Vor 400 Jahren fand der Prager Fenstersturz statt, der den 30jährigen Krieg auslöste.

Der Krieg war schon lange vorher geplant und die Bezeichnung „30jähriger Krieg“ ist willkürlich. Da sich dieser Begriff aber nun mal eingebürgert hat, belässt es der Wurm dabei.

 

Der Wurm wird vorrangig aus zwei Werken zitieren.

Peter Milger: „Gegen Land und Leute – Der dreissigjährige Krieg“ und

Golo Mann: „Wallenstein – Sein Leben erzählt von Golo Mann“

 

Wie entstehen Kriege?

 

Peter Milger: „In unseren sprachlichen Wendungen "brechen" sie noch aus, wie Vulkane. Dabei pflegen Kriege sich deutlich anzukündigen. Der 30jährige tat dies geradezu exemplarisch. Seine Vorgeschichte hätte also lehrreich sein können. War es aber nicht. Auch der letzte Krieg, der im Irak, hat sich deutlich angekündigt und fand in einer Region statt, in der es viele alte Forderungen und unbeglichene Rechnungen gab. Die kriegführenden Staaten verhielten sich nicht anders als die europäischen Potentaten damals: Sie bereiteten ihr Unternehmen durch eine intensive Propaganda vor, um vorhersehbares Kriegselend zu rechtfertigen.

Bis in die zur Rede stehenden Epoche war politische Macht ausschließlich an den Besitz von Land und Leuten gebunden. Sieht man von den Aufständen gegen dieses Herrschaftsprinzip ab, so wurden Kriege zwecks Aneignung geführt, wenn irgendwo Land und Leute zur Disposition standen. Es galt als durchaus honorig, sich anderer Leute Land und Untertanen gewaltsam anzueignen, wenn sich ein Grund finden ließ, und sei es nur der windigste. Längst verstaubte, gefälschte oder strittige Besitzurkunden sowie Erb- und Heiratsverträge wurden gern als Vorwand genommen. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts wurde auch die Verteidigung oder die Verbreitung des "wahren Glaubens" wieder ins Feld geführt. Eine Vorübung war die Propaganda der Kreuzzüge. Die hochrangigen Akteure beider Lager auf der Bühne dieses europäischen Kriegstheaters gaben die Parole aus: Hier sind die Guten, dort sind die Bösen. Nur Gute können schlechterdings nicht am Werk gewesen sein. So gilt, sofern die Charakterisierung überhaupt Sinn hat, eher der Umkehrschluss. Da sie alle das Gleiche taten, dürfte auch ihre Geistes- und Gemütsverfassung so ziemlich die gleiche gewesen sein. Schon die unparteiischen Zeitgenossen machten sich keine Illusionen …“

 

Als man die Herren vom Hinz-Konzern aus dem Fenster warf

 

Bernt Engelmann hat in seinem Buch „Wir Untertanen – Ein deutsches Anti-Geschichtsbuch“ den 30jährigen Krieg in die heutige Zeit versetzt. Der Wurm möchte dies seinen Lesern nicht vorenthalten:

„… Und deshalb wollen wir darauf verzichten, den Krieg und seine Helden zu verstehen, so, wie die Menschen in Deutschland zur Zeit jenes Massenmords diesen und seine Veranstalter nicht verstanden, sondern ihnen entweder mit ohnmächtigem Entsetzen begegneten oder in letzter Verzweiflung und äußerster Notwehr Widerstand leisteten. Der Dreißigjährige Krieg, der übrigens in Wahrheit länger dauerte, nämlich früher als 1618 begann, weil solche Kriege stets ihre Vorspiele und „Kostümproben“ haben, bei denen neue Waffen und Schliche erst einmal ausprobiert und die Kräfteverhältnisse abgeschätzt werden, verdient wahrlich anders betrachtet zu werden, als es die traditionelle deutsche Geschichtsschreibung tut …

Für die überwältigende Mehrzahl, sicherlich mindestens 9.990 unter jeweils zehntausend Bewohnern Deutschlands in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, waren die politischen Ziele der verschiedenen am Kriege beteiligten Parteien gänzlich unverständlich, und selbst wenn sie ihnen begreiflich gemacht worden wären, hätten sie sie völlig kalt gelassen. Denn die Menschen in Deutschland erlebten den Krieg. Und wenn man verstehen will, was das bedeutete, muß man - in ungefährer Kenntnis der politisch-militärischen Ausgangslage - den Dreißigjährigen Krieg ganz anders sehen.

Man muß ihn sich als einen mörderischen Kampf zwischen Gangster-Syndikaten vorstellen, der von korrupten Politikern und miteinander um ein unerhört einträgliches Monopol ringenden multinationalen Großkonzernen geschürt, mitgelenkt und nach Kräften ausgenutzt wird. Im Vordergrund aber stehen die nackten Machtinteressen der sich befehdenden Gangsterbosse, die ihre Mordspezialisten und Revolvermänner aus der Unterwelt eines ganzen Kontinents rekrutieren.

In wechselnden Bündnissen, mal mit-, mal gegeneinander, mal mit der Rückendeckung des einen, mal des anderen multinationalen Konzerns, machen sie sich gegenseitig ihre Domänen streitig. Die Bosse selbst dirigieren von munteren, großstadtnahen Badeorten aus, wo sie ganze Luxushotels in Beschlag genommen und zu ihren Hauptquartieren erkoren haben, die Überfälle, Straßenschlachten, Belagerungen und Besetzungen strategisch wichtiger Punkte. Und der Schauplatz des wilden, rücksichtslosen Kampfes ist, sagen wir: eine Weltstadt, in der viele Millionen Menschen leben, sowie deren Industriegürtel, Trabantenstädte, landwirtschaftliches Randgebiet und ihr von ehemals stillen Wäldern, Wiesen und Seen gebildeter Erholungsraum. (Tatsächlich lebten zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges die damals rund 26 Millionen Einwohner Deutschlands nur zu etwa einem Viertel in den großen und kleinen Städten, zu drei Vierteln auf dem Land. Aber zur besseren Veranschaulichung sei das Stadt-Land-Verhältnis in unserem, ja in der Gegenwart handelnden Beispiel genau umgekehrt. Das entspricht unserer Wirklichkeit besser und gestattet uns, die Dinge begreiflich zu machen, ohne am Kern etwas zu ändern.)

Stellen wir uns also diese heutige deutsche Großstadt samt ihrer weiteren Umgebung vor, wie sie zunächst - es ist ja noch nicht viel passiert - ihr Alltagsleben in gewohnter Weise fortsetzt. Man ist an gelegentliche kleinere Schießereien gewöhnt und nimmt, wenn man davon nicht direkt betroffen oder ihr unfreiwilliger Zeuge geworden ist, nicht sonderlich Notiz davon. In den Zeitungen steht, in einem Bürohaus im Osten der Stadt seien zwei Direktoren des mächtigen Hinz-Konzerns, wahrscheinlich von Agenten der Kunz-Gruppe, aus einem Fenster im dritten Stock geworfen worden, aber glücklicherweise kaum verletzt. Auch habe es wilde Streiks in den Hinz-Betrieben gegeben.

Am nächsten Tag heißt es bereits, daß Scharen von Unterweltlern aus der halben Welt in der Stadt eingetroffen seien; man befürchtet Bandenkämpfe, denn die Gangster gehörten verschiedenen, miteinander verfeindeten Organisationen an und hätten mit den Ganoven der Stadt, aber auch mit der Handelskammer und der Polizei über Mittelsmänner Kontakt aufgenommen. Nun beginnt sich Angst in der Stadt auszubreiten, wenn auch noch keine Panik. Es ist eine nicht genau erklärbare Furcht, die die Menschen erfaßt. Sie sind zwar an fast tägliche Banküberfälle, Beraubungen kleiner Geschäftsleute und andere Gewaltverbrechen gewöhnt. Auch ist ihre Polizei durch und durch korrupt und von rivalisierenden Verbrecherbanden bestochen. Aber bislang konnte sich jeder kleine Ladeninhaber, Gastwirt oder Handwerker vor Ungemach dadurch bewahren; daß er regelmäßig an alle, die ihn bedrohten, gerade noch erträgliche Summen Geldes abführte: mal einen Fünfzigmarkschein für die Weihnachtsfeier der Polizeibeamten seines Reviers, mal einen Hunderter, angeblich für die Polizistenwitwen und -waisen; jeden Freitag zwanzig Mark an den Besitzer der Eisdiele, auf dessen Wink hin die Rocker des Viertels ein Geschäft kurz und klein schlugen oder auch nicht; jeden Monat zweihundert Mark an den Fensterputzer, der in Wirklichkeit der „Schutzgeld-Kassierer“ des berüchtigten „Syndikats“ ist, einer präzise arbeitenden Verbrecherorganisation, deren Chefs maßgeschneiderte Anzüge und Hemden tragen, von einem Haufen bulliger Leibwächter in schlechtsitzenden Smokings umgeben sind, ihre Freundinnen mit Pelzen und Schmuck behängen und den Polizeichef ins Theater schicken können, damit er ihnen, mitten in der Vorstellung, die beste Loge freimacht, denn sie haben ihn und auch den Oberbürgermeister fest in der Hand.

Kurz, das alles sind Dinge, mit denen sich die Stadt abgefunden hat. Aber der plötzliche Zustrom- von Berufskillern aus aller Welt, der in Gewalttätigkeiten ausgeartete, ohnehin brutale Konkurrenzkampf zwischen der, Hinz- und der Kunz-Unternehmensgruppe sowie die jetzt allnächtlichen Schießereien mit zahlreichen Toten, zum Glück nur Bandenmitglieder, flößt den Menschen Furcht ein. Ein paar reiche Leute haben vorsichtshalber ihre Koffer gepackt und sind eilig an die Riviera oder ins Tessin abgereist. Man hat ihnen, so wird gemunkelt, „von befreundeter Seite“ einen Wink gegeben, daß es besser sei, zu verschwinden. Und bald darauf hören die Menschen, zunächst noch staunend, eher ein wenig hoffnungsvoll als erschrocken, Hundertschaften von Stadt- und Bereitschaftspolizei hätten die ganze Stadt abgeriegelt; auch alle Bahnhöfe und Flugplätze seien vorübergehend gesperrt, eine Säuberungsaktion stehe unmittelbar bevor.

Ja, und dann geht es los. Plötzlich stürmen vierzig bis fünfzig schwerbewaffnete Ganoven - man spricht von einer Wiener Zuhälterbande und ihren gemieteten Schlägern - in das hochfeudale Inter-Plaza-Hotel, dringen zunächst in den riesigen Speisesaal ein und verbarrikadieren, ohne Rücksicht auf die dort dinierenden Damen und Herren, mit umgestürzten Tischen, Sesseln und Sofas alle Fenster des Erdgeschosses. Einen alten Herrn, der nicht schnell genug die Hände erhoben hat, als die Gangster dies von allen mit entsicherten Maschinenpistolen fordern, schlagen zwei Kerle mit Kolbenhieben tot. Dann sammeln sie von den zitternden Gästen und Kellnern alles Geld und alle Wertsachen ein, erschießen dabei einen Mann, der einen wertvollen Ring zu verstecken suchte, tauchen einen anderen mit dem Kopf in eine dampfende Suppenterrine, als er verhindern will, daß seiner auffallend hübschen Frau Kleid und Wäsche vom Leibe gerissen werden. Während drei Ganoven die Gäste und das Personal mit Schnellfeuerwaffen in Schach halten, wird die Frau gefesselt und, nackt wie sie ist und entsetzlich schreiend, von einem halben Dutzend Kerlen auf ein Sofa in der Halle geschleppt; später findet man ihre fürchterlich zugerichtete Leiche.

Inzwischen ist draußen vor dem Hotel eine halbe Hundertschaft Polizei zum Sturm angetreten, verstärkt durch Werkschutzmänner des Hinz-Konzerns und merkwürdigerweise auch durch ein Dutzend stadtbekannter und gefürchteter Schlägertypen, darunter auch Rausschmeißer der Nachtlokale am Hafen in goldbetreßten Portieruniformen.

Der Angriff dieser Ordnungskräfte wird von den Gangstern nach heftigem Kampf zurückgeschlagen. Draußen, aber auch drinnen, gibt es zahlreiche Tote, darunter ein altes Ehepaar, zwei junge Frauen und drei der Kellner. Nachdem sich die Polizei samt ihren Helfern aus der Schußweite der Hotelbesatzung zurückgezogen hat, lassen sich die Gangster Essen und Getränke servieren. Sie trinken sehr viel und vergewaltigen anschließend weitere Frauen und Mädchen. Dann schleppen zwei der Kerle den Hotelgeschäftsführer an, der ihnen einen Tresor öffnen soll. Sie drängen ihn in eine Ecke des Speisesaals, schlagen ihn zu Boden und rösten ihm mit glühendheißen Wärmplatten die Füße. Die Schreie des Gefolterten werden den wenigen Überlebenden dieser Nacht bis an ihr Lebensende unvergeßlich bleiben.

Dann greifen die Polizisten und ihre Helfer von neuem an, diesmal von allen Seiten und auch über die Dächer der Nebengebäude. Bei, dem zweistündigen wilden Gefecht wird das ganze Hotel verwüstet. Und als endlich die Gangster sämtlich vertrieben; getötet oder gefangengenommen sind, da kommt ein Rausch über die Sieger, denen die befreiten Gäste und Angestellten im ersten Glücksgefühl ihrer Rettung viel Wein und Sekt spendiert haben. Die Polizisten, Werkschutzleute und Schläger plündern Bar und Weinkeller, vergewaltigen auch ihrerseits mehr als ein Dutzend Frauen und zwingen die ausgeraubten Gäste mit vorgehaltener Pistole, ihnen hohe Schecks auszuschreiben - zur Belohnung für die Rettung.

Aber dieses „Massaker vom Inter-Plaza“, wie man es nennt, ist nur der Anfang. Von nun an kommt es beinahe täglich zu wilden Bandenkämpfen, immer dreisteren Überfällen und Großeinsätzen der mit dem Verbrechertum der Stadt verbündeten Polizei - mal in der City, mal am Hafen, mal im Industriegürtel, in den Arbeitervorstädten, in den Villenkolonien oder auch in den Wäldern der Umgebung.

Beim Überfall auf die Hauptverwaltung der Kunz-Werke, bei der Plünderung des Warenhauses „Central“, bei der zweistündigen Schießerei im Fußballstadion und dem Bombenanschlag auf das vollbesetzte Gloria-Theater kommen zusammen mehr als zweitausend Menschen ums Leben. Die meisten Toten gibt es bei der Belagerung der Hedwigstadt, einer mittelständischen Gegend, in der sich zwei verbündete Banden aus Wien und aus Südamerika verschanzt haben und der anrückenden Polizei ein drei Tage dauerndes Feuergefecht liefern, so daß sich die „Ordnungskräfte“ schließlich gezwungen sehen, die Häuser anzustecken und das ganze dichtbevölkerte Stadtviertel niederzubrennen.

Trotz dieser schrecklichen Vorkommnisse, die von Plünderungen und immer neuen Vergewaltigungen begleitet sind, bleiben die Bürger der so hart geplagten Stadt bemüht, weiter ihren Geschäften nachzugehen, die Versorgung in Gang zu halten und den Terror so gut es geht zu ertragen. Aber nachdem mehr als ein Jahr vergangen ist, ohne daß sich, von kurzen Pausen abgesehen, etwas ändert, beginnen sie sich zu fragen, welchen Sinn es habe, für etwas zu arbeiten, was vielleicht schon morgen von Verbrechern oder Polizisten mutwillig zerstört wird. Von jetzt an schließen immer mehr Geschäfte und Betriebe; das Heer der Arbeitslosen wächst, und die öffentlichen Verkehrsmittel fallen immer häufiger aus. Man macht sich nicht mehr die Mühe, zerschlagene Scheiben gleich zu ersetzen, sondern nagelt nur ein paar Bretter auf die leeren Rahmen. Trümmer, Müll und Abfall türmen sich in den Straßen. Die Rattenplage nimmt zu, und Strom gibt es nur noch stundenweise. Dabei geht das Leben in der Stadt weiter. Es wird Geld verdient und mit leichter Hand ausgegeben. Gangster und Polizei versuchen auch, sich zu verständigen, mindestens aber Teile des jeweils gegnerischen Lagers auf ihre Seite zu ziehen, was mal den einen, mal den anderen gelingt. Die neuen Freunde werden dann dadurch belohnt, daß man ihnen ein Stadtviertel zum Geschenk macht; dort können sie sich einnisten, Schutzgebühren erheben, Verstärkung anwerben und, wenn sie wollen, auch „Ordnung“ schaffen.

Man gewöhnt sich auch daran, aber dann kommt ein neuer Schrecken über die Stadt: Die gesamte Polizei des im Norden angrenzenden Bundeslandes, ursprünglich von vielen heiß herbeigesehnt und da, wo sie in die Arbeitervorstädte eindringen kann, stürmisch begrüßt, erweist sich bald als beinahe noch schlimmere Plage als die, die sie beseitigen soll. Die Nordpolizei, wie sie genannt wird, erringt zwar Erfolge gegen die Stadtpolizei und die Gangster; sie kann bis tief in die City vordringen und einen beträchtlichen Teil des Stadtgebiets freikämpfen. Aber erstens werden dabei ganze Viertel in Schutt und Asche gelegt, Zehntausende kommen mitunter an einem Tag ums Leben, und zweitens sind auch die Nordpolizisten, wie man bald merkt, mit großen Teilen der Unterwelt sowie mit den Direktoren des Kunz-Konzerns im Bunde, machen mit einigen der gefährlichsten Gangsterbosse gemeinsame Sache und ernennen sie zu „Beschützern“ noch intakter Wohn- und Geschäftsgegenden. Ja, auch die Nordpolizisten scheuen vor Plünderungen und Vergewaltigungen nicht zurück. Im Arbeiterviertel Neukunzstadt hausen sie so, daß das „Massaker im Inter-Plaza“ dagegen rückblickend fast harmlos wirkt.

Monat um Monat, Jahr um Jahr vergeht, ohne daß sich, von kurzen Pausen abgesehen, für die Menschen der Stadt ein Hoffnungsschimmer zeigt. Im Gegenteil, es wird immer schlimmer: Lebensmittel sind nur noch auf dem Schwarzen Markt zu haben - gegen Gold, ausländische Devisen oder Wertsachen. Wer davon nichts hat, muß stehlen oder hungern.

