Ein europäischer Regenwurm hat sich an den Gedanken gewöhnt, alle Würmer, alle Menschen, überhaupt alle Geschöpfe, sind Teil eines Ganzen. Es gibt zwar welche, die vor sich hin wursteln oder sich alleine durch das Erdreich wühlen; aber im Grunde sollte alles so eingerichtet sein, dass jeder etwas an die große Organisation gibt (bei den Menschen heisst das „Staat“) und dieser Staat dann dafür sorgt, dass jeder nach seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten leben kann. Das klappt mal besser, mal schlechter. Aber halbwegs klappt es.

Das klappt aber auch nur in solchen Ländern, in denen überhaupt der Wille da ist, dass alles zusammen gehört, dass in der Not die große Gemeinschaft für den Einzelnen da ist. Nicht funktionieren wird das da, wo alles in kleinen Einheiten geregelt wird, bei den Menschen heisst das „Familie“. Nichts gegen eine Familie, schließlich stehen dem Wurm seine Mit-Würmer auch näher als andere Wesen. Aber Familie heisst oftmals, dass es eine Hierarchie gibt: Es zählen nicht die besseren Argumente, sondern die Hierarchie innerhalb der Familie: Der Vater hat oft das alleinige Sagen (egal, ob das Gesagte gut oder schlecht ist), der ältere Bruder hat mehr zu sagen als der jüngere Bruder, die ältere Schwester mehr als die jüngere Schwester. Dass so etwas wie „Demokratie“ in solchen Ländern schlecht existieren kann, wird keinen überraschen. Das hat aber auch die Folge, dass sich die Familie hauptsächlich für sich selbst interessiert und wenig bis gar nicht für den Staat. Und der Staat sich auch nur um sich selbst kümmert bzw. um diejenigen, die das Sagen haben. Also die Reichen.

Wie es in so einem Land zugeht, beschreibt sehr schön Hasnain Kazim in seiner Kolumne „Chai Time“ auf „Spiegel online“. Seine Eltern stammen aus Indien und Pakistan und er selbst ist geboren und aufgewachsen in der Nähe von Hamburg. Mittlerweile ist er Korrespondent und lebt in Islamabad, der Hauptstadt Pakistans. Wenn er ein Wurm wäre, wäre er ein Zwitter. Auf jeden Fall hat das den Vorteil, dass er beide Sichtweisen kennt und beides beurteilen kann. Wer wissen will, wie die Leute in Pakistan (und in den meisten Familien-gesteuerten Ländern der Welt) denken und fühlen und warum sie so handeln, wie sie es tun, ist bei Hasnain Kazim bestens aufgehoben.

In seinem letzten Beitrag beschreibt er Pakistan als größtes Steuerparadies der Welt. Kaum einer zahlt Einkommensteuern (unter 1% der Bevölkerung bzw. unter 10% der Steuerpflichtigen) und diejenigen, die es tun, gelten als geisteskrank. Reicher Nicht-Steuerzahler in Pakistan, das wäre was. Von dem gesparten Geld können sich diese Leute in privaten Kliniken behandeln lassen, sie können ihre Kinder auf teure Privatschulen schicken und für den Fall, dass mal der Strom ausfällt, stehen eigene Generatoren bereit.

Wer allerdings zu den armen Nicht-Steuerzahlern gehört, hat Pech gehabt. Durch diese allgemeine Steuerverweigerung und alltägliche Korruption fehlt dem Staat das Geld für seine eigentlichen Aufgaben: das öffentliche Gesundheitssystem ist eine Katastrophe, das öffentliche Bildungssystem ist eine Katastrophe, dauernd fällt der Strom aus, die Straßenverhältnisse sind in einem furchtbaren Zustand, seit Jahrzehnten wurde nicht mehr in die Eisenbahn investiert.

Warum gibt es da keine Aufstände? Die Religion sagt, das Leben vor dem Tode sei für die Reichen, während für die Armen das Leben nach dem Tode reserviert ist. Und natürlich wg. dem Familien-Denken: Jede Familie sorgt für sich selbst. Wie es den anderen ergeht, ist kaum von Interesse. Aufregung, wenn einem Unrecht widerfährt, gibt es nur, wenn der Betroffene aus der eigenen Familie kommt oder höchstens dann, wenn es um den eigen Berufsstand geht.

Kaum einer interessiert sich für den Staat und wenn der tatsächlich mal viel Geld hätte, wäre es sehr zweifelhaft, dass er was für die Nicht-Reichen investieren würde. Denn Pakistan ist ein Land, das von Reichen für Reiche regiert wird.

Ein Regenwurm gehört nicht zu den reichen Leuten und so sollte wurm froh sein, in den hiesigen Breiten sein Geschäft verrichten zu dürfen. Aber seit mehr als 20 Jahren heisst es immer öfter: Steuern senken, Steuern abschaffen, Steuermoral wenig bis gar nicht kontrollieren, der Staat soll sich aus allem raus halten, soll alles privatisieren, jeder soll für sich selbst sorgen …

Wie in Pakistan. Dort zahlen die Reichen keine Steuern und der Staat hält sich aus fast allem raus. Jetzt weiss der Wurm, wo das alles hin führen kann.

http://www.spiegel.de/panorama/hasnain-kazim-ueber-das-steuerparadies-pakistan-a-901200.html

http://www.spiegel.de/thema/chai_time/