Wie die älteren Regenwürmer berichten, hat früher ein Jahrhundert hundert Jahre gedauert. Da es mittlerweile alle paar Jahre eine „Jahrhundertflut“ gibt, scheint sich das geändert zu haben. Ist der Klimawandel daran schuld? Vielleicht in der Intensität der Regenfälle, aber die Anzahl der Hochwässer in Mitteleuropa hat sich nicht geändert. Was sich geändert hat, ist die Qualität der Wassermassen und sind die verheerenden Auswirkungen. Warum? Das Problem ist hausgemacht. Flüsse wurden begradigt, einbetoniert und eingedeicht und so zu Wasserautobahnen gemacht. Mit der Folge, dass die Flüsse jetzt eine wesentlich höhere Fließgeschwindigkeit haben und kaum Möglichkeiten, sich bei Hochwasser auszubreiten. Seit Jahrzehnten weisen unter anderem Umweltschützer auf diesen Umstand hin, wobei deren Meinung oft als "Spinnerei" abgetan wurde. Wer nicht hören will, muss zahlen.

Das aus Deutschland kommende Donau-Hochwasser hatte in Österreich für schwere Schäden gesorgt. Kein Wunder ob der österreichischen Kritik am deutschen Missmanagement. Nun hat der Wurm Zweifel, dass die Österreicher in ihrem Verantwortungsbereich alles richtig gemacht haben (die Slowakei und Ungarn werden sich nicht über die Wassermassen der Donau gefreut haben, die sie aus Österreich bekommen haben) – es gibt aber auch positive Beispiele: Die Schweiz hat die richtigen Schlüsse gezogen und ihren Flüssen den nötigen Auslauf gegeben; München wurde deshalb nicht geflutet, weil es dort ein Rückhaltebecken gibt, das 124 Milliarden Liter Wasser stauen kann; am Rhein gab es deshalb keine nennenswerten Probleme, weil neben dem schon erwähnten vorbildlichen Wassermanagement der Schweiz im Elsass, in Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz in den letzten Jahren Gebiete ausgewiesen wurden, die bei Bedarf gezielt überflutet werden können. Deiche sind übrigens keine Lösung: Die machen das Wasser nur noch schneller und verlagern das Problem. Die Städte, die weiter unten am Wasser liegen, bekommen dann alles ab bzw. hoffen darauf, dass vorher ein paar Deiche brechen und sie mit einem blauen Auge davon kommen.

Da, wo den Flüssen kein Raum gegeben wurde, gab es die großen Probleme und Milliardenschäden. Katastrophal für die betroffenen Menschen und sehr ungut für Wirtschaft, Umwelt und die Finanzen von Kommunen, Ländern und Bund. Die Schaffung dieser Überflutungsgebiete kostet zwar ordentlich Geld, aber bei weitem nicht so viel wie eine alle paar Jahre sich wiederholende „Jahrhunderflut“.

Der Bundespräsident ist mit „Freude“ aus den betroffenen Gebieten heimgekehrt und war begeistert von der großen Solidarität und Hilfsbereitschaft seiner Landsleute. Gut und schön, aber ein Wurm denkt da anders und ärgert sich über die Un-Solidaridät an anderer Stelle: Ein Grundstück, das als Überflutungsgebiet dient, verliert an Wert und deshalb weigern sich die meisten Grundstückseigentümer, ihr Gelände zur Verfügung zu stellen. Das ist verständlich, aber dann ist der Staat gefordert. Unter anderem mit den entsprechenden Ausgleichszahlungen. Wo auch immer die herkommen mögen – ob von allgemeinen Mitteln oder mit Beteiligung der potentiell bei Hochwasser betroffenen Kommunen und Landkreise.

Ein funktionierender Staat braucht keine Helden für den Ernstfall, sondern sorgt dafür, dass dieser Ernstfall gar nicht erst eintritt. Der nächste Regen kommt bestimmt.