Mit wachsender Unterernährung nimmt auch die Anzahl derer zu, die bettelnd und, wenn sich Gelegenheit dazu bietet, auch raubend durch die besseren Gegenden ziehen. Viele junge Leute aus dem Heer der Arbeitslosen schließen sich den Gangsterbanden an oder lassen sich von der Nordpolizei anwerben. Immer mehr Frauen und Mädchen, darunter Töchter aus gutbürgerlichen Familien, sogar noch Schulpflichtige, laufen von zu Hause fort und leben fortan bei den Gangsterbanden oder in den Polizeiunterkünften, denn dort gibt es immer etwas zu essen. Aus der wachsenden Schar der Waisenkinder, die in den Kellern ausgebrannter Häuser leben, gehen viele zur Nordpolizei und werden „Troßbuben“ genannte Strichjungen oder suchen sich als Mädchen einen „Beschützer“ unter den Polizisten, wo sie zum beliebten, weil billigen Einsatz beim Würfel- und Kartenspiel werden.

Zu dem Hunger, dem zunehmenden sittlichen Verfall, den für die Einwohnerschaft so verlustreichen Kämpfen und ihrer ständigen Drangsalierung durch Gangster und Polizei kommen bald auch Seuchen: die Pest, die Cholera, der Typhus und die Syphilis grassieren in der Stadt, und es sterben so viele, daß man aufhört, die Leichen zu bestatten. Man läßt sie auf den Straßen liegen. Und nur, wenn ein Bandenführer oder Polizeichef gerade einen Sieg errungen hat und triumphierend Einzug in das eroberte Stadtviertel hält, dessen Bewohner ihm jetzt „Schutzgeld“ zahlen und Essen, Alkohol und Mädchen liefern müssen, räumt man eilig die Toten zusammen und verbrennt den Leichenhaufen.

Der Gestank, das Ungeziefer und die Verwahrlosung nehmen immer mehr zu, aber gleichzeitig strömen immer neue Gangsterbanden und Polizeiverbände in die Stadt. Die ganze Unterwelt Europas und die „Ordnungshüter“ aller Nachbarstaaten geben sich hier ein Stelldichein. Die Nordpolizei muß unter dem Druck der vereinigten Stadtpolizisten und Gangster den größten Teil ihrer Eroberungen räumen und hinterläßt ihn als Trümmerfeld; gleichzeitig rückt jetzt Westpolizei ein, aber die Menschen in der Stadt haben längst aufgehört, sich Hoffnungen zu machen. Sie wissen, daß nicht „Reinigungsaktionen“ und „konzentrische Angriffe“ ihnen ein Ende des Schreckens bringen können, sondern nur ein Abzug aller Unterweltler und Polizisten. Aber der ist noch längst nicht in Sicht.

Zwar sind sich alle Parteien und Gruppen inzwischen darüber im klaren, daß keiner alleiniger Sieger und Besitzer der Stadt werden kann; daß weder der Hinz- noch der Kunz-Konzern das ersehnte Monopol bekommen wird. Aber noch hoffen alle, ihre eigenen Positionen auf Kosten der Gegenseite (oder auch der eigenen Verbündeten) noch etwas verbessern zu können. Die Großeinsätze lassen jetzt nach; statt dessen kommt es nur noch ein-, zweimal im Monat zu Einzelaktionen, aber es dauert weitere zehn furchtbare Jahre, bis endlich die West-, die Nord- und die Stadtpolizei, die Hinz-Gruppe und der Kunz-Konzern sowie sämtliche Anführer der Gangster-Syndikate, Banden und Ringvereine zu einem Kompromiß kommen, der natürlich zu Lasten der Stadt und ihrer Einwohnerschaft geht.

Bis es endlich soweit ist, müssen noch Hunderttausende sterben, nimmt die Roheit der Gangster und Polizisten ein Ausmaß an, das „bestialisch“ zu nennen eine Verniedlichung wäre. Denn keine Bestie unter den Tieren hat je so unbeschreibliche Grausamkeiten begangen wie die Herren von den Syndikaten und Konzernen, ihre diversen Polizeichefs und deren Leute. Auch die Einwohnerschaft ist - wie könnte es anders sein? - nicht nur verelendet, verlaust, verseucht und sittlich verkommen, sondern auch verroht. Hie und da haben sich Selbstschutzorganisationen gebildet, die jeden Polizisten oder Gangster, gleich welcher Seite, wie einen tollwütigen Hund erschießen oder erschlagen, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet. Der Hinz-Konzern läßt daraufhin rasch noch eine „Strafaktion“ gegen die „Arbeiterwehr“ durchführen; das für die Hinz-Gruppe arbeitende Syndikat lockt dazu erst zwei Männer dieser Selbsthilfeorganisation in eine Falle und röstet sie auf dem Grill eines Restaurants, bis sie die Namen der Anführer verraten. Dann werden diese Männer gefangen, und vor den Augen der entsetzten Einwohnerschaft schneidet man ihnen aus lebendigem Leib erst Riemen, dann haut man ihnen jedes Glied einzeln ab. Damit bricht jeder Widerstand in diesem Stadtviertel zusammen, und in den anderen Gegenden der Weltstadt nehmen die Versuche, einen Einwohner-Selbstschutz zu bilden, einen ähnlich grausigen Verlauf.

Übrigens, auch unter den obersten Bossen kommt es häufig zu blutigen Streitereien. Der Chef des Kunz-Konzerns ist bei einer Schießerei umgekommen; den Generaldirektor der Hinz-Gruppe haben die eigenen Unterführer im heimlichen Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat bei einer Vorstandssitzung am Stadtrand-kurzerhand ermordet. Aber niemand weint diesen Anführern eine Träne nach. Und auch wir verzichten darauf, auch nur ihre Namen zu nennen.

Als der schrecklichste Krieg der deutschen Geschichte nach mehr als dreißig Jahren 1648 endlich zu Ende ging, war die Gesamtbevölkerung Deutschlands um mehr als die Hälfte zurückgegangen - von knapp 26 auf weniger als 13 Millionen - und war damit wieder auf dem Stand, den sie ziemlich genau drei Jahrhunderte -zuvor hatte, ehe die großen Seuchen, vor allem der Schwarze Tod von 1351, die Bevölkerung dezimierten. Das heißt: Es starben in Deutschland während des Dreißigjährigen Krieges prozentual etwa fünfmal mehr Menschen als im Zweiten Weltkrieg,-fünfzehnmal mehr als 1914-1918 und fünfhundertmal soviel wie 1870/71.

Die Überlebenden, soweit sie nicht als Bettler und Huren verkamen, erlebten eine Stunde Null, gegen die jene von 1945 noch paradiesisch genannt werden kann. Auf dem Lande lag jedes zweite Dorf in Schutt und Asche; es gab kaum noch Pferde und Vieh; halbverhungerte Männer, Frauen und Kinder mußten sich selbst vor den Pflug spannen, um die seit Jahren brachliegenden Böden wieder zu bestellen. Zahlreiche große und kleine Städte waren fast völlig zerstört; manche von ihnen, etwa Magdeburg, vor dem Krieg einer der bedeutendsten Plätze des Reiches, erholten sich nie wieder richtig von den Verwüstungen des Krieges. Die Armut der städtischen Mittel- und Unterschichten war katastrophal. Doch was das Schlimmste war: An der weiteren Unterdrückung und Ausbeutung des Volks durch die Feudalherren hatte sich gegenüber der Vorkriegszeit so gut wie nichts geändert, außer daß das Volk sie in seinem Elend noch härter empfand als zuvor.

Die Landesherren hatten ihr Ziel insofern erreicht, als es mit der Macht des Kaisertums in Deutschland endgültig vorbei war und die kleinen Fürsten sich als absolute Herren in ihren Ländchen fühlen konnten. Zwar gab es das Reich noch, aber erheblich verkleinert, im Norden um Vorpommern mit Greifswald, Wolgast, Stettin, Usedom, Wollin, Rügen und Wismar, das an Schweden fiel, sowie um die Bistümer Bremen und Verden an der Aller, die Dänemark bekam. Die Niederlande und die Schweiz schieden endgültig aus dem Reichsverband aus. Der Kaiser verzichtete für sich und das Reich zugunsten Frankreichs auf das Ober- und Niederelsaß, den Sundgau und das rechtsrheinische Breisach, und Frankreich wie auch Schweden erhielten das Recht, die deutsche Innenpolitik mitzubestimmen und jederzeit Truppen einmarschieren zu lassen, wenn sie es in ihrem Interesse für geboten hielten.

Die konfessionelle Spaltung blieb erhalten, die Macht der Kurfürsten ebenfalls. Aber die Kaiser, die sie fortan wählten, und das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“, das erst im Jahre 1806 sein Leben aushauchte, hatten fortan für die deutsche Politik kaum noch Bedeutung - so, wie umgekehrt Deutschland seine Bedeutung für die Weltpolitik fast gänzlich eingebüßt hatte. Die Großmächte benutzten die deutschen Kleinstaaten lediglich als Puffer zwischen ihren Interessensphären oder spielten sie gegen ihre Rivalen aus, wenn ihnen dies praktisch erschien.“

Das ist klar und deutlich. Nichtsdestotrotz möchte der Wurm auf einige Details näher eingehen. Mensch wird da nämlich deutliche Parallelen zu allen Zeiten feststellen. Auch und gerade zur Gegenwart.

 

Geopolitik zuvor

 

Mensch sehe sich die Karte „Europäischer Herrschaftsbereich Karls V., nach seiner Wahl 1519“ im Link https://de.wikipedia.org/wiki/16._Jahrhundert an.

Dann wird mensch eine erdrückende Übermacht der Habsburger in Europa sehen: den Habsburgern gehört die Iberische Halbinsel, ganz Süditalien, ein großer Teil Norditaliens, das Erbe Burgunds sowie die österreichischen Besitzungen. Dadurch, dass sie seit Mitte des 15. Jahrhunderts ununterbrochen Kaiser des Deutschen Reiches sind, übern sie auch hier einen großen Einfluss aus.

Mit den Folgen, dass zum einen das Haus Habsburg dem Rest Europas diktieren will, wo es lang zu gehen hat und der spanische Teil danach strebt, eine Landverbindung seiner burgundischen Besitzungen, also dem nicht-französischen Teil der Oberen Lande der Freigrafschaft Burgund und den Niederen Landen (im Wesentlichen die heutigen Benelux-Staaten) zu schaffen.

Zum anderen, dass sich der Rest Europas gegen diese Übermacht wehren wird. Die wesentlichen Gegner Habsburgs im 16. Jahrhundert (und danach) heissen Frankreich, England und Venedig, wobei ein nicht unwesentlicher Teil der kriegerischen Auseinandersetzungen in Italien geführt wird. Zusätzlich wird zumindest finanziell ein Gegner unterstützt, der das habsburgische Österreich beschäftigen wird: das Osmanische Reich.

Während das österreichische Habsburg innenpolitisch in Glaubensfragen relativ tolerant war, war der spanische Teil äußerst intolerant und wollte nach der Eroberung des ehemals muslimischen Spaniens mit hohem jüdischen Bevölkerungs-Anteil nur streng gläubige Katholiken im Lande haben. Aus diesem Grunde wurde die Inquisition eingeführt, damit sich keiner verstellen konnte. Wenn heute die Worte „Inquisition“ und „Ketzer-Verbrennungen“ gebraucht werden, handelt es sich zum größten Teil um Vorgänge im Spanischen Reich im 16. Jahrhundert.

Da die nördlichen Provinzen der Niederen Lande calvinistisch geworden waren und dies bleiben wollten, wurden die spanischen Herrscher rabiat und es kam zum Kampf um die Unabhängigkeit der heutigen Niederlande vom Spanischen Reich. Im Jahr 1609 kam es zum Waffenstillstand, wobei klar war, dass der Krieg wieder aufgenommen würde.

Im kleineren Rahmen gab es Differenzen im Hause Wittelsbach: der eine Zweig war im Besitz der Kurpfalz mit der Hauptstadt Heidelberg, calvinistisch und im Besitz der Kurwürde (also einer der 7 Kurfürsten, die seit dem 13. Jahrhundert den neuen Kaiser wählten). Der andere Zweig der Wittelsbacher war im Besitz Bayerns mit der Hauptstadt München und streng katholisch. Der Pfälzer Kurfürst ehelichte die englische Königstochter, war Haupt der protestantischen Union und strebte nach Höherem. Der bayerische Herzog war neidisch auf den Pfälzer und strebte nach dessen Land und dessen Kurwürde.

In den ursprünglich germanischen Gebieten gab es noch halbwegs „demokratische“ Traditionen. Der Führer sollte „Erster unter Gleichen“ sein und nach dessen Ausscheiden sollte der Beste Nachfolger werden unter Wahrung der Rechte der restlichen Großkopferten, meist „Stände“ genannt. Die Einen beharrten auf ihren alten Rechten und die Anderen trachteten nach der Alleinherrschaft. Wozu auch das Erbe gehört: es soll nicht mehr frei gewählt werden, sondern der Herrscher möchte sichergestellt wissen, dass sein körperlicher Erbe auch sein Nachfolger in der Herrschaft wird.

Diese Tendenzen gab es auf allen Ebenen. In den Niederlanden hat es deswegen schon gekracht und in Böhmen wird es deshalb krachen.

 

Religion zuvor

 

Gegenreformation

 

Nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 war religiös-militärisch im Deutschen Reich halbwegs Ruhe.

Allerdings setzte um diese Zeit die katholische Gegenreformation ein. Durch Pracht-Entfaltung (Barock) und Feierlichkeit bei den Messen wie verstärkter Marien-Verehrung sollten die Emotionen für den Katholizismus geschürt werden.

Politisch wurden die schlimmsten Auswüchse der Kirchenpolitik (Ablass, Pfründe) zumindest eingedämmt.

Unter Führung der Jesuiten wurde verstärkt Wert auf Bildung gelegt. Das betrifft Priester-Ausbildung, aber auch Laien-Bildung.

Das Jesuitenkolleg in Ingolstadt gehörte zu diesen Bildungs-Einrichtungen. Die zwei berühmtesten Schüler, die dort in der gleichen Zeit gebildet wurden, waren später die beiden Hauptpersonen des 30jährigen Krieges: der habsburgische Kaiser Ferdinand II. und der bayerische Herzog Maximilian I.. Hier erhielten die beiden ihr geistiges Rüstzeug und ihre Unnachgiebigkeit gegenüber dem Protestantismus.

Ziel der Gegenreformation war die Festigung im katholischen Glauben und die Rückeroberung ehemals katholischer Gebiete. Wie auch immer.

 

Der Dämon Insalata

 

Zur Stärkung des Glaubens gehörte auch Mumpitz.

Golo Mann: „Noch gab es den jüngeren Vetter, Erzherzog-Ferdinand, Regenten von Innerösterreich: Der war nun ganz anders als die schwierigen Königsbrüder; in glücklichstem Verhältnis zu Gott dem Herrn, welches die Hauptsache war; erfolgreicher Ehernann, guter Sohn, gewissenhafter Landesvater, gutmütig, wenn fromme Pflicht ihn nicht zur Grausamkeit zwang, lebensvergnügt und kerngesund. Seine Mutter, Maria von Bayern, hatte fünfzehn Kinder geboren, von denen zwölf dem Kindertod entgingen. Mit ihnen, trotz des burgundisch-spanischen Pompes der habsburgischen Höfe, ging sie auf frische, unverbogene, lebenskluge Weise um. Drei ihrer Töchter sah sie als Königinnen, nämlich zwei von Polen, eine von Spanien. Selber übte sie, bevor ihr ältester Sohn volljährig wurde, eine Zeitlang praktisch die Regentschaft aus, und zwar so gut, wie Frauen von Tatkraft und gesundem Verstand das oft getan haben. Ehe Ferdinand im Jahre 1598 die Regierung antrat, machte er eine Wallfahrt nach Loreto, legte die Beichte ab, inspizierte den Schatz der Kapelle, sah auch zu, wie einer Besessenen der böse Geist ausgetrieben, der Dämon gezwungen wurde, seinen Namen zu nennen, der lautete Insalata. Nach geschehenem Exorzismus unterhielt der Fürst sich mit der Erlösten, froh, sie nun ganz gereinigt und andächtig zu finden. Zurückgekehrt von seiner Pilgerreise, versprach er der Mutter, lieber allen Reichtum auf Erden zu verlieren, als der Religion Schaden zu tun; ein Grundsatz, von dem er sich bis zu seinem seligen Ende in Tat und Wahrheit leiten ließ, „denn das Ewige immer dem Zeitlichen vorzuziehen ist“. Das Volk der kernprotestantischen Stadt Graz lachte zuerst, wenn der Jüngling mit seinen Priestern hinter dem Allerheiligsten herschritt; das Schauspiel hörte aber bald auf, humoristisch zu sein.

Im Jahre 1600 vermählte Ferdinand sich mit der bayerischen Prinzessin Maria Anna, Schwester seines Vetters, des Herzogs Maximilian. Die Heirat bedeutete ein Band mehr zwischen beiden Fürsten, die ehedem zusammen bei den Jesuiten in Ingolstadt zur Schule gegangen waren, nicht ganz ohne Reibereien übrigens. Es hatte sich ein Vorrechts-Streit ergeben einmal, als der siebzehnjährige Bayer den ersten Platz in der Kirche einnahm, der zwölfjährige Ferdinand sich aber vor ihn stellte; was zwischen den Eltern und Verwandten beider Prinzen zu einer umständlichen, scharfen Korrespondenz führte. Der Vorfall bezeichnet ihr Verhältnis: lebenslange Schicksalsgemeinschaft und immer spannungsreiche Freundschaft. Maximilian war der ungleich Bedeutendere, soll heißen, Willensstärkere, Nachdenklichere, weiter Sehende, der aus weniger mehr machte und dem Habsburger zeitweise das Gesetz vorschrieb, wobei er stets die Formen des eine Rangstufe tiefer Stehenden wahrte. Seine Frömmigkeit erscheint nicht nur als der Gewinn jesuitischer Erziehungskunst, sie wohnte und wühlte in der Seele tiefstem Grunde; in aller Stille pflegte er sie durch Bußübungen, Fasten, die seinem Vetter in Steiermark schwer genug gefallen wären, härene Hemden unter dem Staatsgewand, Geißelungen. Als man später ein dem Kloster Altötting gestiftetes Tabernakel öffnete, fand sich ein Zettel darin, beschrieben mit des Herzog eigenem Blut: sein Leben, die langjährige, harte Arbeit, die ihm bevorstand, hatte er der Heiligen Jungfrau gewidmet. So weit wäre nun Ferdinand nie gegangen; der zuverlässig mit den himmlischen Mächten stand, wenn er nur alles treu erfüllte, was seine Gewissensräte ihm diktierten.“

 

Evangelisch Leben

 

Peter Milger: „Im Jahr 1570 schätzt ein reisefreudiger Venezianer, dass rund 80% der Bevölkerung im Reich Deutscher Nation protestantisch seien. Auch in den Erbländern der Habsburger hatten protestantische Stadtbürger und Adlige in Räten und Ständen Mehrheiten gebildet und gegen Steuerzusagen "Freiheiten" durchgesetzt. Protestantismus ist nun auch ein Politik- und Lebensstil, der "katholischem" Regieren entgegensteht.

Mehrere Erzbistümer und Bistümer im Norden des Reichs werden inzwischen evangelisch regiert. Protestantische Adlige und Städte haben Tausende von Klöstern inklusive Grundbesitz und leibeigener Bauern an sich gebracht. Teils um Schulen, Krankenhäuser, Altenheime oder Almosenkassen aus den Erlösen zu unterhalten, teils um die Abgaben für sich selbst einzutreiben. Auch Privatleute, evangelische wie katholische, haben sich manches Grundstück gekauft. Das alles ist weitgehend illegal aus der Sicht der Reichskirche, des Papstes, der Habsburger und der noch lebenden Vorbesitzer. Die Größenordnung der Rückforderung entspricht etwa der ganzen ehemaligen DDR, und bei Abschaffung des real existierenden Protestantismus hätten sich sicher ähnliche Probleme eingestellt, wie bei der Wende weiland. Für eine solche ist die Zeit nun allerdings reif, meint das Lager der Geschädigten, zu dem auch der König von Spanien gehört.“

 

Säuberung in Österreich

 

Peter Milger: „Ferdinand zeigte schon mit 24 Jahren, wozu er fähig war. In seinen Erbländern Steiermark, Kärnten und Krain erließ er 1602 ein Edikt, das seine Geisteshaltung dokumentiert. Er ging gegen evangelische Pfarrer und Lehrer und deren Anhang vor. Laut Ferdinand: "sektische Prädikanten, als wissentliche Aufrührer wider die landesfürstliche Obrigkeit, als Betrüber und Zerstörer des gemeinen Friedens." Sie sollten: "samt den Schulhaltern (Lehrern) und deren Adhärenten (Anhang) aus all diesen Fürstentümern und Landen auf ewig geschafft werden, bei Strafe der Verlierung ihres Lebens." "Welcher eine solche Person unseren Obrigkeiten lebendig ausliefert, dem werden jedesmal 300 Thaler zur Verehrung aus unserer fürstlichen Kammer erlegt werden." Alle anderen Unkatholischen, die "Sektischen", sollten: "zu der heilwürdigen Bekehrung mit Beichten und Kommunizieren, bei ordentlichen katholischen Pfarrern ... greifen." Oder sie mussten nach acht Wochen für immer das Land verlassen: "nach Erlegung des Zehnten ... bei Verlust aller ihrer Hab und Güter ..." Für einen evangelischen Gläubigen stand nicht die Seligkeit auf dem Spiel, wenn er unter Zwang am katholischen Ritus teilnahm. Was er verlor, ist schwer nachzufühlen, das Gesicht, seine Würde, die Wertschätzung seiner Freunde ... Die Bilanz der Säuberungsaktion war positiv, die Fiskalkammer schrieb schwarze Zahlen. Viele Protestanten wanderten aus, manche zu Verwandten, manche in die Fremde. Nach jeder erfolgreichen Gewaltanwendung im sogenannten "Religionskrieg" wird das die erste Maßnahme sein: Die Beschlagnahme und Einziehung von "Hab und Gütern" der "Rebellen". Die einen gut katholisch, die anderen gut evangelisch, allerwegen. Die Kanzleischreiber bekamen zu tun.“

 

Schwäbischwerd

 

Peter Milger: „Einige Historiker halten dafür, der 30jährige Krieg habe im Jahr 1606 seinen Anfang genommen. Im heutigen Donauwörth …

Die Stadtoberen schilderten bei späteren Verhören den Hergang weniger dramatisch. Aber das nützte nichts. Kaiser Rudolf II. ließ die Falle zuschnappen und stellte Schwäbischwerd unter Aufsicht des Bayernherzogs Maximilian. Ärger hätte es nicht kommen können, denn damit waren die reichsstädtischen Freiheiten dahin. Als die bayrischen Kommissare im April 1607 anrückten, sahen sie sich einer aufgebrachten Menge gegenüber und wandten sich zur Flucht. Die Vertreibung der Amtspersonen brachte den Schwäbischwerdern durchweg schlechte Noten ein. Friedrich Schiller, wegweisend dem "Idealen" verpflichtet: "fanatischer Pöbel, fanatischer Haufe." Als habe der Bayernherzog irgend etwas "Gutes" im Sinn gehabt. Der "Pöbel" wusste genau, was es war: Steuern eintreiben. Und auch, dass beim nächsten Mal Militär die Beamten begleiten würde. Aber da waren ja noch die benachbarten protestantischen Fürsten, die würden sie doch nicht im Stich lassen? Ließen sie doch. Eine Intervention barg finanzielle und politische Risiken, da lag es näher, nicht genau hinzusehen. Der Kaiser sprach die Reichsacht über Schwäbischwerd aus und übertrug dem Bayernherzog die Ausführung. Anfang Dezember 1607 gaben sich die Schwäbischwerder noch wehrfreudig und übten an Gewehr und Geschütz. Aus Nördlingen trafen zwei Wagenladungen Rüstungsgut ein, das war aber auch alles, von protestantischer Seite. Als am 15. Dezember die Alarmtrommel ertönte, fanden sich nur eine Hundertschaft Bewaffnete ein. Auszurichten war ohnehin nichts. Die anrückende bayrische Armee bestand aus 6.000 Mann zu Fuß, 5 Kompanien zu Pferd und der Leibgarde des Herzogs. Dazu rollten 12 Geschütze an, 80 Wagen mit Munition und Sturmgerät, und etliche Kutschen, in denen bayrische Verwaltungsbeamte und Jesuiten anreisten. Ein schreckliches Aufgebot, insgesamt. Die Bürger wählten einen neuen Rat, der die Stadt übergab. Der Rest war Routine. Die Besatzung machte sich in den Häusern breit, die "Rädelsführer" und "Aufrührer" wurden verhaftet und "leiblich" bestraft. Ihr Vermögen ging größtenteils an den bayrischen Fiskus. Um die evangelische Pfarrkirche kümmerten sich die Jesuiten, ihre Beschlagnahme erfolgte bald darauf mittels einer Rechtsbeugung. Die Besiegten blieben indessen standhaft, als sie auf höhere Weisung zum Wechsel der Konfession gedrängt wurden. Lieber nahmen sie lange Wege und Passgebühren in Kauf, um benachbarte protestantischen Kirchen aufzusuchen, als sich katholisch taufen, trauen oder beerdigen zu lassen. Aber mit der reichsstädtischen Herrlichkeit war es vorbei, und nicht einmal Schwäbischwerder durften sich die Schwäbischwerder fortan nennen. Der Herzog, dem sie nun untertan und steuerpflichtig waren, verpasste der Stadt, die jetzt ihm gehörte, den Namen Donauwerd. Man kann den Gewaltstreich durchaus als ein Vorgeplänkel des 30jährigen Krieges ansehen: Eine Stadt war unter Vorschützung von Glaubensgründen annektiert worden, im Zusammenspiel zwischen dem Kaiser und einem Fürsten. Da ihr Vorgehen Methode erkennen ließ, lösten die Nachrichten aus Schwäbischwerd im Reich erhebliche Unruhe aus.“

 

Union und Liga

 

Peter Milger: „Die rabiate Annexion von Schwäbischwerd und die fadenscheinige Begründung erweckte im protestantischen Lager nun doch einigen Argwohn. Die Gegenreformation war offenbar doch nicht nur gegen die evangelischen Untertanen katholischer Landesherren gerichtet. Was man lange verdrängt hatte, kehrte schmerzlich ins Bewusstsein zurück: 1555 zu Augsburg hatten die Verlierer, Kaiser und Kirche, auf die Rückgabe der säkularisierten geistlichen Güter verzichtet, aber nur unter Zwang und somit nicht endgültig. Fragen über Fragen: War Habsburg nur wegen seiner auswärtigen Verwicklungen und Kriege davon abgehalten worden, an der inneren Front zu mobilisieren, gegen die "Räuber, Aufrührer, Rebellen, Ketzer ..."? Sollte sie jetzt losgehen, die militärische Gegenreformation? War die Annexion der protestantischen Stadt ein "Signal"? Ja, befanden die evangelischen Stände, aber reagierten nur zaghaft mit einem Protest. In einem Schreiben im Februar 1608 warfen sie der Gegenseite Rechtsbruch vor und forderten die Rücknahme aller Maßnahmen. Dem Kaiser hielten sie zugute, er sei falsch informiert worden, was auch zutraf. Die Juristen der Protestanten gaben auf etlichen Seiten ihr Bestes, beriefen sich eifrig auf den Augsburger Religionsfrieden, aber es half nichts. Warum sollte der Herzog eine wertvolle Stadt wieder herausrücken? Wegen eines "Friedens" der im Grunde das größte Übel war? Das war nicht der Zweck der Übung. Auf dem Reichstag in Regensburg brachten im Februar 1608 katholische Fürsten den Antrag ein, die seit 1552 eingezogenen Kirchengüter seien zurückzugeben. Jetzt hatten es einige doch eilig. Nur neun Tage später schlossen im Kapitelsaal des säkularisierten Klosters Auhausen bei Nördlingen sechs protestantische Landesherren ein Verteidigungsbündnis: Die "Protestantische Union". Es waren zunächst nur die "Frontstaaten" Kurpfalz, Neuburg, Ansbach, Kulmbach, Baden-Durlach und Württemberg, die vereinbarten, jeder Angriff auf einen Vertragspartner sollte gemeinsam abgewiesen werden. Sie betonten in der "Unionsakte" ihre Friedensliebe und ihren Gehorsam gegenüber dem Kaiser, waren aber beunruhigt wegen der Meldungen, nach denen: "In der Nachbarschaft allerhand heimliche und öffentliche Kriegsrüstungen vorgehen und laut der Zeitungen im vollen Anzug sein sollen." Die bei der Verteidigung ihrer Territorien und damit auch "Teutscher Kurfürsten und Stände Freiheit" entstehenden Kosten sollten je nach Vermögen als "Anlage" eingebracht werden. Aber auch ein Abwehrkrieg kann ja bei günstigem Verlauf zu Eroberungen führen. Daran hatten die Herren durchaus gedacht: "Die Städte, Schlösser, Festungen oder andere liegenden Güter, große Geschütze und dergleichen, soll jeder zunächst in Händen behalten und wenn nicht alsbald, so doch nach Ausgang des Kriegs unter den unierten Ständen, nach Höhe eines jeden Anlage, gleich ausgeteilt werden." Kursachsen war gegen das Bündnis und blieb es lange. Als der 30jährige Krieg begann, marschierte es in Böhmen ein, mit dem Kaiser verbündet gegen die protestantischen Stände, also die "Glaubensbrüder" …

Durch die Aktivitäten der Union sahen sich die wichtigsten katholischen Fürsten im Juli 1609 genötigt, in München ein Gegenbündnis ins Leben zu rufen: die Liga. Der bayrische Herzog Maximilian, Erzbischöfe, Bischöfe und Fürstäbte rauften sich auch nicht leichter zusammen als ihre Gegenspieler, dazu gab es Irritationen mit den Habsburgern, die nicht hinzugebeten worden waren. Maximilian zierte sich eine Weile, ließ sich dann aber doch zum Direktor der Liga ernennen. Wie in der Union wurde getagt, geschrieben und geschachert, gab es Ein- und Austritte. Im April 1610 hatte noch keiner der durchaus betuchten Fürsten seinen Obolus an die Bundeskasse entrichtet. Der Papst und Spanien ließen ausrichten, Geld sei nur zu erwarten, wenn Habsburg die Leitung übernehmen würde. Im Dezember 1609 bemerkte Christian von Anhalt zur Liga: "Sie ist mit der unseren weder in der Materie noch in der Form zu vergleichen, und sie lassen ihre Imbezillität durchaus verspüren." Da hat er sich geirrt, der Christian. Wer der Dumme sein würde, sollte sich noch zeigen.“

 

Kurz davor

 

Peter Milger: „Im März 1609 schließen die niederländischen Generalstaaten und Spanien einen Waffenstillstand für 12 Jahre. Ein Signal für Frieden? Mitnichten. Es gibt noch eine Hängepartie wegen der Erbfolge im konfessionell gespalteten Territorium Jülich-Kleve. Als der Landesherr im März stirbt, begibt sich halb Europa in die Startlöcher, als wolle man schon mal üben. Der Habsburger Erzherzog Leopold, Erzbischof auch zu Passau und Salzburg, hält im Pakt mit katholischen Fürsten und Spanien die Festung Jülich, damit das Territorium nicht an einen protestantische Bewerber falle. England, Frankreich und die abgefallenen Niederländer treten auf der Gegenseite an, wegen befürchteter spanischer Gelüste vor allem. Man kann den Potentaten beider Lager alles mögliche unterstellen, aber direkt kriegslüstern waren sie nicht. Die Sorge um die Kasse, ihre wertvollen Kanonen und die schwer durchschaubaren Absichten der Bündnispartner dämpfte die Gewaltbereitschaft. Verringerte sich aber das Risiko durch mächtige Verbündete, nahm der Mut beträchtlich zu. Das ist nun der Fall, als sich die antihabsburgische Allianz unter Mitwirkung Frankreichs abzeichnet. Inzwischen durch Brandenburg, Hessen-Kassel und weitere Reichsstädte verstärkt, beschließt die Union nach langer Debatte auf dem Unionstag in Schwäbisch Hall im Februar 1610, eine Truppe zur Unterstützung der protestantischen Anwartschaft nach Jülich zu entsenden. Ein Beobachter der Verhandlungen in Schwäbisch Hall schreibt am 12. Februar an den König von Frankreich (Heinrich der IV., jener berühmte, der Katholik wurde, um König zu werden): "Wir sind bei dem Augenblick angelangt, welcher über die Geschicke des Hauses Österreich entscheidet." Steht schon vor der Tür, der große Krieg, den viele für unvermeidlich halten? Mit einem Heer von 34.000 Mann wollte Heinrich die finale Operation gegen Habsburg mit einem Schlag gegen die noch spanischen Provinzen der Niederlande eröffnen, von Jülich aus. Das Schicksal des großen Planes wurde indessen nicht auf dem Schlachtfeld entschieden, sondern durch den Dolch des Mönches Ravaillac, der am 14. Mai 1610 in den Leib Heinrichs IV. fuhr. Doch selten werden Grundantagonismen durch "persönliche" Lösungen aus der Welt geschafft. Den großen Krieg um Land und Leute hatte der Mord nur wieder auf Eis gelegt und das Vorhaben der Unierten nahm wieder kleinstaatliche Züge an.“

Aus „Wikipedia“: „François Ravaillac (* 1578 in Touvre bei Angoulême; † 27. Mai 1610 in Paris) war der Mörder König Heinrichs IV. von Frankreich. Ravaillac wurde für die Tat 1610 in Paris öffentlich hingerichtet.

Ravaillac war einfacher Herkunft und arbeitete zunächst als Diener und später als Lehrer. In hohem Maße religiös, trat er dem Orden der Feuillanten bei, wurde jedoch nach kurzer Zeit wegen seines Hanges zu Visionen entlassen. 1606 versuchte er vergeblich, den Jesuiten beizutreten.

1609 hatte er eine Vision, nach der er sich berufen fühlte, Heinrich IV. zur Konvertierung der Hugenotten zum Katholizismus zu bewegen. Da es ihm nicht gelang, mit dem König in Kontakt zu treten, interpretierte er die Entscheidung des Königs, die Spanischen Niederlande zu überfallen, als den Beginn eines Krieges gegen den Papst. Um den König davon abzuhalten, beschloss er, ihn zu töten. Er stach Heinrich am 14. Mai 1610 in der Rue de la Ferronnerie Nr. 11 (Gedenktafel) in Paris nieder. Er wurde umgehend festgenommen und in das Hôtel de Retz gebracht, um zu verhindern, dass er vom Mob gelyncht würde. Während seiner Verhöre wurde er mehrfach gefoltert, blieb aber dabei, dass er keine Auftraggeber oder Komplizen hatte.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Ravaillac

Ob er Auftraggeber hatte oder nicht – die Tat kam Habsburg sehr zupass. Hansjörg Frommer in seinem Vortrag „1618 – Beginn des Dreißigjährigen Krieges“: „Aber die deutschen Habsburger waren in einer tiefen Krise: Kaiser Rudolf war mit seiner Familie zerstritten und wurde von ihr stückweise entmachtet, und auch Spanien war unter Philipp III. in einem kritischen Zustand. Deshalb wurde Heinrich IV. in Paris von einem katholischen Fanatiker ermordet, und der Krieg endete 1610, bevor er richtig begonnen hatte …

1617 wurde er (Ferdinand) zum König von Böhmen gewählt, mit halbherzigen Zusagen von seiner Seite und großen Bedenken der Stände, denn in Österreich hatte er nicht nur die Protestanten verfolgt, sondern auch die ständischen Mitspracherechte ignoriert.

1617 schloss Ferdinand mit dem spanischen Gesandten den geheimen Onate-Vertrag, in dem die spanischen Habsburger auf die Nachfolge im Reich verzichteten und dafür im Fall eines Krieges den habsburgischen Besitz im Elsass erhalten sollten. Von Habsburg aus war die Lage für einen großen Krieg jetzt viel günstiger, insbesondere auch, weil die protestantische Union dabei war, sich aufzulösen.“

Und Frankreich und zum größten Teil auch England erst mal mit sich selbst beschäftigt waren.

 

Es geht los

 

Gerne wiederholt der Wurm die wesentlichen Wünsche und Konflikte:

 

- Habsburgs Vorherrschaft über Europa und die entsprechende Gegenwehr

- Waffenstillstand zwischen Spanien und den Niederlanden, der wieder zum offenen Krieg ausbrechen wird

- Spaniens Bestrebungen einer Landverbindung seiner burgundischen Besitztümer

- Wittelsbach: Pfälzer Kurfürst fühlt sich zu Höherem berufen, bayerischer Herzog will kurpfälzische Besitztümer

- Bewahrung bzw. Auflösung alter ständischer Rechte

- keine Vielfalt: ein einziger Glaube im jeweiligen Herrschaftsgebiet

- Bestrebungen der Gegenreformation

 

In Böhmen werden mehr und mehr die alten Rechte beschnitten.

Die Beschnittenen wehren sich, indem sie die Statthalter des Königs aus dem Fenster schmeissen und sich einen neuen König wählen – den Kurfürsten von der Pfalz.

Der ehemalige König und jetzige Kaiser lässt sich das nicht gefallen und besiegt die Aufständischen militärisch.

Hansjörg Frommer: „Böhmen wurde brutal rekatholisiert und ausgeraubt, die ständischen Rechte wurden aufgehoben“. Und wurde erbliches Königtum der Habsburger.

Die Aufständischen wurden größtenteils öffentlich hingerichtet und enteignet. Etwa die Hälfte böhmischen Bodens wechselte den Besitzer. Die Familien der Kriegsgewinnler blieben bis 1945 tonangebend im böhmischen Besitz und in böhmischer Politik und erhielten nach 1990 ihre Güter größtenteils wieder zurück.

Spanien erhält von Österreich die versprochenen elsässischen Gebiete und greift von den Spanischen Niederlanden (dem heutigen Belgien) aus die Kurpfalz an.

Bayern greift von der anderen Seite die Kurpfalz an und erobert Heidelberg.

Spanien und Bayern teilen die Kurpfalz unter sich auf.

Der Pfälzer Kurfürst wird wg. „Reichsfriedensbruchs“ „geächtet“, flieht ins Exil in die Niederlande und verliert die Kurwürde, die an die Wittelsbacher in Bayern übergeht.

Hansjörg Frommer: „Der lutherische Markgraf Georg-Friedrich von Baden-Durlach führte Truppen zum Schutz der Pfalz heran, wurde aber 1622 in der Schlacht bei Wimpfen von Tilly besiegt … und die spanischen und ligistischen Truppen besetzten außer der Pfalz auch die lutherischen Gebiete, Baden, Württemberg und die Reichsstädte. Sie begannen sofort mit der Rekatholisierung.“

Peter Milger: „Eigentlich hatte Spanien im Namen des Kaisers nur das Land des "Rebellen" Friedrich von der Pfalz besetzen sollen. Spinola legte den Auftrag nicht kleinlich aus. Theatrum: "Spinola hatte indessen viele Orte auf dem Hunsrück und an der Mosel mehrteils mit Sturm oder Übergabe in seine Gewalt gebracht." Er eroberte auch Reichsstädte und sogar kurmainzische Dörfer, ohne auch nur den geringsten Vorwand. "Spinola ist fürderhin auf mehrere Mainzer Orte gerückt und hat selbige ausgeplündert, auch in Falkenstein gute Beute erobert. Inzwischen sind auch beiderseits etliche Scharmützel vorgegangen. Dann haben die Spinolischen auch Kaiserslautern zur Übergabe aufgefordert, die sich auch gutwillig ergaben. Item Ladenburg, die Reichsstädte Friedberg, Gelnhausen und andere eingenommen. Und seit dem 15. Januar auch Wetzlar und Münzenberg erobert und andere Städte mehr. Von den Schatzungen, die Spinola den angrenzenden Grafen, Freien, Städten und Flecken auferlegt, zu schweigen."“

 

Das Schicksal der Union

 

Das wohl traurigste Bündnis, das je geschlossen wurde.

Golo Mann: „Es geschahen jetzt, berichtet ein zeitgenössischer Chronist, ‚nit aalein in Teutschland sondern auch in allen benachbarten Ländern so große Zurüstungen und Kriegsbereitschaften, daß man leichtlich die Rechnung machen konnte, es würde ohne großes Blutvergießen nit abgehen … Weil sich nun deswegen beyde Theil samt ihren Helffern mit großem Ernst als zu einer bevorstehenden Tragödi gefaßt machten, warumb diese Zeit fast in ganz Europa allenthalben Krieg und Kriegsgeschrey, aller Orthen hörte man das Klingen der Waffen, das Schallen der Trompeten und das Schlagen der Trommeln und Heerpaucken, also daß es das Ansehen hatte, als wann der Krieg, so bishero in Böhmen geführet worden, nur ein Versuch und Probierung auf den künfftigen rechten Ernst, der allererst angehen sollte, gewesen were'. In Kriegsbereitschaft gesetzt hatten sich in Sonderheit die Liga und die Union, die letztere, bei Abwesenheit ihres Oberhauptes, unter der Führung des Markgrafen von Ansbach. Seit Juni lagen die Truppen beider Allianzen sich bei Ulm gegenüber. Nahm Herzog Maximilian die Seinen zurück, um sie gegen Böhmen zu führen, so ließ er einen schlagkräftigen Feind im Rücken - eine ungemütliche Situation und keine, in die der stets vorsichtig handelnde Fürst sich einzulassen gewillt war. Er forderte einen Vertrag dieses Inhalts: Liga und Union sollten einander nicht angreifen. Beide Gruppierungen wären jedoch frei, nach Belieben für Dritte oder gegen Dritte zu kämpfen; für oder gegen die Böhmen; für oder gegen den Kaiser. Unberührt von dem Vertrag würde auch der Regent der Niederlande bleiben; folglich frei zu sein; zu tun, was zu tun er vor aller Augen vorbereitete, nämlich das Stammland des Oberhauptes der Union, die Rheinpfalz, zu erobern. Wenn schließlich der Herzog; nicht als Direktor der Liga, sondern im Auftrag von Kaiser und Reich, die Acht an dem After-König von Böhmen vollzöge und als Exekutor die Pfalz besetzte, so sollte auch dies ihm ohne allen Widerstand erlaubt sein. Was Maximilian verlangte, lief auf eine Neutralisierung Deutschlands hinaus; auf Kosten der gesamten ständischen Conföderation in den habsburgischen Landen, wie auch der Pfalz, die doch ein blühender Teil Deutschlands war. Nahmen die Herren der Union, die Böhmen direkt gar nicht helfen konnten, wohl aber indirekt durch einen Schlag gegen die Liga, diese Bedingungen an, so erkauften sie einen höchst vorläufigen Frieden durch eine schwerwiegende, höchst einseitige Konzession. So handelten sie wie einer, der den Brunnen verstopft in eben dem Moment, in dem sein Haus zu brennen beginnt. Es war die französische Vermittlungsmission, geführt von dem Herzog von Angouleme, welche sie dazu überredete. Angouleme brachte zuweg, was Bayern allein nicht erreicht hätte; wobei ängstliche und schwankende Mitglieder der Union selber ihm assistierten. Der von französischen Federn entworfene Ulmer Vertrag war ein Sieg des Kaisers, bequem gewonnen. Er gab dem Herzog Max die Sicherheit, die er brauchte, der Union nur eine, die sie jetzt nicht brauchte und die ihr später nicht guttun würde. Auf dies Später hatten die Franzosen sich freilich einen ganz anderen Reim gemacht …

Also gab es eine gewaltige katholische Koalition; keine protestantische. Schlimmer und schlimmstens: im Frühjahr 1620 entschied auch das Oberhaupt der deutschen Lutheraner sich auf seine Weise. Kurfürst Johann Georg, er, in dem die Böhmen ihren natürlichen Protektor, vielleicht ihren zukünftigen Monarchen gesehen hatten, versprach, im Norden zu tun, was der Herzog von Bayern vom Westen und Süden her tun würde: Schlesien, die Lausitz zum Gehorsam zurückzuführen. Natürlich bedang er sich eine pfandweise Beute aus, die Markgrafschaften der Ober- und Niederlausitz; eine Transaktion, die sich als dauerhaft erweisen sollte.“

Peter Milger: „Die protestantische Union hatte zu Ulm am 3. Juli 1620 dem Kaiser zugesagt, sich aus dem böhmischen Krieg herauszuhalten. Zum Dank eroberten die Spanier nun protestantische Gebiete am Rhein. Die Union war aber gegründet worden, um genau das zu verhindern. Sie war laut Reichsverfassung auch berechtigt, Angriffe ausländischer Truppen abzuwehren. Andererseits handelte Spinola mit Billigung von Kaiser Ferdinand. Die Begabung der einen, Zwickmühlen aufzustellen entspricht die der anderen, in sie hinein zu tapsen. Was also sollten sie tun, die Herren Protestanten? Ein mächtiges Aussehen annehmen …

Die protestantische Intelligenzia macht sich mittels Flugblättern über die Union lustig. Im Theatrum wird die Angelegenheit ausführlich erörtert: "Unterdessen ist den Unierten besonders wegen des Verlusts der Stadt Oppenheim übel nachgeredet worden, dass die unierten Fürsten, von denen man doch große Taten gegen die Spanier erhofft, bei diesem Handel vorsichtig und träge waren und nur zusahen, wie der Spinola einen Ort nach dem anderen einnähme."

Die Union sieht sich genötigt, eine Stellungnahme zu publizieren: "Der Union General Fürsten und Stände haben einen freien Durchzug ... mit gutem Fug und Recht abgelehnt, haben aber dann nicht genügend Ursache gehabt, ohne weiteren Anlass den Spinola anzugreifen ..." Die Spanier nahmen in Besitz, was ihnen unter die Stiefel kam und zündeten die Häuser protestantischer Bauern an. Aber es waren nicht die Städte und Untertanen der versammelten Fürsten. Also waren sie auch nicht ernsthaft gewillt, ihre wertvollen Kanonen und teuren Regimenter aufs Spiel zu setzen. Die Strategen der Habsburger hatten diese Haltung vorausgesehen, während die protestantische Öffentlichkeit wohl von mehr Kühnheit ausgegangen war. Die Union mußte also etwas für ihr Image tun ...

Dass diese Begründung schwach war, erkannten die Verfasser der Erklärung offenbar selbst. Also setzten sie noch eine drauf: Die Fürsten hätten die Annexion protestantischer Territorien und Städte hingenommen, um vor der Geschichte als Unschuldslämmer dazustehen. "Man kann jetzt auch merken, wie die geistlichen Herren den Vertrag zu Ulm so fleißig gehalten. In Summa, die ganze Welt kann sehen, dass die Fürsten zum künftigen Landverderben nicht Ursache gegeben haben. Dieses hätte nicht ... mit so schönen Farben ausgemalt werden können, wenn von unserer Seite der erste Angriff geschehen wäre. Nun aber haben wir vor Gott ein gutes Gewissen und bei den Nachkommen einen ewigen Ruhm und ein Zeugnis unserer Unschuld." Mit Ruhm bekleckert hatten sie sich, allenfalls. Da Spanien und Co. ohne erkennbare rechtliche oder moralische Skrupel vorgingen, offensichtlich auch nach dem Urteil der Nachkommen nicht fragten, hätte es für die Union nur ein Mittel gegeben, den Krieg zu verhindern: ein Signal ihrer Bereitschaft, ihn zu führen …

Im Januar 1621 sprach der Kaiser die Acht über Friedrich von der Pfalz aus. Die Union protestierte, und Ferdinand befahl ihr im Gegenzug, ihre Truppen zu entlassen. Die Union gehorchte, nachdem sie mit den Spaniern einen Neutralitätsvertrag abgeschlossen hatte. Das war ihr letzter Akt, sieht man von ihrer endgültigen Selbstauflösung am 14. Mai 1621 in Heilbronn ab.“

 

Es geht weiter

 

Kurz erzählt: Söldnertruppen aus allen Lagern trieben sich herum, führten Schlachten gegeneinander und massakrierten die Bevölkerung, wobei es egal war, ob es sich um die „eigene“ Bevölkerung handelte oder die des Gegners.

Von 1623 bis 1629 griff Dänemark ein, von 1630 bis 1635 Schweden. Danach gab es 1635 den Prager Frieden, der zumindest dafür sorgte, dass deutsche Länder nicht mehr gegeneinander kämpften. Stattdessen gab es bis 1648 einen „normalen“ Krieg zwischen Habsburg (Spanien und Österreich bzw. Deutsches Reich) und Frankreich/Schweden, der hauptsächlich auf deutschem Boden ausgetragen wurde.

 

Religion im Krieg

 

Religion war ein wichtiger Punkt, aber es handelte sich nun wirklich nicht um einen Religionskrieg.

 

Kunterbuntes Gemisch

 

Golo Mann über Wallensteins Offiziere: „Es gab Offiziere, die in vier oder fünf Sprachen korrespondierten, zum Beispiel Aldringen, andere, die ihren Namen nicht schreiben konnten. Es gab Katholische und Unkatholische, Deutsche (knapp die Hälfte), Spanier, Italiener, Wallonen, Dänen, Schotten, Iren, Franzosen, Prinzen, Bürger und Bauern. Alle hatten das für sich, daß jeder für sich war, brutal und allein; keine Freundschaften; keine ritterliche Kameradschaft und nicht einmal räuberische Konkurrenz im Avancieren, im Intrigieren beim General oder gegen den General oder beides zugleich; Konkurrenz im Beutemachen.“

So wie bei Wallenstein ging es überall zu – es war egal, wer für wen kämpfte. Als Beispiel mag der Protestant Hans Georg von Arnim dienen: zuerst kämpfte er für Wallenstein (und damit den katholischen Kaiser), später quittierte er den Dienst und kämpfte auf Sachsens Seite gegen die beiden. Das war normal: da, wo es mehr zu verdienen gab, ging mensch hin. Ins andere Lager zu wechseln war alles andere als selten. Sowohl bei den hohen Offizieren wie auch bei den unteren Chargen, die aus halb Europa kamen, um „dabei sein zu können“. Ob es sich um Schotten, Kroaten, Kosaken oder sonst wen handelte.

Nach dem Glauben hat im Krieg kein Mensch gefragt. Das ist dem heutigen Fußball vergleichbar – beim FC Bayern München spielen zwar einige Bayern mit, aber letztendlich kommen die Spieler aus aller Herren Länder. Der Vereins-Führung ist es egal, woher die Spieler stammen oder welchen Glauben sie haben. Hauptsache, sie kämpfen für sie. Und den Spielern sind die Werte des Vereins relativ egal. Hauptsache, sie können Beute machen. Und es macht ihnen nichts aus, für mehr Beute zu einem Gegner des FC Bayern München zu wechseln.

 

Sachsen

 

Wie Golo Mann schon beschrieben hatte, eroberte das protestantische Sachsen die Lausitz von Böhmen. Und blieb bis 1629 auf der Seite des Kaisers, war zumindest nicht gegen ihn. Also kann es sich schon von daher nicht um einen Krieg von Katholiken gegen Nicht-Katholiken gehandelt haben.

Aus Dummheit seitens der Katholiken im Reich wurde Sachsen schließlich in ein Bündnis gegen die katholischen Mächte getrieben.

 

Das Edikt

 

Auf dem Höhepunkt des militärischen Erfolges fuhr schließlich der Dämon Insalata in die katholische Führung.

Aus „Wikipedia“: „Das Restitutionsedikt war eine von Kaiser Ferdinand II. am 6. März 1629 erlassene Verordnung, mit der ohne Einverständnis der evangelischen Reichsstände der Status quo des geistlichen Besitzstands im Reich wieder auf den Stand des Jahres 1552 gebracht werden sollte. Es setzte damit die katholische Interpretation des Augsburger Religionsfriedens (1555) durch.

Das Restitutionsedikt markierte den Höhepunkt der kaiserlichen Macht im Dreißigjährigen Krieg. Ende der 1620er Jahre erlitten die Protestanten in Norddeutschland verheerende Niederlagen gegen die Truppen des Kaisers und der katholischen Liga. Diese Situation der katholischen Dominanz im Reich wollte Kaiser Ferdinand II. zur dauerhaften Stärkung der katholischen Konfession nutzen. Das Edikt hätte bei Befolgung für die Eigentumsverhältnisse innerhalb des Reiches enorme Konsequenzen gehabt, da in großem Umfang Enteignungen und Rückübertragungen ehemals katholischen Besitzes die Folge gewesen wären. Das Edikt fachte den Konflikt zwischen dem katholischen Kaiser und den evangelischen Fürsten und Ständen erneut an und trug zur weiteren Eskalation des Krieges bei …

Zunächst ließ Ferdinand in Wien heimlich 500 Kopien des Edikts anfertigen, die er an die Kreisobristen und wichtige Fürsten mit der Order schickte, weitere Kopien gleichzeitig am 29. März zu veröffentlichen. Im ganzen folgenden Jahr konzentrierten sich die Anstrengungen darauf, das Edikt durchzusetzen. Die Bestimmungen des Ediktes bedeuteten die Rückgabe der Erzbistümer Bremen und Magdeburg sowie sieben weiterer Bistümer und über 500 Klöster. Diese lagen vor allem in Württemberg, Franken und Niedersachsen. In den betroffenen Reichskreisen setzten kaiserliche Kommissare das Edikt durch, indem sie die säkularisierten Güter inspizierten und mit Hilfe von Soldaten besetzten und an katholische Administratoren übergaben.

Besonders betroffen waren davon die Reichsstädte, die Markgrafschaft Baden-Durlach und das Herzogtum Württemberg, in dem allein 50 Klöster restituiert wurden und der Herzog dadurch fast die Hälfte seines Territoriums verlor. In Franken und Württemberg vollzog Ernst Egon Graf von Fürstenberg das Restitutionsedikt.

Die Protestanten setzten dem Edikt erbitterten Widerstand entgegen, zumal sie befürchteten, dass der Kaiser ein weiteres Edikt erlassen könnte, in dem er auch den vor 1552 säkularisierten Kirchenbesitz restituiert. Daher unterstützte ihre öffentliche Meinung die Invasion des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf, der im folgenden Jahre 1630 den Krieg gegen den Kaiser und die Liga aufnahm. Auch die anfangs zögerlichen evangelischen Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg schlossen sich dem Schwedenkönig an.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Restitutionsedikt

 

Ausländische Interessen

 

Die Einflüsse ausländischer Mächte gehen weit über Spanien, Frankreich, Dänemark und Schweden hinaus.

Ein Beispiel dafür sind Siebenbürgen (Ungarn), die Türkei und Polen.

 

Gabriel Bethlen (Bethlen Gabor)

 

Golo Mann: „Bethlen war ein Mitstreiter, und dann der zweite Nachfolger jenes Stephan Bocskay, gegen den der junge Wallenstein vor nun fünfzehn Jahren seine ersten Kriegstaten verrichtet hatte; wie Bocskay ein Magyar und entschiedener Calviner; in weltlichen Dingen aber wetterwendisch, immer neue Herrschaftsprojekte seinem Geiste wälzend. So wie Siebenbürgen einmal lag, konnte er nichts unternehmen gegen den Sultan, nichts ohne das wenigstens stillschweigende Einverständnis des Sultans; das war das einzig feststehende Gesetz seiner Politik. Übrigens zielte diese, wie jede Politik, auf Vergrößerung und Bereicherung. Eine solche mochte sehr wohl durch eine Art von erpresserischem Zusammenspiel mit dem Hause Habsburg zu finden sein. Stärker aber zogen machtpolitische Spekulationen, wie auch, immerhin, konfessionelle Sympathien den Siebenbürger nach der anderen, der ständischen Seite. Wenn er im Spätsommer1619 den Böhmen seine Hilfe anbot, um, kraft dieser Hilfe, Ungarn mit seinem Teil-Reiche zu vereinen, so wiederholte er, was schon Bocskay versucht hatte und was damals an der Loyalität der Mährer gescheitert war. Sein Vaterland, so schrieb er den Prager Direktoren, liege wohl im Rachen der Türken, deren Ratschläge wie die Wasserwogen des großen Meeres nie ruhten, und die eben jetzt eine um so größere Gefahr für die Christenheit darstellten, weil sie mit Persien Frieden hätten; es sei ihm aber gelungen, die Gunst des ottomanischen Kaisers zu gewinnen und nach dieser Seite sich abzusichern; so wolle er denn zu Gottes Ehren ein großes Kriegsheer nach Westen werfen und bevor der Herbst um sei, an Mährens Grenze stehen.

Was er tat. Sein Feldzug, über imposante Entfernungen hin, war groß geplant, mit raschem Erfolg durchgeführt: eine Zangenbewegung gegen das im nordöstlichen Oberungarn gelegene Kaschau (Kosice) und gegen Preßburg. Die Stadt war ihm doppelt wichtig. Sie ist ein Schlüssel zu Ungarn, zu Österreich und Mähren, weit sieht man von ihren Höhen in die drei Länder hinab. Und sie war die Hauptstadt Ungarns, die Stadt der Reichstage, dort im Schlosse lag die Stephanskrone verwahrt. Er mußte sie haben, um Eroberung zum Recht zu machen. Tatsächlich gelang es ihm, Ungarns protestantische Edelleute ihre Säbel für ihn schwingen zu lassen.

Bethlens Marsch auf Preßburg trieb die loyalen Wiener in Panik. Die vornehmsten Emigranten, Kardinal Dietrichstein an der Spitze, wirbelten in eiliger Flucht nach Oberösterreich. Ferdinand, eben erst Kaiser, eben erst aus Frankfurt zurück, führte seinen Hof unter drangvollen Umständen nach Graz. Buquoy, dessen Truppen bis dahin die Böhmen wie Schafe hierhin und dorthin getrieben hatten, wurde zu Hilfe nach Süden gerufen; ein Rückzug, der zur Katastrophe hätte werden müssen, wären die Söldner des Grafen Thun und wären ihre Brotherren nicht so gewesen, wie sie waren. Zu einer Vereinigung der böhmisch-mährischen mit den siebenbürgisch-ungarischen Kriegsscharen kam es; unter ihrem Druck mußte Buquoy, nahe bei Wien, eine gefährliche Retirade über die Donau vollziehen und sorgen, daß seine Schiffsbrücke abgebrochen würde, bevor der Feind ihm nachkäme. Über die Donau gelangten die Verbündeten doch, bei Preßburg, und zogen nun, zur Qual der Städte und Dörfer, am rechten Ufer des Stromes gegen Wien. Ein gewaltig angeschwollenes Heer, eine Übermacht diesmal, wohl an die 50.000. Die Kaiserlichen lagen innerhalb der Festung. Ferdinand, der als treuer Landesvater geglaubt hatte, in seine Residenz zurückkehren zu müssen, wäre nur zu gern wieder fort; denn was er in seiner Stadt sah, hörte, witterte, der Hunger, die Seuchen, die Überfüllung durch die Leiber wüster Männer, die Plünderungen; was ihm von draußen zugetragen wurde, die Martern seiner Untertanen, Jammergeschrei, Tod und Feuer und Eis - wenn das alles so zuging, wie es, um seines heiligen Rechtes willen, leider wohl zugehen mußte, so war man doch besser nicht dabei. Einstweilen fand er sich in seiner Hofburg in der Falle. Ein großer Schlag jetzt, ein kühner Generalangriff, und Kaiser und Kaiserstadt waren in der Rebellen Hand; Graf Thurn, Gabriel Bethlen konnten ihren Frieden diktieren.

Es wurde wieder nichts daraus; ungefähr wie im vergangenen Juni. Zu dem schon vertrauten Elend, dem Mangel an Feldstücken, dem Mangel an Geld, dem Mangel an Disziplin, kam eine Nachricht, durch welche Bethlen sich gezwungen glaubte, von Wien abzulassen. Der König von Polen, Ferdinands Schwager Sigismund, hatte einige tausend Kosaken, wie die polnischen Reiter ungenau genannt wurden, über die Karpaten gegen Oberungarn geschickt, wobei er sich eines katholisch gesinnten magyarischen Barons als Mittelsmannes bediente. Wir meinen: Bethlen hätte besser getan, die Kosaken wüten zu lassen, wo sie wüteten, sie wären so weit nicht gekommen, um die Entscheidung da zu erreichen, wo sie jetzt zu erreichen war. Sobald er aber im Rücken sich unsicher fühlte, gab er den Durchbruch nach vorne auf. Für seine Zwecke, die mit den böhmischen so genau nicht konzidierten, genügte es, Preßburg zu halten. Nur Bethlen hatte die zweite, späte Offensive möglich gemacht. Auch der böhmische Schwarm wälzte von Wien sich fort, so wie er gekommen. Genauer: nicht so wie er gekommen, denn wieder hatten mörderische Krankheiten ihm schlimmer zugesetzt als der Feind.“

 

Türkei

 

Die Türken unterstützten Gabriel Bethlen mit Geld gegen Habsburg. Ansonsten waren sie mit sich selbst beschäftigt und wurden militärisch von den Persern auf Trab gehalten.

 

Polen-Litauen

 

Polen war für Habsburg nicht unwichtig, wie die Episode mit Gabriel Bethlen zeigt. Bis 1629 war Polen im Krieg mit Schweden, dessen Kräfte bis dahin gebunden waren. Gerade Wallenstein befürwortete die Unterstützung Polens zumindest mit Geld, da er Schwedens Eingreifen in den Krieg in Deutschland fürchtete.

 

Russland

 

Schweden bekniete Russland, gegen den gemeinsamen Feind Polen, also auch gegen Österreich vorzugehen. Russland hielt sich jedoch zurück, gewährte Schweden lediglich finanzielle Vorteile und ließ immerhin bei jedem schwedischen Sieg in Deutschland in Moskau die Glocken läuten.

 

Spanien

 

Wie bereits geschildert: Rückeroberung der abtrünnigen Niederlande, Landverbindung seiner burgundischen Besitzungen.

 

Italien

 

Zumindest Venedig und Savoyen gaben den Habsburg-Gegnern Geld.

Aus „Wikipedia“: „Der Mantuanische Erbfolgekrieg (1628–1631) war ein Krieg um die Nachfolge im Herzogtum Mantua, der durch das Aussterben der Hauptlinie des Fürstengeschlechtes Gonzaga im Jahre 1627 ausgelöst wurde. Die heftige Auseinandersetzung zwischen Frankreich und Habsburg um die Vorherrschaft in Norditalien war ein wichtiger Nebenschauplatz des Dreißigjährigen Krieges.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Mantuanischer_Erbfolgekrieg

 

England

 

War erst auf Kuschelkurs mit Spanien und wurde von dessen Diplomaten wg. der Besetzung der Pfalz für dumm verkauft. Schickte zur Rückeroberung der Pfalz Geld und Soldaten und hielt sich nach ein paar Jahren zurück.

Übrigens lebt die Tochter des englischen Königs und Frau des Pfälzer Kurfürsten (und für ein Jahr böhmischen Königs) auf eine andere Art und Weise fort. Aus „Wikipedia“: „Aufgrund des 1701 vom englischen Parlament erlassenen Act of Settlement wurde Elisabeths jüngste Tochter Sophie, als einzige zu diesem Zeitpunkt protestantische Nachfahrin der Könige von England und Schottland nach der Thronfolgerin Anne Stuart, zur Thronerbin dieser Länder bestimmt. Sophias Sohn Kurfürst Georg I. von Hannover bestieg daraufhin im Jahr 1714 den britischen Thron. Elisabeth Stuart wurde dadurch zur Stammmutter sämtlicher Monarchen Großbritanniens.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Stuart

 

Frankreich

 

Nach der Ermordung Heinrichs IV. war Frankreich erst mal mit sich selbst, England und den Hugenotten beschäftigt. Ab 1629 hatte Frankreich endgültig freie Hand. Bis dahin war Frankreich rege diplomatisch nach allen Seiten hin aktiv (vor allem wg. Bayern) und finanziell auf der Seite der Habsburg-Gegner. Jetzt griff Frankreich militärisch in Italien gegen Spanien und Österreich ein und ermunterte Schweden über mehrere Jahre mit sehr viel Geld, in Deutschland sich zu „engagieren“. Ab 1635 offiziell im Krieg zusammen mit Schweden gegen Habsburg.

Ziele: Ausdehnung Frankreichs an den Rhein, größerer Einfluss in Italien. Und ohnehin: Eindämmung des habsburgischen Einflusses. Die damaligen bestimmenden Figuren der französischen Politik, die Kardinäle Richelieu und Mazarin, sind heute noch legendäre Gestalten.

 

Niederlande

 

Bei den Generalstaaten der Niederlande ging es um Sein oder Nichtsein. Sie kämpften tapfer gegen Spanien, schickten Geld und Soldaten den Feinden Habsburgs und gewährten dem Kurfürsten von der Pfalz, dessen Familie und Hofstaat Exil.

 

Dänemark

 

Nachdem die protestantischen norddeutschen Länder gesehen hatten, wie es der Pfalz erging und einzelne Scharmützel immer weiter nach Norden vordrangen, baten sie den dänischen König (der durch eigene Besitzungen in Norddeutschland auch deutscher Reichsfürst war) um militärische Hilfe. Dänemark machte mit (nicht aus Idealismus, sondern um selbst Beute zu machen).

Der Dänisch-niedersächsische Krieg dauerte von 1623 bis 1629 mit der Niederlage Dänemarks und seiner Verbündeter und der Verheerung Norddeutschlands. Wallenstein erhielt Mecklenburg als Herzogtum und Habsburg hatte ganz große Pläne an der Ostsee.

 

Schweden

 

a) Kriegseintritt Schwedens

 

Peter Milger: „Der Dänenkönig war zu Lande besiegt, konnte aber entlang der Küste mittels seiner Flotte immer noch zuschlagen. Nun griffen der Kaiser und Wallenstein einen alten Plan der Spanier auf: Die Seeherrschaft über die Ostsee zu erringen.

Anfang 1628 wurde deutlich, dass die kaiserlichen Truppen nicht nur Zwecks Vertreibung der Dänen in Mecklenburg eingerückt waren. Theatrum: „Demnach die beiden Herzöge von Mecklenburg Hans Albrecht und Adolf Friedrich von ihren Gegnern beschuldigt wurden, dass sie den Kaiserlichen Abmahnungs-Schreiben nicht parieren wollten, sondern noch stark auf des Königs in Dänemark Seiten hielten und wo sie nur könnten, dem Kaiserlichen und Ligistischen Volk an ihrem Progress hinderlich wären. Daher hat I.K.Majestät Ursache genommen, sie ihrer Lande zu entsetzen und solche dem Herzog von Friedland auf sein Ansuchen zu übergeben. Also hat I.M. den 19. Januar als er, Herzog von Friedland, bei ihro zu Brandeis Audienz gehabt, ihn zu einem Reichsfürsten erhoben und ihm die Lehen über das Herzogtum Mecklenburg wie auch das Fürstentum Sagan in Schlesien erteilt." Für weitere Unruhe sorgte der Vorschlag, den Kaiser Ferdinand am 23. Februar 1628 den Vertretern der Hansestädte in Lübeck unterbreiten ließ. Theatrum: „Es wurde hierbei im Namen I.K.M. und des Königs in Hispanien vorgeschlagen, dass allein die sechs Wendischen Städte, welche da sind Lübeck, Hamburg, Rostock, Wismar, Stralsund und Lüneburg von nun an in Spanien handeln möchten ... Der Handel aber sollte in Deutschland allen denen verboten werden so der neuen Admiralität und Gesellschaft, die in Spanien aufgerichtet worden, sich widersetzen würden." Die Pläne waren bekannt. Wöchentliche Ordinari Zeitung, München: „Hamburg, den 11. November 1628. Wallensteins Obrist Altringer und andere Offiziere halten in Itzenhoe Kriegsrat. Wollen auf den Frühling 150 Schiffe wider Schweden und Dänemark ins Wasser setzen." Was die von diesem Vorhaben bedrohten Mächte davon halten mussten, wurde im Theatrum dargelegt: „Der König in Spanien gedachte, allen Handel auf dem Meer an sich zu ziehen und die Hansestädte ... zu seiner Devotion zu bringen. Dadurch sollten seinen Feinden, den Holländern und Seeländern der Handel und Gewinn auf diesem Meer entzogen werden. Es wurde der Herzog von Friedland zum Admiral über die Ostsee verordnet, welcher durch Hilfe der Hansestädte und der Schiffe, die er aus Spanien und Flandern erwartete, den Sund einzunehmen vermeinte." Die Hansestädte lehnten höflich und mit guten Gründen ab: „Den Potentaten, so auf dem Meer mächtig sind, und deren Pässe wir gebrauchen müssten, können wir uns nicht widersetzen oder würden selbige zu unseren Feinden machen." . Die Potentaten, die Könige von Dänemark und Schweden, konnten nicht annehmen, dass Spanien-Habsburg seinen Plan zu den Akten legen würde. Auch nach dem Scheitern der kaiserlichen Armee vor Stralsund sah es nicht danach aus, denn Wallenstein bemächtigte sich nun der Hafenstadt Rostock. Eine Seearmada unter spanischer und kaiserlicher Flagge auf der Ostsee - das schöne Bild ging dem Kaiser in Wien nicht aus dem Kopf. Der Mann hatte Visionen und war hartnäckig. Die Ostseepläne Ferdinands und die Belehnung Wallensteins mit dem Eigentum der mecklenburgischen Herzöge alarmierten alle, die sich beim allgemeinen Länderschacher Gewinne und Verluste ausrechneten. Befürchten mussten:

- die katholischen Kurfürsten, dass der Kaiser die Reichsverfassung aushöhlen und das Kaisertum erblich machen wollte;

- England, Frankreich und Schweden eine Habsburger Supermacht von Spanien bis zur Ostsee;

- die protestantischen Reichsfürsten, dass der Kaiser sie alle absetzen würde, einen nach dem anderen;

- die Inhaber aller geistlichen Güter, die die Protestanten seit 1552 an sich gebracht hatten, einen Totalverlust …

Warum wollte der König gegen den Kaiser in den Krieg ziehen? Gegenüber dem schwedischen Reichstag äußerte er eigennützige Gründe: „Meine Meinung ist, dass ich für unsere Sicherheit, Ehre und endlichen Frieden nichts dienlicher halte, als einen kühnen Angriff auf den Feind." Durchaus realpolitisch nimmt auch der Reichstag am 13. November 1629 Stellung: „Es ist besser, man begegnet dem Kaiser mit einer Armee an seinen eigenen Grenzen und traktiert mit ihm unter dem Helm, als dass man ihn hier in Schweden erwartet ... Es gibt keinen besseren Schutz für die Ostsee und folglich keine andere Sicherheit für Schweden als die Offensive." In seiner Abschiedsrede vor den Ständen gab sich Gustav Adolf dann eher uneigennützig: „Das größte Ziel für diesen Krieg ist es, unsere unterdrückten Religionsverwandten aus den Klauen des Papstes zu befreien, was uns hoffentlich mit Gottes Gnade gelingen wird." Dieses von Gustav Adolf selbst entworfene Bild des edlen „Glaubenshelden" hat die protestantische Propaganda dann eifrig ausgemalt. Von protestantischer Seite sieht man bei ihm auch heute noch ideelle Beweggründe. Was immer „Gutes" er aber gewollt haben mochte, faktisch vergrößerte und verlängerte der Kriegseintritt Schwedens das Kriegselend in Deutschland. Am 24. Juni 1630 landete Gustav Adolf mit 15.000 Mann auf der Insel Usedom.“

 

b) Schweden ist da

 

Die protestantischen Landesfürsten werden massiv unter Druck gesetzt, sich militärisch mit Schweden zu verbinden. Vor allem die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg sträuben sich anfangs. Mit entscheidend für deren Eintritt dürfte das ein Jahr zuvor erlassene Restitutionsedikt gewesen sein.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen und Verheerungen nahmen noch mal so richtig an Fahrt auf und den meisten protestantischen Fürsten ging es wie kleinen Gangstern, bei denen sich der große Mafia-Boss eingenistet hat, der für ihren „Schutz“ sorgt. Natürlich gegen viel Geld und natürlich besorgt mafia sich das Geld auch selbst, was nicht zum Vorteil der kleinen Gangster ist.

 

Ein wahrhaft kühner Plan

 

Es war viel los und es gab viele Pläne. Am Anfang war keineswegs ausgemacht, wie das Ende ausgehen wird, das in keiner Phase der Kriege zwangsläufig war.

Peter Milger schildert so einen Plan: „Im Dezember 1625 einigten sich England und die niederländische Generalstaaten in Den Haag, Dänemark finanziell zu unterstützen und Mansfeld Armee dem dänischen König zu unterstellen. Darüber hinaus beschlossen die Verbündeten einen finalen Schlag gegen Habsburg. Bethlen Gabor, der Fürst von Siebenbürgen, sollte gegen Bares bewogen werden, im Südosten erneut gegen Habsburg ins Feld zu ziehen. Mansfeld erhielt den Auftrag, elbaufwärts vorzudringen, um seine Streitkräfte mit denen Bethlen Gabors zu vereinen. Zweck der Unternehmung war nicht die Eroberung der habsburgischen Territorien, sondern deren Verwüstung. Das war der erste Zug im Planspiel.

2.) Kaiser Ferdinand muss seinen Wallenstein hinter Mansfeld herschicken, um den Schaden klein zu halten.

3.) König Christian hat es nur noch mit Tillys Ligaheer zu tun, wird mit ihm fertig und marschiert auf Wien.

4.) Mansfeld und Bethlen Gabor besiegen das Heer des Kaisers unter Wallenstein.

5.) Habsburg beugt sich einem Diktatfrieden.

Der Plan sah auf dem Papier nicht schlecht aus. Aber Habsburg zitterte nicht, es handelte …

Das Kriegsvolk war den Strapazen solcher Blitzkriegsmanöver nicht gewachsen und starb beiden Kriegsunternehmern in Massen weg. Daher kam es nur zu Gefechten. Bethlen Gabor war kriegsmüde und verhandelte mit dem Kaiser. Mansfeld überwarf sich mit dem Herzog von Weimar, entließ seine Regimenter, verkaufte sein Kriegsgerät und setzte sich im November 1626 mit wenigen Mannen ab.“

 

Exilanten

 

So wie zuvor und so wie heute, war es auch damals: ob aus gutem oder schlechtem Grund sind die größten Kriegstreiber die Exilanten.

In unserem Fall vor allem Böhmen und Pfälzer, die keine Ruhe gaben. Manchmal auch mit Erfolg, obwohl manchmal auch nur kurzfristig.

Golo Mann über den Kurfürsten von der Pfalz, dem von seinen bayerischen Verwandten dermaßen zugesetzt wurde und Margareta Smiricky, deren Familie zu den böhmischen „Rebellen“ zählte und die Erbstreitigkeiten mit Wallenstein hatte:

„Gustav nimmt München den 17. Mai (1632) durch Akkord; zieht ein durch das Isartor mit einem Schwall von deutschen Vasallenfürsten, darunter auch ein verhärmter, seines Schicksals noch immer ungewisser Mann, der Pfalzgraf, der arme Winterkönig; bezieht Wohnung in der neuen Residenz; läßt seinen Charme vor den Bürgern spielen und seine Gelehrsamkeit vor den Jesuiten; zeigt in guter Laune sich als ein so milder wie bedeutender Herr.“

„Die in Hamburg ihr Leben Fristende hatte sich an den König Christian von Dänemark gewandt: ob nicht er, der stets Gnädige, ihr helfen könnte, Heimat und Eigentum zurückzugewinnen? Damals liebten es die Fürsten, sich für irgendwelche Entrechtete einzusetzen, auch und besonders, wenn es sich nicht um ihre eigenen Untertanen handelte. Immer schrieb einer an den anderen. Das kostete nichts, wirkte auch fast nie, gab jedoch dem Schreibenden den Ruf von Milde und Wichtigkeit. In unserem Fall mag es sein, daß es die Intervention Christians war, welche Wallenstein bewegte, der Base ein paar Vorschläge zur Güte zu unterbreiten: um sich dem König gefällig zu erweisen, um auch diese letzte ferne Erbsorge ein für allemal loszuwerden, aus Gutmütigkeit, gleichviel. Ferdinand II. erlaubte der pauschal zum Tode Verurteilten, frei und sicher nach Böhmen zurückzukehren; Wallenstein erklärte sich bereit, sie standesgemäß zu versorgen. Zöge sie aber vor, im Ausland zu leben, so wäre er nicht abgeneigt, ihr in Holland etwas zu kaufen, wovon sie sich und die Ihren ernähren könnte. Margareta hätte klug getan, mit diesem gebotenen Etwas sich zufrieden zu geben. Da sie aber Alles wollte, so bekam sie nichts und blieb im Elend.

Übrigens ist sie später noch einige Mal nach Böhmen gekommen, um von den Smiricky-Gütern Besitz zu ergreifen, so wie 1618 zum ersten Mal. Das geschah, wenn die Schweden Böhmen eroberten, 1640,1643, 1648. Da zog sie mit; und wenn die Schweden das Land räumten, so mußte sie auch wieder weg.“

Zu den Scharfmachern zählen aber auch solche, denen zumindest aus ihrer Sicht Unrecht geschehen ist und die keine Ruhe geben, bis sie zufrieden gestellt sind. Dazu gehören auch Institutionen wie jene katholischen, die Mitte des 16. Jahrhunderts enteignet wurden und darauf drängen, ihren Besitz wieder zu erhalten.

 

Klassenkampf

 

Terra Felix

 

Golo Mann: „Der habsburgische Finanzbeamte, Freiherr von Wolkenstein mit Namen, fühlt sich gedrungen, eine Denkschrift zu verfassen. Sie ist nicht an den Kaiser gerichtet, das wäre wohl hoffnungslos, sondern an des Kaisers Sohn, den jungen aufstrebenden Prinzen Ferdinand, designierten König von Böhmen und Ungarn. Die Denkschrift handelt vom Zustand Böhmens. Richtiger, vom Zustand der beiden Böhmen. Denn Böhmen, man kann sich das nicht länger verbergen, ist geteilt, und zwar in eine terra deserta und in eine terra felix. Wie schön wäre es, wenn er, der Schreibende, die terra felix seiner Königlichen Majestät untertänigst zueignen könnte, aber leider, er kann es nicht: „es befindet sich das contrarium“. In dem Teil des Landes, in dem der König noch König ist, ist nichts zu sehen als aller Orten trojanische Zerstörungen an den Gebäuden, äthiopische Verwüstungen der Wälder. „Städt, kostbare Schlösser, Märkt, Dörfer - alles fallet über den Haufen und der so liebe fruchtbare Boden überwächset mit Disteln und Dornen.“ Ganze Städte sind verödet, in Prag allein an die 1400 Häuser desoliert, in Leitmeritz sieht man schwerlich noch dreißig Häuser ganz. Was Wunder, daß da der Fiskus von den königlichen Städten, diesen ehemaligen Kleinodien, keinen Nutzen mehr zu erhoffen hat? Die Ursachen? Sie gehen zurück auf die unseligen Konfiskationen des Fürsten von Liechtenstein, der den Städten ihre nutzbringenden Wirtschaften, ihre Meierhöfe, Mühlen, Teiche nahm, um sie dann, bekanntlich weit unterm Wert, an gewisse Leute zu verkaufen; wodurch die Munizipalitäten außerstand gesetzt wurden, ihren Steuerpflichten nachzukommen, wie auch, ihre Armen zu versorgen. Das war nur der Anfang. Es kamen die Auswanderungen. Es kam der ewige Krieg, draußen und auch drinnen. Es kamen die Durchzüge der schlimmen Soldateska, die Einquartierungen, die Kontributionen, solchen auferlegt, die schon für sich selber das Notwendigste nicht mehr hatten. „Ich schreib oder red gewißlich aus keiner Passion, sondern aus puro zelo und was ich eidpflichtig zu tun schuldig bin. Ihre Königliche Majestät werden durch den großen Abgang Dero Einkommens die geschriebene Wahrheit mit Schaden empfinden ...“ Dagegen nun die terra felix. Sie wird, man weiß es ja, besessen „von dem öblichen und siegreichen Fürsten und Herren, Herren Albrecht Herzog von Friedland, und seinen erbvereinigten und vergatterten consanguineis ...“ Mit den letzteren muß der Beamte den Grafen Max und die beiden Trcka meinen, deren Güter nahe dem Herzogtum, auch mitten darin liegen. Er fährt fort: „Von der Größe und Weite dieses Landes und Teiles, noch von der Menge der Städte, Schlösser, Disposition der Ström will ich nicht diskurieren … Adsubjectam materiam zu schreiten; so wird in diesem Teil ein allgemeiner, durchgehender Landfrieden gaudiert und genossen. Durchzug, noch wenige Einquartierung, wird keineswegs im geringsten verstattet, dadurch die Untertanen in ihrem ruhigen Esse nicht allein verbleiben, sondern das ganze Land täglichen zu merklichem Aufnehmen erbauet und alles in höchstem Wohlstand zu finden ist. Die Gitschinischen Cameralien sein in Wirtschaften als Geldsachen dermaßen mit solchen Ordnungen bestellt, darüber sich zu verwundern. Die ministri haben respektive ihrer Dienste große und gewisse Besoldungen; dadurch die Corruptelen ganz unterbleiben und bei solcher guter Administration ein unsägliches Geld stündlichen einkommen tuet. Es ist unglaublich, wie bei obbemeldter Kammer praktiziert und wie subtile Grifflein und Vorschläg erfunden werden, diesen fürstlichen statum täglichen zu aggrandieren, denn die nutzbaren Vorschläg werden überaus reichlich remuneriert, daher nun ein jeder mit Vorschlägen kompetieren will. Also ist sich nicht zu verwundern, daß dieser fürstliche status in so kurzer Zeit so formidabel und blühend sich fundiert. Es ist nicht zu zweifeln, daß in kurzem dieser Friedländische status gar an die Elb sich erstrecken wird …“ Und so verliere des Königs Majestät Stück für Stück die allerschönsten Herrschaften, viele Tausende von Untertanen, ein jährliches Einkommen von Millionen, was alles dem statui Friedlandico hinzugefügt; dem edlen Königreich aber abstrahiert werde; dergestalt, daß, wenn es noch weiterginge, dem regierenden Hause nichts mehr bleiben werde als ein Stück Wüste und ein Titel ohne Kraft. Die Denkschrift ist aus dem Jahre 1633. Sie mag den Zustand der terra deserta böser schildern, als er im Jahre 1625 war. Sie schildert die terra felix, das Zauberherzogtum nicht besser, als es im Jahre 1625 war. Im Gegenteil; aus den und den Gründen war Friedland 1633 nicht so glücklich daran wie acht Jahre früher.“

Ausführlich beschreibt Golo Mann, wie der aus niederem mährischem Landadel stammende Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein (bzw. Wallenstein) es schafft, zu einem der reichsten Menschen Europas zu werden (Heirat, etwas Münzbetrug, durch Enteignungen der Revoluzzer billiger Kauf und auch reiches Erbe). Und vor allem, wie er seine Herrschaft bewirtschaftet.

Verwaltung und Justiz sind sauber getrennt. Die Verwalter müssen über ihren jeweiligen Bereich jede Woche einen Bericht schreiben und einmal pro Jahr persönlich erscheinen, um Rechenschaft abzulegen.

Wallenstein schreibt vor, wie viel Butter und Käse die Kühe in den jeweiligen Gebieten hergeben müssen, was und wie viel Waldgebiete, Mittelland, Flachland, Bergwerke, stehende und fließende Gewässer, Industrie, Handwerk und Handel in den Städten, Heimarbeit auf den Dörfern erwirtschaften sollen.

Alles soll im Lande hergestellt werden, was hergestellt werden kann. Käser werden aus Parma geholt, die Parmesankäse herstellen; anstatt Hofkostüme in Paris zu bestellen, wird ein französischer Schneider beschäftigt.

Eine „Wirtschaftsordnung“ befiehlt in 21 Kapiteln, wie zu arbeiten sei. Als Strafe erhält etwa ein Braumeister 100 Stockschläge, nachdem er schlechtes Bier gebraut hatte – seitdem ist seine Braukunst gestiegen.

Kein Nebenprodukt darf unbenutzt bleiben und muss irgendwie verarbeitet werden. Die Überschüsse gehen an Großhändler, die Produkte nach Prag und weiter übernehmen. Nur der Herzog selbst durfte Bier brauen lassen, nur herzogliches Bier durften seine Untertanen trinken – was kein Problem war, da die Qualität hoch war und Wallenstein selbst dieses Bier trank.

„Die Förderung von Handel und Verkehr durch Straßenbau, Vereinheitlichung der Maße und Gewichte, reitende Schnellpost, Verlegung der Zölle aus dem Inneren an die Staatsgrenzen … die Anregung des Gewerbefleißes überall durch höfischen Bedarf an Livréen, an Kerzen, an Essen und Trinken und den Gefäßen dafür …“

Wallenstein hat auch das Recht, Geld mit seinem eigenen Bildnis zu prägen. Er war zwar früher an einem Münz-Schwindel beteiligt, aber die jetzigen Münzen sind sehr gutes Geld.

Er war ein großer Baumeister, der für sich italienische Architekten beschäftigte. Unter anderem durch Geldleihe und billiges Material schuf er Anreiz für seine Bürger, selbst zu bauen oder alte Häuser abzureißen.

„Und Sauberkeit, immer wieder Sauberkeit! Wasser durch die Stadt zu leiten! Den ‚Platz und die Gassen von Koth und Unflath zu säubern!‘“

„Zu Wallensteins Zeiten mußten die Bürger von Leipa und der Nachbarschaft ihre Kinder bei ‚unnachläßlicher Strafe‘ in das neue Gymnasium schicken: Gottesfurcht, wie auch die freien Künste und Sprachen seien von nun an in Leipa so wohl zu lernen wie anderswo im Ausland betriebene Studien verursachten schwere, durch nichts mehr zu rechtfertigende Unkosten, alle lernenden Kinder seien alsbald beim Hauptmann zu melden, Scheinbehelfe und Entschuldigungen würden keineswegs angenommen … Leipa ist nicht des Herzogs einzige Schulgründung …“

„Auch hier spielte Staatsraison: der Wille, sich einen gebildeten und loyalen Nachwuchs im eigenen Land zu schaffen, aus dem Adel wie aus dem Bürgerstand … Von den entferntesten Kriegsschauplätzen, den Kopf voll von politisch-militärischen Sorgen und Projekten, gab er seine Erziehungsbefehle: solche, die das Ganze, solche, die einzelne Schüler betrafen. ‚Schickt mir das Verzeichnis der Knaben, so von Adel sind und daselbst studieren, wie viel ihrer sind und zeichnet einen jeden mit seinem Namen auf; wie alt er ist, in welcher Schule er ist und was man vor Hoffnung hat, was aus ihm wird werden …‘.“

Landstreicher werden in gute Kleider gesteckt und zur Arbeit gezwungen. Ist das nicht möglich, werden sie in Spitäler gesteckt.

„Den Armen ließ er Brot austeilen, das er bezahlte. In allen Städten mußten Spitäler – Altersheime – gebaut werden, zu erhalten aus dem Einkommen der Kammergüter, wie auch der Lehen; der bloße Befehl genügte nicht, einen genauen Plan wollte er sehen, welcher der Hygiene und dem notwendigen Raum Rechnung trüge.“

Golo Mann beschreibt seine Hilfe auch solchen Menschen gegenüber, die Wallenstein persönlich nicht kennt: „Wohltätigkeit ohne Kontakt zu den Beschenkten; Mitleid des Einsamen, Güte ohne Wärme.“

Auch will er zufriedene Menschen in seiner Herrschaft haben. Also zahlt er hohe Löhne und Prämien.

Wallenstein ist alles andere als ein Menschenfreund. Aber er kennt die Wechselwirkung und weiss, dass er selbst der größte Nutznießer davon ist, wenn es seinen Untertanen gut geht.

Mit dem Hauptthema des Dreißigjährigen Krieges hat das direkt nicht viel zu tun – zeigt aber sehr deutlich, was zu jener Zeit möglich war (und heute möglich ist): den Oberen geht es gut, wenn sie „in ihr Unternehmen investieren“ und dafür sorgen, dass es den Unteren auch gut geht.

Auch wenn Freiherr von Wolkenstein mit dem einen oder anderen übertreiben mag und ganz andere Absichten hatte: mensch lese jetzt noch mal jenen Teil seiner Denkschrift, den der Wurm weiter oben zitiert hat und wird feststellen, dass die terra deserta der „Normalzustand“ der damaligen Zeit war. Es mag löbliche Ausnahmen gegeben haben – aber größtenteils wurde (zumindest im Vergleich zu Wallensteins Ökonomie) Misswirtschaft getrieben, sich selbst als von Gott eingesetzt gesehen, sich einen Dreck um die unteren Chargen gekümmert, diese weitest möglich ausgepresst, die Arbeiter und Beamten schlecht bezahlt .

Entlarvend von Wolkenstein über die terra felix: „Die ministri haben respektive ihrer Dienste große und gewisse Besoldungen; dadurch die Corruptelen ganz unterbleiben und bei solcher guter Administration ein unsägliches Geld stündlichen einkommen tuet.“

So wie zu Friedenszeiten sich die meisten Herrschaften einen Dreck um das Wohl ihrer Untertanen geschert haben, war es erst recht in Kriegszeiten. Trotz aller Gebete und aller „Bitten“, das Volk im Krieg zu schonen.

 

Kriegsgewinner

 

Wie in jedem Krieg profitierten auch hier Rüstungsindustrie und Finanzwesen.

In der nicht-marxistischen Geschichtsschreibung wird nur wenig darauf eingegangen, wo das viele Geld zur Kriegsführung denn eigentlich herkommt. Wer das viele Geld vorschießt, um hinterher davon profitieren zu können. Deshalb zitiert der Wurm hier etwas ausführlich Golo Mann über die Wallestein’sche Kriegs-Finanzierung:

„Die Herren von der Kammer wußten, daß sie für die Erhaltung des neuen Heeres das Geld nicht hatten. Sie mußten wissen, daß Wallenstein es auch nicht hatte. Ein Regiment zu Fuß kostete, knapp gerechnet, 500.000 Gulden im Jahr. Hier ging es, wenn man der Wahrheit nicht auswich, um kaum weniger als zwanzig Regimenter - für den Anfang. Wo sollte der Herzog, dessen Einkommen sich in Glücksjahren auf 700.000 Gulden belief, auf 700.000 immer schon im voraus gebundene Gulden, wo sollte er zehn bis fünfzehn Millionen hernehmen? Und selbst wenn der Teufel sie ihm zugespielt hätte, war er denn einer, der solche Geschenke gratis weitergab? Man schlich um das dornige Problem herum, man sah sich nicht um, indem man redete. Jeder der beiden Partner wußte, daß nicht er, nicht der andere leisten konnte, was hier in Frage stand, daß also neue und grausame Wege der Finanzierung einzuschlagen waren. Die wurden wohl gelegentlich erwähnt, aber leise.“

Im Grunde waren diese Wege der Finanzierung alles andere als neu. Welche unterschiedliche Arten es auch immer gegeben haben mag – im Grunde lief alles auf Raub hinaus. So wurde etwa das Land des Kurfürsten von der Pfalz verteilt und so wurden die Herzöge von Mecklenburg enteignet, weil sie es gewagt hatten, sich militärisch dem Kaiser entgegenzustellen. Das Herzogtum Mecklenburg wurde Wallenstein übertragen. Irgendwie musste der ja bezahlt werden.

„Ob reich oder arm jedoch, ob gut oder schlecht regiert, die Städte waren mit den accordierten Zahlungen immer am Verzuge. Das nahm dann der Feldherr gewaltig übel. Es berichteten die Gesandten der Stadt Magdeburg: ‚Dagegen ist er ein solcher Herr, er will wieder eingehalten haben, was man zusagt; wird man derowegen alle nervos anspannen müssen, damit man mit dem Gelde einhalten möge ...‘ Weil es nicht einkam, so verlangte der Herzog, zum Schreck der Gesandten, strafweise noch mehr: ‚Wenn man zur rechten Zeit eingehalten und mich nicht bei der Nase herumgeführt!‘ Daß er aber auf prompter Bezahlung bestand, dafür gab es neben den von selber einleuchtenden Gründen noch einen besonderen, den Magdeburgern nicht verborgenen: er hatte ‚Anticipationen‘ gemacht, er hatte die Gelder, welche die Städte ihm schuldeten; seinerseits sich längst geliehen und mußte hohe Zinsen darauf zahlen, so daß das Kapital um so geringfügiger wurde je später es einging. Ging es aber allzulange nicht ein, so brach das ganze schwindelnde Zahlengebäude zusammen; Wallensteins eigenes Vermögen, sein Kredit, der Kredit seines obersten Finanziers.

Dieser war kein Anderer als Hans de Witte, der vom Münzkonsortium des Jahres 22. Wie er damals eine Art von privater Staatsbank verwaltet hatte, verwaltete er jetzt eine Art von privatem Kriegs- und Finanzministerium. Auf die Kontributionen der Landschaften, der Städte, der Stifter, auf die Steuern der Erblande, oder auch auf gar nichts Fundiertes schoß er dem General enorme Summen vor, Hunderttausende und wieder Hunderttausende, die sich zu Millionen addierten. Natürlich besaß er soviel nicht, er lieh es sich von Geschäftsfreunden, mit denen er in allen großen Städten Europas Beziehungen pflegte. Die Summen, die er mobilisierte, verlangten ihren Gewinn, ihren Zins, mußten auch bald zurückbezahlt werden, nach einem Jahr, nach einem halben, Geld war knapp. Lohn für seine halsbrecherischen Operationen mußte de Witte sich auch selber berechnen oder doch erhoffen; zum Schluß fand er keinen. Gelegentlich arbeitete er mit den böhmischen Geldmännern zusammen, die ihm schon im Konsortium gedient hatten, Bassevi-Treuenberg und Michna; selbst die Brüder Kinsky, Protestanten doch und mit einem Fuß in der Emigration, verschmähten es nicht, sich an de Wittes Leihgeschäften zu beteiligen und so, indirekt, des Kaisers deutschen Krieg finanzieren zu helfen.

Jedenfalls wurde de Wittes Vermittlung unabdinglich gebraucht, weil er, der europäische Großfinanzier, den Kredit besaß, den der Kaiser so ganz und gar nicht, und auch des Kaisers General nicht hatte. Der Präsident der Hofkammer, bemerkte Wallenstein höhnisch, möge doch selber die Hansestädte besuchen und zusehen, ob man ihm leihen würde: ‚Dazu hat man wohl einen solchen Credit, daß die Kaufleut gleich drauf wo 100.000 Reichsthaler sborsieren werden.‘ Wieder war de Wittes Vermittlung nur eine kurz befristete Auskunft; sein guter Ruf hielt, solang er prompt zurückbezahlen konnte, weswegen er denn seinem erlauchten Kompagnon beständig in den Ohren lag: ‚Der Hans de Witte plagt mich stets.‘ War dies System einer privaten Vorfinanzierung von Kriegssteuern, die ihrerseits mit irrational-archaischen Methoden erhoben wurden und nie in der vorausberechneten Höhe eingingen, teuer und unsolide, so wußte man doch kein besseres. Man hatte ein Heer von der Größe und dem Bedarf des wallensteinischen in modernen Zeiten noch nie gesehen. Man war darauf nicht vorbereitet und improvisierte sich in immer tollere Zahlengespinste hinein. Einstweilen ging es, dank de Wittes unternehmender Phantasie und Wallensteins hartem Willen. Das eigentliche Finanzministerium, die Wiener Hofkammer, tat trostlos wenig dazu. Wallenstein: ‚die Hofkammer expediert einen allein mit Worten‘; man glaubte in Wien, er könne das Geld ‚aus dem ermel schitteln‘. Es lag etwas Nervöses über dem Ganzen, eine quälende Spannung; im Einzelnen mußte der mächtigste Mann im Römischen Reich mit angstgebeutelten, aber zähen, schlauen Unterhändlern sich beständig um ein paar Tausend Gulden zanken. Hätte er nicht zahlreiche Hauptberufe gehabt, so möchte man sagen, Geld für sein Heer zu bekommen, sei seines Tages und Jahres eigentlichste Arbeit gewesen …

Sie waren nun seit neun Jahren Großgeschäftsfreunde gewesen, der General und der Finanzier. De Witte sorgte für Wallenstein wie ein dienstbarer Geist aus Tausendundeine Nacht. Alle Herrlichkeiten der Welt hatte er ihm geliefert, das Mögliche sofort, das Unmögliche etwas später; Pulver und Blei, Gobelins, Seidenstoffe und Tafelsilber, Landgüter, Geld und wieder Geld. Es wurde alles mit Selbstverständlichkeit gefordert, mit Selbstverständlichkeit akzeptiert. Als es zur letzten Krise kam, schuldete der Herr dem Lieferanten für Leistungen, die ihm persönlich galten, etwas Beträchtliches. Bei aller Großartigkeit bedeuteten jedoch Wallensteins eigenste Bedürfnisse nur einen geringen Bruchteil des Umgesetzten; und wenn sich der Gedanke aufdrängt, er hätte seinen Hofstaat, dessen Ausgaben er zu den militärischen schlug, doch etwas einschränken können, als in den Jahren 29 – 30 die finanzielle Gesamtlage immer beängstigender wurde, so wogen selbst diese 240.000 Taler nicht schwer im Budget des Heeres und Krieges. Der Hof, alles in allem, kostete kaum mehr als zwei Regimenter, von denen das Heer an die fünfzig zählte. Auch imponiert Sparsamkeit der Machthaber den Untertanen nicht. Dieser wollte imponieren; seinem letzten Zug von Karlsbad nach Memmingen wurde nachgesagt, er hätte an Luxus noch alles Bisherige überboten.

Aber die Wirrsal dahinter. Aber die Notrufe de Wittes; gedämpft schon 1628, im Jahre darauf immer lauter; Verzweiflungsschreie zuletzt. Das von Wallenstein entworfene System war wohl das rationalste, was gefunden werden konnte; für die Unternehmungen, die man ihm abforderte, lange nicht rational genug. Es verschliß sich auf die Dauer, es wurde matter und wirkungsloser. Daß ein Teil der Armee, niemand konnte sagen ein wie großer, bloß dazu diente, die Kosten des Ganzen einzutreiben, wäre ein Ausdruck seiner mangelnden Rationalität. Diese Verwaltung verschlang zuviel von dem, was sie einbrachte. Und sie brachte immer weniger ein. Um es für einmal in der Zeit ungemäßer Sprache auszudrücken: Wallensteins Investitionen, seine Aufwendungen für Kaiser und Reich hatten sich nicht umgesetzt in solides Kapital. In Schulden hatten sie sich umgesetzt, deren Eintreibung, zusamt dem erwarteten Gewinn, auf Macht, Zwang, Raub beruhte. Wie, wenn der Zwang nachließ, oder kein zu erpressendes Geld mehr da war? Nicht zu ziehen vermag ich die Grenze zwischen wirklicher Zahlungsunfähigkeit, Armut, Dürre auf der einen Seite, auf der anderen bloßer Zahlungsunlust und Widerborstigkeit, sich meldend, sobald der Schrecken der Tribuliersoldaten am Orte verblaßte. Beide Motive spielten zusammen, eines konnte das andere vorschützen. Jedenfalls zahlten sie nicht mehr oder bei weitem nicht das, was sie zugesagt hatten: die großen Städte, Augsburg, Nürnberg, Magdeburg, die Stifter, die Länder, Böhmen, Schlesien. Von der schlesischen Kontribution für 1628, 600.000 Taler, hatte de Witte zu Ende des Jahres noch keine 150.000 in der Hand; im nächsten Frühjahr fehlte immer noch die Hälfte; so daß die neuerdings eingegangenen Verpflichtungen der Stände, 600.000 für 1629, 600.000 für 1630, nur die Masse der Schulden vermehrten. Schulden der Kontribuierenden an de Witte, das hieß an Wallenstein, das hieß an den Kaiser; Schulden de Wittes an jene, von denen er selber geliehen hatte, um zu beleihen, und die zu den Terminen das Ihrige samt den Zinsen kalten Auges zurückerwarteten. Zinsen - schon mußte de Witte Wechsel zu 12 Prozent aufnehmen, gedeckt von Kontributionen, die noch nicht einmal fällig waren und, wenn sie selbst fällig wären, doch nur tropfenweise einkommen würden. Mit jeder Frühjahrs- und Herbstmesse sah er den Zusammenbruch seines Kredits näherkommen, den Zusammenbruch von Geschäft, Ehre, Existenz. Es gedieh so weit, daß er, der mit Millionen hantierte, welche wir, um sie recht uns vorzustellen, in Milliarden übersetzen müssen, Sümmchen erlieh und erbettelte bis herunter zu hundert Gulden; daß er, unter Zeitdruck und mit den kümmerlichsten Ergebnissen, seinen eigenen Grund und Boden zu Geld machte. In herzzerreißenden Tönen beschwor der Gehetzte seinen Protektor und Ausbeuter, ihm doch zu helfen; in all dies habe er sich nur für ihn eingelassen, von ihm gedrängt, im Vertrauen auf seine Macht, welche er für die Macht des Kaisers und so für unbeschränkt hielt. Da er sich aber an einen Kaiser erinnerte, dem die Händler von Prag kein Fleisch und Brot mehr hatten verkaufen wollen, so war es doch wohl nicht die kaiserliche Autorität, der er so blind sich anvertraute. Auf Wallenstein hatte er gesetzt, der ihn in seinen Bann gezogen; welcher nun zum Wirbelschlund und Verderben wurde. Ach, wäre er diesem Herzog von Friedland nie begegnet! Ein glückhaft-wohlhabender Handelsmann hätte er bleiben können, wie er ehedem gewesen, beneidet und sorgenfrei! Und nun die betretenen Gesichter seiner Mitarbeiter, die drangvollen Tage, die schlaflosen Nächte! Nicht, daß Wallenstein versäumte, zu tun, was er konnte. Das hieß, er diktierte Briefe, teils finster drohende, teils seinerseits beschwörende; an die kommandierenden Offiziere, an die schlesischen Fürsten, an Eggenberg, Collalto, Ferdinand. Wenn er aber seine Obersten zu noch gnadenloserem Exequieren trieb, erhielt er zur Antwort, es stünde leider wirklich so; wenn er tausend Reiter nach Schlesien werfen wollte, um die dortige Steuerfreudigkeit zu beschleunigen, wußten die Magnaten es zu hindern, indem sie ein kaiserliches Veto zu ihrem Schutze erschlichen. Man war in Wien ja stets gutmütiger mit großen Herren als mit Bürgersleuten und Bauern. Wallenstein, in höchster Wut: ‚... denn non datur medium, wollen sie Krieg führen, menagieren, dem Reich Gusto und nicht Disgusto durch die Einquartierungen geben, so suchen sie ihnen unsern Herr Gott zum General und nicht mich ...‘ Das alte Lied; er hatte es seit 1625 gesungen, anfangs mit besserem Erfolg. Dem Schrumpfen seiner Autorität im Reich entsprach ein gleiches in Wien; eines wirkte auf das andere.

Im Spätsommer 1630 war de Witte am Ende und machte Wallenstein Mitteilung davon. Der Brief war voller bestürzender Figuren, ‚über alle Maßen bestürzt‘ erklärte der Schreiber sich selbst; was er auf den kommenden Herbstmessen zahlen mußte und nicht konnte, was ihm selber unbezahlt geblieben war, darunter, neben ganz anderen Summen, über 100.000 in des Herzogs privatem Interesse ausgelegte Gulden. Er fügte Berichte von Offizieren bei, aus denen hervorging, wie trostlos es nunmehr in Mittel- und Norddeutschland stand; wie in Magdeburg-Halberstadt die Bürger und Bauern zusehends unverschämter würden, so daß für Leib und Leben fürchten müßte, wer auch nur versuchte, noch Geld von ihnen zu erlangen; wie an der Küste, von Pommern und Stralsund her, die Schweden schon westwärts ausschwärmten und unlängst Wallensteins eigenen Oberfinanzdirektor, Kustos, an den Toren von Hamburg gefangengenommen hätten. Und eben darum, weil aus Mecklenburg nichts mehr käme und bis auf weiteres nichts mehr kommen könnte, müßte er ab 1. September die monatliche Zahlung jener 20.000 Taler einstellen, von denen Wallensteins Hof seither finanziert worden war ... De Wittes Schicksalsbrief stammt vom 14. August. Damals konnte er unmöglich schon Bericht über das Conclusum haben, welches am Tag vorher in Regensburg gefaßt worden war. Vorahnung wäre etwas anderes; die Krise des Kurfürstentages steigerte seine Ängste. Seinen Trotz? Er war zu traurig, zu tief enttäuscht, um trotzig zu sein; damit war für ihn auch Wallensteins Zauber gebrochen.

Wallenstein, in Memmingen, empfing die Botschaft zehn Tage später. Man muß es hier mit der Zeit genau nehmen. Am 24. August wußte er mit hoher Wahrscheinlichkeit von dem Regensburger Vorgang des 13., obgleich er den Ununterrichteten spielte. So, in der Bitternis einer Nachricht, die er seinem nächsten Umkreis noch verhehlte, mag er auch in de Witte einen von den vielen gesehen haben, die sich nun sputeten, ihn zu verlassen; da doch de Witte selber sich als ganz verlassen, verraten und ohne eigene Schuld verloren anzusehen übermäßigen Grund hatte. Des Herzogs Antwort: noch immer habe er sein Wort gehalten. Allerdings seien unlängst Verzögerungen eingetreten, ihre Ursachen aber nun behoben, oder demnächst zu beheben; wegen der schlesischen Zahlungen werde er an Ihre Majestät schreiben, damit ein scharfer Mahner in die Provinz entsandt würde, und so fort. Als ob solche Vollstreckungsvorhaben nicht schon so oft sich als ohnmächtig erwiesen hätten! ... Was aber die monatlichen 20.000 betraf, über die schrieb Wallenstein ein Postscriptum mit eigener Hand, welches lautete: ‚Herr Hans de Witte. Was ich ihm schuldig bin, das will ich lassen ehrbar und aufrichtig zahlen. Wegen der kaiserlichen Schuld will ich gewiß auch das Meinige tun, aber er lasse mich jetzt nicht im Stich wegen der 20.000 Rht monatlich, denn ich habe sonst nichts, von wohe zu leben, und ich werde darum gewiß im September nach Augsburg schicken. Sollte mir nun damit etwas unverhofftes erfolgen, so müßte ich an ihm und seinen Interessierten mich dessen revanchieren; aber ich versichere ihm bei meiner Ehre, daß ich ihn nicht werde stecken lassen ...‘ Die uralte Furcht vor der plötzlich einbrechenden Armut: ‚denn ich habe sonst nichts, von wohe zu leben.‘ Keine Zeit an die Frage verschwendet, wo denn der ruinierte, von seinen Gläubigern gepeinigte Mensch die Riesensumme finden sollte. Das würde schon irgendwie gehen, wenn man ihm mit Rache drohte, die Drohung mit vagen Zusagen verbände ... Es machte aber dies Schreiben auf de Witte keinen Eindruck mehr, die Drohung so wenig wie die Zusage. Wallenstein den 2. September an den Obersten San Julian: ‚Ich berichte ihm, daß der Hans de Witte an mir nicht ehrbar handelt, denn er mir das Geld nicht, wie sich gebärt, erlegen tut; dahero denn der Herr sehe, ihm von dem assignierten Geld keines mehr zu erlegen, sondern sehe, daß er mir etwan einen anderen Kaufmann ernennt, an den man das Geld wird abführen können, denn ich mit dem ehrvergessenen Schelm nicht mehr will zu tun haben …‘ So das Ende dieser langen Beziehung.“

Und das Ende von Hans de Witte, der den Freitod suchte und fand.

 

Gegen Land und Leute

 

Peter Milger: „Der Oberbefehlshaber der Ständetruppen, Christian von Anhalt sieht in seinem Bericht die Gründe eher in den Niederungen des Wirklichen.

„Das Kriegsvolk vergaß wegen Nicht-Bezahlung allen Gehorsam und Respekt und geriet in Verzweiflung. Sie waren von dem Grafen Buquoy gewohnt, dass er nicht nachrückt, sondern einen Kanonenschuss entfernt anhält, und sich dann separiert. Die plötzliche Entschiedenheit war ihnen fremd und überraschte sie" …

Die Schlacht am Weißen Berg war die einzige im 30jährigen Krieg, die die Bezeichnung "entscheidend" verdient. Sie brachte dem tschechischen und slowakischen Volk für Jahrhunderte die Herrschaft Habsburgs ein. So dramatisch die Folgen, so banal sind die Ursachen für den Ausgang der Schlacht, wenn man sie unfromm formuliert. Theoretisch hätte die günstigere Stellung der Verteidiger Prags die zahlenmäßige Unterlegenheit (18.000 gegen 30.000) ausgleichen können. Praktisch haben ganze Regimenter kampflos die Flucht ergriffen, und zwar zuerst die unbesoldeten …

Das „gemeine" Volk hatte die „Sache" nicht mitgetragen. Die Bauern, für die keine Freiheiten anstanden, hatten zwar gelegentlich zu den Waffen gegriffen, aber nur, um sich gegen die Truppen beider Lager zu wehren.“

Mit Ausnahme der Niederlande und teilweise Schwedens waren die mittleren und unteren Schichten der Bevölkerung nicht aktiv am Krieg beteiligt – sie hatten keine Mitsprachrechte und dem entsprechend hatten sie keinen Grund, für oder gegen etwas zu kämpfen. Für den heutigen Arbeiter am Fließband ändert sich ja auch erst mal nichts, wenn es einen Wechsel an der Führungsspitze gibt.

Die oberen Schichten waren auch der Meinung, die unteren Schichten hätten ruhig zu sein, das Maul zu halten und das zu tun, was ihnen gesagt wird.

Bei einem allgemeinen böhmischen Volksaufstand unter Führung der oberen Schichten gegen Habsburg hätte die Sache ganz anders ausgesehen. Diejenigen, die im 30jährigen Krieg in den Armeen kämpften, waren Söldner, die für Geld und Beute kämpften. Die auch keinerlei Rücksichten darauf nahmen, ob sie auf eigenem oder gegnerischen Gebiet operierten und rücksichtslos die „eigene“ Bevölkerung massakrierten.

 

Klassenkampf

 

Peter Milger: „Wenn Besitz ganz allgemein zur Dispostion gestellt werden soll, sind sich die Besitzenden schnell einig, selbst wenn sie ansonsten verfeindet sind. Sie handeln als Klasse, und in diesem Fall besonders exemplarisch. Gegen ihre bestens ausgerüsteten Söldnerarmeen hatten die Bauern keine Chance. Von Schlachten kann keine Rede, sein, eher von Abschlachten, der abschreckenden Wirkung wegen angeordnet. Klassenkampf also ja, aber kein regulärer Krieg, daher ist die Bezeichnung Bauernkriege irreführend. Auch im 30jährigen Krieg wurde den Bauern christliche Nächstenliebe nicht zuteil. Von keiner Seite. Bauern kamen zu Millionen zu Tode, Söldner zu Zehntausenden, überwiegend Bauernsöhne. Die Bauern wurde als Klasse ruiniert, und mit ihren Abgaben haben sie ihren Ruin auch noch selbst finanzieren müssen.

Der Krieg soll sich selbst ernähren, beschieden die Potentaten. Fressen wird er die Bauern, ohne dass die Partei ergriffen, die sich als Angehörige der geistigen Elite verstanden, ob Humanist, Jesuit, ob Kalvinist oder Lutheraner oder was auch immer. Dumm und schmutzig, eher den Tieren ähnlich, das war der Bauer in den Augen der Gebildeten, der Wohlgenährten.“

 

Das Ende

 

Peter Milger: „Während sich schwedische und französische Truppen erneut über Land und Leute in Bayern hermachten, unternahm ein zweites schwedisches Korps den turnusmäßigen Vorstoß nach Prag. Am 26. Juli konnten die Schweden die Kleinseite einnehmen, kamen aber nicht über die Karlsbrücke, die von kaiserlichen Söldnern, Bürgern, niederen Klerikern und Studenten erbittert verteidigt wurde. Aber die Schweden waren diesmal ziemlich hartnäckig, und man wusste in Wien, dass die Verteidiger nicht mehr lange durchhalten konnten. Als im August die Nachricht eintraf, dass die Franzosen eine spanischen Armee unter Erzherzog Leopold vernichtet hatten, war dem Kaiser endlich klar: Das Haus Habsburg war eingestürzt. Er wies seine Gesandten an, in der Neutralitätsfrage einzulenken. Besonders von den protestantischen Ständen gedrängt, hatte Schweden seine Forderungen inzwischen auf 5 Millionen Reichstaler reduziert. Es war soweit, dem Frieden stand nichts mehr im Weg.

Am 24. Oktober wurde der Westfälische Frieden unterzeichnet. Wo immer die Kunde eintraf, läuteten die Glocken. Mal hatten sich die einen bei Gott für einen Sieg bedankt, mal die anderen. Nun dankten sie ihm alle für den Frieden. Die Kuriere nach Prag waren neun Tage unterwegs. Die Schweden stellten das Feuer ein, beluden ihre Gepäckwagen mit allen auf der Kleinseite greifbaren Wertsachen und Kunstschätzen und zogen ab.

Die größten territorialen Verluste musste das Haus Habsburg hinnehmen. Hauptgewinner waren die Niederländischen Generalstaaten und die Schweizerische Eidgenossenschaft, deren Eigenständigkeit festgeschrieben wurde. Frankreich erhielt die Bistümer Metz, Toul und Verdun, die Landgrafschaft Oberelsass, Teile des Unterelsass und die Verwaltungshoheit über die elsässischen Reichsstädte. Schweden gewann unter anderem Pommern und die Bistümer Verden und Bremen. Die Rheinpfalz, die Landgrafschaft Hessen-Kassel, das Herzogtum Württemberg und einige kleinere Landesherrschaften wurden restituiert. Zum Ausgleich für den Verzicht auf Pommern erhielt Kurbrandenburg die Bistümer Halberstadt, Minden und Kamin, sowie die Anwartschaft auf das Erzbistum Magdeburg. Kurbayern verlor die Rheinpfalz, behielt aber die Oberpfalz. Die beiden Lausitzen blieben bei Kursachsen. Als „Normaljahr" galt das Jahr 1624. Das Restitutionsedikt wurde aufgehoben.

Eine Entschädigung für die Bauern, die den Krieg ernährt hatten, war nicht vorgesehen.

Die Schätzungen über die Zahl der Opfer gehen auseinander und sind schon daher müßig. Um festzustellen, was die Potentaten aus Habgier angerichtet hatten, genügt der Satz: Sie haben wissentlich die Dezimierung der Bevölkerung und die Verwüstung ganzer Landstriche in Kauf genommen.

Am Ende hatten die Mächte ihre Forderungen derart verheddert, dass die Einigung beim Länderschacher in Westfalen als Friedenstat gewürdigt wurde - und noch wird. Hatten die Potentaten eine Lehre gezogen? Ja, doch. Der Vertrag erlaubte allen Landesherren im Reich, auch den kleinen, die Aufstellung stehender Heere. Sie waren für die nächsten Kriege zur Aneignung oder Verteidigung strittiger Territorien gerüstet.

Deutschtümelnde Historiker zogen später das Fazit, der Krieg sei eine Katastrophe für Deutschland gewesen, weil er den rechtzeitigen Aufstieg zur Großmacht verhindert habe. Die Zuspätgekommenen übersahen wissentlich, dass es damals noch kein Deutschland gab. Und das Reich? Nicht die ausländischen Mächte haben es ruiniert, sondern seine Institutionen und Stände selbst, indem sie den Krieg zuließen oder gar selbst führten. Eine Katastrophe war der Krieg für die Menschen, die umkamen oder etwas verloren: ihre Heimat, ihr Eigentum, ihre Lieben, ihre Gesundheit. Wie das in Kriegen so ist.“

 

Zusammenfassendes

 

In Politik, Wirtschaft, Organisierter Kriminalität und Gesellschaft geht es ähnlich zu. Das Gebaren von Staaten, Konzernen, Mafia und Familien ist zumeist 1:1 übertragbar. Mensch versuche, die entsprechenden Parallelen zu ziehen.

Sind Staaten gleich stark, gegen sie freundlich miteinander um. Ist ein Staat (oder ein Bündnis von Staaten) stärker als der andere, versucht er ihm, seinen Willen aufzuzwingen. Entweder lässt sich der andere Staat dies bieten oder er setzt sich dagegen zur Wehr.

Droht der große Staat immer mächtiger zu werden, bekommen es immer mehr bislang neutrale Staaten mit der Angst zu tun und schließen sich den Opponenten an. Wenn der große Staat kurz vor der Weltherrschaft steht, ist endgültig der Punkt erreicht, wo es knallt und diejenigen, die sich bisher noch abwartend verhielten, rabiat werden. Im Falle des 30jährigen Krieges war dieser Punkt im Jahr 1629 erreicht: Habsburg auf dem Höhepunkt seiner Macht setzt das Restitutions-Edikt durch und geht daran, den Handel auf der Ostsee zu beherrschen.

Gibt es im Besitz „Lücken“, wird der Versuch unternommen, diese zu schließen.

Wenn dem eigenen Vorteil Recht und Gesetz entgegen stehen, wird auf alle möglichen Arten und Unarten versucht, seine eigenen Interessen durchzusetzen.

Wenn die gegnerische Seite unverschämt wird, ist es keine gute Idee, das durchgehen zu lassen. Auch dann, wenn es sich anfangs nur um kleine Dinge handelt – die Begehrlichkeiten werden immer größer werden. Klare Kante von Anfang an ist angesagt.

Diejenigen, denen ein Unrecht getan wird oder die meinen, dass sie ungerecht behandelt wurden, werden keine Ruhe geben, bis ihre Ansprüche befriedigt sind. Wenn die Möglichkeit besteht, einen Ausgleich zu erzielen, wäre das für beide Seiten ein Vorteil.

Vorteile vom Krieg haben Rüstungs-Industrie, Banken und deren Anleger. Wallensteins Heere wurden auch von solchen Leuten finanziert, gegen die sie kämpften – es lässt sich ein guter Profit aus dem Krieg ziehen.

Es herrscht eine große Klassen-Solidarität. Zumindest unter der herrschenden Klasse. Von Ausnahmen abgesehen, besteht keinerlei Interesse daran, wie es den unteren Schichten geht. Hauptsache, es kann Profit aus ihnen gezogen werden.

Die eigenen Beutezüge werden nicht damit begründet, um Beute zu machen, sondern mit Idealismus. Sei es Religion, seien es die Menschenrechte.

Nach verheerenden Kriegen besteht erst mal Bedarf nach Ruhe. So wie nach dem Schmalkaldischen Krieg und dem Augsburger Religionsfrieden Mitte des 16. Jahrhunderts. Spätestens nach zwei oder drei Generationen haben die Oberschichten wieder Lust an Beutezügen und leiten die Vorspiele zum nächsten Krieg und die entsprechende Propaganda ein.

 

Weiterführendes

 

Wer sich über den 30jährigen Krieg näher informieren will, hat dazu umfassend Gelegenheit. Es gibt zahlreiche Bücher, zu denen jene von Golo Mann und Peter Milger gehören, aus denen der Wurm bereits zitiert hat. Peter Milger hat die Inhalte seines Buches dankenswerterweise online gestellt: http://www.milger.de/dkinhalt.htm

Auch der, der es nicht unbedingt mit Geschichte hat, dürfte sich über den zeitgenössischen Roman "Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch" von Hans Jacob von Grimmelshausen freuen. Der Roman gibt die Schrecken des Krieges wider, ist bisweilen aber auch recht humorig.

Ausführliche Informationen bietet Dr. Klaus Koniarek auf seiner Seite http://www.koni.onlinehome.de/basisdateien/inhalt-frames.htm und vor allem auf seiner DVD, die er zum Verkauf anbietet.

Zum 30jährigen Krieg gibt es jedes Jahr zahlreiche „Volksfeste“ oder „Spektakel“, von denen der „Meistertrunk“ in Rothenburg ob der Tauber und die „Kinderzeche“ in Dinkelsbühl am bekanntesten sind. Wer sich für solche Sachen interessiert, wird ausgiebig auf seine Kosten kommen.

Peter Milger hat seine Fernseh-Dokumentation „Gegen Land und Leute“ in mehr oder weniger kleine Häppchen geteilt und auf YouTube gestellt:

Der 30-jährige Krieg (1) „Der Krieg ernährt sich selbst"

https://www.youtube.com/watch?v=smHv-RDIMFA

Der 30jährige Krieg (2) - Vorgeschichte - Die Enteigung der Kirchengüter

https://www.youtube.com/watch?v=pOksrIJ9NpQ

Der 30-jährige Krieg (3) - Vorgeschichte - Kriege vor dem Krieg

https://www.youtube.com/watch?v=ugmlQ737Ngk

Der 30jährige Krieg (4) - Frontenbildung - ein Mönch rettet Habsburg

https://www.youtube.com/watch?v=PXQl-QQgYYA

Der 30jährige Krieg (5) - Prager Fenstersturz - Vorwand - nicht Ursache

https://www.youtube.com/watch?v=pstNHp2_b3g&t=708s

Der 30jährige Krieg (6) - Einmarsch nach Böhmen - das Plündern geht los

https://www.youtube.com/watch?v=R_wL3SSZFfM

Der 30jährige Krieg (7) - Politik versagt - erste Schlacht - Frauen geschändet

https://www.youtube.com/watch?v=j19KlkQGu5Y

Der 30jährige Krieg (8) - 1620 - Bayerische Regimenter wüten in Oberösterreich

https://www.youtube.com/watch?v=aKrpjxudbbg

Der 30jährige Krieg (9) - Alles verbrannt - das Ligaheer in Oberösterreich

https://www.youtube.com/watch?v=XBU7Q0ujHHQ&t=10s

Der 30-jährige Krieg (10) Mordend und sengend nach Prag (Herbst 1620)

https://www.youtube.com/watch?v=FCNHbqEYpZQ

Der 30jährige Krieg (11) -- Blutspur nach Prag & der BAYERISCHE LÖEWE

https://www.youtube.com/watch?v=nH5o2iLXryY

Der 30jährige Krieg (12) Die Schlacht am Weißen Berg -- Prag 1620

https://www.youtube.com/watch?v=QcHI3unMXi4

Der 30jährige Krieg (13) - Das Blutgericht zu Prag & die Aneigung des Konigreichs Böhmen

https://www.youtube.com/watch?v=Z7-o0COk_t0

Der 30jährige Krieg (14) - Kriegselend in der Rheinpfalz

https://www.youtube.com/watch?v=ffnWZaAVPIg

Der 30jährige Krieg (15) Bayerische Regimenter greifen ein - "Frauen und Kinder nicht verschont"

https://www.youtube.com/watch?v=GQyhpUKC9YQ

Der 30jährige Krieg (16) : Armeen beider Lager hausen in Hessen Elsass Baden

https://www.youtube.com/watch?v=2MCdswQYE0E

Der 30jährige Krieg (17) Der tolle Christian haust in Hessen und im Stift Paderborn

https://www.youtube.com/watch?v=mdCFfKRErQU

Der 30jährige Krieg (18) - Tilly siegt an allen Fronten - Heidelberg verheert

https://www.youtube.com/watch?v=pBGnz_-VUSE

Der 30jährige Krieg (19) - Die Pfalz wird bayerisch - allgemeine Aufrüstung

https://www.youtube.com/watch?v=U1ICE7Gdbq0

Der 30jährige Krieg (20) - Länderschacher - halb Europa mischt mit

https://www.youtube.com/watch?v=GTTSaEw-PkQ&t=1s

Der 30jährige Krieg (21) - Gustav Adolf kommt - Kaiser provoziert Protestanten

https://www.youtube.com/watch?v=bfU07UEwU_s

Der 30jährige Krieg (22) - das Massaker von Magdeburg - Schlacht bei Breitenfeld

https://www.youtube.com/watch?v=dKpXCGfuBrE

Der 30jährige Krieg (23) - Gustav Adolf ergreift die Macht im Reich

https://www.youtube.com/watch?v=1MJKklFl-EE

Der 30jährige Krieg (24) - Gustav Adolf scheidet aus - das Elend nimmt zu

https://www.youtube.com/watch?v=a72Ye4ERisk&t=2s

Der 30jährige Krieg (25) Wallenstein scheidet aus - Schweden bleiben

https://www.youtube.com/watch?v=1anQ3eRSwas

Der 30jährige Krieg (26) - 1635 - FRIEDEN ZU PRAG und doch kein Frieden

https://www.youtube.com/watch?v=LgOfJCGroHM

Der 30jährige Krieg (27) 1637 - Schweden zurück, Reich in Bedrängnis

https://www.youtube.com/watch?v=OMFQPvxuU9k

Der 30jährige Krieg (28) 1641 Frieden vertagt - Leiden nimmt überhand - Wunder

https://www.youtube.com/watch?v=XpQ6zEfy1QM

Der 30jährige Krieg (29) Zustand und Kämpfe in Hessen ab 1640

https://www.youtube.com/watch?v=zQB6ShzbXu4

Der 30jährige Krieg (30) - Finale & Bilanz - Kongress - Westfälischer Friede

https://www.youtube.com/watch?v=8LaVr_fhSpk

 

Der 30-jährige Krieg -- 1609 - Kriege vor dem Krieg - Vorgeschichte - Langfassung

https://www.youtube.com/watch?v=lQqE8yPtRuo

30-jähriger Krieg - Krieg in und um Böhmen - mit Vorgeschichte -1618

https://www.youtube.com/watch?v=K5oYXfa9KUA

Der Prager Fenstersturz - Unterschlagungen & Legenden

https://www.youtube.com/watch?v=kxPFshWUckU

Wallenstein - Aufstieg und Fall eines Kriegsunternehmers im 30jährigen Krieg

https://www.youtube.com/watch?v=U7OjqqPOlSk

Schlachten im 30jährigen Krieg - Höchst 1622

https://www.youtube.com/watch?v=uVMg50UMeWs

Schlachten im 30jährigen Krieg 1622 - Wimpfen und Wiesloch (Baden)

https://www.youtube.com/watch?v=6qKIQZsi8W0

Der 30jährige Krieg - Das ganze Elend - Zeitzeugen -

https://www.youtube.com/watch?v=cXO5PNzKSao

Der 30jährige Krieg - das Grauen, das Elend. Bilder eines Augenzeugen

https://www.youtube.com/watch?v=gHo3lzPEhPY

 

 

Ich bin Philanthrop, Demokrat und Atheist. Rupert Regenwurm

 

Mensch möge sich überlegen, wer seiner Meinung nach aus dem Fenster geschmissen gehört.