Hanna Decker: „Die Meldung sorgte für Empörung: Versandhändler Amazon soll gigantische Mengen an Waren vernichten – obwohl sie eigentlich noch zu gebrauchen wären. So berichteten es „Frontal 21“ und die „Wirtschaftswoche“ am Dienstagabend. Waren im Wert von mehreren zehntausend Euro habe sie jeden Tag zerstören müssen, sagt eine Mitarbeiterin. Nicht nur Kleidung, sondern auch Waschmaschinen, Kühlschränke, Rasenmäher. Manchmal mit kleinen Macken, aber grundsätzlich neuwertig.

Amazon bestreitet nicht, dass Produkte vernichtet werden. Für den Versandhändler scheint die Entsorgung zumindest in einigen Fällen die günstigste Lösung zu sein …“

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/diginomics/amazon-und-die-retouren-wie-machen-es-otto-und-zalando-15638099.html

Sollte die empörte Bevölkerung tatsächlich nicht wissen, dass viel für den Müll produziert wird, so trägt sie doch einen großen Teil der Schuld an dieser Praxis.

 

Online-Handel in Deutschland

 

2017 wurden in Deutschland Waren für 58,5 Milliarden € im Internet gekauft, 11% mehr als im Jahr zuvor.

3,7 Milliarden € wurden im klassischen Versandhandel ohne Internet umgesetzt sowie knapp 16 Milliarden € für Dienstleistungen wie etwa Bahn- und Flugfahrkarten.

Hier die 15 größten Online-Shops in Deutschland, wobei otto.de, bonprix.de und baur.de alle zur Otto-Gruppe gehören (Umsätze 2016):

15       317 Mio €          docmorris.de

14       338 Mio €          saturn.de

13       344 Mio €          apple.com/de

12       352 Mio €          baur.de

11       372 Mio €          hm.com/de

10       432 Mio €          alternate.de

9         450 Mio €          tchibo.de

8         471 Mio €          conrad.de

7         517 Mio €          cyberport.de

6         532 Mio €          mediamarkt.de

5         586 Mio €          bonprix.de

4         706 Mio €          notebooksbilliger.de

3         1,121 Mrd. €      zalando.de

2         2,743 Mrd. €      otto.de

1         8,122 Mrd. €      amazon.de

https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/e-commerce-online-handel-waechst-zweistellig/20873690.html?ticket=ST-6657180-XnsrJm6qVVFhMC1SrCJC-ap3

https://www.ehi.org/de/top-100-umsatzstaerkste-onlineshops-in-deutschland/

 

Vorteile für den Konsumenten

 

- kann von zu Hause aus kaufen; muss deshalb nicht in die Stadt fahren

- Ware wird nach Hause geliefert; muss deshalb keinen Transport organisieren

- dadurch Ersparnis von Zeit und Kosten

- Ware kann ausgesucht und bestellt werden, wenn mensch räumlich gebunden ist – etwa Aufpassen auf Kinder oder Wartezeiten beim Arzt oder auf Ämtern

- es gibt keine Öffnungszeiten – 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche „geöffnet“

- in Ruhe aussuchen, kein Kaufzwang

 

Nachteile für die Gesellschaft

 

Der lokale Einzelhandel wird massiv in Mitleidenschaft gezogen und oft zur Aufgabe gezwungen mit der Folge der Verödung der Innenstädte, die massiv voranschreiten wird.

 

Amazon

 

Aus „Wikipedia“: „Amazon.com, Inc. (oft als Amazon, deutsche Aussprache [amaˈʦoːn], englisch [ˈæməzən], bezeichnet) ist ein börsennotierter amerikanischer Online-Versandhändler mit einer breit gefächerten Produktpalette. Nach eigenen Angaben hat Amazon als Marktführer des Handels im Internet die weltweit größte Auswahl an Büchern, CDs und Videos. Über die integrierte Verkaufsplattform Marketplace können auch Privatpersonen oder andere Unternehmen im Rahmen des Online-Handels neue und gebrauchte Produkte anbieten.

Unter eigener Marke werden der Amazon Kindle als Lesegerät für elektronische Bücher, der Tabletcomputer Amazon Fire HD, das Smartphone Fire Phone (mittlerweile eingestellt), die Set-Top-Box Fire TV sowie der HDMI-Stick Fire TV Stick und das Spracherkennungssystem Echo vertrieben. Seit 2009 verkauft Amazon außerdem Produkte wie zum Beispiel Notebooktaschen oder Computer- und Audio-/Video-Kabel unter seiner Hausmarke AmazonBasics.

Mit einem Umsatz von 193,2 Milliarden US-Dollar, bei einem Gewinn von 3,9 Mrd. Dollar, stand Amazon 2018 laut den Forbes Global 2000 auf Platz 53 der weltgrößten Unternehmen. Laut den Fortune 500 stand es im Geschäftsjahr 2016 auf Platz 12 der umsatzstärksten Unternehmen weltweit. Amazon kam Ende April 2018 auf eine Marktkapitalisierung von rund 775 Mrd. US-Dollar, womit es nach Apple das zweitwertvollste Unternehmen der USA ist.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Amazon.com#Kontroversen

Dass Amazon auf Platz 1 steht, ist kein Zufall.

Mensch sieht auf einen Blick, wie viele Einzelstücke jedes Produktes auf Lager sind und wie lange es dauert, bis sie zu Hause ankommen. Die Bestellbestätigung kommt eine Sekunde nachdem der Bestellvorgang ausgelöst wurde, auch hier mit voraussichtlicher Lieferzeit. Nachdem die Ware amazon verlassen hat, bekommt mensch die Versandbestätigung mit voraussichtlichem Liefertag.

Das ist alles nicht selbstverständlich – wer bei anderen online-Händlern 5 Produkte gleichzeitig bestellt, muss damit rechnen, nur 2 davon in derselben Woche zu erhalten und die restlichen 3 ein paar Wochen später – ohne Ankündigung, wie lange das ungefähr dauert.

Amazon hat angefangen mit dem Verkauf von Büchern. Der Beginn war also eine Käufergruppe, die zur „Bildungsschicht“ gehört – wer liest oder verschenkt heutzutage noch Bücher? Durch die Buchpreisbindung ging es nicht darum, billiger zu sein und Ramsch-Produkte im Programm zu haben. Die Buchkäufer-Schicht ist heute noch dabei und kauft mittlerweile auch andere Produkte über Amazon. Das merkt mensch auch an den Kommentaren: mensch vergleiche die Käufer-Kommentare zum gleichen Produkt zwischen Amazon und „billigen“ online-Händlern und wird feststellen, dass die Amazon-Kommentare deutlich besser und damit hilfreicher sind.

Amazon bietet über Dritthändler auch Gebrauchtware an. Der Kunde hat damit oft die Auswahl zwischen Neuware und Gebrauchtware von verschiedenen Händlern zu verschiedenen Preisen, wobei der jeweilige Zustand der Ware angegeben ist.

Der amazon-Kundendienst ist sehr viel besser als der von anderen online-Händlern. Ob der Kunde sich als „König“ oder „Partner“ empfindet, bleibt diesem selbst überlassen. Auf jeden Fall wird das Problem zu lösen versucht. Im Gegensatz zu den anderen, bei denen der Kunde oft den Eindruck hat, als „Gegner“ behandelt zu werden.

Darüber hinaus bietet Amazon internationalen Versand, hat sich mit seinem eBook-Lesegerät „Kindle“ eine große, treue Kundschaft erworben und bietet für seine „prime“-Kunden speziellen Service: neben schnellerem Versand gehören dazu unter anderem Musik hören, Filme schauen, Bücher leihen – wer das gerne macht, mag Amazon.

Auch leistet Amazon seinen Beitrag zur Demokratie: so ziemlich jeder kann seine Produkte über Amazon anbieten. Auch, wenn ein Produkt in 5 Jahren nur 1x verkauft wird – Amazon führt dieses in seinem Sortiment auf. Ob als Direkt-Verkäufer oder als Vermittler. Der Hersteller hat etwas davon – die Möglichkeit, seine Produkte im Einzelhandel platzieren zu können, ist für kleine Produzenten oft sehr gering – und der Kunde auch, da er auf diese Weise von Raritäten erfährt, von denen er sonst nichts gewusst hätte.

 

Kampagnen-Journalismus

 

 

Christian Esser, Birte Meier und Astrid Randerath: „Frontal21 - Retouren für den Müll - Amazon vernichtet neuwertige Waren

Interne Produktlisten, Fotos und Aussagen von Mitarbeitern belegen, dass in großem Umfang Güter aller Art in den deutschen Logistiklagern entsorgt werden - beispielsweise Kühlschränke, Wasch- und Spülmaschinen, Handys, Tablets, Matratzen und Möbel. Eine Amazon-Mitarbeiterin berichtet, dass sie jeden Tag Waren im Wert von mehreren 10.000 Euro vernichtet habe. Mehrere Beschäftigte kritisieren übereinstimmend, Amazon würde nicht nur unbrauchbare Produkte entsorgen, sondern auch funktionstüchtige, teilweise sogar neue Produkte zerstören.

Amazon bestreitet die Vernichtung von Waren nicht, teilt aber mit, das Unternehmen arbeite jeden Tag an der Verbesserung von Prozessen, um "so wenig Produkte wie möglich entsorgen zu müssen". Weiter heißt es: "Wenn Produkte nicht verkauft, weiterverkauft oder gespendet werden können, arbeiten wir mit Aufkäufern von Restbeständen zusammen, die diese Waren weiterverwenden."

Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, fordert Amazon auf, die Vorwürfe aufzuklären. "Das ist ein riesengroßer Skandal, denn wir verbrauchen auf diese Weise Ressourcen mit allen Problemen insgesamt auf der Welt." Ein solches Vorgehen passe einfach nicht in diese Zeit. "Ich bin überzeugt, dass viele Verbraucher von einem solchen Verhalten schockiert sind und es auch nicht akzeptieren werden", so Flasbarth.

Der ehemalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer nennt die Praxis von Amazon "unverantwortlich". Die Umweltorganisation Greenpeace fordert Konsequenzen: "Wir brauchen ein gesetzliches Verschwendungs- und Vernichtungsverbot für neuwertige und gebrauchsfähige Ware", sagt Greenpeace-Expertin Kirsten Brodde.

Der größte Onlinehändler in Deutschland bietet auch externen Anbietern, die den Logistikservice "Versand durch Amazon" nutzen, die Möglichkeit, unverkaufte Lagerbestände zu entsorgen. "Sie können Ihren Lagerbestand auf Wunsch von uns entsorgen lassen", heißt es in einer Angebotsübersicht von Amazon. Interne Dokumente zeigen, dass der Service offenbar rege genutzt wird. Auf Produktlisten, die Frontal 21 und der WirtschaftsWoche vorliegen, tauchen zum Beispiel Kinderturnschuhe, Kopfhörer sowie hunderte weitere Artikel auf – für einen einzigen Tag, in einem einzigen Lager. Sie wurden intern mit der Versandmethode "Destroy", also "zerstören" gekennzeichnet.“

https://www.zdf.de/politik/frontal-21/amazon-vernichtet-tonnenweise-ware-100.html

Positiv ausgedrückt: Jochen Flasbarth, Klaus Töpfer und Kirsten Brodde machen sich mit ihren Aussagen lächerlich.

Negativ ausgedrückt: sie wirken an einer Kampagne mit.

Dass im Einzelhandel und speziell im Versandhandel massenweise Waren vernichtet werden, ist seit Jahrzehnten üblich und bekannt. Also lange, bevor es Amazon überhaupt gegeben hat.

Das wissen Wirtschafts-Redakteure natürlich – weshalb bringen sie dann diese Nachrichten in dieser dramatischen Art und Weise?

Seit Jahren läuft in Deutschland eine Kampagne gegen Amazon, die zum Teil auch berechtigt ist. Etwa wg. Arbeits-Bedingungen oder Steuer-Vermeidung (siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/145-schandfleck-des-jahres.html ).

Nichtsdestotrotz sind die anderen online-Händler auch nicht viel anders. Kritik am online-Handel ist durchaus angebracht – aber nicht dann, wenn es vorrangig um Amazon geht.

Das ist auffällig, vor allem dann, wenn mensch die an Amazon vorgebrachte Kritik mit anderen Online-Händlern vergleicht. Wieviel Kritik hat mensch schon wg. Amazon vernommen und wieviel Kritik wg. anderer online-Händler? Etwa dem größten Amazon-Konkurrenten, der Otto Group?

Aus „Wikipedia“: „Die Otto Group ist ein deutscher Handels- und Dienstleistungskonzern mit Sitz in Hamburg, der weltweit mit rund 50.000 Mitarbeitern agiert. Die Aktivitäten der Otto Group sind die drei Unternehmensbereiche Einzelhandel, Finanzdienstleistungen und Service.

Der Einzelhandel ist der Geschäftskern der Otto Group. Über 65 Prozent aller Erlöse in diesem Segment erzielt der Konzern über seine weltweit rund 100 Online-Shops. Somit ist die Otto Group im Konsumentengeschäft einer der größten Onlinehändler weltweit nach Amazon.com sowie der größte Onlinehändler für Mode und Lebensstil für den Endverbraucher in Europa.

Im Ranking der 500 größten Familienunternehmen in Deutschland der Zeitschrift Wirtschaftsblatt nahm die Gruppe 2012 den zehnten Platz ein.

Die Otto Group firmiert unter derselben Firma (Otto (GmbH & Co KG)) wie der Hauptgeschäftsbereich Otto auch.“

Im Geschäftsjahr 2017/18 betrug der Umsatz 13,653 Mrd. Euro.

https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Group

„Hermes Europe wurde 2009 gegründet und ist eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Otto Group im Segment Service. Hermes Europe ist Nachfolger des Hermes-Versands, der 1972 in Hamburg vom Otto-Versand und der Werner Velbinger Organisation gegründet wurde.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Hermes_Europe

Wenn Amazon es sich überlegt, einen eigenen Versand aufzubauen, schreien die deutschen Medien gleich Zeter und Mordio. Wenn der zweitgrößte online-Händler Deutschlands seinen eigenen Versand mit einem Umsatz von über 2,5 Milliarden € bereits hat, interessiert das kaum jemanden.

Was auffällt: beim deutschen „Wikipedia“-Eintrag über Amazon gibt es 12 Unterpunkte zu „Kontroversen“ oder „Kritik“ (darunter auch den zur Waren-Vernichtung) – aber bei der Otto Group keinen einzigen.

Teil 1 der Kampagne lautet Amazon schlecht machen, Teil 2 der Kampagne lautet, den Volkszorn auf die Vernichtung von Ware zu lenken – und damit von wichtigeren Sachen abzulenken.

 

Vorteile der Waren-Vernichtung

 

Es gibt bei der Vernichtung von Waren einen einzigen Vorteil: die Kosten.

Je nach Produkt erspart sich der Vernichter Kosten für Reinigung, Qualitäts-Prüfung, Wertminderung wie z.B. durch Kratzer, Wiederverpackung, Transport zum dafür vorgesehenen Versandlager (das auch mal ein paar hundert Kilometer entfernt liegen mag). Und zusätzlichen Platz und zusätzliches Personal.

Ansonsten zu vernichtende Ware dem eigenen Personal schenken oder verbilligt abgeben, ist keine gute Idee, da diese Ware dann erfahrungsgemäß sehr schnell in großen Mengen auf realen oder virtuellen Flohmärkten zu finden sein wird.

Für einen guten Zweck oder eine gute Organisation spenden? Hört sich gut an – doch dann besteht der Staat auf seine Mehrwertsteuer: 19% des Verkaufswertes. Bei Vernichtung wird keine Steuer fällig.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht macht Vernichtung von qualitativ hochwertiger Ware durchaus Sinn – aber aus volkswirtschaftlicher Sicht ist sie völlig daneben.

 

Geplante Obsoleszenz

 

Aus „Wikipedia“: „Geplante Obsoleszenz ist eine Strategie, in der die Obsoleszenz eines Produkts vom Hersteller geplant und konzeptionell vorgesehen ist. Das Phänomen war schon mehrfach Gegenstand wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Debatten, ist aber nach wie vor nicht klar definiert. Ein bekanntes Beispiel für die (vermeintlich) beabsichtigte Verkürzung der Lebensdauer von Produkten sind Drucker und Druckerpatronen, die das Ende ihrer Lebensdauer oft nicht nach tatsächlichem Verbrauch oder tatsächlicher Nutzung, sondern nach vom Hersteller festgelegten Seitenzahlen oder Zeiträumen erreichen. Schwierig ist die Abgrenzung zu natürlichem Verschleiß und zu Sollbruchstellen …

Mit geplanter (vorzeitiger) Obsoleszenz ist heute ein Teil einer Produktstrategie gemeint, bei der Lösungen mit absehbar kurzer Haltbarkeit entwickelt, Rohstoffe von minderer Qualität eingesetzt und/oder keine Ersatzteile bzw. bei Software keine Updates angeboten werden, mit dem Ziel, dass das Produkt schneller schad- oder fehlerhaft wird oder nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden kann – also das bewusste Einbauen von Schwachstellen in das betreffende Produkt für dieses Ziel.

In engem Zusammenhang steht der Begriff der Wegwerfgesellschaft, in der Gegenstände überwiegend nicht mehr repariert, sondern weggeworfen und durch neue ersetzt werden.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Geplante_Obsoleszenz

Oft sind die entsprechenden Produkte gar nicht reparierbar – alleine dadurch, dass sie nicht zu öffnen sind.

 

Film „Kaufen für die Müllhalde“

 

 

Kaufen für die Müllhalde“ ist ein mehrfach preisgekrönter französisch-spanischer Dokumentarfilm der Regisseurin Cosima Dannoritzer aus dem Jahr 2010 …

Die Dokumentation befasst sich mit geplanter Obsoleszenz, der vom Hersteller absichtlich eingeschränkten Lebensdauer von Produkten, die den Absatz von Ersatzprodukten erhöhen soll. Neben der Behandlung konkreter Beispiele geht es um die ökonomischen und ökologischen Folgen der Konsumgesellschaft. Zu Wort kommt unter anderem der französische Ökonom und Philosoph Serge Latouche als Vertreter des Konzepts der Wachstumsrücknahme.

Behandelte Beispiele

- Das Centennial Light (englisch hundertjähriges Licht) gilt als die langlebigste Glühlampe der Welt. Sie wird als Beleg für Absprachen unter Glühlampenherstellen im Rahmen des Phoebuskartells herangezogen, dessen Ziel es unter anderem war, die durchschnittliche Lebensdauer der Lampen auf 1000 Stunden zu beschränken.

- Anhand der Marktstrategie von Alfred P. Sloan, Präsident von General Motors von 1923 bis 1937, wird der Einzug der geplanten Obsoleszenz in die Automobilindustrie aufgezeigt.

- Im Rahmen der Weltwirtschaftskrise schlug Bernard London in seinem Werk „Ending the Depression Through Planned Obsolescence“ vor, alle Produkte mit einem Verfallsdatum zu versehen, nach dessen Ablauf sie bei einer Behörde abgeliefert und zerstört werden müssten. Auf diese Weise sollten der Konsum angeregt und Arbeitsplätze geschaffen werden.

- Die ebenfalls sehr langlebige Glühbirne der Marke Narva wird als weiterer Hinweis für die Existenz der geplanten Obsoleszenz bei modernen Glühlampen behandelt.

- Besonders resistente Nylonstrumpfhosen sollen zwecks schnelleren Verschleißes durch minderwertigeres Material kurzlebiger gemacht worden sein.

- Der Tintenstrahldrucker Epson Stylus C42UX soll nach einer bestimmten Anzahl gedruckter Seiten eine Defektmeldung ausgeben, woraufhin die weitere Verwendung des Druckers verhindert wird. Diese Sperre, die durch einen speziell für diesen Zweck vorhandenen Chip verursacht werden soll, könne mit Hilfe einer speziellen Software abgeschaltet werden.

- Der Akku des iPod classic wird als Beispiel für geplante Obsoleszenz bei moderner Unterhaltungselektronik herangezogen.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Kaufen_f%C3%BCr_die_M%C3%BCllhalde

 

Christian Kreiß

 

„Ob Drucker, Fernseher oder Waschmaschine – nicht selten gehen Geräte kurz nach Ablauf der Garantie kaputt. Oft lohnt sich eine Reparatur nicht oder sie ist gar nicht erst möglich. Sorgen Hersteller kalkuliert und absichtlich dafür, dass die Lebenszeit ihrer Produkte begrenzt ist, damit wir Verbraucher mehr konsumieren? „Geplanter Verschleiß“ nennt sich ein Massenphänomen, das sinnlose Müllberge produziert und enorme Ressourcen verschlingt.

Christian Kreiß setzt sich systematisch mit der geplanten Verringerung der Produktlebenszeit auseinander und beschreibt, wie große Konzerne weltweit mit dieser Absatzstrategie arbeiten. Er analysiert die fragwürdigen Methoden der Unternehmen, zeigt, wie die Werbung uns gezielt in die Irre führt und gibt Anregungen für eine neue Kultur der Nachhaltigkeit.“

 

 

„Es gab Zeiten, da herrschte der Mangel.

Wer sich etwas anschaffen wollte, musste nicht nur lange sparen und dann bar bezahlen, er musste vor allem auf das jeweilige Produkt warten. Konsumgüter, die rar sind, haben einen höheren Wert.

Auch emotional. Man verbindet mit ihnen auch das, was man Vorfreude nennt.

Die Zeit der Vorfreude ist vorbei. Die Gegenwart hält nahezu alles im maximalen Überfluss für uns bereit. Man kauft in Raten und finanziert das meiste über Kredit.

Diese schöne neue Hochglanzwelt hat den Nachteil, dass ab einem bestimmten Punkt Sättigung eintritt. Irgendwann hat auch jeder Single-Haushalt alles, was er benötigt, in doppelter Ausführung. Dann bricht das sich immer schneller drehende Konsumkartenhaus in sich zusammen.

Hierin besteht die Achillesferse des Kapitalismus. Marktsättigung. Um dieser „Gefahr“ entgegenzuwirken, haben sich die großen Kapitalbesitzer und Produzenten schon vor sehr langer Zeit zu Kartellen zusammengeschlossen. Bei aller Konkurrenz erkannte man ein gemeinsames Ziel. Die hergestellten Waren hielten zu lange. Also verständigte man sich auf nahezu allen Gebieten auf eine Technik, die man Obsoleszenz nennt.

Geplanten Verschleiß. Wer heute einen Drucker kauft, kennt das Problem. Kaum ist die Garantie abgelaufen, gibt das Gerät seinen Geist auf und kann nicht repariert werden. Oder aber, die Kosten hierfür stehen in keinem Verhältnis zu einem Neukauf.

Geplanter Verschleiß ist der Motor der sogenannten Konsumgesellschaft. Wir kaufen für die Müllhalde, ohne dass wir uns über die Auswirkungen groß Gedanken machen. Das ist Teil der Technik, mit der der angebliche "König" Kunde im Hamsterrad gehalten wird. Der künstliche Verschleiß, dem heute alle Produkte unterliegen, wurde so „eingebaut“, dass er unter der Wahrnehmungsschwelle bleibt. Das geht vor allem daher, dass ein Durchnittshaushalt heute über rund 10.000 Produkte verfügt. Wer weiß da schon noch, wann er was gekauft und wie lange es tatsächlich gehalten hat.

KenFM traf sich mit Dr. Christian Kreiß.

Kreiß hat sich über Jahre immer wieder mit der geplanten Obsoleszenz auseinandergesetzt und kommt zu dem Schluss, dass unser Planet an dieser kapitalistischen Technik zugrunde geht.

Wir, die Konsumenten in der Wegwerfgesellschaft, gehen mit diesem Planeten um, als hätten wir noch einen weiteren im Kofferraum. Der Ast, auf dem wir sitzen und an dem wir sägen, knarzt bereits.

Inhaltsübersicht:

00:05:07 Pro & Contra Investment-Banking. Wer profitiert vom Profit und wie funktioniert der Kreislauf des leistungslosen Einkommens?

00:11:51 Ökonomischer Unsinn: Unnötige Arbeit und geplante Obsoleszenz. Welche Kriterien sind entscheidend? Historisches Beispiel aus der Automobilindustrie: Ford vs General Motors oder Qualität vs Lifestyle

00:18:58 Geplante Inkompatibilität von Produkten und die Illusion vom „Smart Customer“: Wie der Informationsmangel die Kunden in die Irre führt (TCO)

00:28:15 Kartellbildung: Wie die Haltbarkeit und Leistungsfähigkeit der Glühbirne abgeschafft wurde (1926). Marketing, Wirtschaftswachstum und das Grundprinzip der Ökonomie: Profitmaximierung vs Kundenbedürfnisse

00:38:30 Psychologische Obsoleszenz: Psychologie, Werbung & Marketing (Vance Packard, Sigmund Freud, Edward Bernays)

00:49:58 Pharmaindustrie: Mehr Geld für Werbung als für Forschung und Entwicklung von Medikamenten

00:51:21 Die Analysen von Karl Marx und die Idee vom Neoliberalismus. Kommunismus vs Marktkapitalismus: Silvio Gesell, Joseph Stieglitz, Niko Paech, Fritz Schuhmacher

00:58:16 Milliarden für die Mülltonne: Wie die Obsoleszenzanfälligkeit Geld und Zeit kostet

01:06:23 3.000 Werbebotschaften pro Tag: Lug und Trug beim ZAW e.V. und dem Deutschen Werberat. Wer braucht eigentlich noch Werbung?

01:12:32 Eine Bannmeile für Lobbyisten im deutschen Bundestag: Sticko-Finanzierung durch die Pharmaindustrie. Demokratie, Post-Demokratie, Direkt-Demokratie

01:18:54 Umgang und Reaktionen auf die Analysen zum „Geplanten Verschleiß“: Die Medien und die Wikipedia

01:25:23 Was kann der Einzelne tun? Wählen, Entscheiden, Verzichten und die Vorteile von Qualität“

 

 

Obsoleszente Kunden

 

Billiges Zurückschicken

 

Für viele Kunden ist es mittlerweile völlig normal, sich bei Bekleidung mehrere Farben und mehrere Größen schicken zu lassen. Das, was mensch passt oder gefällt, wird gekauft, der viel größere Rest zurückgeschickt – kostet ja nichts.

Ein beliebter Trick ist, für einen besonderen Anlass ein bestimmtes Kleidungsstück zu tragen und danach zurückzuschicken.

Minimale Fehler, die kaum zu sehen sind, gehen ebenfalls zurück.

Zu einem großen Teil geht das Zurückgeschickte seiner Vernichtung entgegen.

 

Mode von Kleidung

 

Nicht nur die Hersteller tragen ihren Teil zur geplanten Obsoleszenz bei, sondern auch die Kunden.

Gibt es in diesem Jahr eine Modefarbe, werden die entsprechenden Kleidungsstücke im nächsten Jahr weggeworfen, da ja nicht mehr modisch.

Die gesamte Mode-Industrie lebt vom Wegwerfen. Wer mit der Mode geht, schmeisst seine gesamte Oberbekleidung (mit wenigen Ausnahmen) im nächsten Jahr weg.

 

Mode von Unterhaltungs-Elektronik

 

Es muss das neueste Smartphone sein, der neueste Fernseher, alles neu, neu, neu.

Mal davon abgesehen, dass die verbauten Metalle äußerst umweltschädlich gewonnen werden müssen, wird der Elektro-Schrott der weggeworfenen Apparate in der 3. Welt entsorgt. Der Film „Kaufen für die Müllhalde“ schildert am Beispiel Ghana, was dies für die einheimische Bevölkerung bedeutet (ab der 56. Minute): https://www.youtube.com/watch?v=KMA6_ZtfbFY

 

Dekoration

 

Die bringen es auch allen Ernstes fertig, in großem Stil Produkte umweltschädlich zu produzieren und von anderen Kontinenten zu importieren, die ein paar Tage angeguckt werden und ansonsten ausdrücklich für den Müll bestimmt sind: Schnittblumen, siehe http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/210-unmoralische-blumenfreunde.html

 

Geiz ist geil

 

Auch Menschen, die genügend Geld haben, wollen ihre Kleidung so billig wie möglich haben. Und haben kein Problem damit, dass das T-Shirt nach dreimaligem Waschen oder die Schuhe nach dreimaligem Tragen nicht mehr verwendbar sind. Macht nichts, kostet ja kaum etwas – weg damit.

Konsequenzen solchen Verhaltens sind sehr billige Löhne bei den Herstellern im In- und im Ausland sowie der entsprechende Müll.

 

Verpackung

 

Je nach Produkt ist die Verpackung ausgesprochen aufwändig und kann vor allem im Bereich der Kosmetik teurer als der Inhalt sein. Teuer in der Herstellung, teuer in der Entsorgung – der Kunde wünscht sich das so.

„makro“: „Deutschland hat ein Müll-Problem und ist europäischer Spitzenreiter im Kunststoffverbrauch. Vor kurzem haben die Deutschen noch der Welt erklärt, wie Mülltrennung funktioniert

Durch die wachsende Wegwerfmentalität kommt der Bundesbürger mittlerweile auf 213 Kilo Verpackungsmüll pro Jahr - ein neuer Negativrekord.“

http://www.3sat.de/page/?source=/wissenschaftsdoku/sendungen/192012/index.html

Höhepunkt dieser Narretei ist Geschenkpapier - ein Produkt, das überhaupt keinen anderen Zweck erfüllt, als auf den Müll geworfen zu werden. Der Beschenkte, der sich in erster Linie über den Inhalt freut, freut sich immer noch, wenn nicht mehr benötiges Zeitungspapier den Zweck des Auspackens erfüllt.

 

Land der Heuchler

 

„Die Deutschen“ haben nicht nur noch „vor kurzem“ „der Welt erklärt“, was sie zu tun und zu lassen hat – sie tun es auch heute noch. Und erzählen was von „Klimawandel“ und von „Nachhaltigkeit“.

Dabei tragen sie durch ihr Konsum-Verhalten mit zum Übelsten bei, was der Umwelt überhaupt angetan werden kann.

 

Lösungs-Möglichkeiten

 

Im Grunde gibt es drei Lösungs-Ansätze, um dem Problem unnötigen Mülls Herr zu werden.

 

Kosmetik

 

Thomas Pany aus dem Jahr 2014: „Künftig ist es in Frankreich möglich, Produkthersteller oder -importeure wegen "geplanter Obsoleszenz" vor Gericht zu bringen. Ein entsprechendes Gesetz, das zum Energiewende-Gesetzespaket gehört, wurde am Dienstag in der Nationalversammlung verabschiedet. Es sieht vor, die "obsolescence programmée" als Betrugsdelikt zu behandeln und zu bestrafen - mit bis zu zwei Jahren Gefängnis und einer Geldbuße von bis zu 300.000 Euro.“

https://www.heise.de/tp/features/Geplante-Obsoleszenz-als-Betrugsdelikt-3367976.html

Hört sich toll an, ist aber schwer nachzuweisen. Genau wie sonstige schöne Sachen wie „Repair Cafés“ https://repaircafe.org/de/ gehen sie nicht an den obsoleszenten Kunden ran und sind somit gesamtgesellschaftlich nicht viel mehr als Kosmetik bzw. ein Tropfen auf dem heissen Stein.

 

Appelle an das Gute im Menschen

 

Viel Spass! Zumindest die Deutschen glauben, sie wären die Größten und die Besten und täten alles nur Mögliche für das Wohl der Umwelt. Und werden dabei immer schlimmer.

Gut Zureden ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

 

Zwang

 

Je nach Bedarf wird staatlich angeordnet, was produziert bzw. importiert werden darf. Mode wird mehr oder weniger verboten. Hersteller werden verpflichtet, anständige Ware mit langer Haltbarkeit zu einem anständigen Preis zu verkaufen und die eigenen Arbeiter anständig zu entlohnen. Verpackung darf nicht unangemessen aufwändig sein.

Mensch lasse sich ein paar weitere Zwangs-Maßnahmen einfallen.

 

Weiter so

 

Dass es so weiter geht, ist natürlich auch möglich und wird ohne Zwang so geschehen.

Wenn die Menschen das so wollen, sollen sie das aber auch so sagen und ihre Heuchelei bleiben lassen.

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm