtlichen Figuranten abgeschoben. Ab und zu geistert seine Gestalt noch durch ein Napoleonstück oder eine Napoleonoperette, aber dann meist in der abgegriffenen schematischen Charge des gerissenen Polizeiministers, eines vorausgeahnten Sherlock Holmes; flache Darstellung verwechselt ja immer eine Rolle des Hintergrunds mit einer Nebenrolle.

Ein einziger hat diese einzigartige Figur groß gesehen aus seiner eigenen Größe, und zwar nicht der Geringste: Balzac. Dieser hohe und gleichzeitig durchdringende Geist, der nicht nur auf die Schaufläche der Zeit, sondern immer auch hinter die Kulissen blickte, hat rückhaltlos Fouché als den psychologisch interessantesten Charakter seines Jahrhunderts erkannt. Gewöhnt, alle Leidenschaften, die sogenannten heroischen ebenso wie die sogenannten niedrigen, in seiner Chemie der Gefühle als vollkommen gleichwertige Elemente zu betrachten, einen vollendeten Verbrecher, einen Vautrin, ebenso zu bewundern wie ein moralisches Genie, einen Louis Lambert, niemals unterscheidend zwischen sittlich und unsittlich, sondern immer nur den Willenswert eines Menschen messend und die Intensität seiner Leidenschaft, hat Balzac sich gerade diesen einen verachtetsten, geschmähtesten Menschen der Revolution und der Kaiserzeit aus seiner beabsichtigten Verschattung geholt. »Den einzigen Minister, den Napoleon jemals besessen« nennt er dieses »singulier génie«, dann wieder »la plus forte tête que je connaisse«, und andern Ortes »eine derjenigen Gestalten, die so viel Tiefe unter jeder Oberfläche haben, daß sie im Augenblick ihres Handelns undurchdringlich bleiben und erst nachher verstanden werden können.« – Das klingt bedeutend anders als jene moralistischen Verächtlichkeiten! Und mitten in seinem Roman »Une ténébreuse affaire« widmet er diesem »düstern, tiefen und ungewöhnlichen Geist, der wenig bekannt ist«, ein besonderes Blatt: »Sein eigenartiges Genie,« schreibt er, »das Napoleon eine Art von Furcht einjagte, offenbarte sich nicht auf einmal. Dieses unbekannte Konventmitglied, einer der außerordentlichsten und zugleich der am falschesten beurteilten Männer seiner Zeit, wurde erst in den Krisen zu dem, was er nachher war. Er erhob sich unter dem Direktorium zu jener Höhe, von der aus tiefe Männer die Zukunft zu erkennen wissen, indem sie die Vergangenheit richtig beurteilen; dann gab er mit einmal, wie manche mittelmäßige Schauspieler, durch eine plötzliche Erleuchtung aufgeklärt, ausgezeichnete Darsteller werden, während des Staatsstreiches am 18. Brumaire Beweise seiner Geschicklichkeit. Dieser Mann mit dem blassen Gesicht, unter klösterlicher Zucht aufgewachsen, welcher alle Geheimnisse der Bergpartei kannte, der er anfangs angehörte, und ebenso die der Royalisten, zu denen er schließlich überging, dieser Mann hatte die Menschen, die Dinge und die Praktiken des politischen Schauplatzes langsam und schweigsam studiert; er durchschaute Bonapartes Geheimnisse, gab ihm nützliche Ratschläge und kostbare Auskünfte; ... weder seine neuen noch seine ehemaligen Kollegen ahnten in diesem Augenblick den Umfang seines Genies, das im wesentlichen ein Regierungsgenie war: treffend in allen seinen Prophezeiungen und von unglaublichem Scharfblick.« So Balzac. Seine Huldigung hatte mich zuerst auf Fouché aufmerksam gemacht, und seit Jahren blickte ich nun gelegentlich dem Manne nach, dem ein Balzac nachrühmte, er habe »mehr Macht über Menschen besessen als selbst Napoleon«. Aber Fouché hat es, wie zeitlebens, auch in der Geschichte gut verstanden, eine Hintergrundfigur zu bleiben: er läßt sich nicht gerne ins Gesicht und in die Karten sehen. Fast immer steckt er innerhalb der Ereignisse, innerhalb der Parteien hinter der anonymen Hülle seines Amtes so unsichtbar tätig verborgen wie das Uhrwerk in der Uhr, und nur ganz selten gelingt es im Tumult der Geschehnisse, an den schärfsten Kurven seiner Bahn, sein wegflüchtendes Profil zu erhaschen. Und noch sonderbarer! Keins dieser fliehend gefaßten Profile Fouchés stimmt auf den ersten Blick zum andern. Es kostet einige Anstrengung, sich vorzustellen, daß der gleiche Mensch, mit gleicher Haut und gleichen Haaren 1790 Priesterlehrer und 1792 schon Kirchenplünderer, 1793 Kommunist und fünf Jahre später schon mehrfacher Millionär und abermals zehn Jahre später Herzog von Otranto war. Aber je verwegener in seinen Verwandlungen, um so interessanter trat mir der Charakter oder vielmehr Nichtcharakter dieses vollkommensten Machiavellisten der Neuzeit entgegen, immer anreizender wurde mir sein ganz in Hintergründe und Heimlichkeit gehülltes politisches Leben, immer eigenartiger, ja dämonischer seine Figur. So kam ich ganz unvermutet, aus rein seelenwissenschaftlicher Freude dazu, die Geschichte Joseph Fouchés zu schreiben als einen Beitrag zu einer noch ausständigen und sehr notwendigen Biologie des Diplomaten, dieser noch nicht ganz erforschten, allergefährlichsten geistigen Rasse unserer Lebenswelt.

Solche Lebensbeschreibung einer durchaus amoralischen Natur, selbst einer so einzigartigen und bedeutungsvollen wie Joseph Fouchés – sie ist, ich weiß es, gegen den unverkennbaren Wunsch der Zeit. Unsere Zeit will und liebt heute heroische Biographieen, denn aus der eigenen Armut an politisch schöpferischen Führergestalten sucht sie sich höheres Beispiel aus den Vergangenheiten. Ich verkenne nun durchaus nicht die seelenausweitende, die kraftsteigernde, die geistig erhebende Macht der heroischen Biographieen. Sie sind seit den Tagen Plutarchs nötig für jedes steigende Geschlecht und jede neue Jugend. Aber gerade im Politischen bergen sie die Gefahr einer Geschichtsfälschung, nämlich als ob damals und immer die wahrhaft führenden Naturen auch das tatsächliche Weltschicksal bestimmt hätten. Zweifellos beherrscht eine heroische Natur durch ihr bloßes Dasein noch für Jahrzehnte und Jahrhunderte das geistige Leben, aber nur das geistige. Im realen, im wirklichen Leben, in der Machtsphäre der Politik entscheiden selten – und dies muß zur Warnung vor aller politischer Gläubigkeit betont werden – die überlegenen Gestalten, die Menschen der reinen Ideen, sondern eine viel geringwertigere, aber geschicktere Gattung: die Hintergrundgestalten. 1914 wie 1918 haben wir mitangesehen, wie die welthistorischen Entscheidungen des Krieges und des Friedens nicht von der Vernunft und der Verantwortlichkeit aus getroffen wurden, sondern von rückwärts verborgenen Menschen anzweifelbarsten Charakters und unzulänglichen Verstandes. Und täglich erleben wir es neuerdings, daß in dem fragwürdigen und oft frevlerischen Spiel der Politik, dem die Völker noch immer treugläubig ihre Kinder und ihre Zukunft anvertrauen, nicht die Männer des sittlichen Weitblicks, der unerschütterlichen Überzeugungen durchdringen, sondern daß sie immer wieder überspielt werden von jenen professionellen Hasardeuren, die wir Diplomaten nennen, diesen Künstlern der flinken Hände, der leeren Worte und kalten Nerven. Wenn also wirklich, wie Napoleon schon vor hundert Jahren sagte, die Politik »la fatalité moderne« geworden ist, das neue Fatum, so wollen wir zu unserer Gegenwehr versuchen, die Menschen hinter diesen Mächten zu erkennen, und damit das gefährliche Geheimnis ihrer Macht. Ein solcher Beitrag zur Typologie des politischen Menschen sei diese Lebensgeschichte Joseph Fouchés.“

https://gutenberg.spiegel.de/buch/joseph-fouch-6859/2

 

Filmkritik der „Nachdenkseiten“

 

Tobias Riegel: „Ein bemerkenswerter neuer Film porträtiert den „mächtigsten Vize-Präsidenten aller Zeiten“, Dick Cheney, als den eiskalten Zyniker, der er ist. Die wirkungsvolle und oscarnominierte Produktion „Vice – Der zweite Mann“ führt in die Abgründe der Bush-Ära zurück.

Es ist ein Strudel aus politischer Korruption, militärischer Skrupellosigkeit und persönlichem Machthunger: Man kann die laut einem neuen Hollywood-Film von einer Gruppe um Ex-US-Vizepräsident Dick Cheney verübten Kriegsverbrechen, Rechtsbeugungen und Schmutzkampagnen gar nicht aufzählen, so viele sind es: Dazu gehören unter anderem Angriffskriege, Folter, illegale Überwachung und Finanz-Deregulierungen.

Vice – Der zweite Mann“ von Adam McKay (ab Donnerstag im Kino) ist ein Film über diese Abgründe – und über Masken: filmische und reale. Zum einen ist die optische Verwandlung des US-Schauspielers Christian Bale in den ehemaligen US-Vize-Präsidenten Cheney atemberaubend. Zum anderen verstand es wohl kaum ein Politiker ähnlich gut, seinen zynischen und zügellosen Charakter hinter der Maske des langweiligen Verwalters zu verstecken wie eben jener Dick Cheney. McKay stellt das Motto eines anonymen Verfassers voran:

Hütet euch vor dem schweigsamen Mann. Während andere sprechen, beobachtet er. Während andere handeln, plant er. Wenn die anderen ruhen, schlägt er zu.“

Dieser Rat wurde nicht beherzigt. Darum hat „niemand Cheney kommen sehen“, wie der Film feststellt. Darum konnte sich der eiskalte und begabte Taktiker bei seinem Griff nach der Macht langsam anschleichen – versteckt hinter der politisch willenlosen Handpuppe George W. Bush. So zumindest erzählt es der Film: Cheney nutzte den von ihm verachteten Bush als schwaches Vehikel und ausschließlich, um die Etagen der Macht zu erklimmen. Nach Lesart des Films nahm Cheney den ungeliebten und eher symbolischen Posten des Vizepräsidenten nur an, weil er einen Plan im Kopf hatte: die Entmachtung Bushs hinter den Kulissen und seine eigene Ermächtigung zum Schatten-Präsidenten.

Der unerfahrene und ängstliche Bush hat laut Film dieser Degradierung im Vorfeld zugestimmt. Nach der fragwürdigen und extrem knappen Wahl von 2000 kam es dann umgehend zum regierungs-internen Putsch, wie der Film schildert: Bush wurde von seinen Vertrauten getrennt und von Cheneys Leuten wie Paul Wolfowitz oder Donald Rumsfeld eingekreist.

Wie weit die Kontrolle Bushs durch die Vertrauten Cheneys ging, verdeutlicht der Umgang mit den präsidentiellen E-Mails: Sie wurden laut Film ausnahmslos von den Leuten des Vizepräsidenten mitgelesen. Zudem wurden sie auf privaten Servern gespeichert und nach dem Ende der Regierung millionenfach gelöscht – vor allem solche Mails aus der Zeit der propagandistischen Vorbereitung des Irak-Kriegs. Im Film erscheint die Cheney-Gruppe wie ein entschlossener Mafia-Clan, der unter Führung seines undurchschaubaren Paten nach der Wahl in Windeseile die Schaltstellen der Macht besetzte.

Der von der Öffentlichkeit lange kaum beachtete Vizepräsident zog fortan die Strippen in allen wichtigen Bereichen: Militär, Energie, Bürokratie, Außenpolitik. Bush blieb demnach als kaltgestellter und rein repräsentativer Zaungast zurück. Das war eine wirkungsvolle Taktik, denn die scheinbar trottelige Erscheinung Bushs überdeckte für weniger informierte Menschen lange Zeit den sehr zielgerichteten und korrupten Charakter dieser Regierungsmannschaft.

Der endgültige Griff nach der Macht durch Cheney erfolgte am 11. September 2001: Routiniert setzte er an jenem Tag „Congressional Leadership“ in Kraft und übte in den kritischen Stunden nach dem Anschlag das Präsidentenamt aus. Diese Machtfülle sollte er auch nach Bushs offizieller Rückkehr in die erste Reihe nicht wieder preisgeben: Mit stoischer Beharrlichkeit arbeitete die Cheney-Gruppe fortan beflügelt von den 9/11-Anschlägen an den Kriegen gegen Afghanistan und Irak. Begleitet wurden diese monumentalen Verbrechen von bis dahin unvorstellbaren Medienkampagnen und juristischen Finten, die Folter und Entführung „legalisieren“ sollten.

Man muss dem Film angesichts seines Themas seine Drastik anrechnen, wenn er etwa immer wieder die heile Welt der Cheneys mit kurzen Schockbildern aus der von Cheney bereiteten Welt der Qual und der bombardierten Wohnviertel kontrastiert. „Vice“ ist ein angemessen zynischer Film über eine zynische Ära – gerade angesichts des braven und enttäuschenden „George W.“ Von Oliver Stone. Adam McKay hatte bereits mit seiner Farce zur Finanzkrise „The Big Short“ (2015) gezeigt, dass er nicht mehr der eher leichtgewichtige Komödien-Regisseur ist, der er einst war.

In Rückblenden schildert McKay den rasanten Aufstieg des Jungen aus mittleren Verhältnissen: In den 70er Jahren tritt der ehemals trinkende Raufbold Cheney als mittlerweile disziplinierter Fußsoldat der Macht an. Schnell entwickelt er sich hinter den Kulissen zu einem der wirkungsvollsten Revolutionäre, den die Superreichen für ihren – wie es der Film ausdrückt – neoliberalen Staatsstreich ins Rennen schicken konnten. In den 80er Jahren zog sich Cheney vorübergehend aus der Politik zurück und stieg beim Energiekonzern „Halliburton“ ein – in „Vice“ wird das mit einem Abspann mitten im Film symbolisiert: Was wäre der Welt erspart geblieben, wäre Cheney Privatier geblieben – diese Sicht spart jedoch aus, dass Firmenchefs mitunter größeren Schaden anrichten als Politiker. Ende der 90er Jahre kam schließlich die Anfrage des unerfahrenen Kandidaten George W. Bush nach Unterstützung – Cheney war als Vize-Präsident wieder da.

Neben seiner politisch-propagandistischen Treffsicherheit ist der Film auch ein künstlerischer Genuss: vom komprimierten und geschliffenen Drehbuch, über solides Handwerk bei Kamera und Schnitt bis zur üppigen Ausstattung. Amy Adams, Steve Carell und Christian Bale gehören zur ersten Riege des aktuellen Hollywood – vor allem Bale als Cheney liefert eine stoische und detaillierte Darstellung ab, eine Leistung, die weit über die angefressenen Pfunde und die aufwendige (perfekte) Maske hinausgeht. Zudem ist die Drama-Komödien-Mischung mit zahlreichen ungewöhnlichen, teils schrillen Regieeinfällen durchsetzt und darum formal alles andere als gewöhnlich.

Dem Film haften aber die üblichen Defizite eines dann doch auf Unterhaltung ausgelegten Formats an: Zuspitzung und Oberflächlichkeit sind nicht zu leugnen, ein teils belehrender Off-Kommentar erinnert an Michael-Moore-Filme. Auch ist der Film eindeutig tendenziös, was bei der behandelten Figur Cheney aber kaum zu vermeiden ist, und was allemal besser als eine Weißwaschung des Porträtierten ist. Andererseits hat der Film das Zeug, diese Episode der US-Geschichte neu in die Debatte zu bringen. Während das Werk für zahlreiche Oscars nominiert ist, teilt es die Kritiker: Neben Begeisterung löst es bei einigen großen Medien – nachvollziehbar – eher ablehnende Reaktionen aus.

Die Fokussierung auf einen Super-Bösewicht birgt die Gefahr, dass dieser von dem System ablenkt, das ihn hervorbringt. Das ist auch bei Cheney der Fall und der Film leistet (unfreiwillig) seinen Beitrag dazu: Die Konzentration auf das Individuum erweckt den Eindruck, dass dessen Entfernung grundsätzlichen Einfluss (jenseits von politischer Kosmetik) auf das politische US-System haben könnte. Der Werdegang des mutmaßlich gutmeinenden Barack Obama und die Verbrechen, mit denen auch sein Name nun verknüpft ist, haben die engen Grenzen dieses Systems und die (weitgehende) Austauschbarkeit der Individuen aufgezeigt.

Nichtsdestotrotz: Auch Verweise auf „das System“ dürfen nicht zu der Straflosigkeit führen, die bislang für die Täter der Cheney-Bush-Administration gilt. Schließlich hat diese Gruppe mutmaßlich im Dienste von Industrie-Lobbyisten mehrere große Kriege und vorgeschaltete Lügenkampagnen organisiert – aus niederen Beweggründen und mit großer krimineller Energie.

Die pseudolinken „Liberalen“ aus Hollywood mussten bereits viel Häme einstecken – zu Recht: Zum einen ist die Zusammenarbeit zwischen großen Filmproduzenten und dem Pentagon für Kriegspropaganda belegt. Zum anderen haben auch einige Schauspieler ihre Prominenz schon sehr unbedacht für fragwürdige „Freiheitskämpfer“ eingesetzt. Beim Film „Vice“ allerdings haben sich bemühte US-Filmschaffende zusammengetan, um ausnahmsweise aufklärendes „Infotainment” zu produzieren. Das spaltet neben den Kritikern auch das Publikum: Manchen harten Cheney-Kritikern sind die Anteile schwarzen Humors nicht schwarz genug, andere Kinobesucher empfinden die Machart des Films als ähnlich unterkühlt wie Cheney selber, wieder andere empfinden den Film als unfaire Dämonisierung. Dem Film haftet etwas von all diesen Defiziten an – unterm Strich geht er jedoch politisch weiter, als man es von einer Hollywood-Produktion erwarten würde.

Vice“ streift auch Aspekte, die zum Thema Meinungsmache interessant sind: Laut Film wurde ein immenser Aufwand in Sprach-Forschungen mit „Focus Groups“ (Repräsentanten der „normalen“ Bevölkerung) investiert, etwa um anschließend tausendfach wiederholte Propaganda-Formeln zu finden. Oder um Begriffe umzudeuten: So wurde etwa die ungeliebte Erbschaftssteuer mit medialer Hilfe zur „Todes-Steuer“ und das bedrohliche „Global Warming“ wurde weitgehend vom sanfteren „Climate Change“ verdrängt.

Diese Taktik der umgedeuteten Vokabeln, der Emotionalisierung und anderer Sprachverwirrungen wurde auch in Deutschland angewendet. Wie in den USA war diese Strategie nun lange Jahre sehr erfolgreich, wenn es darum ging, staatliche Leistungen abzuwickeln, Kriege zu verteidigen oder politische Konkurrenten zu dämonisieren. Die Taktik ist auch kein Merkmal der Republikaner, sondern wird ebenso von weiten Teilen der Demokraten genutzt. Auch das wird im Film deutlich: Beide US-Parteien haben sich zur „Kriegspartei“ vereint, sie unterscheiden sich momentan nur noch in Fragen der politischen Kosmetik. Und: „Vice“ beschädigt den aktuellen Medien-Mythos, das politische US-System hätte erst durch Donald Trump seinen gutmeinenden Charakter verloren.

Im Augenblick ist – auch im Zuge einer deutsch-amerikanischen Entfremdung – zumindest bei informierten Menschen eine Sättigung gegenüber den abgenutzten Floskeln von der „Freiheit“, den „Werten“ und der „Individualität“ zu verzeichnen: Teile des Zeitgeists rebellieren gegen echte und vermeintliche US-Propaganda. Dass eine Strategie und ihre Vokabeln (scheinbar) durchschaut und verbraucht sind, bedeutet aber noch längst keine „Entwarnung“, wie das folgende Zitat zeigt. Ausgesprochen wurde es angeblich von einer auch im Film auftauchenden berühmt-berüchtigten Propaganda-Figur: dem republikanischen Spindoktor Karl Rove, der es laut Journalisten während der Bush-Ära sagte. Es zeugt zwar von maßloser Selbstüberschätzung, enthält aber mutmaßlich einen wahren Kern und ist darum bis heute gültig:

Wir sind jetzt ein Imperium, und wenn wir handeln, erschaffen wir unsere eigene Realität. Und während du diese Realität vernünftigerweise studierst, werden wir wieder handeln und andere neue Realitäten erschaffen, die du auch studieren kannst, und so werden sich die Dinge regeln. Wir sind die Schauspieler der Geschichte…. und ihr alle, ihr alle, werdet nur noch studieren müssen, was wir tun.““

https://www.nachdenkseiten.de/?p=49470

Aus einem Leserbrief zur Besprechung:

Scheinbar bleibt in diesem Film der heikelste Punkt der dunklen Machenschaften dieses amerikanischen Vizepräsidenten unerwähnt.

Am 11. September 2001 (Tag der Attentate) stand in einem als ‘top secret’ eingestuften Manöver des NORAD (North American Aerospace Defense Command) die Scheinattacke ziviler Flugzeuge auf exponierte Ziele der USA (u.a. Pentagon, World Trade Center, White House) auf dem Programm. Nach Auskunft von Whistleblowern wurden auf den Kontrollschirmen bis zu 28 außerplanmäßige Flugzeuge (teils real, teils virtuell) angezeigt, was eine heillose Verwirrung in der Flugabwehr stiftete und Gegenmaßnahmen erschwerte. Überdies wurde der sofortige routinemäßige Einsatz von Abfangjägern gegen diese Flugzeuge von der Manöver-Leitung unterbunden (das strenge militärische Prozedere sieht vor, dass ein Linien-Flugzeug, das vom Kurs abweicht und auf Funkkontakt nicht reagiert, ohne Vorwarnung abgeschossen wird). Obwohl eine Stewardess das Fluglinienbüro um 8 h 19 über die Entführung der Boeing 767 informiert hatte, wurden erst um 8 h 45 zwei F 15 ohne Zielangaben losgeschickt – in Richtung Atlantik. Als die Boeing eine Minute später in den Nord Turm des World Trade Center einschlug, hielten viele hohe Militärs die Darstellung zunächst für Teil des Manövers und für einen virtuellen Film, der fälschlicherweise in die TV-Sender gelangt sei.

Einige Monate zuvor hatte die Regierung Bush jr. in einem Sondererlass bewirkt, dass das Oberkommando über dieses Top-Secret-Manöver an dem wahrscheinlich denkwürdigsten Tag in der amerikanischen Geschichte keinem Armee-General übertragen war, sondern – absolut einmalig – einem Politiker und Zivilisten: Vizepräsident Dick Cheney.

Der USA Patriot act, der die Bürgerrechte massiv einschränkte, lag bereits in der Schublade und wurde 14 Tage später vom Kongress im Zuge des unbefristeten Kriegs gegen Terror verabschiedet.“

https://www.nachdenkseiten.de/?p=49689

 

Filmkritik der WSWS

 

Die lesenswerte Kritik von David Walsh und Joanne Laurier gibt es leider nur in englischer Sprache. Mit Hilfe von DeepL bietet der Wurm eine naturgemäß eher holprige Übersetzung:

Vice: Ein Porträt eines amerikanischen korporativ-militärischen Gangsters.

Im Mai 2006 bemerkte WSWS-Redakteur Bill Van Auken unter Bezugnahme auf Dick Cheney, dass es, wenn es jemals eine Person gäbe, die "die Missachtung demokratischer Rechte verkörpert, der amerikanische Vizepräsident" sei. Cheney, der allgemein als der mächtigste Inhaber dieses Amtes in der Geschichte der USA anerkannt ist, "ist der Beamte, der sich am meisten mit der Politik der Bush-Administration der militärischen Aggression, der inländischen Spionage, des Regierungsgeheimnisses und der Folter und ihrem groß angelegten Angriff auf die US-Verfassung identifiziert hat".

Van Aukens Artikel mit dem Titel "Cheney lectures Russia on 'democracy,'" erklärte weiter, dass die Bush-Cheney-Kabale in den letzten fünf Jahren systematisch "den Rahmen für einen Polizeistaat in Amerika geschaffen habe, während sie das Völkerrecht ablehnte und das Recht geltend machte, unprovozierte Kriege zu führen und jeden - einschließlich US-Bürger - zu entführen, zu foltern und zu ermorden, den sie als "feindlichen Kämpfer" bezeichnet.

Die Bush-Regierung hatte ein Netzwerk von Geheimgefängnissen und Konzentrationslagern wie Guantanamo und Abu Ghraib eingerichtet, in dem Zehntausende ohne Prozess oder gar Anklage festgehalten wurden. "Der Vizepräsident", so der 2006 veröffentlichte Artikel, "war der stärkste Befürworter einer ungehinderten Exekutive und behauptete, dass der Präsident als Oberbefehlshaber praktisch jedes Gesetz ignorieren kann, das er wählt."

In Bezug auf die Bush-Cheney-Administration wies der WSWS-Autor Patrick Martin damals auf eine beispiellose Entwicklung hin, den "Aufstieg an die Spitze des amerikanischen politischen Systems von Elementen eines Gangstercharakters".

Vice, geschrieben und geleitet von Adam McKay (The Big Short, 2015), versucht, viele dieser Elemente und Episoden zum Leben zu erwecken. Ehrgeizig und ungleichmäßig, ist der Film ein oft verheerendes Porträt eines korporativ-militärischen Gangsters. Seine größte politische Schwäche ist das Versäumnis, die Mitschuld der Demokratischen Partei bei der Verfolgung der neokolonialen Kriege zu bekämpfen, auf autoritäre Herrschaft hinzuarbeiten und die soziale Ungleichheit zu erhöhen.

Dennoch gibt es hier eine ganze Menge wertvolles und kreativ verarbeitetes Material. McKay's Arbeit konzentriert sich auf den Zeitraum 2001 bis 2009, mit einem kurzen Ausflug in Cheney's frühes Leben und politische Karriere.

Der Film wird von Kurt (Jesse Plemons), einem fiktiven Veteranen der Arbeiterklasse der Afghanistan- und Irak-Kriege, erzählt und öffnet in einer unterirdischen Kammer mit Cheney (Christian Bale) und anderen Beamten des Weißen Hauses, die auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center und das Pentagon reagieren. Der Erzähler erklärt, dass während bei den Anwesenden "Angst, Verwirrung und Unsicherheit" herrschten, der Vizepräsident "etwas sah, was niemand sonst sah ... Er sah eine Chance". Es ist eine unheimliche und bedrohliche Sequenz.

Vice geht zu einer Rückblende von Cheney in Wyoming im Jahr 1963 betrunken am Lenkrad seines Autos. Zweimal wegen Fahrens unter Alkoholeinfluss verhaftet, erhält der jugendliche Schulabbrecher eine Vorlesung von seiner "High School-Liebhaberin", der umwerfenden und intriganten Lynne Vincent (Amy Adams), mit dem Ziel, dass er aufhören sollte, sich wie eine "große, fette, pissgetränkte Null" zu verhalten und sich aufzurichten.

Fünf Jahre später geht Cheney im Rahmen eines Praktikumsprogramms nach Washington. Donald Rumsfeld (Steve Carell), damals Beamter in der Nixon-Regierung, nimmt ihn unter seinen zynischen, schmutzigen Flügel. Als Cheney fragt, "Woran glauben wir?", brüllt Rumsfeld nur mit spöttischem Gelächter. Während sie sich im Weißen Haus befinden, lauschen Rumsfeld und Cheney auf ein Gespräch zwischen Richard Nixon und Außenminister Henry Kissinger (Kirk Bovill), in dem sie über die Bombardierung Kambodschas sprechen. Die Filmemacher inszenieren eine Szene in einem kambodschanischen Dorf, in der die Einheimischen ihre Geschäftsmomente ausleben, bevor sie von amerikanischen Bomben in Stücke gerissen werden.

An einem Punkt, der sich auf die US-Regierung bezieht, sagt Cheney Rumsfeld, dass "der Plan ist, den ganzen f------- Ort zu übernehmen".

Cheney kandidiert für den Kongreß von Wyoming 1978, obgleich seine Frau, wegen seiner Krankheit, einen großen Teil der Kampagne für ihn tut. Sie greift auf rechtsgerichtete Codephrasen zurück und behauptet zum Beispiel, dass "wir alle unsere Arbeitsplätze verlieren werden", weil wir positive Maßnahmen ergreifen. In New York City fährt sie fort: "Sie verbrennen BHs, aber in Wyoming tragen wir sie."

Während der Jahre der Clinton-Administration, mit Cheney und den Republikanern aus der Macht, stellt sich Vice satirisch eine alternative Richtung zu Cheneys Leben vor. Als gefälschte Credits rollen, erfahren wir, dass die Cheneys den Rest ihres Lebens damit verbracht haben, ihre schwule Tochter Mary (Alison Pill) zu unterstützen und Golden Retriever aufzuziehen. Kein solches Glück ... !! (Tatsächlich, in einer besonders netten Note, Jahre später zeigt Vice Cheney, wie er seine schwule Tochter fallen lässt im Interesse der politischen Ambitionen seiner anderen Tochter.)

Nachdem Cheney Abstimmungen letztes unter möglichen Anwärtern für die republikanische Präsidentennominierung, er und seine Frau über die Möglichkeit des Suchens des Vizepräsidenten nachdenken. Sie lehnt es als "Nichtjob" ab, als bloße Aushängeschild.

Vice verbringt einige Zeit mit dem Prozess, bei dem Cheney im Jahr 2000 neben George W. Bush (Sam Rockwell) zum Vizepräsidentenkandidaten wurde.

Zuerst weist Cheney Texas Gouverneur Bushs Angebot zurück, sein Kandidat zu sein. Allerdings, etwas im Gegensatz zu seiner machiavellistischen Frau, beginnt Cheney, sich eine ganz andere Rolle für den Vizepräsidenten vorzustellen. In diesem Sinne erzählt er Lynne, dass "niemand der Welt die Macht der amerikanischen Präsidentschaft gezeigt hat", was bedeutet, dass eine Bush-Cheney-Administration dieses Potenzial erkennen wird.

In einer denkwürdigen Szene hört Bush, kauend auf einem Hühnerbein, zu, während Cheney zuerst darauf hinweist, dass er derzeit der CEO "eines großen Unternehmens [Halliburton]" ist und dass die Vizepräsidentschaft "ein meist symbolischer Job ist". Anschließend legt er seine bescheidenen Bedingungen für die Annahme der Position fest: "Wenn wir jedoch zu einem, äh ... anderen Verständnis kommen würden ... Ich kann die alltäglicheren Jobs erledigen. Überwachung der Bürokratie ... militärische ... Energie ... und, äh ... Außenpolitik." Nach einer kurzen Pause antwortet Bush: "Ja, richtig! Das gefällt mir!" Später, als Cheney intoniert: "Ich glaube.... wir können das schaffen", klatscht Bush in die Hände und ruft: "Hot damn!". Der Moment fängt etwas Wahrhaftiges ein, so wie es nur das Drama kann.

Sobald er die Vizepräsidentschaft angenommen hat, schwellen Cheneys Ambitionen zu den Proportionen eines Shakespeare-Bösewichts an. Tatsächlich inszeniert McKay einen klugen Dialog zwischen den Cheneys, mit Dick als Mock-Richard III und Lynne als Mock-Lady Macbeth. Es gibt etwas Furchterregendes und fast Wahnsinniges an Cheneys Ausdruck hier.

Die nächsten acht Jahre vergehen in einer Reihe von zunehmend alptraumhaften Episoden:

- Die Wahl 2000 wird vom Bush-Lager gestohlen, mit Hilfe von Antonin Scalia (Matthew Jacobs), den Cheney zuvor angefreundet hat.

- Nach den 9/11 Angriffen stellt Cheney eine praktisch geheime Regierung auf und verschwindet für Wochen in einem Bunker.

- Cheney unterstützt die Theorie der "Unitary Executive", nach der die Exekutive absolute Autorität hat, wie die "Macht der Könige, Pharaonen und Diktatoren".

- Früh in der neuen Leitung, Cheney - zwei Jahre vor der Invasion vom Irak und Monaten vor 9/11 - lädt Leitungen von Ölfirmen ein, um Planung in Richtung zur Abteilung des Ölreichtums des Iraks beizutragen.

- Cheney beteiligt sich an weiteren Vorbereitungen für den Krieg mit dem Irak, einschließlich der Erfindung von Ansprüchen über Iraks "Massenvernichtungswaffen" und andere Lügen. Außenminister Colin Powell (Tyler Perry) erscheint im Februar 2003 bei den Vereinten Nationen und präsentiert eine Reihe von Erfindungen, die vom amerikanischen Geheimdienst erfunden wurden.

- Die Bush-Administration startet die kriminelle Invasion im Irak mit den schrecklichen "Schock- und Ehrfurcht gebietenden" Bombenanschlägen auf Bagdad. Kurt, der Erzähler des Films, wird im Irak eingesetzt.

- Der Vizepräsident genehmigt die Überstellung des muslimischen Klerikers Abu Omar - in Italien am helllichten Tag - durch die CIA nach Ägypten, wo dieser inhaftiert und gefoltert wird.

- Unterstützt von einer Gruppe von faschistisch gesinnten Anwälten, Cheney und anderen Beamten des Weißen Hauses kommen mit Rechtfertigungen für Folter ("verstärkte Vernehmung") und andere Barbaren auf. Wir sehen Bilder von Abu Ghraib und den gewaltsamen Missbrauch von Gefangenen.

- In einer schwarz amüsanten Szene, gedreht in einem eleganten und offensichtlich teuren Restaurant, weist ein Kellner (Alfred Molina) auf Cheney, Rumsfeld und die Gesellschaft verschiedener verlockender Gerichte hin, darunter "Enemy Combatant", "Extreme Rendition" und "Guantanamo Bay". Die Gastgeber werden sie alle haben.

- Unterdessen steigt der Aktienkurs von Halliburton um 500 Prozent, was zu einem großen Teil auf No-Bid-Kontrakte im Kriegsgebiet zurückzuführen ist.

Es ist schwer, an einen anderen amerikanischen Film in den letzten Jahren zu denken, der versucht hat, so viel Territorium und mit einem scharf kritischem Ton zu erfassen. Das Schauspiel ist großartig. Bale verwandelt sich auf erstaunliche Weise. Adams, Rockwell und Carell zeichnen sich ebenfalls aus. Die Gewissenhaftigkeit der Darsteller hatte vermutlich etwas mit ihrem Engagement für das Thema zu tun, das auch Molina und Naomi Watts bei Cameo-Auftritten anzog. Brad Pitt und Will Ferrell dienten als Koproduzenten. Die Musik von Nicholas Britell kommentiert und punktiert das Drama wirkungsvoll.

Vice ist eine beunruhigende Arbeit. Im besten Fall ist es ein Affront gegen die Selbstzufriedenheit - und die Ehrlichkeit, mit der es verschiedene Ereignisse und Prozesse repräsentiert, argumentiert, unabhängig davon, was die Filmemacher denken, dass etwas mit dem amerikanischen politischen und wirtschaftlichen System grundsätzlich faul ist. Wir sehen vor unseren Augen eine Handvoll ultra-reicher Verschwörer, die blutige Auslandskriege organisieren und große Schritte in Richtung Diktatur zu Hause machen. Die Filmemacher erkennen, dass die Bush-Administration eine signifikante Veränderung darstellte.

Doch in ähnlicher Weise liegen hier die Schwächen des Films. Selbst unter Berücksichtigung des unvermeidlich verengenden Charakters der Filmbiographie als Medium behandelt Vice Cheney als Initiator und böses Genie eines historischen Prozesses, von dem er nur ein besonders abscheuliches und bemerkenswertes Symptom war. Es fehlt der Einblick in den Verfall und die Krise des amerikanischen Kapitalismus und in den Rechtsstreit beider Parteien.

In seiner Betrachtung des Zusammenbruchs der amerikanischen Demokratie und der uneingeschränkten Herrschaft und Rolle der Reichen lassen McKay und seine Kollegen die andere große Geschäftspartei, die Demokraten, außer einem Bild der kriegerischen Hillary Clinton aus dem Bild. Jimmy Carter wird positiv als Innovator der alternativen Energie behandelt, und in einer kurzen Szene, die wahrscheinlich die Illusionen der Filmemacher zusammenfasst, sehen wir bei der Einweihung von Barack Obama im Januar 2009 eine jubelnde Menge.

Der Film fragt nie (obwohl McKay Obama dafür in Interviews kritisiert hat): Warum wurden Cheney und einer der anderen Massenmörder nicht verfolgt? Warum bestand Obama auf einem nahtlosen Übergang von dieser Gruppe von Kriminellen? Was ist mit den Drohnenschlägen seiner eigenen Regierung und den "Tötungslisten"?

Außerdem könnte sich der Betrachter nach einer Betrachtung von Vice vernünftigerweise fragen: Warum, wenn der Dämon Cheney zehn Jahre lang sicher aus dem Büro ist, hält der ganze Schrecken im Nahen Osten an und warum schnappen sich die Reichen in Amerika mehr Reichtum als je zuvor?

In einem Interview drückte McKay die Hoffnung aus, "wenn wir unsere Tat zusammenbekommen", dass Cheney und Bush "für fast eine Million Menschen aufgerufen werden, die im Irak getötet wurden, für eindeutig, in einigen Fällen, Kriegsverbrechen, die hätten verfolgt werden sollen".

Das ist so weit wahr, wie es geht, aber es ist eher passiv. Dies ist die Haltung von jemandem, der von der brodelnden Wut der amerikanischen Bevölkerung über Armut, die Zerstörung der Lebensbedingungen und endlosen Krieg befreit ist. Dies zeigt sich in Vice in einer Tendenz, die Bevölkerung für den Krieg und das allgemeine Verhalten der Bush-Regierung verantwortlich zu machen, trotz der größten Anti-Kriegs-Demonstrationen in der Geschichte im Februar 2003. Die Demokraten taten alles in ihrer Macht Stehende, um diese Stimmung zu unterdrücken und sind nun zu glühenden Befürwortern des Krieges im Nahen Osten und der Konfrontation mit Russland geworden.

Ästhetisch gesehen tragen diese Themen zur Unebenheit des Films und seinen Tonschwankungen bei. Es gibt Flecken von Scherzhaftigkeit und Unseriosität und einen Witz in bestimmten Charakterisierungen.

Vice hat in den amerikanischen Medien ein Hornissennest aufgerüttelt. Cheneys Freunde in der rechten Presse (National Review, Forbes, etc.) sind spöttisch und giftig zu seiner (und ihrer eigenen) Verteidigung gekommen. Verschiedene liberale Kritiker sind herablassend und kritisieren Punkte, aber McKay's Arbeit hat sie nicht glücklich gemacht, was alles zum Guten führt.

Was letztendlich viel dazu beiträgt, Vice wertvoll und effektiv zu machen, ist die echte Wut der Filmemacher. Sie verachten die Kriegshetzer, die für einige der größten Kriegsverbrechen der Neuzeit verantwortlich sind. Dafür verdienen sie Anerkennung."

https://www.wsws.org/en/articles/2018/12/29/vice-d29.html

 

Weitere Gedanken zum Film

 

Das System geht weiter

 

Ab und zu werden Namen genannt bzw. aufgezählt, die im System Cheney tätig waren. Leider sehr kurz und den meisten dürften diese Namen gar nicht erst aufgefallen sein. Auch der Wurm hat die meisten Namen wieder vergessen. An zwei kann er sich aber erinnern: John R. Bolton und Mike Pence. Der eine ist heute Nationaler Sicherheitsberater und der andere Vizepräsident der USA. - Es geht grade so weiter. Die Probleme liegen beim System und nicht bei einzelnen Personen.

 

Korruption

 

Korruption wird kurz angeschnitten. Etwa dann, als Dick Cheney eine Abfindung über viele Millionen Dollar erhält, als er von seinem bisherigen Arbeitgeber Halliburton zur US-Regierung wechselt.

Aus „Wikipedia“: „1995 wurde Cheney Aufsichtsratsvorsitzender und CEO von Halliburton, deren Kerngeschäft die Energieversorgung und -förderung bzw. der Handel mit Erdöl ist. Zusammen mit Donald Rumsfeld begründete er 1997 die konservative Denkfabrik Project for the New American Century.

In den 5 Jahren seiner Tätigkeit für Halliburton stieg der Auftragswert von Projekten für die Regierung von 1,2 Milliarden auf 2,3 Milliarden US-Dollar.

In diese Zeit fällt der Balkan-Krieg mit umfangreichen Regierungsaufträgen für Halliburton/ KBR, sowie lukrativen Aufträgen im Zusammenhang mit dem „Oil-for-Food“-Programm für Irak.

Nachdem Cheney als Vizepräsidentschaftskandidat aufgestellt worden war, trat er am 25. Juli 2000 als CEO von Halliburton zurück, verkaufte einen großen Teil seiner Anteile und legte den Rest in einem Treuhandfonds an. Noch im Juli 2004 erhielt er aber Abfindungszahlungen von Halliburton. Da Halliburton für den Wiederaufbau im Irak hoch dotierte Aufträge der US-Regierung bekam, sehen Kritiker hier einen Interessenkonflikt. Da der Konzern unter Führung Cheneys Geschäfte mit Diktaturen wie dem Irak, Afghanistan und Myanmar gemacht hatte, kam Cheney dafür in die Kritik.

Im Dezember 2010 teilte die Korruptionsbehörde Nigerias mit, gegen Dick Cheney wegen Korruption Anklage zu erheben. Die Vorwürfe beträfen Schmiergeldzahlungen im Zusammenhang mit dem Bau einer Flüssiggasanlage durch den US-Energiekonzern Halliburton im Süden Nigerias. Insgesamt sollen zwischen 1995 und 2005 Schmiergelder von 182 Millionen Dollar geflossen sein.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Dick_Cheney

 

Werbefilm für die Demokratische Partei

 

Der Film ist zwar wichtig, geht aber in entscheidenden Momenten nicht weit genug. So ähnlich wie der letztjährige Film „Die Verlegerin“ (http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/322-politisch-medialer-komplex.html ) kommt es dem Wurm so vor, als handelte es sich um einen Werbefilm für die Demokratische Partei. Jimmy Carter und Barack Obama werden positiv dargestellt; das einzig Negative ist, dass Hillary Clinton für den Irak-Krieg stimmt.

 

Möglichkeit der Äußerung von Kritik

 

Klar und deutlich hatte der Wurm mehrfach die Politik der USA kritisiert, unter anderem in http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/128-reich-der-finsternis.html . Hatte aber auch mehrfach betont, dass es möglich ist, diese Politik und einzelne Personen zu kritisieren. - Und es wird kritisiert, wie bei allen Schwächen auch „Vice“ zeigt. Kann sich in Deutschland jemand an publikumswirksame Filme erinnern, die die deutsche Regierung oder Teile davon angreifen?

 

Was Ihr wollt

 

In der Mitte des Films und im Abspann wird eine Diskussions-Runde von ca. 10 repräsentativen US-Amerikanern gezeigt. Um Tobias Riegel zu zitieren: „„Vice“ streift auch Aspekte, die zum Thema Meinungsmache interessant sind: Laut Film wurde ein immenser Aufwand in Sprach-Forschungen mit „Focus Groups“ (Repräsentanten der „normalen“ Bevölkerung) investiert, etwa um anschließend tausendfach wiederholte Propaganda-Formeln zu finden. Oder um Begriffe umzudeuten: So wurde etwa die ungeliebte Erbschaftssteuer mit medialer Hilfe zur „Todes-Steuer“ und das bedrohliche „Global Warming“ wurde weitgehend vom sanfteren „Climate Change“ verdrängt.“

Dort ging es aber nicht nur um Sprachforschungen, sondern auch etwa darum, was passieren muss, damit die US-Bevölkerung bereit ist, in einen größeren Krieg zu ziehen.

Auch wenn es gelogen war: Dick Cheney und die US-Regierung haben der US-Bevölkerung nach dem Mund geredet, so dass sie schließlich alles mitgemacht hat.

Zu Ende des Films wendet sich Dick Cheney direkt an die Zuschauer: „Es war mir eine Ehre, Ihnen zu dienen. Ich tat, was Sie wollten.“

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm